gnädige Fräulein mitfahren , der Förster habe seinen Wagen da . » Gut , ich komme « , sagte Fastrade , sie sprang aus dem Bette und kleidete sich eilig an . Keine große Erregung machte sie dabei schwach , die letzten Tage hatten so viel Leid gebracht , daß eine Art ruhiger Schmerzbereitschaft in ihre Seele eingekehrt war . Sie erwartete es nicht anders , als daß noch mehr Schmerzvolles kommen würde . Den Förster Gebhard fand sie sehr verstört . » Ja , es war etwas Schlimmes geschehen mit dem jungen Herrn « , berichtete er , » drüben in der Auerhahnhütte . « Er wäre zuerst hierhergekommen . Auch nach Doktor Hansius sei geschickt worden . Der Wagen stehe unten . » Also fahren wir « , beschloß Fastrade . Mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen , und Fastrade mochte nicht fragen , es war ihr , als wüßte sie schon alles . Sie stiegen in den kleinen Wagen , schweigend trieb Gebhard sein Pferd an , und aus seinen kleinen , schlauen Augen rannen beständig Tränen in den grauen Bart. Vor der Auerhahnhütte hatten sich Leute versammelt , Waldhüter und Bauern , die Fastraden scheu und traurig grüßten . Sie stieg aus und ging in die Hütte . Auf der hölzernen Ruhebank lag Egloff ausgestreckt , sie hatten ihm die Satteldecke unter den Kopf geschoben , sein Rock war offen , auf seinem Hemde war ein kleiner Blutfleck wie ein rotes Siegel , die Züge des bleichen Gesichtes hatten eine wunderbare Schärfe und Regelmäßigkeit , und der Ausdruck hochmütiger Verschlossenheit lag auf ihnen . » Er ist tot « , kam es klagend von Fastrades Lippen , sie kniete nieder und streichelte seine kalte Hand . Dann setzte sie sich auf die Bank , nahm seinen Kopf in ihren Schoß , beugte sich nah auf ihn nieder und sprach halblaut zu ihm : » Ganz allein , ganz allein mußte er sterben , ich war nicht da , ich habe ihn ja verlassen , ich habe ihm nicht geholfen , so ist er allein gestorben , niemand war bei ihm , als er in Not war . « Leute kamen in das Zimmer und gingen wieder , Fastrade bemerkte es nicht , sie tat , als sei sie mit ihrem Toten allein . Endlich berührte jemand ihre Schulter , Doktor Hansius war es . » Wir müssen ihn in das Schloß bringen « , sagte er . Fastrade sah ihn mit den weitoffenen , tränenlosen Augen an und sagte wieder klagend : » Er ist hier allein gestorben , denn ich habe ihn ja verlassen . « Männer kamen mit einer Tragbahre , auf die der Tote gebettet wurde , Gebhard gab leise Befehle , und sie trugen ihn hinaus . » Kann ich Sie in meinem Wagen mitnehmen ? « fragte Hansius Fastrade . » Ich bleibe bei ihm « , erwiderte sie . Sie ging hinaus , und als der Zug sich in Bewegung setzte , schritt sie neben der Bahre her , ihre Hand auf die Hand des Toten gelegt . Der Morgen war wundervoll hell , in den Pappeln der Allee jubelten die Amseln so laut , als feierten sie heute ein besonderes Fest . Am Ende der Allee stand das Schloß blendend weiß in der hellen Morgensonne . Ganz still , mit niedergeschlagenen Vorhängen , schlief es noch mitten in dem bunten Blühen seines Gartens , während der stille Zug sich ihm langsam näherte . Achtzehntes Kapitel Die Baronin Port hatte ihren Strickrahmen auf die Veranda hinaustragen lassen ; da saß sie mitten unter den Schatten des wilden Weines und arbeitete . Sie stickte an einem jungen Hunde , der nach einer Wespe schnappt , auf hellblauem Grunde . Auch Gertrud hatte sich hier in einem Liegestuhl ausgestreckt und sah müßig auf das Land hinaus . Sylvia aber las still für sich einen englischen Roman . Der Baron Port kam auf die Veranda heraus im Reitanzug , denn er war im Begriff , seinen gewohnten Abendritt zu machen . » Ihr sitzt hier ganz gut , « meinte er , » ich wollte nur sagen , daß ich in Paduren anreiten will und vielleicht später nach Hause komme . « » Tue das , « erwiderte die Baronin , » sieh etwas nach den armen Padurenschen . « - » Ach was , arm , « versetzte der Baron , » ich finde , Warthe ist in letzter Zeit sehr guter Laune . Nun , und Fastrade kommt allmählich auch darüber hinweg , sagt mir die Tante . Vernünftiges Warthesches Blut . Es ist gut , daß auch die dümmsten Geschichten vorübergehen . « Er stand noch einen Augenblick da und schaute auf den Garten hinunter , » ein Wetterchen , ein Wetterchen , « murmelte er , » wenn das so weiter geht , kriegen wir ein Heu wie Zucker . Na ja , dann auf Wiedersehen « , und er ging . Sylvia , die , während ihr Vater sprach , ruhig weiter gelesen hatte , ließ jetzt das Buch sinken . » Du weinst ja « , sagte Gertrud . Sylvia lächelte und hatte die Augen voller Tränen . » Ja , « erwiderte sie , » die kleine Mary , die den Lord liebt , stirbt an gebrochenem Herzen , das ist sehr rührend . « Gertrud lehnte sich befriedigt in ihren Stuhl zurück . » Gewiß , das gibt es , « meinte sie , » und es ist ein Trost , daß solche schöne , heiße Sachen wirklich in der Welt passieren , wenn sie auch nicht zu uns kommen . Mit dem armen Egloff und Fastrade und Lydia und Dachhausen waren sie uns schon ganz nahe . « Die Baronin hob den Kopf und sah ihre Tochter unzufrieden über die Brille hin an . » Wie du wieder sprichst , « sagte sie , » danke Gott , daß du hier ruhig und glücklich leben kannst und daß wir von deinen dummen , heißen Sachen verschont bleiben . « Gertrud lächelte überlegen . » Ich sage ja nichts , « versetzte sie , » aber ich kann mich doch darüber freuen , daß es da draußen ein Leben gibt , in dem Interessanteres sich ereignet , als daß das Heu gut hereinkommt . « Die Baronin zuckte die Achseln und suchte in ihrem Wollkorbe nach einem passenden Faden . » Draußen , draußen , « murrte sie , » du warst ja draußen und die Fastrade auch , was hat es geholfen ? Ihr kommt ja doch zurück , ihr könnt dort ja doch nicht leben . « » Vielleicht können wir es nicht , « erwiderte Gertrud gereizt , » aber ich kann mich doch darüber freuen , daß es Menschen gibt , die das können . « Unterdessen ritt der Baron Port auf seiner alten Schimmelstute gemächlich zwischen seinen Feldern hin . Der Tag war sehr heiß gewesen ; von der Abendsonne angeleuchtet , schwebte der Staub wie ein rötlicher Dunst über der Landstraße , das Korn war schon in Ähren , die Wiesen in ihrem vollen Blühen hatten einen schönen Kupferglanz . Die Arbeiter kamen von ihrer Arbeit und grüßten den Baron , und er nickte wohlwollend , rief dem einen oder anderen etwas zu : » Heiß gewesen heute , was ? « und als sie schon vorüber waren , behielt sein Gesicht noch eine Weile das leutselige Lächeln . Er liebte es , auf seinen abendlichen Ritten nicht nur seine eigenen Felder , sondern auch die Felder der Nachbargüter zu besichtigen . So schlug er den Weg nach Barnewitz ein . Als er am Hause vorüberkam , sah er die Baronin Dachhausen und Adine in ihren Trauerkleidern auf der Hofestreppe stehen und zum Stall hinüberschauen , in den gerade das Vieh eingetrieben wurde , eine lange Reihe schöner , schwarz und weiß gefleckter Tiere , die langsam vorüberzogen und eine Atmosphäre von Gemächlichkeit und Sattheit um sich her verbreiteten . Der Baron grüßte hinauf , und die Damen winkten . Von Barnewitz machte er einen Umweg über Sirow . Die Felder standen auch dort gut . Durch das Gartengitter sah er die beiden Frauen mit wehenden Trauerschleiern in der kleinen Wandelhalle auf- und abgehen . Das kannte er , das hatte er oft schon gesehen , wenn er vorüberritt , nur fiel es ihm heute auf , daß die Baronin Fräulein von Dussa den Arm gab und langsam zu gehen schien . Um Sonnenuntergang langte er in Paduren an . » Die Herrschaften sind unten im Park « , meldete der Diener . » Ich weiß , ich weiß « , sagte der Baron Port und ging zum kleinen See hinunter . Dort fand er den Baron Warthe in seinem Rollstuhle , die Baronesse Arabella und Fastrade . Sie saßen still beisammen und warteten auf den Einfall der Enten . » Kommen sie schon ? « fragte Baron Port . - » Die kommen schon , « erwiderte Baron Warthe und lachte , » nach dem heißen Tage haben sie es eilig . « » So , so « , meinte Baron Port und setzte sich zu seinem alten Freunde . » Ja , ein Wetterchen , wenn das so fortgeht , so kriegen wir alle Arbeit zugleich auf den Hals « , und er erzählte von den Witzowschen Feldern und von den Barnewitzschen und Sirowschen Feldern , und sie sprachen von den früheren Ernten . Wenn eine Schar Enten herangeflogen kam und sich rauschend in das Schilf niederließ , dann hielten die alten Herren in ihrem Gespräch inne und lachten . » Nichts Neues in der Gegend ? « fragte der Baron Warthe . » Nein , nichts , « erwiderte der Baron Port , » Gott sei Dank ist hier alles wieder ruhig . « » Das ist gut , « meinte der Baron Warthe in belehrendem Stimmtone , » man hat im Leben ja auch seine Unruhe gehabt , man hat seine Tätigkeit und seinen Wirkungskreis gehabt , nun will man Ruhe im windstillen Winkel . « » Da hast du ganz recht , Bruder « , bestätigte Baron Port . Fastrade saß schweigend da und schaute auf den See hinaus . Die behaglich plaudernden Stimmen der Alten drangen zu ihr wie etwas , gegen das sie sich wehrte . Alles wieder ruhig . War diese Ruhe nicht etwas Drohendes und Feindliches ? Sie hatte Angst um ihren Schmerz , der jetzt ihr heiligstes Erlebnis war . Würde er in dem windstillen Winkel stille werden , schläfrig werden , untergehen ? Die Dämmerung nahm zu , Enten kamen nicht mehr , der See wurde still , nur zuweilen rauschte ein Flügel im Schilf , eine Ente schnatterte im Traum oder eine Unke plätscherte leise auf ihrem Wege durch das seichte Wasser am Ufer . Irgendwo im Rasen begann ein Erdkrebs seinen einsamen Liebesgesang . - In der Finsternis still vor sich hinzuweinen tat Fastrade wohl , es tat ihr wohl , in sich hineinzuhorchen auf das Schlagen ihres Herzens und das Fiebern ihres Blutes , sie fühlte sich dann wunderbar eins mit dem verstohlenen Schluchzen , Liebkosen und Seufzen , mit dem ganzen geheimnisvollen Leben , das durch die Junidämmerung atmete . - » Es wird dunkel « , sagte der Baron Warthe , und man machte sich auf den Heimweg . Am Parkgitter ließ der Baron halten . » Sieh , Port , « meinte er , » drüben bei dir haben sie schon Licht gemacht . « » Ja , « erwiderte der Baron Port , » und dort in Sirow auch . Und das dort ganz weit sind die Lichter von Barnewitz . « Die goldenen Lichtpünktchen blinzelten friedlich über die Ebene hin , auf deren Felder , fette Wiesen und stille Wege flüsternd die Sommernacht herabsank . » Aber kühl wird es doch abends « , bemerkte Baron Port . » Ja , kühl , « bestätigte Baron Warthe , » da wird ein Glas von meinem Rotwein gut tun , du kennst ihn ja . « » Den kenne ich gut « , schmunzelte der Baron Port und die beiden alten Herren lachten behaglich bei dem Gedanken an den guten Padurenschen Rotwein . -