Woche bestand noch ein gewisser Verkehr zwischen dem Petang und den Gesandtschaften . Man hörte ab und zu voneinander , weil es chinesischen Boten bisweilen noch gelang , sich durchzuschmuggeln , Briefe fortzutragen und Antworten mitzubringen . Ein paar Tage später suchte der Bischof nach einem Boten . Es war ihm die Kunde zugegangen , daß das Tsungli-Yamen den verschiedenen Ta-jens das Ultimatum gestellt hatte , Peking mit sämtlichen Fremden des Gesandtschaftsviertels binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen . Und obschon sicheres Geleit versprochen , witterte der erfahrene alte Bischof sofort eine Falle . Daher wollte er den Ta-jens den Rat senden , es lieber auf jeglichen Verteidigungskampf in Peking selbst ankommen zu lassen . Gleichzeitig wollte er sich aber auch erkundigen , was denn , im Falle einer solchen Auswanderung , über die Tausende chinesischer Christen beschlossen sei , die sich in das Gesandtschaftsviertel geflüchtet hatten . Da erbot sich Tschun zu dem gefahrvollen Gang . Bei Morgengrauen brach er auf . Kriechend , an den Mauern entlang huschend , manchmal , beim Nahen unheimlicher Gestalten , hinter Vorsprüngen mit bangem Herzklopfen niederkauernd , kam er nur langsam und mit großen Umwegen vorwärts . Er konnte es sich auch nicht versagen , die Gelegenheit zu benutzen , um bis zum Tschien men vorzudringen . Je näher er aber der Stätte der großen Feuersbrunst kam , desto durchdringender wurde der beklemmende Brandgeruch , der noch über der ganzen Gegend lagerte . Und dann stand er auf dem jedem Pekinger Kind so wohlbekannten Platze . Aber da war alles durch ungeheure Zerstörungsarbeit zu einem fremden und gräßlichen Bilde verändert ! Der einst so gewaltig hoch aufragende Trutzturm oben auf der Mauer war nach dem Feuer eingestürzt . Nur ein breiter , unförmlicher Rumpf stand noch . Und das Tor unten gähnte schwarz und verrußt . Dahinter lagen , soweit man blickte , nur rauchende Trümmerfelder . Ja , da konnte man freilich nicht nach einem einzelnen Menschen suchen , der hier gewohnt , waren doch kaum die Stellen zu bezeichnen , wo die einzelnen Häuser einst gestanden ! Es war , als habe Erdbeben dem Feuer geholfen , alle Spuren zu verwischen . - Und Tschun mußte an den gelassenen Ausspruch des Großonkels Lin te i am Neujahrstag denken : » Wenn aus dem Kun-Lun-Berge Feuer sprüht , wird kostbarer Nephrit zugleich mit wertlosem Gestein zugrunde gehen . « Er hatte wohl schwerlich gedacht , wie wahr er prophezeite , noch daß seine Worte sich an ihm selbst erfüllen sollten ! Und auch der auf gelbes Papier gemalten Beschwörungen an Yen ti , den Feuergott , gedachte Tschun , die so manche der hier einst Wohnenden an ihre Häuser zu kleben pflegten , weil sie so ganz bestimmt vor Bränden sichern sollten . Wo war ihre Wirkung geblieben , wo die Menschen , die an sie geglaubt ? - Allerhand Gestalten sah Tschun zwischen den Bergen von Schutt und verkohlten Ruinen auftauchen . Mit langen Haken stocherten sie in den Aschehaufen , gruben und scharrten eilig darin herum , verängstete oder auch tückische Blicke bei jedem Geräusch um sich werfend - einstmalige Besitzer vielleicht , die retten wollten , wo doch alles verloren , dunkle Existenzen noch mehr , die irgendeinen glücklichen Fund inmitten des Zusammenbruchs Begüterter erhofften . - Tschun hätte nun gern nach den beiden alten Verwandten geforscht , doch wo er fragte , erhielt er nur unwirsche Antworten . Denn es waren dies Zeiten , wo , in dem allgemeinen Argwohn , keiner zugeben wollte , von dem anderen etwas zu wissen . Wer vermochte denn auch vorauszusagen , was etwa aus einem unvorsichtigen Worte entstehen konnte ! Am Eingang der Gesandtschaftsstraße fand Tschun eine von Soldaten der fremden Schutztruppen besetzte Barrikade , denn auch hier war ja die Welt zur Festung geworden . Er wurde von dieser ihm neuen Art Ausländer rauh angeschrien und mußte die Legitimationskarte vorzeigen , die ihm der Bischof mitgegeben hatte . Erst dann wurde er durchgelassen . So sehr er aber auch die Zweckmäßigkeit , ja Notwendigkeit solchen Verfahrens einsah , empfand er doch zugleich in den geheimsten Tiefen seines Wesens eine Erbitterung darüber . Ein Grollen ob des herrischen Auftretens der Fremden , vor allem aber eine Entrüstung gegen die eigenen Machthaber . Was für Zustände hatten sie doch geduldet und gefördert , daß diese Ausländer sich solche Rechte in der Hauptstadt des Landes nicht nur anmaßen durften , nein , daß sie gezwungen waren , sie zu ergreifen , weil jegliche Ordnung und Sicherheit nur noch von ihnen abhing ! Und in der Erleuchtung einer Sekunde empfand Tschun die ganze ungeheure Erniedrigung seines Landes . Doch nun schritt er weiter in der Gesandtschaftsstraße . Und sogleich wollte es ihm scheinen , als müsse , inmitten all der außergewöhnlichen Zustände , noch ein ganz besonderes , unheilvolles Geschehnis hinzugekommen sein . Irgend etwas Entsetzliches lag in der Luft , spiegelte sich auf den Mienen der wenigen , die ihm da zuerst wie verstört begegneten . Und dann ward ihm der Grund von irgend jemand zugeraunt , bang und flüsternd , als getraue man sich kaum , das Furchtbare laut zu erwähnen : » Soeben ist die Nachricht gekommen , daß einer der Ta-jens ermordet worden ist ! « Dann setzte eine andere , schon lautere Stimme hinzu : » Er war auf dem Weg zum Tsungli-Yamen - er wollte dort einen letzten Versuch machen , zur Vernunft zu überreden - in der Sänfte ist er erschossen worden ! « Und ein Dritter erzählte : » Sein Vorreiter brachte die Nachricht zurück - Soldaten seiner Gesandtschaft sind gleich hin - aber sie haben nichts gefunden - , die Leiche , die Sänfte , die Träger , alles schon verschwunden - , und der Boden zerwühlt - , um die Spuren zu verwischen - , und die weite Straße leer - ganz leer . « So lief die Kunde weiter . Und nun sah man schon allerwärts Gesichter mit diesem selben Ausdruck verstörten Entsetzens . - Dann nach der ersten Erstarrung begann sich jenes Mitleid zu regen , das halb aus persönlicher Apprehension besteht . Und alsobald hörte man auch schon wieder überall die oft vernommene angstvolle Frage : » Was denn nun etwa zu tun sei ? « Eine Frage , die seit Monden durch jedes der vielen unvorhergesehenen Ereignisse von neuem hervorgerufen wurde , und auf die heute so wenig wie an all den vorhergehenden Tagen der Unschlüssigkeit und Verblendung irgend jemand eine Antwort wußte . - Die ganze Furchtbarkeit der Lage schien allen indessen erst jetzt zum vollen Bewußtsein gekommen zu sein . Anklagen vernahm man und heftige Auseinandersetzungen darüber , wessen besondere Schuld dies alles denn sei - wo es doch die Schuld eines jeden war , der aus irgendwelchen Interessen geglaubt , ein System ungestraft stützen zu dürfen , das in einem Prinzen Tuan und dessen Boxerhorden seine höchste Krönung finden sollte . Inmitten der allgemeinen Verwirrung war aber dann wenigstens der Gedanke einer Auswanderung nach Tientsin endgültig aufgegeben worden , denn was dem langgedehnten , hilflosen Zug der Abreisenden bevorgestanden hätte , war ja nun durch dieses letzte Vorkommnis klar erwiesen . - Aber in der Gesandtschaftsstraße herrschte trotzdem bald ein Hin und Her von Menschen , ein beständiges Schleppen von allerhand Dingen , Vorräten und Betten , Kleidern und Wäsche , wie für einen allgemeinen Umzug . Denn plötzlich war beschlossen worden , daß sämtliche Taitais und Kinder sofort in diejenige Gesandtschaft übersiedeln sollten , die , als größte und gesichertste , zur allgemeinen Zufluchtsstätte - wenn nötig , zum letzten Verteidigungsbollwerk - ausersehen worden war . Tschun sah Transporte , die , inmitten alles Grauens , grotesk wirkten . Und er , der die Fremden kannte und so manches über ihre Zu- und Abneigungen wußte , frug sich voller Verwunderung : Wie werden sich all diese Herrschaften , auf ein und demselben kleinen Grundstück vereinigt , wohl vertragen ? - Sie , die nie einig sind , denen die weite Welt nicht groß genug scheint für die verschiedenen Ansprüche , die sie vertreten , die sich immer vom politischen Nachbar bedroht , vom geschäftlichen Konkurrenten übervorteilt dünken , deren Mißgunst und heißhungrige Gier so groß sind , daß sie lieber die Welt untergehen ließen , als sie einem anderen zu gönnen . Zwischen den aufgeregt gestikulierenden und redenden hin- und hereilenden Fremden sah Tschun aber auch chinesische Gestalten , die ihm mehr noch zu denken gaben . Da waren die ihm wohlbekannten Ladenbesitzer des Gesandtschaftsviertels ; bisher waren sie geblieben , hatten die Fremden noch diesen Morgen bedient , mit einem seltsamen Grinsen , das die ungeheure Nervenspannung höflich verbergen sollte - aber jetzt schlossen sie ihre Geschäfte mit Bewegungen , in denen etwas Unwiderrufliches lag . Hurtig huschten sie dann davon , sie und viele andere , die plötzlich aus ihren niederen , grauen Häuschen auftauchten . Jeder seinen kostbarsten Besitz in blauen Bündeln mit sich schleppend , verließen sie leise und verstohlen die Straße , das ganze Viertel - mußten wohl fühlen , daß das Ende nahe . Und auch Tschun selbst war von einem seltsamen Gefühl der Unruhe erfaßt . Er hätte gehen und immer weiter gehen mögen . Es war , als nahe ihm unabänderlich eine furchtbare Krankheit , und er wolle noch die letzten Minuten vor langer Haft auskosten . Eine unabweisliche Ahnung sagte ihm , daß er sich zum letzten Male für lange , lange Zeit frei bewegte . Eine Last von Verhängnis , von Endgültigkeit lagerte auf allem . Die Menschen , die Dinge schienen noch zu sein - und waren doch eigentlich schon nicht mehr . So fremd , so verändert war alles . Einen Augenblick noch kehrte Tschun bei Kuang yin ein . Das Haus wollte er noch einmal sehen , wo die Taitai gewohnt . Ja , die befand sich nun längst in Sicherheit auf fremdem Boden , und las , mit Tinchau auf dem Schoß , von all den Schrecken nur in der Zeitung , während Madame Angèle die Paragraphen von Mord und Brand abends sicher mit wohligem Schauder nachbuchstabierte . Ja , der hübsche Herr hatte wahrer gesprochen , als er selbst geahnt , da er dem Hündchen in dem enteilenden Bahnzug nachgerufen hatte : » Du hast es besser als wir , die wir hier bleiben müssen . « Aber da - während Tschun noch der Vergangenheit nachsann - kam plötzlich etwas durch die Luft geschwirrt . Pscht ! Pscht ! machte es , dicht über seinem Kopf . Er hatte den seltsamen Laut noch nie vernommen . Aber ganz unwillkürlich duckte er sich . Machte sich klein und schmal mit hochgezogenen Schultern . Es waren die ersten Kugeln , die gepfiffen kamen . Die Belagerung der Gesandtschaften hatte allen Ernstes begonnen ! - Ohne zu wissen , wie es ihm gelungen , durch alle Fährnisse hindurchzukommen , traf Tschun abends wieder im Petang ein . Die Nachrichten , die er brachte , waren die letzten , die man dort erhielt . Petang und Gesandtschaftsviertel waren von da an völlig voneinander abgeschnitten . Wenn aber während der nächsten acht Wochen auf dem einen der beiden Punkte der Belagerungslärm einmal etwas nachgelassen hatte und dann aus der Richtung des anderen das Knattern von Gewehren , das dumpfe Dröhnen von Geschützen tönte , so sagten sich die einen , daß dort bei den anderen noch gefochten würde , daß also noch Widerstehende vorhanden sein müßten . Und eine wehmütige und doch zugleich die eigene Kampfeskraft stärkende Freude erfüllte sie bei dem Gedanken . Ja , zu dem Brüllen , den Messern und Fackeln der Boxer , womit der Petang anfänglich angegriffen worden , kam gar bald das Schießen aus modernsten europäischen Waffen . Denn was die Optimisten immer als Unmöglichkeit dargestellt hatten , war nun doch erfolgt - die regulären kaiserlichen Truppen hatten sich den Aufrührern offen angeschlossen . Und jene Kanonen und Gewehre , die die Lieferanten verschiedenster Nationalitäten , unter eifriger Befürwortung ihres jeweiligen Ta-jen , der chinesischen Regierung zum Kauf aufgedrungen hatten , die richteten nun ihre ganze , von diesen Herren einst so warm angepriesene und garantierte Zerstörungskraft auf die Gesandtschaften selbst und zugleich auch auf die Petang-Mission . Es lag ein gewisser grimmer Humor in dieser Einweihungsarbeit der fremdländischen Mordinstrumente ! - Und Tschun erinnerte sich , wie er früher den Ta-jen hatte ungeduldig klagen hören , daß die Minister im Tsungli-Yamen gar so halsstarrig und für solche Waffengeschäfte schwer zu gewinnen seien . Die mochten jetzt schmunzeln , wenn sie , sicher und geborgen , dem Schießen lauschten und solcher einstmaliger Verhandlungen dabei gedachten ! Sicher auch kicherte Tzü Hsi höhnisch , wenn sie vom Kohlenhügel der verbotenen Stadt aus die weißen Wölkchen der Geschosse erblickte , die so hübsch einschlugen , dort , wo ihre einstmaligen Besucherinnen , die leicht zu umgarnenden , leicht zu blendenden Barbarenfrauen wohnten ! Aber es blieb Tschun , wie allen Belagerten , wenig Zeit zu solch rückblickenden Vergleichen . Denn der Petang wurde immer heftiger und mit allen Mitteln angegriffen . Außer den Geschossen sausten auch Brandraketen durch die Luft und fielen zündend auf die Dächer nieder . Tief unten aber in der Erde hörte man unheimliche Geräusche . Dort wühlte und bohrte der Feind , bereitete , selbst unsichtbar , heimtückischste Verheerung . Da galt es bald zu Löscharbeiten zu eilen , bald Quergräben aufzuwerfen gegen die vordringenden Minenarbeiten . Oft signalisierten die Wachthabenden vom Kirchdach herab , daß von den verschiedensten Seiten zugleich Gefahr nahe . Gegen die zahlreichen Angreifer aber standen die wenigen geschulten Verteidiger nur in kleinen Häuflein . So verlernten sie das Schlafen , mußten auch immer mehr das Essen verlernen . Denn kleiner und kleiner wurden die Rationen . Niemand hatte ja je an die Möglichkeit einer so langen Belagerung gedacht , und der Proviant schwand schnell , täglich an mehr wie dreitausend verteilt . Trotz alledem ließ es die Besatzung des Petang aber nicht bei der bloßen Abwehr bewenden . So klein sie war , wagte sie doch gelegentlich Ausfälle . An einem Tag war ihr Feuer so wirksam gewesen , daß die angreifenden chinesischen Soldaten sich einen Augenblick zurückziehen mußten . Dabei ließen sie eine ihrer Kanonen unweit des Haupttores stehen . Diesen Augenblick benutzte rasch entschlossen der fremde Offizier und drang mit ein paar seiner Soldaten aus dem Petang in die Straße . Von einem Pater geführt und immer wieder angeeifert , folgte eine Schar Konvertiten , unter denen sich Tschun , als einer der ersten , befand . Sie sollten die verlassene Kanone nehmen und hereinziehen , gedeckt vom Feuer der fremden Soldaten . - Sobald jedoch die Belagerer diese Absicht bemerkten , kehrten sie mit Wutgeheul zurück und eröffneten nun ihrerseits ein wildes Feuer . Aber es gelang den europäischen Schützen , sie aufzuhalten , bis die Kanone in Sicherheit gebracht worden war . Bei dem nur wenige Minuten währenden Ausfall hatte Tschun bloß den einen Gedanken gehabt , sein Bestes zu leisten , um bei der Erbeutung des Geschützes zu helfen , und er hatte sich auch wirklich hervorgetan . - Aber später , als seine erste triumphierende Aufregung verflogen , kamen ihm andere Gedanken . Er sah , wie sich die ausländischen Soldaten über den glücklichen Ausgang des tollkühnen Wagnisses ausgelassen freuten ; er hörte , wie sie sich untereinander gratulierten . Das waren nun zwar Gefühle , die sämtliche Belagerte , ob Europäer oder Chinesen , teilten , und Tschun mit ihnen . Aber trotzdem war da irgendein bitterer Nachgeschmack . Etwas wie Hohn , daß solch ein Handstreich überhaupt möglich gewesen , hatte er doch aus den Worten der Soldaten herausgehört . Gegen keinen anderen Feind hätten sie das wagen können . Im bloßen Versuch lag die ganze Geringschätzung , die sie für ihn empfanden . - Und dieser Feind , so sehr er im Augenblick auch Tschuns Feind sein mochte , blieb eben doch sein Landsmann . Er fühlte sich in seinem Land , seinem Volk gedemütigt . - Der junge Offizier hatte ja auch nachher zu seinen Soldaten gesagt : » Könnte ich heute nur über fünfzig , wie Ihr seid , frei verfügen - ich marschierte sofort auf den Kaiserpalast los ! « - - Ja , so schätzte der China ein ! - Und wieder empfand Tschun das Grollen gegen die Fremden , die Entrüstung gegen die eigenen Machthaber . Aber die Augenblicke , wo triumphierende Siegesfreude ausbrechen konnte , waren ja überhaupt selten genug . Ernste Sorgen erfüllten den Petang mehr und mehr , oft auch bitterer Kummer . Bei den zunehmenden Entbehrungen und der steigenden Hitze , die in schwerem Dunste auf der Stadt lagerte , zeigten sich allerhand Krankheiten , besonders unter den vielen Kindern der Flüchtlinge . Es gab aber keinen Arzt im Petang ! - Da hatten die Nönnchen viel zu tun . Sie pflegten die Kranken und verbanden die Verwundeten . Aber trotz all ihrem Mühen verlängerten sich täglich die Reihen der Gräber , die , oft während Kugeln pfiffen , rasch ausgeschaufelt , rasch zugeschüttet werden mußten . Im Klostergarten , durch dessen geheimnisvollen Kräuterduft und blütenreiche Stille Tschun schon als kleines Kind so manchesmal neben der Mutter geschritten war , erstreckte sich heute der Friedhof . Und die schnell entstandenen schmucklosen Gräber lagen zu Füßen jener Madonnenstatue , die damals von Beeten roter Rosen umgeben gewesen , und für die kämpfen und sterben zu dürfen sich Tschun einst am Tage seiner Konfirmation so sehr gewünscht hatte . Das war in der Wirklichkeit doch viel grausiger , als man damals so gedacht ! Außer für Kranke hatten die Nonnen aber auch für Gesunde zu sorgen . Die vielen verängstigten chinesischen Frauen und Kinder zu beruhigen , ihnen immer wieder Mut zuzusprechen , war vielleicht die schwerste Aufgabe . Von allem , was sie da leisteten , erfuhr Tschun besonders viel , denn die Mutter war ja unter den Pflegebefohlenen der Nonnen . Oftmals , wenn die Granaten und Kugeln gerade an dem Punkt einzuschlagen begannen , wo sie sich eben mit ihren Schützlingen niedergelassen hatten , mußten sie eilends wieder aufbrechen , um nach einem weniger gefährdeten Platze zu suchen . Und während sie die Hilflosesten stützten und trugen , folgten ihnen die anderen wie eine aufgescheuchte Herde , der die weißen Ordenshauben den Weg wiesen . Mit angstvollen Blicken sah Tschun solche Umsiedlungen , sprang herbei , half , soviel er konnte . Am unheimlichsten von all dem vielen Bedrohlichen war aber das unterirdische Wühlen . Seit Tagen schon hatte es besonders dräuend geklungen . Aber trotz allem Suchen und Entgegengraben hatte man die eigentliche Stelle nicht zu finden vermocht . Dann war alles still geworden . Da eines Morgens geschah das Gefürchtete . Die Mine explodierte . Mit donnerähnlichem Getöse hob furchtbare Gewalt den Boden , schleuderte die Erde und alles , was auf ihr stand , in die Höhe . Steine , ganze Dachteile flogen in die Luft , als ob es Papierfetzen wären . Und zwischen den leblosen Dingen flogen auch Menschen , Stücke von Menschenleibern in die Luft . Dann stürzte alles in einer ungeheuren Staubund Schuttwolke krachend zusammen . Tschun glaubte es alles vom Dach der Kirche aus gesehen zu haben , aber in Wirklichkeit hatte er gar nichts gesehen , denn rascher noch als das ganze Geschehnis war ihm blitzartig der Gedanke durch den Kopf geschossen , daß die Explosion in einem der Frauenquartiere stattfände - dort gerade , wo er eben , ehe er zur Wache ging , die Mutter gelassen hatte . - Da raste er auch schon hinab und durch das Grundstück und langte an , wie er wähnte , während noch das Unheil geschah . Und doch war schon nichts mehr zu sehen , was vor wenigen Sekunden noch dagestanden . Nur ein Berg aufgeworfener Stauberde , aus dem Pfosten und Balken , Ziegelscherben und Dachfirststücke in wildem Durcheinander hervorragten . Und zwischen ihnen Gliedmaßen , einzelne Fleischfetzen , die eben noch lebende Menschen gewesen . Dazu ein Wimmern und Stöhnen von Verschütteten und , alles übertönend , das gellende Heulen der Belagerer , die in der allgemeinen Verwirrung einen Sturm versuchten . Aber mit Tschun waren von allen Seiten auch andere herbeigeeilt . Und während die Soldaten den anstürmenden Feind mit mörderischem Feuer zurückzuschrecken suchten , waren Hunderte von Händen an der Arbeit , in dem Schutt zu wühlen , ihn abzutragen , um womöglich Ueberlebende zu retten . Tschun war als erster dabei , grub mit den Händen , fühlte nicht , wie er selbst längst schon blutete , stand tief unten zwischen den Trümmern , die nun jeden Augenblick auch ihn zu begraben drohten , hatte nur den einen Gedanken , die Mutter zu finden , sie zu retten . Aber es waren ihrer nur wenige , die noch lebend , ja die überhaupt wiedergefunden wurden . Drunten in der Erde war ein rotes Chaos . Als es Abend geworden , führte der alte Bischof Tschun schließlich fort . » Da ist nichts mehr zu tun , « sagte er traurig . Die Leichname , die unkenntlichen Gliedmaßen wurden dann nachts eilig in einem einzigen großen Grabe eingescharrt . Und Tschun wußte nicht , war etwas von dem dabei , das er , vor wenigen Stunden noch , Mutter genannt , wußte nur , daß sie am Morgen lebend gewesen und daß am Abend nichts mehr von ihr vorhanden war . Da begannen in der Dunkelheit allerhand eingeborene chinesische Vorstellungen , die das Christentum für gewöhnlich verdrängt hatte , in ihm zu erwachen . Gedankengänge , die Europäern ganz fremd gewesen wären , ließen ihn jetzt vor allem leiden . Es quälten ihn uralte Aberglauben über das , was solche Tote im Jenseits erwartet , deren Körper verstümmelt worden . Er hatte selbst gar nicht gewußt , daß er von diesen Dingen wisse , denn unter den Christen galten sie ja nicht , aber nun waren sie da und verließen ihn nicht . Und bleiern lagen auch die Selbstvorwürfe auf ihm , mit denen die heidnischen Chinesen sich stets beim Tode ihrer Eltern zu belasten pflegen , und die er wähnte , in diesem Falle so ganz besonders zu verdienen . Die Mutter hatte ja gar nicht in den Petang flüchten wollen . Er hatte sie dazu überredet , hatte sie buchstäblich hergeschleppt . Und nun war sie hier umgekommen , so umgekommen . Und für keine Feier , keinen Prunk bei ihrer Beerdigung hatte er sorgen können , was doch der Niedrigste tut , wofür jeder Mensch in China spart . Nicht einmal mit Bestimmtheit würde er zu sagen vermögen , wo das Grab seiner Mutter eigentlich sei - nie die Fahne darauf errichten können , die ihrem unstet irrenden Geist diese Ruhestätte zeige . Mißachtung , bitterste Not in jenseitigen Welten lag darin für sie - und für ihn demütigende Schmach , der Stempel eines pflichtvergessenen Sohnes . - - Er krümmte sich in einer Mischung von Wut und Schande . Denn über Tschun hatte zur Stunde jenes uralte Chinesentum wieder Macht gewonnen , das er gewähnt aus eigener freier Entschließung von sich tun zu können . Fremder Glaube , fremde Anschauungen , die er innerlich fest erworben zu haben schien , waren , zeitweilig wenigstens , von ihm abgefallen , weil sie eben doch nie in sein allerinnerstes Wesen übergegangen waren . Er selbst aber wußte kaum etwas davon . Von da ab glitten die wechselnden Ereignisse der Belagerung traumhaft dumpf , beinahe unbemerkt an Tschun vorüber , und er beachtete kaum , daß er während des Kampfes nach der Explosion , als er in den Trümmern grub , selbst einen Streifschuß erhalten hatte . Er empfand eigentlich nur eine zunehmende Müdigkeit , die ihn gleichgültig machte gegen Gefahr , stumpf gegen die sich mehrenden grauenvollen Bilder . Er hatte nur noch den einen Wunsch , in tiefen , tiefen Schlaf zu sinken , einerlei , ob es der Schlaf des Lebens oder des Todes wäre . Aber der Schlaf floh ihn . Mit brennenden Augen , mit schlaffen Gliedern hockte er da . Halb verhungert . Denn die Vorräte des Petang waren ja beinahe ganz erschöpft . Angstvoll rechnete man : Zwei Tage , einen Tag noch konnten die winzig gewordenen Rationen verteilt werden . Dann würde es vorbei sein . Selbst die Blätter von den Bäumen hatten die Chinesen schon gegessen . Viele Leben wurden da durch Entbehrung vernichtet . Aber es traten auch neue ins Dasein . Kinder wurden inmitten dieser Schrecken geboren . Und auch die Mütter dieser , so zur Unzeit erscheinenden Erdenbewohner litten bitteren Mangel . - » Gib mir nur einen kleinen Napf Hirsebrei , daß ich etwas Nahrung kriege und mein Kind stillen kann , « riefen sie dem alten Bischof entgegen , wenn er seine täglichen Runden machte . Aber auch er vermochte ja nichts für die also Flehenden . In gleichem Maße aber , wie all die Leiden gewachsen , hatte sich der Wunsch nach dem Erscheinen der Retter gesteigert . Wer noch zu denken vermochte , der dachte nur noch an sie , die Heißersehnten . Immer wieder hatte man geglaubt , ihr Schießen aus ganz weiter Ferne zu vernehmen . Manche auch wollten nachts ihre Scheinwerfer gesehen haben . Aber immer wieder war es Täuschung gewesen . Und an Stelle ursprünglicher Zuversicht begann nun dumpfes Verzagen die Herzen zu erfüllen . Waren sie denn von aller Welt verlassen und vergessen ? Oder war die ganze übrige Welt selbst untergegangen ? Schlief der fremde Gott , daß er die vielen heißen Gebete nicht hörte ? Wo blieb die Hilfe , die er seinen Getreuen verspricht ? Doch endlich , als das Ende des Petang nur noch eine Frage von Stunden schien - da kamen die Retter , da waren sie da . Die ersten , die von draußen durchdrangen , waren Japaner . Das wurde anfänglich kaum beachtet . Es waren eben Befreier . Als aber der erste Erlösungstaumel ein bißchen verrauscht war , dachte Tschun darüber nach . Ja , die Inselzwerge , denen China einst Kunst und Wissen gegeben , auf die es stets etwas gönnerhaft herabgeschaut - die brachten heute Befreiung und Ordnung , die erschienen als höhere Wesen ! Bald folgten ihnen dann andere , weiße Soldaten , und nachher kamen auch Herren aus dem Gesandtschaftsviertel . Sie weinten und lachten durcheinander , als sie sich nun mit dem Bischof und den übrigen Priestern begrüßten . Sie fielen sich gegenseitig in die Arme . Sie benahmen sich ganz so , wie es nun mal in der Natur der Fremden liegt - deren Gefühle stets so durchsichtig wie bei Kindern zutage liegen - , nur daß dies eine ganz außergewöhnliche Gelegenheit war , wie sie niemand je erlebt - da waren sie durch Manier und Zeremonie eben noch ungezügelter als sonst . Tschun stand dabei und schaute zu . Wie sie sich freuten ! freuten ! Sie besahen die Befestigungswerke , sie ließen sich beschreiben , wie mühsam und verzweifelt die oft verteidigt worden , sie besahen die weiße Kathedrale , die ganz durchsiebt von Geschossen war , deren bunte Fensterscheiben in Splitter lagen , deren Kreuz über dem Mittelportal herabgesunken war . - » Aber das alles wird rasch repariert und neu errichtet werden , « sagten sie . Der Bischof sprach schon davon , daß er bald nach Europa reisen wolle , Geld zu sammeln für die zerstörte Mission . » Vor allem wird aber doch von der hiesigen Regierung Schadenersatz verlangt werden , « rief einer der fremden Herren , » für alles , was hier und in den Gesandtschaften zerstört worden ist . « » Das will ich meinen , « sagte ein anderer . » Jetzt beginnt hier überhaupt eine andere Zeit ! « Ja , die Fremden erwarteten offenbar den Anfang einer guten Zeit für sich . Und wie würde sich diese Zeit wohl für die Chinesen gestalten ? dachte Tschun . Was würde für die Tausende aus den hundert Namen geschehen , die , von allem beraubt , irgendwo am Wege umgesunken waren ? Die Fremden standen bei ihren Ta-jens in Bücher eingetragen und ihre Besitze waren ausgemessen und festgestellt . Die würden Schadenersatz erhalten . Aber die Einheimischen , die niemand hatten , der sie vertrat , wer würde sich derer wohl annehmen ? - Tschun fühlte sich plötzlich ganz allein und verlassen , inmitten der Landsleute , inmitten der fremden Menschen . - Bei der Besichtigung waren die Herren bis zum Platz der großen Minenexplosion gekommen und dann zu der Gräberreihe bei der Madonnenstatue weitergeschritten . Man sprach von dem einen der beiden tapferen jungen Offiziere , der noch kurz vor der Befreiung gefallen war und nun da ruhte : Auch ein Opfer der Schuld anderer ! dachte Tschun . - Aber solcher Opfer gab es noch viele , viele , deren Gräber man nicht fand und von denen niemand sprach . Das Tor des Petang , das so heftig angegriffen , so unerschrocken verteidigt worden war , stand nun wieder geöffnet . Man konnte ein- und ausgehen , wie man wollte . Das war etwas so Ungewohntes , daß es beinahe wie ein Verstoß gegen die rechte Ordnung der Dinge schien . Manche der aus ihren Pekinger Häusern in den Petang Geflüchteten fürchteten sich auch wirklich davor - nicht so sehr wegen der Gefahr , bei einer gelegentlichen Schießerei noch getroffen zu werden , die freilich auch bestand , als weil sie sich scheuten , zu sehen , was während der Belagerung alles geschehen , was jeder einzelne dabei verloren . Kaum einer würde ja wiederfinden , was er verlassen . Es gab da Anblicke , die die bis vor kurzem Belagerten trotz allem Grauenvollen , das sie selbst während der letzten Wochen erlebt , doch nicht vermutet hätten . In solchen Gassen , durch die Schnellfeuergeschütze für die Entsatztruppen den Weg gebahnt , lagen