in stiller , grauer Einöde , kam der Zug zu einem Bache . » Da sind wir sicher ! « sagte Malimmes . » Jetzt muß sich der Bauer ein lützel zusammenklauben . « Er ließ den Taumelnden neben dem Bach auf den Boden nieder , wusch ihm das Gesicht und die offene Brust , klatschte ihm das kalte Wasser gegen Stirn und Augen , goß ihm aus einer gedörrten Gurke einen Schluck Branntwein zwischen die Zähne und gab dem halb Bewußtlosen unter wunderlichen Umständen mit der flachen Hand drei scharfe Schläge auf eine Stelle des Rückens . Rasch erholte sich der Bauer . Mit dem ersten klaren Blick sah er nach der Richtung hin , in der die Ramsau kg . Da war kein Feuerschein . Doch der Rauch des Brandes lag wie ein brauner Nebel über dem Tal . » So ? - Wohl , ich versteh schon ! - Jetzt ist der Jakob zugedeckt für ewige Zeit . « Ein Zittern rann durch die schwere Gestalt des Bauern . Und seine Augen irrten , während er schrie : » Das Maidl ? Wo ist das Maidl ? « Da trat der andre von den beiden , die ihn geführt hatten , im Grau des Morgens vor ihn hin , jung und schlank , in schlechtsitzender Bubentracht , einem siebzehnjährigen Knaben ähnlich , in einem verrosteten Holdenküraß , um den ein kurzes Schwert an dünner Kette hing . Über dem blassen , strengen Gesicht , das große , blaue , heißbrennende Augen hatte , saß eine rostige Eisenschaller , aus der das schwarze Haar , zausig abgeschnitten , bis zu den schmalen Schultern hing . Der Blick des Bauern glitt über dieses Eisen . War das nicht die Wehr seines Bruders , der jung hat sterben müssen ? Eine leise , herbe Knabenstimme : » Kennst du mich nit ? « Runotter erhob sich halb , unter heißem Lachen . » Bist du ' s gewesen , der mich unter dem Gaul herausgerissen ? « Ein stummes Nicken . Da sprang der Bauer auf , als wäre jede letzte Schwäche von ihm gewichen . Den Arm des Buben umklammernd , knirschte er durch die Zähne : » Recht hast ! Sei der Stellmann des Jakob ! Du ! Und tu das Eisen nimmer aus der Hand ! Und schlag und brenn und stich und mord ! Das Leben ist ohne Recht und Treu ! Und um so besser wird ' s , wie mehrer du niederschlagst ! « Malimmes lachte . » Gar so schiech wird ' s nit ausfallen . Ein paar lassen wir schon noch übrig . War doch ein lützel schad , wenn die Welt aussterben tät ! « Er wurde ernst . » Jetz komm , Bauer ! Zum Reden ist nit Zeit . Wir müssen flinke Füße machen . « Runotter schüttelte den Kopf . » Zum heiligen Zeno geh ich nit . « » Das hättst mir nit sagen brauchen . Ich mein ' , wir steigen über das Lattentor und nächten in der bayrischen Plaienburg . Unter Dach kann man weiterreden . « Der Bauer nickte . Zum Lattentor ? Da mußte man über das Hängmoos , wo der Jakob den letzten Schnaufer getan . Dort ein Vaterunser beten ! Weiter dachte Runotter in dieser grauen Morgenstunde nicht . Der Tag begann . Die Vögel waren wach geworden . Von einer steilen Wiese flüchtete ein Rudel Hochwild , als es die Menschen kommen sah , in den Schutz des Waldes . Die steigende Sonne verwandelte die wildzerklüfteten Grate des Lattengebirges in leuchtende Rosenhügel unter lachendem Blau . Und als sie herüberguckte über die Waldkuppen des Totenmannes , umglänzte sie den schweigsam wandernden Zug mit ihrem funkelnden Gold und warf die langen blauen Schatten der Menschen und Gäule weit voraus über den von Tauperlen schimmernden Grasweg . Über allen Bergen war der Himmel rein . Doch in der Scharte zwischen dem Lattengebirge und dem Untersberg , weit draußen in der westlichen Ferne , stand eine lange , violette Wolkenbank . Stieg da ein Gewitter herauf ? Oder wollten regnerische Tage kommen ? Am Saum des Waldes , der ganz rot von Sonne war , erhob sich ein Weib . Heiner , der mit dem Schimmel den Zug führte , blieb stehen , » Da ist wer . « Malimmes nickte . » Die müssen wir mitnehmen . « Um die andern kümmerte sich Traudi nicht . Sie schien nur den Malimmes zu sehen . Ihr Rock klatschte von der Nässe des Taues . Auf Hals und Stirn glitzerten die Perlen ihrer Mühsal . Eine Mischung von Staub und Schweiß hing fleckig an dem müden , verängsteten Gesicht . Das blonde Mädel mochte seit Mitternacht viel Heiteres nicht erlebt haben . Und dennoch war der Glanz eines Menschenglückes in ihren Augen , jetzt , als sie dem Malimmes mit dankbarem , schon wieder dürstendem Blick auf der offenen Hand den Goldpfennig hinhielt . » Da hast ihn wieder ! « » Den tu mir gut aufheben ! Meine Sack haben Löcher . « Ein leichtes Schwanken kam in seine ruhige Stimme , als er fragte : » Hast du am Taubensee das alte Weibl gefunden ? « Das Mädel nickte . Und während die beiden hinter den andern herwanderten , erzählte Traudi . Im Haus des Mareiner saß die alte Frau in der Herdstube neben dem Feuer . Sie zitterte vor Angst . Doch als sie die vier Goldpfennige - von dem , der am Zäunl gestanden - in den Strümpfen hatte , lachte sie ein bißchen . Immer wieder griff sie mit den dürren Händen zu ihren Füßen hinunter . Und dann schlief sie ein . Niemand war bei ihr in der Stube . Von den Buben der Nachbarsleute war keiner geblieben . Aber der Bauer und die Bäuerin waren noch beim Haus . Vieh und Karren standen im Hof , und immer schrie die Bäuerin nach dem Bauer , der mit einer Laterne im Walde war , etwas suchte , was er nicht finden konnte und wie ein Verdammter fluchte . » Und derweil ich davongelaufen bin durch die Stauden , ist jählings ein Haufen Reiter dagewesen , ich weiß nit , wie ! Und Kienlichter Haben gebronnen . Die Latern im Wald , die ist ausgeloschen , der Bauer muß in der Finsternis versprungen sein . Aber das Vieh haben die Reiter gepfändet , und die junge Bäuerin müssen sie erwuschen haben . Jesus , Jesus , hat das Weib kreistet ! Lang ! Und allweil wieder ! « Heiter sah Malimmes gegen den Taubensee hinaus . » Bruder Mareiner ! Ich fürcht , nach der Fasnacht wirst du taufen müssen ! « Die beiden machten flinke Schritte , um die andern einzuholen . Und da sagte Traudi : » Du ! Der junge Bub da ? Das ist doch - « » Kennst du den Buben ? « Malimmes sah sie mit so strengen Augen an , daß sie weder ja noch nein zu sagen wagte . » Das ist ein Vetter des Bauern . Der Jul . Ist heut in der Nacht gekommen . Aus der Fremd . Wer ' s anders wissen wollt , dem wär ich feind . Ich tät kein Wörtl nimmer reden mit ihm . « » Jesus « , stammelte das Mädel , » auf Ehr und Seligkeit , das ist der Vetter , ich weiß es nit anders . « Als Malimmes den Bauern einholte , sagte er lustig : » Sechs Helm und drei Gäul ! Ein Troßweibl ist auch schon da . Jetzt sind wir schon bald ein Heer . Der Feind wird Angst kriegen vor uns ! « Müd sagte Runotter : » Tu nit scherzen ! Mir ist weh in tiefster Seel . « Der Zug ging weiter mit stummer Hast . Auf dem Hängmoos fanden sie die sieben Ochsen , die zum Runotterhof gehörten . Alles andre Vieh war abgetrieben . Nur die vielen braunen Schmetterlinge waren noch da , die über dem sonnigen Bruchboden gaukelten . Und immer wieder sah man auf den Wasserflächen ein kleines Blitzen - sooft ein Frosch nach einem der Schmetterlinge sprang . Das vierjährige Öchslein kam gelaufen . Runotter kraute ihm die Stirn . » So , Dunnerli ? Bist du noch da ? « Er sah die andern an . » Ein Vieh hat ' s gut ! « Sie standen vor dem Aschenhaufen des Käsers . Ein paar schwarze Balkenstrünke glühten und rauchten noch . Während die Gäule am Brunnen tranken , stiegen Jul und Runotter zu dem Waldstreif hinauf . Als der Bauer wieder herunterkam zum Aschenhaufen , streckte er die beiden Hände . » Schauet , Leut ! « Er hatte auf der einen Hand das kleine , krumme Schnitzmesser des Jakob liegen , auf der andern die schmutzigen Splitter eines hölzernen Vögelchens . Das alles barg er an seiner Brust wie eine Kostbarkeit . Seine Augen glitten langsam über die grünen Gehänge hin . » Leut ! - Da soll ' s nimmer Hängmoos heißen . Das ist die Mordau . « Die andern nickten und sprachen es nach : » Die Mordau ! « Nur der schlanke , junge Bub , der neben dem Bauer stand , blieb stumm . Das blasse , erschöpfte Gesicht mit den müden Augen war gegen den Bruchboden hingewendet , über dessen glänzenden Wassertümpeln die Schmetterlinge tanzten . Nun stiegen die sieben gegen das Lattentor hinauf . Malimmes und Traudi trieben die Ochsen hinter den Gäulen her . Als der mühsam kletternde Zug zur steinigen Grenze kam und die Leute unter Gefahr und Beschwer das Vieh und die Pferde durch die rauhe Felsenscharte führen mußten , wandte sich keines der sieben Gesichter nach dem Berchtesgadnischen Land zurück , das hinter ihnen versank . Vor ihren Augen , die nicht suchten , nur des harten Weges achteten , tat ein neues , fremdes Land sich auf . Vorgelagerte Berge und Waldkuppen verhüllten das Schutzgebiet des heiligen Zeno und das Reichenhaller Tal . Drüben stiegen die drei grünen Stufen in das dunstig gewordene Blau . An ihnen vorüber sah man weit hinaus in ein welliges Land . Seine Ferne war von schweren Wolken überzogen , unter denen die Erde ohne Sonne war , mit schwarzen Wäldern und grauem Feld . Doch alle Nähe glänzte noch im Schimmer des Mittags . Und wo die westlichen Waldgehänge des Untersberges sich niedersenkten gegen die blitzende Saalach , tief da drunten , saß die bayrische Plaienburg auf einem Buchenhügel , winzig wie ein kleiner roter Käfer auf einem grünen Blatt . 8 Die vierzig Reiter , die den andächtigen Bittgang der Ramsauer hindern sollten , kamen zu spät , um den heiligen Zeno vor Zulauf zu behüten . Bei der Haller Grenzverschanzung im Schwarzenbachtal war die Mautschranke hinter dem letzten Karren der Ramsauer schon gefallen . Drei Gadnische Hofleute setzten im Schuß des Rittes über den Grenzbaum hinüber . Dann rasselten die Torbalken herunter . Und während die ausgesperrten siebenunddreißig Reiter ein zorniges Geschrei erhoben , kam es innerhalb des Tores zwischen der Besatzung des Grenzwalles und den drei Abgeschnittenen zu einem Scharmützel , in dem der heilige Zeno Sieger blieb ; aber zwei von seinen Soldknechten mußten ins Gras beißen , was bei dieser mitternächtigen Finsternis kaum zu sehen war . Die siebenunddreißig hatten sich bis zum Berchtesgadnischen Grenzwall zurückgezogen , der ein paar hundert Schritte von der feindlichen Mauer entfernt lag . Sie waren in großer Sorge um die abgeschnittenen Genossen und hielten Kriegsrat . Der junge Hundswieben , der noch den Pulverdampf der Annasusanna in den Nasenlöchern hatte , wollte stürmen und gebärdete sich so berserkerisch , daß ihn seine besonnenen Stiftsbrüder nur mit Mühe von diesem sinnlosen Beginnen abhalten konnten . Jeder Angriff war aussichtslos . Wohl zählte die Besatzung des feindlichen Werkes kaum mehr als ein Dutzend Helme . Doch bei der Enge des Tales konnte dieses Dutzend den Wall so lange halten , bis Verstärkung vom heiligen Zeno kam . Und die Gadnischen sahen auf dem Bord der Zenonischen Mauer das kochende Wasser in den Kesseln dampfen und die Pechkränze brennen . Wie der erfahrene Malimmes im Runotterhofe , so hatte der staatskluge Franzikopus Weiß bei der Schwarzbachwacht des heiligen Zeno ein bißchen vorgesorgt für alle Fälle und hatte aus Herrn Otmar Scherchofers hilfreichem Reisewagen zwei Faustbüchsen mit Pulver und Blei zurückgelassen . Auf jeder Seite des Tores drohte solch eine mit roter Mennige angestrichene Blitzröhre . Die Besatzung des Gadnischen Grenzwalles war ohne Feuerwerk . Wohl besaß der heilige Peter zu Berchtesgaden schon seit einigen Jahren acht Faustbüchsen . Die hatte man aber bei diesem Nachtritt nicht mitgenommen , weil der junge Hundswieben im Hirschgraben auch das letzte Körnlein Pulver verschossen hatte , das im Arsenal des Stifts aufzufinden war . Aber die abgeschnittenen Kameraden im Stich lassen ? Das ging nicht an . Man mußte parlamentieren . Herr Jettenrösch , der die hübscheste Pfennigfrau zu Berchtesgaden und vielleicht aus diesem Grund ein ruhiges Blut besaß , ritt mit dem weißen Fähnlein , begleitet von zwei Fackelträgern , vor die feindliche Mauer . Hier sah er beim Schein der Pechflammen drei Männerköpfe zur Strafe des Friedensbruches auf der Mauer stecken . Ohne seinen Antrag auszurichten , wandte er das Roß und ritt mit blassem Gesichte zurück . In der Berchtesgadnischen Schanze entlud sich die Wut der Herren gegen den unglücklichen Wallmeister , der die andächtigen Bittgänger durch Tor und Schranke gelassen hatte . Der Mann verteidigte sich , es wären voraus die vielen Weiber und Kinder gekommen mit einer so lauten und inbrünstigen Litanei , daß man den Lärm der nachfolgenden Viehherden und Karren nicht hätte vernehmen können ; solch eine fromme Wallfahrt durfte man doch nicht stören ; und eh man Verdacht schöpfen konnte , waren an die zweihundert Mannsleut und Buben in Wehr und Eisen da , trieben Holzkeile in die Nuten des Falltores und sicherten den Durchzug des letzten Ochsen . Vierzehn Spießknechte - gegen zweihundert Männer ? Und gegen die eignen Landsleute ? Diese unanfechtbare Logik reichte nicht aus , um den Wallmeister der Berchtesgadnischen Schwarzbachwacht vor einem üblen Schicksal zu bewahren ; er wurde seines Amtes entsetzt , an Händen und Füßen gebunden und auf einen Gaul geladen . Sechs Reiter blieben zurück , um bis auf weiteren Befehl die Besatzung der Schanze zu verstärken , zwölf Reiter wurden am Taubensee und in der Ramsau den Exekutierern beigegeben , die Herren mit dem übrigen Gefolge und mit dem gefesselten Wallmeister ritten nach Berchtesgaden . Noch ehe sie heimkamen und Herrn Peter Pienzenauer den mißlichen Ausfall ihres Unternehmens berichten konnten , war aus der fürstlichen Kanzlei des heilgen Peter an die Adresse des heiligen Zeno ein höfliches Dankschreiben für die nachbarliche und barmherzige Hilfe abgegangen , die Herr Konrad Otmar Scherchofer dem Marimpfel und seinen Leidensgenossen geleistet hatte . Als Herr Jettenrösch seine Meldung von den Ereignissen bei der Schwarzbachwacht erstattete , sprach der Propst einige Worte , die bitter ernst gemeint waren und doch einen heiteren Anklang an einen berühmten Spruch des römischen Kaisers Augustus hatten : » Ruppert , Ruppert , gib mir meine Ochsen wieder ! « Um die Mittagsstunde traf ein Pergament des heiligen Zeno ein , der den heiligen Peter von Berchtesgaden zu versöhnlicher Güte mahnte , sich kräftig der zu Reichenhall erschienenen Bittgänger annahm und den Strafvollzug wider drei Friedensbrecher unter Hinweis auf die einschlägigen Gesetze meldete . In diesem Pergamente war mit keinem Wort das unanzweifelhafte Recht des seligen Seppi Ruechsam erwähnt . Solches Schweigen entsprach der Staatskunst des Franzikopus Weiß ; er hatte , zur Beruhigung der Ramsauer , den grau und rot gefleckten Hängmooser Weidebrief in Verwahrung des heiligen Zeno nehmen wollen ; doch die eiserne Truhe , welche die Rechtsschätze der Gnotschaft enthielt , war im Verlaufe des andächtigen Bittganges verschwunden . Der Hinterseer Fischbauer , obwohl er sich als schlechter Seiler erwiesen hatte , war ein Albmeister von geriebener Schläue . Kaplan Franzikopus war nicht gut auf ihn zu sprechen . Herr Otmar lachte . - Am Abend , als sich der Himmel über allen Bergen dunkel zu überziehen begann , kehrten die Gadnischen Exekutierer aus der Ramsau in das Stift des heiligen Peter zurück . Mit ihnen kamen auch der Vogt und sein berittener Geselle , völlig trocken ; die beiden meldeten getreulich den Überfall und die Entführung des Bösewichtes , der den roten Hahn auf das nach dem Ableben seines einzigen Sohnes wieder an das Stift zurückgefallene Lehensdach gesetzt hatte ; doch sie verschwiegen - als unwichtig - ihren Purzelbaum in den Bach und sprachen auch nicht von dem reichlichen Wasser , das in ihren Hosen gewesen . Nach dieser Meldung litt sogar das Bild , das sich Herr Peter Pienzenauer von den Geschehnissen in der Ramsau machte , an einer unheilbaren Verzerrung , und er traute von Stund an dem Amtmann Ruppert Someiner wenigstens die Fähigkeit zu , gefährliche und heuchlerische Menschen richtig einzuschätzen . Die Exekutierer brachten - wie der Amtsschreiber Pießböcker notieren mußte - das Vieh aus den Ställen des Runotterhofes und des Schupflehens am Taubensee ; item einige Kühe , Kalben und Öchslein , die man am Abend noch abstechen mußte , weil sie die Nacht nicht überlebt hätten ; item ein paar Dutzend Schweine , die gesund und vergnügt waren ; item sehr viele , starr am Gürtel hängende Gänse , Enten , Hühner und Tauben . Die milchenden Geißen hatten die Exekutierer nach altem Rechtsbrauch und aus Barmherzigkeit den Kranken und Greisen gelassen , auch das zur Notdurft des Lebens nötige Brot und Mehl , samt Schmalz und Salz . Doch alle versteckten Spargelder hatten sie aufgestöbert . Acht Reiter konnten sich sogar in vier rheinische Goldpfennige teilen , die sie in den Strümpfen einer alten Frau gefunden hatten . Diese acht Reiter richteten dem mit verbundener Faust umherwandelnden Marimpfel wunderliche Grüße von seiner Schwägerin aus , vom Weibe des Mareiner . In der Nacht begann es grob zu schütten . Viele Tage währten diese ruhelos wechselnden Gewitter . Die Bäche traten über die Ufer , die Straßen wurden zu dickem Morast , um alle Berge und Wälder hingen die schweren Nebel . Während dieser nassen Tage wanderten zwischen Berchtesgaden und den armen Chorherren von Hall die protestierenden Pergamente hin und her . Mit jeder Antwort verschärfte sich die Tonart . In der nächtlichen Kapitelsitzung , bei der man zu Berchtesgaden die Entgegnung auf ein drohendes Schreiben des heiligen Zeno beriet , kam es trotz allem Ernste der Zeit zu einer großen Lustigkeit . Sie wurde verursacht durch ein Papier , das am dunklen Abend dem Propste mit einem stumpfen Bolzen in die Stube geflogen war . Hellsehende Augen hätten den Gram und Zorn eines zerbrochenen Menschenherzens aus diesem Brief herausgelesen ; doch auf die Gadnischen Chorherren , die ihn durch die Brille dieser üblen Tage lasen , wirkte er belustigend in seinem weitschweifigen Stil , der mit dem Schwulste hochtrabender Herrenworte überladen war . Ein Bauer - für den Gadnischen Hof ein dem Strang verfallener Meutrer und landflüchtiger Brandstifterkündete in diesem Brief seinem einstigen Lehensfürsten die Treu und sagte ihm Fehde an , wider Blut und Leben , wider Gut und Land . Der Brief war unterschrieben : » Runotter der Ramsauer , ehmals Richtmann der Gnotschaft in Treu und Redlichkeit , itzt , nach Gotteswillen Feind und Widerpart der Herren , so da Mißtreu und Unrecht heißen und so man vertilgen muß von der Welt . « Doch eines mußten die lachenden Herren zugeben : Der Bauer , der diesen drolligen Brief verfaßt hatte , konnte sich eines geschickten Botengängers rühmen . Dieser Bote hatte sich von irgendwo außer Lands bis an das Gadnische Stift geschlichen und war den Augen aller Wachen entronnen . Und ein guter Armbruster mußte das gewesen sein , der die um den stumpfen Bolzen gewickelte Epistel in der Abenddämmerung von der Straße außerhalb des Hirschgrabens durch die kleine Fensterluke der Fürstenstube zu schießen verstand . Der Fehdebrief des heiligen Peter wider den heiligen Zeno war geschrieben und lag , gesiegelt und in einer Blechkapsel verschlossen , zur Albsendung bereit . Nur besseres Wetter mußte abgewartete werden . Und um Zeit zu gewinnen und rüsten zu können , wechselte man hoch immer Pergamente mit gereiztem Inhalt , doch mit höflichen Anreden . Zum Schaden für Land und Leute machte die Arbeit des Friedens Feierabend , und die Arbeit für den Krieg begann . Herren ritten davon , um Geld zu borgen , wo es zu kriegen war . Söldlingswerber wurden mit zärtlichen Verheißungen nach vielen Orten gesandt . In den Korn- und Haferkammern wurde lärmend geschanzt . Die Backöfen und Selchereien rauchten durch Tag und Nacht . Die Schneider bekamen Schwielen an den Fingern , und ruhelos hämmerten die Hufschmiede , die Schwertfeger und die Wehrklempner . Mit liebevoller Sorgfalt behütete man die Annasusanne und erhielt sie bei geölten Rädern . Steinkugeln wurden gemeißelt und mit Blei umgossen . Sechs Karren sandte man nach Salzburg , um Pulver zu holen ; sie kamen nicht leer zurück ; doch sie brachten nur Salpeter und Schwefel ; der Salzburger sagte : Da es in den bayrischen Landen zwischen Herzog Ludwig und Herzog Heinrich bedenklich gäre , könne er aus Vorsicht seines trockenen Pulvers nicht entraten . In dieser Ausrede war ein Körnchen Wahrheit ; seit dem Konzil in Konstanz - auf welchem Herr Ludwig im Bart bei Beredung alter Händel den Vetter Heinrich von Landshut als Sohn eines Kochs beschimpft , und Herzog Heinrich diese Schmach in einem meuchlerischen Überfall mit sieben Schwertstreichen an seinem Vetter Ludwig gerächt hatte - , seit diesem heiligen Konzil zu Konstanz erschienen die Dinge zwischen Ingolstadt und Landshut sehr bedrohlich . Aber Salzburg hatte noch andere Gründe , sich in den Streit , der zwischen St. Peter und St. Zeno entbrannte , nicht hilfreich für den ersteren einzumischen . Jede Schwächung des Stiftes zu Berchtesgaden war für Salzburg eine Verheißung kommender Gelegenheiten , die sich nützen ließen . Und statt den Gadnischen Herren , die schon hoch in der Kreide standen , das , teure , fertige Pulver auf Borg zu geben , kreditierte man ihnen lieber den schlechten Salpeter und Schwefel , den der vorsichtige Salzburger Büchsenmeister nicht mehr zu vermahlen wagte . Also wurden zu Berchtesgaden , in sicherer Entfernung vom Stifte , flink drei Pulvermühlen errichtet und zu ihrer Bedienung in der aus allen Ländern zusammengewürfelten Knappschaft des Salzwerkes die Leute gewählt , die von solchen Dingen einige Kenntnis hatten . Gleich zu Beginn der Arbeit flog eine der drei Mühlen unter dumpfem Donnerschlag in die Luft . Dabei wurden zwei Knappen getötet . Der eine war ein Schwabe , der verblutend noch sagen , konnte : » I hab mer aber scho älleweil denkt , es wird emal pumpere ! « Der andre , der nimmer sprach weil er keinen Kopf mehr hatte , war Ulrich Eirimschmalz der Menzer . Sein früher Tod hatte zur Folge , daß man im Berchtesgadner Land für einige Jahrzehnte vom Tagdieb Henrichen Gänsfleisch zu Gutenberg kein Wort mehr hören sollte . Das grauenvolle Geböller hatte die Frommen im ganzen Lande abergläubisch gemacht . Sie versahen sich keiner guten Dinge von dieser Fehde wider den heiligen Zeno . Doch die Herren , da sie , mit wenigen Ausnahmen , nicht zu den Frommen zählten , blieben von solch törichtem Aberglauben unberührt und setzten feste Hoffnung auf ihre hundertachtundsechzig Söldner und wehrfähigen Holden , auf ihre guten Grenzschanzen , auf die acht alten und zwölf neugeschmiedeten Faustbüchsen , auf die liebe Annasusanne und auf die unanzweifelbare Tatsache , daß die Gadnischen im Rücken von der Salzburger Seite her Gefahr nick zu befürchten hatten . Auch beim Hallturm war nur eine kleine Scharmützelei , kein ernstlicher Angriff zu besorgen . Hier schob sich zwischen den heiligen Zeno und den heiligen Peter der Burgfrieden der bayrischen Feste Plaien als ein breiter Riegel herein . Und wie Herr Pienzenauer bereits erkundet hatte , gedachte der Burghauptmann von Plaien sowohl den Gadnischen , wie auch den Haller Chorherren jeden kriegerischen Durchzug durch das Gebiet seines Herrn , des Herzogs Heinrich von Bayern-Landshut , mit strenger Unparteilichkeit zu verwehren . So hatte man ' s nur beim Schwarzenbache ganz allein mit dem heiligen Zeno zu tun , dem der heilige Peter von Berchtesgaden an Helmen , Rossen , Feuerwerk und Kriegsbereitschaft unzweifelhaft überlegen war . Am Abend des 13. Juli - als der Regen versiegte und die Nebel sich zu heben begannen - übersandten die Gadnischen Herren , die nicht abergläubisch waren , dem heiligen Zeno den seit einer Woche in Bereitschaft liegenden Fehdebrief . Gegen Mitternacht marschierten vom Hallturm dreißig Fußknechte ab , um die auf den nördlichen Hängen des Lattengebirges liegenden Bauernhöfe des heiligen Zeno , die ohne Berührung des bayrischen Landes zu erreichen waren , mit Krieg zu überziehen und zu brandschatzen . Die Bauern , von Franzikopus Weiß gewarnt , hatten sich rechtzeitig mit Weib und Kind und Vieh und Habe geflüchtet . In den leeren Stuben gab es keinen Kampf . Es gingen nur im Verlaufe dieses Nachtangriffes , bei dem die Nebel sich verzogen und die Sterne mit scheuer Neugier vom Himmel herunterblickten , achtundzwanzig Heustädel und sechzehn Lehenshäuser des Haller Heiligen in Flammen auf . Für Leute , die ferne drunten im Tal der Saalach wohnten , sah dieser erste Sieg des heiligen Peter aus , als wären vierundvierzig schöne Sterne vom Himmel auf die liebe Erde gefallen . Im Grau des Morgens , der einen reinen Tag bescheren wollte , krachte auf der südlichen Seite des Lattengebirges , bei der Schwarzbachwacht , der erste ernsthafte Schuß der Annasusanne gegen das Torgemäuer des Haller Grenzwalles . Ein wundervolles Echo rollte über die steilen Waldgehänge des engen Tales hin . Fallende Steinbrocken polterten , und der heilige Zeno hatte ein böses Loch in seinem Mantelsaum . Die drei Mannsköpfe , die noch immer auf der Mauer staken und denen der vierzehntägige Regen die Haare glatt um die Schläfen frisiert hatte , machten bei geschlossenen Augen sehr kummervolle Gesichter . Das Feuer der Gadnischen wurde , obwohl aus den Scharten , des feindlichen Walles , zwölf mennigrote Faustbüchsen drohten , von der Besatzung der Haller Schanze nicht erwidert . Und die Leute des heiligen Zeno deckten sich so gut , daß man nur ab und zu einen Helm hinter den Scharten huschen sah . Der zweite Schuß der Annasusanne bohrte in die feindliche Mauer ein neues Loch , das flink wieder von innen mit Bruchsteinen zugestopft und verkeilt wurde . Bis zur Mittagsstunde krachte die Annasusanne siebenmal . Immer wieder in dem engen Tal dieses wundervolle Gedonner mit rollendem Echo , indes die Sonne schön zu scheinen begann und den nassen Farbentopf der Welt in Frische glänzen machte . Doch an der feindlichen Mauer , obwohl sie schon sehr zahnlückig herüberguckte , wollte die Sache nicht flecken . War die Augsburger Kammerbüchse kein Meisterwerk ? Oder fehlte dem zu Berchtesgaden fabrizierten Pulver die richtige Triebkraft ? Mao sah , daß die Annasusanne noch sehr oft läuten mußte , bis da drüben eine sturmfähige Bresche entstehen würde . Sigwart von Hundswieben , der als Büchsenmeister fungierte , wurde ungeduldig und hatte einen Einfall , den er als hannibalisch bezeichnete . Im Kerne war ' s ein ganz simples Rechenexempel : Soll man dreißig Gulden bezahlen , so muß man nicht dreißigmal einen Gulden auf den Tisch legen , man kann auch zehnmal je drei Gulden blechen . Die brennheiße Annasusanne wurde mit kaltem Wasser gekühlt . Dann verabreichte man ihr die dreifache Ration Pulver . Man trieb den Holzklotz mit festen Schlägen ein und setzte drei Kugeln drauf . Da war die Annasusanne so gesättigt , daß ihr der letzte , mit Blei umgossene Steinbissen noch mit einem weißen Blink zum Munde herausguckte . Feinpulver wurde ins Weidloch gegeben , und auf des jungen Büchsenmeisters Kommando sollte der Luntenmann den langen , mit dem brennenden Schnürlein umwickelten Eisenzagel auf die Zündung senken . Diesem kriegegerischen Instrumente hatte Sigwart von Hundswieben in seiner scherzhaften Art den Namen Büchsenlebner gegeben , weil dieser Funkenzagel im Schoß der Annasusanne hochzeitlich das feuersprühende Leben erzeugte . Mit Ausnahme der Feuerwerker rückten alle Herren und Knechte vor den Wall , um bei Niederbruch einer starken Bresche gleich mit dem Sturm zu beginnen . Der erfinderische Büchsenmeister Hundswieben hatte sich auf eine Mauerkante geschwungen , um die Wirkung seines hannibalischen Einfalles besser erspähen zu können . Drüben hinter dem feindlichen Walle mochten die mit Bolzen und Pulver sparenden Helden des heiligen Zeno nichts Gutes ahnen ; kein Helmbusch und keine Schaller war zu sehen ; die gegnerische Mauer stand wie ausgestorben da und wartete des Schicksals , dem sie nimmer entrinnen konnte . In Spannung und heiß erregt , lang den Hals streckend , kommandierte Sigwart von Hundswieben mit glockenheller Jünglingsstimme : » Den Lebner an die Büchs ! « Eine Feuergarbe , ein grauenvoller Knall , ein Dröhnen der Berge , als wäre das Ende der Welt gekommen . Drüben rasselte das feindliche Gemäuer , die drei Köpfe mit den kummervollen Gesichtern verschwanden im qualmenden Mörtelstaub , das Tor des heiligen Zeno lag in Scherben , und mit dem Feldschrei » Hie Sankt Peter ! « begannen die Gadnischen Herren und Knechte den Sturm gegen die klaffende Bresche . Von diesem Siegeslaufe blieb der junge Hundswieben ausgeschlossen . Er stand , wie von Schreck versteinert , gegen die Mauer gelehnt . Irgendein Fürchterliches mußte da geschehen sein . Während ihn der dicke Pulverdampf umqualmte , fühlte er etwas Heißes in seinem Gesichte . Das Blut rann ihm über Kinn und Brust herunter . Und als er mit scheuen Händen an sich herumtastete , vermißte er auch ein Stück seines Helmes , einen Lappen seines Haarbodens und dazu noch die Nasenspitze . Die Mauerkante , die jetzt ganz zerbröselt war , hatte ihn vor Üblerem behütet . Aber wo war die Annasusanne ? Der Platz