! - Gewiß hat er stehlen wollen ! - Aber wart , Bürschlein ! Mein Alter wird dirs austreiben , das Stibitzen ! « Sprachlos stand ich da und wußte nur , daß er vom Nachmittag gesprochen hatte . - Ja , Himmel ! - Es war doch wohl noch nicht schon am andern Tag ? - Aber , - die Nacht fiel mir ein , - es war ja schon zwölf Uhr gewesen , da ich ans Fortgehen gedacht hatte ! - O , die verfluchte Komödie ! - Was mocht der gut alt Thomas jetzt von mir denken ! - Dacht wohl , daß er recht gehabt hätt mit seiner Meinung , ich wollt von ihm weg für immer ! - Wie konnt nur dies einschichtige , rothaarige Weibsbild , diese Theatermamsell , meine Sinne so verwirren ! Aber indem ich noch so dachte , trat das Mädchen eben durch die niedere Tür ein und sah mich verwundert an . » Ei ! « rief sie aus ; » hast du einen Besuch hier , Joschka ? « » Was Besuch ! « erwiderte da der Bursch grimmig ; » wär mir ein sauberer Besuch das ! Schleicht sich bei Nacht und Dunkel ins Haus und will stehlen ! « Und da ich auffahren wollte , plärrte er mich an : » Was ! Willst es noch leugnen ? - Hab ich dich nicht erwischt mit dem teuern Mantel der Donna hier ! « Erschrocken fragte diese mit einem entsetzten Blick auf mich : » Wie sagst du ? Meinen blauen Mantel hat er ... ! « » Glaubts doch nicht , Jungfer ! « sagte ich bittend mit einem giftigen Blick auf den Kerl . » Er lügt Euch aufs Maul , so wahr Ihr hier steht ! - Ich wollt ja nur bloß ... « - Da hielt ich inne , indes mir eine heiße Flamme übers Gesicht fuhr : Ich mocht es doch nicht vor diesem Flegel sagen , daß ich bloß aus närrischer Lieb für sie hiergeblieben war ! Der ander aber schrie sogleich , kaum er mich erröten und stocken sah : » Ha ! - Fällts dir nimmer ein , jetzt ! - Hat dir wohl die Red verschlagen , he ! Seht Ihrs nun , Donna ! Es ist so , wie ich sagte : stehlen hat er wollen . - Aber ich will ihm schon Mores lernen ! Gleich geh ich jetzt zum Alten ! - Gleich ! -Auf der Stell ! « Wirklich ging er , indes die Jungfer ganz erstarrt dastand , das dunkelrote Samtkleid , in dem sie prangte , fest an sich raffte und ihre schwarzen Augen voll Verachtung über meine armselige Gestalt wandern ließ . Da nahm ich mir einen Anlauf und sagte ihr ganz wahrhaftig und einfach , daß sie mir viel gälte , weil sie meiner verlornen Kathrein so ähnlich sei , und daß ich sie in der Nacht gesucht hätte und dabei nicht mehr aus dem Saal gekonnt und also , da ich müd ward , auf ihrem Mantel geschlafen hätt . Bat sie auch gleich , sie mög für mich bitten , daß ich um sie bleiben dürft ; denn ich kunnt nimmer von ihr lassen . Ganz still hatte sie auf meine Red gemerkt und mir so die Schneid gegeben , ihr mein Herz zu offenbaren . Nun lachte sie leise für sich hin und sagte zwischen Spott und Mitleiden : » So so ; seine Kathrein hat er verloren ! - Der arme Bub ! « Dazu maßen mich abermals ihre Blicke , daß ich mich unwillkürlich auf die Zehen stellte und meinen verkrüppelten Leib streckte , so gut ichs vermochte . Nach einer Weil fragte sie : » Wem gehörst du denn ? « » Ich ghör gar niemand « , erwiderte ich ; » Vater oder Mutter weiß ich keine , und die mich aufgezogen haben , sind tot . « » Und wo kommst du jetzt her ? « forschte sie weiter , indem sie mit einem ihrer langen Zöpfe spielte . » Von Bayrischzell . Vom Bildlmacher Beham « , sagte ich . Und plötzlich fiel mirs ein : Der hatte ja einen Haufen Verdingungen für Votivtafeln erhalten ! - Ich hätt ja wieder Rahmen schneiden sollen ! - Aber in mir sagte eine Stimm gar trotzig : » Das macht nichts . Der hat ehvor auch niemanden gehabt , - also wird er jetzt auch fertig werden , allein . « Und ich fuhr fort : » Aber ich bin mein eigener Herr und kann hin , wo ich mag . - Und jetz möcht ich halt gern bei Euch bleiben , wann ich Euch nit zwider bin . « Indem ich noch redete , kam der Tropf schimpfend wieder zurück , gefolgt von dem erzürnten Herrn des Theaters und der keifenden Alten . » Hat ein Mensch noch Worte ! « schrie diese keuchend , und ihre Brust wogte unter dem schmierigen , schleißigen Seidenkittel , » kann man da noch reden ! - Das ist ja eine himmelschreiende Bosheit ! - Wo ist denn der Teufelsbraten ! « Und sie fuhr wütend und mit den Armen fuchtelnd auf mich los , packte mich bei den Schultern und schüttelte mich , daß mir grün und schwarz vor den Augen wurde und ihr die aufgesteckten künstlichen Locken zu Boden fielen . » Karnalje ! « zischte sie dazu ; » unverschämte Karnalje ! Töten werd ich dich , wenn du nicht Buß gibst für die Büberei ! « Da fiel ihr die Jungfer bittend in den Arm : » Laßt ihn doch , Frau Direktorin ! Er hat eigentlich gar nichts Schlimmes vorgehabt , der Kleine ! - Er hat mirs gesagt : Die Liebe zur Kunst hat ihn getrieben , - ein Spieler wollt er werden ! « » Wer ' s glaubt ! « mischte sich der lose Schelm bissig drein und spaizte in weitem Bogen auf die Bühne . Aber der Direktor sagte , kaum er die Red des Mädchens vernommen , geschwind , indem er mich lauernd ansah : » Liebe hat er , sagst du ? - Zur Kunst , sagst du ? - Wohl , wohl ! - Soll nur mitfahren mit uns , wenn er will ! - Kann ihn schon brauchen , den Krischbel ! « Langsam ließen mich die Fäuste der Alten los , langsam beruhigte sich ihre wogende Brust ; sie griff nach ihrer Frisur und hob eilig die Locken vom Boden und steckte sie wieder zu dem eigenen , dünnen , schwarzen Haar , indem sie sagte : » Wenn du dich nur nicht täuschst , Fritz ! - Wenn er nur nicht wieder so ein Galgenvogel ist wie der Heinz ! « Sie steckte eine Haarnadel zwischen die Zähne und wand ein herabhängendes Flitterband um den Schopf . » Wo bist du her , und wie heißt du ? « fragte sie mich scharf , die Zähne fest zusammenbeißend , daß ihr die Nadel nicht entfiel . » Mathias Bichler aus Sonnenreuth « , sagte ich tonlos . » Was sind deine Eltern ? « forschte der Direktor weiter . » Das weiß ich nicht . Hab s ' nit kennt . - Hab nie epps ghört davon . Mein Ziehvater , der Meßmer von Sonnenreuth , hat wohl gwähnt , es kunnten Vagierende gwesen sein oder Gaukler . Aber nix Gwiß weiß niemand drüber . - Bin ja grad ein Glegter ! « » Wie ich gedacht hab , - ein Balg ! « höhnte der Rotzlöffel hinter mir ; aber die Mamsell verwies ihm sein Schmähen , und auch der Alte sagte : » Halt den Schnabel ! - Der Bursch bleibt da ! « Die Frau Direktor aber starrte mich eine Weil wie entgeistert an , ihre Brust begann mit einem Mal , sich wieder stürmisch zu bewegen , und dann breitete sie plötzlich die Arme aus , zog mich an sich und rief unter Tränen mit schmelzender Stimme : » Er ists ! ... Mein Sohn ! ... Mein süßes Kind ! « Ei , Teufel ! Hab mich wohl grausam gewunden wie ein Wurm , den eine alte Bruthenn aufgepickt hat und verschlingen will ; hab auch eine Haut wie ein gerupfter Gänserich an mir überlaufen verspürt vor Grausen und Abscheu . Aber die Alt ließ mich nimmer los und drückte meinen Kopf fest an ihren nach alter Lederschmier riechenden Kittel , bis der Herr Direktor und die Jungfer sich von ihrem Erstaunen so viel ermannt hatten , daß sie wieder Worte fanden und also ausriefen : » Sie ist verrückt ! - Sie ist vom Verstand kommen ! « Da ließ sie mich seufzend los , die Alte , und schaute mit schwimmenden Augen zum Himmel , indem sie mit bebender Stimme sagte : » Redet nicht ! ... Ich hab mein Kind wieder ! ... Es ist kein Traum ! ... Er ist wahrhaftig mein Sohn ! « Und erzählte also eine gar abenteuerliche Geschichte von meiner Herkunft . » Ach ! « sagte sie und setzte sich auf einen Schemel hinter der Bühne . » Es ist furchtbar traurig gewesen . - Du hast ihn ja gekannt , den Alessandro , - nicht wahr , Fritz ! - Also , ich war leider damals noch seine Frau ; allerdings auch nicht mit dem Segen der Kirche - nur so durch die Umstände des Lebens bedingt ; denn ich war zur selben Zeit seine Partnerin auf dem hohen Turmseil . - Ach ja ! Damals war ich noch eine Schönheit ! Die Männer liefen mir nach , wie die Katzen der Maus ! - Weißt du , Fritz , - wenn ich so mit der größten Grazie ... « Sie stand auf und balancierte kokett auf dem Schemel . » ... so mit Noblesse auf der einen Seite des Seiles stand und Alessandro auf der andern , - und wir dann elegant und sicher aufeinander zukamen - aneinander vorbeiglitten - und wieder auseinandergingen über die schwanke Schnur , als wärs ein Spazierweg über die Wiese , - Fritz - ich sage dir , - da waren die Leute alle hin vor Verwunderung , und ein rasender Beifall erhob sich ! - Ach ja ! - Damals ! ... « Sie hockte sich wieder breit auf ihren Sitz . » ... Aber er war brutal ! - Und er hat mich verführt ! - Und als ich dastand im Elend , da wollt er nichts mehr wissen von mir und dem armen Würmlein . « Sie brach in Schluchzen aus und tupfte sich die Augen mit einem Zipfel ihres Kittels . - » ... O ! - Es war entsetzlich ! - Er nahm mir das Kind aus meinen Armen , - er riß es von meiner Brust und trug es fort ! ... « Sie sprang auf , indes die andern wortlos dastanden , umschlang mich abermals mit theatralischer Gebärde und rief in Verzückung aus : » Aber nun hab ich dich wieder ! Mein Engel ! Mein Kind ! Mein liebster Sohn ! - Nun wird dich keine Erdenmacht mehr von mir trennen können ! « Ich litt große Pein , machte mich von ihr los und wollte was erwidern ; da aber die andern immer noch wie angenagelt auf ihrem Fleck standen und nicht wußten , wie sie sich verhalten sollten , blieb ich still . Die Alte aber faßte sich schnell wieder und fragte nach einer Weile lauernd : » Leben sie noch , deine Zieheltern ? « Darauf ich stumm den Kopf schüttelte . » Sie sind beide schon tot ? « fragte sie . » Haben sie dir was vermacht ? - Sie waren doch reich ... « Wieder schüttelte ich bloß den Kopf . » So bist du ganz ohne Hab und Gut ? « kams forschend von ihrem Mund . » Nein « , sagte ich , ohne recht zu wollen ; » ich hab schon ein bißl was . « Da wollte sie mich abermals umarmen , indes mich die andern wie ein heiligs Bild begafften und die schöne Jungfer ganz nah zu mir trat und mich lieblich ansah ; aber ich fuhr fort und sagte : » Drent beim Stiefelwirt hab ich mein Sach . Ich geh und werds holen . « Und hörte also auf nichts mehr und lief geraden Wegs zur Tür hinaus auf die Gassen . Ein wüstes Durcheinander von Gedanken stürmte durch mein Hirn ; ich rannte ohne Besinnen dahin und fand mich schließlich vor dem Tor des Stiefelwirts . Da kam es über mich : Kehr um und geh wieder zum Vater Thomas ! - Geh nimmer zurück zu der Komödiantenbrut ! - Es ist ja unmöglich , daß diese grausliche Alte deine leibhaftige Mutter sein sollt ! Und schon war der Entschluß , wieder zum Bildlmacher zurückzukehren , nahezu in mir fest worden , als mich ein silberns Lachen aufschreckte , ein weicher Arm sich in den meinen schob und die Theatermamsell mit süßer Stimm sagte : » Ich bin dir nachgelaufen , ohne daß es die Alten wissen ! - Ich möcht ein wenig allein sein mit dir ! - Ich hab dich sehr lieb ! « Ei ! Da fuhr ich herum ! - Faßte sie bei den Händen , verdrehte meine Augen und war vor Seligkeit und Glück ganz närrisch ! Vergessen war der gut Thomas , vergessen die schreckliche Alte , die sich meine Mutter nannte ; - ich hatte nur noch einen Gedanken : mit ihr zu gehen - bei ihr zu bleiben ! Und ich sagte mit vor Freuden zitternder Stimm : » Dirndl ! - Gern habn tust mich ! - Ja , Himmel Herrgott ! ... Geh ! Wart nur grad a Weil , bis ich mein Ranzl hol ; nachher ghör ich dein , so lang als d ' mich magst ! « Lief also eilends hinein zum Wirt und fragte um mein Ränzlein . Der aber gab mir auch noch ein verschnürts Päcklein und sagte : » Das hat dir der Beham noch zruckglassen ; wirst es wohl brauchen können , meint er ! - Und ' n Auftrag soll ich dir noch ausrichten von ihm : Wannst wieder kimmst , hat er gsagt , bist da . Und was sein ghört , das ghört auch dein . Und viel Glück zu der Wanderschaft ! « Ach , zu jeder anderen Zeit meines Lebens hätt ich eine solche Red wohl anders hingenommen denn jetzt ! - Wär wohl mit beschämtem Herzen wieder eilends zurückgelaufen zu dem herzguten alten Vater und hätt gesagt : » Da bin ich wieder . Nimm mich wieder auf ! « Aber leider Gott war in diesem Augenblick der heilige Geist samt allen seinen Gnaden von mir gewichen , und ich , so voller närrischer Lieb zu der Mamsell , konnt dem Wirt nicht einmal einen gerechten Dank geben für seine Red , geschweige denn ein verständigs Werk vollbringen . Mein Sinnen und Trachten ging nur noch auf den Besitz der feinen Jungfer , und ich gab mich schon dem Traum hin , mit ihr bald ein lieblichs Eheleben zu führen . Also nickte ich bloß etlichemal mit dem Kopf , schob das Päcklein geschwind in den Ranzen , hing mir diesen um und lief mit kurzem Gruß hinaus zu dem Mädchen , das mich verwundert ansah und fragte : » Ist das alles , was du hast ? « » Nein , nein ! « lachte ich voll Lust . » Hab schon noch was anders auch ! - Dich ! « Und wollt sie also gleich auf offener Gassen an mich reißen . Aber sie schien gar nicht mehr so liebreich wie ehvor und wehrte mir meine Narrheit mit gemessenem Ernst ; doch folgte sie mir nach langem Sträuben zu der Steinbank hinter dem Friedhof , daselbst ich ihr sogleich das karmisinrote Seidentuch und auch das Büchlein als Verehrung gab . Sie dankte mit kargen Worten und sah kaum drauf hin ; und über eine Weil fragte sie , ohne mich anzusehen : » Bist du bloß ein Handwerksbursch ? Hast du kein Geld ? « » Was ? Kein Geld ? « rief ich da protzig . » Geld grad gnug hab ich ! « Und zog meinen Beutel und ließ die Kreuzer scheppern . » Mir langts leicht , was ich hab , und für dich verdien ich schon was , wannst mitgehst mit mir ! « Damit steckte ich das Geld wieder ein und kramte in dem Ranzen . Da griff ich das Päcklein vom Thomas und zog es eilig heraus , indes die Mamsell neugierig fragte : » Was ist denn da drin ? « » Ah , nix Bsunders ! « erwiderte ich ; denn obgleich ich mir selber gar nicht denken konnt , was es sei , so wollt ich mir doch nicht merken lassen , daß es ein Geschenk des Bildlmachers wär . Doch öffnete ich es mit Hast und hatte im nächsten Augenblick harte Müh , einen lauten Schrei zu unterdrücken ; in dem Päcklein lagen Gulden und Kreuzer , österreichisch und bayrische Münz , ein reichlicher Batzen , und dabei ein Zettel , darauf stand : » Gsegn dirs Gott und komm bald wieder . « In meine Augen stieg es brennend heiß . Ich starrte auf das Geld und auf das Blättlein Papier und spürte ein Würgen im Hals . Da fuhr die Mamsell kichernd mit der feinen Hand in das Häuflein Münz und jubelte : » O , wie hell das klingt ! - Wie ich mir so was wünschte ! - Schenk mir doch ein paar von den herrlichen Stücken ! « Gedankenlos sah ich ihr zu und gab ihr etliche Gulden ; dann schob ich alles seufzend in den Ranzen , indes ein Gefühl der Scham in mir heraufkroch . Die Jungfer aber schlang plötzlich in heißer Zärtlichkeit ihre Arme um meinen Hals und schmiegte ihre weichen Wangen an mein Gesicht , gab mir allerhand Koseworte und tat so lieblich , daß ich gar bald alle Reu und Scham vergaß und mir wie verzaubert vorkam . Und so hab ich leider Ursach , jene Zeit zu beklagen und ihrer mit Scham und Bitterkeit zu gedenken als einer Zeit der Schand und Untreu gegen meinen herzensguten alten Vater , den Thomas , gegen das Andenken meiner allerliebsten Zieheltern und gegen meine alleinige Lieb , die Kathrein . Denn jene Dirn erschien mir so holdselig und tat so zärtlich mit mir , daß ich ihr willig folgte , als sie mich mit sich nahm zu ihren Leuten . Und also lebte ich gleich den Zigeunern in einer wilden Ehgemeinschaft mit dem Weibsbild , das mir gemeinsam mit jenem Ungeheuer , so sich meine Mutter nannte , meine Kreuzer bis zum letzten aus dem Sack zog und mir alle Ehr und alle Scham raubte . Da wurd gezecht und gewürfelt Tag um Tag ; wurde gewerkt und gelumpt in dem niedern Wagen , der dieser wandernden Komödiantenbrut Heimat und Besitz , Obdach und Elysium bedeutete ; und hatte der Herr des Theaters den Segen eines Pfarrers nicht vonnöten gehabt in seiner Eh , so schien mir dieser noch weit weniger notwendig in meiner Liebschaft , die gegen fleißige Lohnung und Geschenke an die Alten von diesen stillschweigend geduldet wurde , bis mein Beutel endlich leer und damit meine Freigebigkeit zu End war . Bis dahin aber galt ich überall als ein Mitglied der Komedie und hatte auch etliche leichte Rollen eingelernt , um bei vorkommender Untersuchung durch die Obrigkeit bestehen zu können ; denn ich besaß weder einen Paß noch sonst Kundschaft , die mich hätten nötigenfalls ausweisen oder empfehlen können . Im übrigen aber war ich jetzund der Sohn des Theaterweibs und passierte als solcher unangefochten die Tore der Städte , darin wir spielten . Somit kam ich also in dieser Zeit gar weit umher und lernte viele Orte kennen , wie : Linz , Innsbruck , Salzburg , Rosenheim , Wasserburg und andere ; daselbst wir aber überall nur kurze Zeit verweilten und stets nur drei Komödien aufführten ; die vom schönen Kätherlein , eine andere , die den Titel hatte : Bodo und Siglinde , oder das Zauberbild , und eine vom armen Heinrich und der Goldelse . Nun mocht ich also leichtlich ein halbes Jahr in solchem Lumpenleben zugebracht haben , als meine Buhlin eines Tags in der Früh , da wir eben zu Rosenheim im Wirtshaus zur Sonne den Tanzsaal in ein Theater umwandelten , nicht wie sonst lachend und scherzend um mich herumtanzte , vielmehr sich mißmutig über meine traurige Gestalt , meine Mittellosigkeit und bäuerische Art beklagte , endlich hinauslief und den Tag über kaum mehr sichtbar ward . Und da wir abends vor dichtgefüllten Bänken wieder das schöne Kätherlein spielten und also die Stelle kam , wo sie nach den Zaubereien des Zaranka mit ihrer Mutter wieder auf den Brettern erscheinen sollte , da warteten sie alle vergeblich : die Mutter , der Kupferschmied und die Zuschauer . Das Kätherlein , oder , wie sie sonsten hieß , Liane , blieb verschwunden ; Zaranka aber verschwand gleichfalls zu dieser Stund . Mit Müh und Not brachten wir einen kläglichen Schluß der Komödie zustande und durchsuchten darnach alle Winkel des Wirtshauses und des Wagens nach den beiden , doch vergebens . Und den andern Morgen fand der Direktor auch den Platz in seinem Strohsack , da sonst seine Geldtruhe lag , leer . Eine furchtbare Aufregung folgte , und nachdem er und die Alte , die Mutter zu nennen ich annoch heut nicht vermag , genugsam getobt und geplärrt hatten , verlangten sie von mir zwanzig Gulden als Notgeld . Und da ich ihnen nicht beispringen konnt aus dem einen Grund , weil ich selber nichts mehr hatte , so fielen sie beide mit groben Schmähreden über mich her , und die Alte schrie : » Bist du auch noch ein Sohn deiner Mutter ! Läßst mich im Unglück hängen wie jener Hund , dein Vater ! - Marsch , sag ich ! Fort aus meinen Augen ! - Entweder du bringst das Frauenzimmer wieder , oder aber zwanzig Gulden ! - Möcht doch wissen , wofür ich einen Sohn habe , wenn er mir nichts zu Lieb tut ! « Mußt also mein Ränzl wieder umschnallen und nach dem Stecken greifen , dabei mir aber trotz aller Traurigkeit ein gar kurzweiligs Sprüchlein einfiel : Lustig ists auf der Welt , Ham die Herrn aa koa Geld , Is für mi aa koa Schad , Wann i koans hab ! Auf der Landstraße Also stand ich an jenem Tag , es war im Erntemond des Jahres 1804 , nachdenklich auf der Innbrucken und wußte nicht , wo aus und was tun , als drei Handwerksburschen die Straße daherzogen und fröhlich sangen : » Steh auf , steh auf , du Handwerksgsell , Die Zeit hast du verschlafen ! Die Vöglein singen im Grünen , Die Fuhrleut tun schon blasen . Was kümmert mich der Vögelein Sang Und auch der Fuhrleut Blasen ! Ich bin ein fröhlicher Handwerksmann Und ziehe meiner Straßen . In der Schlossergassen im roten Hahn , Da ist eine Herberg zu finden . Da wollen wir singen und lustig sein , Da wollen wir singen und trinken ! « Und da sie an mir vorüberkamen , tat einer einen hellen Juchschrei , eilte auf mich zu und schloß mich in seine Arme . » Mathiasle ! « schrie er ; » ja , wie kommst denn du da her ? - Willst etwan gar ins Wasser hupfen , daß d ' so sinnierst ? « Eine heftige Freude durchfuhr mich : Es war mein Ziehbruder , der Fritz ; und er lud mich ein , mit ihm und seinen Genossen durchs Bayerland und gegen die Münchnerstadt zu wandern . Voll Verwunderung fragte ich ihn , wie er zu solcher Wanderschaft und in diese Kameradschaft käm - als Bauernknecht ; da lachte er und sagte : » Zwegn der Kost , Bruderherz ! Zwegn der Kost ! - Allweil oa Suppen frißt der Bauer nit , dös woaßt ja selm ! - No ja , - und dös ewige hausbacherne Brot - dös wachst oan am End aa zum Hals raus ! - ' s Zunftbrot schmeckt aa nit schlecht , sagt mein Freund , der Loabischmied ! « Zugleich rief er seinen zwei Genossen , die derweil langsam weitergegangen waren , nach : » He , Loabischmied ! - He , Magister ! - Geh , warts a wengl ! « Und indessen diese zögernd auf uns zukamen , hatte ich ihm mit wenig Worten meine Abenteuer berichtet und gesagt , daß ich gern mit ihm ginge , wenn ich nur etwelche Kundschaft oder einen Paß hätte . Da ließ sich der älteste von den dreien , ein dicker , glattrasierter Mensch mit feinen Manieren , den sie Magister nannten , vernehmen : » Was ? - Er möcht ein Pfiffges sein und durch die Märtine holchen , und hat keine Flebbe ? « Ich sah ihn wie ein blaues Wunder an und konnt mir gar nicht denken , was er meinte ; doch der ander , der Bäcker oder Loabischmied , half mir drauf : » Ob du auch als Handwerksbursch durch die Märkt laufen willst , ohne daß du Briefe oder Papiere hast ? « Da sagte ich : » Ich hab noch nie ein Papier besessen ; hab auch keins vonnöten gehabt auf meinen Reisen . - Wo kann man denn so was bekommen ? « » Auf der Polizei halt ! « erwiderte mir der Fritz . Der Magister aber wollt nicht viel davon wissen und brummelte : » Narr , einfältiger ! Läßt den Kaffer zur Schmiere laufen ! - Daß die grünen Hunde von mir Wind bekommen und mich einkasteln ! Bist wohl verrückt - he ! « Dabei tat er ganz scheu und sah bald hinter sich , bald vor sich , ob nicht schon ein Schürge käme . Die andern aber lachten und spotteten über seine Furcht , so daß er wieder munter wurde und mich , nachdem er gefragt , ob ich nichts am Kerbholz hätt , ebenfalls einlud , mitzugehen ; für meine Papiere wolle er schon sorgen . » Holch nur mit , Kotem ! « sagte er ; » brauchst nicht so grandig Bauser scheften ! - Wir holchen jetzt durch die Mokum , fechten darnach in die Fede , achlen und schwächen grandig und josten uns darnach aufs Rauscher , bis die Glanzer unterholchen ! « Ich konnte ihn wieder auf keine Weise verstehen und fragte den Fritz , was der Gsell damit gemeint hätt und was das für eine seltsame Sprache wär . » Das ist welsch « , sagte mein Ziehbruder . » Das versteht bloß der , welcher uns wohl gesinnt ist ; für die andern ist die Sprach ausländisch . Ganz ausländisch . - Also , daß du ' s weißt : er meint , du sollst nur mitgehen , Kind , und nicht so viel Angst haben ! - Wir gehen in die Stadt , betteln , und darnach in die Herberg , essen und trinken tüchtig und legen uns darnach aufs Stroh , bis die Stern untergehn . - Ich versteh ihn ganz gut ; aber selber komm ich noch nicht bsunder zrecht mit dem Zeugs ! « » So ists auch bei mir « , fiel ihm der Bäcker ins Wort ; » verstehen tu ich ihn gut , den Magister ; - aber mit dem Nachsagen - da hats seinen Haken ! « » Nur Geduld ! « sagte da der Magister väterlich ; » Ihr lernts noch bald genug . Aber vor dem Bürschl da will ich wieder eine Weil deutsch parlen . - Wie heißt er denn , der Kaffer ? « » Mathias « , erwiderte ich ; » Mathias Bichler . « » Seine Profession ? « fragte er weiter . Ich kunnt ihm nichts antworten ; denn was verstand ich zu der Zeit von solchen fremdklingenden Namen ! Dafür gab ihm der Fritz den Bescheid , daß ich gleich ihm bei den Bauern gearbeitet hätt und zuletzt bei einem Maler gewesen wär . » Das ist schon eher was Zünftigs « , meinte auf diesen Bericht hin der Magister ; » als Malergsell kann er die ganze Welt durchplatteln ! - Kein Teufel schert sich drum ! - Bloß muß er hie und da so dergleichen tun , als möcht er gern schanzen . - Braucht ja nicht lang bei einem Meister zu bleiben , wenn ihm grad ein Haar oder sonst was Unlustigs in die Suppen käm . - Aber jetzt wollen wir wieder eins singen , daß die Leut ein gerührts Herz kriegen für uns arme Mucken ! « Damit stimmte er ein frisches Burschenlied an , und wir zogen alle vier durch die Gassen dahin und walzten also den ganzen Tag bis zum Abend durch die ganze Rosenheimerstadt als vier arme , reisende Handwerksburschen und sprachen bald hier , bald da um Arbeit zu ; darauf dann die Frau Meisterin oder der Meister in die Tasche griff und einen Zehrkreuzer herfürzog . Waren eine saubere Gesellschaft , wir vier : der bleiche Loabischmied mit seiner mehlbestäubten Ballonhaube und dem fadenscheinigen Habit , - der Fritz in seinem blauen Fuhrknechtskittel und dem federgeschmückten Spitzhut , - der leichtlich seine vierzig Jahr alte , feiste Magister in seiner städtischen Gewandung , seidenen Strümpfen und dem abgeschabten Dreispitz , den er weit ins Gesicht setzte , ein feins spanischs Rohr in der Hand und ein mageres Felleisen umgehängt ; - und dazu ich armseliger , kurzgestiefelter Zwack ,