zu diesem Traum brauchen sie - « fragend sah ihn Stanislaus an . » Die Sozialisierung , ja gewiß , geebnetes Ackerland - als Boden für das Wachstum des einzelnen . Sehen Sie , da bin ich . Nicht aus Liebe , - aus Unliebe bin ich hierher gekommen . Aus Unliebe zum Vorhandenen und - aus heißer Sehnsucht nach - nach einer höheren Möglichkeit des Menschen . « Erregt , mit flammendem Blick , feurig , tief verwühlt in seiner Erlebnis , ging er auf und nieder . » Ich bin schon lange da « , erwiderte Stanislaus bedächtig und wiegte den Kopf . » Und aus sehr naheliegender Einsicht . Denn gehören nicht gerade wir zu den Besitzlosen ? Dabei sind wir nicht eins mit der Armut , wie der Proletarier , nicht gestählt durch sie . Mit unseren vielverzweigten Bedürfnissen sind wir in eine Situation gestellt , die es uns implicite verwehrt , gegen diese fremde und furchtbare Macht , die Armut , Front zu machen , - robust Gewinn zu suchen . Wer sonst als wir müßte ein heißeres Interesse daran haben , auf eine Gestaltung der menschlichen Gesellschaft hinzuwirken , die - Unfallstationen errichtet an allen Stellen , an denen sie gebraucht werden ? ! Wer sonst ? « Hoffmann schwieg , in Gedanken versunken . Nach einer Weile sagte er : » Ich will versuchen , mich anzuschließen , - da , wo ich glaube , - daß es gut und nötig wäre . « » Versuchen Sie es « , sagte Stanislaus . » Ich fürchte nur , daß man es - da - nicht für nötig hält . « Beide schwiegen . Dann fuhr Stanislaus fort : » Da ist etwas , das ich nicht genau - wahrnehme , nicht ich und nicht Sie . Es ist - wie eine verschleierte Gestalt . Ich sehe die Erscheinung , aber ich könnte die Formen ihres verhüllten Leibes nicht mit scharfen , wahren Linien umreißen ... nicht ich und nicht Sie . Da ist - glaube ich - ein Letztes , das fehlt , Ihnen und mir fehlt - ein letztes , notwendiges Wissen um dieses Ding . « Hoffmann blieb still . Dann sagte er : » Wer weiß denn um dieses Ding ? Wer kann diese Gestalt - kennen ? Ahnung - das ist alles . « » Ahnung - gewiß . Aber Ahnung , die am Wege wird , genügt nicht - fürchte ich , ist nicht die richtige Weiserin . « » Sondern ? « » Es gibt ahnend Geborene , - Freund , -und das sind nicht Sie und nicht ich . Deren Ahnung wächst dann mit ihnen auf , wird immer leuchtender , - und eines Tages ist sie Wissen geworden . Vielleicht lebt auch der , der um dieses Ding - mit dem wir ringen - weiß , der dann spielend löst , worüber wir grübeln . Solche Gutgeborene sind öfters gekommen ! « » Und zu denen gehören - nicht Sie und nicht ich « , wiederholte Hoffmann Stanislaus ' frühere Worte , und eine leise Bitterkeit zitterte über seine Lippen . » Wir tun das Unsere , auch das ist nötig . « Es war still und dunkel im Stübchen . Stanislaus holte die Lampe von der Kommode . » Seit wann sind Sie zurück ? « Hoffmann hatte seinen Hut ergriffen . » Seit zwei Wochen bin ich hier . « » So lange ? Ich bildete mir ein , Sie würden mich nach Ihrer Rückkehr früher finden « , fügte er , gutmütig lächelnd , hinzu . » Haben Sie Olga gesehen ? « » Ich sehe sie jeden Abend « , sagte Hoffmann mit leiser Stimme und blickte zu Boden . Stanislaus , der eben den Zylinder auf die brennende Lampe preßte , - wandte sich jäh und sah ihn an . » Sie sehen sie - « » jeden Abend « , sagte Hoffmann und hob den Blick voll zum Gesicht des andern . Der Lampenschirm von weißem Milchglas schlug klirrend an den Zylinder , als Stanislaus jetzt die Lampe fertig machte . » Leben Sie wohl , Stanislaus . « » Gehen Sie schon ? « » Ich gehe ... sie erwartet mich . « In Olgas möbliertes Zimmer trat die Wirtin ein . Es war eine noch junge Frau , von kümmerlichem Aussehen , blaß , mager , dürftig , die immer mit einem schwer verärgerten und fast lauernden Gesichtsausdruck umherging . Sie besorgte , ohne Dienstmädchen , die große Wohnung , deren einzelne Zimmer sie bis auf eines , in dem sie mit Mann und Kindern wohnte , alle vermietete , kochte daneben und gab ihren Mietern neben dem Frühstück auch einzelne Mahlzeiten . Besonders wünschte sie , daß man » das Mittag « bei ihr abonniere . Da dieses » Mittag « aber zumeist aus mehlig wäßrigen Büchsengemüsen mit zweifelhaften Fleischbrocken bestand , hatte sich Olga dazu nicht entschließen können . Man hörte den ganzen Tag Frau Schöcherts Stöhnen , - schwere Seufzer , die an ein Erbrechen gemahnten . Sie war melancholisch veranlagt , mißtrauisch bis zu Verfolgungsideen und schon einmal in einer Heilanstalt interniert gewesen . Die Familie war erst vor kurzem aus der Provinz nach Berlin übersiedelt . Der Mann war in einem Inseratenbureau angestellt , wo er Adressen schrieb , Kuverts zuklebte und Briefe frankierte . Seine Frau hörte es gern , wenn sie mit ihrem vollen Titel angesprochen wurde : Frau Expeditor . Drei kümmerliche Kinder krochen in der sonnenlosen Hinterstube , in Küche und Korridor auf ihren dünnen Beinchen , die an gestreckte Froschschenkel erinnerten , umher , und zumeist hörte man ihr Schreien und Weinen ; auch pflegten sie der Mutter , wenn sie in eines der Zimmer ihrer Mieter trat , nachzudrängeln , und schloß sich vor ihnen die Tür , so brach draußen ein ohrenbetäubendes Geschrei aus . Als Frau Expeditor Schöchert bei Olga eintrat , zog sie die Nase kraus : » Ich rieche Spiiiritus « , sagte sie und blickte sich mißtrauisch um . Olga legte eben die Brennschere , mit der sie ein paarmal durch ihr Haar gefahren war , das in weiten und weich sich biegenden Wellen ihr Gesicht umrahmte , aus der Hand . » Ich habe nichts gekocht , Frau Schöchert ; Sie wissen ja , daß ich morgens mein warmes Wasser von Ihnen bekam . « Frau Schöchert hatte ihr nicht gestattet , sich selbst Wasser zu wärmen , und nahm ihr für ein Kännchen heißen Wassers zehn Pfennige ab . Tief aufseufzend stellte sie das Tablett mit dem Frühstück , - dünnem Kaffee von graubrauner Farbe und einer kaum be-strichenen » Schrippe « - auf den Tisch ; auch Olgas Post lag darauf . » Mit dem Spiiiritusbrennen werden Sie mir noch die Politur ruinieren « , sagte sie weinerlich und strich mit den Fingerspitzen untersuchend über die Tischplatte . » Das ist unmöglich , Frau Schö - - Frau Expeditor , - sehen Sie , die Maschine steht ja auf dem starken Nickeltablett . « » Man braucht sich nicht die Haare zu brennen « , meinte Frau Schöchert , deren Stirnsträhne , in papierne Haarwickel eingerollt , um ihren Kopf gepreßt waren . Olga war die Reden der Frau schon so gewöhnt , daß sie ihr nicht einmal antwortete ; dieses möblierte Elend , das sie in der kurzen Zeit ihres Berliner Aufenthaltes schon in allen möglichen Variationen erfahren hatte , dauerte ja nicht mehr lange . Seit sie hier gekündigt hatte , war es am schlimmsten geworden . Sie griff nach ihrer Post , nahm die Briefe nacheinander zur Hand , ohne sie noch zu öffnen , und betrachtete die Poststempel . Es war wiederholt vorgekommen , daß ihre Briefe , anstatt ihr übergeben zu werden , in der Küche liegen geblieben waren . Als sie einmal , zu bestimmter Zeit , einen Brief erwartet hatte und , nachdem sie den Postboten kommen gehört , nach der Küche gegangen war , ihn zu holen , hatte ihr Frau Schöchert gesagt : die Mieter hätten in ihrer Küche nichts zu suchen , und sie habe zu warten , bis sie ihr die Post bringe . Auch heute wieder fand sie zwei Briefe , die schon am vorigen Abend angekommen waren . Es waren Nachrichten , die ihre Zeitung betrafen , auf die sie ungeduldig wartete . Der Unmut stieg in ihr auf . Trotz ihres Entschlusses , die Frau in der kurzen Zeit , in der sie noch auf eine Gemeinschaft mit ihr angewiesen war , durch nichts zu reizen , konnte sie die Beobachtung , die sie da wieder machte , nicht unterdrücken . Sofort stieg der Frau die helle Zornesröte in das verzogene Gesicht . » Na nu , wollen Se mir in meinem Hause Vorschriften machen ? « » Meine Post gehört nicht zu Ihrem Hause . Entweder Sie weisen den Postboten direkt zu mir , oder , wenn Sie meine Briefe übernehmen , ist es Ihre Pflicht , sie sofort abzuliefern . « » Haha ! Das wäre ja noch schöner . Übrigens Ihre Post ! Da kann sich mancher was denken , wenn ein Fräulein , was anständig sein will , so viele Briefe auf einmal bekommt . « » Frau Schöchert , nehmen Sie sich in acht ! « » Und überhaupt : Sie haben sich hier als Fräulein angemeldet , - in Ihrem Meldezettel haben Sie geschrieben unverehelicht - - und hier - hier - - - « sie wies auf einen Brief , - » hier steht Frau Olga Diamant ! - - - Nu ja , in Berlin kommt eben alles Mögliche vor , - auch Falschmeldungen - alle Tage kommt das hier vor , - wo so viel Schwindler sind . « Die rabiate Dummdreistigkeit der Frau machte es Olga schwer , sie nicht tätlich hinauszubefördern . » Wie kommt das , wie denn ? « bohrte sie weiter , - » nu , geben Se doch gefälligst Auskunft , sonst sage ich das augenblicklich meinem Mann . « » Mein Mann , « pflegte sich vor seiner keifenden und stöhnenden Lebenshälfte in alle Winkel zu verkriechen ; aber den Mietern gegenüber wurde das zusammengedrückte Kerlchen als » mein Mann « und damit als autoritative Instanz dieses Hauses ins Treffen geführt . Olga hatte die kindliche Idee , die Frau belehren zu wollen . » Sehen Sie , Frau Schöchert - wenn ich Sie und Ihre Verhältnisse vielleicht nicht genau kennen würde , so könnte ich ja ebenfalls einen Brief an Sie schreiben mit der Aufschrift : Fräulein Schöchert ; dann würden Sie eben einen solchen Brief bekommen . Wären Sie deswegen eine Schwindlerin ? « » Gelungene Ausrede ! « war die Antwort , und ein verzweifelter Seufzer , der aus der Tiefe des Magens zu kommen schien , folgte . » Übrigens hat das Wort Frau hier auch noch darin seinen Grund , daß man heutzutage auch selbständige Mädchen mit dem Titel Frau anzureden pflegt . « » Eine schöne Mode wäre mir das ! Haha ! Wenn ein Mädel , das sich mit allen möglichen Ker ... Herren abgibt , noch eine gnädige Frau vorstellen wollte ! « » Frau Schöchert « , sagte Olga warnend . » Und daß ich ' s Ihnen nur sage , « brüllte die Wütende , - » Ihre Herrenbesuche dulde ich nicht . « » Ich habe Ihnen beim Mieten dieses Zimmers gesagt , daß ich Bekannte empfange ; und meine Nachbarin hier , das Barfräulein , gibt in ihrem Zimmer einem Mann , der gar nicht einmal gemeldet ist , - Unterkunft , - das wissen Sie sehr wohl . « » Das geht Sie einen Dreck an . Das ist dem Fräulein ihr Bräutjam ! Aber Sie - Sie haben keinen Bräutjam , - zu Ihnen laufen alle möglichen Mannsleute - am hellichten Tag ! « Von dem nächtlichen Besuche Hoffmanns wußte die Wütende nichts , sie hatte nur Koszinsky und Stanislaus kommen sehen . - » Und alle möglichen Frauenzimmer dazu ! - Wer weiß , was da vorgeht , - man kennt das schon ! « » Hinaus ! « Olga wies , mit funkelnden Augen , auf die Tür und trat dicht vor die Frau , die plötzlich Angst bekam und hinausrannte . Gleich darauf hörte man ihr Gezeter im Nebenzimmer , wo es aber bald von einer brutalen Männerstimme übertönt wurde . Mit vor Ekel und Erregung zitternden Händen öffnete Olga ihre Post . Nein , das wäre so nicht weiter gegangen . Aber was lag ihr jetzt daran ! Die kleine Wohnung im Vorort war gemietet , und am nächsten Ersten zog sie in ihr Heim . Nachmittags - es war Sonntag - kamen bei den Wirtsleuten Verwandte zu Besuch . Eine jüngere Schwester der Frau , die » Lehrdame « bei einer Schneiderin war , und der Bruder des Mannes , der eine » Besohlanstalt « besaß ; ein anderer Bruder der Frau war » Kammerjäger « , das heißt , er besaß ein » Institut zur untrüglichen und radikalen Vertilgung von Schwaben ( Russen , Franzosen ) , Wanzen , Ratten , Motten « ... Die Gevatterschaft rückte mit Kind und Kegel zum Kaffee an , und den ganzen Nachmittag quietschte das Grammophon durch die dünnen Wände . Gemartert , mußte Olga zu Hause bleiben , bis Hoffmann sie abholte ; dann flohen sie die gastliche Stätte . Er tröstete sie ; was lag ihnen jetzt an diesen Widerwärtigkeiten . Wenige Wochen später stand sie , in ein Tuch gehüllt , auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung ; die lag voll nach Süden . Die Häuser gegenüber waren durch Gärten voneinander geschieden . Diese Villengärten hatten auch jetzt , zum Winter , noch grüne Rasendecken , von denen sich der ockergelbe Kies farbenfröhlich abhob . Gegen Westen war die Gegend noch unbebaut , und sie konnte weithin über freie Felder sehen . Immer hatte sich , wenn sie einem Stückchen freier Natur gegenüberstand , ein Glücksgefühl bei ihr eingestellt . Sie bedurfte auch nicht der großen Effekte . Sie hatte wohl die Berge , aber noch nicht das Meer gesehen . Schon wenn sie , in ihrer Heimat , aus dem schmutzigen Städtchen in die dürftige nähere Umgebung , mit ihrem heidenartigen Charakter , herausgeeilt war , hatte sie sich freier gefühlt . In ihrem Vaterhaus waren nur düstere Räume gewesen , und alle Fenster gingen nach dem Marktplatz mit seinem widerlich belebten Getriebe und seinen Schmutztümpeln zwischen dem schlechten Pflaster oder aber , noch schlimmer , - in einen erbärmlichen Hof , mit nassem , kotigem Grund , der von allen Seiten von rußigen Mauern umragt war . Heraus , heraus , - so hatte alles in ihr drängend gerufen , wenn ihr Blick auf diese Umgebung fiel . Und dieser Ruf in ihr hatte sie gedrängt , getrieben , - bis sie wirklich heraus war . Und nun stand sie hier , auf dem Balkon ihrer Wohnung und blickte in die gepflegten , zierlichen Bauten , die die Weltstadt bis hier heraus schob , - blickte in die freien Felder hinüber . Diese letzten Herbsttage waren feucht und für Berlin ungewöhnlich stürmisch . Manchen Augenblick , wenn der Wind um sie herum blies , glaubte sie , so ähnlich , nur noch kräftiger und deutlicher im Geruch , müsse die Luft sein , die über die See strich . Die See ! In vier Stunden konnte man sie von hier erreichen ! Diese Nähe beglückte sie . Durch die kahlen Zweige einer Allee , die drüben den Weg begrenzte , sah sie die braune Erde sich ins Weite strecken . Über die Landschaft spannte sich , flach , ein verdunkelter , regenschwerer , herbstlicher Himmel , der , nahe dem Horizont , mit einer Geraden abschnitt . Von da an schlossen sich zarte , hellgelbe Lichtstreifen an das dunkle Grau der Wolkenballen , die in eine breite , gelbleuchtende Fläche , die wie geschmolzenes Gold glühte , einmündeten . Stellenweise war diese leuchtende Masse zerrissen und , flimmernd umrahmt , schimmerten diese Stellen in zartestem Blau . Sie atmete die bewegte , feuchte Luft ein und blickte in den Glanz , bis der Himmel abendlich erlosch . Dann ging sie in ihre Wohnung , die aus zwei Zimmern und Nebenräumen bestand , und mit einfachen , hellen Möbeln , im modernen Geschmack eingerichtet war . Sie betrachtete alles noch einmal , und Dankbarkeit für dies bescheidene Eigentum war in ihrem Herzen . Draußen die blanke Emaillewanne , in die das heiße Wasser sprudelte , so oft man den Hahn aufdrehte , hatte sie ebenso entzückt , wie die Heizung , die ein Handgriff an den weißlackierten Rohren bediente und wie die elektrischen Flämmchen , die sie überall aufblitzen lassen mochte , wo es ihr gefiel ; beinahe zärtlich streichelten ihre Blicke das Telephon , den kleinen , zierlichen Tischapparat , - an dessen unsichtbaren Enden die Welt hing ... Aber nun zur Arbeit . Fräulein Wigolski sollte heute Abend kommen . Wichtige Briefe und ein paar kurze Artikel waren zu diktieren . Auch diese Arbeit , dachte sie , während sie ihre Mappe öffnete , danke ich dir , Weltstadt , du Strenge , du Inspiratorische , du dem Suchenden Gnädige ; ich glaube , ich verstehe dich , - Berlin . Zwischen Lore Wigolski und den Geschwistern war bald Freundschaft geschlossen worden . Mit dem ruhigen Freimut , der ihr eigen war , hatte sie ihnen beiden ihr Schicksal erzählt , - ihre Schicksalslosigkeit , wie sie es nannte . Denn sie sah in dem , was ihr begegnet war , keine Entscheidung . Was sie in vollem Bewußtsein gewagt , - es hatte sie aus der Linie der bürgerlichen Sphäre , der sie entstammte , herausgeschoben , aber es hatte ihrem Leben nicht Ziel und Abschluß - sei es durch Erfüllung oder durch Entsagung , - zu geben vermocht . Das Verhältnis , dem ihr Kind entstammte , war nicht einer unbesieglichen Leidenschaft entsprungen ; ihrem heiter-klaren Wesen lag nichts ferner , als sich in einem » Rausch « zu » vergessen « . Die Ruhe , mit der sie das ihren Freunden bekannte , war ihnen beiden ein Neues . Gerade als sie Lores Geschichte erfuhr , grübelte Olga manchmal bis zur Selbstpeinigung über ihr Verhältnis zu Werner . Hier aber hatte ein Weib die Bestimmung seines fruchtbaren Leibes unter bedrohlichen Verhältnissen erfüllt , ohne im Gleichgewicht ihrer in sich selbst wurzelnden Natur erschüttert zu werden . » Ich habe jahrelang niemanden kennen gelernt « , erzählte sie den Geschwistern . » Niemanden , mit dem auch nur im mindesten eine andere als eine konventionelle Beziehung möglich gewesen wäre . Sollte man das wohl glauben ? Ist es nicht die landläufige Meinung aller Leute , Liebe , ja sogar Ehe , sei das selbstverständliche Geschick , das alle hübschen Mädchen erwarte ? - Und dabei lebte ich immer in Berlin « Ihr Vater war ein kleiner Kaufmann gewesen , nun tot . Die Mutter lebte bei einem älteren Bruder in Königsberg . Sie hatte der Tochter mit einem Teil ihrer Einrichtung ein eigenes Heim gründen helfen , - da nun , nach dem » Unglück « , an eine normale » Versorgung « nicht zu denken war . Das » Unglück « bestand darin , daß dem einsamen Mädchen , das schon im Hause der Eltern an der Schreibmaschine sein Brot verdiente , eines Tages ein Mann begegnete , der ein freundliches Gefühl für sie faßte . Es war ein Ingenieur , deutscher Abkunft , der seit Jahrzehnten in Amerika lebte . Zu kurzem Aufenthalt in Deutschland , suchte er eine Privatsekretärin und fand sie in Lore . Schon sein Äußeres gewann sie , mehr noch sein fröhliches Wesen . Von hohem Wuchs , mit dichtem , rötlichen Bartgestrüpp , klug , klar und ehrlich , - so trat er in ihr Leben . Daß der Mann sie begehrte und daß er vor dem Antrieb seiner Gefühle nicht » floh « , wie alle anderen , die sie kannte , - die , wenn nicht alles » stimmte « , keinen Glücksversuch mehr wagten , - das hatte Lore , die » Glücksjägerin « , als die sie sich selbst , wenig schonend , bezeichnete , mit einer starken , neuen Freude erfüllt . Mr. Shubert - wie er sich amerikanisiert nannte - war verheiratet , Vater dreier Kinder , und lebte in zufriedener Ehe . Seine Frau , eine Irin , war , nach seiner Erzählung , eine gute Genossin für ihn . Und obwohl Lore wußte , daß Mr. Shubert bald zu den Seinen zurückkehren werde und daß er ihr nichts weiter zu bieten hatte als eine freilich zärtliche Neigung , - ein Gefühl , das er selbst erotische Freundschaft nannte , - gab sie sich ihm . Als das Kind geboren wurde , war er weit fort . Sie waren in Korrespondenz geblieben , in die zuzeiten große Pausen eingestreut waren , die aber nicht abbrach und die freundschaftliche Herzlichkeit nicht verlor . Als er von ihrer Schwangerschaft und dann von der Geburt des Kindes erfuhr , war der Ton seiner Briefe noch wärmer und herzlicher geworden . Nun hatte er das bisher als Geheimnis gehütete deutsche Erlebnis auch seiner Frau anvertraut . Trotz des Schmerzes , der über sie , wie über jede natürlich empfindende Frau , bei dem Gedanken gekommen war , daß er eine andere begehrt , - in seiner Art geliebt - und besessen hatte , war diese Ehe nicht erschüttert . Denn dieser Mann mit seiner fröhlichen , tüchtigen und starken Art , das Leben zu bewältigen , der ihr nie eine Stunde des Unwillens bereitet hatte , - dieser Mann , das fühlte sie , hatte ihr durch die Hinneigung zu einer anderen Frau nichts genommen . Und um eine Geringe konnte er die immer gewahrte Treue nicht gebrochen haben . Ihn hatte Lores Art an seine Frau gemahnt . Und das Mädchen , das anfing zu verbittern , weil es keinem begegnete , der so aussah wie man sich gemeinhin einen » Mann « vorstellt , - sie hatte dem deutlich frohen Gefühl , das sie zu ihm zog , mit keiner Faser ihres bewußten Willens widerstrebt . - Er sorgte treulich für das Kind . Ein Mehr lehnte sie ab , da sie für sich selbst arbeiten konnte . Sie erzählte den Geschwistern an einem Abend , an dem sie in Olgas Heim zusammensaßen , dieses so seltsam scheinende und doch so schlichte Begebnis ihres Lebens . » Wie vielfältig ist alles Sollen , Wollen und Müssen in Fragen des Geschlechtsschicksals eines Menschen « , sagte Olga . » Wie kann man in feste Regeln zwängen wollen , was in unendlichen Formen immer wieder sich offenbart . « Stanislaus hatte mit glänzenden Augen , in tiefem Schweigen auf Lores Erzählung gehorcht . » Und nun ? Sind Sie froh ? « Er fragte es gespannt , mit verhaltenem Atem , als erwarte er eine Entscheidung . » Sie meinen mit dem Kind ? Wie sollte ich da nicht froh sein ? « » Das ist gut , das ist gut « , sagte er freudig und erfaßte unwillkürlich ihre Hand , die sie ihm , mit freundlichem Blick , überließ . » Denn es ist wirklich ein Gutes , ein unzweifelhaft Gutes aus Ihrem Erlebnis geworden , - da Sie es so ganz und heil überstanden haben ! Kennen Sie Ardinghello ? « fuhr er fort . » Das ist eine kostbare Geschichte von Heinse , einem Zeitgenossen Goethes ; da wird von einer ähnlichen - Verirrung etwas Rechtes gesagt . « Er trat ans Bücherbrett , fand das Buch und die Stelle , die er suchte , und las : » Und so ward ein süß verlassen Weib glücklich gemacht , und es lebt ein himmlisch Geschöpf auf der Welt mehr , aller Augen zu entzücken . « Er ließ das Buch sinken und sah sie mit freudigen Blicken an . Olga nahm das Buch , das ihr der Bruder einmal geschenkt hatte , aus seiner Hand , blätterte darin , vertiefte sich in einen anderen Satz und las auch den . » Ein Weib ist doch das armseligste Ding auf Erden ... Gefesselt auf allen Seiten , dürfen wir keinen freien Schritt tun , wo uns der Geist hinleitet , - ohne Schmach und Schande . « Lore blickte ruhig vor sich hin , ihre großen , grauen Augen leuchteten auf , und sie schüttelte leise den Kopf . Stanislaus betrachtete sie . Er sah , wie der lichte Schein sich über die strengen Züge ihres Gesichts breitete , die herben Linien des dunklen Teints weich erscheinen ließ . Er sah , wie sich ein Lächeln ihrer Seele offenbarte , ohne eine Bewegung der Lippen , - ein Lächeln , das auf dem Strahl des Auges herangeschwebt kam , aus der Tiefe . Olga sagte : » Und hat Sie dieses Erlebnis niemals um Ihre Ruhe gebracht ? « Nun ergriff das Lächeln Besitz vom Munde , streckte die breitgezeichneten , geraden Lippen und ließ die weißen Zahnreihen fröhlich blinken . Sie schüttelte den Kopf . » Um meine Ruhe ? - so manches Mal . Aber es war immer ein gutes , herzliches und glückliches Gefühl dabei « , sagte sie einfach , mit ihrer starken Stimme . » Und Sie haben sich nie - unfrei gefühlt ? « » Liebe - und was ihr verwandt ist - darf nie unfrei machen . « » Und wenn sie es doch tut ? « » Dann muß man laufen , - fortlaufen über alle Berge ! « » Und wenn Sie der Mann im Stich gelassen hätte ? « » Nun , rein äußerlich , sozusagen lokal « , sie lachte kräftig , - » hat er mich ja im Stich gelassen . Und innerlich - « » Nun ? « » Innerlich war ich nie verkettet « , fügte sie leise , bekennend hinzu . » Er hat aber nie etwas getan , - was Sie schwer enttäuschte « , fuhr Olga fort , und ein fremder , schmerzlicher Zug , den Stanislaus mit Bangen betrachtete , lag auf ihrem Gesicht . Lore schüttelte den Kopf . » Alles war klar und kam , wie erwartet . « » Und wenn er Sie getäuscht hätte ? « » Dann hätte ich , da ich ja doch das Lörchen davontrug , - mich wohl von ihm , aber nicht vom Schicksal betrogen gefühlt . « » Das Lörchen , das liebe Lörchen ! - Das ist freilich ein reeller Besitz « , sagte Stanislaus . » Aber das Kind hat viel verloren durch die Trennung der Eltern , durch die Vaterlosigkeit . « » Ich weiß nicht , ob das so schlimm ist , wie es erscheinen könnte . Der Vater hilft mir ja , dafür zu sorgen . « » Doch - doch ! Es ist nicht gut für das Kind , - glauben Sie es mir ! Und nicht etwa aus konventionellen Gründen . Ein Kind braucht einen Vater , - einen ihm immer nahen , dauernden Freund , der ihm hilft , sich zurecht zu finden , in diesem Wirrwarr . « » Aber ist denn jeder Vater ein solcher Freund ? « meinte Olga , » ich zweifele daran . « » Ich zweifele sicherlich nicht minder , « sagte Stanislaus lächelnd , » ich sage nur : schlimm ist ' s für jedes Kind , das solchen Freund , der über seine Jugend wacht , nicht neben der Mutter noch hat ... Nicht gerade der Vater muß es sein « , fuhr er nachdenklich fort . » Der Erzeuger ist wohl der erste für dieses Amt . Aber ist er nicht zur Stelle « - er blickte grübelnd vor sich hin , - » dann kann es auch ein anderer sein . « » Welcher andere « , meinte Lore , seufzend , » wird wohl gern und dauernd dieses Amt übernehmen . « Gedämpft , mit schamhaftem Gesicht , erwiderte Stanislaus : » Das wird einer tun , - der - der sein Schicksal mit dem der Mutter verbindet . « » Der Stiefvater also « , sagte Lore und sah ihn , mit lächelnden Augen , voll an . » Der Stiefvater - ganz recht ! « erwiderte Stanislaus , über dessen Gesicht sich Röte verbreitet hatte , - brach ab und schien seine Gedanken weiter zu spinnen . Die drei schwiegen . Nach einer Weile fuhr Stanislaus fort : » Es müßte interessant sein , das zu erforschen . « » Was denn ? « fragte Olga . » Das Schicksal der unehelichen Kinder . - Hier müßte man nach zwei Gesichtspunkten untersuchen « , fuhr er fort , vertieft in sein Thema , - als zeichne er eine Disposition . » Man müßte erstens « - er schob den Daumen vor - » die Entwickelung jener Kinder verfolgen , deren Mütter ledig blieben , - und zweitens « , der Zeigefinger folgte , » die der anderen , deren Mütter später noch zur Ehe gelangten . « » Du meinst die , die schließlich den Vater ihres Kindes heiraten ? « Zögernd und gedehnt , kam es heraus : » Die meine ich eigentlich nicht , - das heißt auch , aber hier liegt nicht das wesentliche Problem . « » Sondern ? « » Ich meine - mich interessiert eine besondere Gruppe - - ich meine die - eben die Familie , - in der der Gatte nicht der Vater des Kindes ist , das das Mädchen schon vor der Ehe besaß ... Diese - diese Stiefvaterfamilie , die erscheint mir