mir , daß es natürlich jedem freistand , Abschnitte zu machen , aber sie waren erfunden . Und es erwies sich , daß ich zu ungeschickt war , mir welche auszudenken . Sooft ich es versuchte , gab mir das Leben zu verstehen , daß es nichts von ihnen wußte . Bestand ich aber darauf , daß meine Kindheit vorüber sei , so war in demselben Augenblick auch alles Kommende fort , und mir blieb nur genau so viel , wie ein Bleisoldat unter sich hat , um stehen zu können . Diese Entdeckung sonderte mich begreiflicherweise noch mehr ab . Sie beschäftigte mich in mir und erfüllte mich mit einer Art endgültiger Frohheit , die ich für Kümmernis nahm , weil sie weit über mein Alter hinausging . Es beunruhigte mich auch , wie ich mich entsinne , daß man nun , da nichts für eine bestimmte Frist vorgesehen war , manches überhaupt versäumen könne . Und als ich so nach Ulsgaard zurückkehrte und alle die Bücher sah , machte ich mich darüber her ; recht in Eile , mit fast schlechtem Gewissen . Was ich später so oft empfunden habe , das ahnte ich damals irgendwie voraus : daß man nicht das Recht hatte , ein Buch aufzuschlagen , wenn man sich nicht verpflichtete , alle zu lesen . Mit jeder Zeile brach man die Welt an . Vor den Büchern war sie heil und vielleicht wieder ganz dahinter . Wie aber sollte ich , der nicht lesen konnte , es mit allen aufnehmen ? Da standen sie , selbst in diesem bescheidenen Bücherzimmer , in so aussichtsloser Überzahl und hielten zusammen . Ich stürzte mich trotzig und verzweifelt von Buch zu Buch und schlug mich durch die Seiten durch wie einer , der etwas Unverhältnismäßiges zu leisten hat . Damals las ich Schiller und Baggesen , Öhlenschläger und Schack-Staffeldt , was von Walter Scott da war und Calderon . Manches kam mir in die Hände , was gleichsam schon hätte gelesen sein müssen , für anderes war es viel zu früh ; fällig war fast nichts für meine damalige Gegenwart . Und trotzdem las ich . In späteren Jahren geschah es mir zuweilen nachts , daß ich aufwachte , und die Sterne standen so wirklich da und gingen so bedeutend vor , und ich konnte nicht begreifen , wie man es über sich brachte , so viel Welt zu versäumen . So ähnlich war mir , glaub ich , zumut , sooft ich von den Büchern aufsah und hinaus , wo der Sommer war , wo Abelone rief . Es kam uns sehr unerwartet , daß sie rufen mußte und daß ich nicht einmal antwortete . Es fiel mitten in unsere seligste Zeit . Aber da es mich nun einmal erfaßt hatte , hielt ich mich krampfhaft ans Lesen und verbarg mich , wichtig und eigensinnig , vor unseren täglichen Feiertagen . Ungeschickt wie ich war , die vielen , oft unscheinbaren Gelegenheiten eines natürlichen Glücks auszunutzen , ließ ich mir nicht ungern von dem anwachsenden Zerwürfnis künftige Versöhnungen versprechen , die desto reizender wurden , je weiter man sie hinausschob . Übrigens war mein Leseschlaf eines Tages so plötzlich zu Ende , wie er begonnen hatte ; und da erzürnten wir einander gründlich . Denn Abelone ersparte mir nun keinerlei Spott und Überlegenheit , und wenn ich sie in der Laube traf , behauptete sie zu lesen . An dem einen Sonntag-Morgen lag das Buch zwar geschlossen neben ihr , aber sie schien mehr als genug mit den Johannisbeeren beschäftigt , die sie vorsichtig mittels einer Gabel aus ihren kleinen Trauben streifte . Es muß dies eine von jenen Tagesfrühen gewesen sein , wie es solche im Juli giebt , neue , ausgeruhte Stunden , in denen überall etwas frohes Unüberlegtes geschieht . Aus Millionen kleinen ununterdrückbaren Bewegungen setzt sich ein Mosaik überzeugtesten Daseins zusammen ; die Dinge schwingen ineinander hinüber und hinaus in die Luft , und ihre Kühle macht den Schatten klar und die Sonne zu einem leichten , geistigen Schein . Da giebt es im Garten keine Hauptsache ; alles ist überall , und man müßte in allem sein , um nichts zu versäumen . In Abelonens kleiner Handlung aber war das Ganze nochmal . Es war so glücklich erfunden , gerade dies zu tun und genau so , wie sie es tat . Ihre im Schattigen hellen Hände arbeiteten einander so leicht und einig zu , und vor der Gabel sprangen mutwillig die runden Beeren her , in die mit tauduffem Weinblatt ausgelegte Schale hinein , wo schon andere sich häuften , rote und blonde , glanzlichternd , mit gesunden Kernen im herben Innern . Ich wünschte unter diesen Umständen nichts als zuzusehen , aber , da es wahrscheinlich war , daß man mirs verwies , ergriff ich , auch um mich unbefangen zu geben , das Buch , setzte mich an die andere Seite des Tisches und ließ mich , ohne lang zu blättern , irgendwo damit ein . » Wenn du doch wenigstens laut läsest , Leserich « , sagte Abelone nach einer Weile . Das klang lange nicht mehr so streitsüchtig , und da es , meiner Meinung nach , ernstlich Zeit war , sich auszugleichen , las ich sofort laut , immerzu bis zu einem Abschnitt und weiter , die nächste Überschrift : An Bettine . » Nein , nicht die Antworten « , unterbrach mich Abelone und legte auf einmal wie erschöpft die kleine Gabel nieder . Gleich darauf lachte sie über das Gesicht , mit dem ich sie ansah . » Mein Gott , was hast du schlecht gelesen , Malte . « Da mußte ich nun zugeben , daß ich keinen Augenblick bei der Sache gewesen sei . » Ich las nur , damit du mich unterbrichst « , gestand ich und wurde heiß und blätterte zurück nach dem Titel des Buches . Nun wußte ich erst , was es war . » Warum denn nicht die Antworten ? « fragte ich neugierig . Es war , als hätte Abelone mich nicht gehört . Sie saß da in ihrem lichten Kleid , als ob sie überall innen ganz dunkel würde , wie ihre Augen wurden . » Gieb her « , sagte sie plötzlich wie im Zorn und nahm mir das Buch aus der Hand und schlug es richtig dort auf , wo sie es wollte . Und dann las sie einen von Bettinens Briefen . Ich weiß nicht , was ich davon verstand , aber es war , als würde mir feierlich versprochen , dieses alles einmal einzusehen . Und während ihre Stimme zunahm und endlich fast jener glich , die ich vom Gesang her kannte , schämte ich mich , daß ich mir unsere Versöhnung so gering vorgestellt hatte . Denn ich begriff wohl , daß sie das war . Aber nun geschah sie irgendwo ganz im Großen , weit über mir , wo ich nicht hinreichte . Das Versprechen erfüllt sich noch immer , irgendwann ist dasselbe Buch unter meine Bücher geraten , unter die paar Bücher , von denen ich mich nicht trenne . Nun schlägt es sich auch mir an den Stellen auf , die ich gerade meine , und wenn ich sie lese , so bleibt es unentschieden , ob ich an Bettine denke oder an Abelone . Nein , Bettine ist wirklicher in mir geworden , Abelone , die ich gekannt habe , war wie eine Vorbereitung auf sie , und nun ist sie mir in Bettine aufgegangen wie in ihrem eigenen , unwillkürlichen Wesen . Denn diese wunderliche Bettine hat mit allen ihren Briefen Raum gegeben , geräumigste Gestalt . Sie hat von Anfang an sich im Ganzen so ausgebreitet , als wär sie nach ihrem Tod . Überall hat sie sich ganz weit ins Sein hineingelegt , zugehörig dazu , und was ihr geschah , das war ewig in der Natur ; dort erkannte sie sich und löste sich beinah schmerzhaft heraus ; erriet sich mühsam zurück wie aus Überlieferungen , beschwor sich wie einen Geist und hielt sich aus . Eben warst du noch , Bettine ; ich seh dich ein . Ist nicht die Erde noch warm von dir , und die Vögel lassen noch Raum für deine Stimme . Der Tau ist ein anderer , aber die Sterne sind noch die Sterne deiner Nächte . Oder ist nicht die Welt überhaupt von dir ? denn wie oft hast du sie in Brand gesteckt mit deiner Liebe und hast sie lodern sehen und aufbrennen und hast sie heimlich durch eine andere ersetzt , wenn alle schliefen . Du fühltest dich so recht im Einklang mit Gott , wenn du jeden Morgen eine neue Erde von ihm verlangtest , damit doch alle drankämen , die er gemacht hatte . Es kam dir armsälig vor , sie zu schonen und auszubessern , du verbrauchtest sie und hieltest die Hände hin um immer noch Welt . Denn deine Liebe war allem gewachsen . Wie ist es möglich , daß nicht noch alle erzählen von deiner Liebe ? Was ist denn seither geschehen , was merkwürdiger war ? Was beschäftigt sie denn ? Du selber wußtest um deiner Liebe Wert , du sagtest sie laut deinem größesten Dichter vor , daß er sie menschlich mache ; denn sie war noch Element . Er aber hat sie den Leuten ausgeredet , da er dir schrieb . Alle haben diese Antworten gelesen und glauben ihnen mehr , weil der Dichter ihnen deutlicher ist als die Natur . Aber vielleicht wird es sich einmal zeigen , daß hier die Grenze seiner Größe war . Diese Liebende ward ihm auferlegt , und er hat sie nicht bestanden . Was heißt es , daß er nicht hat erwidern können ? Solche Liebe bedarf keiner Erwiderung , sie hat Lockruf und Antwort in sich ; sie erhört sich selbst . Aber demütigen hätte er sich müssen vor ihr in seinem ganzen Staat und schreiben was sie diktiert , mit beiden Händen , wie Johannes auf Patmos , knieend . Es gab keine Wahl dieser Stimme gegenüber , die » das Amt der Engel verrichtete « ; die gekommen war , ihn einzuhüllen und zu entziehen ins Ewige hinein . Da war der Wagen seiner feurigen Himmelfahrt . Da war seinem Tod der dunkle Mythos bereitet , den er leer ließ . Das Schicksal liebt es , Muster und Figuren zu erfinden . Seine Schwierigkeit beruht im Komplizierten . Das Leben selbst aber ist schwer aus Einfachheit . Es hat nur ein paar Dinge von uns nicht angemessener Größe . Der Heilige , indem er das Schicksal ablehnt , wählt diese , Gott gegenüber . Daß aber die Frau , ihrer Natur nach , in Bezug auf den Mann die gleiche Wahl treffen muß , ruft das Verhängnis aller Liebesbeziehungen herauf : entschlossen und schicksalslos , wie eine Ewige , steht sie neben ihm , der sich verwandelt . Immer übertrifft die Liebende den Geliebten , weil das Leben größer ist als das Schicksal . Ihre Hingabe will unermeßlich sein : dies ist ihr Glück . Das namenlose Leid ihrer Liebe aber ist immer dieses gewesen : daß von ihr verlangt wird , diese Hingabe zu beschränken . Es ist keine andere Klage je von Frauen geklagt worden : die beiden ersten Briefe Heloïsens enthalten nur sie , und fünfhundert Jahre später erhebt sie sich aus den Briefen der Portugiesin ; man erkennt sie wieder wie einen Vogelruf . Und plötzlich geht durch den hellen Raum dieser Einsicht der Sappho fernste Gestalt , die die Jahrhunderte nicht fanden , da sie sie im Schicksal suchten . Ich habe niemals gewagt , von ihm eine Zeitung zu kaufen . Ich bin nicht sicher , daß er wirklich immer einige Nummern bei sich hat , wenn er sich außen am Luxembourg-Garten langsam hin und zurück schiebt den ganzen Abend lang . Es kehrt dem Gitter den Rücken , und seine Hand streift den Steinrand , auf dem die Stäbe aufstehen . Er macht sich so flach , daß täglich viele vorübergehen , die ihn nie gesehen haben . Zwar hat er noch einen Rest von Stimme in sich und mahnt ; aber das ist nicht anders als ein Geräusch in einer Lampe oder im Ofen oder wenn es in eigentümlichen Abständen in einer Grotte tropft . Und die Welt ist so eingerichtet , daß es Menschen giebt , die ihr ganzes Leben lang in der Pause vorbeikommen , wenn er , lautloser als alles was sich bewegt , weiter rückt wie ein Zeiger , wie eines Zeigers Schatten , wie die Zeit . Wie unrecht hatte ich , ungern hinzusehen . Ich schäme mich aufzuschreiben , daß ich oft in seiner Nähe den Schritt der andern annahm , als wüßte ich nicht um ihn . Dann hörte ich es in ihm » La Presse « sagen und gleich darauf noch einmal und ein drittes Mal in raschen Zwischenräumen . Und die Leute neben mir sahen sich um und suchten die Stimme . Nur ich tat eiliger als alle , als wäre mir nichts aufgefallen , als wäre ich innen überaus beschäftigt . Und ich war es in der Tat . Ich war beschäftigt , ihn mir vorzustellen , ich unternahm die Arbeit , ihn einzubilden , und der Schweiß trat mir aus vor Anstrengung . Denn ich mußte ihn machen wie man einen Toten macht , für den keine Beweise mehr da sind , keine Bestandteile ; der ganz und gar innen zu leisten ist . Ich weiß jetzt , daß es mir ein wenig half , an die vielen abgenommenen Christusse aus streifigem Elfenbein zu denken , die bei allen Althändlern herumliegen . Der Gedanke an irgendeine Pietà trat vor und ab - : dies alles wahrscheinlich nur , um eine gewisse Neigung hervorzurufen , in der sein langes Gesicht sich hielt , und den trostlosen Bartnachwuchs im Wangenschatten und die endgültig schmerzvolle Blindheit seines verschlossenen Ausdrucks , der schräg aufwärts gehalten war . Aber es war außerdem so vieles , was zu ihm gehörte ; denn dies begriff ich schon damals , daß nichts an ihm nebensächlich sei : nicht die Art , wie der Rock oder der Mantel , hinten abstehend , überall den Kragen sehen ließ , diesen niedrigen Kragen , der in einem großen Bogen um den gestreckten , nischigen Hals stand , ohne ihn zu berühren ; nicht die grünlich schwarze Krawatte , die weit um das Ganze herumgeschnallt war ; und ganz besonders nicht der Hut , ein alter , hochgewölbter , steifer Filzhut , den er trug wie alle Blinden ihre Hüte tragen : ohne Bezug zu den Zeilen des Gesichts , ohne die Möglichkeit , aus diesem Hinzukommenden und sich selbst eine neue äußere Einheit zu bilden ; nicht anders als irgendeinen verabredeten fremden Gegenstand . In meiner Feigheit , nicht hinzusehen , brachte ich es so weit , daß das Bild dieses Mannes sich schließlich oft auch ohne Anlaß stark und schmerzhaft in mir zusammenzog zu so hartem Elend , daß ich mich , davon bedrängt , entschloß , die zunehmende Fertigkeit meiner Einbildung durch die auswärtige Tatsache einzuschüchtern und aufzuheben . Es war gegen Abend . Ich nahm mir vor , sofort aufmerksam an ihm vorbeizugehen . Nun muß man wissen : es ging auf den Frühling zu . Der Tagwind hatte sich gelegt , die Gassen waren lang und befriedigt ; an ihrem Ausgang schimmerten Häuser , neu wie frische Bruchstellen eines weißen Metalls . Aber es war ein Metall , das einen überraschte durch seine Leichtigkeit . In den breiten , fortlaufenden Straßen zogen viele Leute durcheinander , fast ohne die Wagen zu fürchten , die selten waren . Es mußte ein Sonntag sein . Die Turmaufsätze von Saint-Sulpice zeigten sich heiter und unerwartet hoch in der Windstille , und durch die schmalen , beinah römischen Gassen sah man unwillkürlich hinaus in die Jahreszeit . Im Garten und davor war so viel Bewegung von Menschen , daß ich ihn nicht gleich sah . Oder erkannte ich ihn zuerst nicht zwischen der Menge durch ? Ich wußte sofort , daß meine Vorstellung wertlos war . Die durch keine Vorsicht oder Verstellung eingeschränkte Hingegebenheit seines Elends übertraf meine Mittel . Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner Haltung begriffen gehabt noch das Entsetzen , mit dem die Innenseite seiner Lider ihn fortwährend zu erfüllen schien . Ich hatte nie an seinen Mund gedacht , der eingezogen war wie die Öffnung eines Ablaufs . Möglicherweise hatte er Erinnerungen ; jetzt aber kam nie mehr etwas zu seiner Seele hinzu als täglich das amorphe Gefühl des Steinrands hinter ihm , an dem seine Hand sich abnutzte . Ich war stehngeblieben , und während ich das alles fast gleichzeitig sah , fühlte ich , daß er einen anderen Hut hatte und eine ohne Zweifel sonntägliche Halsbinde ; sie war schräg in gelben und violetten Vierecken gemustert , und was den Hut angeht , so war es ein billiger neuer Strohhut mit einem grünen Band . Es liegt natürlich nichts an diesen Farben , und es ist kleinlich , daß ich sie behalten habe . Ich will nur sagen , daß sie an ihm waren wie das Weicheste auf eines Vogels Unterseite . Er selbst hatte keine Lust daran , und wer von allen ( ich sah mich um ) durfte meinen , dieser Staat wäre um seinetwillen ? Mein Gott , fiel es mir mit Ungestüm ein , so bist du also . Es giebt Beweise für deine Existenz . Ich habe sie alle vergessen und habe keinen je verlangt , denn welche ungeheuere Verpflichtung läge in deiner Gewißheit . Und doch , nun wird mirs gezeigt . Dieses ist dein Geschmack , hier hast du Wohlgefallen . Daß wir doch lernten , vor allem aushalten und nicht urteilen . Welche sind die schweren Dinge ? Welche die gnädigen ? Du allein weißt es . Wenn es wieder Winter wird und ich muß einen neuen Mantel haben , - gieb mir , daß ich ihn so trage , solang er neu ist . Es ist nicht , daß ich mich von ihnen unterscheiden will , wenn ich in besseren , von Anfang an meinigen Kleidern herumgehe und darauf halte , irgendwo zu wohnen . Ich bin nicht so weit . Ich habe nicht das Herz zu ihrem Leben . Wenn mir der Arm einginge , ich glaube , ich versteckte ihn . Sie aber ( ich weiß nicht , wer sie sonst war ) , sie erschien jeden Tag vor den Terrassen der Caféhäuser , und obwohl es sehr schwer war für sie , den Mantel abzutun und sich aus dem unklaren Zeug und Unterzeug herauszuziehen , sie scheute der Mühe nicht und tat ab und zog aus so lange , daß mans kaum mehr erwarten konnte . Und dann stand sie vor uns , bescheiden , mit ihrem dürren , verkümmerten Stück , und man sah , daß es rar war . Nein , es ist nicht , daß ich mich von ihnen unterscheiden will ; aber ich überhübe mich , wollte ich ihnen gleich sein . Ich bin es nicht . Ich hätte weder ihre Stärke noch ihr Maß . Ich ernähre mich , und so bin ich von Mahlzeit zu Mahlzeit , völlig geheimnislos ; sie aber erhalten sich fast wie Ewige . Sie stehen an ihren täglichen Ecken , auch im November , und schreien nicht vor Winter . Der Nebel kommt und macht sie undeutlich und ungewiß : sie sind gleichwohl . Ich war verreist , ich war krank , vieles ist mir vergangen : sie aber sind nicht gestorben . 6 ( Ich weiß ja nicht einmal , wie es möglich ist , daß die Schulkinder aufstehn in den Kammern voll grauriechender Kälte ; wer sie bestärkt , die überstürzten Skelettchen , daß sie hinauslaufen in die erwachsene Stadt , in die trübe Neige der Nacht , in den ewigen Schultag , immer noch klein , immer voll Vorgefühl , immer verspätet . Ich habe keine Vorstellung von der Menge Beistand , die fortwährend verbraucht wird . ) Diese Stadt ist voll von solchen , die langsam zu ihnen hinabgleiten . Die meisten sträuben sich erst ; aber dann giebt es diese verblichenen , alternden Mädchen , die sich fortwährend ohne Widerstand hinüberlassen , starke , im Innersten ungebrauchte , die nie geliebt worden sind . Vielleicht meinst du , mein Gott , daß ich alles lassen soll und sie lieben . Oder warum wird es mir so schwer , ihnen nicht nachzugehen , wenn sie mich überholen ? Warum erfind ich auf einmal die süßesten , nächtlichsten Worte , und meine Stimme steht sanft in mir zwischen Kehle und Herz . Warum stell ich mir vor , wie ich sie unsäglich vorsichtig an meinen Atem halten würde , diese Puppen , mit denen das Leben gespielt hat , ihnen Frühling um Frühling für nichts und wieder nichts die Arme auseinanderschlagend bis sie locker wurden in den Schultern . Sie sind nie sehr hoch von einer Hoffnung gefallen , so sind sie nicht zerbrochen ; aber abgeschlagen sind sie und schon dem Leben zu schlecht . Nur verlorene Katzen kommen abends zu ihnen in die Kammer und zerkratzen sie heimlich und schlafen auf ihnen . Manchmal folge ich einer zwei Gassen weit . Sie gehen an den Häusern hin , fortwährend kommen Menschen , die sie verdecken , sie schwinden hinter ihnen weiter wie nichts . Und doch , ich weiß , wenn einer nun versuchte , sie liebzuhaben , so wären sie schwer an ihm wie Zuweitgegangene , die aufhören zu gehn . Ich glaube , nur Jesus ertrüge sie , der noch das Auferstehen in allen Gliedern hat ; aber ihm liegt nichts an ihnen . Nur die Liebenden verführen ihn , nicht die , die warten mit einem kleinen Talent zur Geliebten wie mit einer kalten Lampe . Ich weiß , wenn ich zum Äußersten bestimmt bin , so wird es mir nichts helfen , daß ich mich verstelle in meinen besseren Kleidern . Glitt er nicht mitten im Königtum unter die Letzten ? Er , der statt aufzusteigen hinabsank bis auf den Grund . Es ist wahr , ich habe zuzeiten an die anderen Könige geglaubt , obwohl die Parke nichts mehr beweisen . Aber es ist Nacht , es ist Winter , ich friere , ich glaube an ihn . Denn die Herrlichkeit ist nur ein Augenblick , und wir haben nie etwas Längeres gesehen als das Elend . Der König aber soll dauern . Ist nicht dieser der Einzige , der sich erhielt unter seinem Wahnsinn wie Wachsblumen unter einem Glassturz ? Für die anderen beteten sie in den Kirchen um langes Leben , von ihm aber verlangte der Kanzler Jean Charlier Gerson , daß er ewig sei , und das war damals , als er schon der Dürftigste war , schlecht und von schierer Armut trotz seiner Krone . Das war damals , als von Zeit zu Zeit Männer fremdlings , mit geschwärztem Gesicht , ihn in seinem Bette überfielen , um ihm das in die Schwären hineingefaulte Hemde abzureißen , das er schon längst für sich selber hielt . Es war verdunkelt im Zimmer , und sie zerrten unter seinen steifen Armen die mürben Fetzen weg , wie sie sie griffen . Dann leuchtete einer vor , und da erst entdeckten sie die jäsige Wunde auf seiner Brust , in die das eiserne Amulett eingesunken war , weil er es jede Nacht an sich preßte mit aller Kraft seiner Inbrunst ; nun stand es tief in ihm , fürchterlich kostbar , in einem Perlensaum von Eiter wie ein wundertuender Rest in der Mulde eines Reliquärs . Man hatte harte Handlanger ausgesucht , aber sie waren nicht ekelfest , wenn die Würmer , gestört , nach ihnen herüberstanden aus dem flandrischen Barchent und , aus den Falten abgefallen , sich irgendwo an ihren Ärmeln aufzogen . Es war ohne Zweifel schlimmer geworden mit ihm seit den Tagen der parva regina ; denn sie hatte doch noch bei ihm liegen mögen , jung und klar wie sie war . Dann war sie gestorben . Und nun hatte keiner mehr gewagt , eine Beischläferin an dieses Aas anzubetten . Sie hatte die Worte und Zärtlichkeiten nicht hinterlassen , mit denen der König zu mildern war . So drang niemand mehr durch dieses Geistes Verwilderung ; niemand half ihm aus den Schluchten seiner Seele ; niemand begriff es , wenn er selbst plötzlich heraustrat mit dem runden Blick eines Tiers , das auf die Weide geht . Wenn er dann das beschäftigte Gesicht Juvenals erkannte , so fiel ihm das Reich ein , wie es zuletzt gewesen war . Und er wollte nachholen , was er versäumt hatte . Aber es lag an den Ereignissen jener Zeitläufte , daß sie nicht schonend beizubringen waren . Wo etwas geschah , da geschah es mit seiner ganzen Schwere , und war wie aus einem Stück , wenn man es sagte . Oder was war davon abzuziehen , daß sein Bruder ermordet war , daß gestern Valentina Visconti , die er immer seine liebe Schwester nannte , vor ihm gekniet hatte , lauter Witwenschwarz weghebend von des entstellten Antlitzes Klage und Anklage ? Und heute stand stundenlang ein zäher , rediger Anwalt da und bewies das Recht des fürstlichen Mordgebers , solange bis das Verbrechen durchscheinend wurde und als wollte es licht in den Himmel fahren . Und gerecht sein hieß , allen recht geben ; denn Valentina von Orleans starb Kummers , obwohl man ihr Rache versprach . Und was half es , dem burgundischen Herzog zu verzeihen und wieder zu verzeihen ; über den war die finstere Brunst der Verzweiflung gekommen , so daß er schon seit Wochen tief im Walde von Argilly wohnte in einem Zelt und behauptete , nachts die Hirsche schreien hören zu müssen zu seiner Erleichterung . Wenn man dann das alles bedacht hatte , immer wieder bis ans Ende , kurz wie es war , so begehrte das Volk einen zu sehen , und es sah einen : ratlos . Aber das Volk freute sich des Anblicks ; es begriff , daß dies der König sei : dieser Stille , dieser Geduldige , der nur da war , um es zuzulassen , daß Gott über ihn weg handelte in seiner späten Ungeduld . In diesen aufgeklärten Augenblicken auf dem Balkon seines Hôtels von Saint-Pol ahnte der König vielleicht seinen heimlichen Fortschritt ; der Tag von Roosbecke fiel ihm ein , als sein Oheim von Berry ihn an der Hand genommen hatte , um ihn hinzuführen vor seinen ersten fertigen Sieg ; da überschaute er in dem merkwürdig langhellen Novembertag die Massen der Genter , so wie sie sich erwürgt hatten mit ihrer eigenen Enge , da man gegen sie angeritten war von allen Seiten . Ineinandergewunden wie ein ungeheueres Gehirn , lagen sie da in den Haufen , zu denen sie sich selber zusammengebunden hatten , um dicht zu sein . Die Luft ging einem weg , wenn man da und dort ihre erstickten Gesichter sah ; man konnte es nicht lassen , sich vorzustellen , daß sie weit über diesen vor Gedränge noch stehenden Leichen verdrängt worden sei durch den plötzlichen Austritt so vieler verzweifelter Seelen . Dies hatte man ihm eingeprägt als den Anfang seines Ruhms . Und er hatte es behalten . Aber , wenn das damals der Triumph des Todes war , so war dieses , daß er hier stand auf seinen schwachen Knieen , aufrecht in allen diesen Augen : das Mysterium der Liebe . An den anderen hatte er gesehen , daß man jenes Schlachtfeld begreifen konnte , so ungeheuer es war . Dies hier wollte nicht begriffen sein ; es war genau so wunderbar wie einst der Hirsch mit dem goldenen Halsband im Wald von Senlis . Nur daß er jetzt selber die Erscheinung war , und andere waren versunken in Anschauen . Und er zweifelte nicht , daß sie atemlos waren und von derselben weiten Erwartung , wie sie einmal ihn an jenem jünglinglichen Jagdtag überfiel , als das stille Gesicht , äugend , aus den Zweigen trat . Das Geheimnis seiner Sichtbarkeit verbreitete sich über seine sanfte Gestalt ; er rührte sich nicht , aus Scheu , zu vergehen , das dünne Lächeln auf seinem breiten , einfachen Gesicht nahm eine natürliche Dauer an wie bei steinernen Heiligen und bemühte ihn nicht . So hielt er sich hin , und es war einer jener Augenblicke , die die Ewigkeit sind , in Verkürzung gesehen . Die Menge ertrug es kaum . Gestärkt , von unerschöpflich vermehrter Tröstung gespeist , durchbrach sie die Stille mit dem Aufschrei der Freude . Aber oben auf dem Balkon war nur noch Juvenal des Ursins , und er rief in die nächste Beruhigung hinein , daß der König rue Saint-Denis kommen würde zu der Passionsbrüderschaft , die Mysterien sehen . Zu solchen Tagen war der König voll milden Bewußtseins . Hätte ein Maler jener Zeit einen Anhalt gesucht für das Dasein im Paradiese , er hätte kein vollkommeneres Vorbild finden können als des Königs gestillte Figur , wie sie in einem der hohen Fenster des Louvre stand unter dem Sturz ihrer Schultern . Er blätterte in dem Kleinen Buch der Christine de Pisan , das » Der Weg des langen Lernens « heißt und das ihm gewidmet war . Er las nicht die gelehrten Streitreden jenes allegorischen Parlaments , das sich vorgesetzt hatte , den Fürsten ausfindig zu machen , der würdig sei , über die Welt zu herrschen . Das Buch schlug sich ihm immer an den einfachsten Stellen auf : wo von dem Herzen die Rede war , das dreizehn Jahre lang wie ein Kolben über dem Schmerzfeuer nur dazu