je präziser sie sich gebärden , umso weniger . Ich weiß , wie ich bin . Nicht um die Welt fahr ich hin . Lächerlich auch noch ? Nein , nein , nein ... « » Also was werden Sie tun ? « Heinrich zuckte die Achseln , als ginge ihn die Sache doch eigentlich nichts an . Etwas geärgert , fragte Georg wieder : » Wenn Sie mir eine Bemerkung erlauben , was sagt denn die ... Hauptbeteiligte ? « » Die Hauptbeteiligte , wie Sie sie mit infernalischem , aber unbewußtem Witz nennen , weiß vorläufig nichts davon , daß ich anonyme Briefe bekomme . « » Haben Sie die Korrespondenz mit ihr abgebrochen ? « » Was fällt Ihnen ein ? Wir schreiben uns täglich , nach wie vor ; sie mir die zärtlichsten und verlogensten Briefe , ich ihr die gemeinsten , die Sie sich vorstellen können , unaufrichtig , hinterhältig , marternd bis aufs Blut . « » Hören Sie , Heinrich , Sie sind wahrhaftig kein sehr edler Charakter . « Heinrich lachte laut auf . » Nein , edel bin ich nicht , dazu bin ich offenbar nicht auf die Welt gekommen . « » Und wenn man bedenkt , daß es am Ende lauter Verleumdungen sind ! « Georg , für seinen Teil , zweifelte natürlich nicht , daß die anonymen Briefe die Wahrheit enthielten . Trotzdem wünschte er ehrlich , daß Heinrich an Ort und Stelle reiste , sich selbst überzeugte , irgend etwas unternähme , jemanden ohrfeigte oder niederschösse . Er stellte sich Felician in einem ähnlichen Falle vor , oder Stanzides , oder Willy Eißler . Alle hätten sich besser benommen , oder wenigstens anders , und gewiß in einer ihm sympathischern Art. Plötzlich fuhr ihm die Frage durch den Kopf , was er wohl täte , wenn Anna ihn hinterginge . Anna , ihn ? ! ... War das überhaupt möglich ? Er dachte an den Blick von heut Abend , den neugierig dunkeln , den sie hinüber zu Demeter Stanzides gesandt hatte . Nein , der bedeutete nichts , das war gewiß . Und die alten Geschichten mit Leo und dem Gesangsmeister ? Die waren harmlos , kindisch beinah . Aber etwas anderes , vielleicht bedeutungsvolleres , fiel ihm ein . Einer seltsamen Frage erinnerte er sich , die sie an ihn gestellt , als sie sich neulich in seiner Gesellschaft verspätet und mit einer Ausrede hatte nach Hause eilen müssen . Ob er nicht fürchte , hatte sie gefragt , es einmal bereuen zu müssen , daß er sie zur Lügnerin machte ? Halb wie ein Vorwurf , halb wie eine Warnung hatte es geklungen . Und wenn sie selbst ihrer so wenig sicher schien , durfte er ihr ohne weiteres vertrauen ? Liebte er sie nicht auch und betrog er sie nicht trotzdem , oder war in jedem Augenblick bereit dazu , was am Ende dasselbe bedeutete ? Vor einer Stunde im Wagen , als er sie in den Armen hielt und küßte , hatte sie gewiß nicht geahnt , daß er einen andern Gedanken hatte als sie . Und doch , in irgendeinem Augenblick , seine Lippen auf den ihren , hatte er sich nach Sissy gesehnt . Warum sollte es nicht geschehen können , daß Anna ihn betrog ? . ... Am Ende schon geschehen sein ... ohne daß er es ahnte ? ... Aber all diese Einfälle waren gleichsam ohne Schwere . Wie phantastische , beinahe amüsante Möglichkeiten schwebten sie durch den Sinn . Er stand mit Heinrich vor dem geschlossenen Haustor in der Florianigasse und reichte ihm die Hand . » Also leben Sie wohl « , sagte er , » wenn wir uns wiedersehen , sind Sie hoffentlich von Ihren Zweifeln geheilt . « » Wäre das ein besonderer Gewinn ? « fragte Heinrich . » Kann man sich denn in Liebessachen mit Gewißheiten beruhigen ? Höchstens mit schlimmen , denn die sind für die Dauer . Aber eine gute Gewißheit ist bestenfalls ein Rausch ... Nun grüß Sie Gott . Im Mai sehen wir uns hoffentlich wieder . Da komm ich , was immer geschehen sein mag , auf einige Zeit her , und da können wir auch über unsere famose Oper weiterreden . « » Ja , wenn ich im Mai schon wieder in Wien bin . Es könnte sein , daß ich erst im Herbst zurückkomme . « » Und dann gleich wieder fort in Ihren neuen Beruf ? « » Es wäre nicht unmöglich , daß es sich so fügt . « Und er sah Heinrich ins Auge mit einer Art von kindlich-trotzigem Lächeln : Ich sag dir ' s ja doch nicht ! Heinrich schien befremdet . » Hören Sie , Georg , da stehen wir ja vielleicht zum letztenmal zusammen vor diesem Tor . O , ich bin fern davon , mich in Ihr Vertrauen einzudrängen . Es wird wohl bei diesem etwas einseitigen Verhältnis zwischen uns bleiben müssen . Na tut nichts . « Georg sah vor sich hin . » Der Himmel beschütze Sie « , sagte Heinrich , als das Tor sich auftat . » Und lassen Sie gelegentlich von sich hören . « » Gewiß « , erwiderte Georg und sah plötzlich Heinrichs Augen mit einem unerwarteten Ausdruck von Innigkeit auf sich ruhen . » Gewiß ... und Sie müssen mir auch schreiben . Jedenfalls geben Sie mir Nachricht , wie es bei Ihnen zu Hause steht und was Sie arbeiten . Überhaupt « , setzte er herzlich hinzu , » wir müssen in ununterbrochener Verbindung bleiben . « Der Hausmeister stand da , mit gesträubtem Haar , verschlafenem und bösem Blick , in einem grünlich-braunen Schlafrock , mit Schlapfen an den nackten Füßen . Heinrich reichte Georg ein letztes Mal die Hand . » Auf Wiedersehen , lieber Freund « , sagte er . Und dann , leiser , auf den Torwächter deutend : » Ich kann ihn nicht länger warten lassen . Wie er mich in dieser Sekunde bei sich nennt , können Sie von seiner edeln , unverfälscht einheimischen Physiognomie ohne besondere Schwierigkeiten ablesen . Adieu . « Georg mußte lachen . Heinrich verschwand , das Tor schmetterte zu . Georg empfand keine Spur von Schläfrigkeit und entschloß sich , zu Fuß heimwärts zu wandern . Er war in erregter , gehobener Stimmung . Den Tagen , die nun kommen sollten , sah er mit eigentümlicher Spannung entgegen . Er dachte an das morgige Wiedersehen mit Anna , an Besprechungen , die in Aussicht waren , an die Abreise , an das Haus , das schon irgendwo in der Welt stand , und das ihm in seiner Vorstellung jetzt ungefähr erschien , wie ein Haus aus einer Spielereischachtel , licht , grün , mit einem knallroten Dach und einem schwarzen Rauchfang . Und wie ein Bild , von einer Laterna magica an einen weißen Vorhang geworfen , erschien ihm seine eigene Gestalt : er sah sich auf einem Balkon sitzen , in beglückter Einsamkeit , vor einem mit Notenblättern überdeckten Tisch ; Äste wiegten sich vor den Gitterstäben ; ein heller Himmel ruhte über ihm , und tief unten zu seinen Füßen , in traumhaft übertriebenem Blau , lag das Meer . Fünftes Kapitel Georg öffnete ganz leise die Türe zu Annas Zimmer . Sie lag noch schlafend im Bette und atmete tief und ruhig . Er begab sich aus dem leicht verdunkelten Raum wieder in sein Zimmer zurück und schloß die Türe . Dann trat er ans geöffnete Fenster und schaute hinaus . Über dem Wasser schwebte sonnenschimmernder Nebel . Die Berge drüben , mit reingezogenen Linien , schwammen in Himmelsglanz , und über den Gärten und Häusern von Lugano flimmerte das hellste Blau . Georg war wieder ganz beseligt , diese Junimorgenluft einzuatmen , die vom See die feuchte Frische und von den Platanen , Magnolien und Rosen im Hotelpark den Duft zu ihm emportrug ; diese Landschaft anzuschauen , deren Frühlingsfriede ihn nun seit drei Wochen jeden Morgen wie ein neues Glück begrüßte . Rasch trank er seinen Tee aus , lief die Treppe so schnell und erwartungsvoll hinab , wie er einst als Knabe zum Spiel geeilt war , und im grauen Dufte der Frühschatten schlug er den gewohnten Weg längs des Ufers ein . Hier gedachte er seiner einsamen Morgenspaziergänge in Palermo und Taormina im vergangenen Frühjahr , die er oft auf viele Stunden ausgedehnt hatte , da Grace gern bis Mittag mit offenen Augen im Bett lag . Fast umdüstert erschien ihm in der Erinnerung jene Zeit seines Lebens , über der ein naher Abschied , wenn auch manchmal herbeigewünscht , doch wie eine trübe Wolke gelastet hatte . Diesmal schien ihm alles Schmerzliche in weiter Ferne zu liegen , und jedenfalls war es in seiner Macht , ein Ende , wenn es nicht vom Schicksal selber kam , so weit hinauszuschieben , als er wollte . Anfang März war er mit Anna aus Wien abgereist , da ihr Zustand kaum länger zu verbergen war . Doch schon im Januar hatte sich Georg entschlossen , mit ihrer Mutter zu sprechen . Er hatte sich einigermaßen vorbereitet , und so vermochte er seine Mitteilungen in ruhigen und wohlgesetzten Worten vorzubringen . Die Mutter hörte still zu , und ihre Augen wurden groß und feucht . Anna saß auf dem Diwan mit befangenem Lächeln und betrachtete Georg , während er sprach , mit einer Art von Neugier . Der Plan für die folgenden Monate war entworfen . Bis zum Frühsommer wollte Georg sich mit Anna im Auslande aufhalten , dann sollte in der Umgebung von Wien ein Landhaus gemietet werden , so daß in der schwersten Zeit die Mutter nicht fern wäre und das Kind ohne Schwierigkeiten in der Nähe der Stadt in Pflege gegeben werden konnte . Auch eine Erklärung von Annas Abreise und Fernbleiben für unberufene Neugierige war ausgedacht . Da ihre Stimme sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert hätte was beinahe der Wahrheit entsprach wäre sie zu einer berühmten Gesangslehrerin nach Dresden gereist , um ihre Ausbildung zu vollenden . Frau Rosner nickte manchmal , als stimmte sie allem zu . Aber die Züge ihres Antlitzes wurden immer trauriger . Nicht so sehr das , was sie erfahren hatte , drückte auf sie , als vielmehr die Vorstellung , daß sie es so wehrlos über sich ergehen lassen mußte , eine arme Mutter , in kleinbürgerlichen Verhältnissen , die dem vornehmen Verführer machtlos gegenübersaß . Georg , der dies mit Bedauern merkte , suchte einen immer leichteren und liebenswürdigeren Ton . Er rückte näher zu der guten Frau hin , er nahm ihre Hand und behielt sie sekundenlang in der seinen . Anna hatte sich an dem ganzen Gespräch kaum mit einem Worte beteiligt . Als aber Georg sich zum Fortgehen anschickte , erhob sie sich , und zum erstenmal vor der Mutter , als hätte sie nun ihre Verlobung mit ihm gefeiert , bot sie ihm die Lippen zum Kusse . In gehobener Stimmung ging Georg die Treppen hinunter , wie wenn nun eigentlich das schlimmste überstanden wäre . Öfter als früher verbrachte er nun ganze Stunden bei Rosners , mit Anna musizierend , deren Stimme in dieser Zeit merklich an Fülle und Kraft gewann . Das Benehmen der Mutter Georg gegenüber wurde freundlicher , ja , manchmal schien es ihm , als müßte sie sich gegen eine wachsende Sympathie für ihn geradezu wehren . Und es gab einen Abend im Kreise der Familie , an dem Georg zum Nachtmahl blieb , nachher , die Zigarre im Munde , den Anwesenden aus den Meistersingern und Lohengrin vorphantasierte , sich , ganz besonders von seiten Josefs , lebhaften Beifalls erfreuen durfte , und beim Nachhausegehen fast erschrocken merkte , daß er sich so behaglich gefühlt hatte wie in einem neu gewonnenen Heim . Ein paar Tage später , als er mit Felician beim schwarzen Kaffee saß , brachte ihm der Diener eine Karte , bei deren Empfang er eine leichte Röte aufsteigen fühlte . Felician tat , als hätte er des Bruders Verlegenheit nicht bemerkt , sagte ihm adieu und verließ das Zimmer . In der Tür begegnete er dem alten Rosner , neigte leicht den Kopf zum Gegengruß und sah vorüber . Georg forderte Herrn Rosner , der im Winterrock mit Hut und Regenschirm eingetreten war , zum Sitzen auf und bot ihm eine Zigarre an . Der alte Rosner sagte : » Ich habe eben geraucht « , was Georg irgendwie beruhigte , und nahm Platz , während Georg an den Tisch gelehnt stehen blieb . Dann begann der Alte mit gewohnter Langsamkeit : » Herr Baron werden sich wahrscheinlich denken können , weshalb ich so frei bin zu stören . Ich wollte eigentlich schon am Vormittag vorsprechen , aber ich konnte leider aus dem Bureau nicht abkommen . « » Vormittag hätten Sie mich nicht zu Hause gefunden , Herr Rosner « , erwiderte Georg verbindlich . » Nun , umso besser , daß ich den Weg nicht vergeblich gemacht habe . Also meine Frau hat mir nämlich heute morgen ... berichtet ... was sich ereignet hat . « Er sah zu Boden . » So « , sagte Georg und nagte an der Oberlippe . » Ich hatte eigentlich selbst die Absicht ... Aber wollen Sie nicht den Winterrock ablegen , es ist sehr warm im Zimmer . « » O , danke , danke , es ist mir durchaus nicht zu warm . Nun , ich war ganz entsetzt , als meine Frau mir diese Mitteilung machte . Jawohl , Herr Baron ... Nie hätt ich von Anna gedacht ... niemals für möglich gehalten ... es ist ja furchtbar ... « Er sagte alles in seiner gewohnten eintönigen Weise , nur schüttelte er öfter den Kopf dabei als sonst . Georg mußte immer auf die Glatze mit dem dünnen , gelblichgrauen Haar herunterschauen und empfand nichts als eine öde Gelangweiltheit . » Furchtbar , Herr Rosner , ist die Sache wahrhaftig nicht « , sagte er endlich . » Wenn Sie wüßten , wie sehr ich ... wie innig meine Neigung zu Anna ist , so würden Sie gewiß auch fern davon sein , die Sache furchtbar zu finden . Ihre Frau Gemahlin hat Sie ja jedenfalls hinsichtlich unserer Absichten für die nächste Zeit unterrichtet . Oder irre ich mich ? « » Durchaus nicht , Herr Baron , seit heute morgen bin ich über alles orientiert . Doch kann ich nicht verschweigen , schon seit einigen Wochen merkte ich , daß etwas im Hause nicht in Ordnung wäre . Es fiel mir insbesondere auf , daß meine Frau sehr erregt und häufig geradezu dem Weinen nahe war . « » Dem Weinen nahe ? Dazu liegt wahrhaftig kein Grund vor , Herr Rosner ; Anna selbst , auf die es doch schließlich vor allem ankommt , befindet sich sehr wohl , hat ihre gewohnte Heiterkeit ... « » Ja , Anna ist allerdings in guter Stimmung und dies , um die Wahrheit zu sagen , bildet gewissermaßen meinen Trost . Aber im übrigen kann ich Ihnen nicht schildern , Herr Baron , wie schwer getroffen ... wie , ich möchte sagen ... wie aus allen Himmeln gerissen ... nie , nie hätte ich geglaubt ... « , er konnte nicht weiter , seine Stimme zitterte . » Ich bin wirklich sehr bekümmert « , sagte Georg , » wenn Sie der Angelegenheit in dieser Weise gegenüberstehen , trotzdem Ihnen doch Ihre Frau Gemahlin jedenfalls alles auseinandergesetzt hat , und die Maßnahmen , die wir für die nächste Zeit getroffen haben , wohl auch Ihre Zustimmung finden dürften . Von einer ferneren Zeit , einer hoffentlich nicht allzufernen , will ich heute lieber noch nicht reden , weil mir Phrasen jeder Art ziemlich zuwider sind . Aber Sie können versichert sein , Herr Rosner , daß ich gewiß nicht vergessen werde , was ich einem Wesen wie Anna ... Ja , was ich mir selber schuldig bin . « Er schluckte . Soweit er zurückdachte , gab es keinen Moment in seinem Leben , in dem er sich selbst so unsympathisch gewesen war . Und nun , wie in Gesprächen von vollkommener Aussichtslosigkeit nicht anders möglich , wiederholte jeder einigemale dasselbe , bis Herr Rosner sich endlich entschuldigte gestört zu haben und sich von Georg verabschiedete , der ihn bis zur Stiege hinausbegleitete . Georg behielt es einige Tage lang nach diesem Besuche wie einen unangenehmen Nachgeschmack in der Seele . Jetzt fehlt nur noch der Bruder , dachte er geärgert und stellte sich unwillkürlich eine Auseinandersetzung vor , in deren Verlauf sich der junge Mann als Rächer der Hausehre aufzuspielen suchte und Georg ihn mit außerordentlich treffenden Worten in seine Schranken verwies . Immerhin fühlte sich Georg , nachdem die Unterredung mit den Eltern Annas überstanden war , wie befreit . Und über den Stunden , die er mit der Geliebten allein in dem friedlichen Zimmer , der Kirche gegenüber verbrachte , lag ein eigenes Gefühl von Behaglichkeit und Sicherheit . Zuweilen schien es ihnen beiden , als stünde die Zeit stille . Wohl brachte Georg zu den Zusammenkünften Reisehandbücher , den Burckhardtschen Cicerone , sogar Fahrpläne mit , und stellte gemeinschaftlich mit Anna allerlei Routen zusammen , aber eigentlich dachte er nicht ernstlich daran , daß all das einmal wahr werden sollte . Was jedoch das Haus anbelangte , in dem das Kind geboren werden sollte , so waren sie beide von der Notwendigkeit durchdrungen , daß es gefunden und gemietet sein mußte , ehe sie Wien verließen . Einmal sah Anna in der Zeitung , die sie sorgfältig daraufhin durchzulesen pflegte , ein Forsthaus angekündigt , hart am Walde , unweit einer Bahnstation , die von Wien in eineinhalb Stunden zu erreichen war . Eines Morgens fuhren sie beide an den bezeichneten Ort und nahmen die Erinnerung an einen verschneiten , einsamen Holzbau mit Hirschgeweihen über der Tür , an einen alten , betrunkenen Förster , an eine junge , blonde Magd , an eine windesrasche Schlittenfahrt über eine besonnte Winterstraße , an ein unbegreiflich lustiges Mittagessen in einem riesigen Gasthofzimmer und an ein schlecht beleuchtetes , überheiztes Kupee mit nach Hause . Dies war das einzige Mal , daß Georg mit Anna zusammen das Haus suchen ging , das doch schon irgendwo in der Welt stehen und seiner Bestimmung warten mußte ... Sonst fuhr er meist allein mit der Bahn oder mit der Tramway in die nahegelegenen Sommerfrischen Umschau halten . Einmal , an einem mitten in den Winter verirrten Frühlingstag , spazierte Georg durch einen der kleinen , ganz nahe der Stadt gelegenen Orte , die er besonders liebte , wo dorfmäßige Baulichkeiten , bescheidene Landhäuser und elegante Villen sich aneinanderreihten ; hatte so ziemlich vergessen , wie ihm das manchmal geschah , warum er hergefahren war , und dachte eben mit Ergriffenheit daran , daß auf den gleichen Wegen wie er vor manchen Jahren Beethoven und Schubert gewandelt waren , als ihm unvermutet Nürnberger entgegentrat . Sie begrüßten einander , lobten den schönen Tag , der so weithinaus ins Freie lockte , und bedauerten höflich , daß man einander so selten begegne , seit Bermann Wien verlassen hatte . » Haben Sie schon lange nichts von ihm gehört ? « fragte Georg . » Seit er fort ist « , erwiderte Nürnberger , » habe ich nur eine Karte von ihm erhalten . Es ist wohl anzunehmen , daß er mit Ihnen in regerer Korrespondenz steht , als mit mir . « » Warum ist es anzunehmen ? « fragte Georg , durch Nürnbergers Ton wie manchmal etwas geärgert . » Nun , zum mindesten haben Sie das eine vor mir voraus , den neuern Bekannten für ihn zu bedeuten , ihm also für seine psychologischen Interessen ein anregenderes Problem zu bieten , als ich . « Aus diesen mit dem üblichen Spott gebrachten Worten hörte Georg ein gewisses Verletztsein heraus , das er übrigens begriff . Denn tatsächlich hatte sich Heinrich in der letzten Zeit um Nürnberger , mit dem er früher sehr viel verkehrt hatte , wenig mehr gekümmert , wie es überhaupt seine Art war , Menschen an sich zu ziehen und mit der größten Rücksichtslosigkeit wieder fallen zu lassen , je nachdem ihr Wesen seiner Stimmung gerade gemäß war oder nicht . » Ich bin trotzdem nicht viel besser dran als Sie « , sagte Georg . » Auch ich habe schon ein paar Wochen lang keine Nachrichten von ihm bekommen . Nach den letzten scheint es übrigens seinem Vater sehr schlecht zu gehen . « » So wird ' s jetzt wohl mit dem bedauernswerten , alten Mann bald zu Ende sein . « » Wer weiß . Nach dem , was mir Bermann schreibt , kann es auch noch Monate dauern . « Nürnberger schüttelte ernst den Kopf . » Ja « , sagte Georg leichthin , » in solchen Fällen sollte es wirklich den Ärzten gestattet sein ... die Sache abzukürzen . « » Da haben Sie vielleicht recht « , antwortete Nürnberger . » Aber wer weiß , ob nicht unser Freund Heinrich , so sehr es ihn im Arbeiten und vielleicht sogar in manchem andern stören mag , seinen Vater unrettbar hinsiechen zu sehen , wer weiß , ob er nicht trotzdem dem Vorschlag , diese hoffnungslose Sache durch eine Morphiuminjektion endgültig zu erledigen , ablehnend gegenüber stünde . « Wieder fühlte sich Georg durch den höhnisch-bitteren Ton Nürnbergers abgestoßen . Und dennoch , in der Erinnerung an die Stunde , da er Heinrich von ein paar unklaren Worten im Brief einer Geliebten heftiger bewegt gesehen hatte , als von dem Wahnsinn seines Vaters , konnte er sich dem Eindruck nicht verschließen , daß Nürnberger den gemeinsamen Freund richtig beurteilte ... » Haben Sie den alten Bermann gekannt ? « fragte er . » Persönlich nicht . Aber ich erinnere mich noch der Zeit , da sein Name oft in den Blättern genannt wurde , und auch mancher sehr gesinnungstüchtigen Reden , die er im Abgeordnetenhaus gehalten hat . Doch ich halte Sie auf , lieber Baron , grüß Sie Gott . Wir sehen uns wohl dieser Tage einmal im Kaffeehaus oder bei Ehrenbergs . « » Sie halten mich durchaus nicht auf « , erwiderte Georg mit absichtlicher Liebenswürdigkeit . » Ich bummle und benütze die Gelegenheit mir Sommerwohnungen anzuschauen . « » So , wollen Sie heuer in der Nähe Wiens auf dem Lande wohnen ? « » Ja , eine Zeitlang wahrscheinlich . Und außerdem hat mich eine bekannte Familie gebeten , wenn der Zufall mich bei diesem Anlaß etwas finden ließe ... « Er wurde ein wenig rot , wie immer , wenn er nicht ganz bei der Wahrheit blieb . Nürnberger bemerkte es und sagte harmlos : » Ich bin eben an einigen Villen vorbeigegangen , die zu vermieten sind . Sehen Sie zum Beispiel dort diese weiße , mit der breiten Terrasse ? « » Die sieht ganz nett aus . Die könnte man sich eigentlich anschauen . Wenn es Ihnen nicht zu fad ist , mich zu begleiten , so fahren wir dann miteinander nach der Stadt zurück . « Der Garten , den sie betraten , stieg schmal und lang nach aufwärts und erinnerte Nürnberger an einen andern , in dem er als Kind gespielt hatte . » Vielleicht ist es sogar derselbe « , sagte er . » Wir haben nämlich durch Jahre hindurch in Grinzing oder Heiligenstadt auf dem Lande gewohnt . « Dieses » wir « berührte Georg ganz eigen . Er konnte sich kaum vorstellen , daß Nürnberger auch einmal ganz jung gewesen war , als ein Sohn mit Vater und Mutter , als ein Bruder mit Schwestern gelebt hatte , und er empfand mit einemmal die ganze Existenz dieses Mannes als etwas Seltsames und Schweres . Auf der Höhe des Gartens , von einer offenen Laube , gab es einen wunderhübschen Blick auf die Stadt , an dem sie sich eine Weile erfreuten . Dann gingen sie langsam wieder hinab , von der Hausmeistersfrau begleitet , die ein kleines Kind , in einen grauen Plaid gewickelt , auf dem Arme trug . Nun sahen sie sich die Wohnung an ; niedrige , muffige Zimmer , mit verschlissenen billigen Teppichen auf den Fußböden , schmalen Holzbetten , zerbrochenen oder blinden Spiegeln . » Im Frühjahr wird alles neu hergerichtet « , erklärte die Hausmeisterin , » da schaut ' s dann sehr freundlich aus . « Das kleine Kind streckte plötzlich die Händchen nach Georg aus , als wenn es von ihm auf den Arm genommen werden wollte . Georg war ein wenig gerührt und lächelte verlegen . Während er mit Nürnberger auf der Plattform der Tramway in die Stadt fuhr und mit ihm plauderte , hatte er die Empfindung , daß er ihm bei den vielen früheren Gelegenheiten ihres Zusammenseins nicht so nahe gekommen war , als während dieser hellen Wintersonnenstunde auf dem Lande . Beim Abschied ergab es sich ganz ungezwungen , daß sie sich für einen der nächsten Tage zu einem neuen Spaziergang verabredeten , und so kam es , daß Georg bei seiner weitern Wohnungssuche in der Umgegend Wiens etliche Male von Nürnberger begleitet wurde . Dabei wurde immer die Fiktion gewahrt , als suchte Georg für die befreundete Familie , als glaubte Nürnberger daran , und als glaubte Georg , daß Nürnberger daran glaubte . Auf diesen Wanderungen kam Nürnberger manchmal dazu , von seiner Jugend zu sprechen , von den Eltern , die er sehr früh verloren hatte , von einer Schwester , die jung gestorben und von seinem ältern Bruder , dem einzigen seiner Verwandten , der noch am Leben war . Der aber , ein alternder Junggeselle wie Edmund selbst , lebte nicht in Wien , sondern als Gymnasiallehrer in einer kleinen niederösterreichischen Stadt , wohin er schon vor fünfzehn Jahren als Supplent versetzt worden war . Später hätte er es wohl ohne besondere Mühe erwirken können , wieder in der Großstadt angestellt zu werden ; doch nach ein paar Jahren der Verbitterung , ja des Grimms , hatte er sich in die kleinen , ruhigen Verhältnisse seines Aufenthaltsortes so völlig eingewöhnt , daß eine Rückkehr nach Wien ihm eher als Opfer erschienen wäre . Und er lebte nun , seinem Beruf und insbesondre seinen Sprachstudien mit Inbrunst hingegeben , weltfern , einsam , zufrieden , als eine Art von Philosoph in der kleinen Stadt . Wenn Nürnberger über diesen fernen Bruder sprach , so war es Georg manchmal , als hörte er ihn über einen Verstorbenen reden , so völlig schien jede Möglichkeit einer künftigen dauernden Vereinigung aufgehoben zu sein . Ganz anders , beinahe wie von einem Wesen , das einmal wiederkehren konnte , mit einer immer wachen Sehnsucht , sprach er von der Schwester , die seit vielen Jahren tot war . An einem nebligen Februartag auf einer Bahnstation , während sie , den Zug nach Wien erwartend , auf dem Perron miteinander hin und her spazierten , da war es , daß Nürnberger Georg die Geschichte dieser Schwester erzählte , die schon als Kind von einer ungeheuern Leidenschaft fürs Theater wie besessen , mit sechzehn Jahren in einem kindisch-romantischen Drang , ohne Abschied das Haus verlassen hatte . Durch zehn Jahre war sie nun von Stadt zu Stadt , von Bühne zu Bühne gewandert , immer nur in geringem Stellungen beschäftigt , da weder ihr Talent noch ihre Schönheit für den gewählten Beruf auszureichen schienen ; aber immer mit gleicher Begeisterung , immer mit gleicher Zukunftsgewißheit , trotz der Enttäuschungen , die sie erlebte , und des Jammers , den sie sah . In den Ferien erschien sie zuweilen bei den Brüdern , die damals noch zusammen wohnten , auf Wochen , manchmal nur auf Tage , erzählte von den Schmieren , auf denen sie gemimt , als wären es große Theater ; von ihren spärlichen Erfolgen wie von Triumphen , die sie errungen ; von den armseligen Komödianten , an deren Seite sie gewirkt , wie von großen Künstlern , von den kleinen Intrigen , die sich in ihrer Nähe abgespielt , wie von gewaltigen Tragödien der Leidenschaft . Und statt allmählich inne zu werden , in welch einer kläglichen Welt als eine der Bedauernswertesten sie dahinlebte , spann sie von Jahr zu Jahr sich in goldenere Träume ein . Das ging so lang , bis sie einmal fiebernd und krank in die Heimat zurückkehrte . Nun lag sie monatelang zu Bett , mit geröteten Wangen , schwärmte in ihren Delirien von Ruhm und Glück , die sie nie erlebt , erhob sich noch einmal zu scheinbarer Gesundheit und zog wieder hinaus , um diesmal schon nach wenigen Wochen , völlig zerstört , den Tod auf der Stirne , heimzukehren . Nun reiste der Bruder mit ihr nach dem Süden ; nach Arco , nach Meran , an die italienischen Seen . Und jetzt erst , in südlichen Gärten unter blühenden Bäumen hingestreckt , dem Treiben entrückt , das sie durch Jahre berauscht und verwirrt hatte , kam sie zur Erkenntnis , daß ihr Leben ein Hin- und Hertaumeln unter gemaltem Himmel und zwischen papierenen Wänden , daß der ganze Inhalt ihres Daseins ein Wahn gewesen war . Aber auch die kleinen Abenteuer des Tags , in gemieteten Zimmern und Wirtshäusern , auf Straßen fremder Städte , erschienen ihr in der Erinnerung wie Szenen , in denen sie als Schauspielerin im Rampenlichte mitgespielt , nicht wie solche , die sie wirklich erlebt hatte . Und während sie dem Grabe entgegenging , erwachte in ihr eine ungeheuere Sehnsucht nach dem wirklichen Leben , das sie versäumt hatte ; je sicherer sie wußte , daß sie ihr für immer verloren war , mit um so klarerem Blicke erkannte sie die Fülle der Welt . Und das