zermalmt . In dem Augenblicke tritt ein Kellner zu mir und berichtet , daß eine Dame , welche im Hause wohne , meinen Namen erfahren und mich fragen lasse , ob ich derselbe sei , welcher die Schauspielerin Desdemona gekannt habe . Diese liege krank in selbigem Hotel danieder , und wünsche sehnlich mich zu sprechen . In eine verödete Gegend meines Herzens schlug dieser Blitz und entzündete sie von einem Ende zum andern . Julia hatte sich erholt , ich führte sie aus dem Saale , küßte sie auf das gebrochene Auge und flog davon , Desdemonas Zimmer suchend . O was erlebte ich ! Mein gestähltes Innere bog sich wie ein Baumzweig . Bleich , ein Bild des zerstörenden Todes , lag das einst so schöne Weib auf dem Lager . Die langen schwarzen Flechten hingen aufgelöst über Gesicht und Schultern und das weiße Nachtkleid herunter , die weichen Züge des Antlitzes waren spitz und schmerzhaft geworden ; der Mund , sonst lieblich wie ein Liebeslied , war verzogen , nur das Auge mit seiner ewigen Liebe war derselbe Stern geblieben , der nur bei heranbrechendem Tageslichte matter schien . Sie sprach nichts , als ich eintrat , es schien sie gar nicht zu überraschen ; als ich an ihr Bett trat , nickte sie kaum merklich mit dem Haupte und lispelte : » Nicht wahr , Hippolyt , es kann mir doch niemand wehren , Dich zu lieben ? « Die heißen Tränen - ja Freund , es waren heiße Tränen aus dem Kern meines Herzens - stürzten aus meinen Augen auf ihre abgemagerte Hand : » Bist ja heut ' so lang ' bei der Fürstin gewesen « - sagte sie weiter , ein zweischneidig Schwert wühlte in meinem Innern - » Du hast mich heut ' nicht gesehen und ich habe die Desdemona gut gespielt , so wie Du mich ' s gelehrt . « Ich fühlte einen krampfhaften Druck in meiner Hand , sie holte tief Atem , der Mund war wieder Liebe und lächelte , das Auge strahlte alte Glückseligkeit , ich hörte noch leise , ganz leise die Worte : » Ach , wie lieb ' ich Dich « - und Desdemona war tot . Lange stand ich unbeweglich , ich war auch tot . Des Kindes Stimme , das an der Erde spielte , und plötzlich über sein Spiel aufjauchzte , erweckte mich . Die erstarrte Hand Desdemonas hielt die meine fest umklammert , ich konnte nicht los und wollte der Toten durch das Aufbrechen keine Schmerzen machen . Ich blieb noch lange stehen und suchte mit der freien Hand in all meinen Taschen herum , um eine Waffe zu finden . Ich wollte bei meinem Weibe bleiben . Meine Taschen waren leer . Da mußte ich das Gräßlichste tun und meine Hand gewaltsam von der toten Liebe befreien . Langsam ging ich nach der Tür . Das kleine Mädchen sah mich lächelnd an und bat mich , mit ihr zu spielen . Lange stand ich noch an der Tür und sah nach der lieben Leiche ; dann ging ich und schloß die Tür leise ; ich wollte mein Weib nicht stören . Dieses zuschlagende Schloß trennte mich von meiner innigsten Vergangenheit . Ich ging langsam den Saal entlang und sah nur in weiter Ferne , was dicht um mich her vorging . Damen in Reisekleidern schlüpften an mir vorüber - es mochte Julia und ihr Mädchen sein - ich beachtete sie nicht . Man erzählte mir später , daß ich mich an die Haustür gestellt und der fortfahrenden Julia starr zugesehen , auf ihre an mich gerichteten Worte nichts erwidert habe . Es war die erste Totenstunde meines Lebens , und ich denke mit Grausen daran - der Tod ist ein garstig Scheusal , er ist der bare häßliche Gegensatz des Schönen . Es war ein trüber Regentag gewesen . Als ich noch an der Haustür des Hotels stand , brach plötzlich die Nachmittagssonne die Wolken und leuchtete mir in das starre Auge . Da wich mein Feind , der Tod , aus allen meinen Gliedern , ich fühlte wieder lebendig Blut in mir , meine Sehnen spannten sich , ich war auferstanden . Es fiel mir alles Lebendige , was ich gesehen , wieder ein . Juliens Abreise und ihre Schönheit - ich rief nach Pferden . Was kümmert mich der Tod ! Was sind die Menschen dumm , mit diesem abscheulichen Zustande noch Gepränge und Aufsehen vorzunehmen . Der gestorbene Mensch ist eine Sache , man bringe sie beiseit ' so schnell als möglich . Wer sich mit einem Leichnam beschäftigen kann , die Seele mag ihm noch so lieb gewesen sein , ist ein verhärtetes unästhetisches Leichenweib , ein Handwerkstotengräber . Ich will lieber selbst sterben als sterben sehen . Ich schreibe dies in einem andern Gasthofe und warte auf Pferde . Die bunte Bastei mit ihrem Sonnenschein liegt vor meinem offenen Fenster ; es ist aller Tod in mir überwunden , die Vergangenheit der vorigen Stunde liegt in tiefem , weit entferntem Nebel hinter mir . Mein Leben ist wieder lebendig - der Wagen fährt vor - Ade , mein Freund , ich fliege nach Paris , um Julien zu erobern . Ich werde sie erobern , müßt ' ich ihr nachjagen durch alle Zonen . Soll ich auch noch die Sentimentalität lieben , diese Krücke der Schwäche , den Regenschirm beim Gewitterregen , der das furchtsame Gesicht vor Donner und Blitz versteckt , dies Liebäugeln mit dem Tode ! Bin ich hier um zu sterben oder um zu leben ? Ist die Sonne , weil sie täglich einmal untergeht , zum Untergehen da ? O ihr täglich sterbenden Menschen mit eurer Romantik und wie ihr die Fratze nennt , Blut und Wärme such ' ich , ich suche Liebe und Julien - und damit Gott befohlen , Freund . 34. Valerius an Konstantin . Hippolyt ist auf der Reise nach Paris , ihm kann ich nicht schreiben , Du wirst wohl in Deiner begonnenen Metamorphose noch soviel Gedächtnis übrig behalten haben , daß Du ein wenig Interesse an mir und meinen Angelegenheiten nimmst ; ich will nichts über Staat und Kirche schreiben , mein Herz drängt mich aber zur Mitteilung , ich muß sprechen , muß schwätzen , höre mir zu . Sie ist wiedergekommen , Kamilla nämlich . Errötend trat sie mir entgegen , ein ganzer Morgenhimmel von Schamhaftigkeit glänzte auf ihrem liebreichen Gesichte ; damals wußte ich nicht warum , jetzt weiß ich ' s. Ich war spazieren geritten , als sie ankam ; der Himmel war blau , die Sonne , das Auge Gottes auf dieser Erde , wärmend und freundlich in milder Liebe , die Lerchen sangen ihre jauchzendem Stoßtöne der Freude , die Bäume mit Früchten beladen sahen wie glückliche Mütter freundlich drein in die helle Welt , ich schaukelte mich auf dem Pferde in gesunder fröhlicher Empfängnis all dieser Freuden , die der Schöpfer allen , auch den Ärmsten freigebig schenkt , die Weltgeschichte ging rosenfarbig an mir vorüber , ich hoffte das beste für die strebenden Menschen . In dieser Stimmung ritt ich langsam in den Schloßhof . Auf den Stufen vor dem Schlosse sah ich zwei Damen stehen und die eine - ich erkannte Alberta am weißen leuchtenden Gewande - mir mit dem Tuche winken . Kamilla war die andere , sie war eben angekommen . In meine glückselige Seele fiel ihr verschämter Blick wie ein tiefsinniger Liebesgedanke Byrons , die ruhige Freude in mir , die wie ein glücklicher Vogel in den Baumzweigen saß , erhob plötzlich die Schwingen und flatterte jubelnd in die Höhe , die ruhige Freude in meinem Innern erhob sich zu einem Jauchzen über namenloses Glück . Ich sah plötzlich , daß ich Kamilla liebte . Sie reichte mir ihre schöne , weiße Hand , ich drückte sie innig an meine zuckende Lippe , ich sah aus meinem Glück heraus ihr tief in die feuchten glänzenden Augen bis ins Herz hinein , unsere Hände vermählten sich , und die harmlose Alberta freute sich unserer Freude . Wir gingen in den Garten und spielten wie die glücklichen Kinder . Kamilla war weich , innig und warm wie ein Maiabend , und ihr Auge hing wie ein küssender Engel an meinen Blicken ; sie war nicht wie sonst munter und ausgelassen , sie lachte nicht , aber sie sah wie ein Engel aus , der sich freut . Nur wenn mein Glück mitunter aufjauchzte , sprang ihr sonstiges hüpfendes Temperament aus ihr hervor , die Augen blitzten , alle Züge des Gesichts jubelten , alle Glieder hoben sich zum schwebenden Tanze , sie begann ein fröhliches Lied und tänzelte eine Strecke hin . Ich konnte ihr nicht sagen , was mir das Herz bewegte , denn Alberta ging nicht von unserer Seite . Wir schwärmten also in romantischer Ungewißheit den halben Tag in Garten und Wald umher , unsere Blicke sprachen von vollem Herzen , von süßem Glücke , unsere Lippen bargen die Schönheit der Welt . Hie und da schien mir ein Schatten über Kamillas Angesicht zu fliegen , wenn ich mit Alberta tändelte und mit dem lieben kindlichen Wesen kosende Worte wechselte . Der Graf ist in der letzten Zeit unserer Einsamkeit wieder aufgelebt ; an die Stelle des langweiligen Fips , der endlich seine diplomatischen Bestrebungen aufgegeben und seine Lenden gegürtet hat , ist sein bunter Marschall der Laune , Kamilla getreten . Wir leben wie die Engel , und wollen in einigen Monaten nach Paris kommen . Die romantische Ungewißheit mit Kamilla hat sich in die reizendste Klarheit aufgelöst . Wir saßen in den ersten Tagen ihrer Ankunft auf der Plattform unter dem Zelt , dessen Seitenwände wir aufgeschlagen hatten . Es war gegen Abend , der Himmel rot , die Erde duftete in Wollust . Ich sah glücklich ins Land hinein und stand mit untergeschlagenen Armen neben Kamilla , welche die Gegend zeichnete . Alberta stand auf der andern Seite und sang , den Kopf an die Säule des Zeltes hinauslehnend , sang ein Wanderlied des lieben Wilhelm Müller . Kamilla sah von Zeit zu Zeit auf und hing ihre innigen Blicke an mein freudestrahlendes Auge . Es küßten sich unsere Seelen . Die Nachtigall schlug in Albertas Gesang . Auf einmal kehrte sich diese um , küßte Kamilla , reichte mir die Hand und sprang hinweg , um zu musizieren - der Gesang , sagte sie , sei ihr zu wenig , sie müsse die Töne , die in ihr herumwogten , ausströmen . Ich setzte mich neben Kamilla und sah bald auf ihre Zeichnung , bald in ihr Auge . Ich fühlte es , daß ich im Begriff stand , unsern Dämmernebel zu zerreißen . Der Mann ist darin immer plumper als das Weib , er trachtet in seiner Nüchternheit mehr nach bestimmten Formen , er ist griechischer , das Weib romantischer , christlicher . Das reine Weib liebt jahrelang ohne Worte , der Mann nicht soviel Monate . » Kamilla , « sprach ich leise - sie ahnte , was kommen würde und bebte zusammen . » Valerius , « fragte sie kaum hörbar zurück . Der Bleistift fiel ihr aus der Hand , sie neigte sich danach und die Fülle ihrer Haare fiel ihr über Wange , Schultern und Busen . Ich ergriff ihre Hand , führte sie an meinen Mund und sah ihr bewegt in die Augen . Sie erwiderte den Druck meiner Hand nicht , aber die Tränen standen ihr im Auge , und als ich meinen Kopf an ihre Schulter in die herunterwallenden Locken drückte , da zog sie die Hand aus der meinen , und ich fühlte den weichen runden Arm um meinen Nacken , und ihre Träne fiel auf meine Stirn . Ich sah in ihr seliges Gesicht und sagte leise : » Kamilla , ich liebe Dich . « Ihr leises Weinen ging in Schluchzen über , und ihr Antlitz an meinem Haupte verbergend vernahm nur mein nahes Ohr die kaum hörbaren Worte : » Ich liebe dich unsäglich . « Da sprang ich auf , hob ihr Gesicht in die Höhe , küßte ihr die Tränen vom Auge und drückte die weiche nachgiebige Gestalt fest an mein Herz . Sie lächelte jetzt wie ein Engel , und wir küßten uns und freuten uns unserer Liebe . Aller frühere Übermut , dieser reizende vielfarbige Knabe , kam mit diesem Geständnisse wieder über sie . Blöde und bescheiden vorher , war sie nun toll und ausgelassen . Aber rührend klagte sie mir , was sie damals gelitten , als sie Alberta im Garten an meiner Brust gesehen habe ; mit neuen Tränen gestand sie , daß sie deshalb hinweggereist , und sie sah mich unsicher , schwankend , halb ungläubig von der Seite an , als ich ihr die Versicherung gab , sie sei im größten Irrtume gewesen , und es habe zwischen mir und Alberta nie etwas anderes als ein freundschaftliches Verhältnis bestanden . Endlich hielt sie mir den Mund zu und sagte : » Ich glaube dir , aber sei kein roher Mann und laß Alberta nie etwas von unserem Übereinkommen in Liebe und Zärtlichkeit wissen - hörst du ? « Ich versprach ' s mit Freuden . Durch die vielen Hindernisse unserer bürgerlichen Gesellschaft , durch die Polizei und die Strafgerichte , durch die Unsicherheit unseres ganzen Lebens , die Ungewißheit des nahen oder fernen Todes sind wir so furchtsame Wesen geworden , daß wir das Schönste , was wir besitzen , oft dann schon gefährdet glauben , sobald es nicht mehr unser Geheimnis ist . Die herzdurchdringende Liebe will keine andere Wohnung als das Herz , sie flieht und haßt die Märkte - so ist ihre Jugend . Sie gleicht dem jungen Bürger in der hoch-und dumpfgebauten Reichsstadt , er schleicht aus dem strahlendsten Sonnenschein , der vor den Toren üppig seine Arme um die Erde schlägt , aus der lebendigen Menschenmenge , die sich laut des Daseins freut , auf das düstere Stübchen seines Mädchens , und oben in der dunklen Einsamkeit sind beide froh , daß nicht Sonnenschein noch Menschenwoge zu ihnen dringt . Dies äußerlich aristokratische Absonderungswesen ist aller jungen Liebe eigen . Ich freute mich noch aus vielen andern Gründen über Kamillas Vorschlag . Ist doch meine öffentliche Liebe Sünde gegen Klara . Fragst Du mich , warum ich mein Klärchen nicht suche , da ich doch erfahren , sie sei noch frei und harre wahrscheinlich ihres alten Geliebten , so kann ich Dir nicht viel Tröstliches für die meisten Leute erwidern . Der Liebesharm ist eine süße Krankheit , die mit dem schönsten Schmerz beglückt und mit reiferer Gesundheit endet . Der deutsche Liebesharm ist ein chronisches Übel , das Jüngling und Mann entnervt . Man muß gegen ihn kämpfen . Ich will nicht treu sein , weil ich die Treue zumeist für eine Sünde gegen unsern fort und fort rückenden Planeten und das , was darauf und daran ist , halte . Treue ist ein Schutzmittel für schwache , nicht ausreichende Kräfte ; die Kräfte sollen aber am Ende stark werden . Solange man diese Krücken der Liebe nicht fortwirft , lernt man nicht selbständig lieben . Auch die Liebe verläßt sich in jener sogenannten Tugend auf das Herkommen und ruht aus auf einem hergebrachten Privilegium , statt auf eigener , unversiegbarer Kraft zu bestehen . Es ist ein Traditionsgut , wie jedes andere auch , die Länge der Zeit ist das Verdienst , nicht die Größe oder Schönheit der Sache . Alle die tausend gebrochenen Herzen , alle die langweiligen verdrossenen Ehen sind die Kinder der Treue . Jedes schwindsüchtige Mädchen , jeder jämmerliche Jüngling verläßt sich auf ihren Schutz , wenn es ihr oder ihm gelungen , in einer schwachen Stunde eine Eroberung zu machen . Die Treue ist das große Gängelband der menschlichen Faulheit und Schwäche , sie ist auch die Poesie der Kraftlosigkeit und ein » getreuer Eckard , « unserer Tage , wie Du ihn einst vorhattest , ist eine Sünde wider den Geist der Zeit , und der Geist der Zeit ist der Zeit heiliger Geist . Wenn der König von Gottes Gnaden sich auf Herkommen und angestammte Treue beruft , und darin matt in der Vortrefflichkeit seiner Regierung die Notwendigkeit derselben finden läßt , so ist dies die steife Lehre von der Treue . Nur was Blut hat , soll leben , nicht was nach Leben aussieht ; ist Deines Lebens Blut in Deiner alten Liebe zu finden , dann sei treu , dann ist Deine Liebe jung . Dies ist die schöne Lehre von der Beständigkeit , die dann eine Tugend ist , wenn die äußeren Verhältnisse mit den inneren harmonieren . So ist die Ehe nur ein Damm gegen den Strom der Geselligkeit ; wißt Ihr auf freiere Weise den Strom zu leiten , so braucht Ihr keine Dämme . Wenn erst Tausende nichts mehr dem Herkommen zuliebe tun , so ist das Lebenselement des Herkommens , seine Unzweifelhaftigkeit , vernichtet , und eine neue Welt nähert sich im Sturmschritt . Es geht alles Hand in Hand , die Gesetze sind eine große Kette : trennt ein Glied , und die andern klirren ebenfalls auseinander . Die neuen Staaten machen nach eben diesen Grundsätzen die Ämter beweglich , nur die Kraft behält sie , dem Herkommen zahlt man keinen Deut - alles gilt nur durch das , was es ist , nicht was es war oder heißt . Soll es mit den Ämtern der Liebe nicht ebenso werden ? Dasselbe Geschrei , das sich gegen Aushebung von Ehe und Treue jetzt erheben wird , erhob sich gegen den wechselnden Staatsdienst in den neukonstruierten Staaten . - Fülle vom Leben bringt allerdings auch oft schnellen Tod ; man wird neue Gesetze für jenes gesellschaftliche Verhältnis erfinden , wie man sie für diese gefunden , denn auch die Freiheit hat ihre Gesetze . Aber sie müssen sich in allen Teilen erweitern , darin ruht das unbehagliche Drängen des jungen Geschlechts . Der Furchtsame mag davor erschrecken , den Mutigen gehört die Welt . Was man nicht erwerben kann , fürchtet man am meisten zu verlieren ; wer die Kraft in sich fühlt , bangt vor keinem Verlust , und nur die Kraft soll herrschen , nicht das Herkommen . Dies und manches andere sprach ich in stillen Stunden zu Kamilla . Sie hörte aufmerksam zu , schmälte oft , es sei ihr zu hoch , nötigte mich deutlicher zu sprechen , nickte lächelnd , daß sie mich verstünde , weinte dann , daß sie mich verlieren werde und lachte wieder , daß sie mich jetzt habe . » Ich glaub ' es gern , daß du recht hast , denn ich glaub ' dir alles « - sagte sie . - » Du sollst mich nicht heiraten , wenn du nicht willst , das Heiraten ist auch wirklich nicht hübsch , es ist wirklich philisterhaft . Ich will bei dir bleiben , solange du mich magst , und magst du mich nicht mehr - nun - nun so will ich die Vergangenheit noch einmal allein leben und doch glücklich sterben . « Sie war einen Augenblick traurig , und wir küßten uns heiß und leidenschaftlich , dann trocknete sie sich die Augen , fuhr mit der Hand über die Stirn und durch die Luft , als wollte sie schlimme Gestalten hinwegjagen und sprach dann fröhlich weiter : » Wie es mich reizt , die große Revolution mitbeginnen , mitbezahlen zu helfen ; wie ich mich freuen werde , wenn die Leute mich anklagen und doch beneiden werden , daß ich frei und fessellos ein schönes Liebesleben mit dir führe . Meine guten Eltern sind tot , ihnen mach ' ich keine Sorge durch dies neue , ungewöhnliche , darum verdammte Leben ; mein Vermögen reicht hin nach den Wünschen unseres Herzens zu verkehren , und nicht wahr , so schnell und sogleich wird dir nicht eine andere besser gefallen , mein lieber Valer - - in Paris bleiben wir zurück , wenn der Graf heimkehrt , und wir fragen um nichts , als daß wir einander gehören . « Das gute Kind ist ein Engel , und ich bin überaus glücklich ; ihre unverfälschte Seele , welche der Frohsinn vor allen Flecken bewahrt hat , schleicht mit liebenswürdiger Zudringlichkeit in alle Ritze meines Herzens und nistet sich fest - o , es ist eine freie göttliche Liebe , von der die Heiratskandidaten keine Ahnung haben . - Bald erfährst Du mehr , schreib ' bald , ob Hippolyt angekommen ist . 35. Kamilla an Valerius . Es ist sehr garstig , sehr garstig und ungezogen von Dir , daß Du Deine dummen Stadtgeschäfte nicht schneller abmachst und länger , als Dir erlaubt war , ausbleibst . Alberta ängstigt sich um Dich , das tu ich zwar nicht : Du bist ja ein starker Mann , der im gewöhnlichen Lebensgange den harten Nacken nicht brechen wird ; aber komm Herz , Seele , Gedanke meines Lebens , ich lechze nach Deinem Auge , nach dem Druck Deiner Hand ; hätte ich nur eine Wange von Dir da , um mein heiß Gesicht darauf zu drücken . Bis gestern abend war ich doch eigentlich sehr heiter , ich saß lange auf Deinem Zimmer , naschte in Deinen Papieren herum und sang Deine Lieder ; ich fand es sogar schön , Dich einmal nicht zu haben , um zu sehen , wieviel mir fehle , um meiner Schwäche zu trotzen und allein zu leben . Die gute Alberta war viel trauriger und sprach immerwährend mit einiger Sehnsucht von Dir . Als der Abend kam , gingen wir Dir entgegen , die Weiber , nicht die Hexen erwarteten den Macbeth auf der Heide , - er kam nicht . Da brach alle Glut und Leidenschaft , über welche mich die Ruhe des Tages so sehr getäuscht hatte , wie ein Orkan aus mir heraus , ich mußte bitterlich weinen - o bitte , schilt mich nicht , ich dachte , Du wolltest nicht wiederkommen , - - dumme schwarze Abendgedanken , fremd in meinem Blute . Heut ' ist ' s viel besser , ich bin wieder munter und heiter und denke : » Kommt er nicht heute , so kommt er doch bald . « Aber höre , zu lang treib ' mir ' s nicht , bin ich denn dazu auf der Welt , um getrennt von Dir zu leben ? Vergiß nicht , mir hochrotes Band zu kaufen , sonst mußt Du noch oft schelten über meine verblichenen Bänder , und Du hast recht , sie sind matt und häßlich wie blonde Augenbrauen auf einem brünetten Gesicht . Ich habe mir auch ausgesonnen , wie ich Dich viel hübscher küssen will - Du sollst nur sehen , aber laß Dir Dein Bärtchen nicht abschneiden , bitte , bitte . Vergiß mir das Zeichenpapier nicht , ich muß Dein kühnes Byrongesicht malen . Deine Formen sind nicht so schön , aber es fliegt Dir dieselbe Freiheitsmelancholie um die Augenwinkel , es ist derselbe schöne Liebesmund , auf dem die großen Worte und die süßen Küsse ruhen , mit denen er die schönen Italienerinnen bestach . Wenn Dir doch der Bote mit diesem Briefe schon unterwegs begegnete . Wärst Du nicht Du , der überaus zuverlässige Valer , Dein Wegbleiben , Deine Kameraden , von denen ich Dir gleich erzählen werde , machten mir große Angst . Wie wild , unbändig , schonungslos betrug sich in allen Verhältnissen Hippolyt und nun höre , was uns die Fürstin schreibt . Leopold hat die Prinzessin Amelie wirklich heiraten wollen ; am Ende hat man doch natürlich sichere und bestimmte Dokumente über seine Herkunft und seine sonstigen Verhältnisse begehrt , er hat ein unlösbares Inkognito vorgeschützt , die Fürstin hat wunderlich genug seine Partie genommen , und es hat den folgenden Tag zur Hochzeit kommen sollen , da der schwache Fürst keine weiteren Einwendungen gemacht . Das ganze Schloß glänzt des Abends im Kerzenschein eines strahlenden Polterabends , Park und Büsche blitzen Liebeslichter , die geladene und frei herbeiströmende Menge erfüllt die Gänge , der glückliche Prinz Leopold , seine ätherische Braut am Arme , hüpft populär durch die Massen und lächelt äußerst glücklich . Er spricht im Vorübergehen mit den Bauern von Volksrechten und Freiheit und Gleichheit , der Volksjubel wird immer größer , ein wütendes Geschrei läßt den volksfreundlichen Erbprinzen leben , verlangt ihn zu sehen , trägt ihn auf den Schultern einher . Prinz Leopold hat seiner Prinzessin Braut gesagt , so hätten ' s die alten Minnefürsten zur Zeit der Romantik getrieben , und bestellt eine Tragbahre für die romantische Dame , damit sie teilnehme an dem Triumphzuge . Vom Balkon aus sieht der Hof zu , und die Fürstin lächelt sehr - so schreibt sie selbst . Da kommt ihr Schwager an und zerstört dräuend die demokratische Herrlichkeit . Er ruft Leopold beiseite und spricht lange mit ihm . Dieser kommt zu seiner Braut zurück , spricht viel von den Tränen der Romantik , erbittet sich von William eine Summe Geldes , um die Bauern damit zu beglücken , und verschwindet . Dem zu Fuß Fortwandernden ist ein Bauer begegnet , der fahrende Prinz hat ihm erzählt , er ginge erst nach Belgien , um für die Volkssouveränität zu fechten ; erst wenn diese errungen sei , dürfe man der Liebe Freuden pflegen . Prinzessin Amelie hat erklärt , Ohnmachten seien zu modern , sie werde sich nicht damit befassen ; sie trägt das Haar aufgelöst und singt am offenen Fenster des Nachts Lieder von Tieck und Novalis ; sie ißt nur ein Gericht und kleidet sich aschgrau , übrigens ist sie wohl . Die Fürstin setzt hinzu , viele würden die Sache einen Skandal nennen , auch Herr Valerius , und , das Ganze würde Wasser auf Deine Mühle sein . Übrigens mögest Du sie doch besuchen , sie wolle mit Dir darüber sprechen . Ich hoffe , das wirst Du bleiben lassen . Es ist ein stolzes , herrsch- und rachsüchtiges Weib , Du magst mir ' s glauben , und ich fürchte sehr , sie hat dies alles absichtlich angezettelt . - - Eben kommt eine schreckliche Nachricht an . William hat des Abends auf dem Korridor den Schwager der Fürstin mit einem Dolchstich niedergeworfen , ist in die Zimmer der Fürstin wie wahnsinnig gedrungen und erst bei ihrem Hilferufen entflohen . Es wird auf das lebhafteste verfolgt ; zu dem Ende kam die Nachricht mit einem Kurier hier an . Ach , wenn er nur Dir nicht begegnet ! O eile , eile zu uns , mir bangt für Dich bei so grauenvollen Nachrichten . 36. William an Valerius . Ich baue auf Deine Redlichkeit und vertraue mich Dir an . Die Verfolgung ist mir auf der Ferse , ich habe große Not , ihr zu entrinnen , tu alles Mögliche , sie auf falsche Spur zu leiten , verbreite , ich sei nach Österreich geflohen . In diesem Augenblicke darf ich mich nicht weiter wagen , sondern muß mich verborgen halten . Erst wenn die falschen Nachrichten zu wirken anfangen , hoffe ich über die belgische Grenze zu entkommen . Mein ganzes Innere ist aufgelöst , ich frage mich nach keiner Rechenschaft , denn ich kann mir keine geben . Mein Gewissen ist verloren , keine Autorität vermag mich freizusprechen ; nun so rolle denn das Rad dem Abgrunde zu . Daß ich die Fürstin mit glühendem Verlangen liebte , wird Dir wohl schon klar geworden sein . Lange kämpften meine Grundsätze hartnäckig gegen mein Fleisch . Ich hätte gesiegt , wäre ich nicht durch die freundlichen Worte und Blicke des schönen Weibes verführt worden . Ich stand auf dem Punkte abzureisen und empfahl mich ihr ; sie reichte mir die weiche Hand zum Kusse , strich mir das Haar von der Stirn und fragte , was mich drängte . Ich konnte nicht fort , die Sünde war ausgebildet in meinem Herzen , ich vermochte es nicht mehr , mich vor meinem Gewissen zu rechtfertigen . Ich schlug mein Gewissen tot und wollte genießen . Jener unheimliche Schwager stellte sich mir entgegen ; er fiel als erstes Opfer eines Menschen , der die Bande der Ordnung in sich zerrissen hat . Schweig , schweig , ich erkenne es an , daß Du mir gegenüber jetzt im Rechte bist . Es ist Ordnung in Dir , wenn auch eine Ordnung , die ich verabscheue . Ich selbst geh ' zugrunde , aber mein System bleibt unerschüttert ; ich bin außer ihm . Alle jene Begierden , welche die Gesetze meiner Religion in starren Banden hielten , sind rasselnd aufgesprungen , haben sich meiner bemächtigt , seit ich jenen Fehltritt begangen . Ein Stein ist herausgerissen , es stürzt das ganze Gebäude über mir zusammen ; ich muß rennen und rennen , um diesem Geschick zu entgehen . Die Hölle hohnlacht , aber sie soll wenigstens einen glänzenden Fang gemacht haben ; ich habe mich verloren , aber die Lust will ich gewinnen . Zurück führt kein Weg , der Himmel geht am Abgrunde hin , ein falscher Tritt ist hinreichend . Ich bin gefallen und will mich der neuen Gesellschaft würdig machen . Früher lohnte meine Tugend die äußersten Entbehrungen , Entbehrungen ohne diesen Gegendruck sind kindische Schwäche - die Tugend ist verloren , nun denn , so jag ' ich nach dem Genuß . Ihr habt viel Schuld an meinem Unglück ; wer die Verleugnung der Religion stets neben sich sieht , wird matt in seinen Dogmen . Ihr unseligen Volksverführer habt meinen besten Teil auf Eurem Gewissen . 37. Konstantin an Valerius . Du schreibst mir nicht , Freund , weil Du wahrscheinlich mir und meiner Sinnesänderung zürnst . Warum lässest Du Dir die Gelegenheit entgehen , auf