ohne Namen in dieser Welt , ohne Erinnerung und ohne Vorschau . « Einhart strich der Blonden die goldnen Haare aus der Stirn und sah , daß sie leuchtende Augen gewann . Und sie aßen und lachten miteinander und plauderten und tranken . Unterdessen das Leben der losen , frechen Weiber am Tische in der Ecke mit Weihnachtsliedern , lautem Geschwätz und schrillem Gelächter unter dem Lichterbaume fortging . Einhart versank immer mehr in Stummheit . Er begann das Mädchen neben sich , die arglos alles wie ein Fest hinnahm , anzusehen und anzulächeln . Und er vergaß , wie er mit der Jungen in seinen Bodenraum zärtlich heimgekommen , und sie ihn im Halblicht seiner kleinen Lampe geküßt und gestreichelt hatte , bald in der Wärme ihrer weichen Umarmungen den Sinn aller Feierstunden und aller ihrer herkömmlichen Deutung . 14 Frau Rehorsts Traum war in ganz jäher Weise im Herzen ausgeträumt . Als Tag und Stunde kam , wo Einhart sie in der Dämmerung gewöhnlich besuchen kam , sah sie bleich und erschöpft aus , weil sie einen Kampf gekämpft und alles heiße , heftige Drängen ihres Blutes in einem bestimmten Entschluß zur Ruhe gebracht . Der Feiertagsfrieden lag im Hause . Das rührige Fest des Bescherungsabends war verklungen . Frau Rehorst hatte ausdrücklich gewünscht , daß der eigentliche Feiertag zu einer stillen Freude der Zurückgezogenheit werden möchte , und zu einem Sichbesinnen oder auch Sichverlieren in fernen , fremden , schönen Dingen . In Frau Rehorsts Zimmer lagen tausenderlei Kunstmappen und neue Literatur jetzt herum . Sie las mit großer Leidenschaft noch , und hatte auch Herrn Rehorst und den Kindern heute ausdrücklich gesagt , daß sie nach all der Einkaufshast und den Beschenkungsunruhen endlich wieder einmal in die Gefilde der Träume eingehen wollte , ungestört . Herr Rehorst ängstigte sich im geheimen noch ein wenig . Die melancholische Erregung von Frau Rehorst am Weihnachtsabend hatte ihn erschreckt , zumal in der Familie von Frau Rehorst einige an derartigen Anwandlungen nervöser Gebrechlichkeit krankten . So hatte er Frau Rehorst nur am Nachmittag auf die Stirn geküßt , und ehe er sich selber in seine Arbeitsräume zurückzog , den Kindern leise und ausdrücklich gesagt , daß im Hause jeder Laut vermieden werden müßte . Die Kinder waren im Schlitten aufs Land gefahren . So saß Frau Rehorst bleich und in der eigentümlichen Schwäche , in der große Herzensentschließungen das Gemüt zurücklassen , und versuchte vergeblich in einem der Eindrücke zu haften , die sie dem Auge jetzt darbot . » Es ist wunderlich , « dachte sie , » daß wir nur Stärke und Ruhe gewinnen , wenn wir entsagen . Dann gewinnen wir uns selbst wieder . Sonst verbrennen wir unsre Kerze und verzehren unsre Hoffnung . « Sie hatte allerhand Bücher , köstliche , in Pergamentbänden mit goldnen Leisten und Blumen aufgeschlagen , und in jedes mit äußerem Blick hineingelesen . Und nichts hatte sie wirklich auch nur mit einem Hauche in ihre verzehrte Seele genommen . Alles trieb nur ein leeres Spiel draußen in den Vorhöfen des Lebens , wo die Eindrücke noch nicht wiedergeboren sind , keine Seele haben und keine Sprache reden . Auch Bilder besah sie . Den Millet ' schen Reiter im fliegenden Mantel am einsamen , sturmumschrieenen Heideteiche hatte sie angesehen und flüchtig eine Tröstung empfunden und eine selige Ausschau , daß da auch einer nun Heimat und das Geliebte verlassen in eigener Bestimmung und mit sicheren Blicken , von Gewalten umheult und umrissen neu ins Ungewisse sich verlierend . So war auch ihr jetzt zu Mute . Sie saß bleich und verloren lange in ihrem Lehnsessel zurückgebogen und lauschte heimlich in die tiefe Feiertagsstille , die draußen und drinnen herrschte . Dann beschloß sie an dem Tage niemand mehr bei sich einzulassen . » Wer auch kommen möge . Ich bin nicht zu Haus , « sagte sie dem Diener , der auf ihr Klingeln eingetreten . Sie hatte sich am Schreibtisch niedergelassen und begann jetzt in ein Tagebuch einige Notizen zu machen . Sie hatte sich ein dunkles , glattfließendes Sammetkleid angetan , das in weichem Schwunge um sie lag , und trug einen breiten Silberschmuck mit feinen Gehängen um die Spitzen am Halse . Ihre Arme lagen weiß in dem Dunkel der Seidenbehänge , die durchbrochen waren . Sie sann . Sie versuchte einiges aufzuschreiben , von dem , was vorgegangen und noch vorging . » Rehorst ist die Himmelsgüte selber . Und ein Mensch ohne Mißtrauen . Wie war er geduldig ! Und wie sinnlos kann mein Herz sich gebärden ! « schrieb sie . Dann horchte sie . Es schienen durch den Garten Schritte zu stapfen . Sie war gleich aufgesprungen und hatte hinausgesehen . Aber es war auf dem Trottoir drüben außerhalb der Gitter . Sodaß sich Frau Rehorst zurück zum Schreibtisch niedersetzte . Das Bild ihres Vaters , der auch ein reicher Fabrikant gewesen , stand vor ihr in einer feinen Miniature , und das Bild ihrer Mutter , das sie lange anstarrte . Sie dachte an ihre Mädchenzeit . » Ach ja , « schrieb sie dann , » es gibt Menschen , die sehr , sehr lange herumirren und immer mit heiterem Gesicht , und die erst finden mit Leiden . Ich mußte längst eine Mutter sein , ehe ich begreifen lernte - und verstehen - und heiß begehren und verschweigen und verstummen und weinen und doch leben . « Sie weinte eine helle Träne , erhob sich , überwand sich , schloß das Buch in ein Geheimfach zurück und sah in den Silberspiegel , um sich die Träne zu nehmen und sorglich mit der feinen Spitze Kühlung ins Auge zu wehen . Aber sie lief dann wie hochgerichtet sogleich an die Tür . Jetzt war Einhart draußen . Ein Ton hatte sie erreicht , unbegreiflich , durch alle möglichen Räume . Sie klingelte . Sie riß die Tür ein wenig hastig auf und rief hinaus : » Nein ... nein nein nein ! nicht etwa wegschicken ! « rief sie hinaus . Daß man Einhart zurückrief , den man schon abgewiesen , und daß er im nächsten Augenblick auch schon in der Tür erschien . Frau Rehorst hatte sich in ihrem Lehnsessel zurückgeworfen , und ehe er in ihr Zimmer eintrat , die Arme ausgereckt und den Kopf krampfhaft nach hinten geworfen , nur um noch einmal sich zu fühlen und sich zu erraffen . Einhart war es ziemlich unangenehm . Er kam in großem Zwiespalt . Er sah in dem Augenblick , als er eintrat , durchaus wie jemand aus , der sich nach allen möglichen Gefahren umsieht , die ihn hier umdrohten , und dem die tiefe Ruhe rings wie Unheil verkündete . Er wagte auch garnicht laut zu reden . Er versuchte » Guten Abend « zu sagen . Aber das Wort war ganz in der Kehle sitzen geblieben , daß es nur wie ein heiseres Geräusch klang . Frau Rehorst saß ewig und hatte sich nur jetzt die Augen mit den Händen bedeckt , ohne zu erwidern . Und Einhart stand noch immer im Türrahmen . Aber er schloß dann leise die Tür hinter sich . Es war eine dumpfe Stille , in die eine kleine , feine Uhr leise ein Schnarren trug und dann ein scharfes , verhallendes Pinken . Frau Rehorst mußte einfach hinauslachen . Einhart kam sich unglaublich dumm vor . Er fühlte , daß sich etwas in seinem Blute zusammenkrampfte , was mit diesem Raum , mit dieser Stille , mit dieser Frau in ihn hineinwuchs . Er sah so demütig aus , daß er an sich halten mußte , um nicht Frau Rehorst vor die Füße zu knieen , und ihr Ungeheuerliches an Worten und Preisungen einfach leidenschaftlich jetzt erregt zuzuflüstern . Es war eine solche heiße Luft um ihn , wie in einem Brande . Er sah diese sanfte , hoheitsvolle , brütende Schwermut aus den tiefen Frageaugen sich zu ihm stehlen , und begriff nicht , daß er noch stand und stand , wie gebunden und in unsagbarer Erniedrigung . Er hatte alles vergessen , was sonst und gestern und ehegestern gewesen . Das Lachen von Frau Rehorst hatte ihn geschlagen , wie eine Peitsche . Das Lachen schien ihm ein Weinen zu sein . » Nicht doch , « sagte er zu ihr mit fast stechenden Augen und ging wie ein Schlafwandler näher . » Nein , nein , nein , nein ! bleiben Sie , Einhart ! bleiben Sie , Einhart ! « Fast in Angst geschrieen von Frau Rehorst , fast in furchtbarer Angstwallung . Einhart war innerlich durch diese Abwehr und den Schrei so matt , er fühlte sich so zusammenbrechend , daß er an sich halten mußte , um nicht einfach zusammenzusinken . Aber Frau Rehorst war in ihrer Haltung geblieben . Sie saß im Lehnstuhl und hielt die Hände wieder vor die Augen . Da überkam es Einhart wie ein Wahnsinn . Daß er nicht mehr an sich hielt . Und Schwäche und Leidenschaft in gleichem Sinne rissen ihn nieder zu Frau Rehorsts Füßen , Schwäche und Leidenschaft griffen bittend nach ihren schönen , weißen Händen . Schwäche barg sich mit seinen schwarzen Haarsträhnen in ihrem Schoß , und machte ihre Hände in seinen Haaren wühlen . Und Einhart zog ihre Arme nieder und ihren Mund an seine Lippen und redete nicht und versank in ewiges stummes Leuchten und Blicken von Auge zu Auge . Zwei Augenpaare voll scheuen , seligen Feuers in sanftschwarzen Lichtern glommen , unausgesungenen Glanzes . Die Stunde war stumm . Ihr Sinn war unendlich . Die Lippen brannten aufeinander und sprachen die stumme Sprache unerhörter Wonnen , die auch Einhart jetzt zum ersten Male eintrank , längst begreifend , längst lächelnd , und nach keinem Sinne begehrend . Es war ruhig geblieben . Es war der Feiertagsfriede im Hause . Als die Kinder mit Grottfuß heimkamen und über Einhart herfielen , wegen gestern , tat er wie ein Einfältiger und gab lächelnd Erklärungen , ohne zurückzudenken . Er sah nur Frau Rehorst manchmal sorglich an . Und Frau Rehorst war seltsam fern und fremd mit den Ihrigen , als man sich zum Abendbrot zusammenfand . Wie wenn sie erhaben aufgerichtet wäre in strenger Bleiche , tonlos und wortlos , und im Raume für sich , und immer erst sich besinnen müßte , daß Herr Rehorst , ihr Mann , und die Kinder und Grottfuß um sie wären . Einhart saß in seinem Festrocke . Er fand sich zu einem blitzenden Blicke manchmal nur zufällig . Grottfuß hatte sich mit den Kindern und Margit im Schnee draußen in der Heide vergnügt . Die Kinder beschrieben mit eiliger Aufregung ihrer Atemgänge das große Schneeballen , das sie draußen getrieben . So verging der Abend , indem Margit heimlich verliebte Blicke auf Grottfuß warf und die Stelle am Busen fühlte , wo seine Hand lange bei der Fahrt gelegen , und Einhart und alle , auch Herr Rehorst sahen manchmal heimlich auf Frau Rehorst , die wie eine Königin dasaß , bleich und von der Gewißheit gezeichnet . 15 Frau Rehorst lebte nun ein völlig verwandeltes Leben . Sie empfand sich und war erfüllt und konnte die Stunden nicht erwarten , die Einhart kam , oder die nicht , die sie in die enge Dachwohnung eintreten und in Betrachtung von Kunst und Leben versunken in Einharts liebender Hingabe verleben würde . Sie liebte Einhart bis zum Wahnsinn . Die Welt um sie war ihr zu einer gänzlich anderen geworden . Alles , was sie bisher umgeben hatte mit Liebe , begann schnell alle Kraft zu verlieren , derart , daß sie viele Male wie ratlos nach den einstigen Schätzen suchte , die sich in dürre Blätter verwandelt , die sie allein noch in der Hand hielt . Ihre Familie konnte gar nicht mehr an ihr Herz . Sie war sehr verschlossen und förmlich . Herr Rehorst , der ihre seltsamen Schwankungen von früher kannte , trug es in sanftem Gewährenlassen . Auch daß sie alle ihre Wohlfahrtsstiftungen auf einmal gänzlich beiseite ließ . Sie dachte in Wochen und Monaten nicht mehr daran , sich persönlich um derlei noch zu kümmern . Alles war versunken vor dem einen seligen Gefühl , von diesem dunklen , fremdartig rücksichtslosen , schlanken , jungen , lächelnden Träumer und Künstler geliebt zu sein , der sie auch heimlich nicht aus Herz und Auge ließ . Ja noch mehr : was für Frau Rehorst wie eine selige Insel schien voller verjüngender Quellbrunnen , aus denen sie die Jugend und das Vergessen schöpfte und schöpfte mit berauschenden Blicken , also daß sie einstweilen nichts wußte von einem einstigen Leben , rückkehrend zu dem alten , öden Strande , an dem sie weinend gesessen , und nach den fernen Wundern ausgeschaut , das war für Einhart ein lichterloh flammender Feuerberg , so alle Sehnsucht und Aussicht beschattend , daß seine wunderliche Neugier , aller Eindrücke Herr zu bleiben , sich ganz verlor und er allenthalben nur als Beglückter sich fühlte . Das waren rechte Träume voll seliger Berauschung . In diese Träume klang ein schriller Weckruf . Der Frühling war langsam im Herzug . Frau Rehorst hatte noch gegen Fastnacht einen Ball veranstaltet . Eine eigentümliche Gehobenheit hatte darüber gelegen , wie ein Rauch über einer goldnen Morgenfrühe . In den hellen Räumen bei Frau Rehorst hatte sich die Jugend in bunten Prunklumpen zusammengefunden . Frau Rehorst hatte die Parole ausgegeben , einen orientalischen Bazar darzustellen . So war Jung und Alt gekommen in tausenderlei leuchtenden Gewanden der Aufgangsländer . Die lockenden Houries hinter ihren Seidenschleiern lachten mit funkelnden Augen hervor , und alte , mantelumhüllte , breite Patriarchen wandelten in den eingestimmten Räumen . Frau Rehorst war als Zigeunerin erschienen . Sie sah wunderlich und unglaublich prächtig aus . Das machte auch , daß sie gleich wie losgebunden war . Eine wahre Verzehrung erfüllte an dem Abend ihre Blicke . Es war ein Auf- und Abwogen in den eigenartigsten Maskierungen . Auch Einhart kam , ein Zigeuner durch und durch . Er hatte eine Geige , die er strich . Ein paar Liedchen mit dem gleichen , schmelzenden Singeton . Frau Rehorst hing an ihm , wie eine junge Mutter an ihrem Kinde . Ihre Blicke versengten ihn . Alle Hoheit war aus Frau Rehorst gewichen an dem Abend . Nur wie ein volles Leiden der Liebe . Es ging wie ein Fieber in ihr , und wie ein brennendes Fieber kam aus ihr in alle . Es war , als wenn mit allen diesen buntgekleideten , zahmen Menschen ein Dämon allmählich sein Wesen triebe . Auch die jungen Künstler , die da waren , merkten nicht , wie sie ergriffen wurden , und die jungen Fräuleins , die längst schon mit Lockungen herumgingen , die sie sonst nicht gekannt hätten . Es war bald wie außer Rand und Band alles . Man tanzte in tollen Gebahrungen . Man lachte schrill und trieb Kurzweil mit Küssen und Umarmungen und sich herumjagen und widerstreben . In diese Taumel drang ein jäher Schrei . Alles das Treiben war plötzlich verstummt . Man hatte Frau Rehorst in ihrem Hinrasen im wilden Zigeunertanze mit Einhart noch gesehen eben , wie sie sich an ihn krampfte bis zum Sterben , und plötzlich ihn losließ , und mit jähem Aufschrei das Haus erfüllte . Man mußte sie auch sogleich im Arme hinaustragen . Sie hörte erst eine lange Weile nicht auf zu schreien . Das Schreien klang , wie ein Reh klagt , allmählich . Wie ein entsetzlicher Herzensjammer , wie zu Tode getroffen . Es war eine fürchterliche Überspannung , die zerriß . Die Gesellschaft stand herum , wie wenn Gift plötzlich in aller Blut geflossen . Man kann sagen , die Mienen dieser sämtlichen Orientalen waren einfach wie im Grausen . Einige hatten geholfen . Man war stumm , wie wenn man eine Tote hinaustrüge aus den hellen Freudensälen . Herr Rehorst hatte mit einem anwesenden Arzte zugegriffen . Margit saß in einer Sofaecke zusammengebrochen vor Schreck und zitterte . Dann harrte ein jeder wie gebannt , zu hören , daß die erste Nachricht der Beruhigung käme . Alles blieb ewig starr . Weder der Arzt noch Herr Rehorst erschien . Es war eine entsetzliche , lautlos bebende Erregung , als wenn man die Pulse aller hörte im Lichterglanze . Die bunte Schar stand , als wie eine Herde nach der Richtung scheu aufgerichtet , wo der Wolf oder das Raubtier » Leid « sich plötzlich zum Angriff herangeschlichen . Und Einhart war längst hinausgeeilt mit verzerrtem Lachen . Denn der Schrei ging in ihm wie eine wehe , unbegreifliche Zerklüftung . Es schrie in ihm noch immer mit derselben Stimme , mit der Frau Rehorst sich in seinem Arm aufgerichtet hatte und zusammengesunken und ohne Macht nur dem Dämon hingegeben gewesen war . Er lief in die kalte , graue Morgenluft . Er hatte sich einen Mantel um die Schultern zu werfen vergessen . Er merkte draußen im Dämmer , daß er in seinem fremden Kostüm ohne Mütze einherlief . Er war auch bis in seine Dachwohnung heimgekommen . Was er träumte und ansah , zerrann in Schemen , als er daheim in seinem Bodenraum im Morgengrauen auf der Erde lag und sich nicht zu sich fand in Schreck und Schauer und zerbrochener Sehnsucht und jachem Verfluchen alles Lebensatems . In der Sucht seiner unentrinnbaren Zwänge Gewalt von sich zu werfen , seiner Zwänge Gewalt und jener Frau eiserne Gebundenheit , die eben noch wie eine beflügelte Jugend in losem Erraffen der seligen Stunde hingeeilt war in seinen Armen . Die Bilder und Prunklichter in rasender , drängender Fülle führten in seinen Augen einen Reigen , wie tote Narren im Leichenhemde , die in starrem Klappergebein hintollten . Aus allen Gesichtern ertönte der Tod wie eine schrille Tanzweise . Alle die Rhythmen des Abends klangen wie ein toller Lärm aus grinsendem Grabgelichter , ewig neu aufgeweckt , und ewig ihn neu stöhnen machend und stöhnen , und sich nicht finden können , weder zu sich , noch zu dem , was ihn sonst im Leben in Ordnung umgeben hatte . Einhart war dann , als der Morgen kam , in seiner Zigeunertracht , wie er war , an der kalten Erde tiefverzehrten Blickes eingeschlafen . 16 In Einharts Leben war damit etwas verklungen , jäh und schaurig , und hatte ihn ganz verhärmt und stumm und scheu zurückgelassen . Es war eine Zeit , in der er sich kaum anders noch blicken ließ , als daß er ungesehen in einer kleinen Spelunke saß , wo Arbeitsleute aßen und weder Künstler , noch Menschen der guten Gesellschaft ihn ansprechen konnten . Frau Rehorst hatte zwischen Tod und Leben Tage und Wochen hingebracht . Man hatte völlig eine Weile verzweifelt , daß man sie könnte zurückgewinnen . Die schöne , stille Frau , die sie gewesen , war in weißen Spitzenkissen eingebettet , von Visionen und Verängstigungen geplagt , in wilden Fieberträumen hingejagt . Und hatte ein Leben von Tagen wie in Hölle und Fegefeuer gelebt . Um dann in das Nichts unergründlicher Erschöpfung eine Weile einzusinken , aus dem sie mit ebensolcher Flugkraft wieder in die Abgründe ihrer sinnlosen Peinigungen hinflog . Endlich erschienen Anzeichen der Besserung . Und man kam an einem Tage zu der bestimmten Hoffnung , daß Frau Rehorst die schwere Krankheit doch überstehen würde . Einhart war zu Herrn Rehorst hingegangen und hatte es aus seinem Munde selber gehört , der es in einem heimlichen Beben und Zittern der Freude ausgesprochen . » Sie wird uns wiedergegeben , « hatte Herr Rehorst nur gesagt und war dann verstummt , und war leise zurückgegangen , wie Einhart ebenfalls zum Gehen sich anschickte . » Sie wird uns wiedergegeben , « das begriff Einhart gar nicht . Er wußte es ja wohl , ohne es sich vorzuhalten , daß das wirklich eine Wahrheit war . Aber seinem Gemüte war es ein tiefes Rätsel . Er konnte nicht einmal darüber sinnen , weil er merkte , daß er dann ins Grenzenlose und ganz Unhaltbare fortgetrieben wurde . So lief er nur in Halbgedanken , von denen er keine Aengste und Enttäuschung zu befürchten brauchte , und malte und zeichnete dann daheim , so gut er eben konnte in der dunklen Trauer seiner Seele , als Vorhang um Vorhang sich um die Gefilde einer erlebten Traumseligkeit zog , und die einsame , schöne Insel Liebe in Tiefdunkel und Gram immer tiefer einsank . Einhart kannte das Menschengemüt . Es gibt Kinder und Junge , die Weise sind . Das Blut ist von lange her und fließt wie ein ewiger , roter Strom mit allen Geheimnissen und ihrem Sinn beladen durch die Lebensgefilde . Es braucht nicht erst von Auge und Ohr ins Blut . Das Blut enthüllt es aus der Tiefe hinaus ins Leben . So werden allein auch Weisheitsbringer und Schönheitsbringer , wenn sie aus der Ewigkeit jenes roten Stromes schöpfen , und die dunklen Blumen des Schicksals brechen , die an dessen Ufern blühen . Einhart wußte , was jener Schrei der Frau Rehorst gewesen , ein Hilferuf der armen Seele , die , aus ihrem engen Käfig vertrieben , nun in der grenzenlosen Oede und Wildnis der Seele sich nicht mehr ausfand . Er wußte , daß die großen Dämonen jetzt gewichen . Daß der sanfte Vatergeist sie wie eine weiße , verflogene Taube in seine warme Hand nun gebettet . Und daß , wenn sie aus den Fieberschrecken des Leidenschaftenkampfes genesen sich wiederfinden und sich mit ihrem eigenen Namen neu nennen würde , ihre Augen schamhaft lächeln würden über die verhallten Lärmschrecken der Seele . Sie sich erkennen würde mit sanfter , allzu schwacher Gebärde nur geborgen in ihren Kissen , von Liebe und kindlichen , gestillten Sehnsuchten umgeben , und nichts mehr wissen würde , als nur wie ein fernes , fremdes Geläut , dessen Melodie das Herz vergeblich sucht noch zu finden , und das einmal wie eine Freiheit und eine Erlösung geklungen . Einhart gewann Kraft in solchen Versunkenheiten . Daß er im Leide allmählich zu schaffen vermochte , das war sein Glück . Er tat allerhand Arbeit in Skizzen und Malweisen . Sein Atelier gewann ein buntes Aussehen . Er ließ niemand ein . Er war mit seinen Gesichten allein , die immer mehr leibhaftig wurden . Das hielt ihn immer neu aufrecht , wenn die Anfechtungen der Sehnsucht in ihm aufschrien . Daß er schließlich vor dem entstehenden Bilderwerk zu lächeln vermochte . Und ihn nur manchmal noch der Gedanke hin und her peinigte , wann er wohl endlich einmal das Glück haben würde , Frau Rehorst wieder zu sehen ? Denn ihr malte er jetzt in diesen Frühlingsmonaten , wo er wußte , daß sie genas . Ihr - auch wenn sie hingestorben wäre , hätte er es getan . Ihr , auch wenn sie ihn nicht erkennen würde jetzt - wenn sie ihn nur ansehen sollte , rein und unschuldig geworden wieder , wie ein schöner Engel , und von allen Dämonen rein geworden durch ihre schwere Zeit . Aber allen diesen Gefühlen kam dann auch an einem schönen , warmen , blütenduftigen Frühlingstage eine letzte Erlösung . Einhart war gerade im Begriff gewesen , in Herrn Rehorsts Vorhalle zu fragen . Da übergab man ihm einen Brief , der mit feinen , zärtlichen Zeichen geschrieben war . Frau Rehorst war jetzt zum ersten Male im Lichte des Tages und in den Duft des Flieders hingebettet gewesen . Da hatte sie den Brief geschrieben . Eine einzige Träne war still aus ihrem Auge geronnen - und ganz sanft schrieb sie dann , wie wenn sie Dinge und Ereignisse nicht mehr einstweilen fühlen könnte , nur noch ahnen : » Mein lieber Einhart ! Genesen ! Ja ... ! Es war eine unsägliche Zeit . Eine unsäglich-unbegreifliche Leidenszeit ! Aber der Hall im Ohre muß erst ganz verstummt sein . Ich werde immer mich trösten , daß Sie ein Künstler sind , und ich werde mit Stolz Ihren Namen hören , und Ihr Name wird mir immer klingen wie die unbegreiflichste Weise eines unbegreiflichen Liedes . Die Krankheit hat mich schwach zurückgelassen . Ich muß das Lied und seine Melodie ganz vergessen . Feiern Sie die Gefühle , weil sie Feuer sind , wie aus Vulkanen , und das Licht der Sonne . Ich kann Sie nicht mehr sehen . Ich will ganz gesunden . « Als Einhart den Brief bekam , entschloß er sich gleich , die Stadt zu verlassen . Zweiter Band Viertes Buch 1 Draußen fern schwammen Krähen im Sommerhimmel unter weißen Lämmerwolken . Das Auge des Schläfers hatte sich blinzelnd ein wenig aufgetan und sah in den blendenden Raum . Die blühende Heide rings glänzte Blättchen an Blättchen , und der zerschlitzte Schatten der dunklen Eichenkrone fiel um Einen , der noch immer träumen wollte . » Im Auge muß unser Glück wohnen , wenn wir malen , unser ganzes Lebenswunder . « Das schauende Auge des Schläfers öffnete sich nun ganz im tändelnden Eichenschatten auf der weiten Heide . Drüben hinter dem hohen Korn stand ein rotglühendes , schlankes Mädchen und stach Torfziegel um Torfziegel . Weißleuchtend in der großen , hellen Sonnenkiepe , die das junge Gesicht bis zur Nasenspitze in Schatten legte , ragte es auf und sah nicht herüber . » Im Auge muß unser Glück wohnen , wenn wir malen , unser ganzes Lebenswunder . « Das schauende Auge des Träumers sah über die goldnen Weizenhalme ins goldene Licht , staunte in die fernen , stillen , schlanken Bewegungen der blendenden Gestalt , sah und staunte und begriff nicht die Welt . Das schauende Auge sah hoch die blauen Räume und fern , fern niedertauchen die schneereine Herde der Wolkenflocken , denen es ins Unbegrenzte nachsann , sah dicht am Raine die schwebenden Halme der tausend Zittergräser und rote Köpfe Klee , Glockenblumen und die weißen Sonnen der Kamille . Und im Ohre klang dazu ein wunderbares Summen und Singen . Bienen tauchten von Blume zu Blume . Die schlanken Blumenstengel bogen sich . Es gab einen Hall aus vielen Seelen . Der Träumende hatte die Augen neu zugetan . Er lauschte innig diesem eigenen Surren und Hallen , das ihm ein Erntesang däuchte , sich in einen feinen , fernen Chor zerlösend , und breiter und voller einherrauschend , neu tiefe Brummtöne zugemischt , die der Wind in Eile herübertrieb . Der Wind selber sang verloren für sich in Heidekraut und Gräsern und Blumen . Er sang oben freiziehend im Luftgeräume . Im Blätterbusche der Eiche rieselte er , rauschte seine Stimme eilig . Und die ferne Lerche schluchzte heiter näherkommend eine verträumte Sonnenjubelweise . Der Schläfer schlief nicht . Er lauschte in sich und erlauschte die Welt . Jetzt , wo er hier lag im Eichenschatten , war er sich zurückgegeben , ganz nur er , mit einer Seele ohne Verlangen . Es waren Jahre vergangen , daß er ohne Halt und Sinn gesessen oder gewandert oder sich ganz vergessen hatte . Er hatte damals gelächelt , als der Brief von Frau Rehorst ihm alle Seligkeit gleich auf einmal ausgeblasen . So ist die Welt und geht der Frühling vorüber . Er war es schon ein paarmal jetzt gewahr geworden , daß die Seligkeiten im Blute hinrinnen , wie Lieder mit Anfang und Ende . » Jedes Ding hat eine lebendige Grenze . Und jedes Glück . So ist es , « sagte er . Er hatte nur gelächelt , als es ihn damals hinausgetrieben , und er vom Malen nicht hatte mehr seelensatt werden können . Aber » Einhart « war es noch immer . Nur hatte er einen Blick , der wie ein sicherer Dolch aufblitzte jetzt , wo er sich erhob . Er war ein schlanker , stattlicher Mann geworden . Er ging in Jahren auf die Dreißig . Er hatte noch immer ein zähes gelbgraues Gesicht , schmal , glattrasiert , mit schwarzhaariger Umrahmung des dunklen Augenglanzes , der noch tiefer schien , und sein Fetthaar hing noch in Strähnen . Aber alles war streng an ihm . Die Linie um die Nase bis zum Mundwinkel furchte sich . Die Stirnfalten zitterten , wenn er die Dinge ansah . Der seine Mund lag fast immer fest geschlossen . Und er hatte ein versunkenes , eigensinniges Leben in allen seinen Bewegungen . Einhart war heut einsam in die Heide gewandert . Draußen und drinnen die eine Welt , die ihn trug , und die er war . Wie er seinen Sommerhut von der Heide aufnahm , sah er noch einmal zu Leidchen hinüber . Dann zeichnete er einige Linien in sein winziges Skizzenbuch , klappte es zu und schlug mit dem Stocke frei und trotzig in die Lüfte . Wenn jetzt Grottfuß gekommen wäre , wäre er irre geworden , einen zu finden , den er kannte . Einhart war jetzt nicht imstande , an alle Lebensgänge sich groß noch zu erinnern . Einhart war gewiß augenblicklich ganz unbekannt , daß es so etwas wie eine Akademiestadt und einen Herrn Grottfuß wirklich gab , der seit Jahren die Künste seines Landes und aller Länder der Erde bemaß . Einhart wußte jetzt davon so wenig , wie etwa , daß er Nase und Ohren hatte und nicht ganz nur jener süße Heideruch und die weite , summende Halmensonnenwelt und Himmelsbläue selber war . Fern lag alles . Die Zerrüttungen des stummen Herzens waren über Einhart weggegangen . Sturm geht über die Weizenflur . Die Halme beugen sich hin und her , schwanken und tauchen auf . Die Zerrüttungen zeichneten Strenge und Vergessen in seine dunklen Züge , Nicht-sich-rückwenden , Lächeln und Einsamkeit , und Schauen und Hinhorchen , was in dieser Welt des Wesens innen und außen sich jeden Augenblick neu begeben will . Es begab sich dieser einzig-artige Traum