sich eine merkwürdige geistige Anstrengung zeigte , wie er redete , denn er holte mit schwerer Arbeit die Gedanken herauf und drückte sie mit Mühe in Worten aus , und deshalb sprach er sehr langsam und eindringlich ; alle aber folgten ihm mit eigner großer Anstrengung . Was er sagte , hatte eigentlich mit der Marxschen Theorie wenig zu tun ; es kam aber seine Herzenssehnsucht heraus und die Herzenssehnsucht der Hunderte von Arbeitern , die ihm lauschten , denn er meinte , die Arbeiter seien heute von der Bildung abgeschnitten und müßten sich die Bildung erwerben , dann seien sie die Herren der Welt , und jeder von diesen Männern dachte bei seinen Worten , daß er die Bildung haben wolle , und malte sich ein Gedankenbild zukünftigen Lebens der Menschheit , wo alles Leid verstummte , Haß , Neid und Unterdrückung verschwand und die Menschen in gegenseitiger herzlicher Freundschaft lebten und sich bildeten . Wie der Vortrag beendet war und einige aus der Versammlung nacheinander auf die Stufe traten und ihre beistimmende oder abweichende Meinung sagten , sprachen Hans und Karl weiter mit den Männern , die an ihrem Tische saßen . Der eine war erst vor kurzem aus dem Osten nach Berlin gekommen , nachdem er zu Hause eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgebüßt hatte wegen Geheimbündelei . Der erzählte seinen Prozeß und stellte seine Sache so dar , daß er mit seinen Freunden , die das Gesetz wohl kannten , keinerlei Geheimbund gehabt , indem sich sich immer nur freundschaftlich zu Ausflügen oder Zusammenkünften getroffen hatten . Dann fuhr er fort , daß er zuerst der Meinung gewesen , er sei ungerecht verurteilt , nicht , daß die Richter gegen ihn besonders etwas gehabt hätten , aber sie seien durch ihre Klassenvorurteile verblendet ; dann aber habe er sich die Sache weiter bedacht und sich im Geiste auf den Standpunkt des Richters gestellt , denn wenn einmal ein Gesetz sei , und wenn es auch ungerecht ist , so müsse doch der Richter danach entscheiden , und da habe er sich denn gesagt , daß er und seine Freunde eigentlich nur eine Umgehung des Gesetzes begangen hätten , denn alles , was das Verbot des Geheimbundes bezwecke , hätten sie doch getan und sich nur gehütet , die äußeren Formen eines Vereins anzunehmen , und das habe der Richter wohl eingesehen , und darum müsse er sich jetzt selber sagen , daß er gerecht verurteilt sei , und wenn er selbst Richter gewesen wäre , so hätte er auch nicht anders gekonnt . Über diese Worte entstand eine Meinungsverschiedenheit , indem einige sagten , wenn kein wirklicher Verein mit Satzungen und Vorsitzenden und festen Versammlungen gewesen sei , so wären sie in unrechtmäßiger Weise bestraft , und es könnten ja dann alle andern Menschen auch verurteilt werden , weil doch jeder einen Kreis von Bekannten habe , die mit ihm einer Gesinnung seien ; die andern aber schlossen sich der Meinung des Erzählers an , den sie Jordan nannten , und sagten , Recht müsse sein , und wenn sie selbst erst die politische Macht errungen hätten , was wohl schon in zehn oder zwanzig Jahren sein könne , so müßten die Gegner auch den Gesetzen gehorchen , die sie selbst dann geben würden ; zwar würden diese freilich auf keine Unterdrückung ausgehen , und deshalb würden auch die Gegner wohl willig sich ihnen fügen . Sie fragten auch Jordan nach dem Aufenthalt in seinem Gefängnis , denn es war eine Nachricht durch die Zeitungen gegangen , daß er und seine Freunde sehr viel hatten erdulden müssen . Da streifte Jordan seine Ärmel hoch , zog die Manschette ab und wies an seinem mageren Arm einen geröteten Streifen um den Knöchel , denn man hatte ihnen Ketten angelegt ; aber wie die Zuhörer Ausrufe machten , erzählte er , daß das Tragen der Ketten nicht so schlimm sei , wie man sich vorstelle , denn man habe ja ohnehin nicht viel Bewegung ; nur müsse man immer Vorkehrungen treffen , daß die Haut nicht durch das Eisen gescheuert werde , denn solche Wunden heilten sehr langsam und seien schmerzhafter wie manche gefährliche Verletzung . Und wie einige darauf wieder über den Leiter der Gefängnisse schalten , daß er sie unnützerweise mit diesen Ketten gequält habe , entschuldigte er von neuem , indem er sagte , man habe sie erst nach einem Fluchtversuch von zweien unter ihnen geschlossen , und wenn er selbst auch die Ketten für ein sehr wenig wirksames Mittel gegen die Flucht halte , so sei doch der Leiter der Anstalt andrer Meinung gewesen und habe gedacht , daß er auf diese Art weitere Fluchtversuche unmöglich mache . Der Erzähler schloß dann , indem er auseinandersetzte , ein jeder Mensch stehe auf seinem Posten , den er ausfüllen müsse , und anders könne er nicht , und er selbst glaube , daß unter den niederen Gefängnisbeamten mancher sei , der ihre Meinungen teile , aber er müsse doch seine Pflicht tun . Und deshalb kämpfen ja auch sie , er und die andern , nicht gegen die Menschen , sondern gegen die Verhältnisse , und man müsse auch nicht glauben , daß es in den höheren Ständen nur lauter rohe und gefühllose Menschen gäbe , vielmehr lebe da mancher , der selbst in großer Bedrängnis sei . Dieser Jordan war ein langer und hagerer Mann , dem man in seinem kummervollen Gesicht deutlich seine früheren Leiden ansah , und sprach langsam und gemessen und mit einer kindlichen Wichtigkeit . Die Zuhörer schienen alle recht ernst geworden ; als aber ein neuer sich zwischen sie setzte , wurden plötzlich alle heiter und begrüßten den lachend , denn auch der hatte zwar erst vor kurzem das Gefängnis verlassen , wohin er wegen einer Majestätsbeleidigung gekommen , aber sie fingen an , ihn zu necken , und erzählten , er sei bis über beide Ohren verliebt in ein Mädchen , die ganz außerordentlich zielbewußt war , denn so nannten sie es , wenn jemand ihre Anschauungen teilte , und die habe ihm einmal gesagt , sie könne ihn nicht lieben , weil er noch keine Opfer gebracht habe und sei nicht ein einziges Mal verurteilt ; das habe er sich so zu Herzen genommen , daß er noch denselben Abend in einer Versammlung eine Rede mit den heftigsten Majestätsbeleidigungen gehalten , für die man ihn sofort arretiert habe . Über diese Geschichte lachten alle , und wie er selbst den Erzähler zum Scherz mit dem Ellbogen stieß , entstand unter Gelächter und Späßen ein allgemeines scherzhaftes Schieben und Stoßen um den Tisch wie bei fröhlichen Jungen , daß der ernste Polizeileutnant seinen gesträubten Bart von dem Papier , auf dem er fleißig die Reden niederschrieb , nach der Richtung wendete und der Vorsitzende eine Glocke erklingen ließ und zu parlamentarischer Ordnung mahnte . Auf der Bühne stand gerade ein Redner , der seine abweichende Meinung von den Gedanken des Vortragenden mühsam in recht unklaren Sätzen erklärte , die doch von den Versammelten mit musterhafter Geduld und Ruhe angehört wurden ; seine Meinung aber war , daß die Arbeiter die Bildung schon errungen hätten , weil sie » aufgeklärt « seien , aber es gäbe noch eine zu große Menge von » unaufgeklärten « Arbeitern , und die seien der wahre Feind , gegen den man kämpfen müsse . Zum Schluß trug er einen Vers vor , der gegen den » Unverstand der Massen « gerichtet war und großen Beifall erhielt . Inzwischen erzählten die jungen Leute mit leiser Stimme wieder andere Scherze . Auf einen gewissen Polizeibeamten , den sie den Spitzohrigen nannten , hatten sie einen besonderen Ärger , und deshalb wurde ihm zum Verdruß regelmäßig die neue Nummer des » Sozialdemokrat « in den Briefkasten gesteckt , ohne daß er je den Täter ausfindig machen konnte ; der » Sozialdemokrat « war damals das anerkannte Blatt der Partei und wurde in England gedruckt und heimlich nach Deutschland gebracht und hier im stillen verbreitet , und besonders stolz waren die Leute darauf , daß das Blatt immer mit der pünktlichsten Regelmäßigkeit in die Hände der Leser kam . Über den Spitzohrigen erzählten sie noch andere Geschichten ; der hatte bei einer Haussuchung in einer gipsernen Kaiserbüste wichtige Schriftstücke der Partei entdeckt , die der Besitzer an ihrem Ort ganz sicher geglaubt ; aber nach einigen Tagen , wie des Kaisers Geburtstag war , hing bei ihm eines Morgens eine blutrote Fahne aus dem Fenster statt der schwarzweißen , und hier vermochte er den Mann , der ihm diesen Streich gespielt , nicht aufzufinden . Mit besonderer Freude erzählte diese und andre Geschichten der junge Mann , der mit seiner zielbewußten Geliebten geneckt war und Weiland genannt wurde , und seiner Listigkeit merkte man wohl an , daß er nicht unbeteiligt war an derartigen Späßen . Während diesem hatte der Redner auf der Bühne eine unvorsichtige Äußerung getan ; über die erhob sich der Polizeileutnant , setzte seinen Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst . Da standen sofort alle auf , und indem sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten , stimmten sie die Marseillaise an , der ein besonderer , für ihre Verhältnisse passender Text untergelegt war . Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck , wie die mutigen , leidenschaftlichen und jubelnden Töne dieses Liedes , von Hunderten begeisterter Männer gesungen , in dem vorher so nüchternen Saale ertönten , und es war , als wollten diese Leute jetzt alle gleich zum Kampf eilen , und als müßten sie siegen , und die beiden Studenten waren so hingerissen von der Wucht , daß sie sich gleich dem Haufen angeschlossen hätten , wenn die zu einer Barrikade gezogen wären , denn es war , als sei ihnen die eigene Überlegung geraubt und als folgten sie nur dem gemeinsamen Impuls der Menge , so schritten sie im Takt mit den andern , und ihre Herzen schlugen hoch , und nur ein Trieb war ihnen , nach vorwärts zu gehen . Indessen währte das wunderliche Gefühl nur wenige Augenblicke , denn auf der Straße verstummte das Lied ; vor der Tür standen zwei Reihen Schutzmänner , zwischen denen alle hindurchgehen mußten . Eine Stimme rief : » Laßt euch nicht provozieren « ; daraufhin war es mit einem Male , als sei jetzt alles harmlos , kleine Gruppen schwenkten nach verschiedenen Richtungen ab , ein Schutzmann mahnte einmal zum Weitergehen , und willig gingen alle weiter und zerteilten sich , es war nicht anders , als seien alle von einem einfachen Vergnügen gekommen . Ohne weitere Überlegung hatten sich die beiden Studenten den Leuten angeschlossen , mit denen sie zusammengesessen , und gingen , die einen fragend und die andern erklärend , durch die Straßen , welche so gleichgültig aussahen wie sonst , nur war es Hansens angestrengten Nerven , als hallten ihre Schritte ganz besonders auf dem Pflaster . Nach kurzem Bereden traten sie in eine Wirtschaft , in der die Arbeiter bekannt waren , denn der Wirt begrüßte sie mit Vertraulichkeit ; die Vertraulichkeit von dem ungesunden und dicken Mann war Hansen unangenehm . Es stellte sich heraus , daß der ältere Arbeiter von den beiden Studenten eine Belehrung haben wollte , denn er erzählte , daß er viel gelesen habe , und besitze zu Hause eine Menge Bücher , deshalb habe er auch keine Frau genommen , und ihn beschäftige vornehmlich eine Frage , die sei ihm aber noch in keinem Buch beantwortet , wiewohl er keine Mühe gescheut , denn er sei doch nur ein Arbeiter und besitze nicht die rechte Vorbildung ; nämlich , es werde gesagt , daß unsre Gedanken und auch das , was wir wollen , durch die Verhältnisse bestimmt werde , in denen wir leben , und daß also die Verhältnisse schuld sind an allem Übeln , das geschieht . Wenn das richtig sei , dann könne man also dem Menschen , der Böses tut , mit Recht keinen Vorwurf machen und dürfte ihn auch nicht strafen , und auch dieser Schluß werde von vielen für richtig gehalten . Er aber meine , das alles könne nicht so sein , denn dann verlohne es sich ja gar nicht , daß man lebt , und er für seinen Teil wolle lieber tot sein als leben , wenn es so sei . Der Mann , der zu Hans das sagte , mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und war ein Schuhmacher , und seine Gestalt und Gesicht waren auch die eines armen Schuhmachers , der vielleicht nach seines seßhaften Gewerbes Art zuweilen wunderliche Gedanken hat . Aber diese Worte rührten Hans ans Gewissen , denn plötzlich merkte er , daß er ein ganz andrer Mensch geworden war wie früher , und daß er früher gedacht hatte , er wolle lieber tot sein als so leben , wie der Mann schilderte , und daß er jetzt so lebte . Und dazu wurde ihm klar , daß er jetzt viel log ; denn der fröhliche Weiland redete wohl die Wahrheit , und der ernsthafte Jordan redete die Wahrheit , und dieser Mann ; aber er selbst hatte sich in Lügen gefangen und war dadurch in Gewissensangst geraten . Er wußte aber nicht , was er antworten sollte ; denn nicht nur gibt es ja keine Antwort auf die Frage , sondern er selbst war auch so verwirrt , daß er auch sonst nichts Rechtes zu sagen gewußt hätte . Deshalb sprach er nur , daß das eine Sache des Glaubens sei ; wenn einer glaube , daß er in seinen Gedanken und Entschlüssen durch die Verhältnisse bestimmt werde , so sei es so , und wenn er das nicht glaube , so sei es nicht so . Hiermit war dem Mann nun wohl nicht sonderlich gedient ; aber er merkte wohl , daß Hans ihm nicht mehr zu sagen wußte , und deshalb forschte er nicht weiter . Jordan hatte mit Anstrengung zugehört . Jetzt sagte er , es sei richtig , daß die Verhältnisse unser Denken und Wollen bestimmen ; denn wenn wir alle in der herrschenden Klasse geboren wären , so würden wir so denken und handeln wie die , und die Arbeiter verurteilen , und doch wären wir im übrigen genau solche Menschen wie jetzt . Hierüber versuchte Karl zu bemerken , daß sie beide als Studenten doch der höheren Klasse angehörten ; es zeigte sich aber , daß die Arbeiter die beiden gar nicht recht ernst nahmen , sondern sie mit einer liebenswürdigen Nachsicht betrachteten , etwa wie ein alter Förster einen jungen Herrn mit auf den Anstand genommen hat , und dieses Urteil ergab sich nicht aus den Worten , die sehr zartfühlend waren , aber man merkte es doch in der Gesinnung . Der alte Mann jedoch sagte zum Schluß , wenn die Gerechtigkeit nur ein Rauch sei , so sei die ganze Welt sinnlos ; damit erhob er sich zum Gehen und war erregt wie einer , der einen heftigen Kampf für sein Liebstes streitet und dabei doch das Gefühl hat , daß sein Kampf nutzlos ist . Karl hatte sich mit Weiland angefreundet und mit dem verabredet , daß sie gemeinsam am Sonntag einen Ausflug in einen Vorort machen wollten , der berühmt war durch seine Tanzgelegenheiten , und Hans ließ sich bereden , mitzugehen . Sie kamen in einen niedrigen und sehr großen Saal , der mit Zigarrenqualm und Menschengeruch angefüllt war ; ein Lärmen , Lachen und Schwatzen stieg in die Höhe , auf einer Bühne saß eine kleine Kapelle , und die Paare drängten sich durch die Menge zum Antreten . Nach vielem Suchen fand Weiland seine Braut , die mit zwei andern Mädchen zusammensaß , welche von verlegener Freude ergriffen wurden , wie sie die drei sahen ; aber die Lustigkeit Weilands und der leichte Sinn Karls überwanden bald die Befangenheit der ersten Minuten , und nur Hans fügte sich nicht so recht ein , wofür er auch der besonderen Aufmerksamkeit der Mädchen teilhaftig wurde . Bald begann Weilands Braut mit Geläufigkeit zu erzählen und redete mit Verachtung von ihren Eltern , deren Anschauungen zurückgeblieben seien , denn ihr Vater war ein alter Achtundvierziger , der immer noch auf dem Standpunkt der bürgerlichen Demokratie stehe , und der habe ihr ein Sparkassenbuch angelegt und gehöre zur freireligiösen Gemeinde . Ihr Wunsch wäre , daß sie mit Weiland in freier Liebe zusammenleben wollte , aber ihr Vater verlangte , daß sie sich der bürgerlichen Trauung unterzögen . Hans sprach am meisten mit der einen Freundin , einem stillen und blassen Mädchen , das ein schwarzes und oben geschlossenes Kleid trug und ihre Hände mit einem eigenen schwermütigen Ausdruck lässig im Schoß liegen hatte . Die erzählte , daß sie Weißnäherin war und für ein Geschäft arbeitete ; sie konnte nicht tanzen , und ihre Reden waren sonderbar müde und unfroh . Ginmal antwortete sie auf eine Bemerkung : » Ach , was hat man vom Leben , den ganzen Tag sitzt man vor der Maschine , und wenn man heiratet , so hat man dazu bloß noch Sorgen und Kummer . « Etwa achtzehn Jahre mochte sie alt sein . Auch klagte sie in ihrer Art darüber , daß sie sich nun schon so lange gewünscht habe , einmal einen feinen Herrn kennen zu lernen , und nun , da sie das erreicht , sei sie in solcher Verfassung , daß sie ihn von sich abschrecke . Über diese Reden bekam Hans bald ein peinliches Gefühl und war ihm , als müßte er eine Schuld haben , und zugleich war er aber auch gereizt gegen das Mädchen ; die begann in klagender Weise weiter zu erzählen von ihrem Leben und von ihren Verhältnissen ; da zeigte es sich , daß ihre Eltern sich ganz jung geheiratet hatten , weil ihr Vater in Schlafstelle gewohnt bei den Eltern der Mutter , und daß sie von Leichtsinn schnell in Sorge geraten waren und ihren Körper noch nicht hatten entwickeln können , wie sie auch keine Ersparnisse gehabt hatten für die Einrichtung des Hausstandes , und wie dann in schlechter und lichtloser Wohnung viele schwächliche und freudlose Kinder gekommen waren , die aufwuchsen in Bitterkeit und ohne Kraft , mit blassen Backen und hinschmachtendem Leib . Über alle diese Umstände urteilte das Mädchen mit wunderlicher Klarheit , und am Ende sprach sie , die armen Leute hätten sehr unrecht , wenn sie immer mehr Freiheit haben wollten , denn sie seien wie die Kinder , die von guten Menschen beaufsichtigt werden müßten , damit sie sich nicht schädigten durch ihre eignen Torheiten , und dieses Urteil hätten unter ihnen viele Frauen , aber die Männer verhöhnten sie deswegen und sagten , sie seien nicht aufgeklärt . Wie das Gespräch diese Wendung genommen hatte , verschwand ihnen beiden die peinliche Stimmung , und es entstand bald eine gewisse Behaglichkeit zwischen ihnen , indem sie auf die Dinge des gewöhnlichen Lebens kamen und das Mädchen eine ernsthafte Mütterlichkeit gegen Hansen entwickelte , gegen ihren Willen , denn sie hatte sich die ganze Woche darauf gefreut gehabt , ein leichtes und fröhliches Liebesband zu knüpfen mit einem Studenten , den sie sich als einen besonders lustigen und ganz außergewöhnlichen Menschen vorgestellt ; aber nun erzählte sie , wie sie und ihre Mitarbeiterinnen kochendes Wasser geliefert bekamen für ihren Kaffee , und daß sie sich Geld gespart zu einem neuen Kleid , und wenn er sich nicht schäme , mit ihr auszugehen , so wolle sie dieses Kleid tragen , denn sie wisse bereits eine billige Gelegenheit für einen guten Stoff , der ihr auch zu ihrem Gesicht und Figur stehe . Inzwischen tanzten die andern , und die dünne Musik tönte durch das Lärmen ; Zigarrenrauch ringelte sich in die Höhe zu der allgemeinen Wolke , und Kellner drängten sich eilfertig und aufgeregt durch die Menge ; wie Hans sie nach schüchternem Bedenken zum Trinken aufforderte , nippte sie zart an ihrem Glase und klagte dann , daß sie wenig vertragen könne . Die andre Freundin war ein übermütiges , gesundes und rotbackiges Wesen , deren Augen in Fröhlichkeit blitzten , die hatte solche Lust zum Tanzen , daß sie nicht still sitzen mochte , wenn die Musik ertönte , und Karl , der ein geschmeidiger und leichter Tänzer war , führte sie immer mit heiterer Aufforderung in den Reigen . Bald fanden sie heraus , wie sie Hansen und die Freundin necken konnte , und Karl , der durch alles gleichfalls in frohe Laune geraten war , stimmte mit ein ; aber obschon beide eine gutherzige Gesinnung dabei hatten , wußten sie doch nicht eine gewisse Taktlosigkeit zu vermeiden , die durch das Dissonieren der Meinungen ja leicht in dem lebendigeren Teil erzeugt wird , und so entstand ein nicht ganz behagliches Gefühl bei allen , durch das besonders Hansen plötzlich die schlechte Luft , der Menschengeruch und der unfeine Lärm häßlich auffielen , so daß er stiller wurde und in sich versank . Wenn Leute aus dem Volk recht gesund und in ihrer Art wohlgeordnet leben , so haben sie einen zutraulichen Glauben an sich selbst und an alles , was sie tun , der sie sehr glücklich macht . Von dieser Beschaffenheit war Karls Freundin . Die diente bei einer vornehmen Herrschaft und war recht tüchtig in ihrer Tätigkeit , und indem sie aus diesem die Überzeugung herausnahm , daß alles , was sie tat , überhaupt nicht besser getan werden könne , hatte sie in ruhiger Zuversicht bald die Herrschaft über den kleinen Kreis gewonnen , daß selbst Weilands Braut sich ihr unterordnete . Es war für Hansen recht unbehaglich , daß er sich dieser an sich harmlosen Herrschaft nicht zu erwehren vermochte , wenn er nicht eine Mißstimmung schaffen wollte ; und so hatte er hier zum ersten Male das Gefühl , daß doch eine Kluft zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaft ist , die nicht überbrückt werden kann , und wenn jemand den Versuch dennoch machen will , so begeht er vielleicht eine schlechte Handlung , denn er zerstört die Wurzel des Dranges nach Höherem . In der Folge stellte sich heraus , daß Karl bei dieser Zusammenkunft mit dem Mädchen eine Liebschaft angeknüpft hatte , die man mit dem Berliner Ausdruck als Verhältnis bezeichnet . Er bewegte sich in den seltsamsten Vorstellungen , indem die modernen sozialistischen Ideale mit alten romantischen Bildern vom Volk bei ihm zusammenschmolzen , und so erschien ihm dieses Mädchen aus dem Volke mit ihrem Drange nach Freiheit und nach ungestümem Glück zugleich als eine kräftige und ursprüngliche Natur und als ein Erstling einer großen Zukunft . Es kamen die beiden aber zusammen an Sonntagen , die das Mädchen frei hatte , und indem zu der Zeit der Frühling begann , daß er die Menschen aus den kahlen und grauen Straßen hinauslockte in helles Grün , fuhren sie aus der Stadt , bis sie an Orte kamen , wo sie allein waren und sich auf heimlichen Wegen ergingen unter Kiefern , welche die ersten hellgrünen Spitzen vorsteckten . Da sah sie viele Dinge , die ihr früher nicht bekannt gewesen waren , wiel sie vorher die nicht beachtet , Vögel von allerlei Art und Frühlingsblumen und einen reinen , klaren Himmel ; und zuerst war sie einem gedankenlosen Drange gefolgt , der sie nach Glück und Genuß trieb , wie sie aber ein Vögelchen gesehen hatte , das einen Halm im Schnabel trug zu seinem Neste , und ein Himmelschlüsselchen , das schüchtern sein Köpfchen beugte auf einer großen Wiese , da verschwand ihr das laute Lachen , und ihre Augen wurden ernster , und ihr war , als müsse Karl ein Halt sein für sie , und das Leben schien ihr nicht mehr eitel Jubel wie vorher . Aber wie sie sich so änderte , da begann Karl seine Seele vor ihr zu verschließen , denn auch ihn hatte nicht Liebe zu ihr getrieben , sondern Leichtfertigkeit und eine falsche Vorstellung , die er sich selbst geschaffen ; aber bei ihm wandelte sich der leichte Sinn nicht in Treue und Zuneigung . Das merkte sie gar bald , und da seufzte sie heimlich und kehrte bei sich ein ; aber schon war ihre Liebe zu groß geworden , als daß sie hätte sich entfernen können von ihm , und so hing sie ihm weiter an in bitterer Demütigung , und ihr Kummer machte sie besser , wie sie gewesen , und ihr Gesicht verlor zwar seine jugendliche Frische , aber es bekam edlere Züge , und selbst ihre Bewegungen erhielten etwas Vornehmes , das ihren Bekannten auffiel , daß sie es dem Einfluß Karls zuschoben . Dieser aber lebte in Haltlosigkeit ; schämte sich seiner selbst und war deshalb hart gegen sie ; denn schwache Menschen können es nicht leiden , daß sie geliebt werden und müssen den Liebenden plagen . Unter solchen Umständen geschah es , daß sie sich gesegneten Leibes fühlte ; da erschrak sie heftig und hatte zugleich eine heimliche Freude , und außerdem überkam sie , wie aus einer Nacht , die Erinnerung an ihre Heimat und an ihre Eltern , und wie sie sich schämen mußte zu Hause , wenn dort jemand etwas von ihr wüßte ; vor ihren Freundinnen in Berlin aber schämte sie sich nicht , auch hatte sie keine Freude auf das Kind , wenn sie bei denen war . Wie Karl die Neuigkeit erfuhr durch Weilands Braut und nicht durch sie selber , da hatte auch er einen starken Schrecken , und indem sich verwirrte Gewissensbedenken in ihm erhoben , die nicht auf klaren und verständigen Gefühlen ruhten , sondern auf Unwahrheit , so beschloß er bei sich , daß er sie heiraten wolle . Wie er ihr diesen Entschluß mitteilte , sprach sie zu ihm : » Wenn du mir solche Worte gesagt hättest in unsrer ersten Zeit , bevor ich dich wirklich lieb hatte , so wäre ich sehr stolz geworden durch sie und hätte mich ohne weitere Gedanken gefreut , deine richtige Frau zu werden . Nun aber weiß ich , daß es ein Gefühl gibt , das ich damals nicht kannte , und das wahrscheinlich viele Menschen nicht kennen , und vielleicht hätte ich unter andern Verhältnissen auch selbst bis zu einem späten Tode nichts von diesem Gefühl erfahren ; da ich es nun aber kenne , so kann ich nicht mit dir zusammenleben , denn du kannst mich nicht so ehren , wie es nötig wäre , weil ich geringer Herkunft bin und mir nicht feine Art angewöhnen kann , auch nicht der rechten Bildung fähig bin ; was alles wohl jetzt in unserm Kreise und so lange wir jung sind nicht so schlimm erscheint , aber mir viele schmerzliche Stunden erzeugen würde , wenn ich erst älter bin und du in eine andre Gesellschaft gelangt bist . « Wie sie das gesagt hatte , spürte Karl , daß sie aus übergroßer Liebe ihm mehreres verschwieg , von dem sie gedacht hatte , daß es ihn kränken könne , und es war ihm , als ob er sich recht schämen müsse vor ihr . Damals zog zuerst Bitterkeit in sein Herz , denn er sah plötzlich ein , daß er ein niedriger Mensch war , und er begann sich selbst zu hassen und versuchte , ob er andre verachten könne ; denn solche Hölle entbrennt in unedlen Leuten , wenn ihnen durch die Betrachtung Edler ihr Unwert klar wird ; deshalb begann er lügnerische Worte zu machen , die sie schmerzten und in ihm am Ende eine große Leere schufen . Wie nun ihre Zeit herannahte , mußte sie ihre gute Stelle aufgeben , und indem sie unwillig abwehrte , daß er ihr in irgend etwas half , nahm sie ihr erspartes Geld von der Sparkasse und zog zu einem alten Kunkelweibe , das in solchen Fällen Mädchen Unterkunft gewährte ; hier saß sie in einer großen Hinterstube , die ein Fenster in der äußersten Ecke auf den Hof hinaus hatte , und saß an dem Fenster im trüben Winterlicht und nähte Windeln , Binden und Hemdchen für das Kind , das sie erwartete . Und daran dachte sie , daß das ein kleines Wesen sein werde , das sie sich an die Brust legen wollte , und alle andern Gedanken waren ihr versunken ; nur stellte sie es sich immer wieder mit Absicht recht klar vor , wie klein das Kind sein werde , weil sie es sich sonst zu groß gedacht hätte , etwa wie es auf einem Stühlchen sitzt und nach seinem Schüsselchen verlangt . Mit Kraft und Anstrengung vergaß sie , daß sie es nicht bei sich behalten konnte , sondern sie mußte nach ein paar Wochen wieder in Dienst gehen , und das liebe Kind mußte bei der Frau bleiben ; denn wenn sie daran gedacht hätte , dann hätte sie immer weinen müssen ; so aber konnte es ihr vorkommen , als gehöre ihr diese Stube , und sie sei verheiratet , und am Abend komme ihr junger Mann , und zuweilen bedachte sie bei sich , wie sie die Möbel anders stellen wolle und alles recht reinlich halten . Aber dann tat sich die Tür auf , und das alte Kunkelweib kam herein und erzählte ihre Geschichten , wie sie sich mit den Leuten gezankt hatte . Da mußte sie sehr an sich halten , daß sie nicht weinte ; denn wenn Karl sie besuchte , so war ihr das auch kein Trost , weil sie sah , daß er nur um sich ängstlich war , und an sie dachte er eigentlich gar nicht ; ja , es war zuzeiten , als sei es ihm ein besonderes Opfer , welches er ihr brachte , daß er sie besuchte . Wie es oft geht , daß Verhältnisse , die eigentlich längst sinnlos geworden sind , doch noch fortbestehen , weil keine äußere Gelegenheit kommt