nicht finden und begann am nächsten Tag von neuem . Nachts konnte sie nicht schlafen , wenn sie auch todmüde war . Ihre Gedanken gingen irre durcheinander . - Henryk mit seinem : Was soll daraus werden ? - Die Frage drängte sich auch ihr immer unentrinnbarer auf . - Von ihm fordern , daß er für sie und ihr Kind sorgen sollte , sein Künstlertum unterbinden , lähmen ? - Nein , er mußte freibleiben , sie wollte sich nicht wie ein Bleigewicht an ihn hängen . Aber was dann ? - Dann stand sie vor dem nackten Elend , vor dem Hunger - sie und ihr Kind . Ihr Geld war jetzt völlig zu Ende , hie und da lieh sie sich etwas von den Bekannten , aß mit Zarek zu Mittag , weiter brauchte sie nichts . Noch vor kurzem hatte es ihr ganz einfach geschienen , jahrelang so weiterzuleben , wenn sie sich von Reinhard trennte . Aber jetzt , wo ihre Kräfte immer mehr versagten , wo sie tagelang mit Ohnmachten und einem entnervenden Schwindelgefühl kämpfte und das kleine Leben in ihr sich immer beängstigender regte - und niemand , der ihr zu Hilfe kam . Sterben - immer wieder kamen ihre Gedanken darauf zurück - jedes Gefühl in ihr wehrte sich dagegen , aber was blieb ihr sonst ? Es muß sein - das sagte sie sich immer wieder vor wie eine Lektion , die nicht in den Kopf hinein will . - Den Brief an Reinhard wollte sie zurücklassen - er war jetzt endlich fertig geworden - und dann von Henryk Abschied nehmen , ohne daß er etwas davon wußte . Aber er kannte sie zu gut , er wußte immer , was sie dachte , und ihre Angst verriet sich , ohne daß sie es wollte . » Was hast du vor , Ellen ? - Du hast doch nicht schon an ihn geschrieben ? « » Schon ? « sagte sie . » Mir scheint , es ist höchste Zeit . Der Brief liegt da und braucht nur noch abgeschickt zu werden . « » Was hast du vor , Ellen ? « » Ich weiß selbst nicht - laß mich gehen , ich komme morgen wieder . « Henryk ließ sie nicht gehen , er schloß die Tür zu . » Ich weiß , was du willst - ich kann es mir denken - aber ich will es nicht . « Sie konnte sich nicht länger beherrschen und schrie auf : » Laß mich , Henryk ! - Es hat ja keinen Sinn , es noch länger hinauszuschieben . - Was soll ich denn tun ? ! « » Komm , Kind , sei vernünftig - du hast ja doch nicht den Mut dazu . « Nein , den hatte sie im Grunde nicht , das Grauen vor dem Tod schüttelte sie , wenn sie klar darüber nachdachte . Aber er sollte sie nur in ihrer Verwirrung lassen , dann würde es schon gehen - irgendwo hinaus ans Wasser und dann besinnungslos hinein , dann war ja alles gut . So setzte sie sich wieder auf das Bett , die Hände vorm Gesicht und wollte nicht antworten , nicht sehen , nichts mehr hören , nur ganz in sich hineinsinken , sich kalt und gleichgültig machen zu dem , was unabänderlich vor ihr stand . » Du hast mir gesagt , daß der Brief noch nicht fort ist - du darfst ihn überhaupt nicht abschicken , Ellen . « » Es geht nicht länger - er wartet immer noch darauf , daß ich komme . « » Du mußt ihn heiraten , Ellen , es bleibt nichts anderes übrig . « Es ging ihr eisig durchs Herz - ein Schrecken , der furchtbarer war , wie alles andere . Einen Augenblick war ihr zumut , als ob die ganze Welt um sie her zusammenbräche und in einem wirren Haufen zu ihren Füßen niederrollte . Sie sagte kein Wort , während Henryk immer weitersprach : » Er liebt dich , und ist es nicht besser , wenn einer glücklich wird , als daß wir alle drei zugrundegehen ? - Wenn du dir etwas antust , ist mein Leben mitzerstört und seines auch . Oder glaubst du , ich könnte weiterleben mit dem Gedanken , dich in den Tod gejagt zu haben ? Ellen , und ich kann dich nicht bei mir behalten mit einem Kind , du weißt es selbst - was sollte aus uns allen werden dabei ? « Nach langer Zeit nahm Ellen die Hände vom Gesicht und sah ihn an . Sie fühlte nur wieder , wie sie ihn liebte , daß ihre Liebe bis an die Grenzen des Wahnsinns ging . Mochte er von ihr verlangen , was er wollte , ihr den Kopf abschlagen , den Lebensnerv durchschneiden - sie hätte ja gesagt und stillgehalten . » Ja , Henryk , ich will tun , was du willst - mach jetzt die Tür auf . « Er faßte sie bei den Schultern und sah sie an : » Versprich mir , daß du dir nichts antust . « » Ja , ich verspreche es dir , aber laß mich gehen . « Als Ellen nach Hause kam , zerriß sie den Brief an Reinhard und schrieb einen neuen : » Ich komme , sowie alles in Ordnung ist , und bin mit allem einverstanden . « - Dann saß sie noch lange am Tisch mit geschlossenen Augen : wenn es möglich war , daß Henryk ihr das vorschlug , dann mußte sie es wohl auch tun können und brauchte nicht zu sterben . Sie fühlte keinen Groll gegen ihn - jede Empfindung in ihr war wie gelähmt . Gegen Abend brachte sie den Brief auf die Post und ging zu Zarek hinauf . Der Fritz war auch da ; die beiden sahen , daß Ellen sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte und legten sie auf die Matratze , die als Sofa diente . Zarek saß am Kopfende neben ihr und der Fritz zu ihren Füßen . Später kam noch die Dalwendt mit einer Flasche Wein unter dem Mantel ; sie war zuerst in Ellens Wohnung gewesen und hatte sie dort nicht gefunden . » Sagen Sie , Fräulein , was ist mit dem Kind ? « sagte Zarek , während er die Gläser füllte . » Geht sie herum wie Geist , lacht nicht mehr und fällt um jeden Augenblick . « Der Fritz streichelte ihre Füße und beugte sich etwas vor : » Ja , du bist ganz verändert - wir haben schon oft davon gesprochen die letzte Zeit . Du mußt krank sein , Ellen , und ich glaube , es wird dir auch arg schwer fortzugehen ? « Zarek hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt : » Darfst du ihr nicht mehr streicheln , Fritzl , ist sie bald verheiratete Frau mit Baby auf dem Arm und Kochlöffel in der Hand . - Fräulein , sagen Sie ihr , ist Blödsinn heiraten für solche Ellen . - Kommt sie nie wieder und vergißt uns alle . « Ellen begegnete dem Blick ihrer Freundin - sie war die einzige , die von ihrem Verhältnis zu Henryk wußte , und die wohl jetzt auch den ganzen Zusammenhang ahnte . Sie hatte ein seltenes Vermögen , mitzuwissen und mitzufühlen , auch das , was man ihr nicht mit Worten sagte , weil Worte zu wehe taten . » Ich glaube doch , daß Ellen wiederkommt « , meinte sie in ihrer langsamsten Weise , » und warum soll sie nicht heiraten , wenn ihr Mann sie weitermalen läßt . « Zarek hob feierlich sein Glas : » Prost , Fräulein , stoßen wieder an auf Kunst . - Braucht man nicht treu sein Männern , wenn man nur treu bleibt in Kunst . Seid ihr tapfre Weiber und gute Kameraden . - Mach nicht so traurige Augen , Ellen - sehen wir uns alle wieder . « Nein , sie war nicht traurig , - ihr war nur , als ob nichts wieder ein Gefühl in ihr zu lösen vermöchte . - Da saßen sie , die Freunde , die Kameraden , mit denen sie das Leben so froh geteilt hatte , und sie begriff es selber kaum , daß sie es über sich gewann , ihnen nicht ihr ganzes Elend ins Gesicht zu schreien . Aber was bedeutete es jetzt noch , daß sie auch die alle verlieren sollte - mochten die Räder über sie hingehen und alles zermalmen , daß nichts mehr übrig blieb . Ihr Schmerz war keiner , den man ausrasen oder ausweinen konnte , mit eiserner Wucht lag es auf ihr , drängte sich mit tausend glühenden Fangarmen in ihre Seele hinein und preßte sie zu einem fühllosen Etwas zusammen . - Das einzige , was noch in ihr lebte , war der Gedanke an das Kind - ihr Kind und Henryks - das mußte geborgen werden - dafür geschah ja das alles . Ihr war wie einem Menschen , der sein Haus brennen sieht und hineinstürzt , um ein Kleinod zu retten , an das er bis dahin kaum gedacht hat . Aber jetzt in diesem Augenblick weiß er nichts mehr , als daß dies Eine geborgen werden muß , - alles übrige mögen die Flammen verschlingen , mag einstürzen , ihn selbst mitbegraben , darauf kommt es nicht mehr an . - Ellen wollte jetzt so rasch wie möglich fort von München , - aber jeden Tag , der ihr noch blieb , trank sie in sich ein wie einen Becher mit schwerem Wein - die letzte Wollust und die letzte unergründliche Qual ihrer Liebe - das dunkle Weh ihrer Mutterschaft von diesem Mann , den sie liebte . Das wenigstens durfte sie mit sich nehmen , wenn sie alles andere hinter sich zurückließ . Am letzten Tage war Henryk bei ihr - Ellen ging im Zimmer herum und ordnete ihre Sachen - er folgte ihr mit den Augen , bis sie kam und sich neben ihn setzte . Nun ging eine plötzliche Erschütterung durch ihn und er umschlang sie fast gewaltsam . » Wirst du mich auch nicht hassen , wenn du fort bist ? « » Nein , nein « , sagte Ellen und lächelte mit einem starren Blick , der weit in die Ferne ging . Henryk legte den Kopf an ihre Schulter und weinte . - Die ganze Unseligkeit ihres Opfers kam über sie , sie fürchtete jetzt , noch ihre Kraft zu verlieren . » Ellen - Kind - ich glaube , du tust das Ganze nur für mich , und ich wollte , du solltest es für dich selber tun . « Sie hatte nicht gewollt , daß er das fühlen sollte , es war , als ob sie ihn dadurch beschämen , zu ihrem Schuldner machen würde - das war unerträglich , wo man so liebte . » Ellen , du wirst mich doch einmal hassen . « » Nein « , sagte sie noch einmal , » du hast mir zu viel gegeben , Henryk - das vergesse ich nie . Von dir hab ' ich erst die Seele bekommen , vorher hatte ich keine . - Das andere ist Unglück , Schicksal - dagegen kann man nichts machen . Du hast mir doch oft gesagt , daß es auf das Leben nicht ankommt , ich meine darauf , wie man äußerlich lebt - wenn man nur die Kunst hat und darin - das hätte ich ohne dich vielleicht nie so gefunden . Das bleibt mir ja - ich werde niemals loslassen . « » Und das Kind ? « » Nein , Henryk , ich habe nur Dank für dich - glaub ' es mir . « » Ja , wenn wir hätten beisammen bleiben können . - Denn das will ich dir jetzt noch einmal sagen , Ellen , ein Weib wie dich werde ich nie wiederfinden , nie . Und du wirst etwas leisten in der Kunst , wenn du treu bleibst . Willst du dann auch noch etwas an mich denken und an alles , was wir zusammen gelebt und gesprochen haben ? « Das letzte , was Ellen von München sah , war Henryk , der auf dem Perron stand , unter der dunklen Riesenhalle , im Frühlingsabend , und zu ihr hinaufsah . - Selbst in dieser Stunde fühlte sie keine Verzweiflung , kein zerreißendes Entsagen , ihr war nur , als ob sie einen Sarg mit sich führte , in dem ihre Jugend , all ihr Glücksverlangen und ihre Liebe lag , während sie dahinfuhr , einer fremden , gleichgültigen Zukunft entgegen - fremd und gleichgültig , weil ja doch alles gestorben war - eine lange , stumme Totenwache , während der Zug rollte und rollte . Ein paar Wochen später war Ellen Reinhards Frau - und ihr Zusammenleben gestaltete sich vom ersten Tage ganz anders , wie er gedacht hatte . Er war auf einen langen , schwierigen Kampf gefaßt , auf ihren stets bereiten Widerspruch gegen tausend Dinge , die ihr jetziges Leben und seine Stellung verlangten . Aber nur einmal , als die Rede davon war , sie wieder mit ihrer Familie zu versöhnen , sträubte Ellen sich so wild gegen jede Annäherung , daß er schließlich nachgab . Sonst ließ sie alles fast willenlos über sich ergehen , selbst über die kirchliche Trauung verlor sie kein Wort , während sie früher bei dem bloßen Gedanken in Empörung geriet . Überhaupt fand er sie seltsam verändert - nichts mehr von ihrem alten Übermut und dafür etwas Stilles , in sich Gekehrtes und eine Weichheit , die er früher nicht an ihr gekannt hatte . Mit Staunen sah er , daß Ellen sich ihrer Häuslichkeit annahm und das äußere Leben sich ohne Schwierigkeiten abwickelte . Was mochte es sie gekostet haben , sich von ihrem sorglosen , ungebundenen Leben in München loszureißen , und dem wollte er Rechnung tragen , es ihr so leicht machen , wie nur möglich . Es entsprach ihrer beider Wunsch , still und zurückgezogen zu leben , sich den Tag so einzurichten , daß jeder seiner Arbeit ungestört nachgehen konnte . Und Reinhard sah auch , wie der Gedanke an ihre Malerei sie mit einem fast verzweifelten Ernst erfüllte - bei ihm sollte sie nicht gehindert und eingeengt sein , er wollte alles in ihr pflegen , in Ruhe und Liebe . Denn die hatten ihr bisher immer gefehlt , und er fühlte wohl , daß ihre Seele Wunden trug . Nur kam ihm nie der Verdacht , daß ein anderer Mann ihr die geschlagen haben mochte . Und für Ellen war es fast überwältigend , all diese umsorgende Liebe zu fühlen , die nur darauf bedacht war , ihr Leben so zu gestalten , wie sie es wünschte und brauchte . Zuerst , nach ihrer Rückkehr aus München , war sie bei Reinhards Familie gewesen , wo sie vor jedem Blick zitterte und gewaltsam ihre körperliche Schwäche niederzwingen mußte , um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken . Es schien ihr fast undenkbar , daß niemand ihr Geheimnis erraten sollte . - Und dann der Hochzeitstag , die Junisonne lachte , und sie sah in lauter strahlende Gesichter , hörte lauter frohe Worte und Stimmen und sollte selbst lächeln und viele heitre Worte sagen , während die beklemmende Angst in ihr immer höher stieg . Nur eine kurze Stunde vor der Trauung war sie allein in ihrem Zimmer , da warf sie sich aufs Bett und weinte zum erstenmal in all den Wochen bange und verzweifelt - dann kam Reinhard , um sie zu holen , und abends langten sie in ihrem neuen Heim an . Und jetzt , wo sie mit ihrem Mann zusammenlebte , wuchs die Gefahr mit jedem Tag unentrinnbarer empor . Immer klarer kam es ihr zum Bewußtsein , wie wahnsinnig und unüberlegt sie gehandelt hatte , es konnte nicht lange mehr dauern , dann war es nicht mehr zu verbergen . Und wie sollte sie ihn dann täuschen ? Sie hing wie ein Schiffbrüchiger mitten im Meer an einem Balken , der jeden Moment hinweggespült werden kann - mit der unsinnigen , unmöglichen Hoffnung , daß noch irgend etwas kommen möchte , sie zu retten . - Dazwischen glaubte sie wieder Henryks Stimme zu hören : Hart sein , Ellen , stark sein - und sie fühlte sich fast übermenschlich stark in diesem einsamen Kampf . Reinhard begann allmählich sich um ihre Gesundheit zu sorgen - Ellen hatte gleich wieder angefangen zu arbeiten , aber wenn er nachmittags aus seinem Büro kam , fand er sie meist auf dem Sofa , oder sie saß in dem leeren Zimmer , das ihr als Atelier diente , mitten unter ihren Malsachen und Skizzen und starrte vor sich hin . Es waren jetzt sechs Wochen vergangen , seit Ellen aus München kam . Sie saßen sich abends gegenüber an Reinhards großem Schreibtisch . » Willst du mir etwas helfen ? « fragte er . » Ich habe heute schon so viel geschrieben . « Er litt manchmal an Augenschmerzen und liebte es , dann zur Abwechslung zu diktieren . So setzte Ellen sich an seinen Platz und begann zu schreiben . » Bist du müde ? « fragte er ein paarmal . Ellen schüttelte den Kopf . Sie fühlte seit ein paar Tagen Schmerzen , die jetzt gegen Abend immer heftiger wurden . Eine Viertelstunde nach der anderen ging vorüber und sie biß heimlich die Zähne zusammen , während eine ratlose Angst durch ihre Gedanken wirbelte . Inzwischen schob sie die Lampe so , daß ihr Gesicht im Schatten war . Als die Arbeit zu Ende war , stand Reinhard auf : » Danke , Ellen , hast du dich auch nicht zu sehr angestrengt ? « Er sah , daß sie sehr blaß war . » Geh nur gleich schlafen . « Ellen hatte ihr eigenes Zimmer neben dem Atelier . Was sie während dieser langen Nachtstunden durchlebte , erfüllte sie mit solchem Entsetzen , daß sie glaubte , ihre Haare müßten weiß werden oder eine sichtbare Spur in ihren Zügen zurückbleiben . Stundenlang lag sie alleine da in der Nachtstille unter unerträglichen Qualen , die nicht laut werden durften , und ließen die Schmerzen nach , so kamen all die Gedanken , die sie fast noch mehr folterten . - Ihr Kind - Henryks Kind , nun war alles umsonst gewesen ; wie sollte sie jetzt noch weiterleben ? - Es hatte eine Zeit gegeben , wo sie selbst gewünscht hatte , es möchte so kommen . Aber seit sie von Henryk Abschied nahm , war all ihr Sehnen zu diesem ungeborenen kleinen Wesen hinübergeglitten , das in ihr schlummerte . Der Gedanke an ihr Kind war der einzige leuchtende Hoffnungsschimmer gewesen , der ihr blieb , um den sie alles auf sich genommen hatte . Und nun war auch der verloschen . Endlich verrann die Nacht , dann lag sie da in der Morgendämmerung , ihre Augen hingen an der Wanduhr gegenüber , deren Zeiger langsam vorrückten . Ihr schien , als ob sie von Minute zu Minute schwächer würde und ihr Leben in langsamen Wellen zu entfluten drohte . Gegen neun Uhr klopfte Reinhard leise an : » Schläfst du noch , Ellen ? « Sie antwortete nicht , er blieb noch einen Augenblick stehen , sie hörte ihn ein paar Worte mit der Aufwärterin sprechen , die jeden Morgen kam , dann ging er und zog die Haustür vorsichtig hinter sich zu . Als er nachmittags zurückkam , war Ellen wieder auf - sie hatte ihren gewohnten Spaziergang gemacht und fühlte sich ganz wohl . So schleppte sie sich noch ein paar Tage hin , dann warf es sie plötzlich nieder . Sie nahm ihre letzten Kräfte zusammen und schickte erst zum Arzt , wie ihr Mann aus dem Hause war . Als sie wußte , daß der Arzt schweigen würde , kam zum erstenmal eine tiefe dumpfe Ruhe über sie . Lange Tage lag sie nun schwerkrank in dem halbdunklen Zimmer , Reinhard saß neben ihr , sorgte für sie in seiner fast mütterlichen Liebe , und Ellen fühlte nun das Unbegreifliche , daß sie gerettet war . Etwas über ein Jahr war verflossen , als Ellen wieder nach München fuhr . Sie saß im Zug und dachte an jene lange Fahrt damals , die Totenwache über den Trümmern ihres ersten heißen Jugendlebens . Und wie dann alles gekommen war , sich von neuem aufgebaut hatte , anders freilich , wie ihre jungen Träume es gewollt hatten . Mit tiefem Heimweh gingen ihre Gedanken zu Reinhard hin - wie er jetzt so allein war , sie so ruhig hatte gehen lassen , ohne zu ahnen , was alles wieder in ihr aufwachen mußte , und mit wie schwerem inneren Bangen sie sich von ihm getrennt hatte . Als sie dann den ersten Morgen im Hotel aufwachte und durch die wohlbekannten Straßen ging , kam wieder das alte jubelnde Lebensgefühl über sie , als ob sie eine andere Luft atmete , in der so viel Leichtes , Frohes , Junges lag , und die manche vergangene Schmerzen wegblies . Ihr erster Gang war zu Zarek , er saß wie einst auf seinem Bett und stritt mit dem Maxl , - es sah aus , als hätten sie sich in all der Zeit nicht vom Platz gerührt . Beide waren sprachlos erstaunt , als sie Ellen hereinkommen sahen . Dann faßte Zarek sie um und tanzte mit ihr durchs Atelier : » Sapristi - ist kleines Ellen wieder da ! « » Habt ihr mich denn wirklich nicht vergessen ? « sagte sie ganz gerührt . Nun drehte er sie um und sah sie von allen Seiten an . » Bist du noch ganz wie früher , aber hast du dir wieder lange Haare wachsen lassen - doch ein bissel Frau geworden . « » Kinder , Kinder « , sagte Ellen überwältigt , » wie schön , euch wiederzuhaben ! « » Hast du viel gemalt ? « fragte der Maxl . » Oh , es geht , ich war meist nicht recht gesund , aber das kommt alles noch . « » Wie viele Babys hast du denn schon ? « Einen Augenblick ging es wie ein Schatten durch ihre Augen . » Was denkt ihr denn ? Gar keins . « » Sag mal , Kind , bist du denn wirklich geheiratet ? - Glaubt es niemand . Weißt du noch , wie alte Tanten in der Schule sagten : Der Mann muß Mut haben . Dachten alle , würde dein Mann dich nach vier Wochen zurückschicken . « » Nein « , sagte Ellen auf einmal ganz ernst , » über meine Ehe dürft ihr keine schlechten Witze machen . Ich habe noch nie einen Menschen gekannt , wie meinen Mann , er will selbst , daß ich jedes Jahr wiederkomme und hier male . « » Muß feiner Kerl sein « , sagte Zarek bewundernd , » Hab ' ich so viel Angst gehabt , du würdest Philister . - Bleibst du jetzt hier ? « » Noch nicht , ich gehe mit der Dalwendt aufs Land , um mich erst ganz wieder zu erholen . « Gegen Mitte Mai war Ellen dann mit ihrer Freundin auf dem Land in einem kleinen Gebirgsdorf . Der Frühling kämpfte noch mit Sturm und Regen , dazwischen kamen warme Tage , wo die Sonne schien wie mitten im Sommer . Ellen lag in ihrem bequemen Stuhl auf dem Balkon und las einen Brief von Reinhard . » In sechs Wochen wird er wohl Urlaub nehmen und mir nachkommen « , sagte sie und reckte sich . Die Dalwendt ließ ihr Buch in den Schoß sinken , sie war groß und kräftig , mit schwerem blonden Haar und etwas trägen Bewegungen . Ellen fand es sehr angenehm , mit ihr zu leben , sie war wie eine Schatulle , in die man alle Geheimnisse einschließen konnte und nur hervorholte , wenn man eben wollte , niemals sprang sie von selbst auf . Und dann ließ sie sich jede Stimmung suggerieren , empfand gerade das , was man wünschte . So wußte sie jetzt auch gleich , daß Ellen an Reinhard und Henryk dachte . » Dein Mann muß ein seltener Mensch sein « , sagte sie . » Ja , das ist er - ich hab ' ihn eigentlich erst kennengelernt , nachdem wir heirateten , und wir sind doch sehr glücklich zusammen gewesen . - Siehst du , es war mir etwas so ganz Ungewohntes , ein Heim zu haben . Reinhard ist fast wie eine Mutter gegen mich , ich weiß nicht mehr , wie ich ohne ihn leben sollte . - Aber manchmal frage ich mich doch wieder , ob ich überhaupt für ein friedliches Dasein geschaffen bin . Wenn du mir von München und euch allen schriebst , bekam ich oft rasendes Heimweh nach dem ganzen Leben von damals , als ob das das Eigentliche wäre . - Man ist doch im Grunde schrecklich feig . « » Warum feig ? « fragte die Freundin nachdenklich . » Weil man nie den letzten Mut zu sich selbst hat , wie wir in unsrer Ibsenklubzeit sagten . - Hätte ich den , so würde ich Reinhard alles sagen und mich von ihm trennen . - Ich meine nicht nur das , was ich damals getan habe , - auch daß ich überhaupt nicht imstande bin , fürs ganze Leben nur einem Menschen zu gehören . Solange ich bei ihm war , hab ' ich mir das nie so klargemacht , aber jetzt geht es wieder alles in mir hin und her . « » Hast du Henryk gesehen ? « » Nein , er war nicht da , - aber wenn ich das nächste Mal in die Stadt fahre , werde ich ihn wohl sehen . Übrigens , daß er mit der Anna zusammen ist « - die andere sah sie etwas unruhig an , aber Ellen verzog keine Miene . » Nein , ich hab ' nie daran gedacht , daß es zwischen uns wieder anfangen könnte - das ist vorbei . Es ist doch wohl etwas Wahres daran , daß man nur einmal liebt - wenigstens so , daß man sein ganzes Leben auf eine Karte setzt . « » Ein paarmal habe ich ihn gesprochen « , sagte die Dalwendt , » als du fort warst - damals war er drauf und dran , dir nachzureisen . Ich hätte sie nie heiraten lassen sollen , sagte er . « Ellen antwortete nichts , diesmal zuckte doch ein tiefer wunder Schmerz in ihr auf . » Nein - aber weißt du , wen ich neulich getroffen habe « , sagte sie nach einiger Zeit , » den Johnny . Ich ging mit ihm auf sein Atelier , und wir sprachen vom Karneval damals . Er hat so etwas , was einen in fröhlich frivole Stimmung bringt . Wir fanden es beide eigentlich schade , daß wir damals nichts weiter zusammen erlebt haben . « » Das ist es ja immer « , meinte die Freundin bedächtig . » Es ist ein Gefühl , das mich ganz wild machen kann , wenn man daran denkt , was man alles nicht erlebt und was so vorbeigeht . Ich möchte mehrere Leben nebeneinander haben - eines dürfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend mit einer großen stillen Liebe - gut und glücklich sein - verstehst du , aber das andere - nur hineinstürzen und alles über sich zusammenschlagen lassen . - So war mir neulich bei Johnny zumut - als ich ging , fragte er , ob ich ihm nicht jetzt den Kuß geben wollte , um den er mich damals nicht gebeten hat . - Nachher dachte ich wieder an Reinhard . « » Es ist doch sonderbar « , sagte die Dalwendt langsam und wartete ab , was Ellen sonderbar finden würde . » Ja , siehst du , das ist es eben , wenn man mit einem Menschen lebt und ihn sehr lieb hat - da ist man immer gezwungen , durch seine Empfindungen zu sehen . Und das gibt dann diesen fortwährenden Widerspruch . Für Reinhard würde alles zwischen uns aus sein , wenn ich ihm untreu wäre , und für mich würde es dann vielleicht gerade anfangen - wenn er verstände , daß ich auch anderen gehören kann . Warum muß man gerade verheiratet sein - Kommen und Gehen , eine Weile zusammenleben und sich dann wieder trennen - mir läge das viel näher , überhaupt das Erotische als etwas Zufälliges nehmen , sonst geht es mit der Zeit auch verloren . « » Du hältst ja förmliche Reden , Ellen , das ist man an dir gar nicht gewöhnt . « » Ja , früher hab ' ich auch über die Sachen nicht viel nachgedacht . - - Mein Gott , als ich von euch fortging , damals glaubte ich , daß nun alles für mich zu Ende wäre - die große Entsagung und die Kunst - auf das Leben kam es nicht an . Das hatte Henryk mir alles eingeredet , aber wie soll man jemals etwas schaffen können , wenn man nicht sein eigentliches Leben lebt ? Wir hatten doch recht mit unsren pathetischen Jugendredensarten . - Und mein Leben muß ich auch wieder leben , wenn es auch noch so viel kostet . « » Aber diesmal würde es dich viel kosten , Ellen , äußerlich . Du sagst doch selbst , daß du nicht mehr so eisern kräftig bist wie früher . « Ellen hatte sich ganz heiß geredet , nun stand sie auf