! Du trugst sie an deinem Eli-lama-Tage ; das war anmaßend ! Und nun willst du sie sogar an deinem Auferstehungstage tragen ! Wie würde das wohl sein ? ! Diese vermeintliche Auferstehung würde sich in eine Leichenschändung verwandeln ! Ich sah hier in deinem Manuskripte angestrichene Stellen . Du sprichst da von dem Himmelreiche , sprichst von der Seligkeit ! Wußtest du denn , ob grad dein Himmelreich auch jedem andern wohlgefallen werde ? War es dir unbekannt , wer die sind , die von Christus in seiner Bergpredigt seliggepriesen werden ? Du aber wolltest Thoren selig machen , die grad das Gegenteil von dem thun , was der Meister fordert ! Wie erhaben groß war jener Geist , um den sich nach zweitausend Jahren noch alle hohen , edlen Geister sammeln , um an ihm emporzuschauen . Wo steckt der deinige ? Zu Christi Füßen wohl ? Ich suche ihn zwar da , finde ihn aber nicht . Steckt er vielleicht in des Erlösers Schatten ? Ich warne dich ! Er mag zum Lichte kommen ! Und nun höre das letzte : Wie hoch , wie hoch denkst du von diesem deinem Geiste ! Er , der vor bloßen Schemen voller Angst die Flucht ergriff , er soll jetzt auferstehen , seinen Zufluchtsort verlassen , sich hier aus seiner Gruft hervorwagen , und zwar zum Schrecken und Entsetzen derer , vor denen er so ganz besinnungslos entfloh ? Du sprichst von deiner Geisterhand . Du sollst von mir erfahren , was du von dieser Hand zu hoffen hast ! Da , schau ! « Ich schlug das letzte Blatt des Buches um und gab es ihm . Er sah die neuen Zeilen . » Ein Gedicht ! « sagte er . » Meine Antwort auf das deinige , « erklärte ich . » Wann schriebst du es ? « » Als du am Fenster standest . Laß es mich hören , laut ! « Er las : » Ich kam zu dir mit meinem Sonnenschein ; Du aber wolltest mich und ihn nicht haben , Du glaubtest ja , ein großer Geist zu sein , Und warfst um dich mit dieses Geistes Gaben . Du hieltest für die Ewigkeit geschrieben , Was Menschenhand für Menschenaugen schreibt , Und bist doch selbst ein Manuskript geblieben , Das ungedruckt im Kasten liegen bleibt ! Ich kam zu dir mit meinem Sonnenlicht ; Du aber glaubtest , eignes Licht zu strahlen . Es glimmte wohl , doch leuchtete es nicht , Und teuer war die Lampe zu bezahlen . Du wolltest alle Welt im Nu entflammen Für dich und deine Thorenseligkeit ; Da aber fiel der Docht in sich zusammen , Und nun umfängt dich selbst die Dunkelheit ! Nun komme ich mit all dem Sonnenglanz , In dem vor ihrem Herrn die Geister beten . Ich will zum allerletztenmal , doch ganz , In meiner Klarheit Fülle , zu dir treten , Begreifst du nun auch jetzt das große Wunder , Das doch so einfach ist , noch immer nicht , So gehst du wie der Docht im Lämpchen unter , Denn deinem Geist fehlt jede Spur von Licht ! « Er hatte die Vorlesung in jenem hohen Tone begonnen , den , wie er glaubte , das Metrum mit sich brachte . Dieser Ton war laut und vorwurfsvoll . Aber schon nach den ersten Zeilen begann er zu sinken . Die Sätze folgten sich langsamer , weil der Gedanke sich sträubte , so schnell mitzukommen . Es traten sogar kurze Pausen ein . Das Gesicht des Ustad wurde ernster und immer ernster . Als er zu Ende war , las er das Gedicht noch einmal leise durch . Nun war ich hochgespannt auf das , was er jetzt thun werde . Er sah mich gar nicht an . Er sagte nichts , kein Wort . Er drehte sich langsam um und ging wieder nach dem Fenster . Ich blieb stehen , still , erwartungsvoll . Still war es auch in meinem Innern . Kein Gedanke kam ; kein Gefühl bewegte sich . Mein Herz klopfte . Ich hörte es . Gab es jemand in mir , der stumm betete ? Da verließ der Ustad das Fenster . Ist es möglich , daß sich ein Gesicht in so kurzer Zeit so sehr verändern kann ? Das seinige war wie verklärt . Seine Augen strahlten . Er blieb vor mir stehen und riß das letzte Blatt langsam und sorgfältig , um es nicht zu verletzen , aus dem Manuskripte . Dann warf er das letztere weit hinter sich , so daß es an die Wand zu den alten Zeitungen zu liegen kam , und rief im frohesten Tone aus : » Hier hast du es , Effendi , alles , alles ! Den Leidensweg , die Biographie und vor allen Dingen auch die Rechtfertigung , die ich keinem einzigen Menschen hier auf Erden schuldig bin ! Verbrenne es , sobald du kannst , dort mit den Zeitungs-Makulaturen ! Ich habe dich endlich , endlich nun begriffen : Wenn mich die Menschheit aus den Thoren stößt , Um mich , den Menschen , an das Kreuz zu schlagen , So wurde ich von meiner Schuld erlöst ; Sie aber hat die ihre noch zu tragen ! « Nun richtete er seine Gestalt hoch auf . Auf seiner Stirn drohte plötzlich der heiligste , unerbittlichste Ernst . Aus seinen Augen flammten Zornesstrahlen und seine Stimme klang in ihrer tiefsten Tiefe , als er fortfuhr : » Hatte ich meinen Leidensweg zu gehen , oder hatte ich meine Feinde aufzufordern , sich um ihre eigenen Balken , nicht aber um meine Splitter zu bekümmern ? Von welchem Monarchen oder von welchem Herrgott waren sie beauftragt , über mich zu Gericht zu sitzen ? Standen sie etwa als erhabene Geister in unermeßlicher Ferne über mir ? Nein ! Denn dann hätten sie gar nicht auf mich geachtet ! Sie waren Dochte , grad wie ich , weiter nichts ; ja , sie hatten nicht einmal eigenes Oel , sondern sie zehrten von dem meinigen ! Und grad das ist es , was sie kennzeichnet ! Wenn sich niemand findet , von dessen Fehlern sie leben können , wird es in ihren Laternen dunkle Nacht . Aber haben sie einmal Einen gefunden , den lassen sie jahrelang nicht los , um ihn so vollständig zu verschlingen , wie einst die sieben magern die sieben fetten Kühe im Traume Pharaos ! Wenn dann der Geist im Lande teuer wird , so sind doch wenigstens sie vom Hungertod gerettet - - - zum ewigen Heil der ganzen Nation ! Mußte ich mich von ihnen auf die Hörner nehmen lassen ? War ich gezwungen , mich meiner Fehler wegen von den Sünden Anderer aus einer Welt treiben zu lassen , auf welche ich wenigstens ein ebenso großes Anrecht besaß wie sie ? Welches innere oder äußere Gesetz kann mich wohl verurteilen , unter Millionen der Einzige zu sein , der seine Fehler willig auf sich nimmt , während die Uebrigen , bis an den Hals tief in den ihrigen steckend , ihre schadenfrohe Augenweide an mir haben ? Und nun sie mich für gestorben und begraben halten , ist es da nicht eine beinahe unfaßbare Schande für mich , hier in meinem Grabe herumzuwimmern , anstatt mich kräftig zu regen , um die Steine desselben auseinander zu sprengen ? « Er ging einige Male im Zimmer hin und her , blieb dann vor mir stehen und sprach weiter : » Man sagt , daß Gräber sehr oft die Geburtsstätten von Irrlichtern seien . Also nicht einmal Docht , sondern nur Verwesungsgas ! Es irrlichteriert auch auf dem meinigen herum . Effendi , ich stehe auf ; ich muß hinaus ! Du hast mich gefragt , ob ich wirklich entschlossen sei , wieder an das Licht des Tages zu gehen . Ich gab dir mein Wort , und ich werde es halten . Dort liegt der Mantelfetzen , den du mir weggenommen hast , meine Rechtfertigung , die ich keinem Menschen schuldig war . Noch ehe du ihn ins Feuer wirfst , habe ich meinen Lebensanteil wieder in den Händen . Ich fühle es , die alte Kraft ist wieder da . Ich habe bloß nur Zeit versäumt und werde da beginnen , wo ich einst aufhörte . « » Bloß nur Zeit ! « antwortete ich . » Ustad , Ustad , du kannst nichts Köstlicheres verlieren als die Zeit ! Sie kommt nie zurück ! « » Sei versichert , daß ich einholen werde , was einzuholen ist ! « » Aber auch hierzu brauchst du wieder Zeit , die du abermals einzuholen hättest ! Und wo willst du wieder anfangen ? Wo du aufgehört hast ? An der Stelle deiner Arbeit , wo du sie unterbrachst , oder an dem Orte , wo du früher wohntest ? « » Beides . Ich muß ; ich muß ! Denke an dein Gedicht , mit welchem du das meinige beantwortetest ? Alles Andere habe ich weggeworfen ; das Blatt mit diesem Gedichte aber hebe ich mir auf . Ich trage es auf meinem Herzen . Wie recht hast du mit dem Vorwurfe der Torenseligkeit ! Ist Gott wirklich nur Liebe , nichts als Liebe ? Ist er nicht auch gerecht ? So lange ich glaubte , nur geliebt zu werden , gab es in dem Himmel , den ich lehrte , eben auch nichts , als nur Liebe . Aber als ich mich unter der Faust des Hasses zu krümmen hatte und der giftige Neid an mir emporgekrochen kam , da erkannte ich , daß ich mich geirrt haben mußte . Ist der Himmel so arm , daß er für die Liebe und für den Haß nichts als dieselbe Münze hat ? Und soll nur Gott allein das Böse bestrafen dürfen , nicht auch der Mensch , nicht ich ? Wenn Tausende mich unter ihre Füße treten , indem sie behaupten , auf dem alleinigen Weg zur Seligkeit zu sein , muß ich da diesen ihren Irrtum als Wahrheit anerkennen , indem ich mich vollends von ihnen zermalmen lasse ? Diese Fragen stiegen oftmals zornig in mir auf , ohne daß ich sie zu beantworten wagte . Liebet eure Feinde ! klang es tief in mir . Da kamst du vorhin mit deiner Torenseligkeit , und es fiel mir wie Schuppen von den Augen . Ja , es ist Christi Gebot Liebet eure Feinde ! und ich werde es halten , so lange ich lebe und bin . Aber ich weiß nun , daß ich die wahre Liebe zum Feinde ebenso wenig begriffen habe wie die Liebe überhaupt . Wenn der Feind gegen mich auftritt , um mich zu vernichten , so habe ich ebenso streng gegen ihn zu verfahren , doch nur , um ihn zu retten ! Das ist die wahre Feindesliebe und nicht mehr kranke Herzensduselei ! Die offene Hand für jede offene Hand , doch aber auch die Faust gegen Jeden , der mir die seine ballt ! Die Feinde zu schonen , ging ich aus dem Lande und wurde für sie tot . Was habe ich für mich und was habe ich für sie dadurch erreicht ? Nichts ! Darum bin ich entschlossen , zu ihnen zurückzukehren und nachzuholen , was ich versäumte . Ich will unter sie treten als ganz derselbe , der ich war , und doch als ein ganz anderer . Ich werde ihnen - - - « » - - - die Faust zeigen ! « unterbrach ich ihn . » Nicht wahr , Ustad ? « » Ja , « nickte er . » Und deine Dschamikun - - - ? Was wird aus ihnen - - - ? « Ich sah ihm ernst fragend in die Augen . Er senkte sie zu Boden . Es entstand eine Pause , doch nur eine sehr kurze . Dann hob er den Blick wieder empor , reichte mir die Hand und antwortete , heiter lächelnd : » Welch eine jugendliche Uebereilung bei solchem Alter ! Verzeihe mir im Namen dieser meiner Treuen ! Wie könnte ich die verlassen , die mich niemals , niemals verlassen würden ! Du siehst , der Zorn führt leicht auf falsche Wege , sogar auch mich , den sonst so gern Bedächtigen ! « » Das warst nicht du ; es war der alte Schatten . Nur immer groß scheinen , ohne wirklich und wahrhaft groß zu sein ! Du wolltest in jenes dir fremd gewordene Land zurück und auch an jene Stelle , wo du zu schreiben aufhörtest . Auf das Eine hast du verzichtet . Und das Andere ? « » Fremd geworden , sagst du , und das ist richtig ! Das Land - - - wohl auch die Arbeit ! « » Jawohl ! Die Feder ruhte , doch aber nicht dein Geist , und wahrer Geist kennt nicht das Rückwärtsgehen . Ich will dir zeigen , was du schreiben mußt . Komm mit hinaus , und höre , was ich sage ! « Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch das Mittelzimmer auf das platte Dach . Indem ich mit der Hand einen Bogen über die Einfassung desselben hinaus beschrieb , fuhr ich fort : » Da liegt dein Reich , das Reich der scheinbar Unmündigen , zu denen du von den scheinbar Mündigen getrieben worden bist . Ihre Augen sahen besser und schärfer als die Augen derer , die sich für weise hielten . Bei diesen letzteren liegt deine Vergangenheit , mit der du abgeschlossen hast . Laß sie mit ihr machen , was ihnen beliebt ! Sie sind ja auch weiter nichts als nur die dunkeln , immer mehr verschwindenden Schatten einer Zeit , die hinter jedem von uns liegt , der in die Sonne schaut . Und diese Sonne kommt . Schau gegen Osten hin ! Noch liegen die Ruinen hier in tiefer Dunkelheit , doch ballt sich schon der Nebel auf dem See . Er sagt uns , daß zu steigen jetzt beginne , was nicht mehr in der Tiefe bleiben will . Der Erde Sehnsucht ist also vorhanden . Es fehlt nur noch die lichte Kraft von oben , die liebend niederstrahlt , dies Sehnen zu erfüllen . Ein leiser Hauch verkündet schon den Morgen . Glaubst du , daß er uns täusche , daß er nicht kommen werde ? « » Er kommt bestimmt , mit Gottessicherheit ! « antwortete er . » So sag : Ist diese Sicherheit nur in der Zeit vorhanden , die Tag für Tag die gleichen Stunden bringt ? Gibt es nicht auch noch andre Morgen , die ebenso gewiß nach andern Nächten folgen ? Und andre Nebel , die grad jetzt sich ballen , wie diese hier , am See der Dschamikun ? Du brachtest in dies Land den Trieb nach oben . Ich sah es ja , wie kräftig er sich zeigt . Es war hier Nacht , doch spürte ich den Hauch , der stets mit Sicherheit den jungen Tag verkündet . Glaubst du , daß es vermessne Menschen gebe , die ihre Nacht dem Licht entgegenstellen , damit der Tag von ihr vernichtet werde ? Und wenn der Wahnsinn wirklich möglich wäre , der sich mit solcher Macht gewappnet denkt , so blase er mit seinem Hauch die Sonne , mit seinem Odem alle Sterne aus und füge zu der so entstandnen Finsternis das grasse Dunkel seines Hirns dazu , so wird es eben nur ein Wahnsinn sein und bleiben ! Hetz tausend solche dunkle Aberwitzige auf einen einz ' gen lichten , klaren Menschengeist , es wird geschehn , was unausbleiblich ist : Nicht werden diese Irren ihn verdunkeln , nein , sondern er wird ihren Wahn beleuchten und alles das , was hinter diesem liegt . Und schreitet er auf ihre Nebel zu , wird er zum Tag , vor dem die Schatten fallen . Das ist die andere Gottessicherheit , die unerbittlich naht , nach jeder Larve greift und jeden Vorhang hebt und alles an das Licht der Sonne zieht , was sich aus Angst vor diesem Licht versteckte . « » Wie richtig ! « nickte er . » Wir wissen ja , daß jene Schatten kommen , die heute sich hier angemeldet haben . Es gilt den großen Kampf , der zwischen Licht und Finsternis entscheidet . Wer Sieger bleiben wird , sagt das Naturgesetz . Ich ahne , daß sie nicht nur offen kommen werden . Des Dunkels Schwester ist die Heimlichkeit . Und wenn sie meinen , uns zu überwinden , so denken sie auch ganz gewiß daran , den Sieg sofort und schleunigst auszunützen . Drum fürchte ich , man kommt nicht nur zum See ; man wird auch draußen unser Land besetzen . So habe ich also dafür zu sorgen , daß wir auch hierauf vorbereitet sind . Du siehst , ich denke schon nicht mehr an meine frühere Welt , zu der ich schleunigst wiederkehren wollte . Ich bleibe hier bei meinen Dschamikun , um zu beenden , was ich einst begann . Ich baute nur für sie das Alabasterzelt und muß sie heben , bis sie oben sind . Was ich von meiner Geisterhand gedichtet , das hat Gedicht zu bleiben allezeit . Ich war ja doch kein Abgeschiedener und schaute über jene Grenze nicht , die keiner überschreitet , der noch lebt . « » So hast du also doch noch nicht begriffen ! « sagte ich . » Was ? « fragte er . » Die Stelle meiner letzten Strophe : Begreifst du nun auch jetzt das große Wunder , das doch so einfach ist , noch immer nicht - - - ! Du hältst dich für einen Dichter , denn du dichtest . Und doch weißt du nicht , was ein Gedicht ist und wie es entsteht . Denk noch so tief und schön , und sage es in Reimen , das , was du schreibst , ist dennoch kein Gedicht . Der wahre Dichter denkt und schreibt zwar auch , doch was er schreibt ist Wirklichkeit und Leben , ist niemals nur Erdachtes . Dem Einen fehlt das Selbsterleben des Andern . Der Eine hat Geist , der Andere aber ist Geist . Und dieser Geist kennt jene Grenze nicht , von der du sprachst . Ihm sind die Tore anderer Welten offen . Er geht da aus und ein . Ist er zurückgekehrt , um zu berichten , so kann er das nur in der Sprache tun , die man hier in der Körperwelt versteht . Und dieses Uebersetzen ist nicht leicht ; man lernt es nur durch Mühe und Entsagung . Ich kenne keinen einzigen , der hierin Meister wurde ; sie alle blieben bei dem Lehrling stehen . Auch ist dies Uebersetzen undankbar ; ich meine undankbar im engsten Erdensinne . Wer Geistesleben übertragen will , der findet hier bei uns nicht eine einz ' ge Form und keinerlei Begriff für das , was er uns gibt . Er hat sich mit der irdischen Gestalt und mit dem Menschenworte zu begnügen , die aber völlig unzureichend sind für seinen Zweck . Er kann nicht deutlich sagen , was er zu sagen hat , und uns nicht offen zeigen , was wir doch sehen sollen . Und wir , wir stehn dabei , mit vollen Körpersinnen und doch fast blind und taub für seine ganze Mühe . Der Ernste zwar , der logisch denkt und groß und rein empfindet , wird sehr bald ahnen , daß es um Unbeschreibliches , um Heiliges sich handelt , und darum sich befleißigen , sein Auge und sein Ohr dafür zu schärfen . An diesem Fleiße wächst sodann sein eigner Geist empor und lernt den andern nach und nach begreifen . « » So ungefähr , wie ich zu wachsen habe , « fiel da der Ustad ein . » Wer aber nicht so lauteren Herzens ist , « fuhr ich fort , » und trift ' ge Gründe hat , den reinen Geist zu hassen , der stürzt sich wütend auf das arme Wort und auf die unwillkommene Gestalt und gibt sich Mühe , beide zu vernichten . Gelingt ihm dies , so prahlt er laut , den Geist besiegt zu haben , und wird von seinesgleichen hoch auf den Schild gehoben . Gelingt es aber nicht , so wirft er um die Blöße , die er sich gab , den Mantel frechen Spottes und greift anstatt des Geistes nun auch den Menschen an , um nichts an ihm zu lassen , was ihn zum Menschen machte . Welch ein Jubel nun für alle , die ebenso niedrig denken wie er ! Sie fallen mit derselben Gier über den Verhaßten her . Er wird verhöhnt , geächtet , ausgestoßen , und wehe ihm , wenn er nichts Andres wäre als eben nur der Mensch , der an dem Pranger steht ! Weißt du nun , Ustad , wie undankbar , ja wie gewagt es ist , mit der Geisterhand schreiben zu wollen ? Der Spott würde sich sofort deiner bemächtigen . Die raffinierte , rücksichtslose Lüge würde an dich herantreten , um den erhabenen Begriff , welcher dir bei dem Worte Geist vorschwebt , zu fälschen und in Gespenst zu verwandeln . Man würde höhnisch behaupten , du meinest nicht das Reich der Geister , welche große , edle Menschen sind , sondern das Geisterreich , von dessen Vorhandensein nur der Aberglaube faselt . Und selbst wenn du nicht mit Menschen- sondern mit Engelzungen sprächest , die Unvernunft würde dich nicht verstehen können und die Feindschaft dich nicht begreifen wollen , sondern dir alle möglichen Eigenschaften und Absichten unterschieben , aber ja nur keine guten ! « » Aber die Vernünftigen , Effendi ? « » Sie können dir keine Hilfe gewähren , denn sie sind machtlos , dem Heere der Andern gegenüber . Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen . Du hast alleinzustehen , ganz , ganz allein , in allertiefster Seeleneinsamkeit , fest , stark , unerschütterlich - - - vollständig gleichgültig gegen jeden Schmutz , mit dem man nach dir wirft , gegen jede Niedertracht und Tücke , die aus vollen Nüstern dir entgegenschnaubt . Selbst die , welche an dir hangen , verstehen dich meist falsch , denn es erfordert Gedankenewigkeiten , bevor sie lernen , durch das Wort und die Gestalt hindurch den Sinn , den Geist , die Seele zu erfassen . Also auch sie stehen nicht bei dir , an deiner Seite . Aber grad diese Einsamkeit , diese Verlassenheit ist es , die dir den allerbesten , den einzigen Schutz gewährt . Bist du stark genug , dich zu dieser Entsagung zu bekennen , so gewinnst du sie lieb , unendlich lieb . Dein Ohr hört weder Lob noch Tadel mehr , und alles , was sich gegen dich aufbäumt , muß ohnmächtig in sich selbst zusammenfallen . « » Ich begreife dich und begreife dich doch nicht , « gestand er ein . » Auch ich habe entsagt , dann aber doch wenigstens meine Dschamikun gefunden . Die Einsamkeit , von der du sprichst , ist mir beinahe undenklich . « » So schreibe , wie du ja wolltest , mit deiner Geisterhand ; dann wirst du sie sofort kennen lernen ! Versuche es , deinen Lesern ins Körperliche zu übersetzen , was Geist , was Seele ist , du wirst die Folgen so schnell an dir verspüren , daß es dir grauen möchte ! Zeige ihnen einmal ein volles Menschen-Ich , von dessen Wesen sie trotz aller Psychologie noch keine Ahnung haben . Zerlege es vor ihren Augen in deutliche Gestalten , von denen du glaubst , daß sie sofort verstanden werden müssen - - was wird die Folge sein ? Man sieht das nicht , was du beschreibst , und denkt darum , du redest nur von körperlichen Dingen . Das preßt den Blinden jenes Lachen aus , worüber Sehende am liebsten weinen möchten . Man nennt dich einen Lügner , einen Prahler . Man spricht von Eigenlob , von widerlicher Selbstreklame . Und doch kann nirgendwo die Arroganz so ungeheuer sein wie grad bei diesen Toren , die ihren blinden Willen dem Schöpfer und den Menschen , sogar der sämtlichen Natur als oberstes Gesetz ins Antlitz schleudern . Was thust du dann , wenn diese - - - « Ich konnte nicht weitersprechen , denn es fiel unter uns ein Schuß und wieder einer . Gleich hierauf hörte ich Kara Ben Halef , welcher seine Lagerstätte bekanntlich auf dem platten Dache über der Halle hatte , ausrufen : » Was war das ? Warum hat man geschossen ? « » Die Gefangenen brechen aus ! « erwiderte eine weibliche Stimme . » Wallahi ! Laß sie nicht in das Haus ! Ich packe sie hier von oben ! « Kaum gesagt , tat er es auch : Er schoß vom Dach herunter in den Hof . » Das war die Stimme meiner wachsamen Schakara ! « rief der Ustad . » Eile du hinab zu ihr , Effendi ! Ich gebe meinen Dschamikun das Zeichen mit der Glocke ; dann folge ich dir nach . Nimm deine Waffen ; sie sind aber nicht geladen ! « Um die Lampe stehen lassen zu können , steckte ich eine Talgkerze an und ging schnellen Schrittes hinunter in die » Rumpelkammer « . So lange die Menschheit nicht Frieden hält , darf auch der Friedliche nicht auf die Wehr verzichten . Das wurde uns beiden jetzt bewiesen . Ich nahm den Stutzen nebst Patronen und sprang dann , mehr als ich stieg , die untern Treppen hinab . Da stand Schakara vor der Tür , welche in die Halle führte ; sie hatte den Eisenriegel vorgeschoben und eine Pistole in der Hand . Am Boden stand eine brennende Lampe , daneben lagen die Kleider des Bluträchers . Auf dem Hofe brüllten viele Stimmen drohend durcheinander . Kara ' s Schüsse krachten . Er beschützte von oben herab die Stufen zu der Halle . Ich warf das Licht weg , weil es mich hinderte , lud das Gewehr und erkundigte mich während dieser höchst eiligen Beschäftigung bei der Kurdin : » Wie kamst du dazu , bewaffnet zu sein und die Flucht der Gefangenen zu entdecken ? « » Frage das später ! « antwortete sie . » Horch ! Die Glocken klingen ! Nun erwachen alle unsere Krieger . Da ist die Gefahr für das hohe Haus vorüber . Die Feinde können jetzt weiter nichts mehr tun , als schleunigst fliehen . Lehre sie die Stimme deines Gewehres kennen ! « Sie schob den Riegel zurück und öffnete die Thür . Grad als ich hinaus in die dunkle Halle trat , kam Hanneh von oben herab . » Mein Halef , mein Halef ! « rief sie aus . » Wenn er die Schüsse hört , so wacht er auf und wird sich tief erregen ! « Sie eilte zu ihm hin . Ich aber bemerkte zu meiner Beruhigung , daß kein Fremder hier eingedrungen war . Sie waren schon fast alle zum Tore hinaus , und ich schickte ihnen mehrere Schüsse nach , doch nur in der Absicht , sie zu beängstigen , nicht aber , sie zu treffen . » Verteilt euch schnell , schnell ! « hörte ich die Stimme des Bluträchers brüllen . » Nur euch nicht wieder ergreifen lassen ! Nur rasch zum Dorfe hinaus ! Wir kommen ja doch wieder . Dann aber Rache , Rache ! « Die Glocken klangen weiter , in einzelnen , warnenden Schlägen . Im Küchengarten krachten jetzt auch Schüsse . Das war , wie ich später erfuhr , Tifl , der dort hinter den Sträuchern stand . Die übrigen männlichen Bewohner des Hauses erschienen , und unten im Dorfe begannen die Gewehre laute Antwort zu geben . Wo aber war der Pedehr ? Und wo waren die Wachen , die drüben am Gefängnistore gestanden hatten ? Ich sah sie nicht . Da hörten die Glocken auf , zu stürmen , und der Ustad kam zu uns herab . Er traf mit dem Händler aus Isphahan und dessen Sohn zusammen , die sich nun auch einfanden . Ich bat , Fackeln anbrennen und vor allen Dingen das Tor wieder verschließen zu lassen . Als das geschehen war , ließ ich die Leute zusammenrufen . Man tat dies mit einer Hast , als ob es nun erst gelte , das zu verhüten , was doch bereits vorüber war . Die Aufregung hatte alle ergriffen , sogar den Ustad auch . Ich aber war gewohnt , mir in jeder Lage meine innere Ruhe zu bewahren , und konnte mich höchstens darüber wundern , daß der Pedehr sich noch immer nicht sehen ließ . Als ich nach ihm fragte , war es Schakara , welche antwortete . » Ich sah ihn zu den Gefangenen hinübergehen , und er kam nicht wieder , « sagte sie . » Wo warst du , als du das bemerktest ? « erkundigte ich mich . » Hier in der Halle . Ich wünschte , daß Hanneh und Kara schlafen möchten , und bat darum , bei Hadschi Halef wachen zu dürfen . Das gewährten sie mir . « » Du immer Gute und stets Opferfertige ! « unterbrach ich sie . » Was wollte denn der Pedehr so mitten in der Nacht bei diesen Fremden ? « » Das weiß ich nicht . Er sprach gar nicht mit mir , wohl weil er mich nicht sah . Als er so gar nicht wiederkehrte , wurde ich besorgt um ihn und ging hinaus auf die Stufen . Da sah ich das Tor des Gefängnisses offen , und die Soldaten kamen leise heraus . Ich erschrak