schimpfte , ein paar Flüche wurden hörbar . Endlich war alles in Ordnung , aber der kranke Mann kam nicht weit : von einer plötzlichen Ohnmacht befallen , mußte er in den Wartesaal geführt werden , damit er sich erhole . Der Portier übergab ihn einem Kellner , der den Feingekleideten auf englisch um seine Befehle befragte . Der Reisende antwortete in deutscher Sprache mit geschlossenen Augen : » Kognak , Gepäckträger , Droschke ! « Nach dem Kognak erholte er sich sichtlich , und als er dem Gepäckträger , der die kleine Tasche übernommen hatte , durch die Korridore folgte bis zur Rückseite des Bahnhofes , wo es möglich war , einen Wagen zu erlangen , war sein Schritt nicht ganz so schleppend wie vorhin . Zwei hübsche Mädchen mit großen Hüten und enggeschnürten Taillen strichen dicht an dem Reisenden vorüber . Er hob den Kopf und sah ihnen nach , sein Gesicht belebte sich . » ßt ! Träger ! « machte er halblaut , » wie heißen die ? « Verständnislos blickte ihn das verschwitzte Gesicht unter dem blanken Mützenschild an : die plötzliche Veränderung des schlaffen Kranken war wie Hexerei . » Sie kommet wiet her , gelte Sie ? « sagte der Träger herablassend . Der Reisende stieg ein . Der Droschkenkutscher knallte . » Drißig Rappe , Herr ! « sagte der Träger , sich aufstellend . » Drißig Rappe , Sie ! « schrie er zornig , als er keine Antwort bekam , und er folgte dem sich bewegenden Wagen . » Drißig ! Sie ! « rief der Kutscher . » Pardon ! vergessen ! « Der Träger erhielt fünfzig Centimes , aber er mußte sie zwischen den Straßensteinen aufsammeln , der zerstreute Reisende hatte sie hinausgeworfen . Eine halbe Stunde später stand der gelbe , kranke Reisende vor dem Hause » Zum grauen Ackerstein « und las , sich niederbeugend , auf dem blanken Messingschilde den Namen : Dr. Georges Geyer . Er hörte noch das langsame Wegrollen des Wagens , der ihn hergebracht ; jenseits der Tür mit dem Messingschilde erklang Gelächter , leichte Füße trippelten , eine Flurlampe wurde angezündet . Das letzte Abendrot erlosch hinter der roten Gardine des Flurfensters ; der Reisende spähte hinaus auf den weiß herauf schimmernden , gekrümmten Weg , den ein knorriger Apfelbaum mit gelichteter Krone überwölbte . Er spähte hinein zwischen die bunten Vorhänge vor der Glastür . Das Gelächter , die leichten Schritte waren verhallt , still brannte die Lampe auf dem schmalen Örn . Ein Heimchen schrillte vernehmlich ; das Herz des Ankömmlings pochte so , daß die Musik des Heimchens damit zusammenklang . Zum Umsinken müde , mit zusammengebissenen Zähnen stand er unschlüssig . Endlich erhob er die gedunsene , zitternde Rechte und tastete nach der Klingel . Auf einmal fuhr er empor : die Finger hatten eine Vertiefung gefunden mit einem flachen Knopf . » War er nicht sonst groß und von Glas ? « murmelte er und beugte sich zu dem flachen Metallknopf in dem glänzenden Grübchen . Er wollte lachen . Der linke Mundwinkel zog sich gegen das Ohr abwärts , die linke Schulter zuckte gegen das Ohr herauf . » Äh ! wieder ! « ächzte er und fuhr sich glättend über die verzerrte Wange . Dann , mit einem ungeduldigen Kopfschütteln , legte er zwei Finger auf den Metallknopf in dem Grübchen und drückte . Ein langanhaltendes , starkes Läuten ertönte , dann Türöffnen , Schritte . Vor dem Reisenden stand ein schönes , schwarzhaariges Mädchen in einer feuerroten Ärmelschürze , groß und schlank , eine Stricknadel zwischen den Zähnen . » Bona sera , « zischelte sie , » zu wem wünschen Sie ? « » Frau Geyer , « murmelte der Fremde und verzerrte sein gelbes Gesicht in entsetzlicher Weise . Das schöne Mädchen wich zurück , ohne ihren Widerwillen zu verbergen . » Die Frau ist net daheim , ist mir leid , « sagte sie kurz , indes sie die Stricknadel zwischen den weißen Zähnen herauszog . » Wann kommt sie ? « beharrte der Besucher , das hübsche , finster gewordene Gesicht eindringlich musternd . » Um elf in der Nacht halt oder um zwölf ! « Der Fremde ächzte und schüttelte den Kopf . Argwöhnisch schaute er sie an . » Wo ist sie denn so lange ? « » Ja , in der Klinik halt ! Wenn mer emal Assistentin ischt , net wahr ? « » Ach ! « er schlug sich vor die Stirn , lachte auf seine nervöse , entstellende Weise und fragte grämlich : » Wer ist denn sonst daheim ? « Das Mädchen wunderte sich . » Der Herr Bernstein ist mit dem Fräulein Helene im Kolleg , aber der Herr Loginowitsch ist vielleicht daheim , i will go frage ! « Sie ging schnell und ohne anzuklopfen in eine Tür hinein ; als sie zurückkehrte , kam ein etwa elfjähriges , hellgekleidetes Mädchen mit langen , braunen , um Stirn und Nacken herabhängenden Haaren mit heraus . Die Kleine drängte ihre zarte , schmächtige Gestalt an die des schwarzhaarigen Mädchens , dessen kräftige Schönheit neben dem durchsichtigen Kindergesicht mit den großen , weit aufgeschlagenen und dennoch wie schlafenden Augen fast derb erschien . » Die Mama ist in der Klinik , « sagte eine leise , süße Stimme , und die durchsichtigen Bäckchen erröteten . Auch das kranke Gesicht des Besuchers hatte sich gerötet ; die Augen waren wie mit Blut gefüllt , der Mund zuckte unaufhörlich . Er hatte die Arme erhoben und sagte , gewaltsam seine Stimme dämpfend und ohne den Blick abzuwenden : » Aber du bist zu Haus ! « Damit trat er über die Schwelle , die Tasche schleifte er nach ... » Ich ? « schrie die Kleine schrill auf und flüchtete vor dem Eindringling bis in die offenstehende Küchentür . » Laure Anaise ! komm ! komm ! « Sie stampfte mit den Füßen und fing an zu weinen . In einem mutlosen und störrischen Ton sagte der Besucher , daß er warten wolle . Und wie angezogen von der schwarzen Inschrift auf dem achteckigen Porzellanschild ging er auf jene Tür zu . Laure Anaise folgte ihm und öffnete : ein Windstoß kam durch das unsichtbare , offene Fenster jenes schmalen Raumes und trieb die Flamme der Flurlampe in einer roten Spitze empor . » Sküsi , « murmelte das Mädchen , » es geht zu lang ! Warten ? ja - es kann elfi , zwölfi werden , bis daß sie kommt ! Lieber morgen . « Der Fremde saß auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch und antwortete nicht . Das Mädchen stolperte über seine Juchtentasche . » Jesis Gott ! « schrie sie auf , bedrückt und aufgeregt . Mit einem langen Schritt trat sie über das Hindernis hinweg und berührte den Eindringling an der Schulter . » Sie ! « keuchte sie , » hören Sie net ? kommen Sie morgen wieder ! « » Eine Lampe ! « erwiderte er , ohne den Kopf zu erheben , aber die Schultern zog er zusammen , als sei er gebrannt . » Eine Lampe und ein Glas Wasser ! « Sein Ächzen klang dem Mädchen schauerlich . Sie wich an die Tür zurück , lief zu Herrn Loginowitsch , pochte und stürzte zu ihm hinein . » Da ist einer ! O , kommet Sie g ' schwind ! Er ischt so wie von Holz , ganz wie Holz - ins Zimmer gangen - ganz wie - Holz ! « Loginowitsch , die Feder hinterm Ohr , sprang auf , seine runden Brillengläser funkelten verwundert . » Ich verstehe nicht wie immer , « sagte er und lachte , daß sich sein kleines , verzwicktes Gesichtchen in noch engere Falten zog . » Was wollen Sie ? « Plötzlich horchte er auf : » Tschisch ! weint etwas ? « Sie liefen hinaus - über den Flur schallte ersticktes Weinen und Geschrei . Dort an der Tür des Warteraumes wehrte sich Rösi in den Armen des Fremden , der sie an sich preßte und wie sinnlos auf Haar und Gesicht küßte . Sein Hut lag auf dem Boden , sein haar- und bartloser , gelber Kopf glich einem Totenschädel . Nun ließ er ihn wie gesättigt hintenüberfallen und sich das Kind aus den Armen reißen . Es zuckte und schrie wimmernd in Laure Anaises Kleiderfalten hinein . Das große Mädchen zog sie mit sich fort . Es war wie eine Flucht . Noch hinter der zugezogenen Küchentür klang ungeschwächtes Weinen . Loginowitsch setzte sich in Positur . Er war purpurrot und schimpfte auf Russisch , dann auf Deutsch : » Fort ! fort ! hinaus ! was willst du machen ? willst du Kind töten ? « Der Eindringling war ganz teilnahmlos geworden . Erschöpft lehnte er an der Wand . Die dunklen Lider bedeckten die Augen ganz . Er schien plötzlich zu schlafen . Der junge Russe schrie aus der anderen Ecke : » Nein , das geht nicht ! das geht nicht . « Seine Stimme wurde immer leiser , ganz zutraulich zuletzt . Er ging auf den Fremden zu und sagte zweifelnd : » Krank vielleicht ? Was wollen Sie ? Sie ist nicht für die Männer , aber für die Frauen und Kinder . Können Sie zum Arzt gehen . « In dem fleischlosen Gesicht zuckte es ; mühsam und schläfrig tat der Eindringling die dunklen Augen auf . Seine Blicke waren erloschen , stumpf und gläsern . » Wer wohnt hier ? « murmelte er , aber er schien sich selber zu fragen , keine Antwort zu erwarten . Loginowitsch lächelte mit achselzuckendem Mitleid . » Viele Leute wohnen hier . Wen müssen Sie sehen ? « » Draußen an der Tür steht ein Name , « machte der Fremde lauernd . Der Russe winkte abwehrend . » Der Name macht gar nicht . Es gibt nicht mehr . « Zwei gelbe Funken fuhren aus den müden Augen des Fremden . » So , so ! gibt nicht mehr ? Wer sagt das ? Aber der Name steht an der Tür . Ein Widerspruch eo ipso , nicht wahr ! Ah ! ah ! Ist er tot ? « Er zwinkerte mit den Lidern und grinste wie im Vorgenuß einer angenehmen Botschaft . » Es würde mich interessieren , zu hören , was Sie von ihm wissen ! Haben Sie ihn tot gesehen , Herr - wie war der Name ? « » Loginowitsch , « murmelte der Russe . » Was wollen Sie ? Ich verstehe nicht . Tot oder abwesend - ich weiß nicht von diesem . Es interessiert mich nicht . « » Abwesend ? « forschte der Zudringliche , » Sie sagten abwesend , Herr Loginowitsch ? Abwesend wo ? Es interessiert mich ! Wo ? Um Gottes willen , wo ? « Vor seinem scharf und drohend gespannten Gesicht wich der Russe zurück . » Wir wissen nicht . Es kümmert mich nicht . Können Sie Frau fragen . Nun gut , gehen Sie ! « Und er öffnete einladend die Haustür mit dem Messingschild . » Wohin ? « rief der Besucher in langgedehntem seufzenden Ton . Dann reckte er sich und zog die neuen , gelben Glacés ab . » Ich werde warten . Ich habe lange gewartet . Oder halt , man kann sie rufen ! Sagen Sie , Herr Loginowitsch , ein Verwandter ! Einen Nachfolger hat er nicht ? Sind Sie vielleicht der Nachfolger ? Nein ? Nein ! Sie ist in der Klinik , sagen Sie , Herr Loginowitsch ? In welcher Klinik ? Ich kannte die Kliniken auch . War viel dort , ja , ja . Haben Sie ihn tot gesehen ? Nein ? Und kein Nachfolger ? Erstaunlich ! Ich dachte bestimmt , ich hätte so gehört . Können Sie mir ein Glas Wasser geben ? Ich bin sehr erschöpft . Das Sprechen strengt mich an . Aber ein Genuß ! ein wahrer Genuß . Ich danke dem Zufall eine angenehme Bekanntschaft ! « Ächzend hielt er inne und wischte sich die Tropfen von der Stirn . » Geben Sie mir einen Stuhl , ich falle um . Ich schwöre Ihnen , es war mir angenehm , Sie zu treffen . Ich dachte anfangs , Sie seien der Nachfolger . Aber nein , Sie sind vielleicht etwas jung . Ich kann sitzen , wo Sie wollen . Im Wartezimmer steht ein Schreibtisch jetzt und die Regale alle . Man sieht so etwas gleich . Leben hier recht vergnügt , hm ? Ja , ja , nun bitte ich aber dringend , daß Sie gehen , Herr Loginowitsch ! So schnell Sie können ! Es wird die Frauenklinik sein , selbstverständlich ! Sagen Sie : ein Verwandter ! Sagen Sie : ein Vater , der sein Kind küßte . Ja , Herr Loginowitsch , das haben Sie gesehen ! das ! Einen Vater , der sein Kind küßt ! Sie haben doch nichts anderes vermutet ? Erlauben Sie , daß ich mich legitimiere ! « Mit einer hastigen Gebärde zog er ein Kartenetui hervor und entnahm dem Täschchen eine angegilbte Karte , die er schwebend zwischen den langen , knochigen , weißen Fingern hielt . Der Russe musterte ihn mit aufgerissenen Augen ; er überlegte , welchem klinischen Fall der vor ihm Sitzende wohl entsprechen möchte . » Erfahren Sie , wer ich bin , Herr Loginowitsch , « sagte der Gast in dumpfem Theaterton . » An der Schwelle seines alten Glückes « - er schluchzte laut auf - » an der Schwelle seines alten Glückes sitzt der Mann , welcher das Unglück hatte , zeitgenössische Vorurteile zu verletzen , und dem man dafür das Herz brach ! « Er stöhnte und begann heftig und unverhüllt zu weinen . Sein verzerrtes Gesicht , sein Blick voll Anklage und Vorwurf , der nach oben gereckte Zeigefinger der erhobenen Hand , die tönenden Worte - alles erschien zugleich unecht und echt , spontan und studiert , wahr und unwahr , berechnet und natürlich und verlogen . » Sind Sie ein Artist ? « entfuhr es dem erstaunten Loginowitsch . Der Russe war gegangen , um Josefine von der Klinik zu holen . Laure Anaise ließ sich nicht sehen , Rösli wich nicht von ihrer Seite . Da knarrten Schritte über den Kies , Schritte auf den Steinstufen der Vortreppe . Der Wartende richtete sich auf . Er hatte an dem Tischchen im Flur gesessen und eine Karaffe Wasser leer getrunken . Ihn fröstelte , und die herankommenden Schritte vergrößerten sein Unbehagen . Er zitterte und suchte mit den Augen nach einem Unterschlupf . Doch blieb er sitzen . Josefine kam allein . Sie öffnete mit dem Drücker und betrat den Flur mit ihrem gewohnten , etwas harten Schritt . In ihrem schwarzen Blusenkleide sah die Gestalt jugendlich und aufrecht aus . Das schmale Gesicht leuchtete hell unter dem kleinen dunklen Hute ; sie trug ein Bücherpaket und ein Kistchen Trauben , die sie aus der Stadt heraufgeholt hatte . Morgen war Röslis Geburtstag . Loginowitsch hatte sie nicht getroffen . Als sie den gelben , kahlen Menschen an dem dreibeinigen Tischchen sitzen sah , blieb sie stehen , preßte die Gegenstände , die sie trug , fester an sich . Ein leiser Laut , wie von einem sterbenden Vogel , kam aus ihrer Kehle ... Auge in Auge verharrten sie , eine Sekunde lang . » Ist es - « begann sie zweifelnd , und die Bücher fielen zu Boden . Der Sitzende kroch ganz in sich zusammen : » Séfine , « murmelte er , » kann ich hier bleiben ? « Die Stimme durchzuckte sie , es wurde dunkel vor ihren Augen . Ein Abgrund dampfte herauf . Sie konnte sich nicht vorwärts bewegen . Sie hörte eine Stimme sagen : » Bist du schon frei gekommen ? « Es mußte wohl ihre Stimme sein . » Warum bist du noch vor der Tür ? « sagte sie scheu ; ihre tödliche Angst wurde zu einem blassen Lächeln . » Willst du nicht hineingehen ? « Er rührte sich nicht , sondern starrte seiner Frau in jeder Bewegung nach , die sie machte . » Séfine , « seufzte er , » gib mir zu essen ! Ich habe gewartet , um mit dir zu essen , den ganzen Tag . Hast du guten Wein ? Sieh mal , wie ich aussehe ! Sieh meine Hände ! Sie haben mir ein Vierteljahr geschenkt , die Schufte . Dachten wohl , ich sollte lieber bei dir krepieren ! Seit Jahren leide ich an Dyspepsie . Gibt es was rechts zu essen ? Wo kann ich mich hinlegen ? Ich bin wie ein Toter . Die Überraschung ist mißglückt , du bist nicht überrascht , Séfine , nicht angenehm wenigstens ! Nun sag mir , was ist das für ein Laffe , der hier den Hauswart macht ? Wollte mich hinausschmeißen , der Bub ! Und das saubere Mädle , wer ist die ? Alles fremd ! alles fremd ! Hu ! « Er stützte den Kopf , schüttelte sich und ächzte . » Ich muß eine Kur durchmachen , regelrecht ... Nun , du schlachtest wohl kein Kalb für mich , Séfine ? Wegen meiner nit ! Da hausen Polen und Polacken ! Pah ! Hast du keinen Wein ? Wir müssen doch das Wiedersehen feiern , Frau ? Hast du Geld ? Sie haben mich auf die Straße gestellt mit fünfzig Franken . Das andere ist draufgegangen ! Alles selbst verdient und wie noch ! Pah ! « Er spie auf den Boden wie ein Fuhrknecht und lachte grimmig . Dann stand er mühsam auf , blickte Josy scheu von der Seite an . » Zu wem komm ich da ? Sag ' s , Frau ! Willst du mich nit ? Hast keine Hand ? keinen Gruß ? Die Freude war zu groß , gelt Séfine ? Nun , mir ist ' s eins ! Nit so viel frag ich nach euch ! Tag und Nacht , jede Stunde , jede Minute hab ich gebetet , hab ich gebetet : Wiedersehen , ach , nur ' s Wiedersehen erleben , und dann - was danach kommt - Schweigen . Nun steht man da , nun sieht man sich und - « Er machte ein paar taumelnde Schritte gegen die Tür zu , er ächzte wie ein Greis . » Von Pharisäern verklagt , von Pharisäern verurteilt , von Pharisäern gerichtet , von dem - eigenen - eigenen - einzig - und - unerschütterlich - geliebten - verzweiflungsvoll - geliebten - eigenen - Weibe verstoßen - « Er knickte zusammen und sank mit der Stirn gegen die Wand . » Wohin ! wohin ! « schluchzte er , » keine Hand , keinen Gruß ! Gott , erbarm dich meiner ! « Josefine trat endlich zu ihm . Ihre Hand zitterte , ihr Atem stockte , ihre Stimme war kalt , aber sanft . » Du sollst alles haben , Georges . Vater hat vor kurzem Wein geschickt . In einer halben Stunde ist ein Nachtessen bereit . Wirst auch gut schlafen nach der Anstrengung , wirst dich erholen . Die Worte alle sind nicht nötig - du weißt wohl , wer ich bin . « Er wandte sich um , seine nassen Augen enthüllend , sein Mund zuckte unaufhörlich . » So wahr mir Gott helfe , ich werde jetzt in der Tugend leben ! « sagte er kläglich , » ich habe Gnade gefunden , meine Seele ist erweckt . Die Morgenröte ist da ! Wir werden glücklich sein , Séfine . « Sein Gesicht wurde wie ein Tuch , die Nase scharf und spitz - er fiel in Ohnmacht und lag eine Stunde lang besinnungslos . Laure Anaise half Josefine den Ohnmächtigen auf Hermanns Bett legen . Er war so leicht , daß beide erschraken , als sie ihn aufhoben . Die feinknochige , weichliche Gestalt knickte zusammen unter ihren Händen . Das schöne Mädchen blickte widerwillig auf den Hingestreckten , schüttelte den Kopf und küßte Josefine traurig auf die Backe . » Ja ... aber , « begann sie . Josefine winkte ihr zu schweigen . » Sieh , wie krank er ist , « sagte sie mit mahnender Stimme . Sprach sie zu jener ? Mahnte sie sich selbst ? Ihr gefrorenes Blut begann aufzutauen , ihre Backen färbten sich , der kalte Glanz der Augen trübte sich : langsam pochte das Erbarmen . » Halte seine Hände hoch ! Das Kopfpolster fort und unter die Füße ! « Sie rieb den Todblassen , brachte Äther herbei , tat alles , was in solchem Falle als zweckmäßig erkannt worden . Anfangs war sie nur Arzt . Allmählich kehrte ihre Seele zu ihr zurück . Sie brachte es über sich , ihn anzusehen ; sie vermochte es , seine feuchtkalte Stirn zu streicheln . Schweige ! schweige noch ! flehte ihre Seele ; hättest du geschwiegen - ich wäre nicht so gewesen . Und mitten in ihren Bemühungen , ihn ins Bewußtsein zurückzurufen , wünschte sie , diese Bemühungen hinauszuschieben , um ihn beklagen und bemitleiden zu können , um ihn nicht hassen zu müssen . Wenn er nicht spricht , so reden diese eingesunkenen Schläfen , diese blutlosen Ohren , diese wächsernen Lippen , dieser abgemagerte , in langer Haft verbrauchte Körper eine unwiderstehliche Sprache , fühlte sie , und sie konnte dieser Sprache horchen und wissen , daß sie ein Mensch war . Wenn er sprach - - Wer ist dies ? hatte sie die ganze Zeit gedacht . Was geht mich dieser an ? Was hab ich mit dir zu schaffen , Fremder du ? Und ein Widerwille , ein Ekel , den sie nicht bemeistern konnte , hatte sie gepackt . Wenn er tot zu meinen Füßen läge - ich würde es nicht fühlen , hatte sie gedacht , ganz betäubt von Entsetzen . Und eine Sekunde später hatte er dort gelegen zu ihren Füßen , nicht tot , aber todähnlich , und ihre Menschlichkeit war wiedergefunden . Während sie sich um ihn bemühte , wurde er unter ihren Händen allmählich wieder der Leidende , der Vergewaltigte ; - mit einem ernsten mütterlichen Lächeln begrüßte sie sein erstes Augenaufschlagen , duldete seine bebenden Hände auf den ihren , empfing sein fassungsloses Schluchzen an ihrer Brust . Und auch über den Unglücklichen kam eine sonderbare Regung . Er schwieg und weinte nur . Schwieg , als wolle er sich ihr ins Herz hinein schweigen . Weinte , als wolle er sich ihr ins Herz hinein weinen . Was Josefine noch einen Augenblick vorher für unmöglich gehalten - es war geschehen : in Schweigen und Tränen hatten sie etwas von Gemeinsamkeit zurückgewonnen , und in der Frau war der ganze starke Beschützertrieb erwacht , als sie nun auf den Kläglichen , Gebrandmarkten in ihrem Arm niedersah . Ihr wurde warm , die Augen verklärten sich , eine Art Verzückung spiegelte sich auf ihren Zügen wie in jenem Augenblick , als sie ihrem Vater so neu , so fremdartig erschienen war . Der jammervolle Mann betrachtete sie mit offenem Munde , scheu , angstvoll , in sich zusammensinkend . Er zog seinen Kopf aus ihrem Arm und stöhnte : » Never ! never ! never ! never ! never ! « Die Frau aber , noch ganz ihrem Beschützerimpulse hingegeben , verstand seinen Verzweiflungsruf nicht , sie lächelte dazu . Lächelte wie eine Mutter einem kranken Kinde lächelt , ernst , sanft und überlegen . » Du wirst gesund werden , « sagte sie tröstend , flüchtig seine feuchte , eckige Stirn küssend und ruhig die Hände wegdrängend , die sich nach ihr ausstreckten . » Wenn du nur erst arbeiten kannst , « fügte sie hinzu . » Schlaf ' s bitzeli , bald gibt ' s zu essen . « Sie verließ ihn trotz seines Widerspruchs . Hermann schlich herauf , durchnäßt und schmutzig . Er wollte sich an der Mutter vorüber in sein Kämmerchen drücken . » Wieder auf dem See ? « sagte sie flüsternd , » sie werden dich einmal tot bringen , Bub . Hast schon drin gelegen , scheint mir . « Sie befühlte sein nasses Gewand . Störrisch riß er sich los . » Ich war ja nit dort , « sagte er . » Nit auf ' m See , Hermann ? « » Noi ! « » Wo warst du ? « Er gähnte , warf sein strähniges blondes Haar zurück und sagte : » Ach doch ! « » Lügst du ? « sagte die Mutter und blickte ihm ins Gesicht . » Meinethalb , « erwiderte er trotzig . » Du hast Wein getrunken , dein Atem schmeckt danach ! « rief die Frau , seinen dünnen Arm ergreifend . » Weißt doch , daß es nit gut für dich ist . « » Vollkommen genau weiß ich ' s , « murrte der Dreizehnjährige , » hast mir ' s ja oft und oft gepredigt . « » Aber warum folgst du nit , Hermann ? Weißt auch , daß du nit gut bist ? « » Kann sein , « erwiderte der Bub . » Das ist keine Antwort , « machte Josefine , » rede wie sich ' s schickt , wüster Bub . « Er schielte sie von unten an . » Mutter , du bist so klug , alle sagen , daß du klug bist ; - weißt denn nit , daß man nit gut sein kann ? « » Wieso nit kann ? Warum nit ? « » Weil ' s zu schwer ist ! Einfach . « Josefine fühlte einen scharfen Stich . » Ja , es ist schwer , « sagte sie plötzlich leise . » Aber , « sie stand da mit gesenkter Stirn , » man muß versuchen , Hermann ! immer versuchen . « » Ich versuch ' s auch , alle Tag . ' s ist mir schon langweilig worden . « Josefine ergriff fest seine kleine , schlaffe , schmutzige Hand und zog den Buben in ihr Zimmer . Es war jener ehemalige Warteraum , voll von Büchern jetzt , mit einem kleinen Schreibtisch und einer Waschvorrichtung . » Ich sage dir etwas , Hermannli , sprich leise , es ist ein Krankes im Haus . « Ihr Flüstern , ihre Dringlichkeit erschreckten den Buben ; er wollte sich losreißen , aber sie drehte sogar den Schlüssel im Schloß und stellte sich mit dem Rücken gegen die Tür . Es war so finster , daß sie sich nicht sahen . » Hermannli , der Pappa ist gekommen , er ist aber krank , und man muß ihn nicht stören , hörst es ? « Der Bub tat einen Sprung in der Dunkelheit , tastete nach der Mutter . » Der Pappe ? « » Wohl ! ich sag ' s. Es ist ihm aber nit gut gangen , Hermannli ; man fragt ihn um nichts , quält ihn nit . Weißt es jetzt ? « » Aus Afrika ? « fragte nach einer Weile der Junge in eigentümlich zweifelndem , fast höhnischem Ton . » Oder woher ? « Was hat er gehört ? dachte die Frau , mit welchen Worten hat man sein schwaches Herz schon vergiftet ? Sie fühlte eine feindselige Kraft , die den reichbegabten , aber innerlich haltlosen Knaben von ihr entfernte . In ihm war etwas , das sich gegen ihren Einfluß stemmte , sie schnell reizte , oftmals erbitterte . » Man verlangt von dir Gehorsam und Verstand , « sagte sie schärfer , als sie wollte , » du bist alt genug , um zu wissen , daß viele Dinge in der Welt vorgehen , über die man schweigt . Dein Vater hat viel Schlimmes erlebt , er muß gepflegt werden und gute Kinder finden , die zu ihm halten und nicht zu jenen fremden Menschen , die mit ihm hart verfahren sind . « Hermann schien schweigend nachzudenken . Plötzlich murmelte er vorwurfsvoll : » Aber du hast emal geschworen , der Pappe sei in Afrika , und derweil heißt ' s in der Klasse - « » Genug , « unterbrach ihn die Mutter , » schäm dich zu wiederholen , was die frechen Lausbuben reden . Tu selber recht , Hermannli , sell ischt d ' Hauptsach . Wir haben kein Recht zu beurteilen oder zu verurteilen , « fügte sie seufzend hinzu , » wir nicht . « » Aber - der Pappe ist mir ja der liebste auf der ganzen Welt ! « sagte Hermann verwundert . » Und vielleicht - ist er gut im Griechischen , Mamme ? Im anderen Schuljahr fangen wir Griechisch an - das wär öppis . « Acht Tage lang hielt Josefine den Kranken im Bette fest . Anfangs widerstrebte er , schalt und weinte , apostrophierte die Wände , beklagte seine Heimkehr , sein Schicksal , sein Dasein , - allmählich ward er ruhiger . Josefine war viel bei ihm , immer in der Rolle des Arztes oder der Krankenschwester , geduldig , sanft und fremd . Hermann kam oft in ihrer Begleitung , allein ließ sie ihn nicht zum Mann . Rösli war tagelang nicht einmal zu einem Morgengruß zu bewegen . Sie schrie vor Angst vor dem Menschen , der sie so wild geküßt hatte , und in dem sie ihren Papa nicht erkennen wollte . Sie hatte keinen Papa in der Erinnerung , sie wollte keinen Papa haben , sie klammerte sich an ihre Mama , um sie zurückzuhalten , wenn sie in Hermanns Kämmerchen ging , wo der Kranke noch lag