Panzer - alles das ist die Liebe - die beglückte und die trauernde . Noch jetzt ist mir der reichste Besitz die Erinnerung an meinen Toten . Dir , Rudolf , ist das Leben noch solchen Reichtum schuldig ... eine Gefährtin würdest Du brauchen - eine mitstrebende , dabei angebetete - « » Ich denke nicht an mich ... Und gerade jetzt , was mich erfüllt , ist Verzicht und Entsagungsweh - von Zukunfts- und Glückshoffnungen weiß ich nichts . Die Liebe , wie Du sie besessen hast , und für mich träumst , was ist das für eine seltene Zufallsgabe ! Ich gehe nicht aus , solche Wunderblumen zu suchen , für mich . Ich gehe aus , Pflichten zu erfüllen - für andere . Und traurig bin ich - « » Ja , das höre ich an Deinem Ton . Mir ist ' s auch zum Weinen . « » Also weine , Mutter , das erleichtert - - « Beide verfielen in wehmütiges Schweigen . Der Mond verfinsterte sich . Schwarze Wolken zogen über seine Scheibe und es erhob sich ein klagender Wind , der durch die Rauchfänge pfiff . Martha schüttelte sich fröstelnd . » Komm , « sagte sie , » laß uns zu den anderen zurückgehen . Harre bei Deinen Gästen aus - das letztemal . « Rudolf erfüllte den Wunsch seiner Mutter , er begab sich in den Salon zurück . Man saß und stand in lebhaft sprechenden Gruppen umher . Bei seinem Nahen verstummten die meisten Unterhaltungen ; er hatte den Eindruck , als wäre eben von ihm die Rede gewesen . In einer Ecke sah er Minister » Allerdings « , Pater Protus und Oberst von Schrauffen bei einander stehen . Auf diese Gruppe ging er zu . » Hier sind ja drei meiner nächsten Freunde versammelt - tres faciunt consilium - gern wollte ich hören , was Ihr gesagt habt . « » Ich sagte , « antwortete der Minister , » daß ich den Eisstoß schon lange kommen gesehen ... Dein Benehmen und Deine Äußerungen in der letzten Zeit ließen alles Extravagante vorausahnen . So toll habe ich es allerdings nicht erwartet - seinen Besitz herschenken ! « » Und Sie , Herr Oberst ? « » Na , nachdem Sie mich so grad herausfragen und Exzellenz Wegemann sich auch kein Blatt vorm Mund genommen hat , so rede ich auch grad heraus . Mir kommt die G ' schicht nicht nur stark verruckt , sondern sogar ein biss ' l straffällig vor . Wollen ' s unter die roten Sozialisten gehen ? Haben ' s ganz vergessen , daß Sie ein Kavalier - und daß Sie Reserveoffizier sind ? « » In der Tat , mon Colonel , in diesem Falle habe ich mich nur meines Menschtums erinnert . Und Sie , mein lieber Pater Protus - werden Sie mich auch exkommunizieren ? Wie ich Sie kenne , fürchte ich das nicht von Ihnen . « Der junge Pater blickte Rudolf ernst und mild ins Gesicht : » Sie haben recht , Herr Graf - mir liegt jedes Anathema fern ... Nicht einmal richten und urteilen möchte ich da , wo ich nicht ganz verstehe . Ihre Absichten - Ihre Gedankenkreise sind mir nicht ganz klar ; aber so wie ich Sie kenne , weiß ich , daß Sie Gutes wollen ... Mir tut es nur in der Seele weh , einen solchen Patron zu verlieren . Ach , hätte die arme Frau Gräfin und hätte das arme Bubi gelebt - Sie würden uns dann nicht verlassen haben . « Rudolf schob seinen Arm unter den des Paters und zog diesen ein paar Schritte weiter . » Kommen Sie , mein lieber Herr Pfarrer , ich möchte ein paar Worte mit Ihnen allein reden . Setzen wir uns hier in diesen Winkel , da hört und stört uns niemand . Den beiden anderen habe ich nicht weiter Rede stehen wollen . Ich habe mich von ihnen getrennt - abgrundweit , da gibt ' s kein Verständigen mehr und was jene von mir denken , muß mir gleichgültig sein . Ihnen gegenüber , Pater Protus , habe ich das Bedürfnis , mir noch ein bißchen das Herz auszuschütten . « » Das klingt ja wie die Einleitung zu einer Beichte . « » Ich habe bei Ihnen nie gebeichtet ... und überhaupt , wie Sie wissen , mich den kirchlichen Zeremonien ferngehalten - « » Sie - Herr Graf - wie gar viele - glauben , ohne auszuüben - « » Nein ... Sie sollen keine falsche Meinung von mir haben . Ich glaube nicht - und meinte , daß Sie das wußten - « » Ich vermutete es wohl , aber - « » Ach , seien wir in dieser letzten Stunde ganz aufrichtig ... ... Wir haben uns gegenseitig immer geachtet und gegenseitig hinter dem , was wir verschwiegen , einander auf den Grund der Seele geblickt , nicht wahr ? Ich weiß , was Sie Ihrem Beruf schuldig sind und schätze den Takt sehr , mit dem Sie es verstanden , ein so pflichttreuer Landpfarrer und ein Mensch von modernem Geist und Wissen zu sein . « » Und Sie , Herr Graf , vereinten taktvoll den kritischen Skeptiker mit dem adeligen Kirchenpatron . « » Ich aber , Pater Protus , habe dem Dualismus entsagt . Mit den anderen Majoratsprärogativen habe ich auch das Patronat niedergelegt - und so kann ich mich ganz frei geben . Takt - das ist so ein Ding , das diejenigen brauchen , die einen Widerspruch verbergen , den sie in sich tragen , oder durch den sie sich lavierend durcharbeiten wollen ... ich habe diese Notwendigkeit abgeschüttelt - und darum sage ich Ihnen jetzt ganz offen : der Kampf , zu dem ich mich rüste - der Befreiungskampf gegen alles , was die Menschheit in Fesseln , auch in geistige Fesseln schlägt - der wendet sich natürlich auch gegen - « » Also ist es doch richtig , « unterbrach der Pfarrer , » daß die sogenannten Friedensfreunde - denn dazu gehören Sie ja - Feinde der Religion sind ? « » Es ist nicht richtig . Gewiß gibt es unter den Kriegsfeinden viele Freidenker - aber auch viele Gläubige . Und in dem Kampfe gegen den Krieg betätigen die Freidenker doch ihre Gesinnung nicht , - sie trachten vielmehr , in der Kirche eine Verbündete zu finden , denn sie wissen , welche Macht ihr innewohnt , und wissen , wie sehr die Religionsgebote mit den Friedensgeboten übereinstimmen . Eben weil die organisierten Verfechter der Friedensidee sich der Bekämpfung einzelner Richtungen und Einrichtungen - die ich bekämpfen wollte - enthalten , unterlasse ich es , mich ihren Vereinen und Kongressen anzuschließen . Ich will nach jeder Richtung hin die neue Weltanschauung vertreten - eine Weltanschauung , die meiner Überzeugung nach bestimmt ist , wie eine neue Religion ( das Wort heißt ja Band ) die kommenden Geschlechter zu verbinden - « » Freilich , « unterbrach Pater Protus mit leiser Bitterkeit im Tone , » mit solchem neuen Glauben muß man dem alten gegenüber als Feind auftreten - nicht als Patron . « » Feind ? Im Sinne von Haß und gewalttätigem Verfolgungs- und Vernichtungseifer ? - nein . Loyaler Gegner ? - ja . Ach , Pater Protus , Pater Protus - was sind das doch noch für unklare , traurige Zustände in der Welt ... wie schmerzlich stoßen die Gedanken , die Pflichten , die Leidenschaften aneinander ! Dabei sehe ich so deutlich , wo das Heil liegt ... einfach darin : gut sein und wahr sein - in jeder Lage , unter allen Umständen , niemals Böses zufügen , niemals behaupten , was falsch ist ... Welche von den bestehenden Institutionen im Staate verstößt nicht gegen diese zwei Dinge - Güte und Wahrheit ? « » Was ist Wahrheit ? Das hat schon Pontius Pilatus gefragt , Herr Graf . « » Was Lüge ist , mußte er jedenfalls wissen , denn als er sagte : ich wasche meine Hände in Unschuld , da hat er gelogen - er wusch sie in Blut . Was Güte ist , braucht keiner zu fragen , das fühlt jeder - auch der Harte , indem er sie verlacht ... Aber , lieber Herr Pfarrer , ich habe ja nicht mit Ihnen philosophieren wollen - nur Lebewohl wollte ich Ihnen sagen , dabei herzhaft Ihre Hand drücken und - ohne die Punkte auf die i zu setzen - Aug ' in Auge Sie versichern , daß ich Sie verstehe und Sie schätze und mich von Ihnen verstanden weiß . Auch meinen weiteren Kurs werden Sie nicht verdammen , selbst wenn ich das nicht mehr bin , was wir vorhin taktvoll nannten . « Pater Protus drückte fest die dargereichte Hand und blickte dem anderen ins Auge : » Ja , wir verstehen uns . « Rudolf sah nun , daß Gräfin Ranegg und ihre Tochter Cajetane im Begriffe waren , sich von seiner Mutter zu verabschieden . Er eilte auf die Gruppe zu , denn es drängte ihn , mit diesen lieben Nachbarinnen noch ein paar Worte zu tauschen . » Wie , Sie wollen schon fort ? ... Nein , so lasse ich Sie nicht - ich muß Ihnen noch sagen , daß zu den Dingen , die ich durch den Verlust von Brunnhof am schmerzlichsten vermissen werde , die Nachbarschaft der Raneggsburg gehört . « » Sie gehen ja nicht aus der Welt , lieber Graf Rudi , « sagte die Gräfin freundlich . » Den Weg nach unserem Hause - hier und in Wien - werden Sie hoffentlich immer noch finden . Und recht oft . « » Danke , Gräfin . Aus dieser liebenswürdigen Aufforderung sehe ich , daß Sie in mir nicht - wie so viele hier - einen gefährlichen Narren sehen . « Cajetane fiel lebhaft ein : » Sprechen Sie nicht so ... Sie sind ein - « Hier blieb sie stecken . Rudolf schaute sie überrascht an . Ihre Wangen glühten und ihre großen schwarzen Augen blickten ihn eigentümlich an . Gräfin Ranegg ließ sich nicht mehr zurückhalten . Sie verließ den Saal , an ihrer Seite Martha , die ihr das Geleite gab . Rudolf bot Cajetane den Arm und die beiden folgten in einiger Entfernung den vorangehenden Müttern . Der Weg zum Schloßhof , wo der Wagen stand , führte über mehrere lange Korridore , die Treppe hinab , durch eine lange Halle ; man hatte Zeit zu einem Gespräch . » Was wollten Sie vorhin sagen , Gräfin Cajetane ? « fragte Rudolf . » Sie sind ein - begannen Sie und brachen ab . Was bin ich ? « » Ein ungewöhnlicher Mensch . « » Das ist sehr milde ausgedrückt . « » Sie glauben doch nicht , daß ich mir eine Verurteilung erlaube - « » Doch wäre eine solche - von Ihrem Standpunkt - nur zu natürlich . Ich bin ein aus der Art Geschlagener , während Sie ein Muster - ein Prachtexemplar der Art sind , aus der ich geschlagen bin . Sie müssen mich daher verurteilen . « » Ich tue es nicht . Zwar verstehe ich Sie nicht ganz , aber ich weiß , ich fühle , daß Sie Großes und Edles bezwecken - « » Und glauben Sie , daß ich es erreiche ? « » Auch das kann ich nicht wissen . Ich habe ja in das alles keinen Einblick - bin ganz unwissend . Was Sie getan haben , hat großen Eindruck auf mich gemacht - dennoch , wenn ich mir Ihre Worte zurückrufen will , so geht es nicht . Ich weiß nicht mehr , was Sie gesprochen haben - ich gäbe was drum , wenn ich ' s noch einmal hören oder lesen könnte ... ich glaube , ich könnte da etwas lernen , etwas ganz Neues - « . » Flößt Ihnen das Neue keine Furcht ein , Gräfin Cajetane ? Ihre ganze Erziehung fußt auf dem Alten , Ihr ganzes schönes , harmonisches Leben ruht darauf . « Sie schüttelte den Kopf , aber blieb die Antwort schuldig . Sie war zu zurückhaltend , um über sich zu sprechen , um sich gegen die Meinung zu verteidigen , daß sie nur am Alten hing , während doch ihr junger , offener Sinn sich den Ahnungen und Verheißungen nicht verschlossen hatte , mit denen die nach Neugestaltung auf allen Gebieten ringende Gegenwart erfüllt ist . Und der Mann an ihrer Seite hatte den Mut , dieser Neugestaltung Phrophet und Mitschöpfer zu sein , opferte dafür Stellung und Reichtum - wahrlich , » ein ungewöhnlicher Mensch « . Wie bemerkte er vorhin ? » Das war milde ausgedrückt « - nein , schwach ausgedrückt war ' s ... sie hätte sagen mögen - aber auch dazu war sie zu zurückhaltend - : » ein herrlicher Mensch . « Nun gingen sie schweigend bis hinunter . Aber Rudolf fühlte , daß dieses Mädchen - eines jener Vögelchen , die auf den zum Falle bestimmten Bäumen nisteten - daß dieses Mädchen für ihn und für sein Tun voll Sympathie war . Unwillkürlich drückte er leise ihren Arm an sich . XX Der zwischen Hugo Bresser und Sylvia schwebende Liebesroman , der an jenem Abend , da sie sein Drama vorgelesen , für beide in ein die Herzen tief bewegendes Stadium getreten war , war seither zu keinem Abschluß gelangt - weder Bruch noch Vereinigung - auch nicht einmal zum Geständnis . Über ihn war mit der gesteigerten Anbetung Schüchternheit und Scheu gekommen - er fürchtete , sie zu erzürnen und zu verlieren , wenn er spräche . Und dadurch , daß er sie zum Gegenstand seiner dichterischen Huldigung machte , war sie ihm in eine Art Wolkenferne gerückt - in Wolken , die zwar seinem eigenen Weihrauchkessel entstiegen , die sie aber in Unnahbarkeit hüllten . Die ihr gewidmeten und sie besingenden Gedichte gab er ihr nicht zu lesen . Die sollten zu einem ganzen Bande anwachsen , und erst wenn er unbestrittenen Ruhm erreicht hätte , sollten sie so überreicht werden . Nur Großes durfte er ihr schenken : nichts Geringeres , als für ihren Namen die Unsterblichkeit . Und sie ? Sie kam ihm nicht entgegen . » Geh in Reinheit durchs Leben . « Dieses Wort ihrer Mutter hatte sich ihr im Gedächtnis festgesetzt , wie dies manchmal bei Melodien geschieht , die man nicht los wird , die im Ohre nachklingen , man mag wollen oder nicht . Auch die Antwort , die sie darauf gegeben , blieb so haften : » Das will ich ja . « Es war dies ein nicht allein der Mutter , sondern auch sich selber gegebenes Versprechen . Das Bewußtsein , den jungen Dichter zu lieben , erfüllte sie mit einem so intensiv beseligenden Gefühl , daß sie es wunschlos genoß . Es war eine ganz aus Bewunderung und Zärtlichkeit zusammengesetzte Empfindung - von keinem Schatten sinnlichen Verlangens gestreift . Es war die zweite Liebe in ihrem Leben . Welcher Unterschied mit der ersten ! Errötend dachte sie jetzt an den leidenschaftlichen Taumel zurück , der sie zur Zeit ihrer Verlobung erfaßt hatte . Wie sie damals erglüht für einen Menschen , von dem sie nicht eine wahrhaft liebenswerte seelische Eigenschaft kannte - während jetzt die Seele allein , die große , lichte Seele eines Künstlers , eines gottbegnadeten Genius es ihr angetan . Die Ernüchterung , welche durch Tonis brutale Art zu lieben so jäh und schmerzlich auf ihren Rausch gefolgt war , hatte ihr die sinnliche Seite der Liebe verekelt und der völlige Mangel an Idealität , den ihr Gatte im ehelichen Verkehr gezeigt , machte ihr nun die bloß ideale Ekstase ihrer neuen Liebe doppelt wert . Daß echte Liebe schließlich nach beiden Seiten hin nach Vollendung und Erfüllung drängt , das wußte sie nicht . Sie war , so sehr die Natur sie zur » grande amoureuse « geschaffen , in Liebesdingen nicht erfahren . So ließ sie sorglos und still beglückt es sich genügen , daß eine reine , von keinem Leidenschaftssturm gepeitschte ruhige Flamme ihr Herz durchwärmte . Nicht nur im bildlichen Sinne fühlte sie diese Wärme , sondern fast wie etwas Greifbares , physisch Vorhandenes . Es stieg in ihrer Brust auf - beim Erwachen , beim Einschlafen , oft unter Tags , wenn sie an etwas ganz anderes dachte . Wie ein plötzlicher heißer Strom , der vom Herzen zur Kehle flutete , den Atem beklemmend - in unnennbarer Süße ... Nicht Verlangen war das , sondern Besitzesfreude . Als einen reichen , lebenserhöhenden , sie mit Stolz erfüllenden Besitz empfand sie in solchen Augenblicken , daß sie liebte - einen herrlichen Menschen liebte , von dem auch sie - seit langem schon - geliebt war . Und wenn sie so an ihn dachte , da erschien vor ihrem Innern weder sein Gesicht noch seine Gestalt , sondern nur das abstrakte Bild seines hochfliegenden Geistes , seiner schönheitsgewaltigen Kunst . Gegen eine solche Liebe , durch die sie sich nur gehoben und geadelt fühlte , brauchte sie doch nicht anzukämpfen ? ... Sie hatte sich alle seine Werke kommen lassen und genoß jede gelungene Stelle darin , wie ein Durstender eine saftige Frucht genießt . Der Wohllaut der Verse , die sie sich laut vorsagte und die sie bald auswendig kannte , wiegte sie ein wie Musik ; jeder neue , schöne Gedanke war ein Rechtstitel mehr auf ihre stolze Liebe . Nicht nur in Reinheit - nein , in Größe konnte man da durchs Leben gehen ! Äußere Umstände traten hinzu , um die Gefahr hintanzuhalten , daß die so himmelhoch gespannte - im eigentlichen Sinne des Wortes überspannte Leidenschaft der Liebenden in eine irdische umschlage . Fast nie trafen sie sich allein . Notwendige Reisen - Sylvia zu ihrer erkrankten Schwiegermutter , Hugo zur Probe seiner Schauspiele nach deutschen Städten - und andere Zufälle mehr brachten lange Trennungen , und so kam es , daß jetzt , nach so langer Zeit , der Roman noch schwebte - ohne Bruch und ohne Vereinigung . Das Verhältnis Delnitzkys mit der schönen Sängerin dauerte fort . Es war ihm zur Lebensgewohnheit geworden . Da er weder vor der Welt und seinen Verwandten , noch auch vor seiner Frau - von der er wußte , daß sie davon unterrichtet war - diese Liaison zu verbergen suchte und da die anderen die Sache schweigend , wie etwas Selbstverständliches , hinnahmen , so war ihm allmählich zu Mute geworden , als lebte er da in einer Art zweiter konzessionierter Ehe , und daß er wenigstens darin als treu und standhaft sich erwies , das rechnete er sich selber zum Verdienste an . Zudem hatte ihm die Geliebte einen Sohn geschenkt und er liebte das kleine Bürschchen - mit ihm zu spielen , war ihm eine wahre Lust . Der Gedanke an eine Scheidung von Sylvia war ihm wohl manchmal aufgestiegen - da konnte er die andere heiraten und dem kleinen Toni seinen Namen geben . Was diesen Gedanken aber nicht recht aufkommen ließ , war die Vorstellung der für einen österreichischen Aristokraten recht unerquicklichen und umständlichen , zu einer Scheidung erforderlichen Formalitäten : Religionswechsel , Naturalisierung in Ungarn und vor allem der » Eklat « . Dieser Begriff hatte für ihn etwas besonders Abschreckendes . So flößte ihm das , was sein Schwager Dotzky getan , das Aufgeben seiner Stellung , um unter die Sozis zu gehen - wie er Rudolfs Handlung bezeichnete - einen an Verachtung grenzenden Widerwillen ein . Natürlich wurde er im Klub und wo er sonst hinkam , mit allerlei Fragen oder Kritiken über Rudolfs Vorgehen behelligt . Er sollte den Leuten erklären , wie und warum sein Schwager so Unerhörtes angestellt und was er noch Unerhörteres vorhatte . Aber er ward des Auskunftgebens bald müde und sagte nur mehr mit ärgerlichem Achselzucken : » Ach , bitt ' Euch , laßt mich mit dem Querkopf in Ruhe ... mich gehen seine Extravaganzen nichts an . « - Er versuchte auch , seiner Frau den Umgang mit Rudolf zu verbieten . Diesen Versuch wies Sylvia jedoch mit aller Entschiedenheit zurück . Die Zuneigung und Hochschätzung , die sie seit frühester Kindheit für ihren Stiefbruder hegte , war durch seine so ungewöhnliche Tat noch um vieles gestiegen . Sie blickte zu ihm auf , voll Stolz auf das , was er getan , und voll Vertrauen in das , was er sich zu tun vorgesetzt . Von der Gesellschaft hatte sich Sylvia allmählich zurückgezogen . Das Bewußtsein war ihr peinlich , daß sie von ihren Bekannten als die verlassene und betrogene Frau bedauert wurde . Solche , die wußten , daß sie eigentlich nicht betrogen war , da sie die Untreue ihres Mannes kannte , die verurteilten sie mit Strenge : » Das ist unmoralisch von einer Frau , sich solches gefallen zu lassen , herzlose Gleichgültigkeit , verächtliche Schwäche ! « Wie oft hatten vermeintliche gute Freundinnen mit allerlei vorsichtigen Redewendungen ihr zu hinterbringen gesucht , daß es heiße ... daß man munkle ... sie möge doch auf ihrer Hut sein ... Und wenn sie auf solche Insinuationen achselzuckend mit einem » Ich weiß ja alles « antwortete , dann brach die Entrüstung los : » Wie , Du weißt ... und duldest es ? - vergißt Du , was Du Deiner Würde schuldig bist ? Deine Rechte als Gattin mußt Du wahren . « Manche sagten auch , sie solle sich einfach rächen ... gleiches mit gleichem . - Das am allerwenigsten . In Reinheit wollte sie durchs Leben gehen . Länger als ein Jahr war es nun , daß sie Hugo Bresser nicht gesehen . Häufig jedoch erhielt sie von ihm Briefe und , wenn auch seltener , sie schrieb auch ihm . Es waren keine Liebesbriefe , aber zwischen den Zeilen pochte , hörbar für den Empfangenden , das Herz des Schreibenden . Der einzige Gegenstand der Korrespondenz war die Literatur . Er schrieb von seinen Entwürfen und Erfolgen , er übersandte ihr Proben der Sachen , die er eben auf der Werkstatt hatte ; er schickte ihr aber auch Bücher anderer Verfasser , die Eindruck auf ihn gemacht , und dissertierte über deren Inhalt . Sylvia gab ihr Urteil ab , nicht im Tone der Kritik , sondern einfach , indem sie sagte , was sie bei dieser oder jener Stelle empfunden Seitdem sie einem Dichter ihr Herz geschenkt , war ihr die Beschäftigung mit Dichterwerken zu einem genußreichen , lebenausfüllenden Studium geworden . In einem schönen Gedichte - ob es nun von Hugo war , oder nur von ihm angepriesen - konnte sie schwelgen , wie ein musikliebender Mensch in Melodien schwelgt . Zu eigenem Schaffen brachte sie es nicht , hätte es auch gar nicht gewollt . Das Vertiefen in die Werke der anderen gab ihr volle Befriedigung . Erst durch die Liebe war diese Passion in ihr geweckt worden . Das gehobene und geradezu wonnige Entzücken , mit welchem sie an jenem Abend Hugos Dichtung vorgelesen , hatte in ihr die Leidenschaft für alle Poesie angefacht , und von da an versenkte sie sich mit Inbrunst in die Werke aller toten und lebenden Meister des gebundenen Worts . Und ihr Dichter hielt - in ihren Augen - neben den berühmtesten Literaturhelden Stand . Daß auch er die höchste Stufe seiner Kunst erreichen werde , war für sie nicht zweifelhaft . Und sie blickte mit einer Art Ehrerbietung zu ihm auf . Daß sie die große Dame , er ein eigentlich noch unbekannter Literat und gesellschaftlich unbedeutender Mensch war , kam ihr gar nicht zum Bewußtsein - er war der Gottbegnadete , der Anwärter auf die Strahlenkrone des Ruhms - sie eine einfache , unbedeutende Frau . Einige Tage nach dem Abschiedsdiner in Brunnhof erhielt Sylvia von Hugo einen Brief , worin er seine Ankunft in Wien für den nächsten Tag ansagte . Es versetzte ihr einen freudigen und zugleich bangen Schreck . Die lange briefliche Gemeinschaft war ihr zu teurer Gewohnheit geworden , daß sie beinahe fürchtete , die persönliche Berührung könnte irgend eine Störung , einen Mißton hineinbringen . Dennoch gewann die Empfindung die Oberhand , daß der morgige Tag mit diesem Wiedersehen ihr ein hohes Fest verhieß . Sie teilte es sich so ein , daß sie um die Stunde , für die er sich angesagt , allein zu Hause war . Es war Nachmittag vier Uhr . Draußen schien eine helle und warme Herbstsonne . Dennoch brannte im Kamin ein lustig prasselndes kleines Feuer . Und auf einem Seitentische , über blauen Spiritusflämmchen , brodelte in silbernem Kessel das Teewasser . Von der Straße her gedämpfter Wagenlärm . Magnolienduft vom Blumentisch . Vor diesem steht Sylvia und pflückt eine Blüte ab , die sie an ihre Taille steckt . Sie trägt ein Straßenkleid aus schwarzem Samt - eben war sie von einer Ausfahrt heimgekommen - auf ihren Wangen lag frisches Rot und die Augen funkelten . In einer halben Stunde sollte er kommen , doch schon jetzt ertönte die Klingel . Ein Besuch ? Nun , die Losung war gegeben , niemand anderer sollte vorgelassen werden als Bresser - und Anton war von Wien abwesend . Die Tür ging auf und der Diener überreichte auf silberner Platte ein Telegramm . Jedenfalls eine Absage von Bresser ... An der bittern , schmerzlichen Enttäuschung , die ihr dieser Gedanke verursachte , erkannte sie erst , wie sehr sie sich auf den bevorstehenden Besuch gefreut . Die Depesche war aber nicht von Bresser und betraf etwas ganz Gleichgültiges . Jetzt freute sie sich doppelt und mit vollem Bewußtsein . Die Furcht , daß das Wiedersehen irgend einen Mißton bringen könne , war nun verflogen - vielmehr eine Erfüllung sollte es werden , ein Löschen des brennenden Durstes ihrer Seele . Sie ging ans Klavier und spielte leise die Sonnenaufgangshymne aus dem Propheten . Diese Melodie war ihr seit jenem Theaterabend die Zauberformel geblieben , mit der sie sich jederzeit die Gegenwart ihres Dichters herbei beschwören konnte , als atmete sie seine Nähe . Vom Klavier ging sie in ihre gewohnte Ecke , wo neben der Chaiselongue ein drehbares Lesetischchen stand . Sie setzte sich und nahm ein Buch zur Hand . Der Band » Gedichte von Hugo Bresser « öffnete sich von selber auf der Seite , die sie gewollt . Auch da fand sie eine Beschwörungsformel - eine gewisse Strophe voll Wohllaut und voll Schwung . Aber sie legte das Buch wieder weg . Sie durfte doch nicht bei dieser Lektüre sich finden lassen - das hätte wie eine plumpe Absichtlichkeit geschienen . Sie ließ die Hände herabfallen und schloß die Augen . Nicht spielen , nicht lesen wollte sie - nur so dasitzen , das holde Bangen der Erwartung genießend , dem eigenen Herzen lauschend , wenn manchmal ein beschleunigter Schlag ihr bis in die Kehle drang - wie süß das war ... Noch war die halbe Stunde nicht verflossen - und wieder ertönte die Klingel . Sylvia sprang auf ; sie fühlte , daß sie erbleichte . Bresser trat über die Schwelle und verneigte sich ehrerbietig ; sie blieb - eine Weile regungslos - auf ihrem Platz stehen . Durch den zeremoniellen Gruß und den Ton seiner Stimme » Gnädigste Gräfin « kam sie zur Besinnung , und - ganz Weltdame , die einen willkommenen fremden Gast empfängt - ging sie ihm ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand zum Kusse . » Wie ich mich freue , Sie wieder zu sehen , Herr Bresser - werden Sie nun eine Zeitlang in Wien bleiben ? Bitte , setzen Sie sich ... « und sie selber ließ sich auf ihren gewohnten Platz neben dem Lesetischchen nieder ... » Sehen Sie « - lächelnd - » ich habe hier Ihren Gedichtenband - aber Sie dürfen nicht glauben , daß ich ihn nur im Hinblick auf Ihr Kommen hierher gelegt , ich ... « Sie stockte . Denn Bresser ging weder auf ihren förmlichen , noch auf den scherzenden Ton ein ; er blieb stumm und auch den angebotenen Sitz hatte er nicht angenommen ; sein Gesicht zeigte tiefe Bewegung , die Augen hielt er mit zärtlichem Vorwurf auf sie geheftet - sie fühlte , daß er von ihrem Empfang enttäuscht war . Das war er im Anfang auch gewesen ; aber wie sie jetzt so stockte , wie unter seinem Blicke auch in ihren Augen es zärtlich zu schimmern begann , da verstand er , daß diese angenommene Gleichgültigkeit nur ein Schleier - ein für ihn jetzt durchsichtiger Schleier war , den sie über den sonst zu grellen Glanz ihrer gegenseitigen Wiedersehensfreude geworfen hatte . Eigentlich nach all den getauschten Gedanken und getauschten Empfindungen , nach der Sehnsucht , die sich in dem verflossenen Jahr von einem zum andern gesponnen , hätten sie ja einfach sich in die Arme sinken müssen : - o Du , Du - seh ' ich Dich endlich ! - Da dies aber nicht sein konnte , so war diese Art wohl die beste gewesen ; sie wußten ja doch beide , was unter dem Schleier verborgen war . So wollte er denn ihrem unausgesprochenen Befehl gehorchen und , indem er sich setzte , sagte er , einen unbefangenen Ton erzwingend : » Ob ich längere Zeit in Wien bleibe , Gräfin ? Das hängt von Umständen ab . Der Direktor des Burgtheaters , dem ich mein Drama eingereicht , hat mich zu einer Unterredung bestellt . Vielleicht handelt es sich um Änderungen - angenommen ist das Stück - vielleicht auch schon um den Beginn der Proben ; da müßte ich allerdings hier bleiben . « » Was - ein Stück an der Burg - und davon hatten Sie mir nichts geschrieben ! « »