und bat noch einmal , ihm recht bald ein Wort zukommen zu lassen . Der gute Mensch ! Was hätte sie darum gegeben , ihn hier zu haben , wenn alles anders gewesen wäre ! So wie die Dinge lagen , war es ihr ein Stein von der Seele , dass Franz erst in mehr als einem halben Jahr an seine Uebersiedelung denken konnte . Manchmal schien es fast so , als ob der liebe Gott es doch noch gut mit ihr meine . Nach alle dem , was sie eben erfahren hatte , schien er ihr die Schmach ersparen zu wollen , Franz und Frau Wohlgebrecht wieder zu sehen , ehe sie Gerharts Frau geworden war . - Ueber Berlin brütete noch immer die gleiche Sommerhitze , obgleich man sich schon dem Ende des September nahte und die meisten der Reisenden längst aus ihren Sommerquartieren heimgekehrt waren . Man merkte es überall auf den Strassen und in den Geschäften , dass Berlin wieder so ziemlich vollzählig beisammen war und seiner gewohnten Lebensweise nachging . - Lena hatte noch nichts davon hören lassen , dass sie an eine Rückkehr dachte . Sie schien sich in Heringsdorf äusserst wohl zu befinden und ihren geschäftlichen Ehrgeiz auf eine Weile an den Nagel gehängt zu haben . Bornstein und Herr von Strehsen dagegen hatte das Badeleben auf eine so lange Dauer nicht behagt . Wie Lena schrieb , hatten die Herren schon vor vierzehn Tagen einen Abstecher nach Schweden gemacht , von dem sie noch immer nicht zurückgekehrt waren , ein Umstand , der Lenas Begeisterung für Heringsdorf und die übrige Badegesellschaft indes nicht im geringsten zu beeinträchtigen schien . Auf ihren flüchtig hingeworfenen Karten schwirrte es von vornehmen und reichen Familiennamen , deren Bekanntschaft sie gemacht hatte , und von denen sie sich in Berlin ausserordentliche geschäftliche und gesellige Vorteile versprach . Es war staunenerregend für die einfache Lotte , welche Weltsicherheit Lena sich in der kurzen Zeit ihres Berliner Lebens , angeeignet hatte . Wohl ihr , wenn sie dauernd ihr Glück darin fand . Gerhart hatte Lottes letzte dringliche Briefe nicht beantwortet , aber Lotte hatte nicht , wie sonst wohl bei dergleichen Gelegenheiten , diesen Umstand schwer und trübe genommen . Ihr noch immer zärtlich vertrauendes Herz sah nichts Anderes darin , als ein Anzeichen seiner nahen Rückkehr . Weshalb sollte er noch schreiben , wenn er ihr so bald würde alles erzählen können ? Vermutlich hatte er auch sonst mehr als genug mit Schreiben zu thun , jetzt , wo er so nahe vor dem letzten Ziel stand , ein berühmter Mann zu werden ! Das Herz klopfte ihr höher , wenn sie daran dachte . Wie stolz sie dann auf ihn sein würde , wie überselig bei jedem neuen Erfolg ! Gewiss , sie würde ihn niemals stören , niemals seine Zeit beanspruchen , sie und das Kleine nicht . Er sollte ganz für sich leben , ganz nach seiner Weise , seinem Behagen , ganz so wie es ihm für seine Arbeit notwendig erschien . O , sie wollte ihn schon heilen von seinen grausamen Vorurteilen gegen die Ehe , die er einen Kerker , eine Sklavenkette zu nennen pflegte , er sollte es bei ihr schon lernen , der Ehe vor der freien Liebe den Vorzug zu geben . Die mochte ja ganz schön für die moderne Dichtung sein , für das wirkliche Leben aber war die Ehe doch ein anderes Ding . Während bis vor kurzem noch jeder Gedanke an die Zukunft Lottes Gemüt umdüstert hatte , war seit wenigen Tagen ein völliger Stimmungswechsel bei ihr eingetreten . Je mehr sie sich in die Zukunft versetzte , um so heiterer wurde sie . So auffällig war dieser Stimmungswechsel , dass sie selbst davon betroffen wurde . Es hatte sich doch nichts , gar nichts zum Guten verändert ! Vielleicht war es auch vorher nicht so düster um sie gewesen als sie es zu sehen vermeinte , vielleicht war nur ihr körperlicher Zustand daran Schuld gewesen , dass sie während der letzten Monate die ganze Welt für ein Jammerthal angesehen hatte und sich selbst für die bedauernswerteste der Pilgerinnen , die es zu durchwandern haben . Frau Korn hatte ganz recht , die Welt war gerade so wie man sie ansah . Zeigte man ihr ein ewig trübes Gesicht , so konnte man auch nicht von ihr verlangen , dass sie einem ein heiteres wies . Lotte wollte sich diese späte Erkenntnis zur Lehre dienen lassen und der Welt und Gerhart fortab ein heiteres Antlitz zeigen . Eine Art freudiger Anspornung , eine Erhöhung aller Kräfte war ganz plötzlich über sie gekommen . Fühlte sie sich aus diesem Grunde körperlich um so vieles wohler , oder hatte ihre Gemütsstimmung sich gestärkt und erhoben , weil es ihr um so viel besser ging ? Sie wusste es nicht , was Ursache , was Wirkung war , sie fragte auch nicht danach , aber sie fühlte sich wie eine plötzlich Erlöste . Frau Korn schmunzelte . Von dem Schwarzkopf konnte diese Wirkung nicht kommen , der hatte nichts von sich sehen , und wie sie wusste , auch nichts von sich hören lassen . Also musste es wohl ihre Kur sein , die kräftig angeschlagen hatte . In diese gehobene Stimmung Lottes stürmte Gerhart an einem der ersten Oktobertage hinein . Unangemeldet , unerwartet kam er . Lotte war so überwältigt von der Freude ihn wiederzusehen , dass sie sich zuerst von ihrem Sitz kaum zu erheben vermochte . Dann sprang sie auf wie emporgeschnellt , und stürzte ihm mit einem Freudenschrei in die Arme . Er liess ihre unsinnigen Zärtlichkeitsausbrüche mehr über sich ergehen , als dass er sie wie sonst hervorgerufen hätte . Nach einer Weile drückte er sie mit gelassener Freundlichkeit auf ihren Sitz am offenen Fenster nieder . » Ruhig , Lottchen , ruhig ! Du darfst Dich nicht so aufregen . Ganz vernünftig sein - so . « Und er zog sich einen Stuhl auf die entgegengesetzte Seite des Arbeitstischchens , an dem Fenster ihr gegenüber . Sie sah ihn ein klein wenig verwundert an , aber sie sagte nichts . Sie wollte ihm ja ein freudiges , heiteres Gesicht zeigen . Und weit zu ihm hinübergebeugt , fragte sie atemlos : » Nun erzähle , wie war ' s ? « Eine heisse Blutwelle stieg in seinem blassen Gesicht auf , und wie ein Blitz zuckte es darüber hin , einen Augenblick nur , dann sagte er mit gemachter Gleichgültigkeit : » O , alles in Ordnung , Kind . Die Berté hat ihre Helga endlich intus , und der Erik wird auch werden . Wir haben gestern die erste Probe gehabt . « » Gestern warst Du schon hier , Gerhart ? « fragte Lotte enttäuscht . Wieder zuckte es über sein Gesicht , diesmal von verhaltener Ungeduld . » Ich hatte zu thun « , sagte er kurz . Sie nahm sich zusammen , um ihrem Vorsatz treu zu bleiben . » Wann wird die erste Aufführung sein ? « » Am fünfzehnten . « » So bald schon , o , das ist herrlich . Da kann ich noch dabei sein . « Gerhart streifte sie flüchtig mit den Blicken und zuckte die Achseln . » Wie Du meinst , ich würde es für richtiger halten , Du gingest der Aufführung aus dem Wege . Es kann Dir nur schaden . « » Das ist doch gar nicht so aufregend « , sagte sie gutmütig , in dem Wunsch , ihn über sich zu beruhigen . Er sprang auf und stiess den Stuhl heftig hinter sich fort . » Red ' doch nicht solchen Unsinn , Lotte . Da sieht man wieder , dass Du im Grunde keine Ahnung hast , was eine Erstaufführung in Berlin bedeutet , noch dazu bei einer freien Bühne . Von diesem Abend hängt Tod oder Leben für mich ab , und das nennst Du nicht aufregend ! Alles , alles kommt darauf an , wie das Frühlingsdrama aufgenommen wird . Ich will nicht mehr leben , wenn es versagt ; ich kann es nicht ! Wieder zurück in die Dunkelheit , ich ertrag ' s nicht , ich will ' s nicht ! Lange genug hab ' ich daringesteckt , während andere sich am goldenen Licht des Ruhmes sonnen durften . Endlich , endlich will ich zu ihnen gehören . Höre , Lotte « , und er packte das Mädchen beim Arm , dass sie die Zähne zusammenbeissen musste , um nicht laut aufzuschreien . » Du sollst nicht dabei sein , hörst Du , Du sollst nicht . Ich will nicht abgezogen werden an diesem Tage durch andere Dinge . Ich will nur Gedanken haben für mein Werk , für die Künstler , die es vor das Publikum bringen , für das Publikum selbst , dem ich mich endlich offenbaren will . Hörst Du , Lotte ? Ich will nichts Anderes , nichts ! Ich bitt ' Dich , sprich nicht mehr davon , und auch - von dem andern nicht . Ich brauche für den Tag meine ganze Kraft . Alles Uebrige ausser dem Frühlingsdrama muss bis dahin tot für mich sein . Sage , hast Du mich verstanden ? « Lotte sass da mit grossen , entgeisterten Augen , bleich bis in die Lippen , aber sie verzog das Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln , und mit dem Kopfe nickend , wie eine Pagode , sagte sie mit heiserer Stimme » Ja , ja ! « Er war es zufrieden und wurde wieder ruhiger . » Ich denke , ich kann mich auf Dich verlassen « , sagte er . » Sieh ' mal , mein Kind , Du musst da schon meiner besseren Einsicht ganz vertrauen . Nicht nur mein Werk allein , das Werk eines Einzelnen steht auf dem Spiel , sondern eine ganze Richtung , so zu sagen die gesamte Moderne . Das Frühlingsdrama ist der zusammengefasste Ausdruck für diese Richtung . Versagt es , erleidet unsere ganze moderne Schule . Meister und Jünger , eine empfindliche Schlappe . Du verstehst das nicht , und das ist auch nicht von Dir zu verlangen . Es mag Dir genügen , wenn ich Dir sage : es steht Ungeheures auf dem Spiel . Denn unsere Niederlage , die Niederlage der Moderne würde einen Triumph der lächerlich antiquierten Philisterpartei bedeuten , die wir zu vernichten ausgezogen sind mit Stumpf und Stiel . Nicht auszudenken ist es , wenn die Moser , Schönthan und Konsorten noch einmal den Sieg gewinnen sollten gegen die Hauptmann und Schnitzler . Ich glaube , ich würde verrückt darüber . « Hätte Gerhart Schmittlein Lottes Herzen nicht so nahe gestanden , sie würde ihn jetzt schon dafür gehalten haben , so rasend geberdete er sich . Aber da sie ihn noch immer zärtlich liebte , flösste ihr sein Wesen weit mehr Besorgnis als Schrecken ein . Er war nach seinen letzten Worten erschöpft und gebrochen auf den Stuhl ihr gegenüber zusammengesunken . Langsam erhob sie sich und trat zu ihm . Sanft strich sie ihm mit der Hand über die erhitzte Stirn und zog seinen dunklen Kopf an ihre Brust . » Lass nur gut sein , Gerhart , Ihr werdet schon siegen gegen die andern - und ich - ich werde Dir gewiss nicht im Wege sein . « Sie beugte sich zu ihm nieder und küsste ihn zärtlich auf Stirn und Mund und Wange . Er liess den Kopf an ihrer Brust ruhen ohne sich zu regen . Es war , als ob er ihre Küsse gar nicht gefühlt habe . Heisse Thränen stiegen in ihren Augen auf , aber sie kämpfte sie tapfer hinunter . Sie wollte ihm ja ein heiteres Gesicht zeigen ! - Eine Stunde später sass Gerhart in dem Stammlokal der jüngsten Modernen . Ein paar kaum den Schuljahren entwachsene Theaterkritiker und einige Kollegen Gerharts hatten sich schon vor ihm eingefunden . Er wurde mit lauten Zurufen begrüsst und das bevorstehende Ereignis in allen Tonarten gefeiert . Nach dem dritten Schoppen gab Gerhart auf allgemeinen Anruf der Tafelrunde wie das so unter ihnen üblich , das Erlebnis zum besten , das den Stoff zu seinem Frühlingsdrama hergegeben hatte . Er enthüllte sein und Lottes intimstes Liebesleben . Im Vergleich zu den meisten andern Anwesenden hatte sich Gerhart noch ein gut Teil Schamhaftigkeit und Zartsinn bewahrt . Er nannte weder Namen noch Stand der Geliebten , die ihm Modell gesessen hatte . Sonst pflegte solche Diskretion bei der Clique , der er angehörte , nicht üblich zu sein . Die jungen Leute machten einen förmlichen Sport daraus , bei einer Erstaufführung oder einer Vorlesung einander ganz ungeniert die jeweilige » Märtyrerin der freien Liebe « zu zeigen , mit der sie ihren Stoff erlebt , nach der sie ihn gebildet hatten . Es fiel Niemandem von ihnen ein , dass dies Gebahren eine schamlose Preisgabe ihres Liebeslebens sei . Im Gegenteil , es verlieh dem Werke einen erhöhten Wert , dass einer vom andern wusste : die und die hat mir dazu Modell gestanden . Wofür waren sie denn Naturalisten , Wirklichkeitsdichter und keine idealen Schönfärber wie die alte Schule ? Sie mussten einander doch beweisen , wie genau sie den Schmutz des Lebens kannten , und auf den Centimeter angeben können , wie tief sie in diesem Schmutz herum gewatet waren . Hätten sie sonst das Recht gehabt , sich Naturalisten zu nennen ? Wie es oft bei Gerhart Schmittlein zu geschehen pflegte , so auch heute . Er that dasselbe , was die andern thaten , aber wie er es that , wich so gewaltig von der Art der andern ab , dass auch die Wirkung eine ganz andere war . Als er geendet hatte , trat eine tiefe Stille ein . Was und vor allem wie er gesprochen , hatte eine gewaltige Wirkung geübt . Erst nach einer langen stummen Pause ergriff Gerharts Nachbar zur Linken das Wort . Er war ein blasser , blonder Mensch , ein Lehrerssohn aus der Mark , den ehrliche Begeisterung und echtes Streben an die neue literarische Richtung knüpfte , die hier verkündet wurde . Gerhart Schmittlein schien ihm der Messias dieser neuen Lehre zu sein . » Darf ich mir eine Frage gestatten , Schmittlein ? « » Zehn für eine . « » Ich will nicht indiskret sein , ich hoffe , Sie wissen auch , dass ich nicht neugierig bin . Es interessiert mich nur vom rein psychologischen Standpunkte aus . - Als das Frühlingsdrama vollendet war - als Sie das Modell nicht mehr brauchten , haben Sie da für das Weib noch viel übrig gehabt ? « Gerhart schüttelte sehr energisch den schwarzen Kopf . » Nichts als ein wenig Mitleid . Meine Leidenschaft gehört - « hier unterbrach er sich . Dass Lotte durch dies Geständnis nicht kompromittiert werden konnte , wusste er . Niemand kannte sie , niemand in diesem Kreise würde sie jemals kennen , und so würde niemals jemand erfahren , wer ihm zu der Helga Modell gesessen habe . Wenn er aber jetzt eingestand , dass seit dem Zeitpunkt der Vollendung des Werkes seine Leidenschaft nur noch der gehörte , die es ihm verkörpern sollte , würde ein jeder wissen müssen , dass niemand anders als die Berté damit gemeint sein konnte . Er hatte das Gefühl , schon mit seinem abgebrochenen Wort zu viel gesagt zu haben . Sehr unbehaglich war ihm dies Gefühl . So lange er mitten in einem Verhältnis stand , liebte er es , im Gegensatz zu allen andern nicht , es glossiert zu wissen . Er zog die Uhr aus der Tasche . Gleich elf . Es war die höchste Zeit zu gehen . Erna Berté würde ihn schon seit einer Stunde erwarten . Ihn selbst peinigte eine glühende Sehnsucht nach dem schönen , temperamentvollen Geschöpf . So empfahl er sich kurz , ohne sich von irgend einem der Anwesenden im einzelnen zu verabschieden . » Immer originell « , klang es ihm nach . » Ein Genie « , behauptete eine zweite Gruppe . » Ein arroganter Phantast « , die dritte , die bei weitem in der Mehrzahl war . - Der vorherbestimmte Zeitpunkt für die Aufführung des Frühlingsdramas war festgehalten worden . Mit grossen Lettern auf gelbem Grunde stand es am Morgen des feuchtkalten fünfzehnten Oktober an den Anschlagsäulen zu lesen : Freie Bühne . Zum ersten Mal Ein Frühlingsdrama . Geschehnis in vier Aufzügen von Gerhart Schmittlein . Lotte , der es in den letzten Tagen wieder recht schlecht gegangen war , hatte sich ganz früh schon auf die Strasse geschleppt , um wenigstens die Anzeige zu lesen . Ja , da stand es : Frühlingsdrama von Gerhart Schmittlein ! Was sie seit jenem Weihnachtsabend in der » Versunkenen Glocke « für Gerhart erträumt hatte , heute sollte es sich erfüllen . Sie aber , die ihn , wie er ihr tausendfach unter glühenden Küssen zugeschworen hatte , einzig zu dem Werke begeistert , sie , ohne die er es niemals hätte schaffen können , sie , die sich ihm hingegeben dafür mit Leib und Seele , die ihr Mädchentum , ihre Ehre dafür hingeopfert hatte , sie stand heute abseits , allein und verlassen . Heisse Thränen stürzten ihr aus den Augen . Heut , wo er sie nicht sah , mochten die bitteren Tropfen ungehindert fliessen . Was that es ihr , dass fremde Menschen sie anstarrten mit Mitleid oder mit Schadenfreude ? Was ihr vor Monaten noch unerträglich erschienen wäre , andere ihr Leid schauen zu lassen , heut war es ihr gleichgültig geworden , wie so vieles , wie das meiste um sie her . Was konnte ihr das alles anhaben , seit sie sich eingestehen musste , dass Gerhart ihr verloren war . Seit jenem Tage des Wiedersehens wusste sie es : er war ihr verloren , unwiderruflich ! Er würde vielleicht noch seine Pflicht an ihr erfüllen , mehr aber nicht , nicht heut , nicht morgen , denn er liebte sie nicht mehr . Eiskalt durchschauerte es sie bei dem Bewusstsein , dass der Gerhart , dessen Name dort in weithin leuchtenden Lettern auf dem grossen grellfarbigen Plakat gedruckt stand , der Gerhart nicht mehr war , in dessen Armen sie sich selbst und ihre Ehre vergessen hatte , und doch dabei so grenzenlos , so unsinnig glücklich gewesen war . Nein , er war es nicht mehr , er war ein anderer geworden und ob sie auch seine Frau würde , sein Herz würde sie niemals wieder besitzen . Fester zog sie den leichten Schulterkragen um die Brust . Die Kälte drang ihr durch Mark und Bein . Kam diese eisige Kälte von innen heraus , oder war es der scharfe Herbstwind , der sie erschauern machte wie im Fieber , sie wusste es nicht . Dazu stellten sich plötzlich unerträgliche Schmerzen in allen Gliedern ein , vor den Augen tanzten ihr rote , grüne und gelbe Punkte , kaum war sie noch im Stande , sich die vier steilen Treppen hinaufzuschleppen . Stöhnend warf sie sich auf ihr Bett . Stundenlang lag sie so allein , ohne zu wissen was mit ihr vorging . Sie hätte fortwährend schreien mögen und doch unterdrückte sie instinktiv jeden Ausbruch des Schmerzes , indem sie sich leise ächzend in das Bettzeug einbiss . Endlich glaubte sie es nicht länger ertragen zu können und schleppte sich zu Frau Korn hinüber . Auguste war zu Haus und bei der Arbeit . Die brave Frau machte nicht viel Worte . Auf den ersten Blick sah sie was los war . Sie lächelte nur und dachte : » Wir scheinen uns also verrechnet zu haben . « Dann führte sie Lotte wieder in ihre Wohnung hinüber , liess durch ihre Aelteste alles Notwendige besorgen und blieb auch , nachdem eine geschäftige , rundliche Frau aus der Nachbarschaft zur Hilfeleistung herbeigeholt worden war , an Lottes Seite , bis sie um die achte Stunde , gerade als in der » Freien Bühne « der Vorhang zu Gerharts Frühlingsdrama aufrollte , einem zarten , zierlichen Mädchen das Leben gab . Die rundliche Frau konstatierte , dass das Kind zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen sei , sich aber trotzdem sehen lassen könne . Lotte empfand , als das Kind glücklich auf der Welt war und mit einem gesunden Aufschrei die vier engen Wände seiner Geburtsstätte begrüsste , nicht das geringste von jener hohen , heiligen Mutterfreude , die die ausgestandenen Schmerzen mit einem Schlage vergessen macht . Als Frau Korn ihr die Kleine reichte , küsste sie sie flüchtig auf die braunrote Stirn . Das Kind , Gerhart , die Schande , die ihr nun doch nicht erspart geblieben war , alles war ihr gleichgültig . Nur das Gefühl einer grenzenlosen Schwäche lebte in ihr , ein alles bezwingendes Bedürfnis nach Ruhe . Frau Korn that ihr möglichstes dazu , Lotte diese Ruhe zu verschaffen , obgleich sie selbst , trotz ihrer sieben nie ein ähnliches Bedürfnis empfunden hatte . Sie benachrichtigte nicht einmal den » Schwarzkopf « von dem überraschend eingetretenen Ereignis , denn sie sagte sich mit Recht , dass er der letzte gewesen wäre , Lotte Ruhe zu bringen . Lotte fragte im übrigen auch gar nicht nach ihm , und Auguste war der Ansicht , dass er schon von selber kommen würde , wenn auch nur , um seinen Triumph auszuposaunen und sich von dem armen schwachen Wurm da seinen Extralorbeer zu holen . Frau Korn , die aus dem Hause Veilchenfeld einen so starken Theaterenthusiasmus mitgebracht hatte , dass er in ihrer jetzt siebenjährigen Ehe noch immer nicht ganz erstorben war , hatte unter den Theaternachrichten , die sie tagtäglich im Vorwärts nachschlug , gelesen , dass das Frühlingsdrama des Schwarzkopfs einen rauschenden Erfolg gehabt habe . Da Lotte nicht danach fragte , erzählte sie ihr nichts davon ; zu ihrem Manne aber hatte sie gesagt : » Nun wird der Schwarzkopf wohl gänzlich überschnappen . « Eine andere Aufregung - wenn es eine für Lotte war - konnte Frau Korn ihr indes nicht ersparen . Die hilfreiche Frau drang darauf , dass der kleine Schreihals am dritten Tage beim Standesamt angemeldet werden müsse . Es sei so Polizeivorschrift und nichts dabei zu wollen . Lotte musste sich also für einen Namen entscheiden . Wie im Traum war es ihr , dass irgendwo und irgendwann - die Sonne hatte geschienen , das Wasser gerauscht , und würzige Waldluft sie umströmt - Gerhart für das Kind den Namen Helga gewünscht hatte , wenn es ein Mädchen würde . Sie aber hatte nicht gewollt . In dem Halbschlaf , in dem sie fast dauernd lag , war es ihr so , als ob sie schon damals Gerhart gebeten habe , es nach der Mutter Luise nennen zu dürfen . Ja , Luise sollte es heissen . Auch Frau Korn war durchaus dafür . » Mutters Name bringt allemal Segen « , behauptete sie . Und Helga , nee , das roch ja förmlich nach Roman und Komödie . Das war ganz schön in Büchern und auf dem Theater , aber fürs gewöhnliche - nee . - Und so auffallend wie das klang ! In Lottchens Lage - Frau Korn nannte ihren Schützling jetzt schlankweg Lottchen - musste man alles auffallende vermeiden . So wurde das Kleine auf den Namen Luise Weiss angemeldet . » Armes Mädchen , armes Mädchen « , murmelte Lotte vor sich hin . » Wieder eins mehr auf der Welt . « » Papperlapapp « , unterbrach sie Frau Korn . » Wer weiss denn , was aus dem Mädel ' mal wird , nette kleine Krabbe die es ist . Luise Weiss ist ein ganz guter Name , und wenn es so grosses Verlangen nach dem Namen des Schwarzkopfs haben sollte - na , am Ende ist ja auch noch nicht aller Tage Abend . Wie ist es denn , Lottchen ? Am Ende ist es doch unsere Pflicht , es ihm anzuzeigen ? - « Lotte faltete die blassen schmalen Hände und sah angstvoll zu Auguste auf , die neben ihrem Bett stand . » Bitte nein , liebe Frau Korn , warten Sie noch ein paar Tage . Ich könnte es jetzt noch nicht ertragen . « Frau Korn war es sehr recht so . » Wie Sie wollen . Aber ängstigen Sie sich nur nicht so . Sie thun ja gerade , als ob er das Recht hätte , Ihnen was zu thun ? Gar kein Recht hat er . Berappen soll er und sich was schämen . « Ehe Frau Korn Gerhart eine Nachricht zukommen liess , wollte sie jedenfalls auf Lottes Wunsch zu Lena gehen , die Anfang Oktober aus Heringsdorf zurückgekommen war . Lotte wusste zwar nicht , wie Lena das Geschehene aufnehmen wurde , aber lieber wollte sie ihren Unwillen und schlimmeres vielleicht ertragen , als das Ereignis vor ihr verschweigen . Dazu stand ihr die Schwester trotz alledem doch zu nahe , als dass sie sich hätte vorstellen können , dass sie ein Kindchen hätte haben sollen , ohne dass Lena darum wusste . Frau Korn und Lena würden sich auch ganz gut verstehen , davon war Lotte überzeugt . Sie hatte zwar recht wenig Menschenkenntnis , aber dass beide auf einem gesunden , realistischen Boden standen , leuchtete ihr doch ein . Immer mehr drängte auch ihre ganze äussere Lage dazu , Lena ins Vertrauen zu ziehen . Lottes Mittel waren nicht nur erschöpft , sondern Frau Korn hatte schon von dem Ihren zuschiessen müssen . Es war höchste Zeit , dass sie selbst wieder an die Arbeit kam . Was sollte sonst aus dem Würmchen werden ? Frau Auguste wollte von alledem nichts hören . » Erst gesund werden und wieder zu Kräften kommen . Das andere findet sich nachher « , predigte sie tagaus , tagein , und schnitt , wo immer sie konnte , der Kranken die Rede ab . Sie hatte einen Höllenrespekt davor , dass das arme Ding nun , da sie anfing , sich ein bischen zu erholen und aus ihrer stumpfen Gleichgültigkeit zu erwachen , aufs neue in einen ihrer wilden Verzweiflungsausbrüche darüber verfallen würde , dass das gefürchtete nun doch eingetreten war , ehe sie die Frau des Schwarzkopfs geworden . Zu Frau Korns grosser Erleichterung blieb Lotte , soviel sie sich auch um ihre und des Kindes nächste Zukunft sorgte , auf diesem Kardinalpunkt ganz ruhig . Das heisst , sie brachte nicht ein einziges Mal die Rede darauf . Frau Korn zerbrach sich den schwerfälligen Kopf darüber , was diese unnatürliche Gefasstheit zu bedeuten haben könne . Hatte Lotte verzichtet und sich darein gefunden ? Die brave Frau hätte Gott dafür gedankt , denn es wäre in ihren Augen das einzig Verständige gewesen . Aber sie konnte nicht recht daran glauben . Es sah ihrem Schützling so wenig ähnlich . In Wahrheit stand es so , dass Lotte nun , da das Kind einmal vor der Ehe zur Welt gekommen war , Selbsterhaltungstrieb genug besass , sich ungefähr zu sagen : » Es ist nun doch einmal geschehen . Du kannst Dir Zeit lassen , ehe Du von neuem einen Kampf beginnst , dem Du jetzt noch nicht gewachsen bist . « Es war vielleicht mehr Mutterinstinkt als Ueberzeugung , dass Lotte so empfand . Sie fühlte , dass sie sich für das Kind erhalten musste , das vorerst nichts wie sie auf der Welt besass . Das gab den Ausschlag . Damit waren auch die Todesgedanken verbannt , mit denen sie sich in letzter Zeit getragen hatte . Die Schande war nun einmal über sie gekommen . Würde die Sünde , die sie begangen , dadurch gut gemacht werden , dass sie den Platz freiwillig verliess , an den sie gestellt worden war ? Der liebe Gott hatte es sichtbarlich gut mit ihr gemeint und war ihrer Schwachheit zu Hilfe gekommen . Wäre das Kindchen nicht so unerwartet früh zur Welt gekommen , hätte sie vorher gewusst , dass ihre schwere Stunde so nahe bevorstehe , sie hätte schwerlich die Kraft gehabt , einer Verzweiflungsthat aus dem Wege zu gehen . Zehn Tage nach der Geburt der kleinen Luise machte Frau Korn sich zu Lena auf den Weg . Vor der resoluten Art der Schlossersfrau hatte das lockengebrannte Ladenmädchen jedenfalls bedeutend mehr Respekt als vor Lottes vornehm zurückhaltendem Wesen . Ohne die geringsten Umstände und Nebenbemerkungen meldete sie Frau Korn der Prinzipalin , trotzdem diese gerade Besuch hatte . Bornstein und Kurt waren anwesend . Sie hatten , wie jetzt öfter , bei Lena gespeist . Rauchend und plaudernd sass man noch im Esszimmer zusammen , als Lena hörte , dass jemand da sei , der sie im Auftrag ihrer Schwester zu sprechen wünsche . Sie schickte ohne Umstände die Herren in das türkische Boudoir und liess Frau Korn zu sich bitten . Ueber die Freude , die hübsche Person mit den lustigen Augen wiederzusehen , die sie oben auf der Treppe zu Lottes Wohnung so sehr bewundert hatte , vergass Frau Korn für ein paar Augenblicke , dass sie hierhergekommen sei , um einen zum mindesten sehr delikaten Auftrag auszurichten . Als sie sich aber wieder darauf besonnen hatte , machte die entschlossene Frau keine lange Vorrede mehr , sondern fiel so zu sagen mit der Thür ins Haus . Lena war bei der plötzlichen Eröffnung glutrot und so verlegen geworden , wie sie es selbst nicht für möglich gehalten hatte . » Um Gotteswillen , liebe Frau « , stotterte sie , » was Sie da sagen , das ist ja doch ganz unmöglich - Lotte - die ruhige prüde Lotte - ? Unmöglich ! « Frau Korn schüttelte gutmütig den grossen Kopf mit der altmodischen Frisur und dem noch altmodischeren