. « » Hältst du diese Vorsichtsmaßregel heut für notwendig , Halef ? « » Vorsicht ist stets notwendig ; das mußt du dir merken , Effendi . Selbst dann , wenn gar keine Veranlassung dazu vorzuliegen scheint , ist Vorsicht immer besser als Unvorsichtigkeit . Besonders auf einer Reise , wie die unserige ist , kann man nie wissen , was die nächste Minute bringen wird . « Wir hatten einen Augenblick angehalten ; unser Trupp war beisammen , und so konnten alle diese seine Worte hören . Es machte ihn nicht wenig stolz , jetzt einmal Prediger der Bedachtsamkeit sein zu können , und so fuhr er in belehrendem und sehr nachdrücklichem Tone fort : » Die Tapferkeit ist die erste und vorzüglichste Eigenschaft , welche ein Krieger besitzen muß ; gleich nach ihr aber ist die Vorsicht nötig . Ein nur tapferer Mann kann sehr leicht tollkühn werden , und ein nur vorsichtiger kommt leicht in die Gefahr , daß man ihn der Feigheit zeiht . Ist aber die Tapferkeit mit der Vorsicht gepaart , so können Unbesonnenheiten ebenso wenig wie Bezweifelungen des Mutes vorkommen . Die Tapferkeit ist nur im Kampfe , die Vorsicht aber zu jeder Zeit und an allen Orten nötig , zum Beispiel jetzt und hier . Wir wissen , daß die wenigen Mekkaner nach dem Bir Hilu geritten sind und daß der ihnen vierfach überlegene Basch Nazyr ihnen nachgeritten ist ; wir sind überzeugt , daß sie vollständig ohnmächtig gegen ihn sind und noch weniger uns zu schaden vermögen ; darum könnten wir den geraden Weg nach dem Brunnen getrost beibehalten . Ich schlage aber trotzdem vor , dies nicht zu thun , denn ich habe bereits gesagt , daß man auf einem solchen Ritte niemals weiß , was der nächste Augenblick bringen wird . Es können ja schon andere Leute am Brunnen gewesen sein , in welchem Falle sich das Zusammentreffen des Persers mit dem Liebling des Großscherifs gewiß ganz anders abgespielt hätte , als wir bisher angenommen haben . Wir müssen also vorsichtig sein und , ehe wir uns am Brunnen zeigen , zunächst zu erfahren suchen , wie es dort steht . Darum werden wir nicht direkt hinreiten , sondern uns ihm von einer andern Seite vorsichtig nähern . Sehen wir dann ein , daß dies nicht nötig gewesen wäre , so ist das um so besser ; wir haben für den Verlust einer Viertelstunde das Bewußtsein eingetauscht , vorsichtig und also klug und weise gewesen zu sein . Nach welcher Seite reiten wir ab , rechts oder links , Sihdi ? « » Der Führer kennt die Gegend ; also mag er entscheiden , « antwortete ich . Der Ben Harb hielt es für geraten , den Umweg nach Osten zu machen , weil es dort die größere Anzahl hoher Felsen gab und wir also mehr Deckung hatten , als auf dem westlichen Bogen . Es zeigte sich dann , daß diese Wahl die richtige gewesen war , und daß wir allerdings sehr wohlgethan hatten , vorsichtig zu sein . Wir ritten südöstlich , teils über offene Flächen , teils an wie senkrecht aus dem Boden emporgetriebenen Felsengruppen vorbei , bis der Führer annahm , daß der Brunnen nun fast westlich von uns liege . Eben wollten wir in diese Richtung einbiegen , nachdem wir eine wirre Steinaufhäufung passiert hatten , als der uns jetzt voranreitende Ben Harb sein Pferd wendete und uns aufforderte : » Zurück , schnell hinter die Felsen ! Es kommen Reiter ! « » Wie viele ? « fragte Halef , als wir diesem Rufe Folge geleistet hatten und nun von den Nahenden nicht gesehen werden konnten . » Es sind nur drei , « lautete die Antwort . » So brauchen wir uns doch nicht zu fürchten . Warum hältst du uns also zurück ? « » Weil du von der Vorsicht gesprochen hast . « » Drei Personen , und wir sind über fünfzig , da brauchen wir doch nicht vorsichtig zu sein ! « » Es handelt sich nicht um die Zahl der Personen , « warf ich ein . » Woher kommen sie ? « » Aus Westen , « belehrte mich der Führer . » Also vom Brunnen . Gehören sie zu den Leuten des Persers ? « » Nein , Soldaten sind sie nicht . « » So haben wir allerdings Grund , zurückhaltend zu sein . Wie nahe sind sie uns ? « » Nur zwei Minuten , dann sind sie da . « » Wir drei reiten ihnen entgegen , du , Hadschi Halef und ich . Die andern bleiben hier und folgen uns nur dann , wenn sie schießen hören . Ihre Fragen beantwortest du . Sag , was du willst , nur nicht , was wir sind , woher wir kommen und wohin wir wollen . Vorwärts ! « Wir bogen um die Steine und sahen die Reiter in einer Entfernung von vielleicht zweihundert Metern vor uns . Sie stutzten ; wir ahmten das nach ; dann ritten wir gegenseitig in sehr langsamem Schritte aufeinander zu . Da sagte der Führer im Tone der Ueberraschung : » Maschallah ! Den langen Bedawi92 in der Mitte kenne ich . Es ist Tawil , der Scheik der Beni Khalid . « » Kennt er dich ? « fragte ich . » Nein . Ich habe ihn nur einmal gesehen , er mich aber nicht . « » Wie ist sein Charakter ? « » Roh , grausam , rachsüchtig , aber ohne Falsch ; er ist stolz darauf , nie eine Lüge zu sagen . « » So werden wir bald mit ihm fertig sein ! « » Denke das nicht , sondern nimm dich in acht , Sihdi ! Er ist jedenfalls nicht allein in dieser Gegend . Furcht kennt er nicht . Er ist ehrlich wie der Löwe , welcher durch sein Brüllen anzeigt , daß er kommt ; aber gleich nach dem Donner seiner Stimme folgt der tödliche Sprung ! « Zu weiteren Worten war keine Zeit , denn wir waren dem Beni Khalid jetzt so nahe gekommen , daß die Begrüßung vor sich gehen mußte , nur fragte es sich , wer damit beginnen sollte , sie oder wir . Ich fand nur noch Zeit , dem Führer zu sagen , daß nicht er das erste Sallam sagen möge , da hielten die drei Reiter auch schon ihre Pferde vor uns an . Der mittlere von ihnen , also Scheik Tawil , war , ganz seinem Namen gemäß , welcher » groß von Gestalt « bedeutet , ein außerordentlich lang gewachsener Mann mit einem sonnverbrannten Gesichte , dessen Züge allerdings nichts weniger als Liebenswürdigkeit verrieten . Er erwartete sichtlich , daß wir zuerst grüßen würden , und als wir das nicht thaten , ließ er seinen Blick zornig lodernd über uns gleiten und fuhr uns streng an : » Nun ? Habt ihr keine Mäuler ? Oder wißt ihr , trotzdem ihr erwachsene Männer seid , noch nicht , daß man ein Sallam zu sagen hat , wenn man sich begegnet ? « Ich sah meinem kleinen Halef an , daß es ihm Anstrengung verursachte , auf diese Anrede still zu sein . Doch machte unser Ben Harb seine Sache auch nicht ganz übel , indem er antwortete : » Zu jeder Begegnung gehören zwei . Sag deine Worte also nicht bloß zu uns , sondern auch zu dir , zu euch ! « » Allah lasse dich an deiner Rede ersticken ! Nur Narren sprechen mit sich selbst . Ich verlange den Gruß von euch . Wollt ihr es wagen , uns durch die Verweigerung zu beleidigen , so bedenkt die Folgen ! « » Auch dazu gehören zwei ! Warten wir also ab , wen die Folgen treffen werden , uns oder euch ! « Tawil fuhr mit seiner Hand drohend nach dem Gürtel , aus welchem der Griff eines Messers und der sonderbar gestaltete Knauf einer alten Pistole hervorragten , besann sich aber eines andern und wendete sich in verächtlichem Tone an seine Begleiter : » Diese Menschen scheinen von Allah ganz verlassen zu sein oder aus einer Gegend zu kommen , wo die Grobheit für Höflichkeit gehalten wird ; ihre Unwissenheit kann uns also nicht beleidigen , sondern nur erbarmen . Haben wir also Mitleid mit ihnen ! « Hierauf richtete er seine Worte wieder an den Ben Harb : » Ich bin Tawil Ben Schahid , der berühmte Scheik der Beni Khalid , deren Zahl ohne Ende ist . Meine Macht reicht über die ganze Wüste und alle ihre Grenzen , und kein Feind kann sagen , daß er den Sieg über mich gewonnen habe . Nun ich in meiner Güte euch dieses mitgeteilt habe , wirst du mir wohl sagen , wer ihr seid . So viel wenigstens hast du doch gelernt , daß sich dies schickt und gehört ? « » Ich habe gelernt , höflich gegen Höfliche zu sein und mich überhaupt gegen andere genau so zu verhalten , wie sie sich gegen mich benehmen . Also werde ich , nachdem du uns gesagt hast , wer du bist , deine Wißbegierde auch befriedigen . Wir gehören zum Stamme der Beni Arab Solaib und kommen also aus der Dschesireh . « Es muß bemerkt werden , daß die Solaib-Beduinen infolge abgeschlossener Verträge niemals von andern Stämmen angegriffen werden , dafür aber natürlich verpflichtet sind , sich stets friedlich zu verhalten . Sie stehen deshalb nicht im Rufe der Tapferkeit , und so brauchte ich mich jetzt nicht darüber zu wundern , daß Tawil die Brauen hochzog und mit geringschätzigem Lächeln erwiderte : » Solaib , ah , Solaib ! Damit ist eure Dummheit allerdings vollständig erklärt ! Ich kenne euch . Hundert Männer eures Stammes ergeben , obgleich ihr ganz gut bewaffnet zu sein scheint , noch nicht einmal den tausendsten Teil eines Kriegers . Ihr genießt auf Grund eurer Feigheit die Nachsicht aller Stämme und sollt also auch die unserige haben . Wo wollt ihr hin ? « » Wir sind nach Schakra abgeschickt , um einige Zuchtkamele zu kaufen . « » So habt ihr Geld bei euch ? « » Ja , natürlich ! « Es ging ein freudiges Aufleuchten , welches sich auf dieses Geld bezog , über sein Gesicht , und daß er sich nicht scheute , dies und den bezeichnenden Blick , den er dabei seinen Gefährten zuwarf , sehen zu lassen , war ein Beweis , daß er uns wirklich für ganz harmlose , ungefährliche Menschen hielt , gegen die es nicht einmal nötig war , seine Absichten zu verbergen . Sein Plan , zu unserm Gelde zu kommen , schien auch sofort fertig zu sein , denn er sprach : » Wenn ihr von hier nach Schakra wollt , so müßt ihr durch das Gebiet der Beni Lam , mit denen wir in Fehde liegen . Sie dürfen es nicht erfahren , wo ich mich jetzt befinde , und da alle Solaib-Araber alte , schwatzhafte Weiber sind , so werden wir euch bei uns zurückhalten , bis unser Streit mit den Beni Lam ausgeglichen ist . « Unser Führer war so klug , diese Ankündigung der Gewalttätigkeit vollständig zu übergehen und anstatt einer Weigerung die unbefangene Frage auszusprechen : » Wir wollen nach dem Bir Hilu . Befinden wir uns auf dem richtigen Weg dorthin ? « » Ja ; aber ihr werdet einstweilen auf ihn verzichten und jetzt mit uns reiten . « » Wohin ? « » Auf Kundschaft . « » Warum ? Gegen wen ? Kundschafterritte pflegen gefährlich zu sein ! « » Da ist ja schon die Angst ! « lachte er . » Man erkennt sofort den Solaib an deiner Furcht . Aber grad weil ihr zu diesem Stamme gehört , kann ich euch ohne Befürchtung sagen , was ihr in einiger Zeit doch erfahren würdet . Ich lag mit einer großen Schar von Kriegern am Bir Hilu , um uns mit Wasser für den Zug gegen die Beni Lam zu versehen ; da kamen Bekannte von uns , Männer aus Mekka , welche wir gastlich ausnahmen . Ihnen folgten Soldaten des Sultans . Die bezahlten Kriegssklaven des Großherrn werden nie bei uns geduldet , und diese machten sich außerdem des Verbrechens schuldig , unsere mekkanischen Freunde dadurch tödlich zu beleidigen , daß sie sie des Diebstahles beschuldigten . Sie wurden also festgenommen und entwaffnet . Nun kommen aber noch andere Leute , eine Schar von fünfzig Männern . Sie sind Haddedihn vom Stamme der Schammar , mit dem wir auch im Kampfe liegen , obgleich wir eigentlich mit ihm verwandt sind . Schon aus diesem Grunde müßten wir uns dieser Haddedihn bemächtigen ; aber es kommt als weitere Veranlassung noch dazu , daß auch sie sich gegen die Mekkaner in einer Weise benommen haben , welche streng bestraft werden muß . Da sie sich uns nicht ohne Gegenwehr ergeben würden , habe ich einen listigen Plan ersonnen . Sie sollen glauben , ganz allein am Brunnen zu sein und darum von den gebotenen Vorsichtsmaßregeln absehen ; dann fallen wir über sie her . Wir haben uns also so weit vom Brunnen zurückgezogen , daß sie uns nicht bemerken können ; wenn sie dann sorglos lagern , kehren wir zurück . « » Werden sie nicht eure Spuren sehen ? « » Die haben wir ausgelöscht . « » Aber wenn ihr eine so große Schar seid , werdet ihr das Wasser des Bir so weit verbraucht haben , daß dieser Umstand ihnen auffallen muß ! « » Auffallen ? Diesen Haddedihn , denen Allah wohl Köpfe , aber kein Gehirn hinein gab ? Diesen Menschen würde selbst im Traume nicht der Gedanke kommen , daß ein ausgeschöpfter Brunnen auf Leute deutet , von denen er geleert worden ist ! Sie wohnen zwischen den Flüssen und verstehen von dem Leben der Wüste grad so viel , wie der Wasserfrosch von den Eigenschaften eines Vollblutpferdes versteht ! Wir drei sind jetzt auf einem Umwege von dem Bir fortgeritten , ihnen entgegen , um von weitem zu beobachten , was sie thun und wie sie sich verhalten werden . Ihr kommt mit ! Es ist keine Gefahr dabei , denn wir haben uns von ihnen fernzuhalten , weil sie uns nicht sehen dürfen . Ihr habt also keine Veranlassung , euch zu ängstigen . « » Aber auch keine , mitzureiten . Wir wollen nach dem Bir Hilu ; an andern Orten haben wir nichts zu suchen . « » Aber wir ! Und da ich euch ohne uns nicht nach dem Brunnen lassen darf , so reitet ihr mit uns . Ich wiederhole , daß eure Furcht , uns zu begleiten , ganz unbegründet ist ; es wird euch nichts , gar nichts geschehen . Die Haddedihn sind ja als Feiglinge bekannt , und von ihrem Anführer , welcher Hadschi Halef Omar heißt und mit bei diesen fünfzig ist , weiß man allüberall , daß er , wenn es einen Kampf giebt , gleich beim ersten Schusse auszureißen pflegt . Er ist eine Memme sondergleichen , von der ihr nicht die geringste Gefahr für euch erwarten dürft . « Da fuhr Halef mit der rechten Hand nach dem Griffe seiner Peitsche und öffnete schon den Mund , um zornig loszuplatzen ; ich warf ihm schnell das Wort » Kutub ! « zweimal zu , und er war zum Glücke so klug , infolge der Bedeutung desselben seinen Grimm zu bemeistern und zu schweigen . Für mich aber war die Zeit gekommen , an dem Gespräche teilzunehmen . Die Aufrichtigkeit des Scheikes der Beni Khalid war zwar ein Zeichen seiner Geringschätzung , ein Beweis , daß er uns für vollständig geistig arme Menschen hielt , sie konnte uns aber nicht beleidigen , sondern mußte von uns ausgenutzt werden , und dazu besaß unser Führer nicht die nötige Einsicht und Selbständigkeit , da er nicht wissen konnte , was Halef und ich erfahren wollten und wie dann unsere Entschlüsse ausfallen würden . Darum richtete ich an Tawil die Frage : » Du bist also wirklich überzeugt , daß es uns nichts schaden wird , wenn wir jetzt mit euch reiten ? « Er ließ seinen Blick langsam und mit dem Ausdrucke unendlicher Verachtung an mir niedergleiten und antwortete : » Ich kann dir versichern , daß eure teuren Körper nicht verletzt und eure schönen , reinlichen Anzüge nicht beschmutzt werden . Ihr werdet genau so heil und sauber bleiben , wie ihr jetzt seid ! « » Später aber wirst du uns zum Brunnen lassen ? « » Ja , sofort , nachdem wir mit den Haddedihn fertig geworden sind ; jetzt aber darf niemand hin . « » Sind denn eure Mekkaner nicht dort geblieben ? « » Nein , die sind auch bei uns . « » Und die Soldaten ? « » Die haben wir natürlich auch mit fortgenommen . Sie sind , um uns die Bewachung zu erleichtern , in eine Seitenschlucht gesperrt worden , deren Steinwände so hoch sind , daß man sie nicht erklettern kann ; vorn können sie auch nicht heraus , weil da ein Posten von uns steht . Ich sage das zu deiner Beruhigung , um euch zu überzeugen , daß auch diese Leute euch nichts thun können ! « » Hatten diese Soldaten denn keinen Offizier bei sich , der sie kommandierte ? Ich denke nämlich , daß es euch bei der geübten Umsicht eines solchen Vorgesetzten wohl nicht so leicht geworden wäre , sie an euch zu locken und dann zwischen Felsen einzusperren . « » Offizier ! Geübte Umsicht ! « lachte er , und seine beiden Begleiter stimmten in das Gelächter ein . » Du bist ein Solaib , und darum hat man dir diese Dummheit zu verzeihen ! Du scheinst noch nicht dabei gewesen zu sein , wenn Soldaten exerzieren . Sie drehen sich nach rechts ; sie drehen sich nach links ; sie drehen sich ganz um ; sie laufen bald vorwärts , bald schief , bald rückwärts ; sie thun das Gewehr ganz herunter ; sie nehmen es bis zur Brust empor ; sie werfen es auf die Achsel ; sie heben das rechte Bein und bleiben auf dem linken stehen ; sie heben das linke Bein und bleiben auf dem rechten stehen ; sie bücken sich nieder ; sie springen wieder auf ; sie rennen auseinander und laufen dann wieder zusammen ; sie legen die Finger an die Stirn ; sie drücken die Waden aneinander ; sie pressen die Brust heraus , und das alles thun sie , weil der dabeistehende Offizier diese lächerlichen Verrücktheiten von ihnen verlangt ! Und da meinst du , daß so ein Karagöz93 uns hätte hindern können , das zu thun , was wir gethan haben ? Das kann eben nur ein Solaib denken , der von kriegerischen Angelegenheiten kein Wort , keinen Laut , keinen Hauch versteht ! Aber es war kein Offizier bei ihnen , sondern ein verdammter Schiit , den Allah verurteilt hat , im tiefsten Pfuhle der Hölle zu wohnen . Dieser Schurke war so frech gewesen , unsern Mekkaner Freunden zu folgen , um sie zu beschimpfen und als Diebe , als Räuber zu bezeichnen . Er wagte es sogar , dies in unserer Gegenwart zu thun und uns zuzumuten , sie ihm auszuliefern . Als wir uns weigerten , einen solchen Befehl von ihm anzunehmen , und gar auch auszuführen , besudelte er uns mit Vorwürfen und Beleidigungen , auf welche wir nur mit dem Tode dieses Mißgläubigen antworten konnten . « » Er lebt also nicht mehr ? « fragte ich , indem ich mir Mühe gab , den Eindruck zu verbergen , den diese Mitteilung auf mich machte . » Jetzt ist er noch nicht tot , wird es aber morgen früh , wenn wir den Brunnen verlassen , gewißlich sein . Als wir mit unsern Mekkaner Freunden über ihn zu Gerichte saßen , wurde er zur Faßada94 verurteilt . Wäre er ein Christ , ein Jude oder sonst ein Heide gewesen , so hätten wir ihn ohne Gnade erschossen , aber da er zwar ein mißgläubiger Schiit , aber doch ein Moslem ist , haben wir ihm nur einige kleine Adern geöffnet , welche bis morgen zum Tagesanbruche auslaufen werden . So bleibt ihm also Zeit , seine Rechnung mit Allah und dem Engel des Todes in Ordnung zu bringen . Habt ihr schon einmal von der Strafe der Faßada gehört ? « » Ja . Es giebt Stämme , bei denen sie aus demselben Grunde angewendet wird , den du soeben bezeichnet hast : Der Tod ist bei ihr unvermeidlich , doch bietet die Langsamkeit des Sterbens dem Verurteilten die notwendige Zeit , sich auf den Schritt in das Jenseits vorzubereiten . Welche Ader habt ihr ihm geöffnet ? « » Zunächst nur zwei Fingerschlagadern ; das ist für jetzt genug . « » Die Soldaten , bei denen er liegt , werden aber die Verblutung dadurch zu verhindern suchen , daß sie ihn verbinden . « » Das kann wieder nur ein Solaib sagen ! Der Schiit ist ja gar nicht bei ihnen , sondern er liegt bei meinen Kriegern , welche streng darüber wachen , daß der Ausfluß des Blutes ein stetiger bleibt . Er ist so gebunden , daß er sich , und besonders den betreffenden Arm , gar nicht bewegen kann . Wenn ihr euch etwa darüber wundert , daß ich euch das alles so unbedenklich sage , so wiederhole ich , daß ihr es doch in kurzer Zeit erfahren und sogar sehen würdet , weil wir euch jetzt mit uns nehmen und dann nach unserm Lager bringen . « » Werdet ihr das wirklich thun ? Mein Gefährte hat euch ja gesagt , daß wir nach dem Brunnen wollen und diesen Vorsatz auch ausführen werden . « » Was ihr beabsichtigt , das ist uns gleichgültig , denn hier geschieht nur das , was wir wollen ! « » Aber wenn wir uns weigern ? « » So zwingen wir euch ! « » Und wenn wir uns wehren ? « » Wehren ? Lächerlich ! Drei Solaib-Feiglinge gegen uns ! « Er lachte dabei wieder hell auf . » Ihr seid ja auch nur drei ! « warf ich ein . » Das würde gegen zehn , ja gegen hundert von eurer Sorte genügen ! Versucht ja keinen Widerstand , denn ich schwöre euch bei Allah und all sei - - - « Er hielt mitten in der Rede inne und blickte mit dem Ausdrucke des größten Erstaunens an uns vorüber nach der Felsenecke , hinter welcher wir hervorgekommen waren . Als ich mich umdrehte , um zu erfahren , was seine Aufmerksamkeit in dieser Weise und so plötzlich in Anspruch nahm , sah ich die beiden Kamele , welche den großen Tachtirwan95 trugen , auf dessen Kissen Hanneh thronte . Sie waren , wie das bei diesen widerspenstigen Tieren sehr oft vorkommt , aus irgend einem Grunde unruhig geworden und kamen uns nun nach . In für uns erfreulicher Weise war keiner der Haddedihn so unklug , der Sänfte zu folgen . Sie hegten keine Sorge , weder um uns noch um Hanneh , weil sie wußten , daß wir es nur mit drei Personen zu thun hatten , und blieben also hinter ihrer Ecke stecken . Es war für uns köstlich , die erstaunten Gesichter der Beni Khalid zu sehen . » Ein Tachtirwan mit einem Weibe ! « rief Tawil aus . » Zu wem gehört diese Frau ? « » Zu uns , « antwortete ich . » Warum ist sie nicht gleich mitgekommen , sondern zurückgeblieben ? « » Frage sie selbst ! Oder , wenn du das für besser hältst , frag ihre Kamele , die es wahrscheinlich grad so und nicht anders gewollt haben ! « » Erlaube dir keinen solchen Scherz ! « wies er meine Aufforderung zurück . » Fragen , ein Weib fragen ! « Er deutete mit der Hand auf Hanneh , die inzwischen so weit herangekommen war , daß ihre Tiere in ganz geringer Entfernung von uns stehen blieben , und fuhr fort : » Seht diese alte , häßliche Büjüdschih ! 96 So ein Gesicht kann nur die Urahne eines Solaib besitzen ; bei uns dürfte sie sich gar nicht sehen lassen ! Dreht euch auf die Seite , sonst macht sie euch mit ihren triefenden Augen zauberkrank ! « Hanneh hörte diese höhnischen Worte , verhielt sich aber still . Halef war zunächst ebenso still . Wer da weiß , mit welcher fast beispiellosen Liebe er an seiner » herrlichsten Blume der Frauenzelte « hing , und daß er sie für die » Schönste aller Schönen « hielt , der kann sich , aber auch nur annähernd , denken , welchen Eindruck diese Beschimpfung seiner Liebe und seiner Ehre auf ihn machte . So etwas war ihm noch nie vorgekommen . Wenn ich gesagt habe : er war still , so ist das nicht das richtige Wort gewesen , denn er war nicht nur still , sondern starr , geradezu starr . Aber wie ihm eine solche Beleidigung noch nicht vorgekommen war , so hatte der Scheik der Beni Khalid das , was ihm jetzt geschah , jedenfalls auch noch nicht erlebt . Ich glaubte , Halef werde nun mit einer Flut von Schimpfworten gegen ihn losbrechen , sah aber bald , daß dies ein Irrtum von mir war . Der kleine Hadschi sprang , als habe er seine Starrheit mit einem einzigen Rucke überwunden , aus seinem hohen Sattel auf die Erde herab , schnellte zum Kamele Tawils hin , ergriff mit beiden Händen das eine Bein des Reiters und riß ihn mit einer Kraft herunter , über welche sogar ich erstaunte . Im nächsten Augenblicke hatte er seine Peitsche aus dem Gürtel gerissen und schlug nun in einer Weise auf den am Boden Liegenden ein , daß dieser weder aufspringen noch etwas anderes thun als nur durch die vorgehaltenen Vorderarme sein Gesicht gegen die hageldicht fallenden Hiebe schützen konnte . Dabei ließ Halef kein einziges Wort hören ; seine Wut war so groß , daß er sie nicht durch die Zunge auszudrücken , sondern nur mit der Peitsche zu bethätigen vermochte . Desto mehr brüllte der Gezüchtigte . Er rief , nein , er schrie seinen Gefährten zu , ihm zu helfen . Sie wollten das auch thun ; da zog ich den Revolver und gab einen Schuß ab , das verabredete Zeichen für unsere Haddedihn , welche sofort herbeigeeilt kamen und durch ihr unerwartetes Erscheinen die Aufmerksamkeit der zwei darüber bestürzten Beni Khalid so in Anspruch nahmen , daß diese gar nicht daran denken konnten , sich um ihren Scheik zu bekümmern . Sie wurden umringt und von den Kamelen gerissen , wobei man dem Hadschi Platz ließ , seine Züchtigung fortzusetzen , was er auch so lange that , bis er den Arm nicht mehr bewegen konnte . Da warf er die Peitsche von sich , trat zu mir heran und rief , vor Anstrengung atemlos , aber blitzenden Auges und mit noch vor Wut bebender Stimme : » Sihdi , ich bitte dich um Allahs willen , sprich mir jetzt ja nicht darein , sonst platze ich ! Dieses Mal darfst nicht du bestimmen , was geschehen soll , sondern ich bin es , dem man zu gehorchen hat . Dieser Hund hat mein Weib begeifert , meine Hanneh , das schönste , reinste und beste aller Wesen , die auf der Erde wandeln ; er hat ihr nicht nur einen verachteten Namen , sondern auch triefende Augen gegeben , und wenn du mich hinderst , ihm diese Lästerung heimzuzahlen , so schwöre ich dir zu , daß ich die Freundschaft zu dir sofort aus meinem Herzen reiße ! Ich verspreche dir , als Mensch mit ihm zu verfahren ; mehr aber kannst du nicht von mir verlangen ! Bist du einverstanden ? « » Ja , « antwortete ich , » denn ich weiß , daß du nichts thun wirst , was mich zwingen würde , dann meinerseits die Freundschaft zu dir aus dem Herzen zu reißen ! Also abgestiegen , wer noch im Sattel sitzt ! Wir bleiben einstweilen hier ! « Dieser Weisung wurde Folge geleistet . Man half Hanneh und dem Münedschi herab . Dieser letztere war wach und munter ; er wollte wissen , was geschehen sei und noch geschehen werde , mußte sich aber mit einer ganz kurzen Auskunft begnügen . Die Beni Khalid waren gebunden worden . Das Gesicht und die Hände ihres Scheikes zeigte Spur an Spur der ihm gewordenen Züchtigung . Er brüllte in einem fort und rief Allah , den Himmel , Muhammed und alle Kalifen zu Zeugen an , daß er sich fürchterlich und blutig rächen werde , » an den Solaib-Hunden « , wie er sich ausdrückte . Er war also , obgleich Halef ihn doch eines ganz andern belehrt hatte , selbst jetzt noch der Meinung , daß wir feige Angehörige des genannten Stammes seien . Da nahm Halef seine Kurbadsch wieder in die Hand , trat zu ihm hin und drohte : » Schweig , du Sohn aller Hundeväter und Ahne aller Hundesöhne , sonst beginne ich von neuem ! Du sagtest , Allah habe die Haddedihn ohne Hirn geschaffen , wo aber hast du das deinige ? Du weißt , daß Hadschi Halef Omar mit fünfzig Haddedihn kommen werde , und nennst uns noch immer Solaib . Hast du keine Augen ? Zähle uns doch ! Hast du nicht gehört , daß auch die Gebieterin seines Harems sich bei dem Scheik der Haddedihn befindet ? Wo ist dir der Verstand verloren gegangen , der dir doch sagen müßte , daß