, vor dem sie sich geißeln , ist das wohlbekannte Ich , diese Phrase von der Individualität , vor der jetzt alles auf den Knien rutscht . Und wenn ich sage , die Juden sind schuld , so ist es keine gedankenlose Anschuldigung . Nicht jene alten Juden , die noch fromm sind , sie sind entweder ehrwürdig oder komisch ; nein , die sogenannten modernen Juden , die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des Jahrhunderts , sie sind es , die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und geistigen Schärfe ein Pseudochristentum aufrichten mit Gefühlskasteiungen , fleckenloser Liebe und dergleichen . Ich weiß es nur zu gut , es ist ein altes Erbe Ihres Volks . « Nieberding erhob sich zitternd , trat auf Bojesen zu und flüsterte : » Herr - ! « Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg . » Ich habe ihn geliebt , « sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor sich hin . » Weißt du , wozu ich nun geworden bin ? « fragte sie laut und fest . Nieberding , der jetzt am Fenster stand und unbeweglich hinaussah , wandte sich um und sagte : » Jeanette , du hast niemals eine Schätzung gehabt für das edle Gestein und für seltene Menschen . Aber daß du zu solchen Mitteln greifen mußt ! Wie überflüssig und theatralisch ! Seine einleuchtenden Erläuterungen mag sich dieser Herr für den Horsaal sparen . Mag ich sein , was ich will , ein Flagellant oder ein Bacchus , damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt , du hattest gegen meine Gefühle gewisse Pflichten , mehr will ich nicht sagen . Ich trinke das Leben aus den Tiefen , wo andere Leute nur Finsternis gewahren , ich finde Genüsse , wo andere nur Narrheiten sehen , - gut , laß mich so sein . Geh ' jetzt fort und laß mich allein . « Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt . Nun ging sie hin , legte ihren Mund auf den seinen , und so blieben sie minutenlang . » Und nun leb wohl , « sagte Jeanette , » wer weiß , wo wir uns wieder finden . « » Im Kot oder bei den Sternen , « entgegnete Nieberding trübe lächelnd . An der Treppe stand Cornely . » Was war es ? « fragte sie hastig mit einem scheuen Seitenblick auf Bojesen . Jeanette schüttelte den Kopf ; ihre Augen standen voll Tränen , zugleich lächelte sie in einem wunderlichen , frauenhaften Trotz . » Du weißt alles , was geschehen ist , gute Cornely . Du ahnst es . Du weißt , was mein Vater getan hat , daß er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat . Nun sollte ich eigentlich ehrlos sein . Aber ich habe mich losgerissen von meinem Namen und von meiner Familie , und was ihr Niedrigkeit nennt , nenne ich vielleicht Ehre , und was dir Selbstüberwindung ist , ist mir Feigheit und Furcht . Gute Nacht , Liebe . « Bojesen folgte ihr und ihm war , wie wenn er durch die Luft hinschwebte , wie wenn nichts mehr an der Erde wäre , was ihn festhalten könnte . Es schneite . Große Flocken fielen hernieder . Ein friedliches Fallen , ein lautloses Herabgleiten schimmernder Kristalle . Plötzlich sagte Jeanette , indem sie ihre Schritte hemmte : » Wissen Sie , woran ich denke ? An die grünen Dämonen vom siebenten Himmel . So ist die Welt , so sind die Menschen ; ein zielloses Hin-und Hergleiten , man fürchtet , jeder könne den Hals brechen und jeder wird doch wieder durch den andern getragen und beschützt . Und dann , was ich nicht so recht ausdrücken kann : dies Spielen auf die Wirkung oder so ... « » Ja , eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol , und wir können nichts anderes tun , als alles , was uns zustößt , symbolisch zu betrachten . Darum sind auch die Dichter am größten , die das Leben möglichst vereinfachen . « Wieder entstand ein Schweigen . » Ach , die Dichter , « sagte Jeanette dann nachdenklich und traurig . » Sehn Sie , ich habe so viele kennen gelernt von den berühmten , denn ich war mit meinem Vater in Berlin und mein Vater war versessen auf die berühmten Leute . Da Hab ich Dichter kennen gelernt und manchen , bei dem mir vorher das Herz geklopft hat . Aber wie schrecklich bin ich immer enttäuscht worden ! Ich habe mich immer gefragt : du lieber Gott , wie konnten die Leute das oder das schreiben ! In den Büchern so große Gefühle , ein so kompliziertes Leben , und als Menschen genau wie andere Menschen und so leicht durchschaubar , so eitel , so abgemessen , so sparsam mit ihrem Herzen , so vorsichtig mit ihren Worten . Ehrfurcht will ich haben vor einem Dichter , ob er nun jung oder alt ist , Ehrfurcht will ich haben . « Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen . » Sie wundern sich vielleicht über mich , « fuhr sie fort und schlug den Mantel fröstelnd zusammen . » Ich auch . Ich habe stets geglaubt , wahnsinnig zu werden bei dem Gedanken an das Gewöhnliche . Nur nicht gewöhnlich werden ! nur nicht irgendwo unten stecken bleiben ! Nur nicht immer Anläufe nehmen und dann beschämt zugestehen , daß man zu viel gewollt hat . Nur fort , fort , von Ziel zu Ziel , selbst um den Preis der Ruhe , der Ehre , der Gesundheit , des Lebens ! Auch ich will ein Symbol sein . « Bojesen sah sie lächeln . Er fragte , ob sie nicht seinen Arm nehmen wolle und wo er sie hinführen solle . Sie nahm den Arm . » Wohin ? Ach , irgend wohin . Sagen Sie , Bojesen , sind Sie nicht ein wenig Dichter ? « » Ich ? Nein , ganz und gar nicht . Ich bin ein Mann der Wissenschaft . « » Wie pedantisch ! Kann man dabei nicht auch Dichter sein ? Ist nicht jeder ein Dichter , der eine Empfindung in sich zur Gestalt machen kann ? « Sie waren an einer Allee , beschneite Bäume und beschneite Wege blickten ihnen entgegen . An einem zerstörten Staket lagen Steine , Mörtelbehälter , Schaufeln , aufgeschichtete Ziegel und dahinter stand ein unfertiger Bau mit schwarzen Fensterhöhlen . Nur im Erdgeschoß brannte ein Trockenofen und düstere Röte strahlte durch die Fensterscheiben , fiel auf die blätterlosen Sträucher und Baume bis über die Straße . Die beiden gingen an den Fenstern vorbei , schauten zufällig hinein und sahen vier Knaben um den Glühofen kauern und mit den geröteten Gesichtern emporschauen zu einem jungen Menschen , der mit dem Rücken gegen das Fenster stand und zu ihnen redete . » Agathon Geyer ! « flüsterte Bojesen erschrocken und auch Jeanette war aufs höchste erstaunt . Bojesen hatte ihn sofort erkannt an Gestalt und Bewegung . Als Agathon ein wenig seitwärts trat , konnten sie beide sein Profil sehen ; gedankenvoll und entschlossen sah er ins Feuer . Die Knaben schienen Agathons Worte zu trinken , und es lag etwas Gläubiges und Ergebenes in ihren Gesichtern ; der Älteste , der etwa sechzehn Jahr alt war , trug die Kappe der Waisenhauszöglinge . » Wir wollen gehen , « sagte Bojesen leise , » es ist kalt . « Jeanette riß sich los und sagte im Weitergehen langsam : » Es ist etwas Außerordentliches in ihm . « » Sie kennen ihn ? « fragte Bojesen betroffen . Jeanette nickte . Eine Viertelstunde darauf standen sie wieder vor dem siebenten Himmel . Jeanette schaute hilflos umher und schien nachzusinnen . In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Pelz vermummte Gestalt vorüber . Nur die Augen waren sichtbar , die boshaft funkelnd denen Bojesens begegneten . Bojesen kannte diese Augen und wußte , was er von der Begegnung zu halten habe . Er lächelte ergeben . Sie traten ein . Barbin schlief auf dem Villard ; die jungen Männer in Trikot schliefen auf dem Podium , Liebespaare saßen flüsternd oder stumfsinnig in finstern Ecken , der Glühende allem war noch wach . Er hockte an der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen , die Stirn nachlässig in die gerundete Hand gestützt , den Blick mit stillem Triumph in die Ferne sendend . Eine Schnapsflasche stand vor ihm auf dem Boden . » Was sinnst du , Liebling der Götter ? « fragte Jeanette , seine Schulter leicht mit den Fingern berührend , und jener deklamierte : » Wenn ich doch auf einem Felsen stünde , weit im Meer , und erlöst von meinen Träumen wär ' ! « Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu spielen . Jeanette erhob sich , faßte den Rock mit den Fingerspitzen beider Hände und tanzte : lächelnd , berückend . Bojesen stand auf , ging hinab vom Podium in die Dämmerung des übrigen Raumes und stellte sich unter die Schläfer . In ihm erwachte eine heiße Leidenschaft und das Menuett , wie er es jetzt vernahm , fast wie hinter Mauern , hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen . Er glaubte kaum , daß ihn mit solchen Gefühlen der Erdboden würde tragen können , so schwer war seine Seele von ihnen . Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich stehen . Sie blickte ihn verträumt und selbstvergessen an ; ihre Augen waren jetzt von einem dunklen , undurchdringlichen Grün , und die roten Lippen gaben dem überaus bleichen Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt . Langsam nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn fort , hinaus in den finstern Gang und weiter . Zehntes Kapitel Die strahlende Mittagssonne leuchtete , als Agathon von der Höhe herabstieg ins Dorf . Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im Schnee , spärlich behangen mit braunroten Blättern . Weithin leuchtete die Schneedecke und bisweilen lag ein dunkles , mürbes Blatt gleich einem großen Blutstropfen darauf . Als Agathon durchs Dorf ging , grüßten ihn viele Leute mit scheuem Gruß . Rasch hatte sich die Kunde verbreitet , daß Frau Jette durch seine wunderbare Berührung gesundet war , und alle suchten in seinem Gesicht , an seinem Wesen nach einem äußeren Zeichen der inneren Kraft . Er fühlte sich Herr über diese Kraft , gehoben und emporgetragen ; alles was rein in ihm war , hatte sich mit diesen Gefühlen vereinigt , und alles Düstere und Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie verbrauchtes Gewand . Er hatte ein altes Buch aufgefunden und darin die Geschichte des Sabbatai Zewi entdeckt . Mit durstigen Augen las er sie . Wie wußte er gut zu scheiden unter dem Wahren und Erlogenen , dem Phantastischen und Tiefsinnigen ! Wie sah er durch die Person des falschen Propheten in die Seele der Menschen , die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen , nicht der beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters , sondern dem prunk- und goldstrotzenden Worthelden , dem Halboffenbarer , dem , der mit ihrer Begeisterung spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet . Aber noch fehlte all diesen Dingen der tiefere Bezug auf sein eigenes Tun , und er fand sich in der Welt mit einer Binde vor den Augen , des gütigen Lösers harrend . Es war nichts von Prophetentum oder Prophetenwollen in ihm . Das reiche innere Leben verlieh seinen Zügen etwas Leuchtendes , doch er fand sich klein neben einem geträumten Bilde von sich selbst . Mehr als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern : nackte Frauen , die ihn neckten , die ihn zu sich zogen , ihn umarmten , ihn verlachten . Wie oft sprang er auf vom Bett und trat aus Fenster , um durch die Kälte sein Blut zur Ruhe zu bringen . Wie oft schaute er bittend in den schwarzen Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete , daß das Gewölbe sich zu einer freundlichen Vision öffne . Dann suchte er seine Gedanken abzulenken , dachte an die große Welt und an die Buntheit der Ereignisse in ihr , die nur wie ferner Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben , das er lebte . Es gab zwei Wesen im Hause , die ihn oft und viel beschäftigten . Das eine war Frau Hellmut , das andere Sema . Jene hatte das Schreckhafte , das sie anfangs für ihn gehabt , verloren . Doch ihre ganze Art hatte etwas von einem Irrlicht . Ruhelos , beständig redend , beständig geschäftig ging sie umher , obwohl schon lange nichts mehr für sie zu tun war , obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch kein Geld dazu dagewesen wäre . Bevor sie nicht zu anderen Leuten gerufen wurde , lebte sie hier billig und » ein Maul mehr macht den Tisch nicht leer « , sagte Gedalja . Ost saß sie dann wieder und sprach kein Wort ; ihre Augen quollen unter den entzündeten Lidern hervor , sie lächelte in wahnsinniger Weise vor sich hin , nickte und atmete wie beglückt tief auf . Agathon pflegte sie bei solchen Gelegenheiten genau anzublicken , und es wollte ihm scheinen , als ob diese Frau einmal sehr schön gewesen wäre : vielleicht nur einen Tag lang schön , in der Seele und am Körper , um sich dann wegzuwerfen für eine vorüberrauschende Stunde . So dachte er oft über die Menschen , indem er sie in der Vergangenheit wirken , oder in einer bestimmten , von ihm selbst erfundenen Situation handeln sah . Mit Sema wußte er nichts anzufangen . Voll ängstlicher Fürsorge achtete der Knabe auf alles , was Agathon tat , suchte ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen , schleppte einen Stuhl herbei , wenn Agathon stand , brachte ihm den Löffel , der bei der Suppe fehlte , schlich in eine Ecke , um zu weinen , wenn ihm jener etwas abschlug , und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agathons Abwesenheit ernstlich über seinen Lebensberuf Rat hielten , hörte Sema zu und fing auf einmal an zu schluchzen . Es war mehr als eifersüchtige Verliebtheit in ihm , es war Anbetung , ein Sichverlieren und Sichauflösen , der Wunsch , nichts zu sein vor dem vergötterten Freund . Einmal wanderten beide von der Stadt nach Hause , als sie einem der Waisenhauszöglinge begegneten , einem etwas verwachsenen Knaben mit äußerst abgehärmtem Gesicht . Er blieb eine Weile bei Sema und Agathon stehen , betrug sich aber sehr einsilbig und schrak ein paarmal grundlos zusammen . Später erzählte Sema , daß dieser Knabe oft gezüchtigt werde , weil er die Gebete nicht auswendig behalten könne ; dabei erfuhr Agathon erst , daß Sema einige Wochen im Waisenhaus zugebracht habe und daß es ihm dort schlimm ergangen sei . » Sind viele Knaben dort ? « fragte Agathon . » Vielleicht dreißig . « » Und sehen alle so unglücklich aus wie der , den du eben gesprochen hast ? « » Fast alle . « » Werden sie denn hart bestraft ? « » Das nicht , aber sie müssen beständig beten und beten . Im Winter sind die Zimmer kalt . Zu essen gibt es nicht viel , die Lehrer sind lieblos und das Schrecklichste ist , daß man schon um sechs Uhr früh aufstehen muß . « Agathon schwieg lange . Dann sagte er mit vertieftem Ausdruck des Gesichts : » Man müßte mit den Knaben sprechen . Man müßte ihnen gute Bücher geben . Man müßte sie mit Hoffnung füllen . Worte sind mächtig . Man müßte ihnen beweisen , wie herrlich das Leben ist . Kennst du den Ältesten der Knaben ? « » Ja . « » Könntest du es möglich machen , daß er und vielleicht ein zweiter in der Nacht mit uns kommen , wenn alle schlafen ? « » Ist das nicht gefährlich , Agathon ? « » Gefährlich ? Gewiß . Alles ist gefährlich , wobei man sich ein bißchen opfern muß . Bei Tag werden doch wahrscheinlich die Knaben überwacht ? « » Ja , sie müssen über jede Stunde Rechenschaft ablegen . « » Willst du mir also helfen ? « » Ja , Agathon . « » Ich weiß ein leeres Haus am Engelhardtspark , wo seit einiger Zeit ein Trockenofen gebrannt wird . Dort wollen wir uns treffen . Du müßtest die Knaben verständigen und sie hinführen . « » Ich tue , was du willst , « sagte Sema , beugte sich herab , suchte Agathons Hand und drückte sie an seine Wange . Agathon erschrak . Als sie durch das Dorf gingen , sah er seinen Vater im Wirtshaus sitzen und mit Schmerz dachte er des üblen Geredes , das über den Vater an sein Ohr gedrungen war . Ja , man sprach Schlimmes über Elkan Geyer , nicht nur wegen des verhafteten Enoch , nicht nur wegen des heidnischen Agathon ; Elkan mußte eine unheimliche Schuld in der Brust tragen , daß er halbe Tage lang in der Kneipe hockte , sein Geschäft vernachlässigte , der Frau alle Sorgen aufbürdete und dunkle Worte und Klagen verlauten ließ . Zu Hause fand Agathon seine Mutter in gewaltiger Erregung . Keines Wortes mächtig , zeigte sie nach dem Garten und er ging hinaus . Auf dem Nebengrundstück befand sich die Estrichsche Ziegelei , die der neue Besitzer vergrößern ließ . Es sollten Trockenschuppen gebaut werden , die Erde wurde ausgegraben und die Arbeiter nahmen keine Rücksicht auf den Geyerschen Garten , beschädigten den Zaun und warfen Steine herüber . Frau Jette war schimpfend unter sie gefahren , wurde aber verhöhnt und nun geschah , was anfangs Achtlosigkeit gewesen , in böswilligem Trotz . Als Agathon hinaustrat , schleuderte gerade ein junger Bursche lachend einen Ziegelstein herüber . Ohne sich zu besinnen , trat er durch eine Bresche des zerbrochenen Zaunes zu dem jungen Menschen , und fragte : » Hast du eine Mutter daheim ? « Das Du und Agathons fester Blick verwirrte den andern , der unter den Lärmendsten gewesen war . Er schlug die Augen nieder und sagte nichts . » Rede nur « , drängte ihn Agathon , » gib Antwort « ! Der Bursche lachte und wußte nicht , wohin er den Blick wenden solle . Endlich schüttelte er in unbestimmter Weise den Kopf . » Aber wenn du eine hättest , würdest du sie beschimpfen lassen ? « fragte Agathon eindringlich ; » nimm mal an , du hast daheim einen Garten , und der Garten ist fast alles , was ihr habt , und es kommen Leute , die sich ein Vergnügen daraus machen , den Garten zu ruinieren , den Zaun umzureißen , die Beete mit Steinen zu bewerfen , auf denen ihr im Sommer euer Gemüs ' wachsen laßt , ich glaube , du nähmst die erste beste Flinte und schössest die Kerle zu Boden . Oder nicht ? Sähst du vielleicht zu und bedanktest dich ? Und wenn es Juden wären , dächtest du : es sind rechtgläubige Juden , man muß kuschen - ? « Der Bursche zeigte betreten die Zähne und spielte mit einigen Zweigen des verdorrten Buschwerks . Die andern hatten alles gehört und waren nach und nach still geworden . Eine Stunde später waren die Steine aus dem Garten verschwunden . Frau Jette lehnte im Flur , als Agathon zurückkam und blickte ihn starr an . Sie standen in einer dunklen Ecke und ehe sich Agathon dessen versah , war die Mutter auf einen Holzblock gesunken und schluchzte herzbrechend . Er schwieg und blickte trüb herunter auf ihre kümmerliche Gestalt ; er fühlte wohl , was sie beweinte , und daß es sich nicht auf diesen Tag und nicht allein auf die letztvergangenen Tage bezog . Gegen Abend , bei klarem Himmel und hindämmerndem Untergangsrot der Sonne ging Agathon fort . Als er in die Nähe von Frau Olifats Haus kam , sah er Stefan Gudstikker aus der Gartentüre kommen , hastig über die Straße eilen und mit schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei verschwinden . Agathon stutzte , und obwohl er sonst nicht unaufgefordert zu Monika kam , entschloß er sich heute doch dazu . Er klopfte an und auf ein leises Herein öffnete er die Tür und sah sie allein im Zimmer , am Fenster sitzen . Ihre Mutter und Schwester waren wie gewöhnlich um diese Zeit in der Stadt . Monika erwiderte freundlich Agathons Gruß und drückte seine Hand . » Ist dir ' s nicht recht , daß ich gekommen bin ? « fragte Agathon beklommen . » Ich ? nein , ich freue mich . Ich bin froh , dich zu sehen , Agathon . « » Wirklich ? « Monika nickte ernst , dann sah sie wieder in verlorener Träumerei auf die Felder . » Ich muß dir etwas vorlesen , « sagte sie nach einer Weile . Sie zog ein Papier aus der Tasche , entfaltete es und las : » Wir küssen uns bei Kerzenlicht , sonst sehn wir uns vor Tränen nicht . Sonst ist uns gar zu still die Stund ' , zu schweigsam der beklommene Mund . Wir küssen uns in finsterer Nacht , weil sie die Zukunft schöner macht . Wir sehn das goldne Haus am Meer von Schätzen voll , von Sorgen leer . Was spricht der Vogel Zeitvorbei ? Daß alles dies vergänglich sei ? Was spricht die Mutter Zweifelschwer ? Ein Schattenbild das Haus am Meer ? Der Vogel hat die Nackt vertrieben , die Mutter ist bei uns geblieben . Den blassen Traum an dunkler Wand hat sie verblasen und verbrannt . « Es entstand eine lange Pause . » Wie konntest du denn lesen , « fragte Agathon endlich bedrückt , » da es doch schon dunkel ist ? « » Ich kenne es auswendig , « flüsterte Monika , in sich versunken . » Es ist schön , es ist schöner als schön . « » Aber weshalb nimmst du denn das Papier , wenn du es auswendig weißt ? O wie rot wirst du , Monika ! Du bist glühend rot . « Agathons Stimme zitterte . » Monika ! « rief er dann . » Was ? « » Es ist ein unwahres Gedicht . Es ist schön , aber unwahr . Alles was darin steht ist schön , und nur , weil es schön ist , stehts da , aber es ist erlogen . Ich weiß , wer es gemacht hat . Aber er ist kein wahrhaftiger Mensch . Nur ein wahrhafter Mensch kann ein Kunstwerk machen . Ich meine nicht , daß er im Leben nicht lügen darf , aber mit seiner Seele darf er nicht spielen . Er aber spielt , Monika . « Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen , und es war auch , als ob ein anderer , ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hatte . Als er fort war , saß sie im Finstern bis ihre Mutter kam . Agathon traf Stefan Gudstikker , wie schon einmal , unter einem Laternchen am Ziegeleigebäude stehend . Nach einigem Hin- und Herreden lud er Agathon ein , mit ihm ins Haus zu kommen . Agathon folgte ihm . Der alte Estrich , brummig und knurrig , wenn er liebenswürdig war , beinahe komisch , erfüllte das Zimmer mit dem Rauch seiner Pfeife und ging bald fort . Käthe erschien still , scheu und gedrückt . Sie hatte bisweilen ein ergebenes Lächeln für ihren Verlobten , jedes Stirnrunzeln von ihm beeinflußte sie , jedem halben Wort sann sie nach . Gudstikker strich ihr oft über die Haare ; er schien sich der grenzenlosen Macht über das einfache Kind zu freuen ; ja , er schien damit zu prahlen . Oft wenn sie etwas sagte , lachte Gudstikker und Agathon dachte wie in einer Erleuchtung : er hat ihr den Glauben geraubt ; was hat er ihr dafür gegeben ? nicht mehr als ein Stück seiner eigenen Person . Jeder Tag lehrte Agathon mit unabweisbarer Stimme das Leben wie es wirklich war , wie es nicht aus einem göttlichen Wesen floß , sondern aus dunklen , unterirdischen Quellen , vielgestaltig , mit Trübsand vermischt , nur selten Gold im Grunde führend , selten im geraden Strom , klar und kraftvoll rauschend . Plötzlich schallte von draußen das ängstliche und fortgesetzte Miauen einer Katze herein . Alle lauschten . Gudstikker und Agathon gingen hinaus . Der Mond stand hoch und rein am Himmel . Der Schnee blitzte und funkelte weit umher . Auf den Feldern lag der Rauhreif , schimmernd wie Silberstaub . Vor dem Tor lag ein Kätzchen in seinem Blut . Gudstikker kniete hin , streichelte das Tier zärtlich und redete ihm zu wie einem Kind . Dann gebärdete er sich wie rasend , drohte den Kerl zu erdrosseln , der diese Schandtat vollbracht und konnte sich kaum beruhigen . Agathon wollte ihn trösten , obwohl er etwas Gekünsteltes in diesem Zorn fühlte , als er einen Schatten gewahrte und Käthe neben sich sah . Sie hatte ein Tuch um den Kopf , ihre Lippen , deren Rot durch eine scharfe und runde Linie von der blassen Haut abgegrenzt war , waren ein wenig geöffnet . » Ist das Kätzchen tot ? « fragte sie . Gudstikker nickte . » Wer hat es getan ? Vielleicht der Vater , er stellt immer den Katzen nach . « » Dein Vater , sagst du ! « fuhr Gudstikker auf . » Weißt du , daß es mir jetzt zu bunt wird ? Weißt dus nicht ? Ja , es wird mir zu bunt . Ich Hab euch auch satt , dich und deine ganze Familie . « Wieder fühlte Agathon das Künstliche des Wutausbruches und fragte sich vergeblich nach Gründen . » Stefan , « flüsterte Käthe und legte zitternd ihre beiden Hände um seinen Arm , » Stefan ! « Es entstand eine peinliche Pause . » Es ist kalt , Herzchen « , erwiderte Gudstikker endlich und streichelte tröstend ihre Hand . » Geh nur und leg dich schlafen . Du wirst ja krank ! « Als er heimging , hatte Agathon eine seltsame Sinnestäuschung . Aus einem dunklen Torweg trat Käthe Estrich auf ihn zu und hob flehend die Hände . Als er weiterging und sich die Erscheinung vor seinen Blicken in den Winternebel auflöste , dachte er mit hilfsbereitem Herzen an sie . Wie groß war sein Erstaunen und sein Schrecken , als er sie auf einmal wirklich sah ! Raschen Schrittes kam sie und lächelte matt , als sie vor ihm stehen blieb . Sie wolle zu Stefan , sagte sie . » Was wollen Sie denn bei ihm ? « » Ich weiß nicht . Ich will ihn nur sehen . Wenn ich noch einmal in sein Gesicht sehe , weiß ich alles . « » Was ? Was denn ? « Agathon erbebte vor Mitgefühl . » Ach , - nichts . « In diesem Augenblick ging viel vor in Agathons Seele . Er sah dieses zarte Geschöpf vor sich , wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte . Er sah die kleinen , mondlichtübergossenen Häuser , die dunkle Unendlichkeit des Nachthimmels , zage Sterne , glänzende Fensterscheiben , - dies alles im Gegensatz zu der wunderlichen Unruhe der Menschen , ihrer Lust an der Lüge , ihrer Furcht vor dem Kämpf , und zum erstenmal sprach heute die Natur ein unüberhörbares Wort zu ihm , und er konnte die gärende Inbrunst seiner Seele nicht mehr mißverstehen . Da stand nun dies stille , wortkarge Geschöpf vor ihm mit dem treuherzigen Blick , dem hilflosen Zucken um die Lippen und sie sah ihn ratlos an , als Agathon wie erleuchtet lächelte . » Sie sind immer so traurig , Fräulein Käthe , « sagte er . Sie nickte » Sie müssen sich einmal recht von Herzen freuen . « » Aber wie kann ich das , « erwiderte sie seufzend . » Nur einmal , eine Stunde lang , sollen Sie froh werden ! Vertrauen Sie mir ! « » Sie sind so merkwürdig , Agathon . Man muß Ihnen vertrauen , auch wenn man nicht will . « » Und Sie wollen tun , was ich verlange ? « » Was verlangen Sie denn ? « » In unserem Hof steht ein Schlitten . Da sollen Sie sich hineinsetzen . Ich fahre Sie . « » Jetzt ? Um Gotteswillen , jetzt ! Ich kann nicht . Meine Mutter läßt mich nicht fort . « » Ihrer Mutter dürfen Sie alles gestehen , wenn wir zurückkommen . Ich ziehe meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei Weinzierlein . « » Bis zum See ? Nein Agathon , das ist zu weit . « » Jetzt dürfen Sie nicht kleinlich und furchtsam sein . Ich hab ' auch noch ein dickeres Tuch für Sie und einen Mantel meiner Mutter . « Käthe zögerte noch immer , aber Agathons Blick und Wesen , in dem etwas Triumphierendes und Flammendes lag , überredeten sie unwiderstehlich . Eine Viertelstunde später flog der Schlitten auf der Landstraße dahin und Agathon auf Stahlschuhen hinterher . Rechts lag der Wald , dann lag er links ; das Mondlicht wohnte in ihm , die braunen Blatter glänzten silbern , die Birkenrinde strahlte wie Gold , der Schnee lag wie ein faltenloses Gewand und der Himmel wölbte sich in mattem , kalten Licht . » Sehen Sie die Nebelelfen ? « fragte Agathon . » Ja . Und Irrlichter zeigen den Weg . « » Ist Ihnen warm ? « » Ja . « » Das ist gut . Das nächste Mal nehmen wir