mit solcher Ruhe vor , daß Albrecht ein wenig von der Fassung wieder gewann , die er fast ganz verloren hatte . Sie hatten Platz genommen : Klotilde auf dem verschlissenen Sofa , er ihr zur Seite auf einem der brüchigen Stühle , und das Mahl konnte seinen Anfang nehmen . Ein Mahl , das einen Gourmand hätte zur Verzweiflung treiben müssen . Die Gerichte , welche der Mann im fettglänzenden Frack , eine unsaubere Serviette unter dem Arm , mit bedächtiger Langsamkeit in endlosen Zwischenräumen auftrug , erwiesen sich als ungenießbar , die Weine waren von der schlechtesten Sorte . Aber die beiden am Tisch hatten wichtigeres zu thun , als auf Speise und Trank zu achten : der Kellner mochte nach den ersten Gängen die unberührten Schüsseln nur wieder hinaustragen , was seinen Gleichmut keineswegs zu erschüttern schien . Klotilde machte diese Bemerkung lachend ; es war das erste Mal an diesem Abend , daß sie eine Spur von Heiterkeit zeigte . Wie sollte sie auch wohl heiter sein , wenn sie an ihre Lage denke , die mit jedem Tage prekärer werde ! Seit der bekannten Scene der verunglückten Rekognoscierung habe Adele die kurioseste Miene angenommen : halb unheilschwanende Kassandra , halb barmherzige Samariterin ; zu Stephanie wage sie schon gar nicht mehr zu gehen , aus Furcht , es könne zu einer neuen Handschlagsforderung kommen ; Bekannte habe sie seit acht Tagen keine gesehen , da ihr Mann sich weigere , Gesellschaften mit ihr zu besuchen , und sie keine Lust habe , ihr Strohwitwentum durch die Welt spazieren zu führen . Auch müsse es binnen kurzem in dem Verhältnisse mit ihrem Manne zu einer Katastrophe kommen ; daß es so bleibe , wie jetzt , sei einfach eine Unmöglichkeit . Sie trage sich seit zwei Tagen mit dem Plane , unter irgend einem Vorwande ihre Eltern auf dem Gute zu besuchen , und wäre es auch nur , den Beobachtungen zu entgehen , denen sie in Berlin ausgesetzt sei , wo ihre Bekannten nach Hunderten zählten , die jetzt jedenfalls nichts eifriger hätten , als das Zerwürfnis mit ihrem Gatten zu kommentieren . Und wäre es nur das ! aber sie habe die feste Überzeugung , daß sie bewacht werde . Gestern bereits zum zweitenmale , als sie ihren Brief von der Post holte , habe sie dicht hinter sich jenes Individium bemerkt , das in der Nationalgalerie so eifrig die Zeichnungen studierte . Dann sei sie zu Gerson gefahren und wahrhaftig , als sie nach einer halben Stunde das Geschäft verlassen , da stehe der Mensch wieder an einem der Schaufenster , scheinbar in Betrachtung der dort ausgestellten Roben-Stoffe versunken . Das könne kein Zufall sein . Und zu allem Unglück müsse sie nun noch seinen letzten Brief - den , in welchem er ihr die Einzelheiten der heutigen Zusammenkunft mitgeteilt - verlieren . Gestern abend habe sie ihn noch gehabt , das wisse sie bestimmt . Eine Stunde später , als sie ihn vor dem Zubettgehen verbrennen wollte - wie sie es mit allen seinen Briefen gethan - sei er verschwunden gewesen und geblieben , trotzdem sie die halbe Nacht nach ihm gesucht . Es sei ihr völlig rätselhaft . Sie zittere vor der Möglichkeit , er könne doch wieder auftauchen und in die Hände ihrer Kammerjungfer fallen , der sie gar nicht mehr traue . Sie traue überhaupt keinem Menschen mehr . Das alles kam über ihre Lippen so gewandt und zierlich , - die graziöse Form hätte Albrecht entzücken können , wäre der Inhalt nicht so unerfreulich gewesen . Und dann , in seiner Erwartung , sie werde schließlich auf das eine , was sie als endgültige Befreiung aus diesem Elend ersehne , wenigstens hindeuten , fand er sich getäuscht . Sie nippte , als sie ihr Klagelied beendet , an dem miserablen Sekt , der längst das letzte seiner spärlichen Schaumbläschen hatte aufsteigen lassen , und erklärte , nach Hause zu müssen . Das konnte Albrecht nicht zugeben . Hatte sie ihm ihr Leid geklagt , er durfte erwarten , daß er das seine , wahrlich nicht minder große , ihr klagen durfte : die Ruhelosigkeit , die ihn peinigte im Bunde mit der fürchterlichen Sehnsucht ; die mehr als menschliche Aufgabe , das Herz übervoll von solchen Empfindungen , den Kopf zerwüstet von so verzweifelten Gedanken , ruhig erscheinen zu müssen , als sei nichts geschehen ; scheinbar harmlos dahinleben zu müssen an der Seite seiner verratenen , ungeliebten , aber in ihrer Bravheit verehrungswürdigen Frau , zwischen den ihn umspielenden ahnungslosen Kindern . Und an bösesten Zufällen fehle es auch ihm nicht : eben zu dieser Stunde sei etwas geschehen , habe er etwas geschehen lassen müssen , das ihn aller Wahrscheinlichkeit nach um Amt und Brot bringen werde . Er hatte innig bewegt , zuletzt leidenschaftlich , mit Thränen in den Augen , gesprochen ; aber den Eindruck , den seine Rede auf die geliebte Frau machen sollte , hatte er entschieden verfehlt . Ihr Ausdruck war immer düsterer geworden ; immer finsterer hatten sich die Brauen über den gesenkten Lidern einander genähert ; immer ungeduldiger hatte es um die zusammengepreßten Lippen gezuckt . Und nun , als er geendet , brach es mit einer Heftigkeit hervor , die ihn um so mehr erschreckte , als sie sich augenscheinlich Mühe gab , die vornehme Dame nicht zu vergessen . Ja , mein Bester , das alles hättest Du doch voraussehen können , als Du mir die Ehre erwiesest , mich zu lieben ; hättest an Deine brave Frau und die ahnungslosen Kinder denken sollen , bevor Du Dich in eine Leidenschaft stürztest , die Dir jetzt , wie es scheint , über dem Kopf zusammenschlägt . Jedenfalls , meine ich , bin ich die letzte , der Du mit Deinen Klagen kommen durftest . Ich leide ohnehin schon genug und meine , ich hätte es Dir deutlich genug zu verstehen gegeben . Ja , mein Lieber , da bleibt uns doch wohl nur eines übrig , und je eher wir uns dazu entschließen , desto besser ist es für uns beide . Mehr noch , als der Mangel an Logik , den er ihr freilich auch nicht zugetraut hätte , empörte Albrecht die Lieblosigkeit , welche jedes ihrer Worte , ihn bis ins Herz erkältend , aushauchte . Aber die zornige Antwort blieb ihm auf der Zunge . Der Kellner , diesmal , wie auch sonst , keine Zeit mit Anpochen verlierend , trat ein , zu melden , daß der Kutscher im Saal sei und anfrage , wann die Herrschaften zu fahren gedächten . Sogleich ! sagte Klotilde . Der Kellner war gegangen ; die beiden standen einander gegenüber mit funkelnden Augen , bleich bis in die Lippen . Um die Klotildens zuckte ein gequältes Lächeln : Wir haben uns in eine kindische Aufregung hineingeredet . Das ist so , wenn man bei schlechter Laune ist und sie nun an dem andern ausläßt . Komm , laß uns wieder Frieden schließen ! Sie streckte ihm die Hand hin , die er stumm an seine Lippen führte . Nun bitte , hilf mir den Mantel um - Gott , welch ein elender Spiegel ! - man sieht wie eine Vogelscheuche aus - und weißt Du : ich möchte doch lieber allein fahren . Du wirst hier noch mit dem Kellner abzurechnen haben , und mir ist jede Minute kostbar . Du kannst ja dann die Pferdebahn nehmen . Albrecht erwiderte nichts . So herzkränkend dies alles war - dem langen Tête-à-tête im Wagen mit ihr enthoben zu sein , dünkte ihm doch eine Wohlthat . Er geleitete sie zu dem Wagen . Du schreibst mir morgen , sagte sie im Einsteigen . Er verneigte sich wortlos ; das Fuhrwerk setzte sich schwerfällig in Bewegung ; er kehrte in das Restaurant zurück , mit dem Kellner die Rechnung zu begleichen , über deren unverschämte Höhe er keine Bemerkung machte . In dem jähen Zusammenbruch seines Glücks spielte eine Handvoll Mark , die er zum Fenster hinauswarf , keine Rolle . Vierundzwanzigstes Kapitel Klotildens Verzweiflung war minder groß , aber ihr war doch übel genug zu Mute , während sie in der Ecke ihres Wagens saß , sich gegen den Zug , der durch die Ritzen ging , möglichst dicht in ihren Pelzmantel hüllend . Sie hatte , als sie kam , nicht die Absicht gehabt , mit ihm zu brechen ; nun mochte es sein . Daß dies ein Bruch war , ein vollständiger , darüber konnte man sich doch nicht täuschen . Und Gott sei Dank , daß er es war ! Die Sache hatte ja schon angefangen , lächerlich zu werden . Und das eben war doch der Gipfel der Lächerlichkeit : über dies Souper in der häßlichen Spelunke mit dem komischen Kellner ging es nicht . Und der Mensch hatte offenbar den Humor von der Situation gehabt : sie hatte deutlich sein Grinsen gesehen , wenn er sich unbeobachtet glaubte . Mein Himmel , in welche kuriose Lagen gerät man , wenn man sich mal ein bißchen amüsieren will ! Weiter hatte es doch keinen Zweck gehabt . Und wäre es noch amüsant gewesen ! Aber dies Laufen nach seinen überschwenglichen Briefen ! dies Warten an dem Schalter , während der Beamte in dem Haufen herumsucht und einem endlich den Brief hinreicht mit einem Blick , als wolle er sagen : Meine Gnädige , lassen Sie das ! Es führt zu nichts Gutem . Glauben Sie mir : ich spreche aus alter Erfahrung ! - Der Mann hat ja so recht : zu nichts Gutem ; aber möglicherweise zu was ganz Schlimmen . Viktor steht auf dem Punkt , mir den Stuhl vor die Thür zu setzen . Kann ' s ihm auch nicht verdenken : keiner ließe sich das gefallen . Ich muß mich nur wundern , daß er mit seiner Empfindlichkeit es so lange ausgehalten hat . Aber ich werde heute abend Frieden mit ihm machen . Es wird nicht so schwer sein : ein großes Donnern und Blitzen seinerseits ; ein paar Thränchen meinerseits - und das Gewitter ist passé . Er kommt von solchen Abenden , so wie so , immer etwas angeheitert nach Hause . Allerdings muß er mich dann da finden , wo er mich diese acht Tage hoffentlich schmerzlich vermißt hat . Sie sah bei dem Schein einer vorübergleitenden Laterne nach der Uhr und erschrak aufs heftigste : beinahe elf ! sie hatte gemeint , es könne noch nicht zehn sein . Viktor pflegte von seiner Corpskneipe freilich immer sehr spät heimzukehren . In seiner jetzigen Stimmung , wer konnte wissen , ob ihm die Kneiperei Spaß machte , ihn nicht die Sehnsucht nach Hause trieb , oder - mein Gott ! - am Ende gar ein unbestimmter Verdacht ! Der nun bestätigt wurde , wenn er kam und fand sie nicht ! Sie wollte dem Kutscher zurufen , er solle schneller fahren , doch das verquollene Fenster ließ sich so bald nicht öffnen ; erst nach unsäglicher Mühe kam sie damit zu stande . Sie rief es dem Kutscher hinaus , der etwas antwortete , wovon sie nur das Wort » Glatteis « verstand . Und auch das nicht verstanden haben würde , hätte sie nicht bereits seit einiger Zeit bemerkt , daß der Wagen auf bedenkliche Weise hin- und herrutschte . Als Landkind wußte sie wohl , was eine solche Kalamität zu bedeuten hat , besonders auf chaussierten Wegen , und wenn noch gar das Pferd schlecht beschlagen ist . Was hier entschieden der Fall war : mehrere andere Wagen hatten sie überholt , die jetzt wo möglich schon in der Stadt waren , während sie eben erst den Großen Stern passierten . Freilich , wenn der Mensch jetzt sogar auf längere Strecken Schritt fuhr ! Sie wollte anhalten lassen , aussteigen und einen vorüberkommenden Pferdebahnwagen anrufen . Aber es würde jetzt um halb zwölf Uhr keiner mehr kommen , oder sie die Haltestelle nicht finden und so hier in der rabenschwarzen Nacht auf der einsamen Chaussee umherlaufen , jedem Strolch , der des Weges kam , schutzlos ausgeliefert . Sie wußte sich nicht zu raten , zu helfen , und vor Frost und Angst an allen Gliedern bebend , brach sie in krampfhaftes Weinen aus . Endlich war die Kleine-Stern-Allee erreicht und der Kutscher bog wenigstens in diese ein , nachdem er die Korsoallee überschlagen und so einen Umweg von mindestens einer dreiviertel Stunde gemacht hatte , jedenfalls nicht , weil es sich , wie er behauptete , auf der Charlottenburger Chaussee doch noch immer besser fuhr , sondern um eine möglichst lange Zeit gefahren zu sein . Klotilde hatte längst den Kampf aufgegeben ; in der Stumpfheit der Seele , die sie befallen , ließ sie sich die Allee , die Tiergartenstraße hinauf und weiter die endlosen Straßen schleppen , bis der Wagen mit einem jähen Ruck vor ihrer Wohnung hielt und der Kutscher , den Schlag aufreißend , mit heiserer Stimme sagte : er könne die Nummer nicht erkennen ; aber es werde schon richtig sein . Sie zahlte dem Mann seine ganz unverschämte Forderung und gab ihm eine Mark dazu , - hatte sie die Hoffnung , überhaupt noch anzukommen , doch schon beinahe aufgegeben ! Der Kutscher , der plötzlich sehr gemütlich geworden war , schloß ihr sogar die Hausthür auf , da sie mit ihren ungeübten , völlig erstarrten Fingern nicht damit zustande kommen konnte . Die Treppe war dunkel - jedenfalls eine Chikane des Dieners , der mit de Kammerjungfer gemeinschaftliche Sache machte . Sie standen jetzt auf Viktors Seite . Wenn sie sich heute abend mit Viktor ausgesöhnt , würde morgen früh den beiden gekündigt . Sie hatte ihren Flur erreicht ; durch die schmalen Fenster der Flurthür kam der Schein eines Lichtes , das sich bewegte . Man hatte wohl ihren Schritt auf der Treppe gehört und wollte die Unbotmäßigkeit wieder gutmachen . Es würde ihnen nichts helfen . Die Thür wurde von innen geöffnet . Klotilde prallte zurück : vor ihr , mit einer Lampe in der Hand , stand Viktor . Bitte doch , einzutreten ! sagte er , die Lampe auf eine Konsole an der Wand stellend . Sein Überzieher hing neben seinem Hut auf dem Regal neben der Konsole ; augenscheinlich war er bereits längere Zeit zu Hause . Sie standen jetzt auf dem Korridor einander gegenüber im Licht der Lampe , das scharf auf die bleichen , hier in Schreck , dort in Zorn verzerrten Gesichter fiel . Ich habe Dich bereits seit einer Stunde erwartet , sagte Viktor , mit einer rauhen Stimme , die offenbar ruhig gelassen klingen sollte ; aber freilich nicht bedacht , daß der Weg von Charlottenburg etwas weit und heute nacht vermutlich nicht besonders ist . Dieser Herr hier , der denselben Weg machen mußte , hat Dich um eine volle Stunde überholt . Kommen Sie doch mal heran , Herr Krüger ! Wir haben hier keine Geheimnisse voreinander . Aus dem Schatten des großen , prächtigen Schrankes , den sie von dem elterlichen Gute mitgebracht hatte , trat ein kleiner , bleicher Mann - der Mann , der in dem National-Museum hinter ihnen die Treppe hinabgestiegen war , und den sie seitdem nun schon so oft hinter sich , neben sich , immer in unheimlicher Nähe bemerkt hatte . Dies ist die Dame , die Sie um neun Uhr am Arm des Ihnen bekannten Herrn in das Restaurant haben treten sehen ? Jawohl , Herr Assessor . Und die mit ihm in dem cabinet séparé verschwand ? Jawohl , Herr Assessor . Und mit ihm dann eine Unterredung hatte , die Sie Wort für Wort von dem nächsten Kabinett aus gehört haben ? Jawohl , Herr Assessor . Es ist gut . Sie können hinausgehen . Erwarten Sie mich auf dem Treppenabsatz ! Herr Krüger hatte die Flurthür hinter sich zugemacht . Nur noch ein paar Worte , sagte Viktor , während er sich den Überzieher anzog und den Hut herabnahm : Ich kann die Frau , die unglücklicherweise die Mutter meiner Kinder ist , nicht um zwölf Uhr nachts auf die Straße werfen , wohin sie gehört . Aber noch eine Nacht unter demselben Dache mit ihr zu verbringen , verbietet sich von selbst . Ich räume Dir also das Feld . Morgen vormittag um zehn werde ich wieder hier sein ; wir werden dann das weitere miteinander besprechen . Gute Nacht ! - Friedrich ! Die nur angelehnte Thür zum Speisezimmer wurde schnell aufgemacht und der junge Diener trat heraus , ein Licht in der Hand . Leuchte uns hinab ! sagte Viktor ; Du kannst dann zu Bett gehen . Er war mit Friedrich aus der Flurthür ; Klotilde hörte die drei die Treppe hinabsteigen . Sie stand noch auf derselben Stelle , unbeweglich . Nur einmal hatte sie die Regung gehabt , Viktor zu Füßen zu fallen : seine vornehme Ruhe hatte ihr so imponiert . Es wäre dann alles gut geworden - ganz gewiß ! Aber in Gegenwart jenes gräßlichen , bleichen , kleinen Menschen , und nun gar Friedrichs - unmöglich ! Und nun war alles aus ! Hätte es doch noch einen Sinn , murmelte sie . Um eine solche Geschichte ! eine so alberne Geschichte ! Sie wollte in Lachen ausbrechen ; aber aus ihrer Kehle kamen nur ein paar rauhe , häßliche Töne , vor denen sie erschrak . Von der Konsole nahm sie die Lampe und ging in ihr improvisiertes Schlafzimmer , dessen Thür sie hinter sich verschloß . Fünfundzwanzigstes Kapitel Viktor hatte den Rest der Nacht im Palast-Hotel ruhig verbracht ; jetzt , da die Entscheidung gefallen war , konnte er schlafen . Zur bestimmten Stunde , um zehn Uhr , war er vor seiner Wohnung ; Friedrich öffnete ihm die Flurthür . Ist die gnädige Frau aufgestanden ? Die gnädige Frau ist vor einer halben Stunde ausgegangen ; ich habe eine Droschke holen müssen . Viktors erster Gedanke war : sie ist zu ihren Eltern gereist . Dahin hatte auch er sie schicken wollen ; freilich , nachdem man sich über verschiedene , denn doch sehr wichtige Dinge auseinandergesetzt . Indessen , das ließ sich auch schriftlich machen und vielleicht besser , und man ersparte sich eine immerhin peinliche Scene . Die gnädige Frau hatte einen Koffer bei sich ? Nein , gnädiger Herr . Wie denn ? auch keine Reisetasche ? Nein , gnädiger Herr . Die gnädige Frau ist so ausgegangen , wie immer . Sie hat nicht hinterlassen , wann sie wiederkommt ? Mir hat sie nichts gesagt . Vielleicht , daß Julie - Julie soll kommen ! Klotildens hübsche Kammerzofe wußte auch nichts : die gnädige Frau hatte sich ohne sie angezogen . Haben Sie noch sonst etwas ? fragte Viktor , als das Mädchen an der Thür zögerte . Als die gnädige Frau fort war , habe ich das Bett gemacht . Und dabei habe ich diesen Brief gefunden . Er war zwischen die Kissen gerutscht ! An mich ? Ich lese keine fremden Briefe , gnädiger Herr . Nicht einmal die Adresse . Geben Sie ! Sie können gehen . Das Mädchen war gegangen , froh , daß sie aus dem Zimmer kam : sie hatte sich das Lachen kaum noch verbeißen können . Der Brief steckte noch im Couvert ! Die Adresse enthielt nur das Postamt , dessen Nummer Viktor schon kannte ; die Bezeichnung poste restante und die Chiffre : Ballade . Man sollte so was nur mit der Zange anfassen , zischte Viktor durch die Zähne . Mit einem Laut der Verachtung und des Widerwillens warf er den Brief auf den Tisch und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab . Aber gelesen mußte der Wisch doch werden . Es war ein Stück Belastungsmaterial mehr , das in dem Prozeß eine entscheidende Rolle spielen konnte . Und vielleicht stand etwas darin von den Zukunftsplänen des sauberen Paares . Wer konnte wissen , ob sie nicht eben jetzt zu ihm gelaufen war , gemeinschaftlich mit ihm durchzubrennen , und er hatte die Blamage ohne die Revanche ! Der Brief enthielt nichts von Zukunftsplänen , nur die Verabredung zu dem Rendesvouz gestern abend ; außerdem zwei enggeschriebene Seiten greulichen , sentimentalen Gewäsches . Viktor hatte den Brief wieder in das Couvert gethan und sein Pult geschlossen . Möglich , aber nicht wahrscheinlich , daß ihr Schreibtisch noch mehr dergleichen enthielt . Sie hatte jedenfalls das Zeug immer verbrannt und vermutlich nach diesem lange genug vergeblich gesucht . Mit ihrem Willen war er sicher nicht zwischen die Kissen geraten , jedenfalls nicht da liegen geblieben . Die Flurklingel ertönte . Sollte sie den Mut haben ? Friedrich brachte einen Rohrpostbrief herein : von Elimar . Verehrter Cousin ! Wollen Sie mir die Freundlichkeit erweisen , mich um halb zwölf Uhr in Ihrer Wohnung zu erwarten ? Ich habe Ihnen Mitteilungen von äußerster Wichtigkeit zu machen . Ich würde anstatt dieser Zeilen kommen ; aber der Kriegsminister hat mich zu einer Audienz befohlen . Nun wußte Viktor , wohin Klotilde sich gewandt hatte : die gutmütige Adele und Don Quixote Elimar sollten vermitteln , wo nichts mehr zu vermitteln war ! Aber Sie irren sich , Madame ! Übrigens bin ich Ihnen dankbar , daß Sie nicht , mit Ihrem Herrn Galan an der Schleppe , davongelaufen sind , und ich meine Rache jetzt sicher habe . Abermals klingelte es : es würde Fernau sein ; er hatte noch vom Hotel aus einen Kommissionär an ihn gesandt und ihn gebeten , alles liegen zu lassen und spätestens um elf bei ihm vorzusprechen . Es war Fernau mit einem sehr übernächtigen Gesicht , aber , wie immer , in tadelloser Toilette . Lieber Freund , sagte Fernau , sich , wie gebrochen , in einen Lehnsessel fallen lassend , mich aufzujagen , nachdem ich kaum zwei Stunden geschlafen hatte , das möge Ihnen der Himmel verzeihen . Er hat mir schlimmere Dinge zu verzeihen , erwiderte Viktor ; unter anderm das Unrecht , das ich Ihnen gethan , als ich fürchtete , Sie hätten mich an den ehrenwerten Herrn Krüger aus nicht völlig lauteren Absichten empfohlen . Bitte , lesen Sie diesen Brief ! Der eben eingeschlossene Brief wurde wieder hervorgeholt . Fernau besah ihn von allen Seiten : Ich wittre Morgenluft , sagte er , zu Viktor aufblinzelnd und , während die Linke den Brief hielt , mit dem kleinen Finger der Rechten sanft die Oberlippe zwischen dem Schnurrbart reibend . Bitte , lesen Sie ! Viktor hatte sich nach dem Fenster gewandt und blickte auf die Straße . Es dauerte eine Zeit , die ihm unendlich dünkte , bis Fernau mit der Lektüre zu Ende war . Diesmals schloß er den Brief nicht wieder weg : er würde Elimar gegenüber abermals seine Dienste thun müssen . Und die Sache ist zu stande gekommen ? fragte Fernau Völlig programmmäßig , erwiderte Viktor ; ich war inzwischen auf unserer Corpskneipe , wo Sie wieder einmal geschwänzt haben . Krüger ließ mich herausrufen . Es war hinter ihnen her und mit ihnen in Charlottenburg gewesen . Und so teilte er dem Freunde weiter alles mit , was jener wissen mußte , sollte er in dem Drama die Rolle übernehmen können , die er ihm zugedacht hatte . Nun wissen Sie , lieber Fernau , schloß er , welchen Dienst ich von Ihnen erwarte . Sollte ich wohl ganz die geeignete Persönlichkeit sein ? fragte Fernau . Viktor blickte ihn verwundert , fast erschrocken an . Denn sehen Sie , fuhr Fernau fort , ich bin wirklich ein bißchen zu sehr Partei in der Sache , um die Pflichten eines Sekundanten regelrecht erfüllen zu können . Ein Sekundant muß bis zu einem gewissen Grade unparteiisch sein , zum wenigsten ein Ohr für die etwaigen Gründe der andern Partei haben . Das habe ich nicht . Ich habe den Menschen von dem ersten Augenblick , als ich ihn im Pferdebahnwagen sah - ich habe Ihnen die Episode nie erzählt - sie thut auch nichts Wesentliches zur Sache - gründlich in Aversion genommen ; und , so oft ich ihn wiedersah , fühlte ich ein Kribbeln in den Fingerspitzen , den Kerl zu reitpeitschen . Wenn die Gelegenheit günstiger gewesen wäre , ich glaube , ich hätte einen Grund vom Zaun gebrochen und ein Rencontre mit ihm provoziert . Das ist das eine . Sodann , ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin bis dahin immer so gut gestanden ; sie - ich brauche Ihnen das nicht zu sagen - aufrichtig und herzlich verehrt . Was sie jetzt gethan hat , ist unverzeihlich , schauderhaft - gewiß ! Aber schließlich hat sie es doch nicht mir gethan . Sie werden begreifen , daß meine Empfindungen nicht so lebhaft sein können , wie die Ihren ; und es mir schmerzlich , sehr schmerzlich und peinlich ist , zu ihrer Bestrafung , wenn ich mich so ausdrücken darf , die Hand bieten zu sollen . Viktor war die Zornröte in die Stirn gestiegen . Ich danke Ihnen also für Ihre Offenherzigkeit , sagte er , und werde mich nach jemand umsehen , der weniger bedenklich ist , als Sie . Fernau gereute bereits , was er gesagt hatte . Er war auf dem besten Wege , Viktors Mißtrauen von neuem zu erregen ; ja , er hatte es bereits gethan . Das durfte nicht sein ; er mußte es wieder gutzumachen suchen . Und schließlich , Klotilde war ihm nun doch verloren . Nach der Affaire mit dem Schulmeister war sie für die Gesellschaft tot . Folglich auch für ihn . Aber wo denken Sie hin , lieber Freund ! rief er , aus dem Sessel in die Höhe fahrend . Mir fällt doch nicht im Traum ein , Ihnen meine Dienste zu verweigern , wenn Sie ihrer zu bedürfen glauben . Man sagt so etwas heraus , um die Seele hernach um so freier zu haben . Also wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen - Sie sehen mich bereit . Aber ist denn der Mensch satisfaktionsfähig ? Ich wüßte nicht , weshalb nicht ; erwiderte Viktor , wieder halb beruhigt . Macht man diese Leute doch jetzt sogar zu Reserveoffizieren ! Gott sei es geklagt ! Vielleicht ist der Mensch selber einer . Heutzutage ist alles möglich . Jedenfalls hat man ihn in unsere Gesellschaft aufgenommen . Leider ! Nächstens werden wir noch unsere Schneider mit Einladungen beehren . Und nicht bloß aufgenommen : man hat dem Kerl ja förmlich den Hof gemacht ; fand es höchst ehrenwert , daß er es von einem Bergmannsjungen so weit gebracht . Ipsissima verba des Herrn Ministerialdirektors . Man sollte in solche Stellungen Bürgerliche nie gelangen lassen . Und da nun auch meine Frau die Geschmacklosigkeit hatte , so tief aus ihrer Sphäre herabzusteigen - Werden Sie ihr wohl auf das Terrain folgen müssen . Ja , ja ; es ist sehr notwendig , daß da mal ein Exempel statuiert und die Rotüre in ihre Schranken zurückgewiesen wird . Zeichnen Sie den Kerl nur ordentlich ! Ich habe durchaus diese löbliche Absicht . Zwischen den Freunden wurden nun die Einzelheiten der Forderung durchgesprochen und festgestellt . Fernau hatte auf die schärfsten Bedingungen zu dringen und sollte sich nichts abhandeln lassen . Einen besonderen Wert legte Viktor darauf , daß keine Zeit verloren gehen dürfe , und das Rencontre , wenn es sich irgend machen ließ , bereits morgen in der Tagesfrühe stattfinde . Fernau wollte den Gegner sofort aufsuchen und ihm die Forderung überbringen . Er hatte sich kaum verabschiedet , als Elimar angemeldet wurde . Die Herren mußten sich noch auf der Treppe begegnet sein . Hol ' ihn der Teufel , fluchte Viktor bei sich . Aber - Ich lasse den Herrn Hauptmann bitten , näher zu treten . Sechsundzwanzigstes Kapitel Elimar und er saßen einander gegenüber nach einer kurzen , auf beiden Seiten etwas verlegenen Begrüßung . Sie wissen , weshalb ich komme , begann Elimar . Ich ahne es wenigstens . Das erleichtert mir meine Mission , wenn ich etwas so nennen darf , wozu mich auch die eigene Empfindung gedrängt haben würde . Ich meine , daß die Empfindung in solchen Fällen ein sehr trügerisches Leitmotiv ist . Mag sein ; aber als Erstes , Spontanes verdient sie doch wohl einige Berücksichtigung . Dann kann ich nur sagen : ich würde es tief beklagen , wenn ein Mann , wie Sie , keine Empfindung hätte für die furchtbare Beleidigung , mit der man mich heimgesucht hat . Der in Ihren Worten versteckte Vorwurf trifft mich nicht . Im Gegenteil : ich glaube , es giebt niemand , der diese Beleidigung tiefer mitfühlt . Nichtsdestoweniger - Verzeihen Sie , wenn ich Sie unterbreche : was wissen Sie von diesem ganzen Handel ? Alles . Aus dem Munde meiner Frau ? Ja . Dürfte dann Ihre Behauptung nicht etwas gewagt sein ? Wir Juristen haben den Grundsatz : Audiatur et altera pars . Ich weiß es . Und gerade deshalb habe ich mir erlaubt , Sie aufzusuchen . Leider , wie ich fürchten muß , zu spät : ich traf in Ihrer Hausthür mit Herrn von Fernau zusammen . Ich habe nicht gewagt , ihn zurückzuhalten ; er würde sich auch schwerlich haben zurückhalten lassen . Aber die einem Kartellträger gegebenen Instruktionen sind ja nicht unwiderruflich , sind jedenfalls modificierbar ; und ich hege die stille Hoffnung , Ihr gerechter Unwille wird nach unserer Unterredung weniger - etwas weniger heftig sein . Ich teile zu meinem Bedauern Ihre Hoffnung nicht , Indessen , bitte , sagen Sie mir , was Sie mir sagen zu müssen glauben . Ich muß dabei freilich bemerken , daß meine Zeit gerade heute nicht sehr reichlich bemessen ist , da ich noch eine Menge wichtiger Dinge zu erledigen