Wohltäter , den wir - Sie haben ganz recht - in unserm Undank so gern unterschlagen . Aber dies Unterschlagen hat doch auch wieder sein Verzeihliches . Wir tun jetzt ( leider ) so vieles , was wir , nach einer alten Anschauung , eigentlich nicht tun sollten . Es ist , mein ich , nicht passend , auf einem Pferdebahnperron zu stehen , zwischen einem Schaffner und einer Kiepenfrau , und es ist noch weniger passend , in einem Fünfzigpfennigbazar allerhand Einkäufe zu machen und an der sich dabei aufdrängenden Frage : Wodurch ermöglichen sich diese Preise ? still vorbeizugehen . Unser Freund in Spindlersfelde da drüben degradiert uns vielleicht auch durch das , was er so hilfreich für uns tut . Armgard , wie denken Sie darüber ? « » Ganz wie Sie , Baronin . « » Und Melusine ? « Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang darauf , daß die beiden älteren Herren , die mittlerweile herangekommen waren , den Ausschlag geben sollten . Aber der alte Graf wollte davon nichts wissen . » Das sind Doktorfragen . Auf derlei Dinge laß ich mich nicht ein . Ich schlage vor , wir machen lieber kehrt und suchen uns im Eierhäuschen einen hübschen Platz , von dem aus wir das Leben auf dem Fluß beobachten und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut sehen können . « Ziemlich um dieselbe Stunde , wo die Barbyschen und Berchtesgadenschen Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde zu machten , erschien unser Freund Mister Robinson , von seinem Stallgebäude her , in Front der Lennéstraße , sah erst gewohnheitsmäßig nach dem Wetter und ging dann quer durch den Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu , wo die Immes ihn bereits erwarteten . Frau Imme , die , wie die meisten kinderlosen Frauen ( und Frauen mit Sappeurbartmännern sind fast immer kinderlos ) , einen großen Wirtschafts- und Sauberkeitssinn hatte , hatte zu Mister Robinsons Empfang alles in die schönste Ordnung gebracht , um so mehr , als sie wußte , daß ihr Gast , als ein verwöhnter Engländer , immer der Neigung nachgab , alles Deutsche , wenn auch nur andeutungsweise , zu bemängeln . Es lag ihr daran , ihn fühlen zu lassen , daß man ' s hier auch verstehe . So war denn von ihr nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette , sondern auch eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern links und rechts aufgestellt worden . Frau Imme konnte das alles und noch mehr infolge der bevorzugten Stellung , die sie von langer Zeit her bei den Barbys einnahm , zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges Ding gekommen und in deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben war . Auch jetzt noch hingen beide Damen an ihr , und mit Hilfe Lizzis , die , so diskret sie war , doch gerne plauderte , war Frau Imme jederzeit über alles unterrichtet , was im Vorderhause vorging . Daß der Rittmeister sich für die Damen interessierte , wußte sie natürlich wie jeder andre , nur nicht - auch darin wie jeder andre - , für welche . Ja , für welche ? Das war die große Frage , selbst für Mister Robinson , der regelmäßig , wenn er die Immes sah , sich danach erkundigte . Dazu kam es denn auch heute wieder , und zwar sehr bald nach seinem Eintreffen . Eine große Familientasse mit einem in Front eines Tempels den Bogen spannenden Amor war vor ihn hingestellt worden , und als er dem Streuselkuchen ( für den er eine so große Vorliebe hatte , daß er regelmäßig erklärte , so was gäb es in den vereinigten drei Königreichen nicht ) - als er dem Streusel liebevoll und doch auch wieder maßvoll zugesprochen hatte , betrachtete er das Bild auf der großen Tasse , zeigte , was bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte , schelmisch lächelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte : » Hier hinten ein Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch . Und hier this little fellow with his arrow . Ich möchte mir die Frage gestatten - Sie sind eine so kluge Frau , Frau Imme - : wird er den Pfeil fliegen lassen oder nicht , und wenn er den Pfeil fliegen läßt , ist es die Priesterin , die hier neben dem Lorbeer steht , oder ist es eine andre ? « » Ja , Mister Robinson « , sagte Frau Imme , » darauf ist schwer zu antworten . Denn erstens wissen wir nicht , was er überhaupt vorhat , und dann wissen wir auch nicht : wer ist die Priesterin ? Ist die Comtesse die Priesterin , oder ist die Gräfin die Priesterin ? Ich glaube , wer schon verheiratet war , kann wohl eigentlich nicht Priesterin sein . « » Ach « , sagte Imme , in dem sich der naturwüchsige Mecklenburger regte , » sein kann alles . Über so was wächst Gras . Ich glaube , es is die Gräfin . « Robinson nickte . » Glaub ich auch . And what ' s the reason , dear Mistress Imme ? Weil Witib vor Jungfrau geht . Ich weiß wohl , es ist immer viel die Rede von virginity , aber widow ist mehr als virgin . « Frau Imme , die nur halb verstanden hatte , verstand doch genug , um zu kichern , was sie übrigens sittsam mit der Bemerkung begleitete , sie habe so was von Mister Robinson nicht geglaubt . Robinson nahm es als Huldigung und trat , nachdem er sich mit Erlaubnis der » Lady « ein kurzes Pfeifchen mit türkischem Tabak angesteckt hatte , an ein Fensterchen , in dessen mit einer kleinen Laubsäge gemachten Blumenkasten rote Verbenen blühten , und sagte , während er auf den Hof mit seinen drei Akazienbäumen herunterblickte : » Wer ist denn der hübsche Junge da , der da mit seinem Hoop spielt ? Hier sagen sie Reifen . « » Das is ja Hartwigs Rudolf « , sagte Frau Imme . » Ja , der Junge hat viel Chic . Und wie er da mit dem Reifen spielt und die Hedwig immer hinter ihm her , wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte . Na , ich freue mich immer , wenn ich ausgelassene Menschen sehe , und wenn Hartwig kommt - ich wundere mich bloß , daß er noch nicht da ist - , da können Sie ihm ja sagen , wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden . Das wird ihn freuen ; er ist furchtbar eitel . Alle Portiersleute sind eitel . Aber das muß wahr sein , es ist ein reizender Junge . « Während sie noch so sprachen , erschien Hartwig , auf den Imme , skatdurstig , schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte , und keine drei Minuten mehr , so war auch Hedwig da , die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen Cousin Rudolf in dem Hof unten abgeäschert hatte . Beide wurden mit gleicher Herzlichkeit empfangen , Hartwig , weil nach seinem Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte , Hedwig , weil Frau Imme nun gute Gesellschaft hatte . Denn Hedwig konnte wundervoll erzählen und brachte jedesmal Neuigkeiten mit . Sie mochte vierundzwanzig sein , war immer sehr sauber gekleidet und von heiter-übermütigem Gesichtsausdruck . Dazu krauses , kastanienbraunes Haar . Es traf sich , daß sie mal wieder außer Dienst war . » Nun , das ist recht , Hedwig , daß du kommst « , sagte Frau Imme . » Rudolfen hab ich eben erst gefragt , wo du geblieben wärst , denn ich habe dich ja mit ihm spielen sehen ; aber solch Junge weiß nie was ; der denkt bloß immer an sich , und ob er sein Stück Kuchen kriegt . Na , wenn er kommt , er soll ' s haben ; Robinson ißt immer sowenig , wiewohl er den Streusel ungeheuer gern mag . Aber so sind die Engländer , sie sind nicht so zugreifsch , und dann geniert sich mein Imme auch , und die Hälfte bleibt übrig . Na , jedenfalls is es nett , daß du wieder da bist . Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht ordentlich gesehen . Es war ja wohl ' ne Hofrätin ? Na , Hofrätinnen , die kenn ich . Aber es gibt auch gute . Wie war er denn ? « » Na , mit ihm ging es . « » Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein . Die können manche nicht vertragen . Und wenn dann die Frau was merkt , dann is es vorbei . « » Nein , so war es nicht . Er war ein sehr anständiger Mann . Beinahe zu sehr . « » Aber , Kind , wie kannst du nur so was sagen ? Wie kann einer zu anständig sein ? « » Ja , Frau Imme . Wenn einen einer gar nicht ansieht , das is einem auch nicht recht . « » Ach , Hedwig , was du da bloß so redst ! Und wenn ich nich wüßte , daß du gar nich so bist ... Aber was war es denn ? « » Ja , Frau Imme , was soll ich sagen , was es war ; es is ja immer wieder dasselbe . Die Herrschaften können einen nich richtig unterbringen . Oder wollen auch nich . Immer wieder die Schlafstelle oder , wie manche hier sagen , die Schlafgelegenheit . « » Aber , Kind , wie denn ? Du mußt doch ' ne Gelegenheit zum Schlafen haben . « » Gewiß , Frau Imme . Und ' ne Gelegenheit , so denkt mancher , is ' ne Gelegenheit . Aber gerade die , die hat man nich . Man ist müde zum Umfallen und kann doch nicht schlafen . « » Versteh ich nich . « » Ja , Frau Imme , das macht , weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so gute Herrschaften waren , und mit Lizzi is es jetzt wieder ebenso . Die hat es auch gut un is , wie wenn sie mit dazu gehörte . Meine Tante Hartwig erzählt mir immer davon . Und einmal hab ich es auch so gut getroffen . Aber bloß das eine Mal . Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit . « Frau Imme lachte . » Sie lachen darüber , Frau Imme . Das is aber nich recht , daß Sie lachen . Glauben Sie mir , es is eigentlich zum Weinen . Und mitunter hab ich auch schon geweint . Als ich nach Berlin kam , da gab es ja noch die Hängeböden . « » Kenn ich , kenn ich ; das heißt , ich habe davon gehört . « » Ja , wenn man davon gehört hat , das is nich viel . Man muß sie richtig kennenlernen . Immer sind sie in der Küche , mitunter dicht am Herd oder auch gerade gegenüber . Und nun steigt man auf eine Leiter , und wenn man müde is , kann man auch runterfallen . Aber meistens geht es . Und nun macht man die Tür auf und schiebt sich in das Loch hinein , ganz so wie in einen Backofen . Das is , was sie ' ne Schlafgelegenheit nennen . Und ich kann Ihnen bloß sagen : auf einem Heuboden is es besser , auch wenn Mäuse da sind . Und am schlimmsten is es im Sommer . Draußen sind dreißig Grad , und auf dem Herd war den ganzen Tag Feuer ; da is es denn , als ob man auf den Rost gelegt würde . So war es , als ich nach Berlin kam . Aber ich glaube , sie dürfen jetzt so was nich mehr bauen . Polizeiverbot . Ach , Frau Imme , die Polizei is doch ein rechter Segen . Wenn wir die Polizei nich hätten ( und sie sind auch immer so artig gegen einen ) , so hätten wir gar nichts . Mein Onkel Hartwig , wenn ich ihm so erzähle , daß man nicht schlafen kann , der sagt auch immer : Kenn ich , kenn ich ; der Bourgeois tut nichts für die Menschheit . Und wer nichts für die Menschheit tut , der muß abgeschafft werden . « » Ja , dein Onkel spricht so . Und war es denn bei deinem Hofrat , wo du nu zuletzt warst , auch so ? « » Nein , bei Hofrats war es nicht so . Die wohnten ja auch in einem ganz neuen Hause . Hofrats waren Trockenwohner . Und in dem , was jetzt die neuen Häuser sind , da kommen , glaub ich , die Hängeböden gar nicht mehr vor ; da haben sie bloß noch die Badestuben . « » Nu , das is aber doch ein Fortschritt . « » Ja , das kann man sagen ; Badestube als Badestube ist ein Fortschritt oder , wie Onkel Hartwig immer sagt , ein Kulturfortschritt . Er hat meistens solche Wörter . Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt . « » Gott , Kind , sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt haben ? « » I bewahre . Das tun sie schon der Badewanne wegen nich . Da werden sie sich hüten . Aber ... Ach , Frau Imme , ich kann nur immer wieder sagen , Sie wissen nich Bescheid ; Sie hatten es gut , wie Sie noch unverheiratet waren , und nu haben Sie ' s erst recht gut . Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung , un daß es ein bißchen nach Pferde riecht , das schadet nich ; das Pferd is ein feines und reinliches Tier , und all seine Verrichtungen sind so edel . Man sagt ja auch : das edle Pferd . Und außerdem soll es so gesund sein , fast so gut wie Kuhstall , womit sie ja die Schwindsucht kurieren . Und dazu haben Sie hier den Blick auf die Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama , wo man sehen kann , wie alles is , und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung , wo es so furchtbar zieht , bloß damit man immer frische Luft hat . Aber bei Hofrats ... Nein , diese Badestube ! « » Gott , Hedwig « , sagte Frau Imme , » du tust ja , wie wenn es eine Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre . « » Verbrecherkeller ? Ach , Frau Imme , das is ja gar nichts . Ich habe Verbrecherkeller gesehen , natürlich bloß zufällig . Da trinken sie Weißbier und spielen Sechsundsechzig . Und in einer Ecke wird was ausbaldowert , aber davon merkt man nichts . « » Und die Badestube ... warum is sie dir denn so furchtbar , daß du dich ordentlich schudderst ? Der Mensch muß doch am Ende baden können . « » Ach was , baden ! natürlich . Aber ' ne Badestube is nie ' ne Badestube . Wenigstens hier nicht . Eine Badestube is ' ne Rumpelkammer , wo man alles unterbringt , alles , wofür man sonst keinen Platz hat . Und dazu gehört auch ein Dienstmädchen . Meine eiserne Bettstelle , die abends aufgeklappt wurde , stand immer neben der Badewanne , drin alle alten Bier- und Weinflaschen lagen . Und nun drippten die Neigen aus . Und in der Ecke stand ein Bettsack , drin die Fräuleins ihre Wäsche hineinstopften , und in der andern Ecke war eine kleine Tür . Aber davon will ich zu Ihnen nicht sprechen , weil ich einen Widerwillen gegen Unanständigkeiten habe , weshalb schon meine Mutter immer sagte : Hedwig , du wirst noch Jesum Christum erkennen lernen . Und ich muß sagen , das hat sich bei Hofrats denn auch erfüllt . Aber fromm waren sie weiter nich . « Während Hedwig noch so weiterklagte , hörte man , daß draußen die Klingel ging , und als Frau Imme öffnete , stand Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte , daß er Vatern holen solle und Hedwigen auch ; Mutter müsse weg . » Na « , sagte Frau Imme , » dann komm nur , Rudolf , un iß erst ein Stück Streusel und bestell es nachher bei deinem Vater . « Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und führte ihn in das Nebenzimmer , wo die drei Männer vergnügt an ihrem Skattisch saßen . Ein großes Spiel war eben gemacht ; alles noch in Aufregung . Robinson , als er Rudolfen sah , nickte ihm zu und sagte zu Imme : » Das is ja der hübsche Junge , den ich vorhin auf dem Hof gesehen habe mit seinem Hoop ; - nice boy . « » Ja « , sagte Imme , » das is unsrem Freund Hartwig seiner . « Hartwig selber aber rief seinen Jungen heran und sagte : » Na , Rudolf , was gibt ' s ? Du willst mich holen . Du sollst aber auch noch ' ne Freude haben . Kuck dir mal den Herrn da an , der dich so freundlich ansieht . Das is Robinson . « » Haha . « » Ja , Junge , warum lachst du ? Glaubst du ' s nich , wenn ich dir sage , das is Robinson ? « » I bewahre , Vater . Robinson , den kenn ich . Robinson hat ' nen Sonnenschirm und ein Lama . Un der is auch schon lange dod . « Fünfzehntes Kapitel Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem » Eierhäuschen « zurückgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen niedergelassen , eine Laube von Baumkronen über sich . Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit . Gleich danach erschien auch ein Kellner , um die Bestellungen entgegenzunehmen . Es entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause ; niemand wußte was zu sagen , bis die Baronin auf den Stamm einer ihr gegenüberstehenden Ulme wies , drauf » Wiener Würstel « und daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort » Löwenbräu « stand . In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder , und die Baronin hob ihr Seidel und ließ das » Eierhäuschen « und die Spree leben , zugleich versichernd , » daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin tränke « . Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon wissen und drang in seine Frau , lieber mehr nach links zu rücken , um den Sonnenuntergang besser beobachten zu können ; » der sei freilich in Berlin ebensogut wie woanders « . Die Baronin hielt aber aus und rührte sich nicht . » Was Sonnenuntergang ! den seh ich jeden Abend . Ich sitze hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter . « Und nicht lange mehr , so waren diese Lichter auch wirklich da . Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich , sondern auch auf dem drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich allmählich die verschiedenfarbigen Signale , während mitten auf der Spree , wo Schleppdampfer die Kähne zogen , ein verblaktes Rot aus den Kajütenfenstern hervorglühte . Dabei wurde es kühl , und die Damen wickelten sich in ihre Plaids und Mäntel . Auch die Herren fröstelten ein wenig , und so trat denn der ersichtlich etwas planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten an das in der Nähe befindliche Büfett heran , um da zur Herstellung einer besseren Innentemperatur das Nötige zu veranlassen . Und siehe da , nicht lange mehr , so stand auch schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug , aus dem , als man den Deckel aufklappte , der heiße Wrasen emporschlug . Die Baronin , in solchen Dingen die scharfblickendste , war sofort orientiert und sagte : » Lieber Stechlin , ich beglückwünsche Sie . Das war eine große Idee . « » Ja , meine Damen , ich glaubte , daß etwas geschehen müsse , sonst haben wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus . Und zurück müssen wir doch auch . Auf dem Schiffe , wo solche Hilfsmittel , glaub ich , fehlen , sind wir allen Unbilden der Elemente preisgegeben . « » Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen « , unterbrach Melusine . » Schwedischer Punsch , für den ich ein liking habe . Wie für Schweden überhaupt . Da Doktor Wrschowitz nicht da ist , können wir uns ungestraft einem gewissen Maß von Skandinavismus überlassen . « » Am liebsten ohne alles Maß « , sagte Woldemar , » so skandinavisch bin ich . Ich ziehe die Skandinaven den sonst Meistbegünstigten unter den Nationen immer noch vor . Alle Länder erweitern übrigens ihre Spezialgebiete . Früher hatte Schweden nur zweierlei : Mut und Eisen , von denen man sagen muß , daß sie gut zusammenpassen . Dann kamen die Säkerhets Tändstickors , und nun haben wir den schwedischen Punsch , den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle . Ihr Wohl , meine Damen . « » Und das Ihre « , sagte Melusine , » denn Sie sind doch der Schöpfer dieses glücklichen Moments . Aber wissen Sie , lieber Stechlin , daß ich in Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermißt habe . Die Schweden haben noch eins - oder hatten es wenigstens . Und das war die schwedische Nachtigall . « » Ja , die hab ich vergessen . Es fällt vor meine Zeit . « » Ich müßte « , lachte die Gräfin , » vielleicht auch sagen : es fällt vor meine Zeit . Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen , die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben . Freilich nicht mehr so eigentlich als schwedische Nachtigall . Und überhaupt unter anderm Namen . « » Ja , ich erinnere mich « , sagte Woldemar , » sie hatte sich verheiratet . Wie hieß sie doch ? « » Goldschmidt - ein Name , den man schon um Goldschmieds Töchterlein willen gelten lassen kann . Aber an Jenny Lind reicht er allerdings nicht heran . « » Gewiß nicht . Und Sie sagten , Frau Gräfin , Sie hätten sie noch persönlich gekannt ? « » Ja , gekannt und auch gehört . Sie sang damals , wenn auch nicht mehr öffentlich , so doch immer noch in ihrem häuslichen Salon . Diese Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen . Ich war noch ein halbes Kind , aber trotzdem doch mit eingeladen , was mir allein schon etwas bedeutete . Dazu die Fahrt von Hyde Park bis in die Villa hinaus . Ich weiß noch deutlich , ich trug ein weißes Kleid und einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst . Die Lind beobachtete mich , und ich sah , daß ich ihr gefiel . Wenn man Eindruck macht , das behält man . Und nun gar mit vierzehn ! « » Die Lind « , warf die Baronin etwas prosaisch ein , » soll ihrerseits als Kind sehr häßlich gewesen sein . « » Ich hätte das Gegenteil vermutet « , bemerkte Woldemar . » Und auf welche Veranlassung hin , lieber Stechlin ? « » Weil ich ein Bild von ihr kenne . Wir haben es , wie bekannt , seit einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie . Aber lange bevor ich es da sah , kannt ich es schon en miniature , und zwar aus einer im Besitz meines Freundes Lorenzen befindlichen Aquarelle . Diese Kopie hängt über seinem Sofa , dicht unter einer Rubensschen Kreuzabnahme . Wenn man will , eine etwas sonderbare Zusammenstellung . « » Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre ! « sagte Melusine . » Wissen Sie , Rittmeister , daß ich die Tatsache , daß so was überhaupt in einem kleinen Dorfe vorkommen kann , Ihrem berühmten See beinah gleichstelle ? Unsre schwedische Nachtigall in Ihrem Ruppiner Winkel , wie Sie selbst beständig sich auszudrücken lieben . Die Lind ! Und wie kam Ihr Pastor dazu ? « » Die Lind war , glaub ich , seine erste Liebe . Sehr wahrscheinlich auch seine letzte . Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank und schlug sich mit Stundengeben durch . Aber er hörte die Diva trotzdem jeden Abend und wußte sich auch , trotz bescheidenster Mittel , das Bildchen zu verschaffen . Fast grenzt es ans Wunderbare . Freilich verlaufen die Dinge meist so . Wär er reich gewesen , so hätt er sein Geld anderweitig vertan und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen . Nur die Armen bringen die Mittel auf für das , was jenseits des Gewöhnlichen liegt ; aus Begeisterung und Liebe fließt alles . Und es ist etwas sehr Schönes , daß es so ist in unserm Leben . Vielleicht das Schönste . « » Das will ich meinen « , sagte die Gräfin . » Und ich dank es Ihnen , lieber Stechlin , daß Sie das gesagt haben . Das war ein gutes Wort , das ich Ihnen nicht vergessen will . Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher ? « » Ja , mein Lehrer und Erzieher . Zugleich mein Freund und Berater . Der , den ich über alles liebe . « » Gehen Sie darin nicht zu weit ? « lachte Melusine . » Vielleicht , Gräfin , oder sag ich lieber : gewiß . Und ich hätte dessen eingedenk sein sollen , gerade heut und gerade hier . Aber soviel bleibt : ich liebe ihn sehr , weil ich ihm alles verdanke , was ich bin , und weil er reinen Herzens ist . « » Reinen Herzens « , sagte Melusine . » Das ist viel . Und Sie sind dessen sicher ? « » Ganz sicher . « » Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute ! Da waren Sie neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem misogynen Prinzen wissen lassen . Und während Sie den in den Vordergrund stellen , halten Sie diesen Pastor Lorenzen ganz gemütlich in Reserve . Wie kann man so grausam sein und mit seinen Berichten und Redekünsten so launenhaft operieren ! Aber holen Sie wenigstens nach , was Sie versäumt haben . Die Fragen drängen sich ordentlich . Wie kam Ihr Vater auf den Einfall , Ihnen einen solchen Erzieher zu geben ? Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese Gegenden ? Und wie kam er überhaupt in diese Welt ? Es ist so selten , so selten . « Armgard und die Baronin nickten . » Ich bekenne , mich quält die Neugier , mehr von ihm zu hören « , fuhr Melusine fort . » Und er ist unverheiratet ? Schon das allein ist immer ein gutes Zeichen . Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen , damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt . Ihr Lorenzen ist eben in allem , wie mir scheint , ein Ausnahmemensch . Also beginnen . « » Ich bin dazu besten Willens , Frau Gräfin . Aber es ist zu spät dazu , denn das helle Licht , das Sie da sehen , das ist bereits unser Dampfer . Wir haben keine Wahl mehr , wir müssen abbrechen , wenn wir nicht im Eierhäuschen ein Nachtquartier nehmen wollen . Unterwegs ist übrigens Lorenzen ein wundervolles Thema , vorausgesetzt , daß uns der Anblick der Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt Aber hören Sie ... der Dampfer läutet schon ... , wir müssen eilen . Bis an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten ! « Und nun war man glücklich auf dem Schiff , auf dem Woldemar und die Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegehabten Plätze sofort wieder einnahmen . Nur die beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten auf Deck auf und ab und sahen , wenn sie vorn am Bugspriet eine kurze Rast machten , auf die vielen hundert Lichter , die sich von beiden Ufern her im Fluß spiegelten . Unten im Maschinenraum hörte man das Klappern und Stampfen , während die Schiffsschraube das Wasser nach hinten schleuderte , daß es in einem weißen Schaumstreifen dem Schiffe folgte . Sonst war alles still , so still , daß die Damen ihr Gespräch unterbrachen . » Armgard , du bist so schweigsam « , sagte Melusine , » finden Sie nicht auch , lieber Stechlin ? Meine Schwester hat noch keine zehn Worte gesprochen . « » Ich glaube , Gräfin , wir lassen die Comtesse . Manchem kleidet es zu sprechen , und manchem kleidet es zu schweigen . Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger . « » Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen . « » Ich glaub es nicht , Gräfin , und vor allem wünsch ich es nicht . Wer könnt es wünschen ? « Sie drohte ihm mit dem Finger . Dann schwieg man wieder und sah auf die Landschaft , die da , wo der am Ufer hinlaufende Straßenzug breite Lücken aufwies , in tiefem Dunkel lag . Urplötzlich aber stieg gerad aus dem Dunkel heraus ein Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da , wobei rote und blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen . » Wie schön « , sagte Melusine . » Das ist mehr , als wir erwarten durften ; Ende gut , alles gut - nun haben wir auch noch ein Feuerwerk . Wo mag es sein ? Welche Dörfer liegen da hinüber ? Sie sind ja so gut wie ein Generalstäbler , lieber Stechlin , Sie müssen es wissen . Ich vermute Friedrichsfelde . Reizendes Dorf und reizendes Schloß . Ich war einmal da ; die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau