: die Studenten und die Professoren , oder wie sie sonst hießen . Er trug ein deutliches , höchst persönliches Bild von seinem Gotte in der Seele . Er wußte ganz genau , wie er zu dem da oben stand ; es bedurfte keines Vermittlers , um ihn zu Gott zu führen . Manchmal in früher Morgenstunde , wenn er auf dem Felde stand , allein , und die Welt erstrahlte plötzlich in überirdischem Glanze , dann fühlte er Gottes Nähe , da nahm er die Mütze vom Haupte und sammelte sich zu kurzem Gebet . Oder ein Wetter brauste daher über sein Haus und Land mit Blitzschlag und Donnergrollen , dann spürte er Gottes Allmacht . Oder nach langer Dürre ging ein befruchtender Regen nieder , dann kam der Allmächtige selbst hernieder auf seine Erde . In solchen Augenblicken ließ der Alte etwas wie eine Weihestimmung in sich aufkommen . Sonst liebte er das Hingeben an Gefühle nicht . Er war kein Beter . Des Abends beim Abendläuten nahm er aus alter Gewohnheit die Mütze ab , sobald die Glocke anschlug , und sprach sein Vaterunser ; das war aber auch alles . Im übrigen mußte der sonntägliche Gottesdienst für die Woche aushalten . Je älter der Bauer wurde , desto mehr zog er sich auf sich selbst zurück , umgab sich mit einem Mantel von Welthaß und Menschenverachtung . Und je einsamer er sich so machte , desto stärker wurde doch in ihm das Bedürfnis , welches tief in der Brust eines jeden Menschen lebt : sein Leben über den Tod hinaus fortzusetzen , seine Persönlichkeit nicht untergehen zu sehen , seinen Werken die Fortdauer zu sichern , daß er nicht der Vergessenheit anheimfalle , die Erinnerung an ihn nicht ausgelöscht werde wie die Fußspur im Sande . Wäre er eine mystisch angelegte Natur gewesen , so hätte er sein Heil in der Gläubigkeit gesucht . Aber er war derb und nüchtern , ein Bauer ; alle seine Triebe waren der lebendigen Wirklichkeit zugewandt . Darum konnte ihm die Seligkeit , wie sie das Christentum versprach , wenig Trost gewähren . Ein Himmel mit rein geistigen Freuden bot ihm keine Anziehung . Er wollte nicht Verklärung , er wollte Fortsetzung der Wirklichkeit , an der sein Ich mit allen Fasern hing . Er war ein Sohn der Erde . Was er hier gewesen , was er auf dieser Welt geschaffen und gewollt , sollte ewigen Bestand haben . Es konnte darum keine bitterere Erfahrung für den alten Mann geben , als mit ansehen zu müssen , wie sein Lebenswerk mehr und mehr dem Untergange entgegensteuerte . Von allen Seiten sah er feindliche Mächte vordringen , die ihm das entreißen wollten , was er aus der Hand seines Vaters als das köstlichste Erbteil empfangen hatte : sein Gut . Und in seinem Kummer war ein Stachel verborgen ; ein Tropfen gab dem Kelche den bittersten Beigeschmack : der Selbstvorwurf . Er wollte es sich nicht eingestehen , aber er mußte es doch fühlen , das wurmende und brennende Bewußtsein , daß er selbst die Schuld trug . Solche Erkenntnis kam nur blitzartig über ihn . Er wußte die selbstklägerische Stimmung wohl zu verscheuchen . Andere waren schuld , nicht er ! die schlechten Zeiten , die Verhältnisse . Haß gegen die Welt , das war der beste Trost , Ingrimm das beste Schutzmittel des Trotzigen gegen die gefürchtete Reue . Einen wirklichen Trost hatte er , und an diesen klammerte er sich mehr und mehr mit der verzweiflungsvollen Kraft des Sinkenden : seinen Sohn Gustav . Wenn jemand ihn retten konnte , so war er es . Das Zeug hatte der Junge dazu . In Gustav sah er ein Stück vom Großvater , Leberecht , wieder lebendig werden . Zweites Buch . I. Eines Tages wurde dem Büttnerbauer ein Schreiben vom Amtsgericht zugestellt . Es war ein Zahlungsbefehl . Das Gesuch dazu war von Ernst Kaschel gestellt , welcher Zahlung seiner siebzehnhundert Mark nebst Zinsen und Kosten verlangte , widrigenfalls er mit Zwangsvollstreckung drohte . Die Nachricht schlug wie ein Blitzstrahl ein . Trotz seiner mangelhaften Kenntnis von der Rechtspflege begriff der alte Mann doch sofort , was das zu bedeuten habe . Nun stand es fest , daß Kaschelernst seinen Untergang wollte ; dies hier war die Waffe , mit der er ihm auf den Leib rückte . Zwangsvollstreckung und in letzter Linie Zwangsversteigerung des Gutes , darauf hatte der Kretschamwirt es abgesehen . Der Büttnerbauer hatte in seinem Leben mehr als ein Gut der Nachbarschaft unter dem Hammer weggehen sehen . Manchen Bauern hatte er gekannt , der als wohlhabender Mann angefangen und schließlich mit dem weißen Stabe in der Hand aus dem Hofe geschritten war . Zwangsversteigerung ! Der Gedanke daran konnte einem das Blut in den Adern gerinnen machen . Das war das Ende von allem ! Der Bauer , dem das geschah , war gestrichen aus der Liste der Lebenden , losgerissen von seinem Gute , ausgerodet , hinausgeworfen auf die Landstraße , wie man ein Unkraut aus dem Acker rauft und über den Zaun wirft . - Gustav war der einzige von der ganzen Familie , mit dem der Bauer von diesem neuesten Unglück sprach . Gustav sah sofort die Gefährlichkeit der Lage ein . Er sagte sich , daß etwas geschehen müsse , um die angedrohte Maßregel zu verhindern . Zunächst schien es immer noch das vernünftigste , mit Kaschelernst selbst Rücksprache zu nehmen . Am Ende ließ er sich doch dazu bringen , Stundung zu gewähren , vor allem , wenn man ihm vorstellte , daß er sein Geld bei einer Zwangsvollstreckung kaum herausbekommen und im Falle der Versteigerung sogar gänzlich einbüßen werde . Dadurch gewann man Frist , und währenddessen gelang es vielleicht , von anderer Seite Hilfe zu schaffen . Gustav ging also noch am selben Morgen , als die Urkunde vom Gericht eingetroffen war , nach dem Kretscham . Leicht wurde ihm der Gang nicht . Er würde bitten müssen , auf alle Fälle sich demütigen vor den Verwandten . Dabei war ihm die ganze Familie widerlich . Seinen Onkel Kaschel hatte er nie ausstehen mögen . Wenn er an seine Cousine Ottilie dachte , hätte ihm übel werden können . Und auch mit seinem Vetter Richard stand er auf gespanntem Fuße , seit er ihn als Jungen einmal windelweich geprügelt . Gustav hatte den Vetter nämlich dabei überrascht , wie er mit dem Pustrohre nach einem Huhn schoß , das er an einen Baum angebunden hatte als lebendige Zielscheibe . Diese Züchtigung hatte Richard Kaschel wohl nicht so leicht vergessen . Gustav traf in der Schenkstube seine Cousine Ottilie . Er fragte sie ohne Umschweife nach dem Vater . Der sei im Keller mit Richard und ziehe Bier ab , erklärte das Mädchen , verlegen kichernd . Dann bat sie den Vetter , doch ins gute Zimmer zu treten . Dieser Raum lag neben der großen Gaststube und unterschied sich von ihr in seiner Ausstattung eigentlich nur durch ein Paar schlechte Öldrucke , welche den Kaiser und die Kaiserin darstellten . Hier mußte Gustav Platz nehmen . Ottilie war übergeschäftig um ihn bemüht , ihm einen Stuhl zurechtzurücken und den Tisch vor ihm mit einem Tuche abzuwischen . Dabei blinzelte sie den Vetter mit vielsagendem Lächeln von der Seite an . Er sei von der Stadt her verwöhnt , zirpte sie mit erkünstelt hoher Stimme , aber er müsse eben hier vorlieb nehmen mit dem , was er vorfände . Es sei doch recht langweilig in Halbenau . Warum sich denn der Vetter nicht öfter mal blicken lasse . Und zum Tanze sei er noch gar nicht gesehen worden im Kretscham . Die Mädchen hier seien ihm wohl nicht sein genug ? - Gustav antwortete kaum auf ihre Bemerkungen . Er witterte etwas von Eifersucht in dem Wesen der Cousine . Hübsch war sie nicht mit ihrem Kropfansatz , der langen , überbauten Figur und dem schiefen Munde , der neuerdings eine Zahnlücke aufwies . Doch dafür konnte sie schließlich nichts . Aber was für eine Schlampe sie war ! So herumzulaufen ! Mit zerrissenen Strümpfen , zerschlissener Taille und ungemachtem Haar . Und so was wollte die reichste Erbin in Halbenau sein ! Gustav stellte unwillkürlich Vergleiche an zwischen ihrer Schmuddelei und der Sauberkeit , die stets um Pauline herrschte . Ottilie lief plötzlich hinaus . Er glaubte , es sei , um den Vater herbeizuholen . Eine ganze Weile hatte er zu warten . Dann kam das Mädchen zurück , aber ohne den Wirt . Sie brachte vielmehr ein Brett mit Frühstück darauf . Da waren verschiedene Flaschen und Schüsseln . Freundlich lächelnd setzte sie das vor den Vetter hin . Gustav war ärgerlich . Zwar ein Kostverächter war er nie gewesen , und bei den Eltern ging es neuerdings schmal genug her ; ein Frühstück nahm er immer gern an . Aber von der hier bewirtet zu werden , das paßte ihm ganz und gar nicht . Ihr Anblick konnte ihm jeden Appetit verderben . Ottilie schien den Widerwillen nicht zu bemerken , den sie einflößte . Sie schenkte ein , zunächst ein Glas Bier , neben das sie noch zur Auswahl ein kleineres Glas mit rötlichem Inhalt stellte . Dann setzte sie sich ihm gegenüber an den Tisch und sah ihm zu , wie er aß und trank , mit dem Ausdrucke innigster Befriedigung in ihren Zügen . Es entging ihm nicht , daß sie sich inzwischen eine andere Taille angezogen hatte . Er mußte unwillkürlich lächeln über so viel verlorene Mühe . Schöner sah sie in dem rot und gelb gemusterten Zeuge auch nicht aus mit ihrer flachen Brust und der gelblichen Hautfarbe . Das Mädchen tat sein Möglichstes , um den Vetter zum Zulangen zu bringen . Nach jedem Schlucke , den er nahm , schenkte sie nach , so daß der Inhalt des Glases niemals abnahm . Gustavs gesunder Appetit hatte bald den anfänglichen Widerwillen überwunden . Zudem fragte er sich , warum er die Torheit des Frauenzimmers nicht ausnutzen solle . Er ließ sich seines Onkels Bier , Schnaps und Schinken gut schmecken . Als er sich soweit gesättigt hatte , daß er nicht mehr imstande war , noch einen Bissen herunterzubringen , schob er den Teller von sich . Ottilie sprang auf , holte Zigarren und brannte ihm eigenhändig eine an . Er bat sie , daß sie nun den Vater aus dem Keller holen möge . Sie meinte darauf , das habe ja noch Zeit . Man habe sich doch so mancherlei zu erzählen , wenn man sich so lange nicht gesehen . Dabei wechselte sie den Platz , setzte sich an seine Seite . Das wurde ihm doch zu viel des Guten . Es bedurfte einer sehr energischen Aufforderung von seiner Seite , daß sie sich bewogen fühlte , endlich den Vater herbeizurufen . Der Wirt erschien , wie gewöhnlich , in Pantoffeln , die Zipfelmütze auf dem Kopfe , die Hände unter der blauen Schürze . Hinter ihm sein Sohn wußte die Haltung des Vaters vortrefflich nachzuahmen . Nach Kaschelscher Art begrüßten sie Gustav mit Kichern und Grinsen , das sich bei jedem Worte , das gesprochen wurde , erneuerte . » Ottilie ! Ich nahm o eenen ! « rief der Wirt . » Vun an Bierabziehn kann eens schon warm warn . Newohr , Richard ? « Der Sohn feixte dummdreist und schielte falsch verlegen nach dem Vetter hin . Er mochte an die Lektion denken , die er von dem einstmals empfangen hatte . Gustav , um etwas zu sagen , fragte , ob Richard nicht bald zu den Soldaten müsse . Da erhellten sich die Gesichter von Vater und Sohn gleichzeitig . Der Alte meinte schmunzelnd : » Ar is frei gekummen . Ju , ju ! Richard is militärfrei ! « Gustav sprach seine Verwunderung darüber aus , Richard habe doch seines Wissens kein Gebrechen . » Nu , mir wußten och nischt dervon sulange . Aber der Herr Oberstabsarzt meente , er hätte Krampfadern an linken Beene . Ju , ju ! Krampfadern taten se ' s heeßen . Newohr , Richard ? Und da wurd ' ' r zuricke gestellt . Nu , ich ha ' natirlich nischt ne dadergegen , und der Junge erscht recht ne . Newohr , Richard ? « Der alte Kaschel schüttelte sich vor Lachen . Er schien es für einen besonders genialen Streich seines Sohnes anzusehen , daß er infolge seiner Krampfadern militäruntüchtig war . Gustav hätte gern offen heraus gesagt , was ihm auf der Zunge lag , daß dem Bengel die militärische Zucht gewiß recht gut getan haben würde , aber er unterdrückte die Bemerkung . Er hütete sich , in diesem Augenblicke etwas zu äußern , was den Onkel hätte verdrießen können . Er war ja als Bittsteller hierher gekommen . Er begann nunmehr mit seinem Anliegen herauszurücken . Sobald der Onkel merkte , daß von Geschäften gesprochen werden solle , schickte er Ottilien aus dem Zimmer . Zu Gustavs Verdrusse blieb aber Richard anwesend . Gustav saß an der breiten Seite des Tisches , die beiden Kaschels ihm gegenüber . In den Angesichtern von Vater und Sohn , deren Ähnlichkeit hier , wo sie so dicht beieinander waren , in unangenehmster Weise sich aufdrängte , lauerte die nämliche , unter blöder Miene verborgene dreiste Schlauheit . Sie ließen den Vetter reden . Lächelnd , hin und wieder mit den Augen zwinkernd , hörten sie sich seinen Bericht mit an . Gustav sprach mit Offenheit . Die mißliche Lage seines Vaters war ja doch nicht mehr zu verbergen . Er erklärte , daß , bestünde der Onkel auf seiner Forderung , der Bankrott des Bauern sicher wäre . Dann bat er den Onkel , sich noch zu gedulden . Die Zinsen seiner Forderung sollten pünktlich gezahlt werden , dafür wolle er sich persönlich verbürgen . Mit der Zeit würde man auch an ein Abzahlen des Kapitals gehen . Wenn der Onkel es aber zum äußersten treibe , dann sei das Gut verloren und damit auch seine Forderung . Gustav hatte sich das , was er sagen wollte , vorher wohl überlegt . Aber , wie das so geht , er sagte schließlich ganz andere Dinge und brauchte ganz andere Wendung , als er beabsichtigt . Die Ruhe der beiden , die ihn nicht mit einem Worte unterbrachen , warf ihm seinen ganzen Entwurf über den Haufen . Er hatte sich vorgenommen , mit Begeisterung zu sprechen , hatte den Onkel mit warmen Worten an das Familieninteresse mahnen wollen . Sollte denn dieses Gut , das so lange im Besitze der Familie gewesen , unter dem Hammer weggehen ? Sollte der Bauer als alter Mann von Haus und Hof getrieben werden und mit seinem grauen Haar auf das Almosen der Gemeinde angewiesen sein ? Das könne doch der Onkel nie und nimmer verantworten ! Das werde er doch nicht mit ansehen wollen ! Das sei man doch der Familie schuldig , solche Schmach zu verhindern ! er habe ja doch eine Tochter aus dem Büttnerschen Gute zur Frau gehabt ; um des Andenkens der Verstorbenen willen möge er doch seine Hilfe nicht versagen ! - So etwa hatte der junge Mann zu seinem Verwandten sprechen wollen . Aber er fühlte es , diesen Rattengesichtern gegenüber mit ihrer lauernden Bosheit war jede Begeisterung weggeworfen . Durch jedes wärmere Wort mußte er sich lächerlich machen . Er merkte , wie er immer unsicherer wurde und wie der Widerwille gegen das , was er sagte , ihm zum Halse stieg . Was hatten denn diese beiden da in einem fort zu nicken , zu winken und mit den Augen zu zwinkern . Einer genau wie der andere , als bestände eine geheime Verbindung zwischen Vater und Sohn , als verständen sie ihre Gedanken , ohne einander anzusehen . Sie belustigten sich wohl gar über ihn ? Alles was er hier vorbrachte , diente am Ende nur ihrer anmaßenden Schadenfreude zur willkommenen Nahrung ! Ziemlich unvermittelt fragte Gustav auf einmal : Was der Onkel eigentlich bezwecke mit seiner Kündigung ? Ob er es etwa zur Subhastation des Bauerngutes treiben wolle , um das Gut dann selbst zu erstehen ? Kaschelernst wich dieser Frage aus , sich nach seiner Art hinter ein Lachen versteckend . Aber der Neffe ließ diesmal nicht locker . Weshalb er das Geld gekündigt und den Zahlungsbefehl veranlaßt habe , wolle er wissen . Das müsse seinen ganz besonderen Grund haben , denn der Onkel wisse recht gut , daß der Bauer im gegenwärtigen Augenblick nicht imstande sei , ihn zu befriedigen . Der Onkel fragte dagegen : Ob das nicht sein gutes Recht sei ? Kaschelernst war jetzt selbst etwas aus seinem gewohnten Gleichmut gekommen . Gustav sah ihn zum ersten Male aus der Rolle des harmlosen Biedermannes fallen . Man war inzwischen auf beiden Seiten aufgestanden . Der Tisch befand sich noch immer zwischen Gustav und den Kaschels . Gustav wiederholte noch einmal seine Frage , ob der Onkel den Zahlungsantrag zurückziehen wolle . » Ich war an Teifel tun ! « rief Kaschelernst protzig . Der Sohn kicherte dazu . Gustav fühlte , daß er seine Wut nicht länger bändigen könne . Er mußte irgendetwas tun , sich Luft zu verschaffen : die beiden beleidigen , die Kränkung vergelten . Er preßte die Stuhllehne vor sich zwischen seinen Fäusten . Jetzt hatte es keinen Sinn mehr , diesen hier seinen Haß zu verbergen . Mit bleichen Wangen und der keuchenden Stimme des aufsteigenden Zornes sagte er : » ' s is schon gut so ! Ich hätt ' mer ' s eegentlich denken können . Nu weeß ich ' s aber , wie ' s steht ! Ihr steckt mit dem Harrassowitz unter eener Decke . Na , Ihr seid eene schöne Sorte Verwandte . Ich komme über Eure Schwelle nich mehr , davor seid ' r sicher ! Pfui Luder über solches Pack . - Schämt eich ! « - Damit ging er , auf seinem Wege durch das Zimmer an verschiedene Stühle und Tischkanten anrennend . Der Kretschamwirt lief dem Neffen nach . Von der Tür aus rief er hinter ihm drein : » Warte mal ! Wart ack , Kleener ! Ich ha ' noch a Wörtel mit d ' r. Wenn d ' r und ' r denkt , ihr kennt mich lapp ' g machen , da seit ' r an Falschen geraten . Dei Vater is immer a Uchse gewast , ar hat keenen größern in seinem eegnen Stalle stiehn . Sicke dumme Karlen , die brauchen gar kee Pauerngutt . Ob sei Gutt ungern Hammer kimmt , ob ' s d ' ihr alle zusammde betteln gihn mißt , das is mir ganz egal ! Verreckt Ihr meintswegen ! Mit eich ha ' ch kee Mitleed - ich ne ! « Gustav war schon außer Hörweite und vernahm die weiteren Schimpfreden nicht , die ihm der Onkel noch auf die Gasse nachrief . * * * Gustav wollte , da er bei dem Kretschamwirt nichts ausgerichtet hatte , seinen Onkel Karl Leberecht Büttner aufsuchen und dessen Hilfe anrufen . Freilich war dazu eine Eisenbahnfahrt von mehreren Stunden nötig . Aber er meinte , diese Ausgabe nicht scheuen zu dürfen , denn es blieb tatsächlich die letzte Hoffnung . Der Onkel war wohlhabend ; vielleicht konnte man ihn dazu bringen , etwas für seinen leiblichen Bruder zu tun . Ehe Gustav die Garnison verlassen , hatte er sich noch einen Anzug von dunkelblauem Stoff anfertigen lassen . Pauline fand , daß ihm die neuen Kleider ausgezeichnet stünden . Auch einen ziemlich neuen Hut besaß er und ein paar Stiefeln , die noch nirgends geflickt waren . So konnte er denn die Reise guten Mutes wagen . Er wollte bei den Verwandten in der Stadt nicht den Eindruck eines Bettlers machen . Sie sollten sehen , daß sie sich der in der Heimat zurückgebliebenen Familienglieder nicht zu schämen brauchten . So trat er die Fahrt an . Angemeldet hatte er sich nicht bei den Verwandten , damit sie ihm nicht abschreiben konnten . Denn Gustav war sich dessen wohl bewußt , daß man ihm und den Seinen nicht allzu günstig gesinnt sei von jener Seite . Das hatte sich ja auch in der plötzlichen Kündigung der Hypothek im Frühjahre ausgesprochen . Der alte Bauer hegte nicht die geringste Hoffnung , daß die Reise seines Sohnes irgendwelchen Erfolg haben könne . Er hielt nicht viel von Karl Leberecht . Der Bruder war ihm im Alter am nächsten gewesen von den Geschwistern . Sie hatten sich als Jungen stets in den Haaren gelegen . Karl Leberecht war lebhaft gewesen und geweckt , zu allerhand Streichen aufgelegt , ein » Sausewind und Würgebund « , wie ihn der Bauer noch jetzt zu bezeichnen pflegte , wenn er von dem jüngeren Bruder sprach . Gustav ließ sich jedoch durch das Abreden des Vaters nicht irre machen . Karl Leberecht mochte in der Jugend gewesen sein wie er wollte , er hatte es jedenfalls zu etwas gebracht im Leben . Und er war und blieb auf alle Fälle der Bruder des Vaters . Vielleicht schlummerte der Familiensinn doch noch in ihm , und es bedurfte nur der richtigen Ansprache , um ihn zu wecken . Aus dem Briefe , welchen damals der Vetter - der wie er den Namen Gustav trug - geschrieben ! hatte , ersah er , daß das Materialwarengeschäft von Karl Leberecht Büttner und Sohn am Marktplatze gelegen war . Dorthin richtete Gustav also seine Schritte . Nach einigem Suchen fand er die Firma , die in goldenen Lettern auf schwarzem Untergründe weithin leuchtend prangte . Es war ein eigenes Gefühl für den jungen Menschen , seinen eigenen Namen auf dem prächtigen Schilde zu lesen . Gustav ging nicht sofort in den Laden hinein , eine geraume Weile betrachtete er sich erst das Geschäft von außen mit ehrfurchtsvoller Scheu . Das war ja viel größer und glänzender , als er sich ' s vorgestellt hatte . Das Büttnersche Geschäft bestand aus einem geräumigen Eckladen , der mit zwei Schaufenstern nach dem Markte hinaus blickte und außerdem noch mehrere kleinere Fenster nach einer Seitengasse hatte . Eine reiche Auswahl von Verkaufsartikeln lag da ausgestellt : Kaffee und Tee in Glasbüchsen , Seifen , Biskuits in Kästen , Lichte in Paketen , Südfrüchte , Tabak , Viktualien aller Art , Spezereien , Droguen . In dem einen der vorderen Schaufenster saß ein Chinese , der mit dem Kopfe wackelte . Auf einem Plakate , welches Karawanentee anpries , war ein Kamel abgebildet , von einem Araber geführt , auf dem Rücken einen mächtigen Berg von Ballen tragend . Gustav stand da , staunend . Obgleich er als Soldat mehrere Jahre in einer größeren Stadt kaserniert gewesen , war doch das Landkind lebendig in ihm geblieben . Alles Fremde , besonders wenn es unverständlich war , imponierte ihm gewaltig . Die Schaufenster mit den vielen fremdartigen Dingen bestärkten ihn in der Vermutung , daß der Onkel doch sehr reich sein müsse . Und wenn man bedachte : der Mann stammte aus Halbenau ! Hatte das Vieh gehütet und Mist aufgeladen wie jeder andere Bauernjunge . Dann war er davongelaufen , weil ' s er daheim nicht mehr ausgehalten ; wohl hauptsächlich , weil sein Vater , der alte Leberecht , ihn nicht aufkommen lassen wollte neben dem älteren Bruder und Erben des Hofes . So war er denn in die Fremde gegangen , hatte alles Mögliche erlebt und erfahren , hatte die verschiedensten Lebensstellungen innegehabt . Markthelfer war er unter anderem gewesen . Als solcher hatte er in ein Grünwarengeschäft geheiratet und damit den Grund zu seinem Vermögen gelegt . Ja , in der Stadt da konnte man es noch zu etwas bringen ! In Gustav stieg ein bitteres Gefühl auf , als er sich hier umsah und das Leben und Treiben ringsum betrachtete : den Marktverkehr , die Häuserreihen , die glänzenden Läden . - Wenn man damit die Öde der dörfischen Heimat verglich ! Er fühlte sich etwas herabgestimmt in seinem Selbstbewußtsein und seiner Zuversicht , trotz des neuen Anzugs . Die Verwandten würden ihn doch am Ende nicht als voll ansehen . - Nachdem er eine Weile vor dem Laden auf und ab gegangen , entschloß er sich schließlich doch , hineinzugehen . Eine ganze Anzahl junger Leute war dort tätig . Der eine von ihnen , ein langer schmächtiger , mit einer Brille , fragte den Eintretenden , was zu Diensten stünde . Gustav nannte seinen Namen und sagte , daß er mit dem Onkel zu sprechen wünsche . Der junge Herr sah sich den Fremden daraufhin genauer mit forschenden Blicken durch seine Brillengläser an . Der Vater sei leider nicht im Laden , erklärte er . Also , das war der Vetter ! Gustav maß den Mann , der seinen Namen trug , mit neugierigen Blicken . Ein ziemlich großer , hagerer Mensch von gebückter Haltung stand vor ihm . Dem Manne sah man es nicht an , daß sein Vater auf dem Lande geboren , daß alle seine Vatersvorfahren durch Jahrhunderte hinter dem Pfluge hergeschritten waren . Und doch war in dieser Schulmeistererscheinung eine gewisse Ähnlichkeit mit den Verwandten nicht zu verkennen . Die Kopfform , die großen Hände und Füße , der Haarwuchs erinnerte an die Büttners von Halbenau . Zwischen den beiden Vettern gab es eine Verlegenheitspause . Sie waren durch das Gefühl bedrückt , in naher Blutsverbindung zu stehen und einander doch unendlich fremd zu sein . Man maß sich mit spähenden , mißtrauischen Blicken und wußte einander nichts zu sagen . Gustav , der Bauernsohn , verachtete im geheimen diesen dürren Bläßling , der tagein , tagaus hinter dem Ladentisch stehen und die Kunden bedienen mußte . Aber seine Verachtung war dabei nicht ganz frei von einem gewissen Neid , den das Landkind der Überlegenheit des Städters gegenüber selten verwindet . Und Gustav , der Mitinhaber der Firma Karl Leberecht Büttner und Sohn , belächelte seinen Vetter vom Dorfe mit den unbeholfenen Manieren . Ein paar Leute vom Markt kamen herein , die bedient sein wollten . Nachdem die Kunden abgefertigt waren , schlug der Kaufmann seinem Vetter vor , in die Wohnung des Vaters zu gehen ; der » Alte « werde wohl zu Haus sein . Er gab ihm einen Lehrling mit , damit er den Weg finde . Unter Führung eines halbwüchsigen Bürschchens gelangte Gustav so zur Wohnung der Verwandten . Mit dem Onkel fand sich Gustav schneller zurecht als mit dem Vetter . Der Mann war wirklich sein Blutsverwandter . Der grobe , derbknochige Alte mit bartlosem , gerötetem Gesicht und buschigem , grauem Haar sah dem Büttnerbauer nicht unähnlich . Wäre nicht das gestickte Käppchen auf dem Kopfe , die Safianpantoffeln und die Kleider von städtischem Schnitt gewesen , hätte man Karl Leberecht Büttner wohl für einer Halbenauer ansprechen können . In seinem Augenblinzeln und dem verschmitzten Lächeln kam die Bauernpfiffigkeit zum Ausdruck . Auch in seiner Aussprache waren noch heimatliche Anklänge zu finden . Mit derber Herzlichkeit empfing er den Sohn seines Bruders . Der Neffe wurde zum Niedersetzen aufgefordert , bekam ein Glas Wein vorgesetzt und mußte erzählen , zunächst über die Familie , sodann von anderen Leuten aus Halbenau , auf die sich der alte Mann noch besann . Freilich , über viele , nach denen der Onkel fragte , vermochte Gustav keine Auskunft zu geben ; sie waren gestorben , weggezogen , verschollen . Die Teilnahme , welche der Alte an den Tag legte für diese Dinge , stärkte Gustavs Zuversicht . Der Onkel hatte noch nicht allen Sinn verloren für die Heimat ; soviel stand fest ! Als der alte Mann sich nach der Lage des Gutes und der Wirtschaft erkundigte , benutzte Gustav die Gelegenheit , ihm die Not zu eröffnen , in welcher sich sein Vater befand . Karl Leberecht Büttner war sichtlich überrascht . Er schüttelte wiederholt den Kopf . » Na so was ! Na solche Sachen ! « war seine Rede . Daß es mit seinem Bruder nicht glänzend stehe , hatte er sich ja gedacht , aber daß es so schlimm sei ! ... Er seufzte ; sein Gesicht nahm einen trüben Ausdruck an . Durch diese Anzeichen ermutigt , rückte Gustav mit seinem Ansinnen heraus : der Onkel solle die eingeklagten siebzehnhundert Mark an Kaschelernst auszahlen und dafür dessen Hypothek übernehmen . Karl Leberecht runzelte die Stirn , zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte starr vor sich hin , die Backen aufblasend - genau wie es der Büttnerbauer machte , wenn ihm etwas überraschend kam - dann rückte er sich auf seinem Sitze zurecht , meinte , die Sache sei bös ; ließ sich Gustavs Plan aber doch noch einmal auseinandersetzen . Gustav sprach mit Lebhaftigkeit und Wärme . Er redete alles , was er auf dem Herzen hatte , herunter . Dem Onkel gegenüber wurde es ihm leicht , da stockte ihm nicht das Wort auf der Zunge wie neulich vor den Kaschels . Er bestürmte den alten Mann , er stellte ihm die Sache im günstigsten Lichte dar und wunderte sich beim Sprechen selbst über die eindringlichen Worte , die er fand . Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre , sprach von den schlechten Zeiten und meinte , er habe alles Geld im Geschäfte stecken ; aber er lehnte nicht völlig ab . Seine Einwendungen wurden immer schwächer . Halb und halb schien er der Sache gewonnen . Gustav frohlockte in seinem Innern ; nun glaubte er gewonnenes Spiel zu haben . Er beschloß , die Gunst der Lage auszunutzen und bat den Onkel , auch die Zinsen und Kosten mit zu belegen . Der Alte sagte nicht ja und nicht nein . Die Sache schien ihm Unruhe zu bereiten . Er lief im Zimmer umher