langsam zum Schloß hinüber . Als sie den Teich erreichten fragte Tassilo : » Haben Sie jetzt , was Sie brauchen , oder ist noch eine Sitzung nötig ? « Scheu blickte Kitty zu Forbeck auf , der die Antwort schwer zu finden schien . » Ich glaube , daß ich mit dem , was ich habe , zurechtkommen werde . Auch darf ich nicht unbescheiden sein . « » Unbescheiden ? Ihr Bild soll nicht leiden . Morgen , bei dieser Unruhe im Haus - aber vielleicht übermorgen . Ich will mit der Kleesberg sprechen . Wenn Ihnen Fritz nach Tisch Ihre Sachen bringt , schick ' ich Nachricht . « Forbeck vermochte nur mit einem Blick zu danken , die Kehle war ihm wie zugeschnürt . Ohne die Augen zu heben , verneigte er sich vor Kitty . Tassilo begleitete ihn zur Ulmenallee ; als sie in den Schatten der Bäume traten , sagte er : » Sie haben es gut , Sie können vor Ihrem wachsenden Werke stehen , und kein Gedanke stört Ihnen das Glück Ihres Schaffens . « Forbeck nickte , als wäre an dieser Tatsache nicht zu zweifeln . » Aber ich ! « Tassilo blickte gegen die Berge . » Ich werde um mein Glück ein böses Jagen haben . Da droben ! « Kitty war beim Teiche stehengeblieben , und während sie den beiden mit den Augen folgte , streckte sie die Hand in den kühlen Regen der Fontäne . Sie sah , wie Tassilo und Forbeck voneinander Abschied nahmen , als gält ' es eine Trennung für lange . Ein leiser Schauer rieselte ihr über die Schultern ; sie zog die Hand zurück und trocknete sie mit dem Tuch . Als sie bei Tisch erschien , fragte Gundi Kleesberg befremdet : » Kind , was ist dir ? « » Mir ? Nicht das geringste ! Vielleicht die Ungeduld . Ich kann es kaum erwarten , bis Robert und Willy kommen . « » Willst du mit zur Bahn fahren ? « Tassilo fiel hastig ein : » Da muß ich abraten . « Er sprach von der staubigen Straße , von der drückenden Hitze . Kitty merkte gleich , daß es eine Ausflucht war , und grübelte : » Weshalb will er mich daheim behalten ? « Die Kleesberg hatte ein weniger feines Ohr . » Vielleicht bist du auch etwas ermüdet ? « sagte sie . » Die Sitzung hat heute lange gedauert , wir haben keine Pause gemacht . Ich weiß nicht , wie ich das übersehen konnte . Freilich , Herr Forbeck war in so prächtiger Arbeitsstimmung . Aber wenn er übermorgen wiederkommt - « » Übermorgen ? « Nach diesem flinken Wort kam der zögernde Zusatz : » Noch eine Sitzung ? « » Ja , Kind , das kleine Opfer mußt du bringen ! « mahnte Gundi Kleesberg mütterlich . » Tassilo sagte , das wäre im Interesse des Bildes notwendig . Wir dürfen dem Gedeihen eines so schönen Werkes kein Hindernis in den Weg legen . « Tassilo sah die Kleesberg an und lächelte . Kitty zuckte nur die Schultern . Ihre Laune besserte sich überraschend . Nach dem Diner , als man zur Veranda ging , hängte sich Kitty an den Arm des Bruders . » Tas ? Ehrlich ! Warum willst du mich daheim haben ? « » Komm zu mir hinauf , wenn Gundi ihr Schläfchen macht , und du wirst es erfahren . « Auf der Veranda nahm Tassilo den gewohnten Platz nicht ein . Stehend leerte er die Kaffeetasse , raffte die Zeitungen zusammen , nickte einen Gruß und verschwand . » Was hat er denn ? « fragte die Kleesberg verwundert . Kitty antwortete sehr ernst : » Er hat bis spät in die Nacht gearbeitet , heute wieder den ganzen Vormittag , und wird ruhen wollen . Es ist schwül heute ! Eine drückende Luft . Nimm auch du keine Rücksicht auf mich . Wenn du müde bist - « » Ja , gutes Herz , ich danke dir ! « Kaum die Kleesberg verschwunden war , huschte Kitty lautlos über die Treppe hinauf und trat mit erregter Spannung in das Zimmer ihres Bruders . » Da bin ich , Tas ! « » Komm ! « Er zog sie an seine Brust . » Ich habe mit dir zu reden . « » Von mir ? « » Nein ! Von deinem Bruder Tas . « Nun atmete sie auf und lachte . » Du bist ja ganz feierlich ! « Er streichelte ihr Haar . » Ich habe dich lieb . Und ich weiß , du hängst auch an mir . Drum möchte ich dir eine unbehagliche Überraschung ersparen . Komm ! Ich will dir etwas zeigen ! « Er führte sie zum Schreibtisch , zog sie auf seinen Schoß und öffnete eine Lade . » Sieh dir einmal dieses Bild an ! « Dabei reichte er ihr ein kunstvoll ausgeführtes Pastell in braunem Plüschrahmen . Das Porträt einer jungen Dame ! Noch ehe Kitty das Bild genauer betrachtet hatte , dämmerte in ihr eine Ahnung . Sie jubelte : » Tas ? Du wirst doch nicht - « Er lächelte . » So schau dir das Bild doch an ! « Der Reiz des Geheimnisses erfaßte sie . Schauernd bewegte sie in seligem Vergnügen die Schultern . » Wie entzückend , wie schön ! Der sanfte Mund und die wundervollen Augen - « Da stutzte sie . » Aber Tas ? Du ? Das ist doch Fräulein Herwegh vom Hoftheater ? Natürlich ! Das ist sie ! Ich hab ' sie schon dreimal gehört . Zuletzt als Fides im Propheten ! Ich war außer mir vor Wonne . Und geheult hab ' ich , daß Tante Gundi wütend zu puffen anfing . « Kitty lachte . Mitten im Lachen brach sie ab und wurde ernst . » Fräulein Herwegh ist eine große Künstlerin . Aber was mich damals so tief ergriff , daß ich meinte , es zerdrückt mir das Herz - denke , Tas , in der großen Szene zwischen Fides und ihrem Sohn , da ging es mir plötzlich durch den Kopf : ob nicht Mama so ausgesehen haben könnte wie Fräulein Herwegh als Fides ? « In Freude hatte Tassilo den sprudelnden Worten der Schwester gelauscht ; nun furchte sich seine Stirn ; schwer atmend schüttelte er den Kopf . Kitty hielt das Bild im Schoß , lehnte die Wange an die Schulter des Bruders und sah ins Leere . » Es war ein Unglück für mich , daß ich Mama so früh verlieren mußte . Je älter ich werde , desto schmerzlicher fühl ' ich das . Und wenn ich an Mama denke , ist alles leer vor mir . Ich sehe nichts ! « Sie hob das Köpfchen und sah dem Bruder in die Augen . » Tas ? Es ist doch eigentlich ganz unverständlich , daß wir von Mama kein Bild haben , weder hier in Hubertus noch in München ? « Tassilos Stimme schwankte . » Mama wollte sich niemals malen lassen . « Fester schlang er den Arm um Kitty . » Aber ich habe dir doch die Mutter schon sooft geschildert . « » Wie schön sie war , und wie gut , ja , Tas ! Aber ich sehe sie nicht . Wenn ich mir eine Vorstellung von ihr zu machen suche , schwimmt mir alles . Ich sehe das Haar , die Augen , aber kein Bild , das ich mit dem Herzen festhalten könnte . Das ist in mir eine unstillbare Sehnsucht . Sooft ich eine Dame sehe , deren Erscheinung mich anzieht , geht es mir heiß durch das Herz : vielleicht hat Mama so ausgesehen ? Das war auch damals so , als ich Fräulein Herwegh in der Rolle der Fides sah . Diese schöne , stille Größe - « Verstummend betrachtete Kitty das Bild . Plötzlich glitt es wie Schreck über ihre Züge , und sie stammelte : » Aber Tas ! Wie kommt denn dieses Bild zu dir ? « » Fräulein Herwegh hat es mir geschenkt . « » Sie ? Dir ? Kennst du sie denn ? « » Seit drei Jahren . « » Und davon hast du nie gesprochen ? « Dem Lächeln des Bruders gegenüber steigerte sich ihre Verwirrung . » Und das Bild ? Daß sie dir das Bild gab ? Das muß doch einen Sinn haben ? « » Den errätst du nicht « » Tas ! « Ohne das Bild aus der Hand zu lassen , schlang Kitty den Arm um den Hals des Bruders . » Ich liebe sie . Und Anna liebt mich wieder . Wie es kam ? Das ist eine stille Geschichte . Weißt du , das rechte Glück ist nie eine komplizierte Sache . Da fällt ein Same in ein Menschenherz . Niemand weiß , wer ihn streute . Er wächst , und du fühlst es nicht . In guter Stunde kommt der helfende Sonnenstrahl dazu , und der Keim ist eine Blume geworden , mit Duft und Farben . Das ist mein ganzer Roman . Ich verehrte Anna schon als Künstlerin , bevor ich sie persönlich kennenlernte . Die erste Begegnung hatte ich mit ihr an jenem Tag , an dem ich als Konzipient bei Doktor Neuroth eintrat . Er war ihr Anwalt . Als er mir seine Kanzlei übergab , wurde Anna meine Klientin . Da hatte ich Gelegenheit , ihren lauteren Charakter kennenzulernen , ihr tiefes Gemüt , auch die schöne Häuslichkeit , in der sie mit Mutter und Schwester lebt . Wir glaubten Freunde zu sein und wußten nicht , daß wir uns liebten . « Regungslos hatte Kitty gelauscht . Nun fragte sie flüsternd : » Wie kam es , daß ihr euch gefunden habt ? « Tassilo lächelte . » Du wirst enttäuscht sein , wenn ich es dir erzähle . Es war im Frühjahr . Da bat sie mich eines Tages um meinen Besuch . Ich sah , daß die Zeilen in erregter Hast geschrieben waren , und ließ alle Arbeit liegen . So kam ich zu ihr und erfuhr , sie hätte einen glänzenden Antrag der Wiener Oper erhalten , müsse sich innerhalb eines Tages entscheiden und bäte mich um meinen Rat . Mir fuhr es an die Kehle , daß ich keine Silbe herausbrachte . Sie sah mich betroffen an , und so standen wir eine Weile wortlos voreinander . Dann las ich den Vertrag , wir besprachen alle Verhältnisse der neuen Stellung , und aus ehrlichem Gewissen mußte ich ihr raten , den Kontrakt zu unterzeichnen . Lange saß sie schweigend , dann faltete sie den Vertrag zusammen und verschloß ihn . Wir plauderten noch über alle möglichen Dinge ; dabei saß sie auf dem Stuhl vor dem offenen Flügel und griff zuweilen mit einer Hand ein paar Akkorde . Plötzlich brach sie mitten im Worte ab und begann zu spielen - « » Und sang ? « Er nickte . » Ein kleines Liedchen von Schumann , Jasminenstrauch . « » Ich kenne das Lied ! « Zwei Tränen schimmerten an Kittys Wimpern , während sie leis die Verse flüsterte : » Grün ist der Jasminenstrauch Abends eingeschlafen . Als ihn mit des Morgens Hauch Sonnenlichter trafen , Ist er schneeweiß aufgewacht : Wie geschah mir in der Nacht ? Seht , so geht es Bäumen , Die im Frühling träumen . « Ein tiefer Atemzug schwellte ihre junge Brust , und die Tränen rollten von ihren Lidern . » Dieses Liedchen sang sie . Dann ließ sie die Hände in den Schoß fallen . Und ohne das Gesicht nach mir zu wenden , sagte sie : Ich habe mich besonnen , ich gehe nicht nach Wien . Eine Antwort fand ich nicht . Aber ich umschlang sie und küßte ihren Mund . « » Ach , du Glücklicher ! Du Glücklicher ! « » Ja ! Ich habe das Glück gefunden und will es halten . Anna wird meine Frau . Willst du ihr gut sein ? « » Gut sein ? Nur gut sein ? Tas ! Ich werde ja närrisch vor Freude ! « Sie erstickte den Bruder fast mit Küssen . Plötzlich richtete sie sich auf und glitt von seinem Schoß . Ihr Gesichtchen hatte alle Farbe verloren . » Tas - ums Himmels willen - Papa ? Hast du denn schon mit ihm gesprochen ? « Tassilo erhob sich . » Noch nicht . Das soll dieser Tage geschehen , droben in der Jagdhütte . « Verstört blickte sie zu ihm auf . » Herr , du mein Gott ! Lieber , lieber Tas ! Das wird böse Geschichten absetzen ! « » Das fürchte ich ! « sagte er ruhig . Leidenschaftlich , als hätte sie um das eigene Glück zu kämpfen , faßte sie die Hand des Bruders . » Sei mutig , Tas ! Dann wirst du es durchsetzen . Das bist du deiner Liebe schuldig . Und wie es auch kommen mag , ich halte zu dir ! Fest ! « Mit beiden Armen umklammerte sie seinen Hals . » Ach , Tas , ich habe dich so furchtbar lieb ! « Er nahm ihr zuckendes Gesichtchen zwischen die Hände . » Ich danke dir ! Ja , kleiner Spatz , du hast mich lieb ! Ich wußte , daß du dich für mich entscheiden würdest . Ebenso , wie ich weiß , daß die anderen gegen mich sein werden . « » Nein , Tas ! Denke nicht gleich das Allerschlimmste ! Ich sage dir was . Nimm das Bild mit hinauf in die Hütte ! Wenn Papa das Bild sieht - oder noch besser , Tas : Grüble dir einen Vorwand aus , suche Papa zu einer Fahrt nach München zu bewegen , mach ' ihn mit Anna bekannt - « Tassilo schüttelte den Kopf . » Ich kenne den Vater besser . Mit einem solchen Versuche würde ich Anna nur einer Demütigung aussetzen . Könnt ' ich mir von einer Bewegung Gutes versprechen , so wäre die Fahrt nach München nicht notwendig . Anna ist mit ihrer Mutter und Schwester hier im Dorfe . « » Tas ! Und das sagst du mir erst jetzt ! « stammelte Kitty in Freude . » Führe mich zu ihr ! Ich bitte , bitte ! Ich muß sie kennenlernen . Ich muß ! Nicht wahr , du erfüllst meine Bitte ? Heute noch ! Jetzt ! Sieh nur , Tas , wir können keine bessere Stunde finden ! Die Gundi schnarcht , und Papa ist in der Hütte droben - es ist also absolut unmöglich , daß ich irgend jemand um Erlaubnis frage ! Komm , Tas , komm ! Was später sein wird , wissen wir alle beide nicht , aber heute können wir noch tun , was wir wollen ! Ich bitte dich , Tas ! « » Ja , Schatz , wir wollen gehen ! Und ich will ehrlich sein : Ich hoffte , daß du diese Bitte stellen würdest . Für Anna wird es eine Freude sein , wenn ich dich bringe und ihr sagen kann , daß es dein freier Wunsch war . « » Tas ! « jubelte Kitty . » In fünf Minuten bin ich fertig . « Selig auflachend huschte sie davon . Nach wenigen Minuten erschien sie wieder , mit heißen Wangen und strahlenden Augen . Sie hatte sich » schön « gemacht - genau so schön wie für jenes Diner , zu welchem Forbeck geladen war . Arm in Arm wanderten die Geschwister durch die Ulmenallee , an dem Käfig vorbei , in dem die Adler auf den Stangen saßen ; die Raubvögel bewegten die Köpfe , als das Paar vorüberschritt , und die durch keine Gefangenschaft zu zähmende Wildheit ihrer Rasse funkelte in den scharfen Augen ; einer von ihnen knappte mit dem Schnabel und zog die Fänge an , daß die Stange knirschte . 13 Vor dem Seehof füllte ein Gewirr von Menschen und Wagen den sonnigen Landeplatz , Schiffe kamen und gingen , und aus dem See heraus tönten die Echoschüsse . Tassilo trat mit der Schwester in eine Schiffshütte . Hier bestiegen sie das Boot . Kitty faßte die Steuerschnüre , aber sie war so wenig bei der Sache , daß Tassilo immer wieder mit dem Ruder die Ablenkung des Bootes korrigieren mußte . Auf einem hinter den Villen gegen den Wald führenden Promenadenweg gewahrte er zwei Damen und erkannte Frau Herwegh mit ihrer jüngeren Tochter . Schon fürchtete er , auch Anna nicht zu Hause zu finden ; die Klänge eines Flügels , die immer deutlicher hörbar wurden , je mehr sich der Nachen dem Villenufer näherte , beruhigten ihn . Kitty wandte keinen Blick mehr von dem unter Bäumen halb versteckten Landhaus , und die gedämpften Klänge schienen ihre Erregung noch zu steigern ; als der Nachen an der Steintreppe anlegte , war sie in einer Stimmung , als sollte sie ein verwunschenes Schloß betreten . Sie klammerte sich an den Arm des Bruders , daß er lächelnd fragte : » Hast du Angst ? « Tief atmend schüttelte sie das Köpfchen und ließ sich führen . Während die beiden den kleinen Garten durchschritten , gesellte sich zu den Tönen des Flügels der Gesang einer Altstimme , wie der Klang einer Glocke . » Bleib , ich bitte dich , « stammelte Kitty , » laß mich hören ! « » Das hörst du in der Nähe besser ! « Sie traten in den Flur der Villa , und geräuschlos öffnete Tassilo eine Tür . Kitty hatte kein Auge für den Raum . Zitternd stand sie , und ihr Blick hing an der schönen , mit vornehmer Schlichtheit gekleideten Mädchengestalt , die , der Tür den Rücken wendend , vor dem Flügel saß . In tiefer Bewegung lauschte Kitty , und wie ein flinkes Hämmerlein schlug ihr das Herz . Was sie fühlte , war nicht nur der Reiz des Augenblickes , nicht nur das scheue Mitempfinden am Glück des Bruders . Ihre junge Seele hatte in diesen Tagen einen Samen empfangen , der still zur Blüte trieb ; und in dieses ihr selbst noch unbewußte Fühlen klangen die Worte des Mendelssohnschen Wiegenliedes , das Anna Herwegh sang : » Schlummre und träume von kommender Zeit , Die sich dir bald muß entfalten , Träume , mein Kind , von Freud und Leid , Träume von lieben Gestalten ! Schlummre und träume von Frühlingsgewalt , Schaue das Blühen und Werden , Horch , wie im Hain der Vogelsang schallt : Liebe ist Himmel auf Erden ! Heut zieht ' s vorüber und kann dich nicht kümmern , Doch wird dein Frühling auch blühen und schimmern , Bleibe nur fein geduldig , Bleibe nur fein geduldig ! « Tassilo war hinter Annas Stuhl getreten , und als das letzte Wort des Liedes mit den verklingenden Akkorden wie ein leiser Hauch erlosch , legte er die Hände auf ihre Schultern . Sie hob die Augen . » Du ! « Und lächelnd streckte sie die Arme nach ihm . Er küßte das schimmernde Haar . » Ich habe dir einen Gast gebracht . « Annas Blick huschte zur Tür , und erschrocken sprang sie auf . Mutig machte Kitty einen Schritt und begann zu stammeln : » Mein Bruder - erst heute hab ' ich - kaum weiß ich , wie ich Ihnen meine Freude - « Da gingen ihr die Worte wieder aus . Ein paar Sekunden stand sie hilflos , mit schwimmenden Augen , dann plötzlich , unter Lachen und Weinen , flog sie auf Anna Herwegh zu und umschlang sie . - Um die gleiche Stunde öffnete Gundi Kleesberg in Schloß Hubertus Tür um Tür . » Kitty ? Kitty ? « Ihre Stimme klang durch das ganze Haus ; nur Fritz erschien , der auf Tante Gundis erregte Frage keine Antwort wußte . Die Entdeckung , daß auch Tassilo mit Hut und Stock verschwunden war , beruhigte sie einigermaßen und weckte in ihr die Vermutung , daß Kitty mit ihrem Bruder dem Wagen eine Strecke entgegengegangen wäre . Im Laufe des Nachmittags traf Roberts Stallbursche mit zwei Reitpferden in Hubertus ein , und gegen sechs Uhr abends rollte der offene Jagdwagen mit den beiden Brüdern durch die Ulmenallee heran . Willy , ein neunzehnjähriger Fähnrich , glich im Schnitt der Züge auffallend seiner Schwester ; nur die Gestalt war derber und erinnerte in den breiten Schultern an den Vater ; heiße Farbe lag auf dem fröhlichen Gesicht , aus dessen Augen der Übermut und das junge Leben lachten ; die kurzen Spitzen des kleinen Bärtchens standen scharf von der Oberlippe ab - man sah ihnen an , daß sie mit Ungeduld gepflegt und gezogen wurden . Schon als der Wagen in das Parktor lenkte , sprang Willy auf , rief mit hallender Stimme den Namen der Schwester und reckte den Kopf , um durch das Gewirr der Äste zu spähen . Vor einem der niederhängenden Zweige duckte er sich , wankte im schaukelnden Wagen und trat etwas unsanft auf den glänzenden Lackstiefel seines Bruders . » So bleib doch sitzen , du Fex , und trample nicht anderen Menschen auf den Füßen herum ! « » Na , sei gut , ich war ja nicht lange droben ! « tröstete Willy lachend . Robert stäubte ärgerlich mit dem duftenden Taschentuch den Stiefel ab und saß wieder in gemessener Ruhe , die eine Hand auf dem Korb des Säbels , den er zwischen den Beinen stehen hatte , in der anderen die Zigarette . Er trug die Uniform der Ulanen ; das dunkle Grün hob seine elegante Gestalt , und mit Akkuratesse saß die Mütze auf dem tadellos frisierten Kopf . Neben dem unruhigen Leben des Bruders erschien Robert wie die Verkörperung jener Langeweile , die sich als selbstbewußte Vornehmheit zu geben weiß . Einem schärferen Blick entging es nicht , daß diese stilvolle Ruhe nur Kostüm war . Es zuckte um die grauen Augen , und etwas Nervöses lag in der Art , wie er beim Einatmen des Zigarettenrauches die Unterlippe zwischen die Zähne zog . Auch sonst noch erzählte dieses Gesicht von mancherlei Dingen ; es war frostig wie das Gesicht eines Menschen , der eben aus dem kalten Bad gestiegen . Die Ähnlichkeit mit Tassilo war unverkennbar ; aber obwohl Robert um vier Jahre jünger war , schätzte man ihn älter als den Bruder . Vor der Veranda erwartete Fräulein von Kleesberg den Wagen , und in angemessener Entfernung stand die Dienerschaft in Reih ' und Glied : Fritz , Moser , die alte Beschließerin , die noch ältere Köchin , zwei übertragene Jungfern und Roberts Stallbursche in Uniform . » Tante Gundi ! Tante Gundi ! « rief Willy und winkte mit beiden Händen . » Aber wo ist denn die kleine Maus ? Und den gestrengen Herrn Doktor seh ' ich auch nicht ? « Es fiel ihm nicht ein , nach dem Vater zu fragen . Daß Graf Egge droben in der Jagdhütte saß , war eine selbstverständliche Sache . Robert verließ als erster den Wagen und dehnte die Beine , als wäre er vom Pferd gestiegen . Mit vorschriftsmäßiger Höflichkeit küßte er die Hand der Kleesberg und nickte der Dienerschaft einen kaum merklichen Gruß zu . Gundi stotterte in Sorge die Frage , ob Kitty und Tassilo dem Wagen nicht begegnet wären . Aber sie kam damit nicht zu Ende . Willy umarmte sie mit stürmischem Jubel und drückte ihr zwei schallende Küsse auf die Wangen , daß er weiße Lippen und Tante Gundi zwei rote Flecken bekam . » Na also , Tantchen , da wären wir ! Und geben Sie mal acht , wie ich Ihnen die Cour schneiden werde . Natürlich nur zu meiner Übung . Der Leutnant wird nicht lange mehr auf sich warten lassen , und bis dahin muß ich ferm sein , Tantchen ! Übung macht den Meister ! « Wieder umarmte er sie . » Ich warne Sie , Fräulein ! « fiel Robert ein , zwischen den Zähnen eine frische Zigarette , die er in Brand steckte . » Der Junge weiß in solchen Dingen zwischen Scherz und Ernst nicht zu unterscheiden . Wenn er ein paar Zöpfe wittert - und Sie haben doch noch welche ? - das macht ihn toll ! « Er wandte sich an seinen Stallburschen . » Sind die Pferde gut untergebracht ? « » Zu Befehl , Herr Graf ! « » Davon will ich mich selbst überzeugen . Vorwärts ! « Er folgte dem Burschen zu den Ställen . Auf den Wangen der Kleesberg brannte die Röte der Empörung durch den Puder . Mühsam raffte sie ihre ins Wanken geratene Würde zusammen , und da der eigentliche Missetäter ihrer Entrüstung entzogen war , spießte sie den lachenden Fähnrich auf . » In aller Güte , lieber Graf Willy , aber ich muß Ihnen bemerken , daß ich derartige Scherze mehr als unschicklich finde . Wenn sich Ihr Vater zuweilen solche Späße in der Lederjoppe erlaubt , laß ich mir das mit Rücksicht auf Kitty gefallen und schweige - « » Aber Tantchen ! Seien Sie doch gemütlich ! « Willy versuchte der Zürnenden die Wange zu streicheln . » Ich bin sehr gemütlich ! Aber alles hat seine Grenze , lieber Graf Willy ! Deshalb möchte ich Ihnen wie Ihrem Bruder bemerken - « Gundi Kleesberg verstummte , weil Willy mit langen Sprüngen davonrannte . » Kitty ! Kleine süße Maus ! Da bist du ja ! « Er breitete die Arme nach der Schwester aus , die mit Tassilo in der Ulmenallee erschienen war . Kitty lief ihm entgegen , er umarmte und küßte sie mit burschikoser Zärtlichkeit und schwang sie im Kreis , daß sie eine Weile mit den Füßchen nicht auf die Erde kam . Als er sie niedersetzte , machte er staunende Augen . » Nanu ! Schatz ! Was ist denn aus dir in diesen acht Tagen geworden ? Die Luft in Hubertus wirkt ja Wunder ! Na , sieh mal , wie sich das Ding gestreckt hat ! Und die Augen , die sie macht ! « Kitty atmete tief , und ohne zu antworten , blickte sie auf Tassilo zurück , der langsam herbeikam . Aus ihr redeten noch die Eindrücke der vergangenen Stunden , und ihre Augen hatten einen träumerischen Glanz . Als sie bemerkte , daß Willy keine Miene machte , den Bruder zu begrüßen , flüsterte sie hastig : » Wenn du mich lieb hast , so bitte ich dich , sei freundlich mit Tas ! « Willy stutzte . » Freundlich ? Weshalb denn nicht ? Ich habe durchaus keine Ursache , kühl gegen ihn zu sein - wenn er es nicht gegen mich ist ! « » Er ist nicht kühl , am allerwenigsten gegen seine Geschwister . Das sag ' ich dir , denn ich weiß es ! Nur ernst ist er . Und verstanden will er sein ! « » Na , meinetwegen ! « Die Hand streckend , ging Willy auf den Bruder zu . » Guten Abend , lieber Tas ! Ich freue mich herzlich . Eine famose Sache , daß wir alle mal wieder so nett beisammen sind . Das ganze Nest von Hubertus ! « » Grüß dich Gott , lieber Willy ! « Tassilo faßte die Hand des Bruders . » Dein Aussehen macht mir Freude und läßt mich hoffen , daß du dich wieder völlig wohl fühlst ? « » Ohne Sorge ! Ich habe mich wieder flott auf den Damm geschwungen . « » Warst du denn krank ? « fragte Kitty erschrocken . Er wurde ein bißchen verlegen . » Ach , Gott bewahre ! So ' ne harmlose Erkältung , nicht der Rede wert ! Wie weggeblasen . Weißt du , das war nur so - « Er begann eine Geschichte zu erzählen : von einem Marsch bei » scheußlichem « Wetter und von einem unvorsichtigen Trunk . Dabei dämpfte er die Stimme und zog die Schwester aus Tassilos Nähe . Das war überflüssige Vorsicht ; Tassilo nahm dem Boten , der die Abendpost brachte , die Zeitungen und Briefe ab . Rasch überflog er die Adressen . Eine war mit plumper Hand geschrieben : » Ann den hochgebohrnen Dogtor Graffen Dasilo Ekke Senefeld . « Tassilo schien die Schrift zu kennen . » Einen Augenblick ! « rief er dem Boten zu , der sich schon wieder zum Gehen wandte , und erbrach den Brief . Kitty hatte Willys wortreiche Geschichte schweigend angehört und streichelte ihm zärtlich die Wange . » Da darfst du wirklich von Glück sagen , daß du mit dem Schreck davongekommen bist . Du siehst wieder aus wie das Leben . Jetzt sei vernünftig und halte dich ! « » Na , das versteht sich ! Man wird älter und vernünftiger , weißt du ! « » Aber wo bleibt denn Tas ? « Sie sah sich nach dem Bruder um und hörte ihn zum Postboten sagen : » Ich werde gegen acht Uhr einen Expreßbrief schicken und lasse den Herrn Expeditor bitten , mir zu Gefallen eine Ausnahme zu machen und den Brief noch anzunehmen , er muß mit der nächsten Post noch abgehen , oder ich müßte ihn direkt zur Bahn schicken ! « Kitty wurde unruhig und ging auf Tassilo zu . » Hast du eine unangenehme Nachricht erhalten ? « » Nein , Schatz ! Ein armer Teufel , den sie im vergangenen Sommer zu drei Jahren verurteilen mußten , ist auf Grund seiner tadellosen Führung begnadigt worden . Ich hab ' ihn damals verteidigt . Nun hat er mich in München aufgesucht