sie verwirrt und fast verlegen die Augen nieder . Achtzehntes Kapitel Effi war unzufrieden mit sich und freute sich , daß es nunmehr feststand , diese gemeinschaftlichen Ausflüge für die ganze Winterdauer auf sich beruhen zu lassen . Überlegte sie , was während all dieser Wochen und Tage gesprochen , berührt und angedeutet war , so fand sie nichts , um dessentwillen sie sich direkte Vorwürfe zu machen gehabt hätte . Crampas war ein kluger Mann , welterfahren , humoristisch , frei , frei auch im Guten , und es wäre kleinlich und kümmerlich gewesen , wenn sie sich ihm gegenüber aufgesteift und jeden Augenblick die Regeln strengen Anstandes befolgt hätte . Nein , sie konnte sich nicht tadeln , auf seinen Ton eingegangen zu sein , und doch hatte sie ganz leise das Gefühl einer überstandenen Gefahr und beglückwünschte sich , daß das alles nun mutmaßlich hinter ihr läge . Denn an ein häufigeres Sichsehen en famille war nicht wohl zu denken , das war durch die Crampasschen Hauszustände so gut wie ausgeschlossen , und Begegnungen bei den benachbarten adligen Familien , die freilich für den Winter in Sicht standen , konnten immer nur sehr vereinzelt und sehr flüchtige sein . Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung heraus und fand schließlich , daß ihr der Verzicht auf das , was sie dem Verkehr mit dem Major verdankte , nicht allzu schwer ankommen würde . Dazu kam noch , daß Innstetten ihr mitteilte , seine Fahrten nach Varzin würden in diesem Jahre fortfallen : der Fürst gehe nach Friedrichsruh , das ihm immer lieber zu werden scheine ; nach der einen Seite hin bedauere er das , nach der anderen sei es ihm lieb - er könne sich nun ganz seinem Hause widmen , und wenn es ihr recht wäre , so wollten sie die italienische Reise , an der Hand seiner Aufzeichnungen , noch einmal durchmachen . Eine solche Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache , dadurch mache man sich alles erst dauernd zu eigen , und selbst Dinge , die man nur flüchtig gesehen und von denen man kaum wisse , daß man sie in seiner Seele beherberge , kämen einem durch solche nachträglichen Studien erst voll zu Bewußtsein und Besitz . Er führte das noch weiter aus und fügte hinzu , daß ihn Gieshübler , der den ganzen » italienischen Stiefel « bis Palermo kenne , gebeten habe , mit dabeisein zu dürfen . Effi , der ein ganz gewöhnlicher Plauderabend ohne den » italienischen Stiefel « ( es sollten sogar Photographien herumgereicht werden ) viel , viel lieber gewesen wäre , antwortete mit einer gewissen Gezwungenheit ; Innstetten indessen , ganz erfüllt von seinem Plane , merkte nichts und fuhr fort : » Natürlich ist nicht bloß Gieshübler zugegen , auch Roswitha und Annie müssen dabeisein , und wenn ich mir dann denke , daß wir den Canal Grande hinauffahren und hören dabei ganz in der Ferne die Gondoliere singen , während drei Schritte von uns Roswitha sich über Annie beugt und Buküken von Halberstadt oder so was Ähnliches zum besten gibt , so können das schöne Winterabende werden , und du sitzest dabei und strickst mir eine große Winterkappe . Was meinst du dazu , Effi ? « Solche Abende wurden nicht bloß geplant , sie nahmen auch ihren Anfang , und sie würden sich , aller Wahrscheinlichkeit nach , über viele Wochen hin ausgedehnt haben , wenn nicht der unschuldige , harmlose Gieshübler , trotz größter Abgeneigtheit gegen zweideutiges Handeln , dennoch im Dienste zweier Herren gestanden hätte . Der eine , dem er diente , war Innstetten , der andere war Crampas , und wenn er der Innstettenschen Aufforderung zu den italienischen Abenden , schon um Effis willen , auch mit aufrichtigster Freude Folge leistete , so war die Freude , mit der er Crampas gehorchte , doch noch eine größere . Nach einem Crampasschen Plane nämlich sollte noch vor Weihnachten » Ein Schritt vom Wege « aufgeführt werden , und als man vor dem dritten italienischen Abend stand , nahm Gieshübler die Gelegenheit wahr , mit Effi , die die Rolle der Ella spielen sollte , darüber zu sprechen . Effi war wie elektrisiert ; was wollten Padua , Vicenza daneben bedeuten ! Effi war nicht für Aufgewärmtheiten ; Frisches war es , wonach sie sich sehnte , Wechsel der Dinge . Aber als ob eine Stimme ihr zugerufen hätte : » Sieh dich vor ! « , so fragte sie doch , inmitten ihrer freudigen Erregung : » Ist es der Major , der den Plan aufgebracht hat ? « » Ja . Sie wissen , gnädigste Frau , daß er einstimmig in das Vergnügungskomitee gewählt wurde . Wir dürfen uns endlich einen hübschen Winter in der Ressource versprechen . Er ist ja wie geschaffen dazu . « » Und wird er auch mitspielen ? « » Nein , das hat er abgelehnt . Ich muß sagen , leider . Denn er kann ja alles und würde den Arthur von Schmettwitz ganz vorzüglich geben . Er hat nur die Regie übernommen . « » Desto schlimmer . « » Desto schlimmer ? « wiederholte Gieshübler . » Oh , Sie dürfen das nicht so feierlich nehmen ; das ist nur so eine Redensart , die eigentlich das Gegenteil bedeutet . Auf der anderen Seite freilich , der Major hat so was Gewaltsames , er nimmt einem die Dinge gern über den Kopf fort . Und man muß dann spielen , wie er will , und nicht , wie man selber will . « Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in Widersprüche . Der » Schritt vom Wege « kam wirklich zustande , und gerade weil man nur noch gute vierzehn Tage hatte ( die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen ) , so strengte sich alles an , und es ging vorzüglich ; die Mitspielenden , vor allem Effi , ernteten reichen Beifall . Crampas hatte sich wirklich mit der Regie begnügt , und so streng er gegen alle anderen war , sowenig hatte er auf den Proben in Effis Spiel hineingeredet . Entweder waren ihm von seiten Gieshüblers Mitteilungen über das mit Effi gehabte Gespräch gemacht worden , oder er hatte es auch aus sich selber bemerkt , daß Effi beflissen war , sich von ihm zurückzuziehen . Und er war klug und Frauenkenner genug , um den natürlichen Entwicklungsgang , den er nach seinen Erfahrungen nur zu gut kannte , nicht zu stören . Am Theaterabend in der Ressource trennte man sich spät , und Mitternacht war vorüber , als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei sich eintrafen . Johanna war noch auf , um behülflich zu sein , und Innstetten , der auf seine junge Frau nicht wenig eitel war , erzählte Johanna , wie reizend die gnädige Frau ausgesehen und wie gut sie gespielt habe . Schade , daß er nicht vorher daran gedacht , Christel und sie selber und auch die alte Unke , die Kruse , hätten von der Musikgalerie her sehr gut zusehen können ; es seien viele dagewesen . Dann ging Johanna , und Effi , die müde war , legte sich nieder . Innstetten aber , der noch plaudern wollte , schob einen Stuhl heran und setzte sich an das Bett seiner Frau , diese freundlich ansehend und ihre Hand in der seinen haltend . » Ja , Effi , das war ein hübscher Abend . Ich habe mich amüsiert über das hübsche Stück . Und denke dir , der Dichter ist ein Kammergerichtsrat , eigentlich kaum zu glauben . Und noch dazu aus Königsberg . Aber worüber ich mich am meisten gefreut , das war doch meine entzückende kleine Frau , die allen die Köpfe verdreht hat . « » Ach , Geert , sprich nicht so . Ich bin schon gerade eitel genug . « » Eitel genug , das wird wohl richtig sein . Aber doch lange nicht so eitel wie die anderen . Und das ist zu deinen sieben Schönheiten ... « » Sieben Schönheiten haben alle . « » ... Ich habe mich auch bloß versprochen ; du kannst die Zahl gut mit sich selbst multiplizieren . « » Wie galant du bist , Geert . Wenn ich dich nicht kennte , könnt ich mich fürchten . Oder lauert wirklich was dahinter ? « » Hast du ein schlechtes Gewissen ? Selber hinter der Tür gestanden ? « » Ach , Geert , ich ängstige mich wirklich . « Und sie richtete sich im Bett in die Höh und sah ihn starr an . » Soll ich noch nach Johanna klingeln , daß sie uns Tee bringt ? Du hast es so gern vor dem Schlafengehen . « Er küßte ihr die Hand . » Nein , Effi . Nach Mitternacht kann auch der Kaiser keine Tasse Tee mehr verlangen , und du weißt , ich mag die Leute nicht mehr in Anspruch nehmen als nötig . Nein , ich will nichts als dich ansehen und mich freuen , daß ich dich habe . So manchmal empfindet man ' s doch stärker , welchen Schatz man hat . Du könntest ja auch so sein wie die arme Frau Crampas : das ist eine schreckliche Frau , gegen keinen freundlich , und dich hätte sie vom Erdboden vertilgen mögen . « » Ach , ich bitte dich , Geert , das bildest du dir wieder ein . Die arme Frau ! Mir ist nichts aufgefallen . « » Weil du für derlei keine Augen hast . Aber es war so , wie ich dir sage , und der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich immer und sah dich kaum an . Was doch ganz unnatürlich ist ; denn erstens ist er überhaupt ein Damenmann , und nun gar Damen wie du , das ist seine besondere Passion . Und ich wette auch , daß es keiner besser weiß als meine kleine Frau selber . Wenn ich daran denke , wie , Pardon , das Geschnatter hin und her ging , wenn er morgens in die Veranda kam oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen . Es ist , wie ich dir sage , er traute sich heute nicht , er fürchtete sich vor seiner Frau . Und ich kann es ihm nicht verdenken . Die Majorin ist so etwas wie unsere Frau Kruse , und wenn ich zwischen beiden wählen müßte , ich wüßte nicht wen . « » Ich wüßt es schon ; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden . Die arme Majorin ist unglücklich , die Kruse ist unheimlich . « » Und da bist du doch mehr für das Unglückliche ? « » Ganz entschieden . « » Nun höre , das ist Geschmacksache . Man merkt , daß du noch nicht unglücklich warst . Übrigens hat Crampas ein Talent , die arme Frau zu eskamotieren . Er erfindet immer etwas , sie zu Hause zu lassen . « » Aber heute war sie doch da . « » Ja , heute . Da ging es nicht anders . Aber ich habe mit ihm eine Partie zu Oberförster Ring verabredet , er , Gieshübler und der Pastor , auf den dritten Feiertag , und da hättest du sehen sollen , mit welcher Geschicklichkeit er bewies , daß sie , die Frau , zu Hause bleiben müsse . « » Sind es denn nur Herren ? « » O bewahre . Da würd ich mich auch bedanken . Du bist mit dabei und noch zwei , drei andere Damen , die von den Gütern ungerechnet . « » Aber dann ist es doch auch häßlich von ihm , ich meine von Crampas , und so was bestraft sich immer . « » Ja , mal kommt es . Aber ich glaube , unser Freund hält zu denen , die sich über das , was kommt , keine grauen Haare wachsen lassen . « » Hältst du ihn für schlecht ? « » Nein , für schlecht nicht . Beinah im Gegenteil , jedenfalls hat er gute Seiten . Aber er ist so ' n halber Pole , kein rechter Verlaß , eigentlich in nichts , am wenigsten mit Frauen . Eine Spielernatur . Er spielt nicht am Spieltisch , aber er hazardiert im Leben in einem fort , und man muß ihm auf die Finger sehen . « » Es ist mir doch lieb daß du mir das sagst . Ich werde mich vorsehen mit ihm . « » Das tu . Aber nicht zu sehr ; dann hilft es nichts . Unbefangenheit ist immer das beste , und natürlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit und , wenn ich solch steifleinenes Wort brauchen darf , eine reine Seele . « Sie sah ihn groß an . Dann sagte sie : » Ja , gewiß . Aber nun sprich nicht mehr , und noch dazu lauter Dinge , die mich nicht recht froh machen können . Weißt du , mir ist , als hörte ich oben das Tanzen . Sonderbar , daß es immer wiederkommt . Ich dachte , du hättest mit dem allen nur so gespaßt . « » Das will ich doch nicht sagen , Effi . Aber so oder so , man muß nur in Ordnung sein und sich nicht zu fürchten brauchen . « Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte , die ihr Crampas über ihren Mann als » Erzieher « gesagt hatte . Der Heilige Abend kam und verging ähnlich wie das Jahr vorher ; aus Hohen-Cremmen kamen Geschenke und Briefe ; Gieshübler war wieder mit einem Huldigungsvers zur Stelle , und Vetter Briest sandte eine Karte : Schneelandschaft mit Telegraphenstangen , auf deren Draht geduckt ein Vögelchen saß . Auch für Annie war aufgebaut : ein Baum mit Lichtern , und das Kind griff mit seinen Händchen danach . Innstetten , unbefangen und heiter , schien sich seines häuslichen Glücks zu freuen und beschäftigte sich viel mit dem Kinde . Roswitha war erstaunt , den gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen . Auch Effi sprach viel und lachte viel , es kam ihr aber nicht aus innerster Seele . Sie fühlte sich bedrückt und wußte nur nicht , wen sie dafür verantwortlich machen sollte , Innstetten oder sich selber . Von Crampas war kein Weihnachtsgruß eingetroffen ; eigentlich war es ihr lieb , aber auch wieder nicht , seine Huldigungen erfüllten sie mit einem gewissen Bangen , und seine Gleichgültigkeiten verstimmten sie ; sie sah ein , es war nicht alles so , wie ' s sein sollte . » Du bist so unruhig « , sagte Innstetten nach einer Weile . » Ja . Alle Welt hat es gut mit mir gemeint , am meisten du ; das bedrückt mich , weil ich fühle , daß ich es nicht verdiene . « » Damit darf man sich nicht quälen , Effi . Zuletzt ist es doch so : was man empfängt , das hat man auch verdient . « Effi hörte scharf hin , und ihr schlechtes Gewissen ließ sie sich selber fragen , ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe . Spät gegen Abend kam Pastor Lindequist , um zu gratulieren und noch wegen der Partie nach der Oberförsterei Uvagla hin anzufragen , die natürlich eine Schlittenpartie werden müsse . Crampas habe ihm einen Platz in seinem Schlitten angeboten , aber weder der Major noch sein Bursche , der , wie alles , auch das Kutschieren übernehmen solle , kenne den Weg , und so würde es sich vielleicht empfehlen , die Fahrt gemeinschaftlich zu machen , wobei dann der landrätliche Schlitten die Tête zu nehmen und der Crampassche zu folgen hätte . Wahrscheinlich auch der Gieshüblersche . Denn mit der Wegkenntnis Mirambos , dem sich unerklärlicherweise Freund Alonzo , der doch sonst so vorsichtig , anvertrauen wolle , stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der des sommersprossigen Treptower Ulanen . Innstetten , den diese kleinen Verlegenheiten erheiterten , war mit Lindequists Vorschlage durchaus einverstanden und ordnete die Sache dahin , daß er pünktlich um zwei Uhr über den Marktplatz fahren und ohne alles Säumen die Führung des Zuges in die Hand nehmen werde . Nach diesem Übereinkommen wurde denn auch verfahren , und als Innstetten Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte , grüßte Crampas zunächst von seinem Schlitten aus zu Effi hinüber und schloß sich dann dem Innstettenschen an . Der Pastor saß neben ihm . Gieshüblers Schlitten , mit Gieshübler selbst und Doktor Hannemann , folgte , jener in einem eleganten Büffelrock mit Marderbesatz , dieser in einem Bärenpelz , dem man ansah , daß er wenigstens dreißig Dienstjahre zählte . Hannemann war nämlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf einem Grönlandfahrer gewesen . Mirambo saß vorn , etwas aufgeregt wegen Unkenntnis im Kutschieren , ganz wie Lindequist vermutet hatte . Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Mühle vorbei . Zwischen Kessin und Uvagla ( wo , der Sage nach , ein Wendentempel gestanden ) lag ein nur etwa tausend Schritt breiter , aber wohl anderthalb Meilen langer Waldstreifen , der an seiner rechten Längsseite das Meer , an seiner linken , bis weit an den Horizont hin , ein großes , überaus fruchtbares und gut angebautes Stück Land hatte . Hier , an der Binnenseite , flogen jetzt die drei Schlitten hin , in einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich , in denen , aller Wahrscheinlichkeit nach , andere nach der Oberförsterei hin eingeladene Gäste saßen . Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rädern deutlich zu erkennen , es war der Papenhagensche . Natürlich . Güldenklee galt als der beste Redner des Kreises ( noch besser als Borcke , ja selbst besser als Grasenabb ) und durfte bei Festlichkeiten nicht leicht fehlen . Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen Kutscher strengten sich an und wollten sich nicht überholen lassen - , so daß man schon um drei vor der Oberförsterei hielt . Ring , ein stattlicher , militärisch dreinschauender Herr von Mitte Fünfzig , der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin mitgemacht und sich bei Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte , stand in der Tür und empfing seine Gäste , die , nachdem sie abgelegt und die Frau des Hauses begrüßt hatten , zunächst vor einem langgedeckten Kaffeetische Platz nahmen , auf dem kunstvoll aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen . Die Oberförsterin , eine von Natur sehr ängstliche , zum mindesten aber sehr befangene Frau , zeigte sich auch als Wirtin so , was den überaus eitlen Oberförster , der für Sicherheit und Schneidigkeit war , ganz augenscheinlich verdroß . Zum Glück kam sein Unmut zu keinem Ausbruch , denn von dem , was seine Frau vermissen ließ , hatten seine Töchter desto mehr , bildhübsche Backfische von vierzehn und dreizehn , die ganz nach dem Vater schlugen . Besonders die ältere , Cora , kokettierte sofort mit Innstetten und Crampas , und beide gingen auch darauf ein . Effi ärgerte sich darüber und schämte sich dann wieder , daß sie sich geärgert habe . Sie saß neben Sidonie von Grasenabb und sagte : » Sonderbar , so bin ich auch gewesen , als ich vierzehn war . « Effi rechnete darauf , daß Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens Einschränkungen machen würde . Statt dessen sagte diese : » Das kann ich mir denken . « » Und wie der Vater sie verzieht « , fuhr Effi halb verlegen , und nur , um doch was zu sagen , fort . Sidonie nickte . » Da liegt es . Keine Zucht . Das ist die Signatur unserer Zeit . « Effi brach nun ab . Der Kaffee war bald genommen , und man stand auf , um noch einen halbstündigen Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen , zunächst auf ein Gehege zu , drin Wild eingezäunt war . Cora öffnete das Gatter , und kaum daß sie eingetreten , so kamen auch schon die Rehe auf sie zu . Es war eigentlich reizend , ganz wie ein Märchen . Aber die Eitelkeit des jungen Dinges , das sich bewußt war , ein lebendes Bild zu stellen , ließ doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen , am wenigsten bei Effi . » Nein « , sagte sie zu sich selber , » so bin ich doch nicht gewesen . Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt , wie diese furchtbare Sidonie mir eben andeutete , vielleicht auch anderes noch . Man war zu Haus zu gütig gegen mich , man liebte mich zu sehr . Aber das darf ich doch wohl sagen , ich habe mich nie geziert . Das war immer Huldas Sache . Darum gefiel sie mir auch nicht , als ich diesen Sommer sie wiedersah . « Auf dem Rückwege vom Walde nach der Oberförsterei begann es zu schneien . Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern aus , daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe , sie zu begrüßen . Zugleich wies er auf die großen , schweren Schneeflocken , die fielen , und sagte : » Wenn das so weitergeht , so schneien wir hier ein . « » Das wäre nicht das Schlimmste . Mit dem Eingeschneitwerden verbinde ich von langer Zeit her eine freundliche Vorstellung , eine Vorstellung von Schutz und Beistand . « » Das ist mir neu , meine gnädigste Frau . « » Ja « , fuhr Effi fort und versuchte zu lachen , » mit den Vorstellungen ist es ein eigen Ding , man macht sie sich nicht bloß nach dem , was man persönlich erfahren hat , auch nach dem , was man irgendwo gehört oder ganz zufällig weiß . Sie sind so belesen , Major , aber mit einem Gedichte - freilich keinem Heineschen , keinem Seegespenst und keinem Vitzliputzli bin ich Ihnen , wie mir scheint , doch voraus . Dies Gedicht heißt die Gottesmauer , und ich hab es bei unserm Hohen-Cremmner Pastor vor vielen , vielen Jahren , als ich noch ganz klein war , auswendig gelernt . « » Gottesmauer « , wiederholte Crampas . » Ein hübscher Titel , und wie verhält es sich damit ? « » Eine kleine Geschichte , nur ganz kurz . Da war irgendwo Krieg , ein Winterfeldzug , und eine alte Witwe , die sich vor dem Feinde mächtig fürchtete , betete zu Gott , er möge doch eine Mauer um sie bauen , um sie vor dem Landesfeinde zu schützen . Und da ließ Gott das Haus einschneien , und der Feind zog daran vorüber . « Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespräch . Als es dunkelte , waren alle wieder in der Oberförsterei zurück . Neunzehntes Kapitel Gleich nach sieben ging man zu Tisch , und alles freute sich , daß der Weihnachtsbaum , eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne , noch einmal angesteckt wurde . Crampas , der das Ringsche Haus noch nicht kannte , war helle Bewunderung . Der Damast , die Weinkühler , das reiche Silbergeschirr , alles wirkte herrschaftlich , weit über oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus , was darin seinen Grund hatte , daß Rings Frau , so scheu und verlegen sie war , aus einem reichen Danziger Kornhändlerhause stammte . Von da her rührten auch die meisten der ringsumher hängenden Bilder : der Kornhändler und seine Frau , der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten Memlingschen Altarbilde in der Danziger Marienkirche . Kloster Oliva war zweimal da , einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt . Außerdem befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des alten Nettelbeck , das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte . Niemand hatte damals , bei der wie gewöhnlich stattfindenden Auktion , das Bild des Alten haben wollen , bis Innstetten , der sich über diese Mißachtung ärgerte , darauf geboten hatte . Da hatte sich denn auch Ring patriotisch besonnen , und der alte Kolbergverteidiger war der Oberförsterei verblieben . Das Nettelbeck-Bild ließ ziemlich viel zu wünschen übrig ; sonst aber verriet alles , wie schon angedeutet , eine beinahe an Glanz streifende Wohlhabenheit , und dem entsprach denn auch das Mahl , das aufgetragen wurde . Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran , mit Ausnahme Sidoniens . Diese saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte , als sie Coras ansichtig wurde : » Da ist ja wieder dies unausstehliche Balg , diese Cora . Sehen Sie nur , Innstetten , wie sie die kleinen Weingläser präsentiert , ein wahres Kunststück , sie könnte jeden Augenblick Kellnerin werden . Ganz unerträglich . Und dazu die Blicke von Ihrem Freunde Crampas ! Das ist so die rechte Saat ! Ich frage Sie , was soll dabei herauskommen ? « Innstetten , der ihr eigentlich zustimmte , fand trotzdem den Ton , in dem das alles gesagt wurde , so verletzend herbe , daß er spöttisch bemerkte : » Ja , meine Gnädigste , was dabei herauskommen soll ? Ich weiß es auch nicht « - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbar zur Linken zuwandte : » Sagen Sie , Pastor , ist diese vierzehnjährige Kokette schon im Unterricht bei Ihnen ? « » Ja , mein gnädigstes Fräulein . « » Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen , daß Sie sie nicht in die richtige Schule genommen haben . Ich weiß wohl , es hält das heutzutage sehr schwer , aber ich weiß auch , daß die , denen die Fürsorge für junge Seelen obliegt , es vielfach an dem rechten Ernste fehlen lassen . Es bleibt dabei , die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher . « Lindequist , denselben Ton anschlagend wie Innstetten , antwortete , daß das alles sehr richtig , der Geist der Zeit aber zu mächtig sei . » Geist der Zeit ! « sagte Sidonie . » Kommen Sie mir nicht damit . Das kann ich nicht hören , das ist der Ausdruck höchster Schwäche , Bankrutterklärung . Ich kenne das ; nie scharf zufassen wollen , immer dem Unbequemen aus dem Wege gehen . Denn Pflicht ist unbequem . Und so wird nur allzuleicht vergessen , daß das uns anvertraute Gut auch mal von uns zurückgefordert wird . Eingreifen , lieber Pastor , Zucht . Das Fleisch ist schwach , gewiß ; aber ... « In diesem Augenblicke kam ein englisches Roastbeef , von dem Sidonie ziemlich ausgiebig nahm , ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken . Und weil sie ' s nicht bemerkte , so durfte es auch nicht wundernehmen , daß sie mit vieler Unbefangenheit fortfuhr : » Es kann übrigens alles , was Sie hier sehen , nicht wohl anders sein ; alles ist schief und verfahren von Anfang an . Ring , Ring - wenn ich nicht irre , hat es drüben in Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses Namens gegeben . Nun sehen Sie , benimmt er sich nicht , als ob er von dem abstamme , und seine Mutter , die ich noch gekannt habe , war eine Plättfrau in Köslin . « » Ich kann darin nichts Schlimmes finden . « » Schlimmes finden ? Ich auch nicht . Und jedenfalls gibt es Schlimmeres . Aber so viel muß ich doch von Ihnen , als einem geweihten Diener der Kirche , gewärtigen dürfen , daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen gelten lassen . Ein Oberförster ist ein bißchen mehr als ein Förster , und ein Förster hat nicht solche Weinkühler und solch Silberzeug ; das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder groß wie dies Fräulein Cora . « Sidonie , jedesmal bereit , irgendwas Schreckliches zu prophezeien , wenn sie , vom Geist überkommen , die Schalen ihres Zornes ausschüttete , würde sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert haben , wenn nicht in eben diesem Augenblicke die dampfende Punschbowle - womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen - auf der Tafel erschienen wäre , dazu Krausgebackenes , das , geschickt übereinandergetürmt , noch weit über die vor einigen Stunden aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs . Und nun trat auch Ring selbst , der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte , mit einer gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm stehenden Gläser , große geschliffene Römer , in virtuosem Bogensturz zu füllen , ein Einschenkekunststück , das die stets schlagfertige Frau von Padden , die heute leider fehlte , mal als » Ringsche Füllung en cascade « bezeichnet hatte . Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl , und kein Tropfen durfte verlorengehen . So war es auch heute wieder . Zuletzt aber , als jeder , was ihm zukam , in Händen hielt - auch Cora , die sich mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf » Onkel Crampas ' « Schoß gesetzt hatte - , erhob sich der alte Papenhagner , um , wie herkömmlich bei Festlichkeiten der Art , einen Toast auf seinen lieben Oberförster auszubringen . » Es gäbe viele Ringe « , so etwa begann er , » Jahresringe , Gardinenringe , Trauringe , und was nun gar - denn auch davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe angehe , so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben , daß einer davon in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger ( und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger ) eines kleinen hübschen Pätschelchens zieren werde ... « » Unerhört « , raunte Sidonie dem Pastor zu . » Ja , meine Freunde « , fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort , » viele Ringe gibt es , und es gibt sogar eine Geschichte , die