, sei klug und bringe dich nicht um einer gefährlichen Person und einer flüchtigen Laune willen um die Fundamente , die das Leben tragen und ohne die es kein rechtes Glück gibt . « Leopold , der sich , zu seinem eigenen Erstaunen , all die Zeit über durchaus nicht niedergeschmettert gefühlt hatte , schien einen Augenblick antworten zu wollen ; ein Blick auf die Mutter aber , deren Erregung , während sie sprach , nur immer noch gewachsen war , ließ ihn erkennen , daß jedes Wort die Schwierigkeit der Lage bloß steigern würde ; so verbeugte er sich denn ruhig und verließ das Zimmer . Er war kaum hinaus , als sich die Kommerzienrätin von ihrem Sofaplatz erhob und über den Teppich hin auf und ab zu gehen begann . Jedesmal , wenn sie wieder in die Nähe des Fensters kam , blieb sie stehen und sah nach der Mansarde und der immer noch in vollem Lichte dastehenden Plätterin hinüber , bis ihr Blick sich wieder senkte und dem bunten Treiben der vor ihr liegenden Straße zuwandte . Hier , in ihrem Vorgarten , den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe gestützt , stand ihr Hausmädchen , eine hübsche Blondine , die mit Rücksicht auf Leopolds » mores « beinahe nicht engagiert worden wäre , und sprach lebhaft und unter Lachen mit einem draußen auf dem Trottoir stehenden » Cousin « , zog sich aber zurück , als der eben von Buggenhagen kommende Kommerzienrat in einer Droschke vorfuhr und auf seine Villa zuschritt . Treibel , einen Blick auf die Fensterreihe werfend , sah sofort , daß nur noch in seiner Frau Zimmer Licht war , was ihn mitbestimmte , gleich bei ihr einzutreten , um noch über den Abend und seine mannigfachen Erlebnisse berichten zu können . Die flaue Stimmung , der er anfänglich in Folge der » Nationalzeitungs « -Korrespondenz bei Buggenhagens begegnet war , war unter dem Einfluß seiner Liebenswürdigkeit rasch gewichen , und das um so mehr , als er den auch hier wenig gelittenen Vogelsang schmunzelnd preisgegeben hatte . Von diesem Siege zu erzählen , trieb es ihn , trotzdem er wußte , wie Jenny zu diesen Dingen stand ; als er aber eintrat und die Aufregung gewahr wurde , darin sich seine Frau ganz ersichtlich befand , erstarb ihm das joviale » guten Abend , Jenny « auf der Zunge , und ihr die Hand reichend , sagte er nur : » Was ist vorgefallen , Jenny ? Du siehst ja aus wie das Leiden ... nein , keine Blasphemie ... Du siehst ja aus , als wäre dir die Gerste verhagelt . « » Ich glaube , Treibel « , sagte sie , während sie ihr Auf und Ab im Zimmer fortsetzte , » du könntest dich mit deinen Vergleichen etwas höher hinaufschrauben ; verhagelte Gerste hat einen überaus ländlichen , um nicht zu sagen bäuerlichen Beigeschmack . Ich sehe , das Teupitz-Zossensche trägt bereits seine Früchte ... « » Liebe Jenny , die Schuld liegt , glaube ich , weniger an mir als an dem Sprach- und Bilderschatze deutscher Nation . Alle Wendungen , die wir als Ausdruck für Verstimmungen und Betrübnisse haben , haben einen ausgesprochenen Unterschichtscharakter , und ich finde da zunächst nur noch den Lohgerber , dem die Felle weggeschwommen . « Er stockte , denn es traf ihn ein so böser Blick , daß er es doch für angezeigt hielt , auf das Suchen nach weiteren Vergleichen zu verzichten . Auch nahm Jenny selbst das Wort und sagte : » Deine Rücksichten gegen mich halten sich immer auf derselben Höhe . Du siehst , daß ich eine Alteration gehabt habe , und die Form , in die du deine Teilnahme kleidest , ist die geschmackloser Vergleiche . Was meiner Erregung zugrunde liegt , scheint deine Neugier nicht sonderlich zu wecken . « » Doch , doch , Jenny ... Du darfst das nicht übelnehmen ; du kennst mich und weißt , wie das alles gemeint ist . Alteration ! Das ist ein Wort , das ich nicht gern höre . Gewiß wieder was mit Anna , Kündigung oder Liebesgeschichte . Wenn ich nicht irre , stand sie ... « » Nein , Treibel , das ist es nicht , Anna mag tun , was sie will , und meinetwegen ihr Leben als Spreewälderin beschließen . Ihr Vater , der alte Schulmeister , kann dann an seinem Enkel erziehen , was er an seiner Tochter versäumt hat . Wenn mich Liebesgeschichten alterieren sollen , müssen sie von anderer Seite kommen ... « » Also doch Liebesgeschichten . Nun sage , wer ? « » Leopold . « » Alle Wetter ... « Und man konnte nicht heraushören , ob Treibel bei dieser Namensnennung mehr in Schreck oder Freude geraten war . » Leopold ? Ist es möglich ? « » Es ist mehr als möglich , es ist gewiß ; denn vor einer Viertelstunde war er selber hier , um mich diese Liebesgeschichte wissen zu lassen ... « » Merkwürdiger Junge ... « » Er hat sich mit Corinna verlobt . « Es war ganz unverkennbar , daß die Kommerzienrätin eine große Wirkung von dieser Mitteilung erwartete , welche Wirkung aber durchaus ausblieb . Treibels erstes Gefühl war das einer heiter angeflogenen Enttäuschung . Er hatte was von kleiner Soubrette , vielleicht auch von » Jungfrau aus dem Volk « erwartet und stand nun vor einer Ankündigung , die , nach seinen unbefangeneren Anschauungen , alles andere als Schreck und Entsetzen hervorrufen konnte . » Corinna « , sagte er . » Und schlankweg verlobt und ohne Mama zu fragen . Teufelsjunge . Man unterschätzt doch immer die Menschen und am meisten seine eigenen Kinder . « » Treibel , was soll das ? Dies ist keine Stunde , wo sich ' s für dich schickt , in einer noch nach Buggenhagen schmeckenden Stimmung ernste Fragen zu behandeln . Du kommst nach Haus und findest mich in einer großen Erregung , und im Augenblicke , wo ich dir den Grund dieser Erregung mitteile , findest du ' s angemessen , allerlei sonderbare Scherze zu machen . Du mußt doch fühlen , daß das einer Lächerlichmachung meiner Person und meiner Gefühle ziemlich gleichkommt , und wenn ich deine ganze Haltung recht verstehe , so bist du weitab davon , in dieser sogenannten Verlobung einen Skandal zu sehen . Und darüber möchte ich Gewißheit haben , eh wir weitersprechen . Ist es ein Skandal oder nicht ? « » Nein . « » Und du wirst Leopold nicht darüber zur Rede stellen ? « » Nein . « » Und bist nicht empört über diese Person ? « » Nicht im geringsten . « » Über diese Person , die deiner und meiner Freundlichkeit sich absolut unwert macht und nun ihre Bettlade - denn um viel was anderes wird es sich nicht handeln - in das Treibelsche Haus tragen will . « Treibel lachte . » Sieh , Jenny , diese Redewendung ist dir gelungen , und wenn ich mir mit meiner Phantasie , die mein Unglück ist , die hübsche Corinna vorstelle , wie sie , sozusagen zwischen die Längsbretter eingeschirrt , ihre Bettlade hierher ins Treibelsche Haus trägt , so könnte ich eine Viertelstunde lang lachen . Aber ich will doch lieber nicht lachen und dir , da du so sehr fürs Ernste bist , nun auch ein ernsthaftes Wort sagen . Alles , was du da so hinschmetterst , ist erstens unsinnig und zweitens empörend . Und was es außerdem noch alles ist , blind , vergeßlich , überheblich , davon will ich gar nicht reden ... « Jenny war ganz blaß geworden und zitterte , weil sie wohl wußte , worauf das » blind und vergeßlich « abzielte . Treibel aber , der ein guter und auch ganz kluger Kerl war und sich aufrichtig gegen all den Hochmut aufrichtete , fuhr jetzt fort : » Du sprichst da von Undank und Skandal und Blamage , und fehlt eigentlich bloß noch das Wort Unehre , dann hast du den Gipfel der Herrlichkeit erklommen . Undank . Willst du der klugen , immer heitren , immer unterhaltlichen Person , die wenigstens sieben Felgentreus in die Tasche steckt - nächststehender Anverwandten ganz zu geschweigen - , willst du der die Datteln und Apfelsinen nachrechnen , die sie von unserer Majolikaschüssel , mit einer Venus und einem Cupido darauf , beiläufig eine lächerliche Pinselei , mit ihrer zierlichen Hand heruntergenommen hat ? Und waren wir nicht bei dem guten alten Professor unsererseits auch zu Gast , bei Wilibald , der doch sonst dein Herzblatt ist , und haben wir uns seinen Brauneberger , der ebenso gut war wie meiner , oder doch nicht viel schlechter , nicht schmecken lassen ? Und warst du nicht ganz ausgelassen und hast du nicht an dem Klimperkasten , der da in der Putzstube steht , deine alten Lieder runtergesungen ? Nein , Jenny , komme mir nicht mit solchen Geschichten . Da kann ich auch mal ärgerlich werden ... « Jenny nahm seine Hand und wollte ihn hindern weiterzusprechen . » Nein , Jenny , noch nicht , noch bin ich nicht fertig . Ich bin nun mal im Zuge . Skandal sagst du und Blamage . Nun , ich sage dir , nimm dich in acht , daß aus der bloß eingebildeten Blamage nicht eine wirkliche wird und daß - ich sage das , weil du solche Bilder liebst - der Pfeil nicht auf den Schützen zurückfliegt . Du bist auf dem besten Wege , mich und dich in eine unsterbliche Lächerlichkeit hineinzubugsieren . Wer sind wir denn ? Wir sind weder die Montmorencys noch die Lusignans - von denen , nebenher bemerkt , die schöne Melusine herstammen soll , was dich vielleicht interessiert - , wir sind auch nicht die Bismarcks oder die Arnims oder sonst was Märkisches von Adel , wir sind die Treibels , Blutlaugensalz und Eisenvitriol , und du bist eine geborne Bürstenbinder aus der Adlerstraße . Bürstenbinder ist ganz gut , aber der erste Bürstenbinder kann unmöglich höher gestanden haben als der erste Schmidt . Und so bitt ich dich denn , Jenny , keine Übertreibungen . Und wenn es sein kann , laß den ganzen Kriegsplan fallen und nimm Corinna mit soviel Fassung hin , wie du Helene hingenommen hast . Es ist ja nicht nötig , daß sich Schwiegermutter und Schwiegertochter furchtbar lieben , sie heiraten sich ja nicht ; es kommt auf die an , die den Mut haben , sich dieser ernsten und schwierigen Aufgabe allerpersönlichst unterziehen zu wollen ... « Jenny war während dieser zweiten Hälfte von Treibels Philippika merkwürdig ruhig geworden , was in einer guten Kenntnis des Charakters ihres Mannes seinen Grund hatte . Sie wußte , daß er in einem überhohen Grade das Bedürfnis und die Gewohnheit des Sichaussprechens hatte und daß sich mit ihm erst wieder reden ließ , wenn gewisse Gefühle von seiner Seele heruntergeredet waren . Es war ihr schließlich ganz recht , daß dieser Akt innerlicher Selbstbefreiung so rasch und so gründlich begonnen hatte ; was jetzt gesagt worden war , brauchte morgen nicht mehr gesagt zu werden , war abgetan und gestattete den Ausblick auf friedlichere Verhandlungen . Treibel war sehr der Mann der Betrachtung aller Dinge von zwei Seiten her , und so war Jenny denn völlig überzeugt davon , daß er über Nacht dahin gelangen würde , die ganze Leopoldsche Verlobung auch mal von der Kehrseite her anzusehen . Sie nahm deshalb seine Hand und sagte : » Treibel , laß uns das Gespräch morgen früh fortsetzen . Ich glaube , daß du , bei ruhigerem Blute , die Berechtigung meiner Anschauungen nicht verkennen wirst . Jedenfalls rechne nicht darauf , mich anderen Sinnes zu machen . Ich wollte dir , als dem Manne , der zu handeln hat , selbstverständlich auch in dieser Angelegenheit nicht vorgreifen ; lehnst du jedoch jedes Handeln ab , so handle ich . Selbst auf die Gefahr deiner Nichtzustimmung . « » Tu , was du willst . « Und damit warf Treibel die Tür ins Schloß und ging in sein Zimmer hinüber . Als er sich in den Fauteuil warf , brummte er vor sich hin : » Wenn sie am Ende doch recht hätte ! « Und konnte es anders sein ? Der gute Treibel , er war doch auch seinerseits das Produkt dreier , im Fabrikbetrieb immer reicher gewordenen Generationen , und aller guten Geistes- und Herzensanlagen unerachtet und trotz seines politischen Gastspiels auf der Bühne Teupitz-Zossen - der Bourgeois steckte ihm wie seiner sentimentalen Frau tief im Geblüt . Dreizehntes Kapitel Am anderen Morgen war die Kommerzienrätin früher auf als gewöhnlich und ließ von ihrem Zimmer aus zu Treibel hinüber sagen , daß sie das Frühstück allein nehmen wolle . Treibel schob es auf die Verstimmung vom Abend vorher , ging aber darin fehl , da Jenny ganz aufrichtig vorhatte , die durch Verbleib auf ihrem Zimmer frei gewordene halbe Stunde zu einem Briefe an Hildegard zu benutzen . Es galt eben Wichtigeres heute , als den Kaffee mußevoll und friedlich oder vielleicht auch unter fortgesetzter Kriegführung einzunehmen , und wirklich , kaum daß sie die kleine Tasse geleert und auf das Tablett zurückgeschoben hatte , so vertauschte sie auch schon den Sofaplatz mit ihrem Platz am Schreibtisch und ließ die Feder mit rasender Schnelligkeit über verschiedene kleine Bogen hingleiten , von denen jeder nur die Größe einer Handfläche , Gott sei Dank aber die herkömmlichen vier Seiten hatte . Briefe , wenn ihr die Stimmung nicht fehlte , gingen ihr immer leicht von der Hand , aber nie so wie heute , und ehe noch die kleine Konsoluhr die neunte Stunde schlug , schob sie schon die Bogen zusammen , klopfte sie auf der Tischplatte wie ein Spiel Karten zurecht und überlas noch einmal mit halblauter Stimme das Geschriebene . » Liebe Hildegard ! Seit Wochen tragen wir uns damit , unsren seit lange gehegten Wunsch erfüllt und Dich mal wieder unter unsrem Dache zu sehen . Bis in den Mai hinein hatten wir schlechtes Wetter , und von einem Lenz , der mir die schönste Jahreszeit bedeutet , konnte kaum die Rede sein . Aber seit beinah vierzehn Tagen ist es anders , in unsrem Garten schlagen die Nachtigallen , was Du , wie ich mich sehr wohl erinnere , so sehr liebst , und so bitten wir Dich herzlich , Dein schönes Hamburg auf ein paar Wochen verlassen und uns Deine Gegenwart schenken zu wollen . Treibel vereinigt seine Wünsche mit den meinigen , und Leopold schließt sich an . Von Deiner Schwester Helene bei dieser Gelegenheit und in diesem Sinne zu sprechen ist überflüssig , denn ihre herzlichen Gefühle für Dich kennst Du so gut , wie wir sie kennen , Gefühle , die , wenn ich recht beobachtet habe , gerade neuerdings wieder in einem beständigen Wachsen begriffen sind . Es liegt so , daß ich , soweit das in einem Briefe möglich , ausführlicher darüber zu Dir sprechen möchte . Mitunter , wenn ich sie so blaß sehe , so gut ihr gerade diese Blässe kleidet , tut mir doch das innerste Herz weh , und ich habe nicht den Mut , nach der Ursache zu fragen . Otto ist es nicht , dessen bin ich sicher , denn er ist nicht nur gut , sondern auch rücksichtsvoll , und ich empfinde dann allen Möglichkeiten gegenüber ganz deutlich , daß es nichts anderes sein kann als Heimweh . Ach , mir nur zu begreiflich , und ich möchte dann immer sagen , reise , Helene , reise heute , reise morgen , und sei versichert , daß ich mich , wie des Wirtschaftlichen überhaupt , so auch namentlich der Weißzeugplätterei nach besten Kräften annehmen werde , gerade so , ja mehr noch , als wenn es für Treibel wäre , der in diesen Stücken auch so diffizil ist , diffiziler als viele andere Berliner . Aber ich sage das alles nicht , weil ich ja weiß , daß Helene lieber auf jedes andere Glück verzichtet als auf das Glück , das in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht liegt . Vor allem dem Kinde gegenüber . Lizzi mit auf die Reise zu nehmen , wo dann doch die Schulstunden unterbrochen werden müßten , ist fast ebenso undenkbar , wie Lizzi zurückzulassen . Das süße Kind ! Wie wirst Du Dich freuen , sie wiederzusehen , immer vorausgesetzt , daß ich mit meiner Bitte keine Fehlbitte tue . Denn Photographien geben doch nur ein sehr ungenügendes Bild , namentlich bei Kindern , deren ganzer Zauber in einer durchsichtigen Hautfarbe liegt ; der Teint nüanciert nicht nur den Ausdruck , er ist der Ausdruck selbst . Denn wie Krola , dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst , erst neulich wieder behauptete , der Zusammenhang zwischen Teint und Seele sei geradezu merkwürdig . Was wir Dir bieten können , meine süße Hildegard ? Wenig ; eigentlich nichts . Die Beschränktheit unsrer Räume kennst du ; Treibel hat außerdem eine neue Passion ausgebildet und will sich wählen lassen , und zwar in einem Landkreise , dessen sonderbaren , etwas wendisch klingenden Namen ich Deiner Geographiekenntnis nicht zumute , trotzdem ich wohl weiß , daß auch Eure Schulen - wie mir Felgentreu ( freilich keine Autorität auf diesem Gebiete ) erst ganz vor kurzem wieder versicherte - den unsrigen überlegen sind . Wir haben zur Zeit eigentlich nichts als die Jubiläumsausstellung , in der die Firma Dreher aus Wien die Bewirtung übernommen hat und hart angegriffen wird . Aber was griffe der Berliner nicht an - daß die Seidel zu klein sind , kann einer Dame wenig bedeuten - , und ich wüßte wirklich kaum etwas , was vor der Eingebildetheit unserer Bevölkerung sicher wäre . Nicht einmal Euer Hamburg , an das ich nicht denken kann , ohne daß mir das Herz lacht . Ach , Eure herrliche Buten-Alster ! Und wenn dann abends die Lichter und die Sterne darin flimmern - ein Anblick , der den , der sich seiner freuen darf , jedesmal dem Irdischen wie entrückt . Aber vergiß es , liebe Hildegard , sonst haben wir wenig Aussicht , Dich hier zu sehen , was doch ein aufrichtiges Bedauern bei allen Treibels hervorrufen würde , am meisten bei Deiner Dich innig liebenden Freundin und Tante Jenny Treibel . Nachschrift . Leopold reitet jetzt viel , jeden Morgen nach Treptow und auch nach dem Eierhäuschen . Er klagt , daß er keine Begleitung dabei habe . Hast Du noch Deine alte Passion ? Ich sehe Dich noch so hinfliegen , Du Wildfang . Wenn ich ein Mann wäre , Dich einzufangen würde mir das Leben bedeuten . Übrigens bin ich sicher , daß andere ebenso denken , und wir würden längst den Beweis davon in Händen haben , wenn Du weniger wählerisch wärst . Sei es nicht fürder und vergiß die Ansprüche , die Du machen darfst . Deine J. T. « Jenny faltete jetzt die kleinen Bogen und tat sie in ein Couvert , das , vielleicht um auch schon äußerlich ihren Friedenswunsch anzudeuten , eine weiße Taube mit einem Ölzweig zeigte . Dies war um so angebrachter , als Hildegard mit Helenen in lebhafter Korrespondenz stand und recht gut wußte , wie , bisher wenigstens , die wahren Gefühle der Treibels und besonders die der Frau Jenny gewesen waren . Die Rätin hatte sich eben erhoben , um nach der am Abend vorher etwas angezweifelten Anna zu klingeln , als sie , wie von ungefähr , ihren Blick auf den Vorgarten richtend , ihrer Schwiegertochter ansichtig wurde , die rasch vom Gitter her auf das Haus zuschritt . Draußen hielt eine Droschke zweiter Klasse , geschlossen und das Fenster in die Höhe gezogen , trotzdem es sehr warm war . Einen Augenblick danach trat Helene bei der Schwiegermutter ein und umarmte sie stürmisch . Dann warf sie Sommermantel und Gartenhut beiseite und sagte , während sie ihre Umarmung wiederholte : » Ist es denn wahr ? Ist es möglich ? « Jenny nickte stumm und sah nun erst , daß Helene noch im Morgenkleide und ihr Scheitel noch eingeflochten war . Sie hatte sich also , wie sie da ging und stand , im selben Moment , wo die große Nachricht auf dem Holzhofe bekannt geworden war , sofort auf den Weg gemacht , und zwar in der ersten besten Droschke . Das war etwas , und angesichts dieser Tatsache fühlte Jenny das Eis hinschmelzen , das acht Jahre lang ihr Schwiegermutterherz umgürtet hatte . Zugleich traten ihr Tränen in die Augen . » Helene « , sagte sie , » was zwischen uns gestanden hat , ist fort . Du bist ein gutes Kind , du fühlst mit uns . Ich war mitunter gegen dies und das , untersuchen wir nicht , ob mit Recht oder Unrecht ; aber in solchen , Stücken ist Verlaß auf euch , und ihr wißt Sinn von Unsinn zu unterscheiden . Von deinem Schwiegervater kann ich dies leider nicht sagen . Indessen ich denke , das ist nur Übergang , und er wird sich gehen . Unter allen Umständen laß uns zusammenhalten . Mit Leopold persönlich , das hat nichts zu bedeuten . Aber diese gefährliche Person , die vor nichts erschrickt und dabei ein Selbstbewußtsein hat , daß man drei Prinzessinnen damit ausstaffieren könnte , gegen die müssen wir uns rüsten . Glaube nicht , daß sie ' s uns leicht machen wird . Sie hat ganz den Professorentochterdünkel und ist imstande , sich einzubilden , daß sie dem Hause Treibel noch eine Ehre antut . « » Eine schreckliche Person « , sagte Helene . » Wenn ich an den Tag denke mit dear Mister Nelson . Wir hatten eine Todesangst , daß Nelson seine Reise verschieben und um sie anhalten würde . Was daraus geworden wäre , weiß ich nicht ; bei den Beziehungen Ottos zu der Liverpooler Firma vielleicht verhängnisvoll für uns . « » Nun , Gott sei Dank , daß es vorübergegangen . Vielleicht immer noch besser so , so können wir ' s en famille austragen . Und den alten Professor fürcht ich nicht , den habe ich von alter Zeit her am Bändel . Er muß mit in unser Lager hinüber . Und nun muß ich fort , Kind , um Toilette zu machen ... Aber noch ein Hauptpunkt . Eben habe ich an deine Schwester Hildegard geschrieben und sie herzlich gebeten , uns mit nächstem ihren Besuch zu schenken . Bitte , Helene , füge ein paar Worte an deine Mama hinzu und tue beides in das Couvert und adressiere . « Damit ging die Rätin , und Helene setzte sich an den Schreibtisch . Sie war so bei der Sache , daß nicht einmal ein triumphierendes Gefühl darüber , mit ihren Wünschen für Hildegard nun endlich am Ziele zu sein , in ihr aufdämmerte ; nein , sie hatte angesichts der gemeinsamen Gefahr nur Teilnahme für ihre Schwiegermutter , als der » Trägerin des Hauses « , und nur Haß für Corinna . Was sie zu schreiben hatte , war rasch geschrieben . Und nun adressierte sie mit schöner englischer Handschrift in normalen Schwung- und Rundlinien : » Frau Konsul Thora Munk , geb . Thompson . Hamburg . Uhlenhorst . « Als die Aufschrift getrocknet und der ziemlich ansehnliche Brief mit zwei Marken frankiert war , brach Helene auf , klopfte nur noch leise an Frau Jennys Toilettenzimmer und rief hinein : » Ich gehe jetzt , liebe Mama . Den Brief nehme ich mit . « Und gleich danach passierte sie wieder den Vorgarten , weckte den Droschkenkutscher und stieg ein . Zwischen neun und zehn waren zwei Rohrpostbriefe bei Schmidts eingetroffen , ein Fall , der , in dieser seiner Gedoppeltheit , noch nicht dagewesen war . Der eine dieser Briefe richtete sich an den Professor und hatte folgenden kurzen Inhalt : » Lieber Freund ! Darf ich darauf rechnen , Sie heute zwischen zwölf und eins in Ihrer Wohnung zu treffen ? Keine Antwort , gute Antwort . Ihre ganz ergebene Jenny Treibel . « Der andere , nicht viel längere Brief war an Corinna adressiert und lautete : » Liebe Corinna ! Gestern abend noch hatte ich ein Gespräch mit der Mama . Daß ich auf Widerstand stieß , brauche ich Dir nicht erst zu sagen , und es ist mir gewisser denn je , daß wir schweren Kämpfen entgegengehen . Aber nichts soll uns trennen . In meiner Seele lebt eine hohe Freudigkeit und gibt mir Mut zu allem . Das ist das Geheimnis und zugleich die Macht der Liebe . Diese Macht soll mich auch weiter führen und festigen . Trotz aller Sorge Dein überglücklicher Leopold . « Corinna legte den Brief aus der Hand . » Armer Junge ! Was er da schreibt , ist ehrlich gemeint , selbst das mit dem Mut . Aber ein Hasenohr guckt doch durch . Nun , wir müssen sehen . Halte , was du hast . Ich gebe nicht nach . « Corinna verbrachte den Vormittag unter fortgesetzten Selbstgesprächen . Mitunter kam die Schmolke , sagte aber nichts und beschränkte sich auf kleine wirtschaftliche Fragen . Der Professor seinerseits hatte zwei Stunden zu geben , eine griechische : Pindar , und eine deutsche : romantische Schule ( Novalis ) , und war bald nach zwölf wieder zurück . Er schritt in seinem Zimmer auf und ab , abwechselnd mit einem ihm in seiner Schlußwendung absolut unverständlich gebliebenen Novalis-Gedicht und dann wieder mit dem so feierlich angekündigten Besuche seiner Freundin Jenny beschäftigt . Es war kurz vor eins , als ein Wagengerumpel auf dem schlechten Steinpflaster unten ihn annehmen ließ , sie werde es sein . Und sie war es , diesmal allein , ohne Fräulein Honig und ohne den Bologneser . Sie öffnete selbst den Schlag und stieg dann langsam und bedächtig , als ob sie sich ihre Rolle noch einmal überhöre , die Steinstufen der Außentreppe hinauf . Eine Minute später hörte Schmidt die Klingel gehen , und gleich danach meldete die Schmolke : » Frau Kommerzienrätin Treibel . « Schmidt ging ihr entgegen , etwas weniger unbefangen als sonst , küßte ihr die Hand und bat sie , auf seinem Sofa , dessen tiefste Kesselstelle durch ein großes Lederkissen einigermaßen applaniert war , Platz zu nehmen . Er selber nahm einen Stuhl , setzte sich ihr gegenüber und sagte : » Was verschafft mir die Ehre , liebe Freundin ? Ich nehme an , daß etwas Besonderes vorgefallen ist . « » Das ist es , lieber Freund . Und Ihre Worte lassen mir keinen Zweifel darüber , daß Fräulein Corinna noch nicht für gut befunden hat , Sie mit dem Vorgefallenen bekannt zu machen . Fräulein Corinna hat sich nämlich gestern abend mit meinem Sohne Leopold verlobt . « » Ah « , sagte Schmidt in einem Tone , der ebensogut Freude wie Schreck ausdrücken konnte . » Fräulein Corinna hat sich gestern auf unsrer Grunewald-Partie , die vielleicht besser unterblieben wäre , mit meinem Sohne Leopold verlobt , nicht umgekehrt . Leopold tut keinen Schritt ohne mein Wissen und Willen , am wenigsten einen so wichtigen Schritt wie eine Verlobung , und so muß ich denn , zu meinem lebhaften Bedauern , von etwas Abgekartetem oder einer gestellten Falle , ja , Verzeihung , lieber Freund , von einem wohlüberlegten Überfall sprechen . « Dies starke Wort gab dem alten Schmidt nicht nur seine Seelenruhe , sondern auch seine gewöhnliche Heiterkeit wieder . Er sah , daß er sich in seiner alten Freundin nicht getäuscht hatte , daß sie , völlig unverändert , die , trotz Lyrik und Hochgefühle , ganz ausschließlich auf Äußerlichkeiten gestellte Jenny Bürstenbinder von ehedem war und daß seinerseits , unter selbstverständlicher Wahrung artigster Formen und anscheinend vollen Entgegenkommens , ein Ton superioren Übermutes angeschlagen und in die sich nun höchstwahrscheinlich entspinnende Debatte hineingetragen werden müsse . Das war er sich , das war er Corinna schuldig . » Ein Überfall , meine gnädigste Frau . Sie haben vielleicht nicht ganz unrecht , es so zu nennen . Und daß es gerade auf diesem Terrain sein mußte . Sonderbar genug , daß Dinge der Art ganz bestimmten Lokalitäten unveräußerlich anzuhaften scheinen . Alle Bemühungen , durch Schwanenhäuser und Kegelbahnen im stillen zu reformieren , der Sache friedlich beizukommen , erweisen sich als nutzlos , und der frühere Charakter dieser Gegenden , insonderheit unseres alten übelbeleumdeten Grunewalds , bricht immer wieder durch . Immer wieder aus dem Stegreif . Erlauben Sie mir , gnädigste Frau , daß ich den derzeitigen Junker generis feminini herbeirufe , damit er seiner Schuld geständig werde . « Jenny biß sich auf die Lippen und bedauerte das unvorsichtige Wort , das sie nun dem Spotte preisgab . Es war aber zu spät zur Umkehr , und so sagte sie nur : » Ja , lieber Professor , es wird das beste sein , Corinna selbst zu hören . Und ich denke , sie wird sich mit einem gewissen Stolz dazu bekennen , dem armen Jungen das Spiel über den Kopf weggenommen zu haben . « » Wohl möglich « , sagte Schmidt und stand auf und rief in das Entree hinein : » Corinna . « Kaum daß er seinen Platz wieder eingenommen hatte , so stand die von ihm Gerufene auch schon in der Tür , verbeugte sich artig gegen die Kommerzienrätin und sagte : » Du hast gerufen , Papa ? « » Ja , Corinna , das hab ich . Eh wir aber weitergehen , nimm einen Stuhl und setze dich in einiger Entfernung von uns . Denn ich möchte es auch äußerlich markieren , daß du vorläufig eine Angeklagte bist . Rücke in die Fensternische , da