davon bin ich nicht bloß im großen und ganzen fest überzeugt . Ich hoffe es in meinen stillen , liebsten Stunden gleichfalls , daß ich auch meinerseits so von der Vorsehung , wie ich bin , für ihn gemacht bin und daß es wohl auch ihm recht einsam und elend in der Welt wäre , wenn er mich nicht darin gefunden hätte ! Aber daß wir hier auf der Roten Schanze jedermann draußen als ein wunderliches , wunderliches Gespann vorkommen müssen , das glaube ich jedem , der es mir sagt , auf sein Wort , da ich es mir selber oft genug selbst sage ... Liebster Himmel , ist er denn schon mit seinem Anzuge fertig , ohne mich dreißigmal dazugerufen zu haben , selbst wenn er bloß auf seine versteinerten Knochenexpeditionen gehen will ? O Gott , jaja , auf welche noch ältere und viel schlimmere Totengräberei will er aber auch jetzt gehen ? ! « Da war er wieder . Halb Pfarrherr , halb Landbebauer ; aber ganz der dicke Schaumann ! - Er trug jetzt einen langen , schwarzen Lastingrock , eine aufgeknöpfte Sommerweste , ein loses Halstuch , einen breiträndigen braunen Strohhut und war in seinen hellen Sommerhosen geblieben . Einen derben Gehstock führte er auch mit sich und hatte ihn jedenfalls zu seiner Stütze nötig . Gegenwärtig aber nahm er ihn unter den einen Arm und legte den andern um sein Weib . » Küsse mich , Andromache , und sich mir nach von der Mauer von Ilion ; aber ängstige dich um Gottes willen nicht um mich . Den hellumschienten Achaier von da unten möchte ich sehen , der es fertigkriegte , Patroklos ' Schatten zu Ehren und zur Rache den dicken Schaumann um seinen Burgwall herum in Trab oder Galopp zu bringen . Da hast du noch einen Kuß , und nun laß mich aus deinen Armen . Ich gehe dir mein Wort drauf , ich komme heil und möglichst unverschwitzt wieder nach Hause und bringe dir auch , wenn nichts Hübsches , so doch recht Beruhigendes mit . Eduard wird dabeisein , wie ich das Blut bespreche , Kienbaums Manen Genugtuung verschaffe und auch meinerseits die Erinnyen veranlasse , endlich hübsch die Tür hinter sich zuzumachen und die Rote Schanze in Ruhe zu lassen . « Ich hatte nun Abschied von der lieben Frau Valentine zu nehmen und natürlich zu versprechen , daß mein erster Besuch nicht der letzte gewesen sein solle . Der Freund schritt mir über seinen verwachsenen Dammweg voran , ohne sich umzublicken ; ich aber tat das noch mehrere Male und sah des Bauern Quakatz Tochter auf der Höhe der Kriegsschanze des Prinzen Xaver von Sachsen stehen . Eine tiefe Rührung , doch eine behagliche , überkam mich dabei , und aus vollem Herzen sagte ich : » Die Gute ! Sie hat es wahrhaftig wohl verdient , daß ihr weich gebettet werde . Heinrich , möget ihr noch lange unter euren grünen Sommerbäumen und an eurem Winterofen sitzen und der Welt ihren Lauf lassen . « » Amen , und nachher in ein Grab gelegt werden und ein Menschenalter durch spuken gehen und einer respektablen Nachbarschaft zum Überdruß werden « , sagte Stopfkuchen . - Es begegneten uns bald Leute , die uns erst verwundert anstarrten und , wenn wir an ihnen vorbei waren , stehenblieben , uns nachblickten und sicherlich murmelten : » Jeses , der dicke Schaumann hier draußen ? ! « Dieses Aufsehen , das wir machten , nahm zu , je mehr wir uns der Stadt näherten und bürgerliche , städtische Gruppen oder Einzelläufer als Abendspaziergänger uns entgegenkamen . Einige Male wurden wir nun auch angehalten , und die verwunderte Frage , was ihn denn in die Stadt treibe , wurde dem Freunde in Worten und persönlichst nahegelegt . » Höflichkeitsgeschäfte ! Mein Freund Eduard fährt nach dem Kap der Guten Hoffnung nach Hause , und ich bringe ihn bloß ein bißchen auf den Weg . Übrigens hat er auch heute mittag bei mir gegessen . « Mehr als einmal vernahm ich dann das Wort : » Ist es die Möglichkeit ? « ... War der Tag schön gewesen , so war der Abend wundervoll . Tiefer Friede in der Natur und die Stadt still und reinlich ! Es war immer ein Gemeinwesen gewesen , das auf Reinlichkeit , Ordnung , grüne Bäume auf den Marktplätzen und in den breitern Straßen , auf sprudelnde Brunnen , und was sonst hierzu gehört , viel gehalten hatte . Auch die Weltgeschichte , das heißt in diesem Falle der Prinz Xaver von Sachsen mit seinem Bombardement und nach ihm mehrere große Brände hatten das Ihrige getan , die Stadt dem laufenden Tage hübsch und wohlerhalten zu überliefern , indem sie manch altes Gerümpel aus dem Wege geräumt hatten . Es war , alles in allem , ein Gemeinwesen , in das man gern abends vom Felde und aus dem Walde nach Hause kam und in welchem man dreist die Fenster öffnen durfte , ohne sie sofort wieder schließen zu müssen mit dem Ächzwort : » Pfui Deubel , stinkt das heute mal wieder ! « - » Lecker , was ? « meinte Stopfkuchen , als wir die zierlichen Anlagen , die sich rund um den Ort zogen , erreichten . » Es mußte dich doch recht anheimeln , Eduard , als du neulich den Fuß wieder hersetztest ? Der verwöhnteste Kaffer muß hier Bürgermeister , Magistrat und Stadtverordnete loben ! Wie ? « » Jawohl , jawohl ! « » Hm , hm , und die Kindermädchen mit den süßen Kleinen da auf den Bänken - alle diese lieben Abendlustwandler und - wandlerinnen . Alles so gemütlich , so behaglich - so - unschuldig ! Und nun versetze dich mal in meine Stimmung , wie ich hier neben dir wandele , mit der Macht und eigentlich auch der höchsten Verpflichtung , diese Idylle heute abend noch in den nächsten Band des neuen Pitaval zu bringen ! Jawohl , jawohl , hier gehe ich neben dir bis jetzt bloß als der dicke Schaumann durch den Stadtfrieden - wenn sie morgen von ihm aus nach der Roten Schanze hinüber- und hinaufsehen , werden sie nur noch vom geheimnisschwangern , sühneträchtigen Schaumann reden und mich den giftgeschwollenen Bauch blähen sehen : Eduard , du ahnst es doch nicht ganz , wie unangenehm mir diese Geschichte mit Kienbaum ist und wie fürchterlich es mir gegen die Natur geht , daß grade mir die endliche Abwickelung der Sache aufgeladen worden ist ! Mir , mir , und noch dazu , wenn ich mir dabei vorstelle , was für eine Menge Volks ich im Namen der sogenannten ewigen Gerechtigkeit in das himmlischste Entzücken versetze ! Denke dich in meine Nächte , wie ich mir die Leute sämtlich persönlichst in der Phantasie vor die Seele halte und bei jedem einzelnen mich frage : Was ? Dem zum Spaße ? Dem zum Vergnügen ? Dem zur Genugtuung ? - Du lieber Gott , wenn ich nicht doch auch in dieser Hinsicht eine gewisse Verpflichtung gegen das Herz - ich meine meine Frau hätte , Eduard ! Eine geborene Quakatz bleibt sie ja nun einmal : und so geht es einem hier immer noch in Europa , lieber Eduard , wenn man in anrüchige Familien hineinheiratet . « Wie die Stadtidylle morgen sich zu dem Körperumfange meines Freundes stellen mochte , mir schwoll er heute schon von Augenblick zu Augenblick mehr über jeglichen Rahmen hinaus . Und wie seine brave , gute , nette , niedliche Frau war ich ihm ohne jegliches Wort und Widerwort verfallen , mußte ihn reden lassen , ließ ihn reden und wartete jedesmal , wenn er mal aufhörte , mit innerlichster Spannung , daß er wieder anfange , sich gehenzulassen und zu reden . - Trotz aller Annehmlichkeit der Heimatstadt vermieden wir sie doch fürs erste : Stopfkuchen führte mich um den » Wall « . Weshalb , sagte er nicht , und ich fragte auch nicht danach . Ich hielt es wirklich allmählich für das beste , mich ruhig in seiner Weise von ihm führen zu lassen . Dieser Wall , den einst der Prinz Xaverius von der Roten Schanze aus beschossen hatte , war jetzt in allerliebste Spaziergänge umgewandelt worden . Teile des früheren Stadtgrabens waren auch noch vorhanden , zu hübschen Teichen auseinandergezogen , umkränzt von Pappeln , Trauerweiden und Lustgebüsch . Es liefen vom Kern der Stadt Haupt- und Nebenstraßen auf diese Lustwege hinaus , und eine der Nebenstraßen führte gleich hinter den Baumreihen und dem Zierbuschwerk auch zu dem Viertel der » Weinen Leute « . Wir nannten das zu meiner Zeit » Matthäi am letzten « , und es hieß auch wohl noch so . Als wir uns der Gegend näherten , fiel es mir recht aufs Herz , wie gut bekannt ich vor Zeiten daselbst gewesen war , wie gute Freunde ich auch dort gehabt hatte und was nun alles zwischen den Kindertagen und dem heutigen Tage für mich lag . Herrgott , und auch Störzer ! fiel mir ein . Auch der ! Und du wolltest wieder an ihm vorbeigehen ? Der Gedanke kam mir wirklich zur rechten Zeit . Was ich nach der Nachricht vom Brummersumm her versäumt hatte , konnte ich ja jetzt noch nachholen und dem alten , treuen Freunde einen Besuch abstatten . Er war in seinem Leben und Berufe fünfmal um die Erde gewesen , ohne von Hause fortgekommen zu sein : nun konnte ich , den seine Lebensfahrten so weit von Hause weggeführt hatten , doch noch einmal im Vorbeigehen bei ihm eintreten und ihm vielleicht überm untern Ende des Sarges die Hand auf die müden Füße legen . Ich nahm den Arm meines Führers . » Heinrich , ich erinnere mich eben ! Es sind kaum hundert Schritte weit . Da liegt sein Haus - « » Wessen Haus ? « » Jawohl , du hast recht mit der Frage . Der Mensch kommt nie über den Egoismus weg , alles nur in seinen eigenen Gedankenzusammenhang hineinzuziehen . Eben fällt mir ein , daß der alte , selige Freund , mein alter Landstraßenfreund Fritz Störzer , dort hinter dem Buschwerk liegt . Wenn es dir nicht ein zu weiter Umweg ist , Heinrich , so laß uns einen Augenblick abbiegen . Jetzt möchte ich dem alten zur Ruhe gelangten Wanderer doch noch einen Besuch machen . Was du nachher noch zu sagen hast , weiß ich ja noch nicht ; aber sei deine Rätsellösung auch noch so grimmig , ich glaube , ich kann mir ein Stück beruhigender Anteilnahme jetzt am besten von dorther holen . « » Wenn du meinst ? Ei wohl , das ist sein Schornstein hinter den Baumwipfeln . Der brave Störzer ! Nun , Zeit haben wir zu dem , was du meine Rätsellösung nennst , nachher immer noch , und ein großer Umweg zu dem alten , guten Kerl ist ' s grade auch nicht . Ich bin ganz zu deiner Verfügung . « So bogen wir ab von dem » Wall « , hatten aber grade jetzt noch einem Ehepaar , das mit Töchtern seinen Abendspaziergang um ihn herum machte und den dicken Schaumann auch kannte , Rede zu stehen auf die verwunderte Frage : » Herrje , wie kommt denn das , daß man Sie einmal in der Stadt sieht ? « » Es macht sich eben so « , erwiderte Stopfkuchen gemütlich . » Ich weiß im Grunde eigentlich auch selber nicht , wie ich zu dem Vergnügen komme . « Es war ein Glück , daß unser Weg zur Seite ab in das am wenigsten respektable Viertel der Stadt führte ; die Herrschaften würden uns sonst wohl gern ein Stück weit drauf begleitet haben : diese Begegnung war doch zu interessant ! - Es gibt viele Unmündige in jenem durchaus nicht nach dem Muster größerer Städte unfreundlichen , unheimlichen Stadtteile ; und sie befanden sich um diese liebe Abendstunde natürlich alle in den Gäßchen und Sackgäßchen . Vollkommene Rührung überkam mich nun , wie ich daran dachte , wie lange und doch wie kurz es her sei , daß auch ich , und zwar unter den Augen Störzers , hier die Rinnsteine abgedämmt und den Leuten den Weg versperrt habe . Und noch immer standen die Mütter mit den Kleinsten auf dem Arm in den Haustüren , und noch immer roch es nach Eierkuchen und Ziegenställen , und noch immer wurde Salat gewaschen . Der symbolische Begleiter des Evangelisten Matthäus ist ja eigentlich ein recht schöner Engel ; aber im Sankt-Matthäus-Viertel da war und ist das nicht der Fall . Da ist es das Schwein , das Haupt-Segens- und Glückstier des » kleinen Manns « , und man hörte es behaglich grunzen aus einem nähern oder fernern Stall . Es roch auch wohl nach ihm ; aber - mir sollte einer im Viertel Matthäi am letzten mit Kölnischem Wasser und dergleichen kommen , zumal in einer Zeit , wo auch die türkische Bohne noch blühte - rot , das schönste Rot der Erde - ein Wunder von Schönheit und Nutzbarkeit , wenn sie sich zwischen den Häusern des kleinen Manns über die Zäune hängt oder hinter denselben an ihren Stangen sich aufrankt . Man muß freilich eben für dies alles riechen , sehen und fühlen können ; und wer das nicht kann , der gehe hin und werde Liebhaber-Photograph . Es ist aber nicht nötig , daß er sich selber photographieren lasse , ich habe ihn schon in meinem Album in Südafrika , und der dicke Schaumann hat ihn auch in dem seinigen auf seiner Schanze Quakatzenburg.- Von der abendlichen Stille draußen im freien Felde habe ich schon geschrieben ; aber die friedlichste Landschaft macht längst nicht den Eindruck der Ruhe wie so ein Gäßchen am Feierabend bei den » kleinen Leuten « , wie man sich heute ausdrückt , oder » an der Mauer « , nämlich an der Stadtmauer , wie man im Mittelalter sagte . Und ich hatte auch einst hier hineingehört , hinter dem Rücken meiner Eltern und unter der Protektion meines guten Freundes Fritz Störzer , und das Herz ging mir auf und zog sich wieder zusammen unter dem Gefühl , wie sehr das alles vergangen sei und als was für ein Held und mit was für einem Sack voll Erfahrungen und Errungenschaften auf dem Buckel ich nun hier wieder ankomme ! Wir bogen jetzt um die Ecke , hinein in das Sackgäßchen , in dem das Haus , das ich noch so gut kannte , lag ; und auch da fand ich auch heute wieder das , was ich in meiner Kinderzeit so oft hier mit schauerlichem , aber gar nicht unangenehmem Nerven- und Seelenkitzel mitgenossen hatte : ein Hineingucken auf einen Hausflur , wo ein Sarg steht . Alles wie sonst ! Nur alles noch ein wenig mehr zusammengeschrumpft : der kleine Platz enger , die Häuser niedriger , die Fenster zusammengedrückter , die Haustüren schmaler . Und sie drängten sich alle wieder um eine Haustür , die Kinder und die Frauen mit Kindern auf dem Arme , die alten Frauen und zwei oder drei alte Männer , diese alle mit den Abendpfeifen im Munde : es stand ja wieder einmal ein Sarg auf einem Hausflur ! Sie drehten alle uns den Rücken zu und machten uns verwundert Platz , als wir ihnen über die Schultern auch mit in die Tür zu sehen wünschten . Sie verwunderten sich aber noch viel mehr , als wir gar in die Tür traten . Es schien niemand zu Hause zu sein als der alte Störzer , und auch der schlief , lag ruhig in dem engen , schwarzen Gehäuse , welches da auf drei Stühlen stand , mit den Lichtern , die morgen früh beim ehrenvollen Begängnis angezündet werden sollten , auf einem vierten Stuhle neben sich . Daß der liebe Freund , der getreue , müde Wandersmann auch unter Blumen und Kränzen lag , verstand sich von selber . Das kostete um diese Jahreszeit im Matthäusviertel nichts , und die Nachbarschaft tat gern das Ihrige hierin , ihre Teilnahme zu bezeigen . Es stand noch ein Stuhl auf dem Flur , auf welchem die Hauskatze saß und ernsthaft auf die alten und jungen Gesichter sah , die in die Haustür guckten . » Puh ! « seufzte Stopfkuchen , » ich habe doch meine Energie ein wenig überschätzt . Schwül und heiß ! « Er hob den Strohhut von der schweißglänzenden Stirn und trocknete sich den Kopf mit dem Sacktuch . » Entschuldige , Eduard « , sagte er , hob den Stuhl an der Lehne , ließ das Tier hinuntergleiten und setzte sich selber . » Einen Augenblick , Eduard , und ich bin vollständig wieder zu deiner Verfügung . « Das oder dergleichen sagte er , während ich stand und augenblicklich wenigstens nichts zu sagen , sondern nur recht viel mit dem mehr oder weniger dunkelen Gefühl , das bei solchen Gelegenheiten die Oberhand gewinnt , zu tun hatte . » Fritze Störzer ! Der alte Störzer ! « ... Und ich tat , was ich vorhin mir vorgenommen hatte : ich legte die Hand auf den Sarg , dahin , wo die Füße ruhten , die , wie die Herren im Brummersumm ausgerechnet hatten , fünfmal um die Welt gewesen waren . Stopfkuchen fächelte sich immer noch mit dem Taschentuch kühlere Luft zu . Der Mensch aber muß bei solchen Gelegenheiten irgend etwas sagen . » Du konntest nichts dafür : aber du bist eben unter deiner Hecke liegengeblieben , Heinrich ! « sagte ich . » Ich aber bin mit ihm gegangen , gelaufen , habe mit ihm seinen trefflichen Tröster , den Levaillant , studiert ! Und wenn mich ein Mensch von seinen Wegen auf die meinigen hingeschoben und mich nach Afrika befördert hat , so ist dieser hier , mein alter , guter Freund , mein ältester Freund , Friedrich Störzer , es gewesen . Möge er sanft ruhen ! « » Amen ! « sagte mein Freund Heinrich Schaumann , wieder aufstehend . » Jawohl ! Das kann ich ihm ja wohl auch wünschen - von unter meiner Hecke weg ! Er gehörte nicht zu den schlimmsten Lebens- und Weggenossen . Er war ein halber Idiot , aber er war ein braver , ein guter Kerl . Na - denn ruhe auch meinetwegen sanft , grauer Sünder , du alter Weltwanderer und Wegschleicher ! Nun laßt endlich aber auch mich aus dem Spiel und macht die Geschichte drüben unter euch dreien aus , ihr drei : Kienbaum , Störzer und Quakatz ! « Er hatte eine Faust gemacht ; aber er legte sie so leise auf das Kopfende des Sarges wie ich meine offene Hand auf das Fußende . » Was ? « fragte ich zusammenfahrend , und Schaumann sagte : » Ja . « Der Kapitän behauptet , daß er so einen Menschen wie mich ( er drückte sich englisch aus und sagte Gentleman ) , solange er fahre , noch nicht auf seinem Schiff gehabt habe . Er war eigens meinetwegen hinuntergekommen , um mich heraufzuholen und auch mir die Berge von Angra Pequeña auf unserer Leeseite zu zeigen , und ich hatte nur geantwortet » Komme gleich « und hatte vergessen zu kommen und hatte den braven Alten nicht einmal davon benachrichtigt , daß ich diese Berge bereits kenne . - Ich wollte nach seiner Hand greifen , nicht nach der des Kapitäns , sondern nach der Stopfkuchens , als er , Heinrich , mir warnend zunickte und mit dem Daumen kurz zur Seite deutete . Da sah ich , daß wir beide jetzt nicht mehr allein neben dem Sarge standen . Es war eine Frau , auch mit einem Kinde auf dem Arme und einem andern an der Schürze , aus der Stube gekommen und stand verweinten Gesichts , verlegen-verwundert und sagte : » Guten Tag , die Herren ! Das ist doch zu gütig von Ihnen . Ja , da liegt nun der Vater ! So ein guter Mann für uns ! Sie kenne ich wohl , auch durch Ihre liebe Frau , Herr Schaumann ; aber der andere Herr , der uns hier auch die Ehre schenkt in unserem Kummer , hat er ihn auch gekannt , unsern lieben Großvater ? « » Freilich , liebe Frau Störzer . Es ist ja recht , Sie haben erst nachher hier ins Haus geheiratet : dieser Herr hat seinerzeit den Schwiegerpapa ganz gut gekannt , wenn auch nicht so gut wie ich . Das ist wohl Ihr Kleiner da auf dem Arm - der Enkel ? Und hier am Rock die Enkelin ? « » Jaja , liebe Herren , und wir drei sind nun nur noch allein übrig und wissen heute noch nicht in unserer Verlassenheit , was aus uns werden soll , da der Großvater nicht mehr da ist . Wer hätte das so schnell für möglich halten sollen ? Er war noch so rüstig zu Fuße ! Er hätte gut noch manch liebes Jahr gehen können in seinem Amte ! Es war ja immer eine Verwunderung hier im Viertel über ihn und sein Stolz dazu , daß er immer noch auf den Beinen sich hielt wie der Jüngste . « » Nun , das kann in einem Alter wie das seinige freilich nicht jeder von sich behaupten , und das ist doch auch ein Trost , liebe Frau ; und das übrige wird sich ja auch wohl finden und machen . So eine rüstige , junge Frau - bloß mit einem auf dem Arm und einem an der Schürze ! Man schlägt sich schon durch , und im Notfall helfen auch wohl andere . Was hat er denn für einen Tod gehabt , Frau Störzer ? « » Ja , Gott sei wenigstens dafür Dank : einen recht guten ! ... Viel leiden hat er nicht müssen , sagt der Herr Doktor . Und das soll man ihm auch wohl gönnen ; denn auf der Seele hat ihm wohl nichts zu schwer gelegen . Daß aber jetzt grade Sie so gütig sind und hier zu uns an sein letztes Ruhebett treten , das ist mir fast wie eine Schickung , Herr Schaumann . Nämlich grade bei Ihnen , Herr Schaumann , oder auf Ihrer Roten Schanze ist er in seinen letzten Tagen und Stunden recht häufig anwesend gewesen . Er hat immerfort nach der Schanze hinausgewollt : da hätte er noch eine wichtige Sache und Bestellung . Davon hat er immerzu gesprochen und von einer Bestellung bei Ihnen , das heißt bei Ihrem seligen Herrn Schwiegervater , dem seligen Herrn Quakatz , dem man - nun Sie wissen ja und nehmen ' s wohl nicht übel - , geredet . Wir mochten ihm zusprechen , wie wir wollten ; er ist immer dabei geblieben , daß er nach der Roten Schanze hinausmüsse : er hätte da noch etwas abzugeben gegen Quittung . Aber dies waren auch seine unruhigsten Einbildungen , und dabei ist er zuletzt , ohne daß es einer gemerkt hat , sanft eingeschlafen . « Heinrich zuckte die Achseln , sah mich an und nach den Kinder- , Weiber- und Altmännergesichtern , die in der Haustür auf den Sarg gafften . Er deutete auch nach diesen hin und fragte : » Nun , was ist deine Meinung , Eduard ? Seinen Schlaf störe ich nicht dadurch : soll ich jetzt die Welt da von der Gasse hereinrufen an sein Kissen ? Soll ich nun selber von dieser Stelle aus ore rotundo das Geheimnis ihr kundmachen ? Oder findet sich doch noch ein passenderes Organ der Mitteilung ? Oder - vielleicht - wünschest du selber - « Ich brauchte nicht zu antworten , selbst wenn ich es gekonnt hätte . Der Mann von der Roten Schanze nahm meinen Arm , sagte der Schwiegertochter des Seligen noch einige tröstende Worte , die sich auf den Gemüsegarten , den Butter- und Eierhandel von Quakatzenburg bezogen , tätschelte die Enkel auf die Köpfe , und so traten wir wieder hinaus in die Welt vor der Tür , schritten durch die Gaffer und brachten den Abendhimmel nicht zum Einfallen über dem Sankt-Matthäus-Viertel . Ja , ich selber ! In der nächsten Gasse erst fragte ich , aus meiner Betäubung durch einen halben Welteinsturz erwachend : » Was nun ? Wohin nun ? Willst du mich in meinen Gasthof begleiten , Heinrich ? « » In deinen Gasthof ? Hm ! Wieder in ein Privatzimmer daselbst ? Hm , hm ! Weißt du , Eduard , ich bin so lange nicht aus dem Kasten gekommen , habe seit Jahren in keiner echten und gerechten Kneipe gesessen : ich hatte es wohl zu behaglich kneipgerecht bei meinem alten Mädchen zu Hause , unter unsern Bäumen , hinterm Ofen , hinter unsern Wällen , kurz im Kasten ! Aber jetzt spüre ich das Bedürfnis danach , die Ellbogen so auf so einen Tisch am Wege zu stemmen und das Leben durch die große Gaststube und auf der allgemeinen Landstraße vorbeipassieren zu sehen . Komm , Alter , wir sitzen vor deinem Abschied und deiner Abreise noch einmal im Goldenen Arm ! « Ich sah noch alles nur wie durch einen Schleier : die Gassen , die mit uns gehenden oder uns begegnenden Menschen , vernahm die Stimmen , das Wagengerassel wie im Traume und fand mich plötzlich wirklich an einem Fenstertisch im Goldenen Arm sitzend , indem ich Stopfkuchen pustend Platz nehmen sah und ihn aufatmend seufzen hörte : » So ! « Und nach einer Weile : » Jaja , jaja , wer erschlug den Hahn Gockel ? « Um diese Stunde des Tages war in einer so soliden Stadt wie die unserige noch niemand in der Schenkstube des Goldenen Arms vorhanden als das Schenkmädchen , die Sommerfliegen , die für den Abend blankgescheuerten Lindenholztische , die Stühle und Bänke , die auswärtigen Zeitungen vom gestrigen Tage nebst dem heutigen » Abendblatt « der städtischen Presse . Wir kamen so früh , daß die Kellnerin ganz verwundert aufschaute , als wir eintraten . Aber es fand sich auch hier , daß man den dicken Schaumann von der Roten Schanze ganz gut persönlich kannte , ohne daß er oft den Fuß von seinem Wall in die große Welt hinaussetzte . Heinrich wurde natürlich von der jungen Dame mit seinem Namen begrüßt , und indem sich dieselbe nach unsern Befehlen erkundigte , fragte sie höflich auch nach dem Befinden meines Freundes . » Kind , erst etwas Kühles , dann die warme Anteilnahme . Herz , früher pflegte des dicken Schaumanns wegen immer frisch angestochen zu werden ! « » Und es ist auch diesmal geschehen . Grad als wenn wir Sie erwartet hätten , Herr Schaumann . « Es kam ein säuberlich Getränke . Stopfkuchen hob den Krug , beäugelte Farbe und Blume , sog , setzte ab , reichte den Humpen geleert hin , kniff wahrhaftig die Mamsell in die Backe , als komme er noch jeden Abend als Stammgast . Dazu nannte er sie dann sein » liebes Mäuschen « . Der Stoff mußte also ganz seinen Beifall haben . Es wurden zwischen ihm und dem Mädchen noch einige Scherzreden gewechselt , bis er mit einem Male sich wieder zu mir wendete : » Nun aber zu unserm Geschäft , lieber Eduard . « Das Fräulein verstand den Wink , zog sich in ihren dunkeln Winkel hinter dem Schenktische zu ihrem Strickstrumpf zurück und sah nur von Zeit zu Zeit um die Schrankecke nach unsern Bedürfnissen aus . Wir beiden andern am offenen Fenster , mit dem Ellenbogen nach alter Weise auf dem Tische und dem Bierkruge vor uns , hatten hier am Platze Quakatzenburg , das Viertel Sankt Matthäi am letzten , das deutsche Volk und die Welt » so im ganzen « eine genügende Zeit für uns allein . » So macht es sich ja wirklich ganz behaglich und jedenfalls viel besser , als wie ich es mir in unnötigerweise überreizter Phantasie manchmal zurechtgerückt habe « , brummte der Freund . » Du glaubst es mir vielleicht nicht , Eduard , aber es ist doch so : ich habe mir manchmal den Kopf darüber zerbrochen , zu welcher Tagesstunde , an welchem Orte und zu wem ich am bequemsten und liebsten von , von - nun von dem Hahn Gockel reden würde . Es macht sich alles , alles doch gewöhnlich leichter , als man es sich unter seinen Beängstigungen einbildet . Diese Stunde gefällt mir ausnehmend , dieser Ort paßt mir ganz , und das Kind da hinter seinem Schenkentisch kann mir auch nur von der Allerhöchsten Weltregierung dahingesetzt worden sein . « » Heinrich ? ! « » Eduard ? ... Nun bitte ich dich aber dringend , Eduard , daß du dich auch fernerhin als bloßen Chorus in der Tragödie betrachtest . Fahre du dreist morgen wieder ab nach deinem Kaffernlande und singe mir da meinetwegen so viele Begleitstrophen und Begleitgegenstrophen zu der Geschichte , wie du willst ; ich für mein Teil denke doch nur : da habe ich dem guten alten Kerl doch noch eine nette Erinnerung an die alte gemütliche Heimat mit aufs Schiff gegeben . « Ich konnte nur durch eine matte Handbewegung antworten ; Stopfkuchen warf noch einen Blick in die Gasse und einen hinter den Schenktisch und sagte : » Von allen Menschen , so auf Erden um diese grausame und erschreckliche Historie herum wandelten , schnüffelten und sich die Köpfe zerbrachen , hätte von Rechts wegen ich der letzte sein sollen , dem das Vergnügen , sie vor einer gemalten Leinwand und zu einer Drehorgel kundzumachen , aufgehalst werden durfte . Meinst du nicht , Eduard ? « » Aber nein - nein ! Du , der Mann und Eroberer der Roten Schanze , der Schützer