» Und ich , « unterbrach mein Vater , welcher in politischer Hinsicht zwar sehr klerikal gesinnt war , in praktischer Hinsicht jedoch durchaus nicht mit seiner Schwester sympathisierte , » ich habe aus Wien den Doktor Braun verschrieben , und der hat Dich gerettet . « Am nächsten Tage , auf mein dringendes Bitten , wurde mir gestattet , sämtliche von Friedrich eingelaufenen Sendungen durchzulesen . Zumeist waren es nur zeilenlange Anfragen oder ebenso lakonische Berichte : » Gestern Gefecht - bin unversehrt . « - » Marschieren heute weiter - Depeschen zu adressieren nach * * * . « Ein längerer Brief trug auf dem Umschlag den Vermerk : » Nur zu übergeben , wenn jede Gefahr vorüber ist . « Diesen las ich zuerst : » Mein Alles ! Ob Du dieses jemals lesen wirst ? Die letzte Nachricht , die ich von Deinem Arzt erhalten , meldete : Patientin in heftigem Fieber : Zustand bedenklich , Bedenklich - den Ausdruck hat der Mann vielleicht aus Schonung gebraucht , um nicht zu sagen hoffnungslos ... Wenn Dir dieses eingehändigt wird , so weißt Du ja , daß Du der Gefahr entronnen bist ; aber Du mögest denn nachträglich erfahren , wie mir zu Mute war , während ich - am Vorabend einer Schlacht - mir vorstellte , daß mein angebetetes Weib im Sterben liegt . Daß sie nach mir ruft - die Arme nach mir ausstreckt ... Wir hatten uns ja nicht einmal ordentlich Lebewohl gesagt ... Und unser Kind , auf das ich mich so gefreut - tot ! Und ich selber morgen - ob mich eine Kugel trifft ? Wenn ich vorher wüßte , daß Du nicht mehr bist , so wäre mir die tödliche Kugel das liebste - aber wenn Du gerettet werden sollst - nein ; dann will ich vom Sterben noch nichts wissen . » Todesfreudigkeit « , dieses widernatürliche , von den Feldpredigern uns stets angepriesene Ding , das kann ein glücklicher Mensch nicht empfinden - und wenn Du lebst und ich heimkomme , so habe ich noch unberechenbare Schätze von Glück zu beheben . O , welche Lebensfreudigkeit , mit der wir beide noch die Zukunft genießen wollten , wenn uns eine solche beschieden ist ! Heute trafen wir zum erstenmal mit dem Feind zusammen . Bisher ging unser Weg durch eroberte Länderstriche , aus welchen die Dänen sich zurückgezogen . Rauchende Dorftrümmer , zertretene Saaten , herumliegende Waffen und Tornister , durch Granaten aufgewirbelte Erde , Blutlachen , Pferdeleichen , Massengräber : - das sind die Landschaften und deren Staffage , durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind , um womöglich neue Siege daran zu reihen , das heißt neue Dörfer anzuzünden und so weiter ... Das haben wir nun heute auch gethan . Die Position ist unser . Hinter uns steht ein Dorf in Flammen . Die Einwohner hatten es zum Glück vorher verlassen . Aber in einem Stall war ein Pferd vergessen worden - ich hörte das verzweifelte Tier stampfen und schreien ... Weißt Du , was ich that ? das hat mir wahrlich keinen Orden eingetragen - denn statt ein paar Dänen niederzumachen , sprengte ich auf jenen Stall zu , um das arme Roß zu befreien . Unmöglich : schon brannte die Krippe , schon das Stroh unter seinen Hufen , schon seine Mähne ... Da schoß ich ihm zwei Revolverkugeln durch den Kopf - es fiel getroffen nieder und war von dem qualvollen Flammentod gerettet . Dann zurück in den Kampf , in den Mordgestank des Pulvers , in den wüsten Lärm knatternder Schüsse , stürzenden Gebälks , wütenden Kriegsgeschreies . Die Meisten um mich her , Freund und Feind , waren wohl vom Kriegstaumel erfaßt - ich aber blieb in unseliger Nüchternheit . Zu Dänenhaß konnte ich mich nicht aufschwingen - was thaten die Braven , indem sie über uns herfielen ? weiter nichts als ihre Pflicht . - Meine Gedanken waren bei Dir , Martha ... Ich sah Dich auf dem Paradebette liegen , und was ich mir wünschte , war , daß mich eine Kugel treffe . Dazwischen blitzte doch wieder ein Sehnsuchts- und ein Hoffnungsstrahl : Wie , wenn sie lebt ? Wie , wenn ich heimkehrte ? ... Das Gemetzel dauerte über zwei Stunden und wir behaupteten , wie gesagt , das Feld . Der geschlagene Feind entfloh . Wir verfolgten ihn nicht . Auf dem Platze blieb uns Arbeit genug zu verrichten . Von dem Dorfe einige hundert Schritte entfernt und vom Brande unversehrt geblieben , steht ein großer Meierhof , mit zahlreichen leeren Wohnräumen und Ställen ; hier werden wir die Nacht über ausruhen und hierher haben wir unsere Verwundeten gebracht . Das Begraben der Toten bleibt auf morgen früh . Dabei werden natürlich wieder einige Lebendige verscharrt , denn der Starrkrampf nach Verwundungen ist eine häufige Erscheinung . Manche , die drüben geblieben , ob tot , oder verletzt , oder auch unverletzt , werden wir ganz zurücklassen müssen ; diejenigen nämlich , welche unter den Trümmern der eingestürzten Häuser liegen . Die können dann hier , wenn sie tot sind , langsam vermodern ; wenn verwundet - langsam verbluten , und wenn unversehrt - langsam verhungern . Und wir - hurrah ! - können weiterziehen , in unseren frischen , fröhlichen Krieg ... Der nächste Zusammenstoß wird wohl eine Feldschlacht abgeben . Allem Anschein nach werden sich zwei große Armeekorps gegenüberstehen . Dann kann die Zahl der Toten und Verwundeten leicht in die Zehntausend gehen ; denn wenn die Kanonen ihres vernichtungspeienden Amtes walten , so werden beiderseitig die vorderen Reihen schnell weggefegt . Das ist ja eine wunderschöne Einrichtung . Aber noch besser wird es sein , wenn einst die Schießtechnik so weit vorgeschritten ist , daß jede Armee ein Geschoß abfeuern kann , welches die ganze feindliche Armee mit einem Schlag zertrümmert . Vielleicht würde so das Kriegführen überhaupt unterbleiben . Der Gewalt könnte dann - wenn zwischen zwei Streitenden die Allgewalt eine gleich große wäre - nicht mehr die Rechtsentscheidung überantwortet werden . Warum schreibe ich Dir dies alles ? Warum breche ich nicht , wie es einem Kriegsmann ziemt , in begeisterte Lobeshymnen auf das Kriegshandwerk aus ? Warum ? Weil ich nach Wahrheit - und nach rückhaltloser Äußerung derselben - dürste ; weil ich jederzeit die lügenhafte Phrase hasse , - in diesem Augenblick aber - wo ich dem Tode so nahe bin ; und wo ich zu Dir spreche , die Du vielleicht auch im Sterben liegst - es mich doppelt drängt , zu sprechen , wie es mir ums Herz ist . Mögen tausend Andere auch anders denken , oder doch anders zu sprechen sich verpflichtet dünken , ich will , ich muß es noch einmal gesagt haben , eh ' ich dem Krieg zum Opfer falle : ich hasse den Krieg . Würde nur jeder , der das Gleiche fühlt , es laut zu verkünden wagen - welch ein dröhnender Protest schrie da zum Himmel auf ! Alles jetzt erschallende Hurrah samt dem begleitenden Kanonendonner würde dann durch den Schlachtruf der nach Menschlichkeit lechzenden Menschheit übertönt , durch das siegesgewisse : Krieg dem Kriege ! 1 / 2 4 Uhr früh . Obiges schrieb ich gestern nachts . Dann habe ich mich auf einen Strohsack gelegt und ein paar Stunden geschlafen . In einer halben Stunde wird aufgebrochen , und dies kann ich noch der Feldpost übergeben . Alles ist schon wach und rüstet zum Abmarsch . Die armen Leute : wenig Ruhe haben sie gefunden , nach der gestern vollbrachten - wenig Kräftigung zu der heute zu vollbringenden Blutarbeit ... Vorhin habe ich noch einen Rundgang durch unser improvisiertes Lazareth gemacht , welches hier zurückbleibt . Da sah ich unter den Verwundeten und Sterbenden ein paar , denen ich es gern so gemacht hätte , wie dem brennenden Pferde : ihnen eine Gnadenkugel durch den Kopf gejagt . Da ist einer , dem der ganze Unterkiefer weggeschossen ist ; da ist ein anderer , der - Genug ... Ich kann nicht helfen - niemand kann da helfen , als der Tod . Leider ist der oft so langsam ... Wer ihn verzweifelt anruft , dem gegenüber stellt er sich taub . Er ist anderweitig viel zu sehr beschäftigt , diejenigen hinzuraffen , die inbrünstig auf Genesung hoffen , die ihn flehentlich anrufen : O verschone mich ! Mein Pferd ist gesattelt - jetzt heißt es , diese Zeilen schließen . Leb wohl ! Martha - wenn Du lebst . « Zum Glück befanden sich in dem Briefpaket noch Nachrichten jüngeren Datums , als das eben angeführte Schreiben ... Nach der in letzterem vorhergesagten großen Schlacht hatte Friedrich berichten können : » Der Tag ist unser . Ich bin unversehrt geblieben . Das sind zwei gute Nachrichten - die erste namentlich für Deinen Vater , die zweite für Dich . Daß für unzählige andere derselbe Tag unzähligen Jammer gebracht hat , vermag ich nicht zu übersehen . « In einem andern Brief erzählte Friedrich , daß er mit seinem Vetter Gottfried zusammengetroffen : » Stelle Dir vor , welche Überraschung : Wen sehe ich an der Spitze eines Detachements an mir vorüber reiten ? Tante Korneliens einzigen Sohn . Muß die Arme jetzt doch zittern ... Der Junge selber ist ganz begeistert und kampfesfroh . Ich sah es seiner stolzen , leuchtenden Miene und er hat es mir auch bestätigt . Am selben Abend waren wir zusammen im Lager und ich ließ ihn in mein Zelt rufen . Das ist ja herrlich , rief er entzückt , daß wir für dieselbe Sache kämpfen , Vetter - und nebeneinander ! Hab ' ich nicht Glück , daß gleich im ersten Jahre meiner Lieutenantschaft Krieg ausgebrochen ? Ich werde mir ein Verdienstkreuz holen . - Und die Tante - wie hat sie Dein Ausrücken aufgenommen ? - Wie das nun schon ' mal der Mütter Brauch : mit Thränen - die sie übrigens zu verbergen suchte , um meine Lust nicht zu dämpfen - mit Segenswünschen , mit Kummer und mit Stolz . - Und wie war ' s Dir selber zu Mute , als Du zum erstenmale ins Gemenge kamst ? - O wonnig , erhebend ! - Du brauchst nicht zu lügen , mein Junge . Nicht der Stabsoffizier fragt nach Deinen pflichtschuldigen Lieutenantsgefühlen , sondern der Mensch und Freund . - Ich kann nur wiederholen : wonnig und erhebend . Schauerlich - ja ... aber : so großartig ! Und das Bewußtsein , daß ich die höchste Mannespflicht erfülle mit Gott für König und Vaterland ! Und dann : daß ich den Tod , dieses sonst so gefürchtete und gemiedene Gespenst , hier so nahe um mich herum walten sehen , - seine Sense auch über mir erhoben - das versetzt mich in eine eigene , über die Gewöhnlichkeit so erhabene , epische Stimmung ... Die Muse der Geschichte fühle ich uns zu Häupten schweben und unserem Schwert die Siegeskraft verleihen . Ein edler Zorn durchglüht mich gegen den frechen Feind , der das Recht der deutschen Lande niedertreten wollte , und es ist mir ein Hochgefühl , diesen Haß befriedigen zu dürfen ... das ist ein eigen , geheimnisvolles Ding , dieses Umbringendürfen - nein , Umbringen müssen - ohne ein Mörder zu sein und mit unerschrockener Preisgebung des eigenen Lebens ... So faselte der Knabe weiter . Ich ließ ihn reden . Habe ich doch Ähnliches empfunden , als mich die erste Schlacht umtoste . Episch ja , da hat er das richtige Wort getroffen . Die Heldengedichte und Heldengeschichten , mittelst deren uns die Schule zu Kriegern aufzieht , die sind es , welche dann durch den Donner der Geschütze , durch das Blitzen der blanken Waffen und durch das Feldgeschrei der Kämpfer in unserem Hirn zum Vibrieren gebracht werden . Und die Außergewöhnlichkeit , die unverständliche Außergesetzlichkeit , in der man plötzlich sich befindet , die macht , als wäre man in eine andere Welt versetzt ... es ist wie ein Ausblick von dem banalen Erdendasein mit seiner friedlichen , bürgerlichen Ruhe , in ein titanisches Gewühl von Höllengeistern ... Aber mir war dieser Taumel bald verflogen und nur mühsam kann ich mich in die Empfindungen zurückdenken , wie sie mir der junge Tessow geschildert . Ich habe es zu früh erkannt , daß der Schlachteneifer nichts Übermenschliches , sondern - Untermenschliches ist ; keine mystische Offenbarung aus dem Reiche Luzifers , sondern eine Reminiscenz aus dem Reiche der Tierheit - ein Wiedererwachen der Bestialität . Nur wer sich bis zur wilden Mordlust berauschen kann , wer - wie ich das bei Manchen unter uns gesehen - mit weit ausgeholtem Hiebe den Schädel eines entwaffneten Feindes spaltet ; wer zum Berserker - tiefer noch - zum blutdurstigen Tiger herabgesunken , der hat für Augenblicke des Kampfes Wollust genossen . Ich nie - mein Weib - glaube es mir , ich nie . Gottfried ist entzückt , daß wir Österreicher für dieselbe gerechte Sache ( was weiß denn er ? Als ob nicht jede Sache im Armeebefehl als die gerechte hingestellt würde ) wie die Preußen eingetreten sind . Ja , wir Deutsche sind doch alle ein einig Volk von Brüdern . - Das hat sich schon im dreißigjährigen Krieg - und auch im siebenjährigen Krieg gezeigt , schaltete ich halblaut ein . Gottfried überhörte mich und fuhr fort : Füreinander , miteinander besiegen wir jeden Feind . - Wie dann , mein Junge , wenn heute oder morgen die Preußen mit den Österreichern kämpfen und wir zwei als Feinde gegeneinander gestellt werden ? - Nicht denkbar . Jetzt , nachdem unser beider Blut für eine Sache geflossen , jetzt kann doch nie mehr ... - Nie mehr ? Ich warne Dich vor den Ausdrücken nie und ewig in politischen Dingen . Was die Eintagsfliegen im Reiche der Lebewesen , das sind die Völkerfeindschaften und Freundschaften im Reiche der geschichtlichen Erscheinungen . Ich schreibe das alles nieder , Martha , nicht , weil ich glaube , daß es Dich - arme Kranke - interessieren könne ; noch , weil ich Dir gegenüber Betrachtungen anstellen will : aber ich habe eine Idee , daß ich bleiben werde und da will ich nicht , daß meine Gefühle unausgesprochen mit mir ins Grab versinken . Mein Brief kann - auch noch von anderen als Dir - gefunden und gelesen werden . Es soll nicht ewig verschwiegen und vertuscht bleiben , was sich im Geiste unbefangen denkender und menschlich fühlender Soldaten regt . Ich hab ' s gewagt , war Ulrich von Huttens Wahlspruch . Ich hab ' s gesagt - : mit dieser Gewissensberuhigung will ich aus dem Leben geschieden sein . « Die jüngste der vorhandenen Nachrichten war vor fünf Tagen abgesendet worden und vor zwei Tagen angekommen . Was kann in fünf Tagen - fünf Kriegstagen - nicht alles geschehen sein ? Sorge und Bangen ergriff mich . Warum war gestern , warum heute kein Zeichen angelangt ? O diese Sehnsucht nach einem Briefe - lieber noch Telegramme - : ich glaube , kein von Fieberdurst Gequälter kann so nach Wasser lechzen , wie ich damals nach einer Nachricht lechzte . Ich war gerettet ; ihm sollte die große Freude werden , mich lebend zu finden , wenn - - immer dieses » wenn « - dieses jede Zukunftshoffnung in der Knospe erstickende » wenn « ! Mein Vater mußte wieder abreisen . Nunmehr konnte er mich beruhigt verlassen - die Gefahr war vorüber und er hatte schon dringend in Grumitz zu thun . Ich sollte , sobald ich hierzu die nötigen Kräfte zurückerlangt , ihm dorthin mit meinem kleinen Rudolf folgen . Der Aufenthalt in der frischen Landluft würde mich erst vollständig herstellen können , und auch dem Kleinen förderlich sein . Tante Marie blieb zurück ; sie wollte mich weiter pflegen und dann mit mir zugleich nach Grumitz fahren , wohin uns Rosa und Lilli schon vorangegangen waren . Ich ließ sie reden und für mich Pläne machen . Im Stillen nahm ich mir vor - sobald ich nur halbwegs dazu fähig sein würde - nach Schleswig-Holstein abzureisen . Wo Friedrichs Regiment in diesem Augenblicke sich befand , wußten wir nicht . Es war unmöglich , ihm eine Depesche zukommen zu lassen , und am liebsten hätte ich jede Stunde telegraphiert , um zu fragen : » Lebst Du ? « » Du mußt Dich nicht so aufregen , « predigte mein Vater , als er von mir Abschied nahm , » sonst bekommst Du gar noch einen Rückfall . Zwei Tage ohne Nachricht : was ist das ? Doch wahrlich kein Grund zur Besorgnis . Im Felde findet man nicht überall Briefkasten und Telegraphenstationen - abgesehen davon , daß man während des Marsches und des Schlagens und des Ruhens gar nicht im stande ist , zu schreiben . Die Feldpost funktioniert nicht immer regelmäßig ; da kann man leicht vierzehn Tage nachrichtslos bleiben , ohne daß dies Schlimmes bedeutet . Zu meiner Zeit habe ich oft noch länger nicht nach Hause geschrieben und man war darum nicht besorgt um mich . « » Wie weißt Du das , Papa ? Ich bin überzeugt , die Deinen haben für Dich ebenso gezittert , wie ich für Friedrich zittere . Nicht wahr , Tante ? « » Wir waren gottvertrauender als Du , « antwortete diese ; » wir wußten , daß , wenn die gütige Vorsehung es so lenken wollte , daß - ob wir nun Nachrichten erhielten oder keine - Dein Vater zu uns zurückkehren würde . « » Und wäre ich nicht zurückgekehrt , alle Kuckuck , so waret ihr auch vaterlandsliebend genug , um einzusehen , daß eine so geringe Sache , wie eines einzelnen Soldaten Leben in der großen Sache , für die er es gelassen hat , gänzlich verschwindet . Du , meine Tochter , bist lange nicht patriotisch genug gesinnt . Aber ich will jetzt mit Dir nicht zanken ... Die Hauptsache ist , daß Du wieder gesund wirst , und Dich für Deinen Rudi erhältst , um einen tüchtigen Mann und Vaterlandsverteidiger aus ihm heranzubilden . Ich genas nicht so schnell , als man anfangs gehofft . Die fortdauernde Nachrichtslosigkeit versetzte mich in solche bange Aufregung , daß ich aus dem fieberhaften Zustand eigentlich gar nicht herauskam , Die Nächte waren mit schauerlichen Phantasien gefüllt und die Tage vergingen in harrender Sehnsucht oder trübem Hinbrüten ; dabei war es schwer , wieder zu Kräften zu gelangen . Einmal , nach einer Nacht , da ich besonders schauderhafte Gesichte gehabt - Friedrich - lebend unter einem Haufen von Menschen- und Pferdeleichen verschüttet - stellte sich sogar ein Rückfall ein , der mein Leben neuerdings in Gefahr brachte . Die arme Tante Marie hatte ein schweres Amt . Sie hielt es für ihre Pflicht , mir unablässig Trost und Ergebung zuzusprechen und ihre Gründe - namentlich die immer wiederkehrende » Bestimmung « hatten die Wirkung , mich aufs höchste aufzubringen ; und statt sie ruhig predigen zu lassen , ließ ich mich zu leidenschaftlichem Widersprechen , zu auflehnenden Klagen gegen das Geschick , zu unumwundenem Versichern hinreißen , daß mir ihre » Bestimmung « als ein Unsinn erschiene . Das Alles klang natürlich lästerlich , und die gute Tante fühlte sich nicht allein persönlich verletzt , sondern zitterte auch für meine rebellische , jetzt vielleicht so bald vor den ewigen Richterstuhl gerufene Seele ... Nur ein Mittel gab es , mich für einige Momente zu beruhigen . Das war , wenn man mir den kleinen Rudolf ins Zimmer brachte . » Du mein geliebtes Kind - Du mein Trost , meine Stütze , meine Zukunft ! « ... so rief ich den Kleinen in meinem Innern an , wenn ich ihn erblickte . Er blieb aber nicht gern in dem traurigen , verhängten Krankenzimmer . Es war ihm wohl unheimlich , seine sonst so lustige Mama jetzt unaufhörlich im Bette liegen zu sehen , verweint und blaß . Er wurde selber ganz niedergeschlagen , und so behielt ich ihn immer nur für kurze Augenblicke bei mir . Von meinem Vater kamen häufig Anfragen und Nachrichten . Er hatte an Friedrichs Obersten und noch an mehrere Andere geschrieben , doch » noch keine Antwort erhalten « . Wenn eine Verlustliste eintraf , schickte er eine Depesche an mich : » Friedrich nicht dabei . « » Ob ihr mich nicht vielleicht betrügt ? « fragte ich einmal die Tante . » Ob nicht schon längst die Todesnachricht da ist - und ihr sie mir verhehlet ? « » Ich schwöre Dir ... « » Bei Deinem Glauben ? bei Deiner Seele ? « ... » Bei meiner Seele . « Solche Versicherung that mir unsäglich wohl , denn mit aller Macht klammerte ich mich an meine Hoffnung ... Stündlich erwartete ich das Eintreffen eines Briefes , einer Depesche . Bei jedem Lärm im Nebenzimmer stellte ich mir vor , daß es der Bote sei ; fast beständig waren meine Blicke zur Thür gerichtet , mit der beharrlichen Vorstellung , daß einer da eintreten müsse , die beglückende Botschaft in der Hand ... Wenn ich auf jene Tage zurückschaue , so liegen sie wie ein langes , qualgefülltes Jahr in meiner Erinnerung . Der nächste Lichtblick war mir die Nachricht , daß abermals ein Waffenstillstand geschlossen worden sei - das bedeutete diesmal wohl den Frieden . An dem Tage nach dem Eintreffen dieser Neuigkeit stand ich zum erstenmale ein wenig auf . Der , Friede ! Welch ein süßer , wohliger Gedanke ... Vielleicht zu spät für mich ! ... Gleichviel : ich fühlte mich doch unsäglich beruhigt : wenigstens brauchte ich mir nicht mehr täglich , stündlich den tosenden Kampf vorzustellen , von welchem Friedrich vielleicht gerade umgeben war ... » Gott sei Dank , jetzt wirst Du bald gesund werden , « sagte die Tante eines Tages , nachdem sie mir geholfen , mich auf einen Ruhesessel niederzulassen , den man mir zum offenen Fenster geschoben hatte . » Und da können wir nach Grumitz ... « » Sobald ich die Kraft habe , reise ich nach - Alsen ! « » Nach Alsen ? Aber Kind , was fällt Dir ein ? « » Ich will dort die Stelle finden , wo Friedrich entweder verwundet oder - « ich konnte nicht weitersprechen . » Soll ich den kleinen Rudolf holen ? « fragte die Tante nach einer Weile . Sie wußte , daß dies das beste Mittel sei , um meine trüben Gedanken für eine Zeit zu verscheuchen . » Nein , jetzt nicht - ich möchte ganz ruhig und allein bleiben ... Auch Du thätest mir einen Gefallen , Tante , wenn Du in das Nebenzimmer gingest ... vielleicht werde ich ein wenig schlafen . Ich fühle mich so matt ... « » Gut , mein Kind , ich will Dich in Ruhe lassen ... Hier auf dem Tischchen neben Dir steht eine Glocke . Wenn Du etwas brauchst , wird gleich jemand zur Hand sein . « » War der Briefträger schon da ? « » Nein - es ist noch nicht Postzeit . « » Wenn er kommt , so wecke mich . « Ich lehnte mich zurück und schloß die Augen . Leisen Schrittes ging die Tante hinaus . Dieses unhörbare Auftreten hatten sich in letzter Zeit alle Hausgenossen angewöhnt . Nicht schlafen wollte ich , sondern nur mit meinen Gedanken allein bleiben ... Ich befand mich in demselben Zimmer , auf demselben Ruhesessel , wie an jenem Vormittage , wo Friedrich gekommen war , mir mitzuteilen : » Wir haben Marschbefehl « . Es war auch eben so schwül , wie an jenem Tage , und wieder dufteten Rosen in einer Vase neben mir , wieder tönten von der Kaserne Trompetenübungen her . Ich konnte mich ganz in die Stimmung von damals zurückversetzen ... Ich wollte , ich hätte wieder so einschlummern können und träumen , wie ich damals zu träumen wähnte : daß die Thür leise aufging und der geliebte Mann hereintrat ... Die Rosen dufteten immer schwerer und durch das offene Fenster hallten die fernen Tra - ra - - - allmählich schwand mir das Bewußtsein der Gegenwart , immer mehr und mehr fühlte ich mich in jene Stunde zurückversetzt - vergessen war alles , was seither vorgefallen , nur die eine fixe Idee ward immer intensiver , daß jetzt und jetzt die Thür sich öffnen müsse , um dem Teuren Einlaß zu gewähren . Zu diesem Zwecke mußte ich aber träumen , daß ich die Augen halb offen hielt . Es war mir eine Anstrengung dies zu erzwingen , aber es gelang - linienbreit hob ich die Lider und - - ... Und da war es , das ersehnte , das beglückende Bild : Friedrich , mein geliebter Friedrich auf der Schwelle ... Laut aufschluchzend und das Gesicht mit beiden Händen bedeckend , fuhr ich aus meinem traumhaften Zustand auf . Mit einem Schlag war es mir klar geworden , daß dies nur eine Hallucination gewesen , und das himmelshelle Glückslicht , welches von diesem Wahnbild ausgeflossen , ließ mir die höllenfinstere Nacht meines Unglücks nun desto schwärzer erscheinen . » O mein Friedrich - mein Verlorener ! « stöhnte ich . » Martha , Weib - ! « Was war das ? Eine wirkliche Stimme - die seine - und wirkliche Arme , die mich stürmisch umfingen ... Es war kein Traum : ich lag an meines Mannes Herzen . Wie in der letzten Abschiedsstunde unser Schmerz sich mehr in Thränen und Küssen , denn in Worten geäußert hatte - so auch unser Glück in dieser Wiedersehensstunde . Daß man vor Freude wahnsinnig werden kann , ich fühlte es deutlich , als ich den Verlorengeglaubten wieder fest hielt , als ich schluchzend und lachend und erregungszitternd immer wieder den teuren Kopf mit beiden Händen faßte , um ihm Stirn und Augen und Mund zu küssen , unverständliche Worte stammelnd ... Auf meinen ersten Jubelschrei war Tante Marie aus dem Nebenzimmer herheigeeilt . Auch sie hatte von Friedrichs Rückkunft keine Ahnung gehabt und bei seinem Anblick ließ sie sich mit einem lauten » Jesus , Maria und Joseph ! « auf den nächsten Sessel fallen . Es dauerte lange , bis der erste Freudentaumel sich genug gelegt hatte , um gegenseitigen Fragen und Gegenfragen , Mitteilungen und Berichten Raum zu lassen . Dann erfuhren wir , daß Friedrich in einem Bauernhause liegen geblieben war , während sein Regiment weiter gezogen . Die Wunde war keine schwere gewesen , dennoch hatte er mehrere Tage bewußtlos im Fieber gelegen . Briefe waren ihm in letzter Zeit keine zugekommen , und es war auch nicht möglich gewesen , solche abzuschicken . Als er genesen , da war der Waffenstillstand bereits erklärt und eigentlich der Krieg zu Ende . Nichts hinderte ihn , nach Hause zu eilen . Jetzt schrieb und telegraphierte er nicht mehr und reiste Tag und Nacht , um so schnell als möglich anzukommen . Ob ich noch am Leben , ob ich außer Gefahr war - das wußte er nicht . Er wollte sich auch gar nicht darum erkundigen - nur hin , nur hin , ohne eine Stunde zu verlieren und ohne seiner Heimfahrt etwa die Hoffnung abzuschneiden , daß er sein Liebstes wiederfindet ... Und diese Hoffnung ward nicht getäuscht : jetzt hatte er sein Liebstes wiedergefunden : gerettet und selig - über die Maßen selig ... Bald übersiedelten wir alle nach meines Vaters Landsitz . Friedrich hatte zur Herstellung seiner Gesundheit einen längeren Urlaub erhalten und die ihm vom Arzt verordneten Mittel : Ruhe und gute Luft , konnte er am besten bei uns in Grumitz finden . Das war ein glücklicher Nachsommer ... Ich erinnere mich keines Zeitabschnittes in meinem Leben , der schöner gewesen wäre . Die endliche Vereinigung mit einem lang ersehnten Geliebten mag wohl unendlich sein ; aber fast noch süßer will mir die Wiedervereinigung mit einem schon halb Verlorengegebenen scheinen . Wenn ich mich für einen Moment in das Angstgefühl zurück versetzte , welches mich vor Friedrichs Rückkunft erfüllte , oder mir die Bilder herauf beschwor , welche meine Fiebernächte gequält hatten - Friedrich , allerlei Todesqual erleidend - und mich dann an seinem Anblick weidete , so jubelte mir das Herz . Ich hatte ihn jetzt noch lieber , noch hundertmal lieber , den wiedererlangten Gatten , und ich empfand seinen Besitz als einen immer anwachsenden Reichtum . Schon hatte ich mich für eine Bettlerin gehalten - und jetzt : - die Freudenmillion war mein ! Die ganze Familie war in Grumitz versammelt . Auch Otto , mein Bruder , brachte seine Ferien bei uns zu . Er war jetzt fünfzehn Jahre alt und sollte noch drei Jahre in der Wiener-Neustädter Militärakademie zubringen . Ein herziges Bürschchen , mein Bruder , und des Vaters Liebling und Stolz . Er sowohl , als Lilli und Rosa füllten das Haus mit ihrer Lustigkeit . Das war ein ewiges Lachen und Springen und Ball- und Raquette-Spiel und allerlei tolles Streiche-machen . Vetter Konrad , dessen Regiment unweit von Grumitz in Garnison lag , kam so häufig als möglich herübergeritten und hielt bei den Ausgelassenheiten der Jungen wacker mit . Eine zweite Partei bildeten die Alten - nämlich Tante Marie , mein Vater und einige als Gäste bei uns weilende Kameraden des Letzteren . Unter diesen wurde fleißig Karten gespielt , gemäßigte Parkpromenaden gemacht , den Tafelfreuden gehuldigt und unabsehbar viel » kannegegossen « . Die eben stattgehabten kriegerischen Ereignisse und die durch letztere durchaus nicht zum Abschluß gebrachte schleswig-holsteinische Frage boten ein ergiebiges Feld hierzu . Friedrich und ich lebten von den anderen eigentlich so ziemlich abgeschieden - nur zu den Mahlzeiten trafen wir mit ihnen zusammen - und auch das nicht immer . Man ließ uns gewähren . Es galt als ausgemacht , daß wir in einer zweiten Auflage des