einen Felsvorsprung getreten und rief , auf die Wiese jenseits des Baches deutend : » Daher kommt ' s , da hat man eine schöne Aussicht , auf die Tante Dolph , auf deine Buben , Wilhelm , die dort herumwimmeln , und auf die Jausen . « » Und auf einen wackeligen Steg « , fiel Hermann ein . » Wie oft habe ich den schon abreißen lassen , immer wird er wieder aufgerichtet , sogar jetzt bei Hochwasser . « » Das änderst du nicht , solange der Holzschlag dauert oben im Gebirg « , sprach Wilhelm . » Den Umweg von zweihundert Schritten über die Brücke macht dir ein Holzknecht nie . « » Ich würde ihn auch nicht machen « , rief Fee , » besonders wenn jemand , der mir lieb ist , am anderen Ufer stehen möcht . Aber schauts nur , schauts , die Aussicht ist wirklich der Müh wert . Lassen wir uns unterdessen die Aussicht schmecken . « Alle umringten sie . Auf der Wiese trafen einige Diener unter der Leitung Helmis Vorbereitungen zu einem ungemein reichlichen five o ' clock tea . Die Gefräßigen unter den jungen Herren verfolgten diese Tätigkeit sehr aufmerksam , während die anderen die Seltsamkeiten zu erspähen suchten , welche der Vogelherd barg . Gräfin Dolph war am schattigen Waldesrand im Wagen sitzengeblieben . Sie freute sich , ihren Liebling Hermann die Läuferkünste ausführen zu sehen , die er ihr bereits angekündigt hatte . Er rannte bis zu den Weiden am Ende der Wiese und wieder zurück , die Kreuz und die Quer , recht wie ein Füllen , das seine junge Kraft austoben will . Auf einmal blieb er stehen , hob den Kopf , sah zur Burg empor , und als er dort oben auf dem Berge seine Eltern erblickte , streckte er ihnen die Arme entgegen und warf ihnen Küsse zu : » Ich seh euch , Vater , Mutter , ihr seid kleinwinzig « , er maß an seinem Finger , » so klein ! « Seine Stimme drang nicht bis hinauf ; man sah nur die herzigen Gebärden , unter denen er sich dem Ufer näherte , rühmte den » Prachtbuben « , winkte ihm Grüße zu . Clemens machte ein Sprachrohr aus seinen Händen und rief : » Komm her , wenn ' s d ' Courage hast . « Plötzlich stieß Maria einen Ruf des Schreckens aus , und Hermann , über den Abgrund gebeugt , schrie aus allen seinen Kräften : » Fort vom Wasser ... Geh zurück ! « Das Kind schien einen raschen Entschluß gefaßt zu haben , es lief dem Stege zu . Die alte Wärterin , die sich in seiner Nähe gehalten hatte , hinter ihm her , stolpernd , keuchend . Die übrigen Kinder waren aufmerksam geworden . Ein und derselbe Impuls durchzuckte alle . - Dem Hermann nach zum Steg ... Und fort stoben sie , Wilhelms siebenjähriger Hansel an ihrer Spitze . Es dauerte einige Zeit , bevor Helmi mit Hilfe der Bonne und der Diener die Flüchtlinge wieder eingefangen . Eben auch hatte die Wärterin sich Hermanns zu bemächtigen gewußt ; der Widerstand , den er ihr entgegensetzte , schien bereits überwunden , als es ihm gelang , sich mit einem heftigen Ruck loszureißen und zu entrinnen . » Ich hab Courage ! Vater , Mutter , ich komm zu euch ! « Er lief und lief , und alle , die ihm von der Wiese her nachgeeilt kamen , blieben weit hinter ihm zurück . Nun schimmerte sein weißes Kleidchen durch die Zweige der Weiden , und nun erschien er auf dem Steg . Im selben Augenblick stürmte Hermann der Felsentreppe zu und die jähe Steile ihrer verwitterten Stufen hinab . Lautlos folgte ihm Maria , und rasch wie ein Pfeil war Willi an ihrer Seite . Aber auch von den übrigen besann sich keiner , den schwindelnden Pfad zu betreten . Keiner dachte an das , was er wagte . Ein Gefühl nur durchzitterte alle , dieselbe Angst , derselbe Wunsch ... Sie glitten , sie wankten , fanden das Gleichgewicht wieder und rannten weiter . Eines Pulsschlags Dauer hielten sie inne in ihrem kühnen Beginnen . Sorglos schreitend war das Kind bis zur Mitte des Steges gelangt , triumphierte laut und forderte seine Verfolger heraus : » Jetzt fangt mich , jetzt ! « sah sich um , beschleunigte seinen Lauf , strauchelte , stürzte - Alle anderen überholend , erreichte Hermann das Ufer . Den Blick unverwandt auf das Kind gerichtet , das , ohne unterzusinken , von der Strömung fortgerissen wurde , warf er den Rock ab , stürzte sich in die Flut und hatte im nächsten Augenblick den Kleinen erfaßt . Hermann auf dem Fuße waren Wilhelm und Clemens gefolgt . Der erste voll Geistesgegenwart , wissend , was er wollte , der zweite halb wahnsinnig vor Bestürzung über die Folgen seines verhängnisvollen Scherzes . Wilhelm lief mit Blitzesschnelle der Brücke zu . Neben dieser war ein Kahn ans Land gezogen , junge Baumstämme lagen da aufgeschichtet , zur Herstellung der Vogelhütte bestimmt . Nach einem von denen griff Wilhelm , ließ ihn aber fallen , als Clemens einen Floßhaken entdeckte und an sich nahm , der im Kahn geborgen oder vergessen worden . Rascher , als Worte schildern , eilten beide zurück und langten glücklich an der Stelle an , wo sich Hermann mit übermenschlicher Kraft gegen die andringenden Fluten behauptete . » Näher ! um Gottes willen , näher ! « schrien Wilhelm und Clemens ihm zu , und jeder hielt die Stange fest mit beiden Händen , und sie reichten sie ihm hin , soweit sie konnten . Er griff nach ihr - verfehlte sie ... Da sprang Clemens ins Wasser , kämpfte sich vor bis ans äußerste Ende der von Wilhelm allein nur mühsam im Gleichgewicht erhaltenen Stange und wagte einen verzweifelten , einen vergeblichen Rettungsversuch . Schon hatte die Riesenschraube des Wirbels Vater und Sohn umklammert und riß sie hinunter und warf sie mit wildem Toben wieder empor , keuchend , schaumbedeckt ... Ein letztes , ein grausiges Ringen . - - Erschöpft , überwunden , erbarmungslos an die Riffe geschleudert , suchte Hermann noch sein Kind mit seinem Leibe zu decken . An beiden Ufern drängten Leute zur Unglücksstätte heran ; diesseits alle , die Hermann nachgeeilt waren , jenseits seine Diener , Kutscher , Lakaien , zufällig vorüberkommende Arbeiter . Nicht einer unter ihnen , der nicht helfen möchte , der es nicht versucht mit leidenschaftlichem Eifer . Nur Maria , Hermanns Namen auf ihren Lippen , ihm nachstrebend mit rasender Sehnsucht in die Todesgefahr , blieb regungslos . Ihre ganze Seele war in ihren unnatürlich weit geöffneten Augen , in dem Blick , mit dem sie ihm nachstarrte ... Auf einmal war ihr , als sei es Nacht geworden - ihre Pulse stockten , sie wankte und lag in zwei fest um sie geschlungenen Armen . - Carla Wonsheim hielt sie aufrecht , Betty lag schluchzend zu ihren Füßen und umklammerte ihre Knie . - Jemand betete laut - aus der Feme drang verworrenes Geräusch von Stimmen . Dorthin - aus halber Bewußtlosigkeit erwachend - eilte Maria . Menschen , immer mehr Menschen liefen zusammen . Einige trugen eine schwere Last und legten sie hin - - o wie sanft und vorsichtig ... Nun ist ' s , als ginge eine freudige Bewegung durch die Menge : » Der Doktor ! « schreit ein atemlos daherrennender Diener , » der Heger bringt ihn , er war bei dessen krankem Kinde . « Beim Nahen Marias tritt lautlose Stille ein . Alle Leute treten stumm vor ihr zurück ... Ein einziger , halb entkleidet , triefend , kommt an sie heran , windet sich winselnd und stöhnend . Er faßt den Saum ihres Kleides : » Treten Sie auf mich ! Ich hab ' s getan , ich hab ihn gerufen , ich Verdammter , dumm wie ein Tier ... Zertreten Sie den hohlen Schädel , zertreten Sie mich ! « heulte er und grub sein Gesicht in das Gras zu ihren Füßen . Maria wich ihm aus . Sie hatte die Leblosen erblickt , die klaffende Wunde auf Hermanns Stirn , das fahle Angesicht ihres Knaben . Da bäumte sie sich zurück , hob die gerungenen Hände gen Himmel und sank nieder mit einem entsetzlichen Wehelaut : » Tot ? ... Beide tot ? « Niemand gab Antwort , und sie raffte sich zusammen , und über Hermann gebeugt , bedeckte sie seine Brust mit ihren Küssen und rief : » Er lebt , Doktor - sein Herz schlägt , ich hab es gefühlt ... « Der Arzt , der , wenn auch völlig hoffnungslos , noch nicht aufgehört hatte , Wiederbelebungsversuche an dem Kinde vorzunehmen , antwortete mit einer verneinenden Gebärde . Sie aber drückte ihren Mund auf den des Entseelten und hauchte ihm ihren Atem ein , bis er versagte , ohne die leiseste Regung des seinen zu wecken . Und nun begriff sie , daß sie ihn verloren hatte . Wieder stürzte sie sich über ihn ... aber plötzlich , gestemmt auf seine Schulter , hob sie den Kopf empor und schoß einen Blick voll bebender Scheu nach ihrem Sohne ... » Der auch ? « stöhnte sie mit einer Stimme , in der alles zusammengepreßt schien , was die Menschenseele an Schmerz zu fassen vermag : » Mein Kind auch ! « Dem Wahnsinn nahe , betete sie , bettelte um ein Wunder . Als sie heimkehrten , die vor wenigen Stunden froh und glücklich das Haus verlassen hatten , funkelten ihnen Hundert-tausende farbige Lämpchen entgegen . In einem Meer von Licht prangend , empfing Schloß Dornach seinen toten Herrn . 19 Maria hielt allein die erste Nachtwache bei ihren Toten . Man hatte die Hand des Kindes aus der seines Vaters nicht zu lösen vermocht , und so ruhten sie nebeneinander auf einem Lager und sollten auch in einem Sarge ruhen . Ihre bleichen Gesichter trugen keine Spur des letzten schweren Kampfes . Maria hielt die beiden umfangen . Sie lag an sie geschmiegt , bleich und stumm wie sie , aber ohne ihren Frieden . Einen Trost nur hatte sie in ihrer Vernichtung und empfand ihn , während sie ihr Haupt an das stille Herz drückte , an dessen lebensfreudigem Schlag all ihr Glück gehangen . Wohl ihr , daß ihm das Bitterste erspart , daß sein Glaube an sie unerschüttert geblieben war bis ans Ende . Dank der geheimnisvollen Kraft , die das Wort , das ihn elend gemacht hätte , sooft sie es aussprechen wollte , zurückgedrängt in ihre Brust . Nun war er eingegangen zur ewigen Ruhe , unerschüttert in seiner seligen Zuversicht . Im anstoßenden Zimmer befand sich Lisette und unterdrückte ihr Schluchzen , um von der Herrin nicht gehört und fortgewiesen zu werden . Einmal wagte sie sich leise bis zur Tür heran und spähte durch das Schlüsselloch . Maria saß neben dem Bette , unbeweglich in den Anblick der Ihren versunken , mit einem Ausdruck von so herzzerreißender Trauer , daß Lisette zurückfuhr . - Nein , das ertrug sie nicht , das konnte sie nicht sehen ... Am Morgen endlich pochte sie und trat , als nach einer Weile keine Antwort kam , ungeheißen bei ihrer Gebieterin ein , rief sie an und sagte : » Es ist Tag ! « Maria schreckte auf : » Schon Tag ? « » Ja , mein armes Kind ; und du mußt fort . Die Herren sind da ... Du weißt - und der Graf Wilhelm . « Der hatte mit Helmi an der Tür gestanden . Seine Augen waren rot und geschwollen , seine Lippen zuckten . Er konnte nicht sprechen und lehnte sich hilflos an seine Frau . Der Doktor und Willi kamen , und hinter ihnen trat schüchtern Erich ein , der mit beiden Händen einen großen Strauß weißer Rosen festhielt . » Der Gärtner hat mir gesagt , ich soll das dem Hermann bringen « , sprach er zu seiner Mutter . » Hermann , da hast du . « Er legte die Blumen auf das Bett , und auf dessen Rand gestützt , hob er sich , so hoch er konnte , und streckte den Hals und spitzte die Lippen , um seinen Bruder zu küssen . Doch erreichte er ihn nicht und fragte : » Warum hast du heute nicht bei mir geschlafen ? « - Jetzt erblickte er den Vater , der sich auch nicht rührte , dessen Augen auch geschlossen waren ... Ganz bestürzt trat er zurück . » Warum schlafen sie so lange ? « rief er plötzlich aus . » Sie sollen aufwachen , Mutter , sag ihnen , daß sie aufwachen sollen ! « Maria beugte sich zu ihm nieder und schloß ihn in ihre Arme . Die ersten Tränen , die sie seit gestern geweint hatte , fielen auf das Haupt ihres Söhnchens . Wilhelm nahm es auf sich , Gräfin Agathe die Kunde des furchtbaren Verlustes , den sie erlitten hatte , selbst mitzuteilen . Helmis Bitten brachten ihn dazu . Sie wollte ihn fort haben von der Unglücksstätte , ihn zwingen , in der Ausübung einer schweren Pflicht Herr seines Schmerzes zu werden . Früher , als man gedacht hatte , kehrte er zurück . Er war Tag und Nacht gefahren , teils Lokalbahnen benutzend , teils mit Bauernpferden , und meldete die Ankunft der Gräfin für den nächsten , den Morgen der Beisetzung an . » Wie hast du sie gefunden ? « fragte Maria abgewandten Blickes . » Rätselhaft - eine Heilige oder ein Stein « , erwiderte Wilhelm und erzählte , daß die Gräfin noch in der Kirche war , als er um neun Uhr früh in Dornachtal ankam . Der neue Beichtvater , ein junger , hochgewachsener , streng aussehender Herr , empfing ihn und nahm seine Unheilsbotschaft mit kaltem Erstaunen auf . Er hatte den Herrn Grafen nicht gekannt , nur von ihm gehört . In dem Moment haßte ihn Wilhelm ; im nächsten hätte er ihm um den Hals fallen mögen , weil er sich anbot , die alte Dame auf die Nachricht des Unglücks , das sie getroffen hatte , vorzubereiten . Wilhelm wartete im Zimmer des Geistlichen , der ihn rufen lassen sollte , sobald es Zeit war ... Das geschah nach einer halben Stunde ... Großer , guter Gott ! - Sie saß ruhig in einem hochlehnigen Fauteuil , der Geistliche auf einem Sessel neben ihr , die Augen gesenkt , ein triumphierendes Lächeln auf seinen kargen Lippen . Die Gräfin , weiß wie ein Linnen , hielt einen Rosenkranz zwischen ihren Fingern , die völlig leblos aussahen . » Dank « , sprach sie , » daß du dich selbst hierherbemüht hast « , ließ Maria bitten , sie zu erwarten , und ersuchte ihn , sich nicht aufzuhalten , sie wisse , wie notwendig er in Dornach sei . Ihr Wagen , der ihn nach dem Frühstück zur Bahn bringen solle , sei bereit . Kein Wort von ihrem Sohne , von ihrem Enkel . Erst als Wilhelm Abschied nahm , fragte sie nach Erich und flüsterte mit einem dankbaren Aufschlagen der Augen zum Himmel : » Den hat mir Gott gelassen ! « Bei diesen Worten zuckte Maria zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht . Bald nach Wilhelm war Graf Wolfsberg eingetroffen , gebeugt , gealtert . Wenige Menschen durften sich rühmen , seine Liebe zu besitzen ; die beiden , die morgen begraben werden sollten , hatte er geliebt . Aber auch die Veränderung , die mit seiner Tochter vorgegangen war , ergriff und erschütterte ihn . Er hörte nicht auf sie angstvoll zu betrachten , erwies sich hilfreich , stand ihr bei in ihrem traurigen Totendienst . Einmal zog er sie plötzlich an sein Herz , so zärtlich wie am Tage vor ihrem Scheiden aus dem Vaterhaus : » Lebe « , sprach er , » du hast auf Erden noch etwas zu tun . « Sie erhob den Blick zu ihm und erwiderte entschlossen : » Ja , Vater , ja ! « Gräfin Agathe wurde von Wolfsberg und Maria unter dem Portal erwartet . Sie stieg aus dem Wagen und nach stummer Begrüßung , jede Unterstützung abwehrend , die Treppe hinauf . Oben wandte sie sich geradenwegs dem Kapellenzimmer zu , in dem seit Jahrhunderten die Grafen von Dornach ihre letzte Rast hielten . Der schwarz ausgeschlagene Raum war dicht gefüllt mit weinenden , schluchzenden Menschen . Als die alte Dame eintrat , war ' s , als ob ein Eishauch die Luft durchwehe ; alle Tränen stockten , nicht eine Klage mehr wurde laut . Aufrechten Ganges , hoheitsvolle Ergebung in den strengen Zügen , wohnte die Gräfin den Trauerfeierlichkeiten bei . Erstarrt in ihrem Gram , klagte sie nicht , verlangte nicht nach einer Schilderung des Ereignisses , das ihr den Sohn und den Enkel geraubt hatte . » Der Herr hat sie gegeben , der Herr hat sie genommen , der Name des Herrn sei gelobt « , war alles , was sie sich und ihrer Schwiegertochter zum Troste sagte . Aber sie setzte hinzu : » Der gleiche Schmerz verbindet . « Sie ließ Maria fühlen , daß die geliebte Gattin ihres Sohnes ihr auch nach dessen Tode wert geblieben war . Tante Dolph hatte sich in den jüngstverflossenen Tagen unsichtbar gemacht . Doktor Weise mußte ihr absolute Ruhe und Luftveränderung verordnen . In ihr ging etwas Ungewöhnliches vor - sie wurde bei der Erinnerung an den kleinen Hermann von Wehmut erfaßt , nicht heftig allerdings , aber doch beängstigend für die alte Egoistin , wie ein Unwohlsein für einen Menschen , der immer gesund war . Sie gestand es ihrem Bruder und verhehlte ihm auch nicht ihren leisen Groll gegen Maria , deren Unglück das Mitleid herausforderte - ein der Gräfin unbequemes Gefühl . » Mich mitzufreuen , nicht mitzuleiden bin ich da . Warum soll die Traurigkeit sich ausbreiten ? ... Ich weiche ihr aus . Wenn das abscheulich gefunden wird , muß ich mich darein fügen . Kann ich für meine Natur ? Die Rebe weint , die Distel nicht « , sagte sie und reiste ab . In dem schwer heimgesuchten Hause , dem sie den Rücken gekehrt , gab es aber doch einen Glücklichen . Das war Erich ; selig ging er umher wie ein aus der Verbannung in das ersehnte Heimatparadies Zurückgekehrter . Seine Mutter liebte ihn jetzt , wie sie den armen Hermann liebte , der noch immer schlafen mußte . Sie hob ihn auf ihren Schoß und überhäufte ihn mit Zärtlichkeiten . Und das Kind , in wonniger Überraschung , ein wenig verlegen , ließ in stillem Entzücken all diesen Liebessegen über sich ergehen . Einmal nahm sie ihn mit in die Gruft , und vor der mit Kränzen behangenen Nische , die den Sarg ihres Mannes und ihres Erstgeborenen barg , kniete sie nieder . » Erich « , sprach sie , seine beiden Händchen in ihre Hände fassend , » Erich , du wirst groß werden und gut und gescheit . Dann sollst du an deine Mutter denken und an das , was sie dir heute sagt . « Der Kleine lehnte seine Stirn an ihre Wange : » Was sagt sie ? « » Sieh dich um . Wo sind wir ? « » In der Gruft . « » Und wer schläft in der Gruft ? « » Mein Vater und mein Bruder . « » Und noch viele , viele ihnen verwandte , gute Menschen . Merke dir , Erich , vergiß es nicht , erinnere dich , wenn du groß sein wirst , wo und wann deine Mutter dir gesagt hat : Verzeih mir , mein Kind ... verzeihe mir ! - Wirst du dir das merken , Kind ? « Erich schlang seine Arme um ihren Hals und antwortete fest und zuversichtlich : » Er merkt sich ' s. « Als sie ins Schloß zurückkehrten , kam Wolfsberg ihnen entgegen . » Es ist Zeit « , sagte er zu Maria . » Deine Schwiegermutter und Wilhelm erwarten dich . Wenn du aber nicht stark genug bist ... « Sie unterbrach ihn : » Ich habe mir Stärke geholt « , übergab den Knaben der seiner harrenden Wärterin und ging mit ihrem Vater nach den Zimmern der Gräfin . Das Testament des Verstorbenen war vor der Beerdigung in Gegenwart Wilhelms und Wolfsbergs mit den üblichen Förmlichkeiten eröffnet worden . Sein Hauptinhalt war eine Huldigung für Maria , und Wolfsberg hatte gezögert , ihr den ergreifenden Wortlaut dieser letzten Botschaft mitzuteilen . Heute , am dritten Tage nachdem Hermann zur ewigen Ruhe bestattet worden , sollte es geschehen . Seine Mutter hatte den Wunsch ausgesprochen , Zeugin zu sein . Die Gräfin empfing Maria und Wolfsberg im Salon ihrer Witwenwohnung im Schlosse . Ein hohes Gemach mit gelblichen Stuckwänden , großen Marmorkaminen , bis zur Decke reichenden Spiegeln in kannelierten Goldrahmen und steifer Empireeinrichtung . Die Fenster , die einen weiten Ausblick über den Park gewährten , standen offen , und hereindrang das Licht der untergehenden Sonne und die würzige Luft , die vom Walde hergestrichen kam . Einen düsteren Gegensatz zu diesem freundlichen Raume bildete die alte Dame mit ihren schwarzen schleppenden Gewändern , mit dem aschfahlen Angesicht , dem die Leiden und Seelenkämpfe der letzten Tage tiefe Spuren eingeprägt hatten . Sie erhob sich ein wenig aus ihrer Sofaecke , als Maria auf sie zukam , und streifte dabei ein kleines Bauer mit einem ausgestopften Vögelchen auf den Boden hinab . Ehe jemand ihr zuvorkommen konnte , hatte sie sich danach gebückt und das Spielzeug wieder auf seinen früheren Platz gestellt . » Erich hat es herübergebracht « , sprach sie , » und vergessen , als du ihn rufen ließest . « Maria ergriff die Hand , die sie ihr reichte , beugte sich tief , küßte sie innig und heiß und zog sie immer wieder an ihre Lippen , als ob es ein schweres Scheiden gelte . » Nun , mein Kind , nun « , ermahnte die Gräfin , » Fassung , ich bitte dich . Wir wollen die Worte des teuern Vorangegangenen hören , standhaft wie Glaubende und Hoffende . « Wilhelm hatte die Zeit über stumm dagesessen , in das Schriftstück vertieft , das er vorlesen sollte . » Beginne « , sagte die Gräfin . Er rückte seinen Sessel näher zu ihr . Ihm gegenüber hatte sich Maria niedergelassen . Ihr Vater nahm Platz an ihrer Seite . Wilhelm las mit bewegter , leiser Stimme , und der greisen Zuhörerin neben ihm bemächtigte sich allmählich ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl , eine sanfte und wehmütige Rührung . Vor vielen Jahren hatte ein Unvergessener in seinem Letzten Willen so von ihr gesprochen , wie Hermann von dem Weibe seines Herzens sprach . Mit dem gleichen Vertrauen hatte er sie geehrt , indem er ihr so viele Rechte über den Sohn , soviel Freiheit in der Verwaltung des Vermögens gewahrt , als das Gesetz nur irgend zuließ . Fast mit den Worten seines Vaters schrieb Hermann : » Weil ich das wahre Wohl meiner Kinder im Auge habe , unterwerfe ich sie in allem und jedem den Bestimmungen ihrer Mutter . Sie sind damit einer Vorsehung anbefohlen , die weise ist , gerecht und treu . « Ein qualvolles Wimmern rang sich aus Marias Brust . Wilhelm hielt inne . » Weiter « , sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause . Mit erstickter Stimme fuhr er im Lesen fort und warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick nach Maria . Sie rang die Hände auf ihren Knien , aus ihren marmorblassen Zügen sprach rettungslose Verzweiflung . Wilhelm war zu Ende gekommen . Am Schlusse hieß es : » Je besser und tüchtiger meine Kinder werden , mit je hellerem Blick sie die Welt und die Menschen beurteilen lernen , desto festere Wurzeln wird in ihnen die Überzeugung schlagen : Es gibt auf Erden eine höchste Einsicht und Güte - in unserer Mutter hat sie sich verkörpert . Ich lebe gern und hoffe noch lange zu leben und zu meinen Söhnen noch manches Wort sprechen zu können . Dir aber , Maria , ob ich jung , ob alt sterbe , dir werde ich immer nur eines zu sagen haben : Ich danke dir ! « Die Augen Gräfin Agathens hatten sich leicht gerötet ; teilnehmend wandte sie sich Maria zu . Die Frau , die eine solche Liebe besessen und verloren hatte , stand ihr nahe und sollte ihr immer nahestehen . » Meine Tochter « , sagte sie zu ihr , » ich teile den Glauben meines Hermann . Sein teuerstes Vermächtnis , sein liebes Kind , ist geborgen in deiner Hut . Gott stärke dich und segne unsern kleinen Majoratsherrn . « Sie streckte die Rechte aus , um sie auf den Scheitel Marias zu legen . Diese sprang auf . » Was tust du ? Ich verdien es nicht ... Behandelt mich , wie ich es verdiene « , rief sie leidenschaftlich aus , stockte einen Augenblick und setzte dann herben Klanges hinzu : » Erich ist nicht erbfähig . « » Maria ! « - stießen die anderen hervor . Derselbe Gedanke war allen zugleich gekommen ... » Nein , nein , ich bin nicht wahnsinnig , ich weiß , was ich rede . Ich kann die Lüge nicht mehr ertragen . Der ist tot , dem zuliebe ich es getan habe . « Außer sich faßte Wolfsberg ihre Schulter mit eisernem Griff : » Was getan ? « » Geheuchelt - mich halten lassen für das , was ich nicht war : für treu . « Er stieß sie von sich und sprang auf ; auch die Gräfin stand da , emporgerichtet in ihrer ganzen Höhe . » Nicht treu ? eine Dornach nicht treu ? ... Nein , keine Dornach . Du bist nicht aus unserem Blut - Ehebrecherin ! « schleuderte sie Maria zu und führte unwillkürlich das Taschentuch an ihre Lippen , die sie beschmutzt fühlte , nachdem sie das Wort ausgesprochen hatten ... » Erich nicht der Sohn meines Sohnes ... und ich - und ich ! ... « Mit einem grellen , kurzen Lachen sank sie in die Kissen zurück , halb ohnmächtig , stumm und starr . » Du lügst , Maria ! « rief Wilhelm . Bebend vor Wut trat Wolfsberg vor seine Tochter hin : » Deine Entschuldigung ? « fuhr er sie an . Sie sah ihm ruhig in die zornig flammenden Augen , und aus den ihren sprach eher ein Vorwurf als eine Abbitte . Ich hatte mich gerettet aus eigener Kraft , hätte sie ihm antworten können . Da riß mich die Hand deines Sohnes ins Verderben . » Deine Entschuldigung ? « rief er von neuem , dieses Mal leiser , dringender , sehr betroffen über ihre wunderbare Gelassenheit . » Du hast eine Entschuldigung . « » Keine « , erwiderte sie . » Unmöglich « , fiel Wilhelm ein . » Wenn du gefehlt hast , hätte ein Engel gefehlt und ... « plötzlich hielt er inne . Die Tür neben dem Sofa war geöffnet worden . Aus dem Zimmer Gräfin Agathens kam Erich heraus und auf sie zugelaufen . » Großmutter , wo ist der kleine Vogel ? « fragte er und legte seine gekreuzten nackten Ärmchen auf ihren Schoß . In ihrem Herzen erglomm ein letzter Funken der Liebe zu diesem holdseligen Kinde , sie sah ihn mitleidsvoll an ; dann wies sie ihn hinweg . Er aber forderte ungestüm : » Den kleinen Vogel ! Großmutter , gib ! gib ! « und klammerte sich an sie . Da schüttelte sie ihn ab , wie wenn etwas Unreines sie berührt hätte . » Geh ! « befahl sie hart . Ihr Gesicht war verzerrt , ihre Hände ballten sich krampfhaft : » Geh ! « Erich , erstaunt , bestürzt , wurde über und über rot ; seine Mundwinkel zogen sich herab ; er sah noch von der Seite nach dem Vogelbauer und rang mit dem Weinen , in das man ihn ausbrechen hörte , sobald er das Zimmer verlassen hatte . Maria blieb regungslos . Ihr Vetter Wilhelm beobachtete sie in unsäglicher Spannung und wartete sehnlich , daß sie sprechen und die Verleumdung zurücknehmen werde , die sie gegen sich selbst ausgestoßen hatte ... Aus welchem Grunde ? was bezweckte sie damit ? ... Die Gedanken wirbelten durcheinander in seinem brennenden Kopf , es hämmerte in seinen heißen Schläfen . Nach Kühlung ringend , trat er ans Fenster . Lau strömte die Luft ihm entgegen und weckte ein flüsterndes Geräusch in den Wipfeln der Bäume . Schwalben umkreisten das Haus . Weiße Tauben schwangen sich von einem Pilasterkapitäl schwirrenden Fluges auf und verschwammen im Blau wie Flöckchen . » Wilhelm ! « Er sah sich um , die Gräfin hatte seinen Namen gerufen . » Der alte Stamm Dornach ist erloschen « , sprach sie feierlich und erbleichte unter dem Eindruck , den ihre eigenen Worte in ihr hervorriefen . » Gott schütze den jüngeren Stamm und vor allem dich , dessen Haupt . « Er taumelte zurück : » Ich ! ... Ich ? ... « » Du hast den nächsten Anspruch . Ist dir das neu ? « fragte Wolfsberg voll Bitterkeit . » Ich werde ihn nicht geltend machen , nie ! « » Als ob du die Wahl hättest . « » Du wirst tun , was deine Pflicht ist und was du tun mußt « , sagte die Gräfin . » Muß ? « erwiderte er heftig ,