selbstbewußt auf - was dann natürlich die Sippschaft der guten Freunde , getreuen Nachbarn und ähnlicher Consorten , die sich auch Menschen tituliren , brutal , anmaßend und weiß der Teufel ! wie noch nennen . So ein armes , wirklich ganz messianisch veranlagtes ; mit dem wüthendsten Drange zu helfen , zu erhöhen , zu versöhnen , ausgerüstetes - von allen Welträthseln gequältes ... von tausend Ahnungen , Stimmungen , Erwartungen , Hoffnungen , Entsagungen ... von tausend Tendenzen ... von einer Unzahl von Gefühlen , Gedanken und Problemen hin- und hergeschütteltes Individuum wird dann gewöhnlich nebenbei auch noch für verrückt , unzurechnungsfähig , unnormal , überspannt , pathologisch u.s.w. erklärt . Doch schiert es das im Ganzen wenig - es hat eben genug mit sich selber und seinem Skeptizismus zu thun . Manchmal wohl ... manchmal fährt es auf in seinem Grimme und zertritt einer zu unverschämt gewordenen Natter den Kopf . Natürlich wird es dabei stets höchsteigenkörperlich in die bewußte Ferse gestochen . Das Gift ist nicht gerade tödtlich ... aber es macht doch müde , blasirt , welk ... blasirt vor der Zeit ... es entkräftet , zehrt auf vor der Zeit ... Indessen - das arme , gemißhandelte , unverstandene Individuum wird dadurch zugleich auch so etwas wie weltklug ... Es fällt in allerlei Schrullen und Grillen seiner Jugend zurück , kramt seinen alten , verstaubten Idealismus wieder aus ... stutzt ihn ein Wenig modern auf : vertieft , erweitert ihn hier ... verflacht ihn dort ... schlägt für vorkommende Fälle eine Brücke nach Walhall - und paßt sich doch im Großen und Ganzen in einer stattlichen Reihe von Punkten der positiven Welt an ... versucht mannigfache realpolitische Experimente , Kunststücke und Sperrenzchen - : jetzt ist es glücklich in sein phaenomenalistisch-kritisches Zeitalter eingelaufen - daß heißt : die Welt ist ihm furchtbar gleichgültig , aber es rechnet doch mit ihr ... es analysirt sie ... es findet sie sehr oft sehr abscheulich ... mitunter aber auch wiederum zu den schönsten Hoffnungen berechtigend - es glaubt dabei immer noch , daß sich einige seiner neuaufgefärbten Ideale einmal erfüllen werden ... es lebt sehr ästhetisch-epicureisch - zugleich in gewisser Hinsicht sehr moralisch ... interessirt sich stark für alle möglichen nationalen und ... internationalen Fragen , die jedenfalls immer sehr brennende sein müssen - - kurz : das Individuum lebt ... erlebt ... trägt ... erträgt ... leidet - arbeitet ... « Adam unterbrach sich . Er wischte sich mit dem Taschentuche über die schweißfeucht überlaufene Stirn und nippte an dem Bierglase , das Hedwig vorhin wieder frisch gefüllt hatte . Im Allgemeinen war er mit sich ganz zufrieden . Er fühlte zwar sehr gut heraus , daß er hier und da den Nagel durchaus nicht auf den sogenannten Kopf getroffen hatte ... daß mancher Wurf fehl gegangen ... daß mancher Hieb abgerutscht war ... Vieles hatte er , ein Opfer seiner augenblicklichen , durchaus nicht so unbequemen , immerhin ganz » gemüthlichen « Situation , nur logisch aus der Erinnerung nachkonstruirt - Schwere , Tiefe und Ernst seines Motivs keineswegs erschöpft . Halb bewußt , halb unbewußt hatte er hier ein Zuviel , dort ein Zuwenig gegeben ... manchen Accent falsch aufgesetzt ... Lichter und Farben öfter etwas willkürlich vertheilt ... Aber das ist ja schließlich unvermeidlich , tröstete sich Adam . Im Monolog wie im Dialog ist die Anknüpfung und Fortführung der Gedankenreihe eine mehr oder weniger zufällige ... von der Associationsgewohnheit des Individuums abhängige ... Nicht die innere Geschlossenheit und logische Unantastbarkeit des Gefüges - vielmehr nur die auftretende Masse und Fülle wirkt ... das Pathos bedingt den Eindruck . Und wußte Adam auch , daß er im Ganzen ohne Glanz und Schwung gesprochen - so ohne all ' und jeden Eindruck auf die beiden Menschen , die , eine besondere , fremde , ihm mehr unsympathische , als sympathische Welt darstellend , ihm da gegenübersaßen , - ohne all ' und jeden Eindruck auf sie glaubte er wohl doch nicht geblieben zu sein . Aber welchen Eindruck hatte er denn eigentlich erzielen ... was hatte er bekämpfen ... wofür hatte er eintreten wollen ? Adam mußte lächeln . Er kam sich einen Augenblick fast wie ein Beamter einer hochwohllöblichen Missionsgesellschaft vor . Doch ... zu Ruinen von der Zukunft predigen ? Aber das war ja eben das Komische . Und nun stieg es also wieder wie Mittleid in ihm auf ... wie Mitleid vor Allem mit Hedwig , die verwelkte und verkümmerte ... und es so gar nicht verdiente . Und eine Art von sentimental-cynischem Erlöserdrang kam über ihn ... und er beschloß , um dieses Leben , dieses arme , verblühende Leben , für eine kleine Weile einen breiten , goldenen Sonnengürtel zu legen ... einen Sonnengürtel erheuchelter Liebe ... Dann konnte die Kerze ja langsam ausflackern , langsam verknisternd erlöschen .... » - Der Unterschied zwischen Ihnen und mir , « begann jetzt Irmer , nachdem er sich ein Wenig emporgerichtet und einmal tief aufgeathmet hatte , » ist nur der , daß mein Resignationsstandpunkt mehr ein intellektualer ist , der Ihrige dagegen nur einer des Herzens , des Gefühls , des Willens - « » - Das ist doch aber natürlich genug « , bemerkte Adam entgegen - » Sie scheinen ganz zu vergessen ... Herr Doctor , daß die Entwicklung des Individuums doch eine ausgemacht psychophysiologische ist ! Das Alter ist eben etwas total Anderes , als die Jugend - sein specifisches Organ ist der Intellekt - Alter und Jugend , deren specifisches Organ meinetwegen das Herz ist , um mich der herkömmlichen Terminologie zu bedienen , verstehen sich im Grunde überhaupt nicht ... kommen sich nur durch gewisse logische Schlüsse in Diesem und Jenem näher - ebensowenig wie zum Beispiel der Kulturmensch unserer Tage seinen Urururahn , ich meine die Sippschaft der sogenannten ersten Menschen , versteht ... der ersten Menschen , bei denen das Gefühl jedenfalls auch das Primäre gewesen ist - das Gefühl , welches , in den ersten sprachlichen Tastversuchen objectivirt , zur Ausbildung des Denkververmögens als eines Organes , wenn ich so sagen darf , führte - was dann wiederum zurückwirkte und in seinem Reagens zur Differenzirung der Sprache Anlaß gab ... Wenn es möglich wäre - aus gesellschaftlichen und socialen Gründen ist es eben unmöglich - : dann sollten Alter und Jugend höchstens eine Partie Scat miteinander spielen , sich aber um Gotteswillen nicht auf irgendwelche tieferen Gespräche , auf wesentliche Debatten , kurz ! auf einen intimeren Verkehr miteinander einlassen - das ist ganz unfruchtbar und macht zumeist nur böses Blut ... wenn ich auch nicht verkenne , daß sich Alles nur per Reibung entwickelt - und somit das Alter ein ganz brauchbares - Feuerzeug für die Jugend abgiebt ... Aber mit dem Kultus des Alters ... mit dem Respect , der Ehrfurcht vor ihm ... mit der Rücksicht auf dasselbe - damit sollte doch im Namen einer vernünftigen , keimkräftigen Zukunftsethik einmal gründlich aufgeräumt werden . Ruinen studirt man nur - betet sie aber nicht an - - « » Nun begreife ich allerdings Ihre erste Frage , Herr Doctor , erst vollständig - die Seite , die Sie eben berührten , hatte ich bisher ganz außer Acht gelassen - « Adam fühlte sich von diesem Vorwurfe seines Wirthes - denn als etwas Anderes konnten die Worte kaum aufgefaßt werden - sehr unangenehm berührt . Nun blickten ihn auch die ernsten , schweren Augen Hedwigs fragend und zugleich bittend an . War er zu weit gegangen - ? Eine Reihe vererbter , sogenannter » Anstandsgefühle « nahm von ihm Beschlag . Aber er war einmal im Zuge . Und er spürte , wie er lebendiger , wärmer , leidenschaftlicher geworden . Uebrigens - was wissen Herbst und Winter eigentlich vom Frühling ? Aber er - verkörperte er in seiner Natur nicht alle vier Jahreszeiten zugleich ? Und doch ! Gab dieses Moment , wenn es thatsächlich existirte , nicht einen Widerspruch zu der von ihm Doctor Irmer gegenüber ausgesprochenen Anschauung ab ? Es nahm sich fast so aus . Nein ! Nein ! Die Jugend war noch voll in ihm - und was bedeutete denn seine phänomenalistische Betrachtungsweise , wenn sie hier nicht Stich hielt ? In einem Zuge trank Adam sein Bier aus . Gedankenverloren spielte er mit den Fingern noch an dem Henkel des Glaskruges herum . Hedwig erhob sich , eine neue Füllung zu besorgen . Zufällig ... wie zufällig berührten sich beider Hände . Sie sahen sich an . Grüßte die Jugend die Jugend ? Sie wollten wenigstens beide jung sein . Das lag in diesem tiefen , sich einbohrenden Blick , mit dem sie umeinander warben . Ein diskreter Luftzug strich zu den offenen Fenstern herein . Die Lampe flackerte ein Wenig . Irmer lag wieder ganz zusammengesunken im Lehnstuhl und hatte die Augen geschlossen . Adam fühlte sich von einem Schwarme heftiger , unklarer Gefühle bestürmt . Es ging auf zehn Uhr . Langsam schlug Irmer seine Augen wieder auf und blickte ausdruckslos vor sich hin . » Willst Du Dich nicht lieber zurückziehen , Papa - ? Du bist schläfrig - « fragte Hedwig . Adam erhob sich und bekundete damit , daß er sich empfehlen wollte . » Na ! der Wink mit dem Zaunpfahl war eigentlich überflüssig , « knurrte er in sich hinein , natürlich verstimmt von der Taktlosigkeit Hedwigs . » Aber bitte , Herr Doctor- « begann jetzt diese ... und brach dann jäh ab . Sie konnte Adam doch unmöglich zum Bleiben auffordern . Der wußte nicht recht , was er machen sollte - » Ja ! bitte , Herr Doctor - leisten Sie meiner Tochter noch etwas Gesellschaft ! Wenn Sie gestatten - ich möchte allerdings doch lieber zu Bett gehen - das ist so meine gewohnte Stunde - ich kann ja nicht viel schlafen - der Husten - die Gedanken und manches ... manches Fremde haben Sie meinem alten Kopfe heute doch aufgegeben , Herr Doctor ... Es ist mir Vieles aus meiner Jugend wieder eingefallen ... ich hätte Ihnen auch Dies und Das erwidern können - es ist zu spät ... zu spät für heute Abend ... und wohl auch zu spät - für immer ... Ich muß der Jugend die Arbeit überlassen ... zu früh vom Leben gebrochen . Auch Sie werden sich müde arbeiten ... müde ... müde ... Sie sind es ja jetzt schon , wie Sie sagen . Aber arbeiten Sie sich Ihre Jugend erst tüchtig herunter von Seele und Leib ... und Sie kommen schließlich zu mir zurück - vielleicht von einem anderen Punkte aus - vielleicht auf einem anderen Wege - aber gewiß zu demselben Ziele , zu dem die Weisen aller Zeiten noch zurückgekommen sind . Und nun leben Sie für heute wohl , Herr Doctor , und schenken Sie mir recht bald wieder einmal die Freude Ihres Besuches . Ich denke , wir haben noch Mancherlei miteinander auszumachen ... « Hedwig führte ihren Vater , der mit Mühe einen Hustenausbruch unterdrückte , hinaus . Adam war allein . Er trat an ' s Fenster und legte sich weit über die Brüstung . Die Nacht war schwül . Am Himmel ein einförmiges Wolkengewirr ... schwere , blauschwarze Massen . Es schlug zehn Uhr . Mechanisch zählte Adam die sonor widerhallenden Schläge . Und er wußte , daß er die Entscheidung über ein Frauenschicksal in der Hand hielt . Das schmeichelte ihm ... das machte ihn ein Wenig eitel ... ein Wenig stolz - und doch zugleich merkwürdig ängstlich und beklommen . Er brütete eine Weile vor sich hin , in die schwarze , schweigende Nacht hinein . Da fühlte er einen leisen Luftzug seinen Hals bestreichen . Hedwig war wieder eingetreten . Er wandte sich um . - Mochten die Würfel denn fallen . - » Ich habe Ihrem Herrn Vater doch nicht weh gethan vorhin , mein gnädiges Fräulein ? Ich war einige Male allerdings ziemlich offen und geradezu - - « » Ach bitte , Herr Doctor ! Uebrigens ... sagten Sie nicht selbst , daß es keine Brücke zwischen dem Alter und der Jugend gebe - da mußten Sie doch offen und geradezu sein - nicht ... ? « » Sie zürnen mir doch , mein Fräulein ... Ich höre es aus Ihren Worten heraus - ich bedauere sehr - aber Geschichten , die Einem am Herzen liegen ... und die Einem so sonnenklar sind - und die doch - - aber - - und dann nimmt man ja immer nur ein winziges Moment aus der ungeheuren Fülle der Gegensatzmotive heraus - gerade das Moment , auf welches man durch eine , allerdings nur scheinbar zufällige Ideenassociation trifft - so macht sich dem überall eine gewisse Willkür breit - eine Willkür , die aber andrerseits auch wiederum das Leben in allen seinen Aeußerungen bunter und reizvoller stimmt . Leider giebt es Naturen , welche das Bewußtsein , daß Alles in der Welt nur successiv und Nichts simultan geschieht , einfach wahnsinnig machen kann . Vielleicht gehöre ich zu diesen Naturen . Man hat sich für ein Moment entscheiden müssen - man nimmt es heraus - tausend andere drängen nach - die nächsten hat man schon in ' s Auge gefaßt - das erste ist bewältigt - man will zum zweiten , das Einem schon entgegenblitzt , greifen - und trifft auf ein ganz fremdes - : die Kombination ist unterweilen eben eine völlig andere geworden . Das ist Tragik . Es läßt sich nichts in der Welt ganz erfassen - nichts erschöpfen ... « Eine kleine Pause entstand . Hedwig lehnte am Tische und nestelte gedankenversponnen an ihrem Garnknäuel herum . Auch Adam war an den Tisch getreten . Er sah dem Spiel ihrer weißen Finger zu . Bunte Gedanken flogen durch seine Brust . Und ein bezwingendes Träumen kam über ihn ... ein bezwingendes Träumen , das doch zugleich ein helles und klares Wachen war . Und es ergriff ihn , zu diesem Weibe zwanglos von dem zu reden , was ihn erfüllte ... zwanglos , so wie es in ihm aufstieg und von ihm sich löste . Närrisch dünkten ihn die Schranken , die sich die Menschen zwischen einander aufbauen . Mit einem leisen Fingerdruck stieß er sie nieder . Und er sprach zu dem Weibe , das neben ihm stand - : » Nicht , Hedwig , so sind wir zwei Kinder derselben Generation . Und wir müßten uns doch eigentlich recht gut verstehen . Eine Fülle gleichartiger Zeitkeime hat Dich und mich befruchtet . Und doch sind wir so sehr entfernt von einander . Ich stehe ja viel mehr im fließenden Leben , als Du . Deine Heimath ist enger - ich habe im Grunde keine Heimath mehr . So sollte ich keine Schranken spüren ... und spüre und finde allenthalben doch nur - Schranken . Das ist ein Widerspruch , an dem ich noch zu Grunde gehe . Das Leben ist so wahnsinnig komplicirt . Und doch hat Jeder , der sich nur ein Bissel in ' s allgemeine Daseinsgetriebe hineindenkt , das Gefühl , als müßte Alles ungeheuer einfach sein . Und - ja ! - ja ! - es wäre in Wirklichkeit auch Alles ungeheuer einfach - wenn es nur Menschen auf der Welt gäbe ... und nicht Zweibeinler , die ihr Menschenthum in die Zwangsjacke einschnürender Formen und Vorurtheile versteckten ... Du bist am Morgen vom langen Schlafe aufgewacht und sinnst nach , welche Träume Dir in der Nacht erschienen waren . Die Erinnerung ist schroff und widerspenstig - und Du findest keine Anknüpfung . Der Tag nimmt von Dir Beschlag ... und er zwingt Dich ganz in seinen engen und doch so weiten Kreis hinein . Da plötzlich löst ein zufälliges Bild , das sich Dir vor ' s Auge schiebt im hellen Spiele der Tagesdinge , die Erinnerung an eine Traumscene aus ... und sie fliegt an Dir vorüber ... langsam und doch zu schnell . Bald ist sie wieder aufgeschluckt von dem fließenden Wirrwarrwandel der Tagesdinge . Auch die Seele hat einmal von der Einfachheit und der Freiheit des Lebens geträumt . Aber dann kam das Leben selbst und löschte mit seinem bunten Zuviel alle diese vagen Träume aus . Nur manchmal flattert noch ein verlorener Traumfetzen durch Deine Welt der wirklichen Dinge und mahnt Dich an einstige Sehnsuchten , Hoffnungen , Erwartungen , an einstige Gewißheiten . Merkwürdig verstören diese Erinnerungen und stärken doch zugleich . Schmerzlich gebären sie Ideale . ... oder erneuern , vervollkommnen verblichene wieder und verkümmerte . Wie ein metaphysisches Erzittern feinsten , sublimsten Nervenlebens ist es in Dir ... wie ein Erzittern , das aber immer weitere Kreise schlägt und immermehr hinein in den Fluthspiegel der realen Welt . So wird man wieder zum bewußten Kämpfer , wo man vorher nur unfreiwilliger Arbeiter gewesen war . Der , den sich die Welt unterworfen hatte , hat nun die Welt sich unterworfen . Und die Zeit ist wahrhaftig dazu angethan , daß man ein Kämpfer in ihr ist ! Wie oft habe ich sie schon packen wollen in ihrem innersten Nerv - diese merkwürdige Zeit - unsere Zeit ! Es gelingt mir nicht . Indizienkrumen sammeln ... Brocken ... Steinchen ... Steinchen auf Steinchen kleben - das kann ich nicht . Von ihren großen Strömungen lasse ich mich gar gern ergreifen . Vieles ... zu Vieles darf ... muß hier an uns rühren . Es gilt Mancherlei gutzumachen und noch Mehr auszugleichen . Die moderne Wissenschaft ist für einen ästhetisch ... für einen künstlerisch veranlagten Geist ein Ungeheuer . Sie fordert stille , dauernde Arbeit ... ein stetes Bemühtsein ... ein Wachbleiben durch viele einsame Nächte hindurch und immer erfrischte Geduld . Wo sollen wir da hin mit unserem bis in ' s Feinste nüancirten Stimmungsleben ... mit unseren stürmischen Affekten ... mit den großen und kleinen - mit den ganzen und halben Wünschen unseres Blutes ? Und unser Auge liebt noch viel zu sehr das Sehen nach innen ... und ist noch so ungeschickt im scharfen Erfassen der Außendinge , die doch jetzt so sehr alle Welt beschäftigen und so diktatorisch Respekt verlangen . Wir müssen die klare Linienwelt der Antike und die verschwommene Flächenwelt der Romantik mit ihren kosmischen Verallgemeinerungen und ihren radicalen Principien schon hinter uns lassen ... und müssen uns schon bemühen , mit der nüchternen Korrektheit des Psychologen den Objecten auf den Leib zu rücken . Das wird uns vorwiegend ästhetisch angelegten Naturen recht ... recht schwer werden - aber das einzige Heil für uns wird es doch wohl sein . In diesem Sinne müssen wir uns unsere Zeit analytisch zu unterwerfen suchen . In diesem Sinne müssen wir an ihre großen Probleme herantreten . Gewaltiges bereitet sich vor ... eine neue Zeit liegt in den Geburtswehen . Wo sind die unglücklichen Opfer , die jede Uebergangsepoche fordert ? Wir sind es , hier sind sie . All ' unser Wünschen und Wollen gehört der Zukunft - wenigstens in unseren besten und größten Stunden - aber unserem Können giebt Richtung und Ziel so oft nur die ererbte Vergangenheit . In diesem Zwiespalt werden wir an uns irre , zweifeln ... verzweifeln wir hundert und tausend Mal ... und kommen schließlich dazu , einen schrankenlosen Individualismus zu kultiviren , einen Individualismus , der im Grunde doch nur ein verunglückter , versetzter Sozialismus ist ... der aber zugleich die dumme Angewohnheit hat , daß er uns zerfleischt , aushöhlt , entnervt ... Aber wir fühlen so tief und sehen so scharf gerade in den Stunden , wo wir spüren , daß Alles in uns auseinanderreißt und aufbricht - und alle Irrthümer , Widersprüche und Vorurtheile der Welt erkennen wir nie klarer und bedauern wir nie aufrichtiger , als gerade in diesen Stunden , wo die innere Zerklüftung am heftigsten brennt . Da sind wir zugleich Besiegte und Kämpfer - Kämpfer mit Siegeshoffnungen und Anwartschaften auf Zukunftstriumphe . Nun ja ! Wir werden unter unsäglichen Schmerzen zwischen dem Alten und dem Neuen hin- und hergezerrt ... aber wir denken in diesen schweren Stunden doch darüber nach , wie wir das Kommende am Schärfsten erfassen ... wie wir das Moderne erschöpfend definiren - und wir erstaunen freudig über die Fülle der uns zuströmenden Begriffe , die im Wörterbuche der Zukunft einen anderen Werth , einen anderen Inhalt , eine andere Erklärung besitzen werden . Und sind uns auch nur Mosesblicke vorbehalten - wir glauben an das Germanenthum , das seine höchste Mission : die Ueberwindung und Knechtung des semitischen Geistes , erfüllen wird - mag dann nachher der Konflikt zwischen germanischem Nationalismus und europäischem Internationalismus gelöst werden ... Allerdings ! ein Bedenken dürfen wir nicht verschweigen : vielleicht kann der semitische Geist in seinen Wurzeln nur durch die gewaltsamen Expropriationsakte der Zukunftsdemokratie ausgerodet und ausgerottet werden . Ohne jene Gewaltakte wird es aber überhaupt nicht abgehen , wenn einmal der Versuch gemacht wird , einige allzu hagebüchene Unterschiede auszugleichen , einige allzu freche Ungerechtigkeiten zu sühnen . Und dieser Versuch wird allem Anschein nach gemacht werden müssen . Am Ende dieses Jahrhunderts - wie wird es da in Europa aussehen ? Eins ist jedenfalls gewiß : eine ganz ansehnliche , gar nicht so minorenne Menge irriger Anschauungen und eingewurzelter Vorurtheile wird dann beseitigt sein . Z.B. die von gewissen Zöpfen und Perrücken heute noch mit sperrangelweit aufklaffenden Mäulern beanstandeten materialistischen Auffassungen in puncto der Beurtheilung von sogenannten Verbrechern - überhaupt von allen Gesetzesübertretern - sie werden natürliches Gemeingut Aller geworden sein . Die Aera der seelischen Vertiefung und Erkenntniß - des psychologischen Verständnisses wird gekommen sein . Die Märchen vom freien Willen , von persönlicher Schuld , von persönlicher Verantwortung - sie hat ein freier und klarer und gegenständlicher denkendes Geschlecht in die Rumpelkammer der Vergangenheit geworfen . Oh ! Es könnte immerhin eine Lust sein , in dieser neuen Epoche zu leben ! ... in dieser Zeit , wo auch die Schranken zwischen den beiden Geschlechtern gefallen sein werden - diese dummen , einfältigen , nichtswürdigen Schranken , die jeden natürlichen , naiven Verkehr zwischen Mann und Weib unmöglich machen ... Das wiedergeborene germanische Grundgefühl wird das barbarisch unappetitliche , über Alles ekelhafte Verhüllen und Verschweigen , das in der christlich-semitischen Auffassung der Sinnlichkeit die Hauptrolle spielt , als brutal unsittlich erkannt und zurückgewiesen haben . Es wird - verzeihen Sie , liebe Hedwig , meine Offenheit ... und lächeln Sie zugleich - - nein ! wenden Sie sich nicht ab und erröthen Sie nicht ! - beschämen Sie mich vielmehr und lächeln Sie darüber , daß ich Sie um Entschuldigung bitte ... als hätte ich das Gefühl ... das Bewußtsein - was ich leider , offen gesagt , auch habe - daß ich hier ein unanständiges , heikles Thema berühre , wo ich doch nur von den natürlichsten Dingen der Welt spreche ! - also - aber was wollte ich sagen - ? Ja - ! , es wird - es wird - nein ! es wird dann keine verbotenen Genüsse - keine heimlich großgezogene , versteckte Lüsternheit - keine - also ... ich darf ganz offen sein - ? keine künstlich gezüchtete Selbstbefriedigung mehr geben ... Unendlich Viele Ihres Geschlechts werden von den scheußlichsten , unerträglichsten Qualen befreit sein - und unendlich Vielen meines Geschlechts wird der Gang durch die ... die ... also durch die Bordelle erspart bleiben - durch diese zweifelhaften Rosenhage , welche bis dato Generation auf Generation absolviren mußte . Von dem furchtbaren Drucke , den uns die so grausam unnatürlichen Verhältnisse unserer Zeit auf die Brust gewälzt , haben diese Menschen der Zukunft aufathmen dürfen . In dem klaren Erkennen der Natur , welche die Geschlechter zueinander zwingt , werden sie die Gesetze ihres Lebens natürlich einrichten und gestalten ... « Adam brach ab . Hedwig hatte ihren Platz am Tische , den sie bis dahin unverändert innebehalten , bei der letzten Wendung , die Adam ' s buntförmige Rede genommen , verlassen und war an das offene Fenster getreten . Sie stützte die rechte Hand auf den Schreibtisch ihres Vaters . Adam fühlte sich doch ein Bissel beklemmt . Er bereute fast seine Offenheit ... er konnte jetzt seine Kühnheit kaum begreifen ... er ärgerte sich über sich und zugleich über Hedwigs Prüderie . Sie verstand ihn also doch nicht . Aber er - verstand er sich denn noch in diesem Augenblick ? Und doch hätte er noch so Manches auf dem Herzen gehabt und sehr gern noch eine kleine Weile weiterdozirt , wie er sein breitspuriges , allerdings sehr doktrinäres Schwatzen und Salbadern im Stillen titulirte . Und nun wurde es ihm wieder zu Sinn , als wäre Hedwig weniger prüde gewesen , als wäre sie vielmehr von einem halb ehrlichen , halb sentimentalen Mitleid mit sich selber ergriffen worden . Das stimmte ihn weich , zärtlich , hingebend und verlangend - und er trat zu dem Weibe , dem er einen Augenblick früher wiederum fast fremd gegenübergestanden hatte , ans Fenster - ein dunkles Wollen und Müssen in der Brust . Adam trat dicht an Hedwig heran und flüsterte ihr leise zu , den Nachdruck der Innigkeit und Ergriffenheit in der Stimme : » Habe ich Dir wehgethan , Hedwig ? Sei mir nicht böse - « Hedwig hatte die linke Hand über die Augen gelegt . Den Kopf hielt sie gebeugt . Ein leises , verhaltenes Schluchzen ging jetzt von ihr aus . Adam athmete schwer auf . Draußen lag die Nacht ... die letzte Mainacht ... ruhig , schwarz . Nur ein nervöses Erzittern der Schwüle prickelte zuweilen durch die Luft . Adam Mensch verspürte sich wieder einmal ganz im Zwange seiner Stimmung . Wie ein unendliches Mitleid mit sich selber ergriff es auch ihn . Unklare , halbfertige Sinnlichkeitsaffekte lösten sich in ihm aus . Diese nächtige Schwüle bedrückte ihn . Dieses schluchzende Weib quälte ihn ... und beglückte ihn doch zugleich unsäglich . Eine schicksals-mächtige , fanatische Nothwendigkeit bändigte ihn jetzt zu Hedwig hin . Aber nein ! Er durfte sich nicht überwältigen lassen . Er dachte an Lydia , er dachte an Emmy . Ach ! es ekelte ihn vor sich . Das war ein wüstes , wahnwitziges Hin- und Herirren von Einer zur Anderen ... ein verzehrendes Suchen ohne eigentliche Absicht zu finden - zu finden , um dann fest- ... festzuhalten . Und doch : hatte er nicht schon tausend Mal die Sünden bereut , die er nicht gethan ? Er hatte Gewalt über dieses Weib . Es war in seiner Hand . Und er lechzte nach - wonach ? Nach den sogenannten » Freuden « , den » Amusements « der Liebe ? Das nun weniger . Jedoch ! Er unterlag . Er mußte nachgeben . Er mußte das an sich reißen , was ihm den Weg kreuzte und sich ihm zuwandte . Er konnte ja auch gar nichts Gescheiteres thun . Und er nahm dem weinenden Weibe die Hand von den Augen und raunte ihm zu : » Ich habe Dich sehr lieb , Hedwig ... weine nicht ! ... Wir gehören doch zusammen ! Komm ! « » Adam ! « sträubte sich Hedwig . » Hast Du mich denn nicht ein Wenig lieb - ? « Die Worte waren leise , langsam , stehend gesprochen , eine große Traurigkeit und Bekümmerniß verrathend ... und wie eine schwere Enttäuschung zugleich . Hedwig stand da , den Kopf gesenkt , ihre Hände lagen auf dem Fensterbrett . Und Adam nahm diese kleinen , mageren , blaßgelben Hände und zog an ihnen das Weib , das er liebte , an seine Brust . Und er berauschte es mit glühenden , stechenden Küssen . Die Lippen wollten nicht von einander lassen , und es war , als wollten sich die Beiden gegenseitig das Leben aussaugen und auftrinken . Adam war es sehr mild und weich zu Sinn . Er hatte eine gute That vollbracht . Er hatte diesem armen , eintönigen , farblosen Dasein ein großes Erlebniß , eine große seelische Erschütterung gegeben . Hedwigs Arme umschlangen seinen Hals . Eine unendliche Hingebung und Zärtlichkeit sprach und bat aus ihren verthränten Augen . » Nun haben wir uns doch gefunden - « flüsterte sie und legte den Kopf an Adams Brust , als schämte sie sich ihrer Worte ... als wollte sie sich vor sich selber verstecken . » Jawohl ! « antwortete Adam sehr laut und lächelte eine Stecknadel lang spöttisch . Das kleine Weib war doch eigentlich etwas zu sentimental . Langsam lockerten sich Hedwigs Arme . Der Herr Doctor verstand . Hm ! So leicht zu verletzen ? Aber da packte ihn auch wieder die Leidenschaft - und von Neuem riß er das Liebste , was er zu dieser Frist auf der Welt besaß , an sich und erstickte es fast mit seinen Küssen und Umarmungen . » Mein Weib ! Mein süßes , einziges Weib ! « stieß er gepreßt hervor und zwang Hedwig mit Ueberkraft zu sich heran ... bis ihnen der Athem abriß und sie langsam von einander lassen mußten . Nun standen sie neben einander und sahen in die Nacht hinaus , die ruhig , schwarz , schwül zwischen Himmel und Erde hing . » Was soll mit uns werden , Adam - ? « kam es nach einer kleinen Weile leise von Hedwigs Lippen . Adam antwortete nicht sogleich . Wußte er denn etwa selbst , was mit ihnen werden sollte ? » Du antwortest nicht - « begann Hedwig wieder . Mühsam unterdrücktes Aufschluchzen gab ihrer Stimme etwas Hartes , Rauhes , Gezacktes . » Was mit uns werden soll , mein Lieb ? Aber wir wissen doch , daß wir zu einander gehören ! Ist das vorläufig nicht genug ? Wollen wir uns die Schönheit und Größe dieser Stunde durch kleinliche , philiströse und trivial-prosaische Erwägungen stören lassen ? Zwei Lebensläufte sind nun zusammengeflossen und haben eine Richtung erhalten ...