in Verlegenheit , was er sagen soll , wie er am besten den unbefangen lustigen Ton trifft , der sonst zwischen ihnen üblich ist . Dann ist ihr das Schweigen wie eine süße Beängstigung auf die Seele gefallen , und zuweilen hat sie mit schnellem Auge das liebe Angesicht gestreift . Er hat den Blick gefühlt - jedesmal . Und das Schweigen ist auch ihm immer beklemmender geworden . Er weiß , er fühlt es , daß das Weib an seiner Seite ihn liebt . Dies Bewußtsein klopft in seinen Pulsen , schnürt ihm die Kehle zu - er weiß , wenn er jetzt spricht , das Alltäglichste , das Einfachste , wird der Ton , sein Ton , über den er keine Herrschaft mehr hat , auch ihr seine Erregung verraten . Und von Minute zu Minute wird es schwerer , das Schweigen zu brechen . In der hellen Einöde ringsum sind sie so allein . Das Schweigen wird zur Qual . Er weiß , daß er mit einem Blick , mit einem Wort ein Geständnis hervorrufen kann , und er hat nicht mehr die Kraft , dies zu wollen oder nicht zu wollen . Alles ist aus seinen Gedanken wie gelöscht , außer der Spannung , die ihn ganz beherrscht : was wird geschehen , was wird das erste Wort sein , das Fanny spricht ? Wer will ihn verdammen ? Die Spannung wird unerträglich . Irgend etwas soll und muß geschehen . Wenn er so noch drei Stunden neben der schönen Frau sitzen soll , so nahe , daß ihr Gewand seine Füße deckt , daß ihr Ellenbogen zuweilen den seinen streift , daß ihr Parfüm ihn umduftet , und immer dazu dies gewitterschwüle Schweigen , dann , so ist ihm , dann könnte er wahnsinnig werden . Er will ein Ende machen und lustig schwatzen , damit sie sieht , daß er kein solcher Narr ist , zu denken , eine Fanny könne ihm , dem Unbedeutenden , ihr Herz geben . Sie soll meinen , daß ihm so etwas im Traum nicht einfällt . Auch durchzuckt es ihn flüchtig , daß er Severina das schuldig sei . Er wendet sich zu ihr . Sekundenlang bleibt ihm noch jeder Laut in der Kehle stecken . Dann kommt eine leere Frage heraus , aber in zitterndem Ton . » Sind Sie auch kalt , Fanny ? « Sie erhebt die Augen zu ihm und sieht ihn an . Seine Worte hat sie gar nicht verstanden , aber der langsame , zärtlich eindringliche Tonfall seiner Stimme macht , daß ihr der Atem stockt . Sie lächelt mit feuchten Augen . Er schlingt die Zügel um den linken Arm , fährt aus seinen riesigen Handschuhen , sucht unter dem Pantherfell ihre Hand , streift auch dieser den Handschuh ab und sagt , ihre kalten Finger zwischen seine warmen nehmend , mit derselben bedeckten , unbeherrschten Stimme : » Sie haben so kalte Hände , Fanny . « Ihre Finger zittern in den seinen . Ihr Auge sucht hilflos seinen Blick . » Fanny ... « Er stockt . Es wird dunkel vor seinen Augen ; ihm ist , als ob alles Blut ihm in die Pupillen träte . » Fanny , was ist Ihnen ? « murmelt er . Sie schüttelt den Kopf lächelnd , mit nassen Blicken und faßt seine Hände fester . » Haben Sie mich lieb , Fanny ? « Sie antwortet nichts . Aber sie neigt ihren Kopf gegen seine Schulter und legt ihre Arme um seinen Hals . Dabei hat es an den Zügeln einen heftigen Ruck gegeben und die Pferde stehen . » Fanny ! « ruft er , die Welt vergessend . Er küßt ihren Mund . Und da springt die Flamme aus ihrem Herzen hervor und sie sagt es ihm mit tausend beredten Worten , wie sie ihn liebt , wie sie bereit ist , ihm alles zu geben , ihre Gegenwart und ihre Zukunft . Das Gebäude eines unfaßlichen Glücks steigt vor Joachim auf . Sein rasches Blut wallt in heißen Wünschen Fanny entgegen . Dankbarkeit , überwältigte Eitelkeit vielleicht und seine überschäumende Jugendkraft rauben ihm alle Besinnung . Kein flüchtigster Gedanke führt ihn jetzt zu Severina zurück . Er glaubt , daß alles , was er je empfand , ein Irrtum war und daß der Inhalt dieser Stunde die Wahrheit ist . - Unterdes kam der andere Schlitten der Herrschaft nach ; das Läuten der Glöckchen , deren auch die beiden Braunen trugen , schreckte die Glücklichen auf . Joachim ergriff die Zügel , Fanny schmiegte sich an ihn und weiter ging die sausende Fahrt . Aber nicht mehr so schweigsam wie zuvor . Welche Thorheiten sind thöricht genug , um von den Lippen verschmäht zu werden , die sich eben im Küssen geübt ; welche Worte sind zu groß , um nicht von Herzen gewählt zu werden , die sich eben dem Glück erschlossen ? ! Fanny und Joachim plauderten und lachten in dem Vollrausch ihrer neuen Zusammengehörigkeit . Als sie endlich die Taißburg erblickten , sagte Fanny : » Eins , Geliebter , verzeihe mir : daß ich Dich nicht schon heute der ganzen Gesellschaft als meinen künftigen Gatten vorstelle . Freilich , es wird mir unmöglich sein , mein Glück zu verbergen ; mögen sie denken , was sie wollen . Aber die Rücksicht auf Lanzenau verbietet mir , eine Verlobung zu verkündigen , die einen herben Schmerz für ihn bedeutet . « In Joachims Gesicht ergoß sich jäh dunkle Röte . Lanzenau , der von seiner Beziehung zu Severina wußte - Severina - o Gott , wenn Fanny das erfuhr ! Und wenn Severina erfuhr - eine große Angst beklemmte sein Herz . » Was ist Dir ? « fragte Fanny angstvoll . Und einen ganz verkehrten Schluß auf den Grund seiner sichtlichen Bestürzung machend , fuhr sie im Ton einer heiligen Versicherung fort : » Sei gewiß , daß Lanzenau niemals von mir die mindeste Hoffnung empfing , mich je die Seine zu nennen . Wenn dies auch nur im entferntesten der Fall wäre , kannst Du sicher sein , mein Achim , daß ich lieber auf alles Glück verzichtet hätte , ehe ich ihn durch einen Wortbruch gekränkt haben würde . « Diese Worte vermehrten Joachims Verwirrung . Gewaltsam faßte er sich und sagte : » Ich war von anderen Gedanken bestürzt . Später will ich sie Dir vielleicht gestehen . Aber wird Dir niemand Deine Wahl verargen ? Fanny Förster und der junge , unbedeutende , arme Schlucker , der Dir nichts bringt als seinen schönen alten Namen ! Und auch auf diesen legst Du kaum Wert , denn ich weiß , Du schätzest den Adel gering ; man bot ihn Dir schon an und Du schlugst ihn ab . « » Ah , « dachte Fanny , wieder in neuen Irrtum fallend , » das war ' s , seine Armut fiel ihm ein und daß vielleicht gar Krämerseelen denken könnten ... « Deshalb ging sie liebevoll auf seine Schlußbemerkung ein , die er nur gemacht , um irgend eine Ablenkung zu finden . » Du irrst , mein Herz , « sagte sie ; » ich schätze einen schönen alten Namen sehr . Allein den modernen Adel finde ich abgeschmackt . Wenn sich heute jemand auszeichnet durch wissenschaftliche oder künstlerische Thaten oder durch Leistungen auf staatlichem , wirtschaftlichem oder humanem Gebiet , dann adelt ihn diese Leistung mehr und hebt ihn stolzer aus der Masse des Volkes hervor , wie jedes von oder jede Baronisirung könnte . Die Aristokratie der Thaten ist in der Geschichte der Kulturvölker immer die allererste . Aber ich verachte deshalb den alten Geburtsadel nicht ; im Gegenteil finde ich es sehr schön , wenn einem von Geburt her schon das Bewußtsein überkommt : Mein Geschlecht war seit Jahrhunderten gut erzogen , gut ernährt . « » Die reine Darwinistin ! « warf Joachim scherzend dazwischen . » Aber dasselbe Bewußtsein kann sich in vornehmen Bürgerfamilien entwickeln , zumal wenn einzelne Glieder derselben sich in der vorhin erwähnten Weise auszeichneten . In der Försterschen Familie war es seit Generationen heimisch ; ich bin eine von Grävenitz , weißt Du , allein ich habe immer das Gefühl gehabt , daß Fanny Förster ein Name sei , der ebenso - ja , ehrlich gesagt - imponirender klänge als Fanny von Grävenitz . « » Du hast ihm den höchsten Glanz gegeben , « sagte Joachim , ihre Hand drückend . » Siehst Du , Dein Arnold denkt wie ich . Er begnügt sich nicht mit dem ererbten Namen Herebrecht , er will diesem neuen Glanz hinzufügen , « sprach Fanny weiter . » Nur ich als Krautjunker von Profession , « scherzte Joachim , » muß so ruhig im Dunkeln weiter wurzeln . « » O , « rief Fanny erglühend , » Du sollst sehen , was wir noch alles zusammen Segensreiches wirken werden . Graf Taiß ist in unserem ganzen Bezirk der angesehenste , mächtigste und thätigste , auch erfolgreichste Landwirt und Patron ; er pflegte bisher zu scherzen , daß ich allein seine Rivalin sei . Du und ich zusammen müssen dasselbe , müssen mehr leisten als er . Sie sollen alle einmal begreifen , daß ich meinen zweiten Lebensgefährten klug wählte . Ja , auch das thörichte Herz kann klug wählen . « Und dabei sah sie ihn stolz und voll Liebe an . » Mag kommen , was will , « dachte Joachim mit dem blinden Mute jemandes , der sich in ein brennendes Haus gestürzt hat , » so vieler Liebe gegenüber bleibe ein Felsen hart ! « Das letzte Gespräch hatte ihnen beiden wenigstens die äußere Ruhe zurückgegeben , als sie in den Hof der Taißburg einfuhren , sahen sie scheinbar mit ihren gewöhnlichen heiteren Gesichtern in die Welt . Elftes Kapitel Die Taißburg war ein massiver alter Bau , der mit seinen beiden niedrigen , runden Türmen , die den breiten Mittelbau flankirten , gewaltig aus dem flachen Lande aufstieg . Er war in einer Zeit gebaut , da die brutale Kraft herrschte , moderne Nachkommen des alten Geschlechtes hatten ihm mit großem Aufwand seinen barbarischen Charakter erhalten . Doch blinkten jetzt aus der riesigen Mittelfront , anstatt der einstigen Schießscharten und Luftklappen , zahlreiche Fenster aus romanischer Bogenwölbung . Von den zackigen Zinnen der beiden Zwingertürme wehten Fahnen ; eine in den Landesfarben , die anderen mit dem Taißwappen . Das Portal , an dem eine Anfahrt vorbeiführte , befand sich im Mittelbau . Man mußte um einen Weiher herumfahren , der sich vor dem Schloß ausbreitete . Jetzt deckte ihn eine dünne Eisschicht und die Gruppe der Trauerweiden , die an seiner einen Seite stand , senkte ihre kahlen Zweige so tief herab , daß einige davon im Eise mit fest gefroren waren . Rechts und links schränkten den Blick hohe Tannen ein , die wie eine Mauer standen und ihre breiten , schneebeladenen Zweige bis zum Boden niederlegten . Ein düsteres , majestätisches Bild in den Farben des Winters und des Todes . Schon als Fannys Schlitten den Halbkreis um den Weiher machte , erschienen im Portal Gestalten . Ein Durcheinander von Stimmen empfing sie , ein Dutzend Hände streckten sich Fanny entgegen . Joachim fühlte sich jäh aus der Zweiseligkeit herausgerissen - nun stand er wieder daneben , als untergeordnete , jüngere und keinerlei ungewöhnliche Aufmerksamkeit erfordernde Persönlichkeit . Der Gedanke durchfuhr ihn , wenn Fanny ihn jetzt als ihren künftigen Gatten nannte - der herzliche , aber immerhin flüchtige Händedruck des Grafen würde sich schnell in die größte Beachtung verwandeln . Ein heimlicher Stolz schwellte sein Herz . Fanny liebte ihn - hatte in Demut - in der natürlichen Demut des liebenden Weibes vor dem Geliebten - zu ihm aufgesehen . Er durfte sich allen überlegen fühlen . Lanzenau war mit einer an ihm ganz seltenen Beweglichkeit um Fanny bemüht - er war glücklich , sie unverändert , mit freiem Blick , mit liebevollem Lächeln zu sehen . Ihm war ' s , als müßte sie ganz verändert sein , wenn inzwischen sich etwas ereignet hätte - er verfiel in der Wiedersehensfreude in die thörichte Logik , daß , weil sie ihr selbes Lächeln habe , sie auch noch ihr unbefangenes Herz haben müsse . Graf Taiß führte Fanny auf ihr Zimmer , wo die Gräfin und Lucy von Grävenitz ihrer warteten ; Joachim sah sich von einem jungen Vetter des Grafen in Beschlag gelegt . Die ganze Halle wimmelte von Menschen , es mochten gegen zwanzig Gäste in der Taißburg sein . Und die Halle , in deren Tiefe in einem Riesenkamin den ganzen Tag Holzklötze flammten , diente allen wie den Gästen eines Hotels zum Rendezvous und Geschäftsplatz . Hier war der Briefkasten , hier traf man den Hausmeister , wenn man von ihm etwas wollte , hier gingen die Herren rauchend auf und ab , wenn das Wetter eine Promenade im Freien verbot , hier schäkerten die jungen Damen miteinander , wenn sie ihren Uebermut in Gegenwart der zarten Gräfin oder der alten Mutter des Grafen nicht genug auslassen konnten . Joachim übersah sogleich , daß bei dem Hinundher von Menschen in diesem Hause Fanny ihm so gut wie verloren sei . Nur mit einem einzigen Blick konnten sie sich darüber verständigen - er sah , daß auch Fanny unter dem Gedanken litt . In dem Turme rechts waren die Fremdenzimmer für die Damen , in demjenigen links für die Herren . In den wenigen , aber geräumigen Gastzimmern , die im Mittelbau noch neben den Schlafräumen der gräflichen Familie übrig waren , hatte man die Ehepaare untergebracht . Diese , auf der Taißburg schon lange übliche Einteilung rief alljährlich einige wohlfeile Witze über diese Scheidung und die bekannte beim jüngsten Gericht hervor , die auch Joachim hören und belachen mußte , als der Vetter ihn nach dem Zimmer brachte , wo er wohnen sollte . Dann unterhielt ihn der » Vetter Heini « , wie alle Welt diesen nannte , noch von den jungen Damen , sagte ihm , daß die beiden Comtessen Sieburg » kalberig « seien , insbesondere Lulu mit den Sommersprossen und den wässerigen Augen , während Fifi noch manchmal ein vernünftiges Wort rede ; daß Fräulein von Meerheim eine verteufelte Hexe sei , ein pikanter , kleiner , schwarzhaariger Mops , und daß ... Joachim hörte noch allerlei Namen und noch allerlei Unterweisungen , dankte aber seinem Schöpfer , als Vetter Heini ging . Vetter Heini ging in seinen großen englischen Schuhen - er trat natürlich mit den Hacken zuerst auf - und seinem nachlässig eleganten Gang , die Hand in der Hosentasche , zu den jungen Damen hinab , um ihnen zu sagen , daß Herr von Herebrecht ein liebenswürdiger Mensch scheine . Vetter Heini hatte einen steifen Halskragen von ungewöhnlicher Höhe um , trug einen weißseidenen Plastron , kurz geschorenes Haar und zwei » Landwehrstrippen « - jene schreckliche Bartform , welche für einen Gommeux unerläßlich ist . In dieser Zustutzung , die er für seine magere weißblonde Erscheinung unwiderstehlich vorteilhaft glaubte , spielte er immer inmitten der Damen den Unentbehrlichen , Vielgeliebten , aber philosophisch Abgehärteten . Er hatte es für seine Pflicht gehalten , Joachim das fühlen zu lassen . Joachim aber hatte nur die Störung empfunden . Eine rasende Ungeduld bemächtigte sich seiner , als er allein war . Alles in ihm drängte zu Fanny hin . Welch erbärmliches Dasein , dieses Leben in der Konvention der Gesellschaft ! Ob Fanny sich nicht auch nach ihm sehnte ? Wenn sie doch hätten weiter durch die stillen Lande fahren können - so wie vorhin . Immer weiter und die Welt und alle Erinnerungen vergessen und die süße Gegenwart ganz , ganz auskosten . Nicht voraus denken - nicht fragen : » Was kommt morgen ? « Heute nur , heute die schönsten Augen liebevoll auf sich ruhen fühlen , heute nur an dem gewährenden Munde hängen . Wenn sie , anstatt nach der Taißburg zu den vielen Menschen , lieber nach Berlin gefahren wären , dort im Gewühl unterzutauchen , und , einsam mitten im Lärm , selige Tage verlebt hätten ? Warum war ihm der Gedanke nicht im Schlitten gekommen ? Fanny hätte eingewilligt - sie hatte ja niemand von ihrem Kommen und Gehen Rechenschaft zu geben . Diese Vorstellung ergriff ihn wie ein Fieber . Gewiß , in dem ungestörten Beisammensein hätte er auch die Stunde und den Mut gefunden , ihr von Severina zu beichten , und alles wäre klar gewesen , ehe sie nach Mittelbach zurückkehrten . Fanny hätte entscheiden können , welcher von beiden er gehören solle . Nun däuchte er sich ein Opfer der Verhältnisse . Hier konnte er Fanny nichts beichten ; hier mußte er froh sein , wenn sich überhaupt nur eine heimliche Stunde für sie beide fand . Plötzlich hörte er nebenan laut sprechen ; es war Lanzenaus Stimme . Die Wände waren dünn , man hatte sie in dem großen Raum aufgeführt , um kleine Gemächer aus dem gewaltigen Turmrund zu schaffen . » Fragen Sie , ob die gnädige Frau mich empfangen will , « hörte er Lanzenau sagen . Joachim horchte gespannt . Nach einer ganzen Weile , die genügt haben mochte , daß ein Diener vom linken zum rechten Turm hin und her ging , trat jemand bei Lanzenau ein und eine höfliche Domestikenstimme sagte : » Die gnädige Frau bedauert . Sie wünschen bis zum Déjeuner zu ruhen . « Ohne Zweifel , die Frage war an Fanny ergangen , die Antwort kam von ihr . Armer Lanzenau ! Meinetwegen wirst Du nicht empfangen , dachte Joachim mit unsäglichem Triumphgefühl . » War Frau Förster allein ? « fragte Lanzenau wieder . » Nein , die Jungfer kramte im Schlafzimmer der Gnädigen den Koffer aus und Fräulein von Grävenitz war bei Frau Förster im Salon . « » Es ist gut , Sie können gehen . « » Ah , « dachte Joachim glücklich , » man hat Fanny ein besseres Logis gegeben « - er sah sich in seinem einfachen Zimmer um - » sie hat einen Salon , sie erteilt dort Audienzen , man kann zu ihr gehen . « Dabei fiel ihm ein , daß er ihr Etui mit ihrem Brillantencollier in der Brusttasche seines Pelzes hergebracht habe , weil Fanny es nie in ihrem Koffer zu transportiren pflegte . » Das werde ich ihr bringen , « dachte er , » es wird sich schon eine Zeit dazu finden heute . « Und in der That , sie fand sich . Vorerst aber wechselte Joachim seine Kleider und ging in die Halle hinab , wo Vetter Heini ihn mit den jungen Damen bekannt machte . Vetter Heini war bisher der » Einzige « gewesen ; zu den Tanzfesten kamen von dem Nachbarstädtchen die Offiziere des dort garnisonirenden Regiments , in den anderen Zeiten mußte er allein die jungen Mädchen unterhalten . Kein Wunder , daß der Zuwachs an Herrengesellschaft sehr willkommen war und Joachim von den ihm günstigen Umständen Vorteil hatte . Als die Glocke in der Halle zum Frühstück läutete , war er schon bon camarad mit allen , insbesondere aber mit der kleinen Meerheim , die bloß auf Joachim gewartet hatte , um den - heimlich von ihr zum Gatten ausersehenen Heini - eifersüchtig zu machen . Als Fanny die Treppe herab kam , sah sie mit Vergnügen , daß Joachim mit der Jugend schon auf bestem Fuß stand . Die Hausordnung in der Taißburg forderte , daß alle Gäste sich um halb zwei zum gemeinsamen Frühstück versammelten . Nachher stand es in jedermanns Belieben , seine Zeit bis zum Mittagessen um sechs Uhr zu verbringen , wie er wollte . Es war heute von einer Schlittenfahrt die Rede , aber es schien , als sollten die jungen Damen nur Herrn und Frau von Dören , sowie den Hausherrn dazu bereit finden . Fanny und Joachim hatten ja von früh um acht Uhr bis um zwölf des Mittags im Schlitten gesessen . Die Gräfin und ihre Schwester mußten für den morgigen Doppelgeburtstag viel vorbereiten . Die Herren zeigten keine Lust . Joachim bemerkte , daß Lanzenau an Fanny die Bitte richtete , ihr dann vor Tisch ein Stündchen zu schenken , aber Fanny sagte , daß sie ganz schläferig von der langen Schlittenfahrt sei . Lanzenau war davon sichtlich verstimmt , als er nach dem Frühstück mit Joachim den Korridor entlang ging . Auch Joachim sagte , daß er schlafen wolle . Der Baron warf sich in seinem Zimmer auf die Chaiselongue , daß es krachte . Er deckte sich die Schlafdecke über die Beine , wickelte dasjenige , in welchem ihn die Ischias zuweilen plagte , besonders ein und nahm ein Buch . Aber die » hypochondrischen Plaudereien « von Amyntor , an denen er sich sonst mit einer Art grimmigem Behagen sättigte , konnten ihn heute nicht fassen . Von unten her klang Pferdewiehern , Glöckchenklang , Stimmenruf , dann läutete die kleine Reihe der Schlitten davon . Die Gesellschaft hatte in der That ihren Plan ausgeführt . Bald nachher ging nebenan die Thür . Lanzenau horchte : war jemand zu Joachim gekommen , oder war dieser gegangen ? Alles still ! Wo konnte er hingegangen sein ? - Er hatte doch von Müdigkeit gesprochen . Lanzenau schrak zusammen . Zu Fanny ? Ach , Unsinn ! Zu Fanny , mit der er heute viele Stunden im Schlitten gesessen , die er auf Mittelbach jeden Tag so oft und so lange er gewollt sprechen konnte ? Wohin denn ? Schließlich - was ging es ihn an ? Lanzenau zündete sich eine Cigarrette an und las weiter . Es ging nicht , die unbegreifliche Unruhe verzehrte ihn . Dann fiel ihm etwas ein . Natürlich - so war es : der Rittmeister von Meerheim , der martialische Vater des » pikanten , schwarzhaarigen Mopses « war ein fanatischer Skatspieler - der hatte sich ohne Zweifel Heini und Joachim gepreßt und sie saßen zu dritt in Heinis oder in des Rittmeisters Zimmer . Eine Weile hielt Lanzenau das aus . Es dunkelte - alle Geister der Ungeduld erhoben sich von neuem . Da kamen auch die Schlitten zurück ; also mehr wie eine Stunde war vergangen . Es wurde laut in den Korridoren , alle Welt ging , um auszuruhen , oder sich zu Tisch anzukleiden . Durch die Thürspalte fiel Licht ; ein leiser Schritt ging draußen vorbei : der Diener hatte die Lampen in den Korridoren entzündet . In Lanzenaus Gemach war jene tiefe Dämmerung , die vom Schnee draußen einen letzten trügerischen grauen Schein borgt , ehe sie zur schwarzen Nacht versinkt . Wenn in Fannys Zimmer auch diese Dunkelheit herrschte - wenn dort im Schatten zwei flüsterten - zwei Augenpaare sich nahe , ganz nahe anblitzten ? ... Lanzenau fühlte , daß ein kalter Ohnmachtsschweiß an seinem Körper hinab ging . Er ertrug es nicht mehr , er sprang auf . Die Glieder gehorchten der jugendlichen Hitze des Kopfes nicht so leicht ; ein Schmerzgefühl riß durch sein Bein . Er ging nach Heinis Stube . Niemand rief : » Herein ! « alles war still . Der Rittmeister wohnte ein Stockwerk höher . Ah - schon auf der Treppe hörte Lanzenau die rauhe Stimme lachen und eine andere dazu . Er klopfte an , trat ein ; da saß der Rittmeister mit Heini beim dampfenden Grog , den er wunderbarerweise zu allen Tageszeiten und zwischen allen Getränken vertrug . Der Rittmeister auf einem Ledersofa , die Ellenbogen auf dem Tisch , die eine Hand an der riesigen pfeifenkopfartigen Cigarrenspitze , die andere am grauen Schnauzbart . Heini ihm gegenüber rittlings auf einem Rohrstuhl , auf dessen Lehne er die Arme verschränkte . Der Rittmeister hielt in seinem Bericht eines unglaublichen Kriegserlebnisses inne und rief Lanzenau entgegen : » Ein dritter Mann ! Vous êtes le bienvenu , monsieur le baron ! Heini , die Karten ! Wollen Sie einen Grog , Lanzenau ? « Lanzenau war recht nach Grogtrinken und Skatspielen zu Mute . Aber wenn er ' s auch abwies , mußte er doch erst niedersitzen und wenigstens die Geschichte hören , die der Rittmeister wieder von vorn anfing und die Vetter Heini heute zum zehntenmal mit schallendem Gelächter belohnte , bloß dem » Mops « zu liebe . Der Rittmeister fühlte sich dadurch so angeregt , daß er Lanzenau , als dieser dann gehen wollte , noch am Rockknopf festhielt , damit der sich erst erzählen lasse , wie es mit der Reiterattake da und da gewesen . Wäre nicht endlich Herr von Dören erschienen , um zu sehen , ob er sich hier bei einem gemütlichen Skat von der Unterhaltung mit den Comtessen Sieburg erholen könne , die im Schlitten zu führen sein Los gewesen , so hätte die Erlösung für Lanzenau nie geschlagen . Er ging wieder in den ersten Stock hinab , durchschritt den endlosen Korridor und stand mit Herzklopfen vor Fannys Thür . » Nur herein ! « rief Fanny , und als er schon auf der Schwelle stand : » Alle Welt gibt sich in meinem Zimmer Rendezvous . « Fannys Zimmer war von einer großen Lampe sehr hell beleuchtet ; die Herrin saß auf dem Sofa , neben ihr Frau von Dören ; die Gräfin , Lucy und Joachim standen am Tisch und betrachteten Adriennens Bild , welches Fanny der Gräfin mitgebracht . Also doch Joachim ! Aber nicht allein , in der zahlreichsten Gesellschaft , ganz wie es hier üblich war , wo die Gäste um diese Zeit sich wohl in dem Zimmer der einen oder des andern einfanden . Lanzenau atmete auf . » Ich bin ein Narr , « sagte er sich , während seine Pulse sich rasch ebneten . Den Blick voll schwärmerischen Mitleids sah er nicht , den Lucy auf ihn richtete , und wenn er ihn gesehen , hätte er ihn sich kaum zu deuten gewußt . Und die Deutung war doch diese : als Lucy vor einer Viertelstunde das Zimmer betreten , nach ihrer zerstreuten Art ohne anzuklopfen , mußte es ihr klar werden , daß sie störend und überraschend kam . Fanny war ihr stürmisch um den Hals gefallen und hatte sie gebeten , zu schweigen , hatte ihr gesagt , daß aus » bekannten Rücksichten « sie noch der Gesellschaft ihre Verlobung mit Joachim nicht mitteilen könne . Lucy war entzückt , ein romantisches Geheimnis zu wissen , bedang sich aus , nachher erzählen zu dürfen , daß sie die Vertraute gewesen , und fand es besonders interessant bei dieser Liebe , daß Fanny älter sei als Joachim . So hatte Joachim denn auch für seine Liebe zu Fanny einen Mitwisser , wie Lanzenau die zu Severina kannte . Das hämmerte ihm in den Schläfen und machte ihn ganz ratlos . Gleich nach Lucy traten dann die Gräfin und Frau von Dören ein und halfen unbewußt , ein harmloses Bild zu stellen , das für heute wieder Lanzenaus tiefe Sorge übertäubte . Bei Tische wurde viel geflüstert und gekichert . Die Jugend sollte am Abend rasch ein Festspiel einstudiren , das Lucy zu Ehren ihrer Schwester und Fannys gedichtet . Dies Festspiel paßte zwar nicht mehr auf die Situation , denn es stellte Fanny als selbstherrliches , freies , die Liebe und Mannesknechtschaft verschmähendes Weib in Gegensatz mit der zarten , liebenden Gräfin , die als Gattin und Mutter ihren Wirkungskreis begrenze ; hiebei fiel auf Fanny alle Glorie und auf die Gräfin nur einiges notgedrungene Lob . Aber einstudirt mußte es werden und die Veränderung war - so tröstete sich Lucy - ja niemand weiter bekannt . Joachim mußte mitwirken . So kam es , daß die älteren Glieder der Gesellschaft sich diesen Abend von der Jugend absonderten und in ruhigen Gesprächen um den Theetisch saßen . Fanny zeigte sich seltsam zerstreut , und wie Lanzenau ihr so gegenüber sie prüfend betrachtete , fiel es ihm auf , daß sie doch - doch verändert sei . War es inzwischen geschehen , oder war ' s ihm heute früh entgangen ? Das Licht eines großen , geheimnisvollen Glücks strahlte aus ihren träumerischen Augen , diesen Augen , die sonst durch ihren raschen , gesammelten Blick gebietend wirkten . Und um ihren Mund lag ein Zug - ein nie gesehener , unerklärlicher . Die Thür vom Salon der Gräfin nach dem großen Saal stand auf . Die junge Welt erschien dort , begnügte sich aber , herein zu nicken und etablirte sich um den großen runden Tisch unter dem Kronleuchter zu irgend einem Spiel . Fanny fühlte es wie einen Schmerz , daß Joachim zwischen den jungen Mädchen blieb . Aber natürlich - wie konnte er anders , er mußte thun , was Vetter Heini that . Und wie lustig er mit der kleinen Meerheim war und schon so vertraut . Auch die anderen richteten ihre Beobachtungen auf das Bild , welches sich im Rahmen der Thür anmutig genug bot . » Der junge Herebrecht ist ein selten liebenswürdiger Mensch , « sagte Graf Taiß , » insbesondere die Herzen der jungen Damen scheinen ihm nur so zuzufliegen . Ina Meerheim ist ja ganz aus dem Häuschen . « » Natürlich , « sprach Lanzenau , während er sein Augenglas einklemmte , um auch seinerseits hinzusehen , » natürlich , dieser außerordentliche junge Mann reitet wie der Teufel , schießt wie ein Freischütz und tanzt wie ein Lieutenant - erhabene Eigenschaften genug , um alle Weiber verrückt zu machen . « Der bittere , ja , fast gehässige Spott in diesen Worten war so auffallend , daß alle sekundenlang schwiegen . Graf Taiß klopfte Lanzenau lächelnd auf die Schulter . » Und nebstbei , mein Lieber , ist er fünfundzwanzig Jahre alt , während wir die Ziffer in wenig Jahren umgekehrt haben