vor ihm auf . Was für Kämpfe mußte er bestehen , wenn er sie wirklich heirathen wollte ! Aber er hatte sein Wort gegeben , er war ein Gentleman , und - er liebte sie . Mit hartnäckiger Festigkeit blieb er an dem Verabredeten haften , mit jenem falschen Stolz , den schwache Naturen für Stärke ausgeben . Vier bis fünf Wochen waren verflossen , sie hatte nichts von sich hören lassen . Nun , das war ja die Verabredung . In der letzten Woche hatte er sich aufgerafft und wie ein Held mit Anspannung aller Kräfte gearbeitet . Immer nur einen Gedanken dabei im Auge , Ruhm und Geld zu erlangen - für sie . Es gelang . Seine Freunde , welche die Composition seines Bildes ( Kohlenzeichnung ) » General Hoche stirbt in Folge geschlechtlicher Excesse « betrachten durften , erklärten es einstimmig für genial . Beim Nachhausegehen wunderten sie sich gegeneinander aus , wie dieser Kerl sich » herausgemacht « habe . Daher schien auch wohl die Unruhe , die krankhafte Blässe und Nervenschwäche , die man seit seiner Rückkehr aus München an ihm bemerkt , zu erklären . Natürlich , sein Bild ging ihm im Kopf herum . So war denn doch etwas bei all dem Jammer herausgekommen . Im Fieber hatte er gebummelt , im Fieber blitzschnell die Idee dieses Bildes gefaßt , im Fieber Tag und Nacht daran gearbeitet - Liebes- und Arbeitsfieber hatten einander unterstützt . Und in diesem Hochgefühl setzte er sich hin und schrieb an sie einen langen Brief . So lange hatte er sich bezwungen , sein Herz zum Schweigen gebracht - nun schüttete er ihr sein Herz aus in glühenden brennenden Worten , wie nur ein Künstler es vermag . Ja , er mußte ihr Alles , Alles sagen , was ihm an den Eingeweiden fraß , in den Schläfen hämmerte . - - Wie , noch keine Antwort ? Eine Woche verging . Ein plötzlicher Einfall führte ihn wieder in das Café Bammer zurück , das ihm Zeuge so vieler innerer Qualen gewesen . Der geschniegelte Wirth zeigte sich hocherfreut , » Herrn Professor « wiederzusehen . Dabei brachte er das Gespräch wiederum auf die berüchtigte Kathi . Ob Rother etwas davon wisse . Keine Spur ? - Nun , neulich sei der Eberhart ( Herr Professor würden sich der Geschichte von damals wohl noch erinnern ) bei ihm gewesen . Habe Der auf sie geschimpft . Das sei ein abgefeimtes Mensch . Er hätte sie ja gern gebraucht und ihr dann einen Tritt vor den holden ... gegeben ( wie sich Bammer geschmackvoll ausdrückte ) , aber sie habe ihn nur an der Nase herumgeführt und ihm ein schmähliches Geld gekostet . » Das ist doch wohl kaum wahr , « stammelte Rother , bleich vor Wuth . » Mein heiliges Ehrenwort ! « ( Wirthsleute und Demimonde haben stets ein » heiliges « Ehrenwort - doppelt hält gut ) . Bammer redete noch eine Weile so fort und erzählte , Wursteler sei soeben aus Hamburg zurückgekehrt . Der sei als Agent in einer Geschäftsreise dort gewesen und habe doch mal Kathi besuchen wollen . Na , der habe schöne Geschichten zu erzählen ! Rother wollte sie nicht hören und verbat sich weiteren Klatsch . Zu Hause aber sandte er nochmals einen eingeschriebenen Brief nach Hamburg , der geschickt entworfen war und mit Ernst Aufklärung und endliche Entscheidung verlangte . - - Er starrte wild in seinem Atelier umher . Eine Verachtung all seines Besitzes ergriff ihn , des materiellen wie des geistigen - denn all sein Begehren und Sehnen war ja nur in dem einzigen Gegenstand seiner Leidenschaft concentrirt . Wozu diese schöngeschnitzten Stühle , diese persischen Teppiche , diese rothen Karawanserei-Vorhänge , diese krystallene Ampel , diese Stukkatur des Getäfels , diese brokat-purpurgestreiften Papiertapeten , dieser Rokoko-Bücherschrank mit der umfangreichen Bücherei voll von eleganten Einbänden illustrirter Prachtwerke ? Wozu das Alles ? Wozu sein Haben und sein Wissen und sein Können und sein sauer erworbenes bischen Ruhm in echter Kunst ! Viel besser , er hätte sein Geld dazu angewandt , sich ein Reitpferd zu kaufen und die neueste Mode zu cultiviren , um ihr zu gefallen . Was » echte Kunst « ! Geschäfte hätte er machen , sich zum Damenportraitmaler , Unsterblichkeitsverleiher von Spitzen-und Sammtmantillen ausbilden sollen - dann hätte er gehörig Geld zusammengescharrt und » Ruhm « bei dem Marktpöbel errungen . Geld für sich selber brauchte er zwar wenig , - aber er hätte dann für sie mehr übrig gehabt . Wozu all dieser überflüssige Atelier-Luxus und all diese verdammten Bücher und Bilder ! Als ein Kleid von Lyoner Seide , als ein Armband für sie hätte das vergeudete Kapital weit besser seinen Zweck erfüllt ! Was waren alle Kunsterzeugnisse und alle Naturschönheiten neben einem Rümpfen ihrer klassischen Nase , einem Zucken ihres göttlichen Mundes , einem schelmischen Aufzucken ihrer Augensterne ! Sie , sie - und die ganze übrige Welt wiegt federleicht auf dieser Wagschale . So schleuderte ihn der Furor Aphrodisiacus immer tiefer in die Verzweiflung hinein . Eine neue Phase der Selbstquälerei begann . Er durchmusterte seine Mappen mit Skizzen seiner Bilder und betrachtete die vollendeten Werke , die er sich wegen Mangels an Käufern an die Wand hängen durfte . Ueberall fand er grobe Fehler ; auch die Verschneidungen der Illustrationen , die an illustrirte Familienjournale geliefert , und die Mängel der Photographieen nach seinen Bildern entgingen ihm nicht . Selbst der schlechte Firniß auf einem seiner vollendeten Opera an der Wand ärgerte ihn . Zu flüchtig , zu rasch , zu viel ! mußte er sich immer sagen . Andrerseits muß man mit tausend Zufälligkeiten kämpfen . Ein Bild wurde ihm einmal auf der Treppe , als es zur Kunstausstellung auf den Cantianplatz wandern sollte , vom Träger fallen gelassen und übel lädirt . Durch einen ausgeführten Carton hatte der kleine Bube des Portiers , der in seinem Atelier bei einer Reinemacherei in seiner Abwesenheit spielte , mit einer großen Latte , wie man sie zum Anlehnen des Armes beim Malen benutzt , ein brettes Loch gestoßen . Ueberall alberne Widerwärtigkeiten , überall Aerger und Quängelei , selbst wenn man sein Aeußerstes darangesetzt . Hier diese Armverzeichnung , dort jene unrichtige Verkürzung . Hier hätte die coloristische Stimmung durch eine geringe Aenderung sehr gewinnen können , dort hat ein zu grell gegriffener » Ton « die ganze Einheitlichkeit des Colorits verdorben . Und was in der Kunst einmal geschah , ist nicht mehr zu repariren . O die Kunst , welche Folter ! Wie ist sie unerlernbar , und je höher das Ziel gesteckt , desto schwerer ! Und hinterher die naseweisen Redensarten des Publikums und gar der Recensenten , wo sich Jeder nur an die auffälligen Mängel und Wenige an die auffallenden Vorzüge klammern ! Allerdings mußte er sich bekennen , nachdem er sich drei Tage lang in diese Selbstquälerei eingewühlt , daß die Verbesserungen und Umänderungen , die er vornehmen wollte , im Grunde wenig änderten . Bei Manchem hatte er obendrein die praktischen Verhältnisse nicht bedacht , als er in seinem Verbesserungs-Delirium plötzlich an einige Besitzer seiner Werke schrieb , man möge ihn an den alten Sachen künstlerische Verschönerungen versuchen lassen . Man erwiderte ihm höflichst , daß dies jetzt zu spät sei , daß man das Werk in dieser Form liebgewonnen habe , daß eine Umänderung selten eine Verbesserung sei . Es ist ein Fluch des Künstlers , daß seine Werke stets nur in der Form fortleben sollen , die er ihnen zuerst verlieh . Keine Verbesserung wird genehmigt . Und ebenso quält die Betrachtung den Künstler , nachdem er sich über etwaige Fehler und nothwendige Verbesserungen das Gehirn zermartert , daß im Grunde genommen diese Fehler gar nicht so störend wirkten und vielleicht sogar einen gewissen Reiz besaßen , während das nutzlose Grübeln darüber nur zeitraubend sein konnte . Was einmal geschehn , ist nicht mehr zu ändern . Es giebt Autoren , die sich ewig über die Druckfehler ärgern , welche sie - und bekanntlich immer neue - in ihren Büchern entdecken . Ebenso geht es mit den Fehlern überhaupt . Nach solchem Maßstab würde bei jeder Leistung das nonum prematur in annum nöthig sein . Allerdings giebt es Momente , wo dem Künstler die ungeheure Pein , Entsagung und Arbeitskraft , wie in eine Masse zusammengeballt , überwältigend naherücken , welche sein Beruf von Jugend an erfordert . Nichts auf der Welt lebt , was sich den Leistungen des wahren Künstlerthums vergleichen ließe , und nichts wird verhältnißmäßig so wenig belohnt . Wenn schon die erfolgreiche Arbeit so viel Opfer kostet , wie viel mehr erst die erfolglose , erfolglos in künstlerischem oder in roh materiellem Sinne ! Welche namenlose Qual liegt in dem Gedanken , daß eine Arbeit nur deswegen nicht zur Vollendung reiste , weil der Künstler sich allzu Schwerem und Hohem zugewandt ? Und wie oft sind künstlerische Fehler , die später unreparirbar erscheinen , aus einfachen brutalen Nothwendigkeiten der realen Verhältnisse hervorgegangen ! Nur der Feldherr , der Alles an Alles zu setzen gewohnt ist und oft an reinen Zufälligkeiten scheitert , kennt den gleichen Grad unstillbaren Kummers und Aergers . Am Tag nach Absendung seines Briefes trieb es ihn , nochmals das Unglücks-Café aufzusuchen . Bammers Worte gingen ihm im Kopf herum . Vielleicht konnte ihm Wursteler doch Näheres sagen . Er traf am Buffet die schwarze Emmy . Bammer war ausgegangen . Sie sah sehr mager und leidend aus . Er unterhielt sich oberflächlich mit ihr . Ihr Befinden schien so schlecht , ihre Stimmung so gedrückt , daß sie ihrem Herzen Luft machen mußte . So begann sie denn ( nach der Regel , » Qui s ' excuse , s ' accuse « ) ob der Verleumdung der Welt zu klagen . Man halte sie für die Geliebte Herrn Bammers . Und doch sei dem nicht so u.s.w. Plötzlich erschien Herr Wursteler . Früher etwas » kaduk « gegen » Herrn Professor « , entfaltete er diesmal eine ordentliche Cordialität , setzte sich vergnügt an dessen Tisch und wurde ganz familiär . » Nun , waren Sie schon in Hamburg ? « fragte er . » Ich ? Wie sollte ich dahin kommen ? « » Nun , Kathi sagte es mir . « Rother war auf der Hut . Vorsichtig suchte er den Unbefangenen zu spielen . Wer von Beiden würde den Andern zuerst aufs Glatteis führen ? Wursteler klatschte mit hundert Pfaffenkraft drauf los . Kohlrausch sei ruinirt , miserabler Geschäftsman , Pleite stehe vor der Thür , und so ging es fort . Rother streute nur ab und zu ein » So ? « ein , regte sich auch nicht , als Wursteler erzählte , ganz Hamburg halte sich auf über das Verhältniß von Kathi zu Kohlrausch . Er wolle sie heirathen . » Na , ich habe Kathi gewarnt ! Daß Du Dich nicht mit dem Windikus einläßt , sagt ' ich ! - Na , Sie wollen sie ja heirathen . « » Wer sagt das ? « fuhr Rother auf . » Wer denn anders als Kathi ? « Wursteler that sehr verwundert . » Ihre erste Frage , als sie mich sah , war : Was macht Herr Rother ? Und dann hat sie mir gesagt : Der will mich heirathen ! « Rother lachte gezwungen auf und murmelte etwas von » Frecher Lüge ! « Er möge so was mal im Scherz ... Aber als er ging , sah er in dem frechen Gesicht des Catilinariers die verächtliche Frage : Glauben Sie , Sie täuschen mich ? Solch ein junger Mann und kräftiger Malermeister , und solch eine Sentimentalität für so Eine ! - ( Bammer und Wursteler hegten den wüthenden Haß ungesättigter Begier für das Weib , das ihrer Brunst entronnen war . ) Rother aber setzte sich hin und schrieb stehenden Fußes einen fulminanten Brief . So viel sah er ein - hier lag doch etwas vor , er mußte Gewißheit haben . Sein ganzer Stolz bäumte sich auf . Ihm war , als ob er auf tausend Nägel und Nadeln trete , als ob seine Nervenstränge blutig entzweirissen . Morden oder selbstmorden , sich umbringen oder einen Andern - - sein Zustand grenzte aus Hysterische . Ein ekelvoller Dunst und Brodem schien vor seinem Hirn zu schwimmen , halb ohnmächtig fiel er aufs Sopha zurück - - Othellos wirres Lallen von den » Verfinsterungen « fiel ihm ein . Aber diese halb unbewußte Ideen-Association wirkte zugleich als Gegengift . Wie ein Rasender sprang er auf und reklamirte dumpfknirschend vor sich hin , mit stoßweisem Herausströmen des rhetorischen Flusses , daß Salvini und Rossi an ihm ihre Freude gehabt hätten : » So soll mein blutiger Sinn in wüthigem Gang Nie rückschaun noch zur sanften Liebe ebben , Bis eine vollgenügend weite Rache Dies Weib verschlang . « Sein Brief strotzte von Beleidigungen mitleidiger Verachtung . Zugleich aber beging er in der Raserei den groben Fehler , schwere Injurien gegen Kohlrausch - er nannte ihn » Louis « - und größenwahnsinnige Betonungen seiner Würde einzuflechten . » Die Liebe ist ja ganz nett , « schloß diese verrückte Epistel , » aber der Ruhm steht mir doch noch höher . « Der Ruhm des guten Eduard Rother ! - Aber sobald der Brief abgesandt , befielen ihn wieder Skrupel . Sollte es wirklich wahr sein ? Konnte sie so rasch vergessen ? War ihr Fuß so glitschrig geworden auf ihrer schlüpflichen Laufbahn , daß sie unaufhaltsam dem Abgrund entgegentrieb ? Daß er sich umsonst dagegenstemmte ? Daß sie gleichgültig über ihn wegtrat ? Hat sie wirklich vergessen , daß ein Mensch lebt , der sie retten möchte ? Ja , möchte sie denn gerettet sein ? Und weshalb will sie nicht ? Ist sie denn ganz verderbt ? Nein , das kann ich Niemandem zugestehn . Wenn ich es glaubte , würde ich wahnsinnig werden . Nein , es ist nicht so . Ich muß das wissen . Denn warum liebe ich sie sonst so übermächtig , mit so unzähmbarem Instinkt ? Warum , ja warum ? doch liebe ich sie , werde sie ewig lieben . So wurde diese schwache sinnliche Natur hin- und hergerissen . Bald sah er sie in seinen Armen mit lüstern brutalem Ausdruck und malte sich ' s herrlich aus , diese rüde Urnatur zu einer » Dame « wenigstens äußerlich zu entwickeln . Dann sah er sie wieder in ihrer naiven Anmuth , ihn neckisch und liebenswürdig gängelnd . Was konnte nun geschehn ! Sein Brief mußte Alles entscheiden . Er befand sich in fieberhafter Erregung . Die nächste Post kam - richtig , ein Brief von ihr . Eine gepreßte Resedablüthe lag dabei . » Ihre beiden Briefe habe ich erhalten , daß Sie so lange keine Antwort erhielten darf Sie wohl nicht wundern wenn Sie wie Sie oft sagten mit mir fühlen - - - mir geht es bis jetzt hier ganz gut , was die Zukunft bringt weiß ich nicht ; mein Sinn ist stets veränderlich ; bitte thun Sie mir den einzigen Gefallen und horchen Sie auf keinen Klatsch ! Die Wahrheit habe ich Ihnen gesagt und hoffentlich glauben Sie mir mehr als bewußten klatschsüchtigen Zungen ; Bescheid über meine Gesinnungen kann ich Ihnen bis jetzt noch nicht geben . Denn wenn ich auch nicht an die Aufrichtigkeit Ihrer Gesinnungen zweifele , kann ich mir bis jetzt doch noch nicht recht vorstellen , daß dies - bald zur Wahrheit werden könnte . Doch Schicksalsbestimmung erfüllt sich auch ohne menschliche Mühe ( daran glaube ich ) hoffentlich auch Sie . Ich will Ihnen nun nicht mehr länger Ihre kostbare Zeit rauben und grüße Sie auf weiteres bestens . Kathi K. « Lange starrte er auf den Brief . Er suchte zwischen den Zeilen zu lesen . Jedenfalls stand ihm eins fest : Die Berichte Wurstelers konnten unmöglich Wahrheit sein . Denn falls sie dann immerhin zu einem solchen Briefe fähig war , so hätte in ihr jedes Schamgefühl erstickt sein müssen . Sie hatte also seinen letzten Brief noch nicht erhalten . Was nun thun ? Was wird sie nun schreiben ? Sollte er bereuen , was er geschrieben ? Nein . Das mußte die Entscheidung bringen . Ah , da kam sie . Er brauchte nur einige Stunden zu warten , als ein andrer Brief von ihr eintraf . » Vor allem Andern bitte meinen gestrigen Brief als nicht empfangen zu betrachten und dann theile ich Ihnen in diesem meinem letzten Schreiben mit , daß ich keinen Brief mit Ihrer Handschrift je mehr annehmen werde , denn ich wüßte wahrhaftig nicht warum ich stets die Zielscheibe Ihrer Grobheiten sein soll , oder glauben Sie etwa durch Ihren ehrenwerthen Antrag ( auf den ich aber schon im Stillen verzichtet hatte , nebenbei bemerkt ) dieses Recht erworben zu haben ? Nein , mein lieber Herr , hier haben Sie sich in der Adresse geirrt , ich bin gar nicht heirathslustig , namentlich in diesem Falle - - beruhigen Sie sich und denken Sie so wenig an mich , wie ich an Sie , dann erlösen Sie eine arme Seele aus ihrer Qual . Sie sagten , Sie wollen mich retten - - ängstigen Sie sich nicht um mich und verwerthen Sie Ihre Menschenfreundlichkeit zu besseren Zwecken - wenn ich auch untergehe wie Sie meinen , haben Sie jedenfalls die Beruhigung , nicht zu meinem Untergang beigetragen zu haben . Zu guter Letzt sage ich Ihnen nur noch : Wer niemals hinter der Thür gestanden , sucht keine Anderen dahinter , ich nehme bestimmt an , daß Sie Herrn Kohlrausch gar nicht kennen und bringen es fertig solche Beleidigungen auszustoßen - - wenn Sie Etwas zurückhaltender wären , würde man von dem guten Ton , den Sie so sehr rühmen , eine bessere Meinung haben ; nun gut , Alles rächt sich auf Erden . « Dieser nicht nur verlogene , sondern geradezu rohe Brief , welcher trotz des Tones beleidigter Unschuld darin eine tiefe seelische Gemeinheit athmete - mit der Absicht , groben Treubruch und schlimme Dinge hinter den Coulissen zu verstecken - hätte gleichwohl Rothers hartnäckigen Glauben an sein Ideal nicht zu erschüttern vermocht , wenn nicht zugleich ein andrer Brief aus Hamburg eingetroffen wäre . Dieser war von Herrn Kohlrausch , dem ominösen Deux ex machina in höchsteigner Person . Dies originelle Schriftstück zierte einen Quartbogen , mit einer mächtigen Druckfirma-Ueberschrift nebst Stempel , und verlautbarte sich also : » Herrn Rother . Berlin . Obwohl ich schon früher erfuhr , in welcher erbärmlichen Weise Sie mich grundlos beleidigten , so rechnete ich solche Wuthausbrüche auf Conto Ihres jähzornigen , von Eifersucht durchtriebenen Hirns z.B. die Bezeichnung : Galgenvogelvisage ! Heute aber haben Sie mich in einer Weise durch Briefe an Frl . K. beleidigt , daß ich Sie ersuche , mir mit Postwendung sofort mitzutheilen , warum Sie sich zu solchen scheußlichen Injurien vergessen konnten - welche Sie schwer vor Gericht büßen müssen . Ehe ich Sie an jene Beleidigungen erinnere , betone ich noch , daß Frl . K. vorläufig bei mir ein hochgeachtete und sehr gut behandelte Geschäftsstütze ist und also durch deren Hiersein Ihrerseits kein Grund zum Groll gegen mich vorhanden , da ja das Fräulein durch ihren Fleiß bei mir - einem ersten Geschäfte Hamburgs - ihr wohlverdientes Brot finden muß - da dieselbe doch nur auf diese äußerst ehrliche Weise ihr Brot verdienen kann . Der Kürze wegen bitte ich mir sofort darauf zu antworten , wieso ich solche gemeinen Insulten nur verdiente ? Selbstredend war es Pflicht des Frl . K. als erste Person im Geschäft , mir vorstehende Injurien mitzutheilen , ohne dabei den übrigen Inhalt dieses Schmutzbriefes zu verrathen . Wie Sie sich zu dieser peinlichen Affaire stellen , theilen Sie mir sofort mit . Ergebenst Kohlrausch . P.S. Von Pleite kann keine Rede sein , da ich wegen zu hoher Pacht das Geschäft aufgebe und 1. Januar nach Berlin übersiedele . « Außer sich vor Zorn , schleuderte der so schmählich Verrathene sofort einen Brandbrief nach dem theuren Hamburg an der Elbe , worin er mit ätzender Ironie die Sachlage beleuchtete und zugleich Herrn Kohlrausch ermahnte , als Nachfolger in Kathis zarter Freundschaft gütigst deren schuldige Miethe bei Frau Lämmers zu entrichten . Die Undankbarkeit der verehrten Dame überhebe ihn jeder Verpflichtung . Alles wird gelenkt von dem einen großen Gesetz der Lüge . Alle Gedanken , und hätten sie dein ganzes Ich durchwogt , stürzen endlich in Vergessenheit hinab . Nur der Tod , der Alles Lügen straft , ist kein Lügner . O ihr Todten , ihr schlaft so sanft , so selig , weil euch keine Lüge mehr trifft ! Was ihr wißt , ihr und der Wurm , - das allein ist Wahrheit . Die Erde lächelte bräutlich am ersten Maientage . Da umarmte sie ein nachtentsprossener Teufel und sie gebar den Menschen . Nur einen Trost bietet ihm die Mutter Erde , wenn er verzweifelnd an ihren Busen sinkt : Ihr ewiger Blüthentod , ihres Sommers Sterbequal mahnt ihn , daß auch er ins Nichts verwehen wird , daß endlich sich zwischen ihn und seinen bösen Vater schieben wird - der Tod . Eduard erwachte aus unruhigem Schlaf mit einem seltsamen Gefühl unaussprechlichen Bangens . Seltsam , eine einsame Thräne brach ihm von der Wimper . Welches Leid hatte sie geboren , welch ein Glück war ihm genommen ? Doch nicht jene Hoffnung , auf die er so ganz verzichtet ? Und ihm ward plötzlich , als ob er längst gestorben sei . Diese Thräne weinte wohl seine Seele , die noch immer zögernd an ihrem eignen Grabe verweilt . Was wollte diese todte Seele noch hier auf Erden ? Vergaß sie noch etwas zu sagen ? Jenes dämonische thörichte süße Weib - hatten sie Beide nicht vergessen , eine letzte Frage zu tauschen , eine Frage , was Wahrheit und was Lüge gewesen an dieser schicksalsvollen Liebe ? Da klingelte es draußen . Der Postbote brachte einen Brief . Ein Krampf schien Eduard zu durchzucken , als er die Handschrift sah . Von ihr ? Und er las : » Jeder guten That einen Dank , meinen herzlichsten sage ich Ihnen . Sie haben ihn wohl verdient , doch ein guter Gott gebe , daß Ihnen dies Rosen bringt , wünschen thue ich es Ihnen allerdings nicht , aber bitte sagen Sie mir doch sind Sie jetzt ruhig und getröstet ? nun ich wünsche es , aber Sie sind es doch nicht ich weiß es ; wenn Sie aber glauben durch Ihre von edlem Gemüth zeugende Denuncirung mich ruinirt zu haben , dann täuschen Sie sich doch ein wenig . Die Welt ist noch so groß und vielleicht giebt es auch noch ein Plätzchen , wo mich Ihre - - nicht mehr findet ; jedenfalls haben Sie hier meine Existenz vernichtet ; denn ich bin viel zu stolz an einem Orte zu bleiben , wo mein Stolz eine solche Niederlage erlitten ; ich bitte sagen Sie nur doch , was Sie für einen Grund hatten mich so zu vernichten ? habe ich Ihnen jemals geschworen ? Sie haben mir so oft Ihre Hilfe angeboten ; ich habe sie nur im äußersten Falle in Anspruch genommen , mir ist ganz andere Hilfe geboten worden ; doch ich glaube der Erste beste Jude wäre nicht so verfahren ; ich habe keine Seele auf der Welt welche mir hilft , sondern nur solche wo ich helfen kann , ich habe es auch gethan und mich leider nicht vorgesehen , daß ein Fall eintreten könnte , wo ich es selber nothwendig brauche ; ich habe in letzter Zeit in Berlin in Verhältnissen gelebt , die ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche . Doch gut Jemand der fähig ist ( noch dazu ein so genialer großer Geist wie Sie ) Jemanden so zu ruiniren besitzt keinen Funken Gemüth , ich habe heute bitter geweint nicht meinetwegen was liegt an mir , aber daß es Jemanden giebt der so niedrig denkt - ich wäre einer solchen Handlungsweise niemals fähig - was ich in Zukunft mache weiß ich noch nicht , nun könnte es vielleicht werden was Sie so sehr zu befürchten scheinen , - meine Ehre , Alles ist mir genommen , kümmern thut sich auch Niemand um mich , nun gut , freuen Sie sich Ihrer Ernte . Was meine Schuld bei Fr . L. betrifft , wird schon beglichen werden , bis jetzt habe ich noch keine Schulden gemacht und das könnte auch Besseren als mir passiren . Nun behüt Sie Gott , wie es auch ist und kommen mag , mein Herz haben Sie doch nicht gebrochen . « Rother gerieth in Verzweiflung . Jeder Vorwurf brannte in ihm nach . Allein , war er so schuldig ? Was hatte er denn gethan ? Im Grimm eines schändlich Verrathenen , hatte er sich hinreißen lassen , gefährlicher Drohung gegenüber , selbst eine nicht allzu reinliche Waffe zu brauchen . Was sollte er denn thun , diesem Gräuelwust von Gemeinheit gegenüber ? Ihm fiel ein , daß es vielleicht angezeigt wäre , in das alte Unglückshaus in der Gerichtsstraße hinauszupilgern . Vielleicht hatte die alte Zeugin ihres seltsamen Verhältnisses , Frau Lämmers , etwas Besonderes erfahren . So fuhr er denn dort hinaus , so peinlich er diesen Weg bisher zu vermeiden wußte , der ihn wie ein Calvarien-Weg der Erinnerung mit Dornen stach . Ein glücklicher Zufall wollte , daß er die Frau zu Hause traf . Sie grüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln und lud ihn ein , in die alte » gute « Stube zu treten . Hier , wo einst - ! Ihr kleines Töchterchen , den Finger im Mund , krabbelte am Rock der Mutter , während diese zu entschuldigen bat , daß sie an einem Mantel weiternähe . Nein , sie hatte von Kathi nichts gehört , nichts Näheres wenigstens . Diese sandte ihr gestern überraschenderweise das noch schuldige Geld für die Miethe . Vorher hatte sie ihr einmal eine große Photographie geschickt , im » Kostüm « , dabei jedoch einen Rembrandt-Hut auf dem Kopf . » Sehn Sie , da ! « Rothers Herz stand ordentlich still , als er die geliebten Züge wieder so nahe vor sich sah . Er biß sich auf die Lippen , als er das Bild niederlegte , indem er unwillkürlich die Augen senkte . Ob er vor sich selber oder vor den Augen des Bildes ( halb sinnlich-frivol halb vornehm-sentimental ) sein Auge niederschlug , wußte er es selber ? Die Frau benutzte die Gelegenheit , sich auszuklagen . Sie that es aber in einer anständigen und maßvollen Weise , die den Verdacht gänzlich ausschloß , als wolle sie etwa ein pekuniäres Mitleid ihres Besuchers in irgend welcher Weise erpressen . » Wissen Sie , Herr Rother , « gestand sie . » Ein so sonderbares Liebespaar , wie Sie und Kathi hab ' ich noch nie gesehn . Nachher hat sie immer so furchtbar geweint , wenn Sie fort waren : immer rothe Augen und immer Zank . « » Hat sie denn dann auf mich geschimpft ? « fragte er trocken . » Aber nein doch ! Sie ließ nie ' was auf Sie kommen . Ach , sie ist ein gutes Mädchen . Und so fromm ! - Freilich - « sie hielt inne , dann nach einigem Zögern erzählte sie die seltsame Geschichte mit dem Pfandschein beim Abschied . » Ach und ich selber hab ' es so nöthig ! Ganze Tage haben wir Beide so schlecht gelebt ! Nun , jetzt hat sie ja aber doch die Miethe bezahlt ! « Rother schwieg . Er dachte : warum ! Nicht so ganz freiwillig . Jeder Mensch , und sei er noch so verschmitzt , verräth sich irgend einmal . » Offen gestanden , Herr Rother - aber nehmen Sie ' s nicht übel ! « » Bitte , reden Sie nur ! « » Das hab ich nie recht begriffen , das Sie Kathi nicht aus all dem Elend gleich herausrissen . « » Sie wollte ja nicht ! « warf Rother verdrossen hin . » Ich hab ' s ihr oft genug angeboten . « » Ja , ja , das hat sie mir auch gesagt , und nur von Ihnen würde sie vielleicht ' was nehmen , aber lieber auch nicht , bis nicht Alles entschieden sei . « Um sich nicht zu binden ! dachte Rother . Als ein echt frauenhafter Zug fiel es ihm auf , daß Frau Lämmers ihm behaglich erzählte , wie sie mit Kathi wegen Bandwurms beim Arzt gewesen sei und diese sich vorm Arzt und ihr haben ausziehen müssen . Da habe der Arzt auch bekannt : » So ' ne Riesennatur habe er noch nie bei einem Weib gesehn . Eine wahre Pracht ! « Dabei blinzelte sie ihn verständnißinnig an . Trotzdem diese lüsterne Erwähnung ihm in die Eingeweide drückte , runzelte Rothers besserer Theil leicht die Stirn . Es schien ihm widerlich , sich solche Dinge hier wieder vorzugaukeln , wo der schmutzig-fleischliche Theil der Liebe bei ihm gänzlich durch sentimentale Hingebung weggeschmolzen war . Die Frau entwarf dann wieder ein rührendes Bild von ihren eigenthümlichen Verhältnissen . Sie mußte einen Mann ernähren , den sie nicht bei sich wohnen lassen konnte wegen seiner ewigen Betrunkenheit , und ihr Kind dazu ; das Alles mit Nähen und Schneidern ! Rother schaute in Abgründe des socialen Lebens hinein , von denen er in diesem Maße nie eine Ahnung gehabt . Das tüchtige brave Weib ! Ihn durchzuckte der Gedanke : Wäre es nicht das Beste , wenn ich hier zu dieser Frau zöge , mit Sack und Pack ? Um sie zu unterstützen , weil sie sonst doch nichts