den Frauen mußt du aber auch ein Glas geben , hörst du ? « » O , käme doch der Pfarrer bald ! « seufzte Paul und mühte sich ab , die Gläser nur halb voll zu schenken . Und endlich war der Pfarrer da . Die Gesellschaft drängte sich ihm nach in das Zimmer , in dem die Tote aufgebahrt lag . - Der ganze Raum war gebadet in Sonnenglanz , und durchbrochene Lichter , die ihren Weg durch das leise sich neigende Lindengeästel genommen hatten , spielten lustig auf dem marmorbleichen Angesicht . Paul half den Stuhl des Vaters an das Kopfende des Sarges tragen , dann zog er sich in einen stillen Winkel zurück , wo er die Trauergesellschaft im Rücken hatte und sich ein wenig ausruhen konnte , denn er war müde vom vielen Herumlaufen . Aber man ließ ihn nicht zu sich selber kommen . » Wo ist der jüngste Sohn ? « fragte der Pfarrer , der die ganze Familie um sich versammelt haben wollte . » Paul , mein Kind , wo bist du ? « rief der Vater . Da mußte er hervortreten und erhielt seinen Platz dicht hinter dem Sargende , neben dem Stuhle des Vaters . Durch die Trauergesellschaft ging ein Murmeln , und einige sahen sich bedenklich an , als wollten sie sagen : » Also , das ist auch ein Sohn ? - Dann haben wir ja einen Verstoß gemacht . « Auch dem Pfarrer war das Spiel der Sonnenlichter aufgefallen , und er nahm es zum Thema seiner Rede . Wohl glänze unsere Erdensonne hell und freudenhaft , aber das sei noch gar nichts - das sei die pure Finsternis , verglichen mit dem himmlischen Sonnenschein . Alsdann pries er die Tote und pries auch die Hinterbliebenen , vornehmlich den treuen Gatten und die beiden ältesten Söhne als die stolzen Grundpfeiler des Hauses ; nicht minder fiel für Paul ein Brocken ab als den Kämmerer , den sein Herr getreu gefunden bis zum Tode . Schade nur , daß er von dem honigsüßen Lobe nichts vernahm ! Ganz gedankenlos starrte er vor sich hin . Sein Blick heftete sich auf die seidene Schleife , die von der Haube der Mutter emporragte und die sich leise bewegte , wenn der Windzug , der durch die fuchtelnden Arme des Pfarrers entstand , darüber hinstrich . - So glich sie einem weißen Schmetterlinge , der die Fittiche regt , um sich in die Lüfte zu erheben . Dann wurde ein Choral gesungen und der Deckel auf den Sarg gehoben . - In diesem Augenblick ertönte aus den hinteren Reihen ein markerschütternder Schrei : » Mutter , Mutter ! « Erschrocken und verwundert wandten sich alle um . Elsbeth Douglas war es , die ihn ausgestoßen . Nun lag sie ohnmächtig in den Armen ihrer Nachbarin . Paul verstand sie wohl . Sie hatte des Augenblicks gedacht , da man der eigenen Mutter den schwarzen Deckel über das tote Antlitz legen würde . Und er schwor sich zu , ihr alsdann treu und tröstend zur Seite zu stehen . Auch der Vater schaute auf , und in seinen Zügen malte sich deutlich die Frage : » Ist die auch hier ? « Elsbeth wurde in ein Nebenzimmer gebracht , und zwei der Frauen blieben bei ihr , bis sie sich erholt haben würde . Der Sarg aber schwankte , hoch emporgehoben , durch die Tür hinaus , bis er auf dem Leichenwagen Ruhe fand . Paul griff nach seiner Mütze . Da drängte sich Gottfried an seine Seite und steckte ihm etwas Schwarzes , Weiches in die Hand . » Binde dir wenigstens diesen Flor um den Arm , « flüsterte er ihm zu . » Weshalb ? « » Man könnte glauben , daß du keine Trauer tragen wolltest . « Paul erschrak bei diesem Gedanken und tat , wie ihm geheißen . Hinterher grämte er sich , daß er sich von seinem Bruder hatte beschämen lassen müssen , und erst viel später wurde ihm klar , wer von ihnen beiden die größere Trauer getragen . Der Friedhof lag einsam mitten auf der Heide . Drei einzeln stehende Fichtenbäume verkündeten ihn weit hinaus , und am Rande des Walles , der ihn umgab , blühten dichte Dornenhecken . Dorthin ging der traurige Zug . Die Söhne folgten gleich hinter dem Sarg , der Vater mit den Zwillingen weiter hinten in einem Wägelchen . Paul starrte vor sich nieder ; dachte an den Sand , in dem er watete ... an den Wein ... an Elsbeth ... an Vaters Tragestuhl ... und an den Erikakranz , der sich halb vom Sarge gelöst hatte und hinterdreinhing . Er nahm sich vor , wohl aufzupassen , daß er nicht mit in die Gruft hinabgesenkt würde . Am Grabe fühlte er nichts wie ein heftiges Brennen in den Schläfen , und während der Pfarrer den Segen sprach , fiel ihm plötzlich ein , daß er statt des Weines ganz ruhig hätte Bier verschenken können . Alsdann mußte er auf die Zwillinge achtgeben , die in ihrem Schmerze Dummheiten machten und dem Sarge nachspringen wollten . Er nahm sie in seine Arme , küßte sie und hieß sie den Kopf an seine Schultern legen . Sie taten es , schlossen die Augen und atmeten wie im Schlafe . Als die ersten Erdschollen auf den Sarg niederkollerten , hatte er ein widriges Gefühl , als rolle man in seinem Kopfe Kegelkugeln in die Runde , und als der Hügel in fahler Nacktheit sich zu erheben begann , dachte er : » Hier muß morgen schon grüner Rasen drum herum ... « Die Menge verlief sich , der Vater wurde zu seinem Wagen zurückgetragen , und die drei Söhne machten sich zu Fuß auf den Heimweg . Max und Gottfried sprachen in leisem , feierlichem Tone von ihren frühesten Erinnerungen an die Verblichene , Paul aber schwieg stille und dachte : » Gott sei Dank , daß ich sie unter der Erde hab ' ! « Noch immer raste die krankhafte Geschäftigkeit in seinem Hirn , noch immer hatte er nicht begriffen , nicht begreifen wollen - - - doch als er nun den Hof betrat , der mit seinem schindelgedeckten Stalle und seinen Brandspuren grau und trostlos vor ihm lag , da kam es plötzlich mit der Gewalt eines Blitzstrahls wie eine funkelnagelneue Erkenntnis über ihn : » Die Mutter ist fort ! « Er drehte sich um , griff mit den Händen in die Luft , und , wie vom Blitze getroffen , sank er zu Boden ... 17 Der Sommer verging , mit seinen Nebelgewändern kam der Herbst über die Heide geschlichen . - Rote Sonnenstrahlen wanderten müde am Waldesrande vorbei , und die Erika senkte ihr purpurfarbenes Haupt . - Um diese Zeit begann auf dem Heidehof , der stiller dagelegen als je bisher , ein seltsames Tönen . Wie Hammerschlag und Glockenklang zugleich hallte es weit über die Heide in streng abgemessenen Takten , bald schriller , bald dumpfer , aber nie ohne melodischen Nachklang , der langsam in den Lüften verzitterte . Die Bewohner des Dorfes blieben verwundert auf der Straße stehen . Einer fragte : » Was mag bei Meyhöfers los sein ? « Und der andre sagte : » Es klingt fast , als hätt ' er sich eine Schmiede gebaut . « » Sein Glück wird er nicht schmieden , « sagte ein dritter , und lachend gingen sie auseinander . Der Vater , der wie gewöhnlich gähnend und mürrisch in seinem Winkel saß , war beim ersten Klange hoch emporgefahren und hatte die Zwillinge gerufen , daß sie ihm Rede ständen . Allein die wußten auch nichts weiter , als daß heute in der Frühe ein Handwerker mit Feilen und Hämmern und Lötzeug aus der Stadt gekommen sei , mit dem Paul , allerhand Pläne und Zeichnungen in der Hand , eine lange Unterredung gehabt habe . Sie liefen schleunigst nachzusehen , und was sie fanden - - - : Hinter dem Schuppen stand die » schwarze Suse « , mit einem Holzgerüst umkleidet , wie eine Dame in ihrer Krinoline , und auf dem Gerüst kletterten Paul und der Handwerker eifrig umher , klopften , guckten und schroben an den Nieten . Verwundert schauten die Zwillinge einander an , denn sie ahnten , daß hier etwas Großes sich vorbereite , doch dem Vater Kunde zu bringen , hielten sie nicht für nötig ; sie erinnerten sich , daß zwei kleine Briefchen , die sie geschrieben hatten , durch das Dienstmädchen eilig und geheimnisvoll zum Postamte befördert werden mußten . Paul aber stand hoch oben auf dem rundlichen Leibe der » schwarzen Suse « , an den schlanken Schlot gelehnt , und schaute sehnsuchtsvoll nach dem Moore hin , wie ein Kolumbus , der eine neue Welt entdecken will . Der erste Schritt des kühnen Weges war getan . - In den langen , schlaflosen Nächten , die dem Tode der Mutter folgten , wenn der Schmerz mit ehernen Pranken seine Seele umklammerte , dann hatte er vor dem klagenden Bilde der Verblichenen sich in seine Bücher hineingeflüchtet . Wie ein Maulwurf grub er sich seine Wege durch die dunkeln Theorien , und wenn der Kopf ihm sauste , wenn der Leib ihm erschlaffen wollte von der aufreibenden Geistesarbeit , dann rief er sich zu : » Ihre letzte Hoffnung soll nicht zuschanden werden . « - Dann streckten sich seine Glieder , den Kopf durchfuhren Blitze der Energie , und weiter und weiter ging ' s in rastlosem Schaffen , bis der Wirrwarr des eisernen Rätsels sich in ein Spiel von Harmonie verwandelte , bis jeder Hebel ein Muskel , jede Röhre ein Äderchen ward , ersonnen nach weisestem Plane , wie der Menschenleib von dem Geiste des ewigen Schöpfers . Wochen und Monde gingen darüber hin . So ganz vertiefte sich sein Sinn in Erkenntnisdurst und Schaffensdrang , daß alles , was ihn sonst bewegte , schattenhaft in die Ferne schwand . Das Bild der Mutter wurde stiller und friedlicher und begann zu lächeln ; wie von unsichtbaren Geistern getragen , häufte die Ernte sich in der Scheuer , und als eines Tages das letzte Bündlein Hafer vor dem Schober abgeladen wurde , da schlug er sich mit der Hand vor den Kopf wie ein Träumender und sagte : » Mir ist ' s , als hätt ' ich gestern nur die erste Ähre gesehen . « Je mehr aber seine Erkenntnis sich ründete und reifte , desto höher schwoll in seiner Seele die Angst um das Gelingen . Als er nach einem Schlosser schrieb , hatte er ein Herzklopfen wie ein Kandidat vor dem Examen . Sein Tun scheute das Licht , als wär ' s ein Frevel , denn er fürchtete das Ausgelachtwerden . Erst das Klopfen des tastenden Hammers rief die Kunde in die Welt . Der fremde Meister mußte mit am Herrentische niedersitzen , und der Vater gab ihm seine Mißbilligung dadurch zu erkennen , daß er ihm den Gruß verweigerte und allerhand von Narren und Schmarotzern in den Teller hineinmurmelte . Aber niemand kehrte sich daran , und die Arbeit nahm ruhig ihren Fortgang . Nach Pauls Weisungen wurde die Maschine auseinandergenommen und bis in ihre kleinsten Teile hinein geprüft . Die Fehler , die ein Techniker vom Fach auf den ersten Blick erkannt haben würde , mußten diese beiden Männer erst mühsam suchen und einander klar machen . Oft gab es stundenlange Dispute zwischen ihnen wie in einer Ratsversammlung . Einmal fragte der Meister ungeduldig : » Warum zum Teufel haben Sie das Ding in keine Reparaturwerkstatt geschickt ? « Paul erschrak . Freilich , das war ein Gedanke ! Heute schien er ihm nagelneu , und doch war er ihm früher schon oft zu Sinn gekommen . Aber er hatte ihm niemals Raum geben mögen , er schien ihm zu keck , zu lächerlich - auch hatte er zu große Angst , daß man ihm die » schwarze Suse « als unverbesserlich zurückschicken werde . Es ging ihm wie jenem Weib aus dem Volke , das ihren Mann lieber selbst zu Tode kurieren wollte , als daß es sich von einem Arzte sagen ließe : » Er ist unrettbar . « Wenn es dunkel geworden war und der Meister samt den Knechten Feierabend gemacht hatte , pflegte er noch ein Stündchen auf der Werkstätte herumzustöbern , ohne Zweck und Ziel eigentlich , nur weil er die » schwarze Suse « nicht verlassen wollte . Am liebsten hätte er bis zum Morgen als Nachtwächter neben ihr gestanden . Gerne mochte er hierbei eine Zeichnung oder ein paar seiner Bücher unter den Arm nehmen , ebenfalls ohne Zweck , denn es war ja finster - er wollte nur alles hübsch beieinander haben . Das geschah in der größten Heimlichkeit , denn niemand hatte eine festere Überzeugung davon , daß Paul ein vollkommener Narr war , als Paul selber . Eines Abends , als er im Dunkeln nach einem Buche kramte , das er mit hinunternehmen könnte , fiel ihn in dem hintersten Winkel seiner Schublade etwas Längliches , Rundes in die Hand , das fein in Seidenpapier gehüllt war . Er fühlte in der Finsternis , wie er errötete . Es war Elsbeths Flöte . Wie war es nur möglich , daß er ihrer und der Geberin so selten gedacht hatte ? Das Schattenreich seines Schmerzes hatte die lichte Gestalt verschlungen , die ihm an jenem dunkelsten der Tage zum letztenmal erschienen , nun war sie ihm über allem Sorgen und Mühen selber zum Schatten geworden . Im ersten Momente vermochte er kaum , sich ihre Züge vor die Seele zu rufen , erst allgemach erstand ihr Bild aufs neue in seinem Innern . Er nahm die Flöte statt des Buches unter den Arm , schlich sich hinter den Schuppen und setzte sich auf den Dampfkessel . - Neugierig tastete er an den Klappen herum , er setzte auch das Mundstück an die Lippen , aber er wagte nicht einen Ton hervorzubringen , denn er wollte niemanden aus dem Schlafe stören . » Es wäre wohl schön , « sagte er vor sich hin , » wenn ich allerhand liebliche Melodien blasen und dabei an Elsbeth denken könnte . Ich würde mich dann wieder einmal mit ihr aussprechen können und wissen , daß ich auch für mich selber auf der Welt bin ! Aber bin ich denn für mich selber auf der Welt ? « fragte er , indem er sinnend eine Kurbel erfaßte . » Wie diese Kurbel sich dreht und dreht , ohne zu wissen , warum ? und für sich selber nichts ist wie ein totes Stück Eisen , so muß ich mich auch drehen und drehen und nicht fragen : warum ? - - Es soll ja Menschen auf der Welt geben , die das Recht haben , für sich selber zu leben und die Welt nach ihren Wünschen zu bilden , aber die sind anders geartet wie ich , die sind schön und stolz und kühn , und um sie herum scheint immer die Sonne . Die dürfen sich auch die Freude erlauben , ein Herz zu haben und nach diesem Herzen zu handeln . Aber ich - ach , du lieber Gott ! « Er hielt inne und besah in trübseligem Sinnen die Flöte , deren Klappen in mattem Lichte durch die Dämmerung schimmerten . » Wenn ich so einer wäre , « fuhr er nach einer Weile fort , » dann würde ich ein berühmter Musiker geworden sein - ich weiß wohl , da drinnen sind viele Melodien , die noch kein anderer gepfiffen hat - und wenn ich mein Ziel erreicht hätte , dann würde ich Elsbeth geheiratet haben - und Vater würde reich und Mutter glücklich geworden sein . Nun aber ist die Mutter gestorben - der Vater ein armer Krüppel - Elsbeth wird einen anderen nehmn - und ich seh ' mir die Flöte an und kann sie nicht blasen . « Er lachte laut auf , und dann rutschte er nach dem Vordergrunde hin , so daß er den Schornstein erreichen konnte . Er streichelte ihn und sagte : » Aber diese Flöte , die will ich spielen lernen , daß es ' ne Freude ist . « Wie er so da saß , war ' s ihm , als hörte er vom Garten her halbunterdrücktes Kichern und Geflüster . Er lauschte . Kein Zweifel . Dort koste ein Liebespärchen oder gar mehr als eines , denn es tönten die verschiedensten Stimmen durcheinander wie aus einem Spatzenhäuflein . » Die Mägde halten sich Liebhaber , wie mir scheint , « sagte er , » denen will ich den Weg weisen . « Er holte sich eine Peitsche , die an der Stalltür hing , und kletterte leise über den hinteren Gartenzaun , um den fremden Katern den Weg zu verlegen . Da plötzlich blieb er wie versteinert stehn , seine Augen quollen hervor , und der Peitschenstiel zitterte in seinen Händen . Er hatte die Stimmen der Schwestern erkannt . Er lehnte sich an einen Baumstamm und lauschte . » Läßt er euch jetzt in Ruh ' ? « fragte eben einer der Liebhaber im Flüsterton . » Er hat jetzt zuviel mit seiner Maschine zu tun , « erwiderte die Stimme Gretens , » selbst seine ungesalzenen Predigten erspart er uns ... « » Ihr habt euch doch nie viel daraus gemacht ? « Grete kicherte . » Er ist ja trotz seiner Würde doch bloß ein dummer Junge . Und von Liebe versteht er gar nichts . Solange ich denken kann , schleicht er um die Elsbeth Douglas herum , aber glaubst du , daß er schon je gewagt hat , ein Auge zu ihr aufzuschlagen ? Die wird sich natürlich schön bedanken , so ' nen Schmachtlappen zu nehmen - da ist ihr Vetter , der Leo , schon ein ganz andrer Kerl . « Das Herz drohte ihm stille zu stehen , doch er lauschte weiter . » Ich begreif ' nicht , warum ihr ihm überhaupt pariert , « sagte die Stimme des Liebhabers , » wir haben ihn stets durchgehauen und dann laufen lassen , und zum Dank dafür hat er uns um Verzeihung gebeten . So ' nem Hans Hasenfuß muß man einfach die Zähne zeigen . « » Na warte , du Aufhetzer ! « dachte Paul , der nun wußte , wen er vor sich hatte . Grete aber erwiderte eifrig : » Pfui du , das hat er nicht um uns verdient . Er liebt uns so sehr , daß wir uns eigentlich schämen müßten , ihn zu betrügen ; was er uns an den Augen absehen kann , schenkt er uns , und ich möchte darauf schwören , daß er nur aus lauter Liebe immer so traurig ist . Da läßt man sich hin und wieder eine Moralpredigt schon gefallen , besonders , wenn man sich hinterher doch nicht daran kehrt . « » Gut , daß ich das weiß , « dachte Paul und schlich sich im Halbkreise um sie herum , bis er zu der Laube kam , in der das andere Pärchen hauste . Dort ging es bedeutend stiller zu , nur von Zeit zu Zeit tönte ein Kuß oder ein Kichern aus dem Blätterdunkel . Dann hörte er Käthens Stimme : » Und warum hast du jüngsten Sonntag soviel mit Mathilden getanzt ? « » Das ist eine scheußliche Verleumdung , « erwiderte der andre der Brüder . » Welches Lästermaul hat dir das zugetragen ? « » Pfarrers Hedwig hat ' s mir erzählt ! « » Das ist mir auch die Rechte - neidisch ist sie auf dich , das ist die ganze Geschichte . Wie sie mich letzten Sonntag angeschaut hat - ich glaubte , mein Haar müßt ' ansengen . « » Ah , die Falsche ! « » Na , gräm dich nicht drum ! Falsch seid ihr alle ! Meine kleine , süße Lerche , mein Sonnenschein , mein Strudelkopf - leg den Kopf auf meinen Schoß , - ich will dich zausen . « » So ? « » Nein , du liegst auf meiner Uhrkette ! So ist ' s recht ! - Sing mir was ! « » Wovon soll ich singen ? « » Von Liebe ! « » Erst verdien ' s dir - du Strolch ! « Darauf wurde es für eine Weile still , dann begann Käthe leise zu trällern : » Im Flieder sang die Nachtigall Bis morgens um halb drei , Da sprang mit einem leisen Schall Mein Fensterlein entzwei . - - Ich lief , das Unglück zu besehn , Des Morgens um halb drei , Da fand ich eine Leiter stehn Und einen Mann dabei - lalala ! « » Sing doch weiter ! « » Ach nein ! Eigentlich ist es unanständig . « » Warum fingst es denn an ? « Sie kicherte und schwieg . » Sing was Andres ! « » Bevor ich singe , gib mir ' nen Kuß ! « Ein kurzes Ringen , dann seine Stimme : » Was , erst willst du und dann sträubst du dich , du Katze ? « » Hier bin ich ! « » Laß los ! - Donner - du kratzt ! « » Nimmst du ' ne andere , kratz ' ich dir die Augen aus ! « » Weiter nichts ? « » Nein , ich leg ' mich untern Wacholderbusch und hungere mich tot . Zu meinem Begräbnis mußt du auch kommen . Hu ! das wird schön werden ! - Paß mal aber auf , ich kenn ' nen schönen Vers : Weißt du , wie lieb ich dich hab ' ? - - Es steht auf der Heide ein einsames Grab , Drin schläft ein toter Sängersmann , Dem hat ' s die Liebe angetan . Er schläft und schläft im dunkeln Haus Und schläft seine Liebe doch nimmer aus . Beim Heidegrab um Mitternacht Da warte , bis er aufgewacht . Der kennt das Singen , der kennt das Küssen , Der wird es wissen . - - - Ist das nicht hübsch ? « » Sehr hübsch ! Von wem hast du das , Katze ? « » Ich fand ' s einmal in einem Arienbuch , das der Mutter gehörte ! Ich glaub ' gar , sie hat ' s selber gemacht . « Paul hatte während dieses ganzen Gesprächs in qualvoller Betäubung dagestanden , doch als er den Namen der Mutter vernahm , da übermannte ihn der Zorn , und er schlug mit seiner Peitsche über die Köpfe des Pärchens dahin , daß die welkenden Blätter der Laube laut raschelnd umherstoben . Mit lautem Aufschrei fuhren sie alle empor . - Kaum hatten die Brüder ihn erkannt , als sie Miene machten , auf und davon zu gehen , aber die Mädchen klammerten sich wimmernd an sie an . Sie suchten Schutz vor dem eigenen Bruder . » Hierher ! « rief er ihnen zu . - Da ließen sie von ihren Geliebten ab und flohen zueinander , um sich gegenseitig zu decken . Die beiden Erdmanns wichen immer weiter zurück . » Ihr bleibt hier ! « schrie er . » Was willst du von uns ? « sagte der Ältere , der seine Frechheit zuerst wiedergewann . » Rede sollt ihr mir stehen . « » Du weißt ja , wo wir zu finden sind , « sagte der Jüngere und zupfte seinen Bruder am Rockschoß , daß er mit ihm Reißaus nähme . Aber in diesem Augenblick hatte ihn Paul an der Brust gepackt ... » Laß los ! « rief er . » Ihr kommt mit ins Haus . « » O nein , lieber nicht , « sagte der Ältere . » Ich weiß gar nicht , was du von uns willst , « sagte der Jüngere , dem unter dem eisernen Griff von Pauls Fäusten nicht wenig bange ward . » Wir lieben deine Schwestern - mit dir haben wir nichts zu tun . « » Und wenn ihr sie liebt , wißt ihr denn nicht , wo die Tür ist , durch die ihr kommen konntet , um sie zu werben ? Ihr Räuber , die ihr seid ! « In diesem Augenblick hatte Ulrich den Bruder aus Pauls Fäusten gerissen , und ehe er zur Besinnung kommen konnte , flohen sie beide in wilder Hetze durch den Garten , sprangen über den Zaun und verschwanden in dem Dunkel der Heide . Ganz betäubt wandte er sich um und sah die Schwestern hinter einem Baumstamm kauern . » Kommt ! « sagte er , nach dem Hause hinweisend , und schluchzend folgten sie ihm . Als sie in ihre Kammer schlüpfen wollten , sagte er , die Tür des Wohnzimmers öffnend : » Hier hinein ! « Zitternd duckten sie sich in einen Winkel , denn sie wußten nicht , welche Strafe er ihnen zudiktieren würde . Er zündete selbst ein Licht an , ergriff das Familienalbum und nahm ein Bild heraus . » Jetzt kommt in die Kammer . « - Zwei reuige Schäfchen , schlichen sie hinter ihm drein . » Wer ist das ? « fragte er in seinem strengsten Tone , auf das Bild hinweisend . Es war ein Jugendporträt der Mutter , fast ganz verlöscht von der Länge der Jahre . Aber sie erkannten es wohl , fielen händeringend vor dem Bette auf die Knie und schluchzten gottsjämmerlich in die Kissen hinein ... Und dann gestanden sie ihm alles . Es war schlimmer , als er je geahnt hätte . - - - - - - Ein fürchterliches Schweigen entstand . Paul trat ans Fenster und sah in die Nacht hinaus . » Gott sei Dank , daß du tot bist , Mutter , « sagte er , die Hände faltend . Da weinten sie laut auf , rutschten auf den Knien zu ihm hin und wollten ihm die Hände küssen . - Er streichelte ihre Haare . Er liebte sie viel zu sehr . » Kinder , Kinder ! « sagte er und sank auf einem Stuhle zusammen , nicht minder hilflos als sie . - - » Schilt uns , Paul , « schluchzte Käthe . » Nein , schlag uns lieber , « bat Grete , » wir haben es verdient . « Er rieb sich die Stirn . Ihm war noch alles wie ein böser Traum . - - » Wie hat das nur geschehen können ? « murmelte er . » Hab ' ich so schlecht auf euch aufgepaßt ? « » Sie haben - gesagt , sie - wollten uns - heiraten ! « preßte Käthe hervor . » Wenn ' s Trauerjahr - vorüber ist , soll Hochzeit sein , « fügte Grete hinzu . » Und haben sie das gesagt , so werden sie ' s auch ! « rief er , sich selber Trost zuredend . - » Kniet nicht , Kinder , kniet vor dem lieben Gott , ihr habt ' s nötig . - Dies Bild wird von heute ab allnächtlich auf eurem Nachttisch stehen . - Ob ihr dann noch den Mut haben werdet , auf dem Wege der Schande zu gehen ? Gute Nacht . « Sie stürzten ihm nach und flehten ihn an , er möchte bei ihnen bleiben , sie hätten solche Furcht ; aber er machte sich leise von ihnen los und schritt in seine Giebelstube empor , wo er im Dunklen vor sich hin brütete . Er schämte sich so sehr , daß er glaubte , das Tageslicht nicht wieder ertragen zu können ... Am andern Morgen ließ er den Meister rufen und lohnte ihn aus . Der wackere Mann sah ihm ganz erschrocken ins Gesicht . » Aber jetzt , Herr Meyhöfer , da alles im besten Zuge ist ? « sagte er . » Ja , im besten Zuge , « murmelte er nachdenklich vor sich hin . Zum Unglück die Schande - der Meister hatte Recht . » Es ist etwas in die Quere gekommen , « sagte er dann , » was mir die Lust am Arbeiten verleidet . - Lassen wir ' s vorläufig , und wenn es Zeit ist , werd ' ich Sie wieder abholen . « Der Vater beklagte sich bitter über die nächtliche Störung . » Was hattest du denn im Garten ' rumzutoben ? « fragte er , » ich hörte deine Stimme ! « » Es waren Apfeldiebe da , « erwiderte Paul . Die Zwillinge hatten verweinte Augen und wagten nicht , die Blicke vom Boden zu erheben . » So also sehen zwei Gefallene aus , « dachte Paul und gab sich das Versprechen , streng wie ein Gefangenenwärter zu ihnen zu sein . Aber als er sie zum erstenmal anherrschte und sie ihm von unten herauf mit schmerzlich demütigen Blicken so recht magdalenenhaft in die Augen schauten , da wandelte ihn ein großes Mitleid an , so daß er sie weinend in seine Arme schloß und sagte : » Seid stille , Kinder , ' s wird alles gut werden . « Er hegte die Überzeugung , daß die beiden Erdmanns den Tag nicht vorübergehen lassen würden , ohne auf dem Heidehof vorzusprechen . » Ihr Gewissen wird sie treiben , « sagte er sich . So fest baute er darauf , daß er nach dem Mittagessen den Vater , der in seiner Trägheit ein rechter Schmierfink geworden war , dringend aufforderte , sich einen neuen Rock anzuziehen , da wichtiger Besuch zu erwarten sei . Der Vater fügte sich mürrisch und war hernach doppelt ungehalten , als er fand , daß die große Arbeit umsonst gewesen war . » Sie