Ja ? Sie sagen gar nichts ? « » Mit Ihrer Erlaubnis , Herr Doktor . Ihr blaues Wolkenheim mit dem anstoßenden frisch grünenden Garten und dem plätschernden Springbrunnen ist für mich eine Idylle . « Schlichtings Stimme klang matt , belegt . Seine Augen waren rot gerändert , seine Lippen blaß . In der Fensteröffnung neckte sich die durchsonnte Frühlingsluft , die stürmisch hereinflutete , mit den Rauchschwaden , die freien Abzug suchten . Hellblauer Himmel spannte sich über die Häuserlücke , in welche das Gärtchen eingebettet lag . Zwei Tauben saßen auf dem Beckenrand des kleinen Springbrunnens und hoben ihre weißen und grauen Flügel , um den erfrischenden Wasserstrahl im Niederstäuben aufzufangen . Gelbe Schlüsselblumen äugelten aus den grünen Rasenbeeten . In der Mauernische sonnte sich des Königs Büste , ein Modell von dem Bildhauer Achthuber . » Sie sind auch zu gut für diese Welt , mein lieber Impressionist . Und nun endlich zur Sache Letzte Zwischenfrage . Wie viel Uhr ist es ? « » Neun Uhr , Herr Doktor . « » Recht . Dann , können wir noch eine gute Stunde ungestört plaudern . Die Kanaille da droben empfängt nicht vor zehn Uhr . Und ich bin bis halb Elf auch frei . Hoffentlich überfällt mich den Vormittag kein Kurier des Königs . Ich erwarte nur meinen Leibschneider und einen jungen Tonheros , der sich gestern schon melden ließ - Eleve von Franz Liszt , wie er stolzbescheiden auf seiner Visitenkarte annonciert - Arthur Friedberg mit Namen . Also ! Der Preßbandit sitzt jetzt im Bewußtsein seiner redaktionellen Macht und Würde an seinem Werktisch , um die Korrekturen seines Witzblattes zu lesen . Er erwartet seinen ständigen Mitarbeiter , einen vor langen Jahren aus der Armee gestoßenen Leutnant , einen Pfälzer Landsmann von mir , der sich als Winkellitterat und Karikaturenzeichner in der Hauptstadt niedergelassen hat und bei seinem zügellosen Lebenswandel allmählich so in Mißkredit gekommen ist , daß er als Bohémien der Feder und des Stiftes nicht mehr wählerisch in der Art seines Tagewerkes sein kann , will er sich überhaupt noch in dem faulen Sumpfe erhalten , der für ihn das Leben geworden . Aus seiner früheren Zeit hatte er sich wohl noch manche Beziehung bewahrt , die er als galanter Abenteurer und Schmarotzer ausbeuten konnte . Von reich verheirateten Damen , denen er einst zu mancherlei heimlicher Kurzweil behilflich gewesen und die seine Enthüllungen fürchteten , bezog er jahrelang einen Tribut . Allein auch diese Quellen sind im Wechsel der Zeit und der Verhältnisse endlich versiegt . Vom Salonstrizzi und gelegentlichen Mitarbeiter der besseren humoristischen Blätter ist er von Stufe zu Stufe bis zum journalistischen Wegelagerer und Staudenhecht gesunken . Neben manchem guten Fang und fetten Brocken waren es lange Zeit doch nur schmale Bissen , die er zu erjagen bekam , weil er als Einzelner mit seiner Haut einstehen mußte und seine Schleichwege dem Auge der Polizei in allen Krümmungen bekannt waren . Die Münchener Verhältnisse erwiesen sich als nicht großstädtisch und kompliziert genug , um auf eigene Faust das Freibeutertum mit hinlänglicher Regelmäßigkeit , Ergiebigkeit und Sicherheit auszuüben . Mit der Gründung der Kloake eröffnete sich ihm plötzlich die glänzende Aussicht eines festen Erwerbs in der Preßbanditen-Branche unter der Verantwortlichkeit eines andern . Jetzt brauchte er seine gefährlichen Schmieralien nicht mehr persönlich zu hausieren ; er hatte in der Kloake ein gesichertes Absatzgebiet , wo er unter dem Schutze des verantwortlichen Herausgebers und Verlegers darauflos hantieren konnte , ohne der Welt gegenüber im schlimmen Falle mit seiner eigenen Person einstehen zu müssen . In der Redaktion der Kloake hat das Schmierantentum eine regelrechte Organisation gefunden , wo jeder einzelne Mitarbeiter in erwünschter Anonymität hinter dem Schilde des einzig verantwortlichen Räuberhauptmannes und Chefs seinem Gewerbe fröhnen , seine Notdurft befriedigen kann . In der königslosen Residenzstadt , wo durch die Abwesenheit eines die höchsten Gebiete des geistigen und geselligen Lebens macht- und glanzvoll umspannenden und befruchtenden Hoflebens auch Litteratur und Journalistik mehr und mehr in die Wege des spießbürgerlichen Industrialismus getrieben und der kapitalistischen Ausbeutung unterworfen wurden , konnte sich in den letzten Jahren besonders in der niedrigeren Tagespresse eine immer entschiedenere Richtung ausprägen , welche die ergiebige Pflege der schmutzigsten Skandal- und Schmähsucht auf ihre besudelte Papierfahne geschrieben hat . Hatte selbst in den glücklicheren Zeiten der noch am Königshofe regelmäßig gepflegten Symposien die hauptstädtische Tagesschriftstellerei die größte Mühe , mit der Aristokratie des Geistes und der Geburt in Fühlung zu kommen und dadurch ihr Ansehen und ihren Einfluß in Stadt und Land zu erhöhen , so waren jetzt , in der Epoche der Residenzflucht des Staatsoberhauptes , doppelte Anstrengungen nötig , um in der Journalistik Münchens eine dem hohen Rufe der Kunststadt einigermaßen entsprechende Repräsentation aufrecht zu erhalten . Durch den Mangel einer königlichen Hofhaltung war ja das residenzstädtische Leben der süddeutschen Biermetropole der stärksten Triebkräfte und Anregungen zur Entfaltung vornehmer , reicher Geselligkeit im großen Stile beraubt . Es fehlten die hohen Vorbilder , im Rahmen eines genial pulsierenden Kunststadtlebens die äußeren Lebenserscheinungen im Salon , im Theater , im Konzert- und Ausstellungssaal , auf den Promenaden mit Pracht und Glanz und geistig-vornehmer Grazie auszustatten . In der Tagespresse spiegelt sich der Rückgang echt aristokratischen Wesens am deutlichsten . Die Werkeltäglichkeit des Gehabens , das Hemdärmeltum im Verkehr , die Verachtung der schönen Formen , die Banalität und Verphilisterung , wie sie sonst nur dem platten Materialismus einer Industrie- und Fabrikstadt eigentümlich sind , drücken mehr und mehr auch der königslosen Residenz- und Kunststadt ihr gemeines Gepräge auf - und Isarathen , als lebendige Erscheinung auch im Menschlichen , nicht bloß in toten Bau- und Bildwerken , ist eine Fabel geworden . Ton und Haltung des größten Teils der Tagespresse aber hätten der Münchener Journalistik am allerwenigsten ein Anrecht auf den hellenischen Ehrentitel erwerben und dieselbe als Trägerin atheniensischer Kulturgedanken und Lebensformen erweisen können . Die Tages- und Wochenblättchen , welche auf die lumpigsten Instinkte einer geistig und sozial herabgekommenen Lesewelt spekulierten , schossen , Dank der Gewerbe- und Preßfreiheit , gleich Pilzen aus dem Münchener Boden . Sie machten sich gegenseitig eine wütende Konkurrenz und bekämpften sich mit Mitteln , auf deren Ersinnung eine indianerhafte Phantasie hätte stolz sein können . Zahlreiche Blattleichen bedeckten quartaliter die Walstatt . Aber wer in diesem Kampfe um Leser , Abonnenten und Inserenten , so oft er auch zu Boden geschlagen schien und von der anständigen Presse ohne jedwede Handreichung gelassen und wie ein Geächteter behandelt wurde , doch immer wieder auf die Beine kam , das war Meister Preßbandit mit seinem humoristisch-satyrischen Wochen-Skandalblättchen Die Kloake . Bald versuchte er ' s mit kriechender Schmeichelei , bald mit sinnloser Frechheit sich an die Vertreter der relativ anständigen Presse als echte Schmeißfliege heranzuschmeißen und ihre Aufmerksamkeit kollegial auf sich zu lenken , jedoch ohne Erfolg . Die großen Blätter nahmen von der Existenz des dunklen Ehrenmannes nur unter der Rubrik Gerichtsverhandlungen Notiz , so oft die Kloake wegen Erpressung , Verleumdung und Ehrabschneiderei von der Schärfe des Gesetzes getroffen wurde , was in der letzten Zeit glücklicherweise nicht selten der Fall war . Wenn das in München grassierende Vereinsgründungsfieber fünf oder sechs Journalisten erfaßt und so kraftlos gemacht hatte , daß sie sich nur durch die Errichtung eines neuen Klubs oder Bezirksverbandes zur ferneren Ausübung ihres hehren Kulturberufes aufzuschwingen vermochten , da schlich der Meister Preßbandit und Kloaken-Chef jedesmal auf den weichsten Sohlen heran , um seine vortrefflichen Qualitäten in den Dienst der guten Sache zu stellen und seine interessante Persönlichkeit mit der kurzgeschorenen Schweinswolle auf dem Denkerhaupte , das mit dem Kopfe des geschätzten Rüsseltieres so erfreuliche Ähnlichkeiten hat , ritterlich anzubieten . Der Schuft braucht einen Putz , der seine Scheuseligkeit den Menschen erträglicher macht . Diesen Putz soll ihm das Herdengefühl , genannt Kollegialität , verschaffen . Er möchte auch am hellen Tage ausgehen und jemand haben , der auf der Straße seinen Gruß erwidert . Verstehen Sie dieses Bedürfnis ? Er möchte jemand haben , mit dem er öffentlich per wir sprechen kann . Das ist Notdurft und Luxus zugleich . Allein die Vereinsmannen hatten jedesmal trotz aller kollegialen Begeisterung , trotz aller Schwärmerei für den kameradschaftlichen Zusammenschluß aller Ritter von der Feder die Nüchternheit , den Herausgeber und Verleger des ruhmreichen Witzblattes von Isarathen an die Luft zu setzen . Selbst wenn bei einer Journalistenvereinssitzung , die so zahlreich besucht zu sein pflegt , daß der dritte Mann zum Skat durch einen Expreßboten geholt werden muß , der ehrenwerte Kloaken-Chef sich gastfreundschaftwerbend angemeldet hätte , würde man ihm die Thüre vor der Nase zugeschlagen haben . Und er hat eine so empfindliche , vielsagende Nase , wie aus schimmeliger Käsrinde geschnitten ! Eine Nase , die nicht nur riecht , sondern auch gerochen wird . Soll ich Ihnen ein Glas Kognak aufwarten ? ! Ich habe von einem Monsieur Paillard eine Probesendung da . Nein ? Also weiter . Dieses gewiß nicht schöne Verhalten der Kollegenschaft bereitet ihm manche kummervolle Stunde . Nicht die stärksten Flüche über die Schlechtigkeit der Menschen , nicht die dreifache Dosis Doppelkümmel nach dem sechsten Liter Metzgerbräu , nicht die zärtlichste Prügelsoiree , die ihm ab und zu seine holde Gattin bereitet - nichts , nichts , nichts vermag in solchen Stunden die gepreßte Seele des Edlen zu erleichtern . Ja , das Dasein wird diesem biedern Kloaken-Chef zuweilen recht sauer gemacht ... Haben wir Mitleid mit ihm , Mitleid auch mit der Kanaille ! Was meinen Sie , mein lieber Schlichting ? Hab ' ich Sie in Schlaf geredet ? « » Nein , Herr Doktor . Ist Ihr Appell an das Mitleid ernsthaft gemeint ? Ich bin geneigt zu glauben , daß diese Erzschufte in der That bemitleidenswert sind - um ihres inneren Elendes willen . Tat-twam asi ... « » Bezähmen Sie diese Neigung , sie führt Sie irre . Pfarrer und Moralphilosophen haben allerdings vom sogenannten inneren Elend der Bösewichte ein markerschütterndes Gemälde zusammenphantasiert , ein Gemälde im Schauderstil Wereschagins . Die gründlichere Beobachtung straft sie Lügen . Es ist nichts mit dem Seelenjammer dieser Jammerseelen . Diesen Spottgeburten aus Dreck und Fusel ist unendlich wohler , als den reinen Geistern . Ein Herz- und Nierenprüfer wie Shakespeare hat das eigenartige Glücksgefühl dieser Kreaturen scharf erkannt und an vielen Stellen überzeugend geschildert . Shakespeare , der genialste Analytiker menschlicher Verworfenheit und teuflischer Bosheit ! Das Schopenhauersche Mitleid wäre hier Gefühlsentartung . « » Wie steht es dann damit , daß alles Glück erst mit der Vernichtung der Leidenschaft , mit dem Schweigen des Willens , mit der Askese und Entsagung begründet werden soll ? « » Glück und Glück ist zweierlei . Das Glück der Entsagenden ist die Sehnsucht der Übermenschen , die über den darwinistischen Affensprößling hinaus sind . Das Glück der Untermenschen ist die Befriedigung ihrer ererbten Affentriebe , ihrer Geilheit , Gefräßigkeit , Nachahmungseitelkeit und ähnlicher untermenschlicher Widerlichkeiten . « Schlichting schüttelte den Kopf , zerstreut , mißmutig , abgespannt . Doktor Trostberg bereitete sich eine frische Zigarrette aus duftigem Genidzetabak . » Ja , das Glück der Bösen - das klingt freilich wie ungeheuerlicher Sophismus für sittlich ausgewaschene Ohren . Warum gedeihen denn die Bösen so üppig ? Warum entschlüpfen denn gerade die exzessiven Schufte wie dieser Preßbandit viel eher den Quälereien und Quängeleien des Lebens , denen so viele brave Leute täglich unterliegen ? Warum können diese Revolvermänner so frech mit ihrer Waffe spielen ? Freilich , einmal verunglücken sie damit , aber sie haben doch unendlich lange sich des Erfolges ihres Räuberspiels erfreut . « » Weil das Publikum so feige ist , sich ihre Praktiken gefallen zu lassen . Das Publikum ist der Mitschuldige . Es läßt sich einschüchtern . Nicht bloß in Italien zahlt man den Räubern ein Lösegeld oder einen regelmäßigen Tribut , damit man vor ihren Überfällen verschont bleibt . « Schlichting fieberte . Er fühlte , wie ihm die Röte ins Gesicht stieg . » Nein , nicht bloß in Italien , sehr richtig . Dabei kommt auch noch dies in Betracht : der heilige Florian wird vom Feuerfürchtigen angerufen : Ich bitt ' dich , heiliger Florian , verschon ' mein Haus , zünd ' andere an . Wenn das Haus des andern brennt , ist ' s immer ein Schauspiel , das man sich mit Vergnügen beguckt , weil ' s die Nerven kitzelt . So bezahlt man als Skandalfürchtiger dem journalistischen Kloakenmann ein Schweigegeld für sich , damit man zugleich als , Skandalfreudiger sich an dem Anblick weiden kann , wenn er mit doppelter Frechheit über die Nichtzahler herfällt und sie von oben bis unten mit Kot bemalt . Dem genußgierigen Mob , auch dem gebildeten , ist jede Gemeinheit willkommen . Ich werde Ihnen einmal mit einer Reihe von Einzelfällen aus der sogenannten besten Gesellschaft aufwarten , daß Sie staunen sollen . Aber Sie müssen erst gehörig Kognak trinken lernen , - wollen Sie einen Schluck ? ich habe sehr guten da - damit Sie den Ekel aushalten . Ja , dieser glitzernde Sumpf , dieser duftende Misthaufen ... Und das will sich , wie der Pharisäer im Evangelium , an die Brust schlagen und augenverdrehend den Himmel angrüßen : Ich danke dir Gott , daß ich nicht bin wie die andern Leute aus Sodom und Gomorrah ... Sie sind noch jung in München , lieber Freund . Die schmutzigen Münchener Geheimnisse unter der sozialen Glanzwichse entschleiern sich nicht mit dem ersten Blick . Ich werde Ihnen meine Augen und meine Materialiensammlungen leihen , wenn die Zeit gekommen . Dann werden Sie tief hineinblicken in unser verborgenes Leben . Nur will ich die Stetigkeit Ihrer Arbeiten nicht beeinträchtigen durch Stoffüberladung . Nur eins will ich Ihnen heute noch erzählen , um der Kontrastwirkung willen . Ein Widerspiel exzessiver Güte der exzessiven Schlechtigkeit . Im Gegensatz liegt die Kunst , auch für den Impressions-Novellisten . Wie lange sind Sie in München , Herr Schlichting ? Zwei , drei , Jahre , nicht wahr ? Also werden Sie den Mann nicht vom Sehen kennen , kaum vom Hörensagen . Ja , doch , ich selbst habe Ihnen neulich andeutungsweise von ihm gesagt , daß ihn der Preßbandit hin und wieder durch seine Kloake schleife . Richtig . Es geht mir so viel durch den Kopf . Die Verhöhnung in dem Sudelblatt ist jetzt vielleicht in München noch die einzige Erinnerung an ihn . Effenbach ist ein Verschollener . Er hat sich vor ein paar Jahren müde , abgehetzt , krank vom hauptstädtischen Schauplatz in seinen Steinbruch zurückgezogen , wie ein todwundes Wild , das im Wald einen Unterschlupf zum Verenden sucht . Vielleicht haben Sie meine Andeutung überhört . Wie ' s heute um den Maler Effenbach steht , weiß ich selber nicht . Welch ' ein unzeitgemäßer Mensch ! Stellen Sie sich vor : er lebt im Lande des berühmtesten Bieres - und trinkt nur frisches Wasser ; er lebt in der Stadt der saftigsten Braten und Kalbshaxen - und begnügt sich mit der schmalen Pflanzenkost des strengsten Vegetarianers ; er lebt in der Kunstmetropole , wo die vertraktesten Modebilder in den Straßen herumlaufen und die Künstler in ihrer Tracht sich der sterilsten und geschmacklosesten Schneiderphantasie unterwerfen , um vor dem herrschenden Philister- und Geckentum nicht aufzufallen - und er kleidet sich in ein schlichtes wollenes Kuttengewand wie ein Mönch ; alle Welt verbummelt die heiligen Sonntage so sündhaft und vergnügt wie möglich - und er sammelt seine Gedanken bei den Verachteten und Verlassenen und hält Vorträge über die Quellen des menschlichen Elends ; alle Welt liegt auf den Knieen vor dem goldenen Kalb und kankaniert den Narrentanz nach Lust , Reichtum , Ehre - er steht hoch aufgerichtet da in seiner Armut und apostolischen Reinheit , beschäftigt sich mit dem Leid der andern und erstrebt nichts , als daß man ihn unbehelligt seinen uneigennützigen Beruf als Menschheitsfreund erfüllen lasse . Heilandhaftigkeit eines Neu-Nazareners im Lande der alleinseligmachenden Maßkrüge ! Wo sogar die himmelragenden Thürme der Metropolitankirche zu Unsrer lieben Frau die Form von Riesenmaßkrügen haben . Erlösung dem Erlöser ! Die andern besorgen sich ihre Erlösung auf ihre Weise . Durch die Jahrhunderte spottet ' s vom Jordan zur Isar herüber : Wenn du ein Gott bist , so hilf dir selbst und steig ' herab vom Kreuze ! Und Effenbach schleppt seinen Kreuzbalken ... Dabei arbeitet er im Stillen rastlos an der Vervollkommnung seiner Kunst , denn er ist ein genial veranlagter Maler , und verschmäht es , sich mit seinen Studien der Öffentlichkeit aufzudrängen . Seine Kunstgenossen sehen ihn über die Achsel an . Welch ' ein unzeitgemäßer Mensch , nicht wahr ? Nein , mehr als das : ein Phantast , ein Narr , ein Unfugtreiber , ein polizeiwidriges Subjekt ! Ja , ja . Wiederholt ist er seiner Kleidung und seiner Lebensweise wegen vor die Schranken des Gerichts zitiert und des öffentlichen Unfugs angeklagt worden . Natürlich ! Wo er sich blicken ließ , in unserer gebenedeiten Biermetropole und Kunststadt , lief ihm der Pöbel nach , und die Ansammlung der Maulaffen hätte Verkehrsstörungen und Unglücksfälle verursachen können . Welch ' ein Malheur , wenn einige Troddeln unter die Räder gekommen wären ! Aber die Troddeln müssen geschützt werden , selbstverständlich . Die vereinsmäßigen laxen Vegetarianer hassen ihn wegen seiner Strenge und unbeugsamen Konsequenz ; die parteimäßigen , ihren Mantel nach dem Winde hängenden Politiker und Volksbeglücker verlachen und verachten ihn wegen seiner reinen Unabhängigkeit und Selbsttreue ; die große Herde der Gaffer und zeitgemäß gebildeten Philister verspottet ihn als einen Dummkopf aus Prinzip ; die fanatischen Frömmler verfolgen ihn ... Man kann sich das brutale Verhalten der Allgemeinheit solchen Ausnahmemenschen gegenüber sehr gut erklären . Schopenhauer hat stets darauf aufmerksam gemacht , daß die sogenannte gute Gesellschaft Vorzüge aller Art gelten läßt , nur nicht die geistigen und reinmenschlichen . Und das geht hinauf und hinab durch alle Schichten der konventionellen Bildungswelt . Wie wird beispielsweise unser König seiner geistigen und menschlichen Eigenheiten wegen angefochten - natürlich nur versteckt , insgeheim , denn seine königliche Würde gewährt ihm einen Schutz , dessen sich andere Sterbliche nicht erfreuen . Er ist in dieser Welt des herrschenden Militarismus kein Kriegsfürst , kein Stechschrittfex ; er ist inmitten einer den sogenannten ritterlichen Passionen der Jagd und des Sports huldigenden Aristokratie nicht nur kein Liebhaber dieser grausamen Vergnügungen , sondern deren erklärter Feind : er ist bis zu einem gewissen Grade ein geistig überlegener Gegner unserer herrschenden Kunstzustände und schafft sich auf dem Gebiete des Schönen sein eigenes Phantasiereich . Das alles verletzt die anderen , die jeder Thorheit , Narrheit , Verkehrtheit und Stumpfheit grenzenlose Geduld und liebevolle Nachsicht erweisen , sofern sie in den überlieferten Kram passen , die aber durchaus nicht zugeben wollen , daß wir eigenartig wir selbst seien , wie es unserer individuellen Natur angemessen ist . Wir sollen mit diesen anderen im Einklange leben , wir sollen einschrumpfen , uns umgestalten , d.h. uns verunstalten . Welch ' eine barbarische Tyrannei ! Einem König ist nicht beizukommen . Aber dem Maler Effenbach war beizukommen . Wie hat man ihn gemartert ! ... « Im Verlaufe dieser Erzählung hatte sich Schlichting leise dem Sprecher genähert . » Ich glaube den Mann zu kennen , Herr Doktor , Ein sonderbarer Zufall ... ich glaube wenigstens ... « » Hat es nicht geklingelt ? « Doktor Trostberg erhob sich , tief aufatmend von der langen Rede . » Wir müssen leider abbrechen . Ich erwarte Besuch . Aber noch das : dieser Effenbach ist es wert , von Ihnen gründlich nach der Natur studiert zu werden . Ein Mensch , der noch niemand beleidigt hat , der in stiller Zurückgezogenheit seiner Liebe zur Kunst und zur Menschheit lebt , nicht wahr , das ist ein ausgesuchtes Original ? Schreiben Sie einmal seine Lebensgeschichte mit der Strenge des Gelehrten und mit der Zartheit des Dichters . Ihre Manuskriptblätter lassen Sie mir einstweilen da . Also nicht vergessen : was den modernen Gelehrten so hoch über die flunkernden Dichter und Künstler und schöngeistigen Salbaderer stellt , ist dies : er hat Ehrfurcht vor der Natur und ihrer Wahrheit , er ist kein Falschmünzer . Auch Sie sollen als angehender Schriftsteller dem Leben diese Ehrfurcht nicht versagen . Dies sei Ihnen heiliges Gesetz . Was Sie schreiben , schreiben Sie ' s als überzeugter Naturalist , aber - drucken lassen Sie ' s erst nach Ihrem Tode ! Auf Wiedersehen ! « Er war aufgesprungen und hatte Schlichting beide Hände gereicht . Und unter der Thür zum Vorzimmer , wo ein buckliges Männchen mit einem Pack unter dem Arm wartete : » Lassen Sie sich das gesagt sein : Nirgends kann man sich durch Wahrhaftigkeit mehr kompromittieren und mehr Unheil auf den Hals ziehen , als im heiligen römischen Reich deutscher Nation . Adieu . Gute Verrichtung . « Ohne den Wartenden eines Blickes zu würdigen , die Thürklinke in der Hand : » Herr Maximilian Schlichting , Schlichting ! Noch ein Wort ! Er hört nicht mehr . « An das Flurfenster eilend : » Wie er in Gedanken und Träumen dahinsteigt , ein junger , wie von der eigenen Saftfülle etwas schläfrig ermatteter Frühlingsgott ! Ein verdammt hübscher Bursch mit einem wahren Byronkopf . Dieser bebende Schwingungsreiz der jugendlich schlanken Glieder . Ich darf ihn nicht mehr ansehen , sonst mache ich ihm wirklich noch eine Liebeserklärung . Das gibt einen Leckerbissen für ein verliebtes Weib ... Schade ... Ich hätte ihm noch ein Wort über sein Auftreten gegen den Preßbanditen sagen und doch ein Glas Kognak aufnötigen sollen ... Göttin der Klugheit , strenge Pallas Athene , steh ihm bei ! « ... Mit hastigen schlurfenden Schritten eilte er an die Thür , die vom Flur ins Schlafgemach führt , und herrschte den bescheiden in der dunklen Ecke wartenden Handwerksmann an : » Treten Sie daherein ! Schnell , ich habe keine Zeit zu verlieren ! « Der kleine bucklige Schneider mit der spitzen Nase , den blitzenden Äuglein und einem wehenden flachsartigen Bart unter dem Kinn hinweg von Ohr zu Ohr , trippelte hinein und breitete den Inhalt seines Packets auf dem Bett aus . Es war ein neuer Frackanzug mit wattiertem Unterbeinkleid . » Hilf , alter Knabe , « rief Trostberg seinem Diener , dem halblahmen Gabriel , einem verunglückten Zirkusklown , den er vor einem Jahre auf einer Reise in der Schweiz aus Mitleid aufgelesen , » hilf , damit wir die Fetzen gleich anprobieren . « Gabriel humpelte heran , schnitt eines seiner fünfundzwanzig drolligen Gesichter , indem er die Augenbrauen im spitzen Winkel in die Höhe zog und die Unterlippe schwer herabsinken ließ . Er hatte wieder den ganzen Morgen über das » Ding an sich « gebrütet . Seit er in Trostbergs Diensten , hatte er so vielerlei philosophische Brocken aufgeschnappt , daß er sich des Nachdenkens darüber nicht mehr erwehren konnte . Und erst seit der Doktor ihm selbst einen Band Schopenhauer mit den Worten in die Hand gegeben : » Der sei Dein Erzieher ! « hatte der Exklown Anwandlungen tiefsinnigster Grübelei . Zirkus-Erinnerungen und Philosophie gaukelten in seinem Kopf gar wunderlich . » Du schielst ja wieder wie ein Haremstürke . Hier , zieh mir die Beinkleider aus und hilf mir in die neuen hinein . Erst das . « Und er griff nach den Wattons . » O da könnt ' man Blutwurst mit Kraut schwitzen , so eng ist der Schlauch , « ächzte der Diener und preßte seine Zunge in den rechten Mundwinkel . » Der gnädige Herr werden zufrieden sein , der Schnitt ist gelungen , die Polsterung am rechten Fleck - sehen Sie , jetzt ist Ihr Bein so gerade gewachsen wie ein spanisches Rohr , « beteuerte der Schneider-Gnom und streichelte und zupfte am Knie und an den Waden herum . » Da oben zwickt ' s , « bemerkte Trostberg und deutete auf die verfängliche Stelle . » Werden wir gleich haben , « sagte geschäftig der Bucklige , warf seinen wehenden Flachsbart auf die Schultern und steckte die spitzige Nase an den bezeichneten Ort . » Aha « . » So , jetzt ist ' s gut . Nun den Frack her . « Gabriel faßte den Frack an den Aufschlägen mit Daumen und Zeigefinger und wiegte ihn in der Luft mit einer Grazie und Vorsicht , als käme jetzt eine Zirkusreiterin angesprengt , um den Teppichsprung auszuführen . » Hipp , hipp , « schnalzte Gabriel leise und seine Augen versanken in einem Runzel- und Faltentrichter , um plötzlich wieder wie Glaskugeln hervorzuschießen . » Bravo , gnädiger Herr , süperb geschlüpft . Man kann ' s nicht schöner machen . Wille und Vorstellung gleich gut , des größten Artisten würdig . « » Keine Redensarten . Wie sitzt der Frack ? Ist er gelungen ? « » Wie das Ding an sich . « Dabei legte Gabriel sein runzliges Klownsgesicht in Falten und nickte dem Schneiderlein überlegen zu . » Haben Sie die Rechnung bei sich , Herr Zangl ? « » Zu dienen , gnädiger Herr ; sie steckt in der Fracktasche . « » Nimm sie heraus , Gabriel , und leg ' sie zu den übrigen . Sie pressieren doch nicht , Herr Zangl ? « » Rechnungen , « brummte Gabriel , » wir machen uns nichts aus dieser Erscheinungsform des Willens . « Der bucklige Schneider legte sein dunkelgrünes Umschlagtuch zusammen , verbiß einen Seufzer und antwortete zaghaft mit säuerlicher Miene : » Gar nicht , gnädiger Herr , es sind zwar schlechte Zeiten , wir haben leider ja kein Hofleben mehr in München , keine Feste und Gesellschaften , keinen Luxus , es ist alles so einfach bürgerlich geworden wie in der Provinz , alle Geschäftsleute klagen , aber wir müssen so auch zufrieden sein . « » Natürlich müssen wir das . « » Es wird wohl auch wieder besser kommen . Ewig kann ' s doch nicht so fortgehen . « » Nein , ewig nicht . « » Wie es Seine Majestät nur so lange hat aushalten können in den einsamen Bergen und Schlössern , siebzehn , achtzehn Jahre oder mehr ... « » Die großen Geister haben immer die Einsamkeit gesucht . Nur Alltagsmenschen brauchen die Herde zur Gesellschaft , weil sie sonst vor Langweile umkämen , da sie nichts in sich selbst haben . Ein bedeutender Mensch fühlt sich umgekehrt in der Gesellschaft vereinsamt und allein . « » Mit Erlaubnis : Seine Majestät soll zuweilen ja Gesellschaft in seinen Schlössern haben , aber nicht die passende ... Stallknechte ... Lakaien ... « » Das ist seine Sache . « » Majestät soll in diesem Frühjahr nicht nach München wollen . Die Stadt soll ihm noch verhaßter sein , seit er ... Man hört so allerlei . Sonst befindet sich Seine Majestät doch wohl ? « » Danke gütiger Nachfrage . Den Umständen angemessen . Adieu , Herr Zangl . « » Adieu , Herr Doktor . Entschuldigen Sie . Adieu . « » Schließ die Thür , Gabriel , und mache , daß ich aus dem engen Zeug wieder herauskomme . Zu allen Martern des Daseins auch noch diese Zwangskleidung , in der man sich eingepreßt fühlt , wie ein Wickelkind . « » Bah , Herr , eine zufällige Erscheinungsform , nicht das Ding an sich . Aber was ist das Ding an sich ? Dem möcht ' ich eins hinaufsitzen , wenn ich ' s mit der Peitsche erreichen könnte ... « » Das Ding an sich ist der Klowinismus . Der Klownismus muß da sein , und deshalb ist er da . Er ist der Kern von allem . Reiß doch nicht so ! Verneinung des Klownismus ist Verneinung des Willens zum Leben . Drum bist und bleibst Du Klown , so lang Du lebst . Du kannst Dich anstellen , wie Du willst , der Klown ist das Bleibende . Nicht so ungestüm sag ' ich . « Der Kammerdiener-Exklown hatte seinen Herrn bis auf ' s Hemd entkleidet . Da ging die Klingel . » Sieh nach ... Nein , bleib ' da . Ich bin ja fast nackt ... Sieh doch nach . Wenn ' s der Tonheros , der langharige Herr von gestern ist , führ ' ihn in den Tempel der Weltlitteratur und biete ihm Zigaretten an und ein Glas Kognak . Musikanten haben immer Durst . Ich sei in der Toilette begriffen und käme gleich , sag ' ihm . « » Den werde ich nach Noten behandeln , den Musikanten , « schmunzelte Gabriel , machte ein Schafsgesicht und hinkte hinaus . Ein überaus schlanker , hochgewachsener , junger Mann mit langen , schwarzen Haaren und glattrasiertem , fahlem Gesicht trat herein . Es war Arthur Friedberg . Er wurde von Gabriel vorschriftsmäßig empfangen . Es wurden ihm die Zigarretten vorgelegt - Gabriel steckte zur Nachprobe gleich ein Päckchen in die eigene Tasche ; auch die Kognak-Karaffe wurde hingesetzt und Gabriel ließ sich ' s von seinem guten Genius nicht zweimal sagen , zunächst selbst ein volles Glas hinter die Binde zu gießen . Friedberg berührte nichts . » Wer sind Sie eigentlich , sonderbarer Hausgeist ? « fragte der Musiker mit gekräuselter Lippe , von der Höhe seiner sechs Fuß und des Bewußtseins seines inkommensurablen Talentes herab . » Ich bin nicht , der ich war , und war , was ich nicht gewesen bin . Der Herr Doktor wird gleich kommen ; den kann man viel fragen . Gehen Sie einstweilen mit Ihrem Ding an sich im Tempel der Weltlitteratur spazieren . « Und für sich setzte er im Abgehen hinzu : » Und lassen Sie sich mit Notenköpfen in allen Tonarten klystieren , Sie verstopfte Einbildung von einer hohen C-Trompete . « » Gnädiger Herr , der ist besorgt und aufgehoben , « meldete der Hinkende . » Also er gefällt Dir nicht