ihnen gefalle und gehe ? » Gut ! « sagten sie mit einer seltsamen Mischung von Glück und Befangenheit , indem sich jedes Paar bei der Hand faßte . Die Jünglinge hatten sich die Rede des Pfarrers als bare Münze zu Herzen genommen und doch das Gefühl , daß nicht alles ganz richtig sei ; überlegend , ob sie nicht redend auftreten sollten , wußten sie im Augenblick nichts zu sagen , das ihnen genügen würde , und fanden , es sei angemessener , wenn sie sich still verhielten an diesem Tage . Dennoch strahlte die jugendlich unvorsichtige Eitelkeit und das Selbstgefallen von ihren hübschen Gesichtern und gaben ihnen einen Anflug von Unreife neben den in voller Reife aufgeblühten Bräuten , und diese verspürten denn auch im hellen Tageslicht dieses Festes eine wunderliche Empfindung , etwa wie diejenige einer reichen Schönen , die sich mit vollem Bewußtsein einem armen , unansehnlichen Menschen mit ihrer Neigung zugewendet hat und doch wünscht , das Hochzeitsfest möchte überstanden sein . Da jetzt neue Speisen aufgetragen wurden , beschloß das Salandersche Ehepaar , das für einmal genug gespeist hatte , einen Gang zwischen den Tischen und um die Baumwiese herum zu machen . Das Weidelichsche Paar wollte späterhin das gleiche tun . Als Marie an Salanders Arm ging , drängte es sie nachträglich , sich über den Geistlichen auszusprechen . » Das scheint doch ein schnurriger Herr zu sein ! « sagte sie , » erst die dicke Lobhudelei und nachher , wenn man nur das Nötigste dagegen höflich bemerkt , wenn er kommt , den Dank zu holen , gleich spitzige Worte , deren Zusammenhang man suchen muß . Wie verfänglich grob hat er dir so blitzschnell geantwortet ! Und mir hat er mit gleicher Artigkeit zu verstehen gegeben , daß es sich nicht um mich , sondern um eine künstlerisch abgerundete Volksrede handle ! « » Du mußt das nicht für so gefährlich auffassen , « entgegnete Martin Salander , » er liegt eben immer im Kampfe mit seiner eigenen Sophistik , die sich stets in seine Rede drängt , auch wenn er nichts damit will . Er braucht sie unbewußt , wie ein natürliches Verteidigungsmittel , auch wo kein Mensch ihn angreift . Ich habe einmal über einen Parteigenossen mit ihm gesprochen und beklagt , daß dieser soviel lüge . Da gab er mir zur Antwort , er sei der beste Hausvater und erziehe seine Kinder musterhaft . Damit war ich abgefertigt , weil es ihm nicht bequem war , über das Thema zu sprechen , und er nicht wußte , wieweit es sich gegen ihn drehen könnte . « » Du lieber Gott , « sagte die Frau Marie in ihrer Einfalt , » das ist ja eine traurige Existenz ! « » Nicht so traurig ! Es ist nur Manier ! Jeder , der viel spricht , besonders in Politik , hat seine Manier , und es gibt solche , welche eine Manier der Unwahrheit haben , ohne gerade etwas Übles damit zu bezwecken ; diese sind immer damit geplagt , anderen kleine Fallen zu stellen , sie aufs Eis zu führen , verfängliche Fragen an sie zu richten ; das alles bildet mehr eine schützende Hecke für sie selbst , ein System der Abschreckung , als ein Angriffsmittel . Aber was führen wir da für Hochzeitsgespräche ! « Sie hielten da und dort grüßend bei den Gästen , welche sie nicht gerade am Tafelvergnügen störten . Dann wandelten sie längs des Einfanges um den Baumgarten herum , wo sich bereits allerlei Zuschauer zu sammeln begannen und im Schatten überhängender Bäume auch etwas zu hören trachteten . Es war dafür gesorgt , daß dem sich zusammenschließenden Menschenkranze späterhin erfrischendes Getränk und Körbe voll Kuchenbäckerei geboten wurden für jeden , der zugreifen mochte . Schon wurden einige Tische für Gefäße und Körbe an den leichten Stangenzaun gerückt . Ein Bübchen in weißen Hemdsärmeln , die Daumen beider Hände in den Armlöcher des Sonntagswestchens haltend , wie ein Alter , stand zuvorderst und verfolgte mit offenem Munde und großer Spannung diese Anstalten . Frau Marie konnte sich nicht versagen , vom nächsten Tafeltische ein Stückchen Torte zu holen und es dem Kinde vor den Mund zu halten , das gleich hineinbiß . Der Knirps machte Miene , so fortzufahren , ohne die Däumchen aus der Weste hervorzuziehen ; erst als ein zweiter , größerer seine Zähne auch ansetzen wollte , packte jener das süße Stück und fuhr wie der Blitz hinweg . Auch für die Brauteltern war es Zeit umzukehren ; sie wurden benachrichtigt , es sei das kleine Festspiel in Bereitschaft , und sie eilten an ihren Platz . In dessen Nähe , auf der hölzernen Terrasse des anstoßenden Hauses , hatte man mittels einiger Dutzend Ellen weißer und rotgefärbter Baumwolltücher einen Spielraum abgegrenzt . Das aufzuführende Stück bestand aus einem in gereimten Versen geschriebenen Zwiegespräch , ungefähr nach der von Salander angegebenen Idee . Den Inhalt oder Text kannte er selbst nicht , da er nach getroffener Verabredung mit den betreffenden Genies nicht mehr Zeit gefunden , sich darum zu kümmern . Als ein Trompetenstoß das Zeichen gegeben und die ganze Hochzeit nach dem Theaterchen guckte , trat aus den Tüchern hervor eine derbe , junge Bauernfrau auf , mit einer hölzernen Kelle oder Kochlöffel im Gürtel , und stellte sich als die reine Demokratie , das heiße Volksherrschaft , vor , die gewohnt sei , ihren Brei selbst zu kochen , anzurichten und warm zu essen usw. Von der andern Seite kam sodann ein sogenannter ältlicher Halbherr in der Tracht der ersten dreißiger Jahre , mit hohem Hut , Vatermördern , blauem Frack und kleinen Ohrringen . Er sah ungleich komischer aus , als Salander gedacht , daß er aussehen sollte und sich für den Fall gebührte . Befragt , wer er sei und wo er denn hin wolle , stellte er sich als den Liberalismus vor . Er habe vernommen , daß eine große demokratische Hochzeit gefeiert werde , und obgleich ihm sonst die Demokratie von weitem lieber als von nahem sei , möchte er doch gern ein bißchen sehen , wie sie sich im Familienleben ausnehme , wenn es unbemerkt geschehen könne . Da sei er gerade vor die rechte Schmiede gekommen , sagte die rüstige Person , sie sei die Demokratie , er solle sich nur an sie halten , sie wolle ihm alles zeigen . Als er aber näher trat und ihr das Busentuch neugierig ganz sachte etwas lüften wollte , zog sie die Kelle und schlag ihn damit so derb auf den Hut , daß er tönte wie eine Trommel . Von solchen Späßen begleitet , setzten sie einen gegenseitigen Unterricht in Gang , wobei aber der Liberalismus , so ziemlich wie es im Leben geschieht , ohne es zu merken , einen Satz der Demokratie nach dem andern zu dem seinigen machte und gegen sie selbst verteidigte , während sie mit neuen Sätzen wieder weit voraus war und auf seinem Hute trommelte . Als sie endlich sahen , daß sie auf diese Art nicht so bald zusammenkämen , schlossen sie einen vorläufigen Frieden , um die Hochzeit lustig mitzumachen und sich vielleicht zu heiraten , wenn es sein müßte . Worauf die Musik plötzlich einfiel und einen Hopser spielte , die Demokratie und der Liberalismus aber sich zu packen kriegten und einen drolligen Tanz aufführten . Dabei riß die wilde Person den guten Herrn so gewaltig herum , daß seine Frackschöße flogen , die Füße stolperten und die Vatermörder die Spitzen nach hinten kehrten . Kurz , die beiden darstellenden Gesellen unterließen keine der bei solchem Anlaß üblichen Hanswurstpossen . Zuletzt zogen sie ab , indem das Weib auf dem Hute des Mannes mit der Kelle den Zapfenstreich schlug und dazu die bekannte Weise pfiff . Das fröhliche Gelächter inner- und außerhalb des Baumgartens verwandelte sich in ein jubelndes Beifallrufen . Nur ein Häuflein altliberaler Wähler Isidor Weidelichs , die ihm zu Gefallen eingeladen und gekommen waren , machte verdrossene Gesichter , und sie murrten untereinander , wenn sie das gewußt hätten , so wären sie nicht gekommen . Es waren biedere Leute , die durch alle Ungunst der Zeit ihrer Gesinnung treu geblieben und die im Grunde richtigen Anspielungen auf den Wankelmut oder die Nachgiebigkeit , welche das , was sie fürchtet , selbst herbeiführen hilft , nicht einmal verstanden . Auch Martin Salander war betroffen von der Gestalt , welche seine Anregung bekommen hatte , und fühlte sich als Gastgeber verletzt . Er benutzte daher die eingetretene Stille , die von ihm zu leistende Rede jetzt zu halten und mit einer genugtuenden Wendung den Schaden auszugleichen , die reinere Idee , welche er in der Sache ursprünglich gesehen , wiederherzustellen . Es gelang ihm auch leidlich , und das gleiche Völklein , welches dem übermütigen Traktieren des Liberalismus zugejubelt , klatschte ihm Beifall , als er sein Hoch unter anderm auch den ehrenwerten anwesenden Vertretern der alten freisinnigen Partei darbrachte , als den Zeugen des wahren Wortes , daß man in Freude und Leid zusammengehen und jener schöneren Zukunft entgegenleben müsse , welche nur eine Partei noch kennen werde , diejenige der geeinigten und befriedigten Patrioten ! Das sogenannte Öffnen der Schleusen war nun geschehen . Während zwei voller Stunden wurde fast unaufhörlich und von allen Enden her toastiert . Zum größeren Behagen oder Troste der Festgenossen hatte aber ein neues Essen begonnen mit anderen Gerichten und feineren Weinen . Die zwei Brautpaare sollten mit anbrechender Dunkelheit das Fest verlassen und die durchgehenden Bahnzüge benutzen , um nach Lindenberg einerseits und in die Nähe des Lautenspiels anderseits zu gelangen . Es waren Züge , die sich bequem und gleichzeitig hier kreuzten . Man hatte von der Hochzeitsreise abgesehen , weil die Notare noch keine Amtsverweser hatten und die Bräute kein Verlangen danach trugen , vielmehr nichts sehnlicher wünschten , als in den Idyllen der neuen Häuslichkeiten sich einzuspinnen , fern vom Geräusche der Welt . Alles war dazu eingerichtet und in jeder Behausung ein tüchtiges Dienstmädchen bereit . Die zwei Paare beendigten einen Umgang , welchen sie unter den Gästen getan , mit Dank für die erwiesene Ehre und geziemender Verabschiedung , während die Tische bereits mit zahlreichen Lichtern besetzt und am Saume des Baumgartens Pechpfannen angezündet wurden . Am Fuße der kleinen Schaubühne angelangt , standen sie einen Augenblick still ; denn den Brüdern tauchte gleichzeitig der Gedanke auf , sie sollten , nach dem Vorgefallenen , als Mitglieder des Großen Rates doch noch einige Worte zum besten geben . Am füglichsten könnten sie es tun , meinten sie , wenn sie in Person die vom Schwiegervater verkündete Versöhnung der Parteien , als Angehörige derselben , sozusagen illustrierten , die Bühne rasch bestiegen und oben sich unter passenden kurzen Reden angesichts der ganzen Hochzeitsgemeinde die Hände reichten . Indem sie berieten , welcher von ihnen das Wort zuerst ergreifen solle , Isidor der Altliberale , oder Julian , der Demokrat , entstand auf der Bühne über ihren Köpfen ein polterndes Geräusch , welches die allgemeine Aufmerksamkeit erregte und aller Blicke dorthin lenkte . Zwei Rüpel oder zerlumpte Stromer , mit Knotenstöcken und Bündeln am Rücken , zogen Arm in Arm auf und drückten sich gröhlend umher . Sie trugen zerzauste Perücken und Bärte von Werg und mächtige falsche Nasen im Gesicht , daß kein Mensch ahnte , wer sie waren . Sie schienen nicht mehr zu wissen , wo sie hinaussollten , ließen sich endlich fahren und stellten sich einander gegenüber . Es waren offenbar zwei Spaßvögel , die in dieser Verkleidung auftraten , einen Beitrag an die Festlichkeit zu leisten ; und man gewärtigte vergnügt , was sie vorbringen würden . Nachdem sie eine Weile über das Schicksal , über Gott und die Welt geschimpft , fingen sie an , zu beraten , was sie denn anfangen könnten , sich ferner redlich durchzubringen ? Sie zählten eine Menge tollen Zeuges auf , was sie schon versucht oder probieren könnten , bis der eine auf den Einfall geriet , seine Gesinnung zu verwerten , die noch irgendwo vorhanden sein müsse , da er sie nie gebraucht . » Gesinnung ? « schrie der andere , » eine solche muß ich ja auch noch haben , eine wie ein neugeborenes Kind ! « Sogleich nahmen sie die Reisebündel vom Rücken , schnürten sie auf und wühlten in dem unhabseligen Schunde herum , fanden aber lange nichts . » Halt , « rief der eine , » da muß was sein ! « und brachte ein hölzernes Nadelbüchslein zum Vorschein . Behutsam hob er das Deckelchen zur Hälfte ab und guckte mit einem Auge in die Höhlung . » Ja , da drin sitzt es « , rief er , und machte stracks wieder zu . Der andere Rüpel fand ein winziges Pillenschächtelchen , öffnete es ebenso vorsichtig wie jener sein Nadelbüchslein , verschloß es ebenso schnell und schrie , da sitze seine Gesinnung auch ganz wohlbehalten drin . Da nun jeder dieser Habseligkeit sicher war , hieß es , was damit anfangen ? Plötzlich erinnert sich der eine Rüpel , daß ehestens in der Gegend eine glänzende Hochzeit zwischen der reinen Jungfrau Demokratie und dem alten Herrn Liberalismus gefeiert und bei diesem Anlasse ein großer Vorrat von Gesinnung benötigt werde , und zwar von beiden Arten , von der liberalen und von der demokratischen . Jeder , der damit versehen sei , und auch kleinere Beiträge sind willkommen , werde trefflich verpflegt , und wenn er tapfer fresse und saufe , so sei er einer gut besoldeten Anstellung mit permanentem Urlaub sicher usw. Sie wurden einig , an die Hochzeit zu gehen und ihre Gesinnung anzubieten . Um sich aber nicht selber hinderlich zu sein , beschlossen sie , sich auf beide Seiten zu verteilen und der eine bei der Braut , der andere beim Bräutigam sich zu melden . Sie besahen nochmals die kleinen Habseligkeiten im Büchschen und im Schächtelchen , ob sie nicht eine Wegleitung daran zu erkennen vermöchten . Allein sie konnten durchaus nichts erraten und erfanden daher den Ausweg , auszuwürfeln , wessen Gesinnung liberal und wessen Gesinnung demokratisch sein solle . Sie setzten sich also auf den Boden , zogen einen schmutzigen alten Lederbecher mit Würfeln hervor und würfelten die Parteien unter sich aus , natürlich wieder mit allerhand Schnurren und Possen . » Es ist doch ein lausiges Spiel , « schrie der eine , » wenn man kein Bier dazu hat ! « - » Wir wollen uns ein paar frisch gefüllte Töpfe denken , « rief der andere , » sieh den schönen Anstich ! Trink ! « Endlich wurden sie mit dem Würfeln , das sie mit vielen Mogeleien lustig zu verlängern gewußt hatten , fertig . Jeder prägte sich seinen Parteinamen wiederholt ins Gedächtnis und machte zur größeren Sicherheit einen Knoten in das alte Schnupftuch , welches der eine von ihnen besaß , so daß dieser beide Versicherungen mit sich trug . Dann gingen sie mit Hallo und Juhe hinter die Bühne und verschwanden , wie sie gekommen . Die ganze Zeit über waren die Notare mit den Bräuten vor der Bühne gestanden und hatten stumm hinaufgeschaut . Jetzt sahen sie sich mit roten Gesichtern an , durften aber nicht miteinander reden . Glücklicherweise war es für sie die höchste Zeit , nach der Station zu gehen , wozu sie bereits gemahnt wurden . Von den Eltern begleitet , begaben sie sich , nach Vornahme des nötigen Kleiderwechsels , unbemerkt hinweg . Beide Bahnzüge waren zum Ausfahren bereit . Die Brüder fanden einen Augenblick Zeit , einander zu fragen , welcher von ihnen die Würfelgeschichte ausgeschwatzt habe ; jeder beteuerte , daß er mit keiner Silbe das getan . » Dann muß uns damals einer beobachtet haben , der uns kannte ! « fanden sie einstimmig und trugen von der schönen Hochzeit das unangenehme Bewußtsein hinweg , mit einem Gerüchte behaftet in den Ehestand einzugehen . Als der erste Bahnzug bestiegen werden mußte und die Schwestern Setti und Netti sich zum ersten Male in ihrem Leben trennten , befiel auch sie eine traurige , wie ahnungsvolle Stimmung ; sie fielen sich weinend um den Hals und wußten vor Schluchzen sich beinahe nicht zu fassen . In dem Hochzeitsgarten wurde inzwischen nichts verspürt , daß der Schwank der zwei Rüpel verstanden worden und seine Bedeutung bekannt sei ; er wurde als eine harmlos satirische Hochzeitsposse aufgefaßt und belacht . Man wunderte sich nur , wer die beiden Burschen gewesen seien . Der vielen jungen Frauensleute wegen wurde im Wirtshaussaale nun doch noch ein Tanz angeordnet , und als Salanders Extrazug um Mitternacht den von Münsterburg gekommenen Teil der Gäste wieder abholte , blieben dennoch Haus und Baumgarten ganz erhellt und voll Gesang und Musik in der schönen Juninacht zurück . XII Martin Salander war zur volksmäßig politischen Feier einer Hochzeit , welche bald überall von sich reden machte , durch den Brief seines Sohnes von neuem gereizt worden ; er hatte dessen blasierte Weisheit , wie er es nannte , lakonisch mit einer Fortschrittstat beantworten wollen , so wortreich sie in der Ausführung geriet . Nun stellte sich unvermutet eine Folge ein , an die er nicht gedacht . In der Gegend , wo das Fest stattgefunden , erklärte ein Mitglied des Großen Rates wegen häuslicher Zerrüttung mitten in der Amtsdauer den Rücktritt und mußte durch eine Neuwahl ersetzt werden . Indem sie sich nach dem Manne umschauten , verfielen die Leute auf den Volksfreund Salander , und weil er schon einmal abgelehnt hatte , sandten sie ein paar Männer , die ihn bewegen sollten , dem Rufe zu folgen . Überrascht bat er um kurze Bedenkzeit , sosehr sie in ihn drangen ; denn er war aufrichtig gesinnt , nochmals ernstlich zu überlegen , ob er den Schritt tun solle und sich über dessen Bedeutung für seine Person insbesondere Rechenschaft zu geben . Martin gehörte nicht zu den Befreiern oder Gleichstellern des Frauengeschlechts hinsichtlich des bürgerlichen Daseins , und seine eigene Frau , so hoch er sie hielt , fragte er nie ausdrücklich um Rat und Meinung in öffentlichen Dingen . Hiermit wahrte er seinen Standpunkt . Um so lieber gönnte er ihr den Einfluß , den sie von selbst übte , wenn er doch so ziemlich von allem sprach , was ihn bewegte , und zwar meist in Gestalt eines lauten Denkens in ihrer Gegenwart , beim Morgenkaffee , bei Tisch , beim Schlafen und Spazierengehen . Sie hatte dann die Auswahl , einen beliebigen Gegenstand aufzugreifen und ihre Gefühlsansichten oder Widersprüche zu äußern oder ganz zu schweigen . In letzterem Falle nahm er an , die Sache sei ihr ganz gleichgültig , und ließ das Selbstgespräch allmählich verstummen . Wenn sie sich aber zustimmend oder tadelnd aussprach , namentlich über Persönlichkeiten , so hatte er wiederum die Wahl , zu benutzen , was ihm klug und wahr schien , oder auf sich beruhen zu lassen , was etwa aus einem Denkfehler hervorgehen mochte oder aus mangelnder Einsicht . Auf diese Weise beraubte er sich nicht der Hilfsquellen , die aus dem Gemüte einer rechten Hausfrau fließen , und gab ihr die Ehre , die ihr gebührte . So begab er sich jetzt mit der genommenen Bedenkzeit in die Nähe der Gattin , ihr zunächst den an ihn ergangenen Ruf mitteilend und irgend etwas Unbedeutendes beifügend . Dann ging er weg , kam bei erster Gelegenheit wieder und begann mit langen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen , nunmehr einer Reihe von Betrachtungen Raum gebend . » Ich habe bis jetzt « , ließ er sich stückweise hören , » mancherlei mitgewirkt und getan , ohne jede Verantwortlichkeit , als diejenige gegen mein eigenes Gewissen , und ohne ein eigentlich zusammenhängendes Arbeiten . Das würde nun anders werden . Ich kann , wenn ich dort etwas nützen will , nicht in den Rat eintreten , um still auf der Bank zu sitzen und bei den Abstimmungen aufzustehen oder sitzenzubleiben . Ich kann auch nicht in den Tag hinein schwatzen , wenn ich reden will , sondern ich muß die Akten studieren und aktenmäßig reden ; das ist die einzig ehrliche Beredsamkeit und schafft Einfluß ! Wissen ist Macht ! Ich tue das , gut ! Dann komme ich in die Ausschüsse und Kommissionen , und wenn ich es dort wieder tue , so hängen sie mir die Berichterstattungen auf den Buckel , und ich kann mich hinsetzen halbe Nächte durch und Papier beschreiben wie ein Kanzlist . « Hier unterbrach ihn Frau Marie oder benutzte vielmehr eine der kurzen Pausen , die er häufig machte . » Verstehst du denn alle die Akten , « sagte sie , » oder das , wovon sie handeln , so gut , daß du darüber schreiben und reden kannst ? « » Darum sag ich ja eben , « versetzte Martin , ohne stillzustehen , » daß ich sie studieren muß ! « Nach einigen weiteren Schritten hielt er dann doch vor der Frau an , die am Tische saß und für die Küche die letzten vorjährigen Apfel schälte ; denn die Magd , sagte sie , gehe mit den raren Früchten so gröblich um , daß kaum etwas dranbleibe . » Du hast aber « , fuhr er fort , » wohl nicht das gemeint , was man Aktenstudium nennt , sondern was man überhaupt unter Etwasgelernthaben versteht . Da darf man freilich nicht genau nachsehen ; der Große Rat soll auch keine Akademie sein . Es handelt sich im Gegenteil darum , in Sachen , die man nicht von Grund aus kennt , nicht mitreden zu wollen , dafür aber die Sachkenner ins Auge zu fassen und sich nach ihnen zu richten , wenn sie einem als ehrlich erscheinen . Es gilt also in solchen Fällen « - hier setzte er die Füße wieder in Gang - » statt der Akten mehr die Menschen zu studieren , wie wenn zum Beispiel zwei gleich angesehene Fachmänner über eine kostspielige Flußkorrektion , über Bau und Einrichtung einer Landesirrenanstalt , über ein Seuchengesetz entgegengesetzte Ansichten äußern . In diesen Fällen würde ich in einer begutachtenden Kommission keinen Platz nehmen und mich auf meine Stimmabgabe beschränken wie jeder andere , je nach dem stillen Eindruck , den ich empfangen - und könnte doch unrichtig stimmen ! « setzte er mit einem Seufzer hinzu . » Fragt sich nun , überwiegt das Positive , was man leisten zu können glaubt , die Nichtleistung so beträchtlich , daß es der Mühe lohnt , und was habe ich einzuwerfen ? « Er zählte die Fähigkeiten auf , die er zu üben oder zu erwerben sich getraute , voraus im Erziehungswesen , in Staatshaushalt und Volkswirtschaft , Ausbildung und Überwachung der Volksrechte , daß sie redlich arbeiten , und so noch mehreres . Weil aber die Frau nichts mehr fragte oder bemerkte , ließ er die abgebrochenen Sätze endlich ganz eingehen und begab sich , nach der Uhr sehend , rasch hinweg . Einen Tag ließ er noch verstreichen , worauf er den Leuten in jenem Wahlkreise schrieb , er nehme die Kandidatur an . Mit den besten Absichten blickte er dem neuen Lebensabschnitte entgegen . Nach der mit großem Mehr erfolgten Wahl las und prägte er sich sogleich die Ratsordnung ein und was in Verfassung und anderen Gesetzen damit zusammenhing . Sodann ließ er ein Taschenschreibbuch binden , auf dessen vorderste Seite er Auszüge aus den jährlichen Voranschlägen der Einnahmen und Ausgaben , aus den Staatsrechnungen usw. schicklich geordnet einschrieb , so daß er die Hauptposten aus allen Gebieten der Staatsverwaltung übersichtlich bei sich trug und sich jeden Augenblick über das ökonomische Gleichgewicht des Landes Rats erholen konnte . Dies getan , suchte er sich aus gedruckten Berichten der letzten Periode über den Stand der Geschäfte im Großen Rate zu belehren , über unerledigte Anträge , Postulate und Motionen , stockende Gesetzentwürfe , ausstehende Berichte und Anträge der Regierung u. dergl. , für welche Gegenstände er in anderer Gegend des Taschenbuches , mit genügendem Raum zur Fortsetzung , eine gedrängte Notizenreihe anlegte . Das brauche er nicht , bemerkte er der Frau , um sich allenfalls mit Nörgeleien als Topfgucker aufzutun , sondern gerade um überflüssige Anfragen zu vermeiden und sich selbst Aufschluß geben zu können , wo die Sachen liegen . Auf die Art leidlich gerüstet , seinem Alter und politischen Rufe entsprechend nicht zu sehr als Neuling zu erscheinen , wie er dachte , betrat er den Saal , nahm ohne Suchen den ersten besten Platz ein , der frei war , und verließ ihn nicht mehr vor dem Schlusse der Sitzung . Ohne Zerstreuung folgte er die ganze Zeit über den Verhandlungen und warf auch in die Zeitungsblätter , welche Nachbarn ihm hinreichten , kaum einige Blicke . Das gebührte sich zwar als selbstverständlich sowohl nach dem Wortlaute des Amtsgelübdes , das er abgelegt hatte , als nach dem Inhalte eines langen Gebetes , mit dem jede Session eröffnet wurde und das einen Bestandteil der gesetzlichen Geschäftsordnung bildete ; allein wenige , gläubig oder ungläubig , nahmen das göttliche Pflichtenheft streng wörtlich . Martin Salander hingegen , der unkirchlich gesinnt war , erachtete sich nichtsdestominder für gebunden , weil die in Gelübde und Gebet enthaltenen Vorschriften richtig und notwendig waren und die liturgische Form ihre Gesetzeskraft nicht aufheben konnte . Erst nach beendigter Sitzung fand er Gelegenheit , die Schwiegersöhne zu grüßen , deren öfteres Ab- und Zugehen er nicht einmal beachtet , zumal sie eine gute halbe Stunde nach ihm erschienen waren . Seine Einladung , mit ihm nach Hause zu kommen , lehnten sie dankend ab , weil der eine gewisser Verhandlungen wegen mit seinen Bezirksgenossen beim Essen zusammentreffen , der andere einige Geschäfte besorgen müsse . Nachher aber wollten sie miteinander einen Waffenladen aufsuchen , um sich zwei neue Scheibengewehre zu kaufen ; denn sie waren seit einiger Zeit schon Mitglieder von Schützengesellschaften . Martin Salander ging also allein nach Hause . In sich gekehrt , mit einem Gefühle von Zufriedenheit wie einer , der den langen Morgen hindurch gearbeitet hat , schritt er dahin , obgleich er keine Hand gerührt und kein Wort gesprochen . Lediglich die ununterbrochene Aufmerksamkeit , welche er während fünf Stunden den Verhandlungen gewidmet , gab ihm das Bewußtsein getaner Arbeit . Er hätte nicht gedacht , daß ein solcher Unterschied zwischen Anwesenheit und Anwesenheit sein könnte , und bedenkend , wie er bald auch angebrachtermaßen etwas zu sagen haben werde , empfand er einen kräftigen Appetit zu dem verspäteten Mittagsmahle . Frau Marie , die ihn am Zuge der Hausglocke erkannt , trat ihm auf dem Flur entgegen und kündigte ihm einen sonderbaren Besuch an , seinen Vorgänger im Großen Rate , dessen Stelle er heute eingenommen . Der Mann scheine sich in schlechten Umständen zu befinden und würde ersichtlich nicht übelnehmen , wenn man ihn zum Essen dabehielte ; sie habe ihn aber nicht einladen wollen , ehe Salander ihn gesehen . » Was will er denn ? « fragte dieser . » Ich habe ihn früher da und dort getroffen und erinnere mich , daß er ein gut und gescheit aussehender Mann gewesen ist . Aber ich kann mir nicht vorstellen , was er will ? « » Er sagt , er habe viel von dir gehört und auch von der berühmten Hochzeit ; er freue sich , daß er einem solchen Nachfolger habe den Platz räumen können , und fühle sich dadurch erleichtert und sei gekommen , das zu sagen und zu der Wahl Glück zu wünschen ! « » Der arme Teufel ! Laß ihm nur ein Gedeck hinsetzen , die Herren Tochtermänner sind ohnedies nicht mitgekommen ! « Als Salander in die Stube trat , erkannte er den Mann kaum wieder , der bescheiden auf einem Stuhle am Fenster saß , sich erhob und mit unsicher gewordener Beredsamkeit ihn begrüßte und seine Gratulationsworte vorbrachte . Er habe , sagte er , an der Staatskasse ein kleines Guthaben an Taggeldern beziehen wollen , leider aber nichts erhalten , sondern noch einen Überschuß von Bußen wegen versäumter Sitzungen erlegen müssen . Da habe er gedacht , er wolle den Weg nicht ganz umsonst gemacht haben und wenigstens dem würdigen Nachfolger seine Aufwartung machen . » Aber , Herr Kleinpeter ! « erwiderte ihm Martin Salander lächelnd , » wie mir scheint , ist hier nicht viel Glück zu wünschen , wenn man noch Geld verliert ! Haben Sie schon zu Mittag gegessen , oder darf ich Sie vielleicht zu unserer Suppe einladen ? « Verlegen dankte der Mann , doch mit einem verräterischen Blick auf den gedeckten Tisch ; Salander wiederholte daher die Einladung etwas entschiedener und nahm ihm den Hut aus der Hand , denselben beiseite legend . Der offenbar einst hübsche Mann zeigte alle Anzeichen des Verfalles . Die frühere Wohlbeleibtheit war aus den Kleidern geschwunden , daß sie zu weit geworden und schlotterig an ihm hingen , dabei aber so abgetragen waren , daß es lange her sein mußte , seit er etwas machen lassen . Die Wäsche war unordentlich und das zerschlissene Halstuch so schlecht umgebunden , daß man die lieblosen und trägen Hände leibhaft zu sehen glaubte , die den Mann so aus dem Hause gehen ließen . Seine eigenen Hände hafteten gewohnheitsgemäß an verschiedenen Stellen der Rockklappen , um einen Fadenschein , einen Schmutzfleck oder ein zerrissenes Knopfloch zu decken . Die kümmerlich unfreie Haltung , welche ihm hiedurch anklebte , entsprach auch dem farblosen gedunsenen Gesichte , dessen Züge die Spuren von Niedergeschlagenheit und Kummer , sowie von zahlreichen Anläufen verrieten , im Trunke sich selbst zu vergessen . Das Ehepaar Salander ermunterte den merklich erschöpften Kleinpeter , sich schmecken zu lassen , was da sei ; Frau Marie legte ihm selbst auf den Teller ; er war jedoch bald satt , oder vermochte wenigstens nicht viel zu essen . Dagegen sprach er