Gräfin Herz so ganz getroffen worden , daß sie bewegt geantwortet hatte : Franziska habe recht getan , das Bild an alter Stelle zu lassen ; man solle , nach dem Sprüchwort , alte Bäume nicht verpflanzen , aber alte Heiligenbilder auch nicht , und so hoffe sie sich keiner Sünde schuldig zu machen , wenn sie rundheraus ausspreche , die Heiligen segneten überall , aber da , wo sie gerade stünden und schon von alter Zeit her gestanden , da hätten sie doppelte Macht und noch ganz besondere Wurzeln ihrer Kraft . Und dieser Kraft bedürfe der eine mehr als der andere . Franziska sei jung , und ein junges Herz , eben weil es jung sei , brauche zwiefach Trost und Beistand . Ein altes finde sich schon eher zurecht . Und darnach hatte man das Gespräch fallenlassen , das nichtsdestoweniger oder vielleicht gerade , weil man es still nachwirken ließ , das gute Verhältnis zwischen beiden noch um ein erhebliches befestigt und auch wohl Hoffnungen in dem Herzen der alten Gräfin angeregt hatte . Denn sie war nach wie vor nicht frei von dem Hange nach Bekehrung und hielt es mit dem Fischzuge Petri . Schon in Wien hatte sie mit Feßler die Möglichkeit eines Übertritts erwogen und an dem Tage , der dem vorerwähnten Gespräche mit Franziska folgte , diesen Punkt auch brieflich wieder aufgenommen . Aber erst einem zweiten kleinen Ereignisse war es vorbehalten , sie hinsichtlich ihrer Konversionspläne mit voller , wenn auch freilich abermals mißverstandener Hoffnung zu erfüllen . Das Ereignis selbst aber war das folgende . Schon bald nach Egons und der alten Gräfin Ankunft auf Schloß Arpa war von einem Besuch unten in der Gruftkapelle gesprochen worden , immer jedoch hatte sich ' s wieder zerschlagen , bis endlich seitens des alten Grafen , sowenig ihm persönlich an diesem Kapellenbesuche lag , ein Trumpf darauf gesetzt worden war . » Fahren oder Gehen « stand allein noch zur Frage . Schwester Judith , die sich vor dem Bergab und mehr noch vor der raschen Zickzackbewegung fürchtete , entschied sich für Gehen mit dreimaliger Rast , und zwar erst bei Toldy , dann bei den Hängeweiden und zuletzt bei Schmied Ambronn unten , in dessen Verwahrsam sich auch der Gitterschlüssel befand . Unten angekommen , setzte man sich auf eine zwischen zwei Pappeln stehende Bank , gerade der Schmiede gegenüber , und sah dem Schmied , der eben ein Pferd beschlug , bei seiner Hantierung zu . Tante Judith war entzückt . » Sieh , Franziska , das hab ich nun seit fünfzig Jahren nicht mehr gesehen , seit meinen Mädchentagen nicht . Wo hat man nur immer seine Augen ? Nie da , wo man sie haben sollte . Man achtet soviel auf Schlechtes und Häßliches im Leben und auf das Gute nicht . Sieh doch nur das Eisen , womit er den Huf abstößt , und das Sprühfeuer auf dem Herd . « Der Schmied , als er die Herrschaften erscheinen sah , hatte sich bei seiner Arbeit unterbrechen wollen , war aber dem Widerspruche des Grafen begegnet . » Habe lange genug in Deutschland gelebt , mein lieber Ambronn , um euer Sprüchwort zu kennen : Wer zuerst kommt , mahlt zuerst . Also nur erst fertig hier . Wir haben Zeit und die Toten auch . Übrigens seht nur , wie Gräfin Judith Euch zusieht ; sie verschlingt Euch fast , so gut gefallt Ihr ihr . Und ist nicht der schlimmste Geschmack , den sie hat . Nicht wahr , Judith ? Aber dafür müßt Ihr sorgen , Ambronn , daß der Jung am Blasbalg seine Schuldigkeit tut und daß die Funken immer höher fliegen . Haben wir die , so haben wir alles , und es kann dann so lange dauern , wie ' s will . Ist dann , als ob wir Feuerwerk hätten . « Der Schmied , der vornehme Leute sehr gut kannte , beeilte sich nichtsdestoweniger , und ehe zehn Minuten um waren , erschien er mit dem Schlüssel und bog , vorangehend , auf den kleinen Platz ein , auf dem die Kapelle gelegen war . Es war ein Grasplatz mit zwei runden Asterbeeten und einem Kiesweg dazwischen ; mitten auf dem Kiesweg aber stand eine Sonnenuhr . Egon wies darauf hin , als er mit Franziska vorüberging . » Für wen ? « Und nun stieg der Schmied die Steinstufen hinauf und öffnete die große Gittertür , dieselbe , durch die Franziska gleich am ersten Ausfahrtstage mit dem Grafen einen Blick geworfen und das Flimmern der Ewigen Lampe gesehen hatte . Drinnen sah es etwas vernachlässigt aus , der Graf war eben kein Kapellenbesucher . Und nun gar eine Gruftkapelle ! Staub und Spinnwebe lagerten über allem , und der unausgesetzt aufsteigende Qualm der Ewigen Lampe hatte das steife byzantinische Marienbild , das an der Wand dahinter aufragte , halb überblakt . Die strengen Züge schienen noch strenger geworden , und nur das Christkind , das nach der Weltkugel griff , lächelte . Franziska konnte sich von dem Bilde nicht trennen und sah andächtig und bewegt hinauf , während Egon , der zum ersten Male hier war , ziemlich abgespannt an den Särgen hinschritt und sie wiederholentlich zählte , trotzdem zur Feststellung ihrer Zahl ein einziger Blick genügte . Nur auf dem letzten Sarge lag ein Kranz , aber verwelkt , weil er nur einmal alljährlich erneuert wurde . Der alte Graf schien nicht viel interessierter als Egon , am lästigsten aber war ihm das Anstandsschweigen , die gezwungene Rücksicht auf Gebete , die , Judith abgerechnet , mutmaßlich von keinem gesprochen wurden . Endlich trat er in die Lücke , die noch zwischen dem letzten Sarg und dem Wandpfeiler war , und sagte : » Sieh , Judith , zwei Plätze noch , für dich und für mich . Kommt noch wer , so müssen wir zusammenrücken . Die Petöfys haben es an Politesse nie fehlen lassen . « Franziska gab es einen Stich , als er so sprach . Gehörte sie nicht hierher ? Überkam ihn plötzlich eine Standes- und Hochmutslaune ? Nein , unmöglich . Wenn er sich eben halb scherzhaft seiner Politesse berühmt hatte , so wußte sie , daß er eines besaß , das ungleich höher stand : Edelsinn und ein innerstes Widerstreben , anderer Gefühle zu verletzen . Aber wenn es nicht Hochmutslaune war , was war es dann ? War es , daß er sie zart und rücksichtsvoll in ihrer Eigenschaft als Protestantin nicht ohne weiteres an die katholische Stelle hin einladen wollte ? Sie kam zu keinem Abschluß und ging ernst und sinnend neben der alten Gräfin her , die , halb durch ihre Wünsche , halb durch ihre Korrespondenz mit Feßler präokkupiert , all diesem Ernst und Sinnen eine andere Deutung gab und an die Möglichkeit dachte , daß der Moment vor dem verblakten Marienbilde doch vielleicht ein Erweckungsmoment gewesen sein könne . Unter denselben Pausen , die man beim Hinabsteigen gemacht hatte , stieg man auch wieder bergan und war eben bei dem Teich und seinen Hängeweiden angekommen , als man etwas höher hinauf ein Schluchzen , Lärmen und Lamentieren hörte , das , wenn nicht alles täuschte , von der Stelle herkam , wo hinter dem langen Weingange die Gärtnerei gelegen war . Und wirklich , als man sich mit soviel Raschheit , wie das Asthma der alten Gräfin nur irgendwie zuließ , jener Vorlaube genähert hatte , vor der Franziska damals an dem Barcsaitage mit soviel Devotion und Liebe von seiten der Toldyschen Kinder empfangen worden war , sah man , daß sich hier etwas Ungewöhnliches ereignet haben müsse , denn nicht nur lief Toldy wie von der Tarantel gestochen auf und ab , auch die beiden ältesten Töchter starrten , den Kopf auf die Hand gestützt , in Traurigkeit vor sich hin , während vier kleinere , von denen keines über sieben zählte , bald an dem Rock des Vaters , bald an Kleid oder Schürze der beiden älteren Schwestern hingen und jenes Wehgeschrei fortsetzten , das man schon auf Mittelhöhe des Abhanges gehört hatte . Franziska , die für alles Toldysche voll wirklicher Zärtlichkeit war , eilte , wie sie den Jammer sah , allen anderen vorauf , den beiden ältesten Mädchen entgegen , aber ehe sie noch eine Frage stellen konnte , hatte sich Toldy selbst schon vor dem Grafen in die Knie geworfen und überflutete diesen mit einem Redestrom , in dem Marischka das dritte Wort war . Marischka sei fort , Marischka habe drunten auf der Wiese gespielt mit Stellmacher Szekelis großer Aranka , die schon ins zwölfte Jahr geh , und mit Zsoldos kleinem Görgeli , der noch kleiner sei als Marischka . Und mit eins sei von der Seite her ein böses altes Weib mit einem roten Tuch um den Kopf aus dem Erlenbusch herausgesprungen und hätte die Marischka gepackt und weggezerrt . Und das Kind habe nicht einmal geschrien , so todangst sei es gewesen . Und der kleine Görgeli sage , sie hätten ' s in einen Sack gesteckt . Aber das sei nicht wahr , das sei bloß aus dem Märchen , wo die Kinder immer in einen Sack gesteckt würden , nein , das glaub er nicht ; aber weg sei die Marischka und er müsse sie wiederhaben , denn Marischka sei das Nesthühnchen und ein Engelchen und er solle nur die Gräfin gnädigste fragen , die wiß es auch , daß es ein Engelchen sei . So ging es noch eine gute Weile , während die Kinder ebenfalls niederknieten und ihre Händchen falteten und jämmerlich weiterweinten und -schluchzten . Es war rührend , die Liebe der kinderreichen Familie zu dem verlorengegangenen Liebling zu sehen , aber in das Rührende mischte sich freilich auch ein Beisatz von Komischem , der , wenn nicht von Judith und Franziska , so doch von Egon und dem alten Grafen empfunden wurde . » Ja , Toldy « , sagte dieser endlich , » ich will tun , was du willst , aber du mußt mir sagen , was und wie . Gegen wen hast du Verdacht ? Wohin sind sie gegangen ? Und wen nehmen wir mit ? « » Istem Magyar , ich weiß : der Hanka muß helfen . So wir haben Hanka , haben wir auch Marischka . Hanka ist König . Aber Hanka hat Haß gegen Toldy , zweimal , erst Haß wegen dem Spiel « - und er machte die Bewegung eines Geigenstrichs - , » und dann Haß , weil Toldy gesagt hat - aber Toldy hat es nicht gesagt - , das letzte Feuer , das sei von ihm , von dem Hanka gewesen . Aber wenn Graf sagen : Hanka , hilf ! , dann hilft Hanka und vergißt Haß . Denn Hanka liebt Graf und fürchtet Graf . « Einem solchen Appell an Hülfe war natürlich nicht zu widerstehen , und so wurde denn , als man das Schloß erreicht hatte , sofort an » König Hanka « geschickt , der alsbald auch zurücksagen ließ : er wisse nichts weiter , als daß drei Lager am großen See seien ; an alle drei woll er schicken und alle drei seinen Willen wissen lassen . Aber es werde sich keiner zu dem Kindesdiebstahl aus freien Stücken bekennen wollen , und so werde man ' s doch suchen müssen , bis man ' s finde . Aber finden werde man ' s. Nach Eingang dieser Nachrichten beruhigten sich alle Parteien , am meisten Andras , der sich von Anfang an ziemlich kühl gezeigt und im Gegensatz zu dem Rest der Familie zu Hannah , die seine Vertraute war , dahin ausgesprochen hatte , daß das Toldysche Haus überhaupt auf zuviel Augen stehe . Was aber die Marischka beträfe , so sei sie wohl ein Verzug , aber kein Engel . Ein Punkt , über den zu sprechen er um so geeigneter war , als er selber ungebührlich verzogen wurde . Ja , man beruhigte sich , und Egon , als die Teestunde da war , stand bereits an dem Punkt , alles von der heiteren Seite zu nehmen . Zugleich sprach er gegen Franziska , die dabei zustimmend nickte , die Hoffnung aus , sie werde die für den andern Tag anberaumte große Suche mitmachen , immer vorausgesetzt , daß sich bis dahin nicht alles wieder geregelt habe , was freilich das wahrscheinlichste sei . Denn das ganze Gesindel hänge zusammen , und nachdem König Hanka seinen Ukas nunmehr erlassen habe , werde sich das » Engelchen « am andern Morgen auf Toldys Türschwelle vorfinden . Aber dies erfüllte sich nicht , und als um die zehnte Stunde noch immer an keine Marischka zu denken war , brach man in zwei starken Trupps auf , von denen der alte Graf die für das linke , Graf Egon die für das rechte Seeufer bestimmte Kolonne führte . Bei der ersteren war auch Toldy , bei der zweiten aber Andras und Franziska , welch letztere trotz alles Abmahnens der alten Gräfin ihrer Neugier und einem kleinen in ihr aufsteigenden Abenteuerhange nicht hatte widerstehen können . Unten in Szegenihaza schloß sich dem Egonschen Trupp auch noch der kleine geistliche Herr an , anscheinend um dem Ganzen eine höhere Weihe zu geben , in Wahrheit aber aus Vorliebe für die junge Gräfin und in dankerfüllter Erinnerung an die Stunden und Tage , die sein armes , kleines Leben einen Sommer lang beglückt hatten . Egon hieß ihn willkommen , und in jagdgerechtem Absuchen immer wieder von der Peripherie der Gehölze her bis in das Innere vordringend , ritt man von Dorf zu Dorf , auch sonst noch auf jede Kleinigkeit achtend . Aber die Sonne stand schon ziemlich tief , ohne daß man einer Spur des Kindes begegnet wäre . Franziska hing den Kopf , während Egon in wirklicher oder erkünstelter Verstimmung über den Schuft von Hanka herfiel , der bloß große Worte gemacht habe , sehr wahrscheinlich aber mit im Komplott sei . Das ganze Vergnügen sei wie Dachsgraben ohne Dachs , und alles in allem habe der Junge , der Andras , ganz recht , wenn er von zu vielen Geschwistern im Hause Toldy spreche . Bei solchem Geplauder waren sie bis in die Nähe der Südspitze des Sees gekommen , als sie plötzlich einige hundert Schritte hinter sich ein Rufen hörten und in raschem Sichwenden Andras erkannten , der , eine Strecke Weges zurückgeblieben , in seiner Linken etwas in die Höhe zu halten schien . Gleich darnach aber hörten sie , daß er Marischkas kleine Schuhe auf dem Grabenrande gefunden habe , ganz so wie hingestellt , um leicht und bequem gesehen zu werden ; dies sei der eine , den andern aber hab er stehenlassen , um die Stelle nicht zu verpassen ; er wette jetzt seinen Kopf , hier würden sie die Marischka finden , tot oder lebendig . Alle waren derselben Meinung und umstellten , als ihr Trupp heran war , eine von Disteln , Gras und Heidekraut überwachsene Gemarkung , auf der sie nun abermals wie zum Kesseltreiben vorgingen . Und siehe da , was man vermutet hatte , traf ein , und zwischen hohem Farnkraut , ein Tuch unterm Kopfe , lag das Kind und schlief . Auch ein weniges von Brot war ihm in die Tasche gesteckt worden . Alles jubelte , sogar Egon , und jeder bedauerte , daß der alte Toldy , weil bei der andern Kolonne , sein Glück nicht gleich erfahren könne . Zwei , drei Schloßleute brachen denn auch auf , ihn an der andern Seeseite zu suchen , der Rest aber legte das übermüdete Kind , das ruhig weiterschlief , in einen Korb und machte kehrt , um nunmehr unter Führung des Geistlichen an demselben Ufer hin , an dem man gekommen war , den Rückweg anzutreten . Dies war ein mehr als dreistündiger Weg , den die vom langen Ritt sich ohnehin ermüdet fühlende Franziska nicht auch noch im Sattel zurückzulegen wünschte , weshalb sie vorschlug , lieber in der einmal eingeschlagenen Richtung bis zu dem nahen Nagy-Vasar hin weiterreiten und von dort aus das letzte Dampfschiff zur Heimfahrt benutzen zu wollen . Andras solle sie beide begleiten . Egon war mit dem Vorschlage zufrieden , und so ritten sie denn auf den Flecken und seine Dampfschiffstelle zu . Achtundzwanzigstes Kapitel Es schlug eben sechs in den umliegenden Dörfern , als Egon und Franiska , nur von Andras begleitet , auf Nagy-Vasar zuritten . Was sie nach rechts und links hin vor sich hatten , waren Äcker und Wiesen , und nur dann und wann unterbrach ein mit Tannen untermischtes Birkengehölz die sich bis an den See hin dehnende Plaine . Der Weg konnte keine halbe Stunde mehr sein , und so mußten sie das um sieben Uhr abgehende Boot noch bei guter Zeit erreichen , auch wenn sie nur Schritt ritten . Aber gleich das erste Gehölz , das sie zu passieren hatten , gab ihnen einen Aufenthalt , indem sie ziemlich in der Mitte desselben einen Feuerschein zwischen den Bäumen hin wahrnahmen und allerlei Stimmen zu hören glaubten . Es schien ein Streit . » Wir müssen hinein und sehen , was es ist « , rief Egon , sein Pferd rasch herumwerfend , während ihm Andras und Franziska durch die weißen Birkenstämme hin folgten . Aber sie fanden nichts und kehrten endlich nach längerem Suchen auf die große Straße zurück . » Ich hoffte schon « , sagte Egon , » daß wir dem Toldy noch ein zweites , ein Pflegekind mitbringen könnten . « » Dessen er sich in dem Glück über das eigene Kind auch sehr wahrscheinlich gefreut haben würde . « » Ganz unzweifelhaft . Denn zu den vielen Unerklärlichkeiten des Daseins gehört auch die , woher die gewöhnlichen Leute , die sogenannten Enterbten der Gesellschaft , ihre Zärtlichkeit nehmen . « » Ich dächte , daher , woher andere sie gemeinhin auch nehmen oder doch nehmen sollten , aus dem Herzen . « » Gewiß . Aber wo die Not des Lebens nicht bloß mitspricht , sondern oft geradezu mitschreit , erscheint es mir immer rätselhaft , daß die Stimme des Herzens überhaupt noch gehört wird . Eine meistens doch nur leise Stimme . « » Warum leise ? Sie kann auch laut sein . Aber freilich , ich wundere mich nicht , Sie diese Sprache führen zu hören . War Ihnen doch die ganze Suche von Anfang an nur ein Sport . « Egon biß sich auf die Lippen und sagte mit einem Tone , darin eine gewisse Schärfe lag : » Vielleicht . « Aber rasch wieder einlenkend , fuhr er fort : » Ich begreife Sie nicht , Franziska . Welche Vorwürfe ! Sie werden sich doch , Pardon , nicht auf das Gefühlvolle hin inszenieren wollen ! Gerade Sie . Das ist ganz unmöglich . Ich möchte nicht gern über diesen Punkt eine Meinungsverschiedenheit oder auch nur Unklarheit zwischen uns herrschen sehen , und so lassen Sie mich Ihnen denn sagen , daß es in meinen Augen nichts Trivialeres gibt als Sentimentalitäten . Und darin , denk ich , stimmen wir zusammen . Ich gönne dem Gesamthause Toldy sein Glück und sein Geschluchze , denn alle diese Menschen , die Weiber natürlich vorauf , haben eine merkwürdige Gabe , zu jeder ihnen beliebigen Zeit in einen Strom von Tränen ausbrechen zu können , aber offen gestanden , ich habe kein Vertrauen zu der Aufrichtigkeit und noch viel , viel weniger zu der Tiefe solcher Gefühlsefferveszenz . « » Efferveszenz ! « wiederholte sie . » Welche Welt von Gleichgültigkeit drückt sich in diesem einen Fremdwort aus ! und diese Gleichgültigkeit haben Sie für das Höchste . Denn das ist es , wenigstens unter den irdischen Dingen . Ich kenne diese Leute , diese sogenannten Enterbten , und wenn ich mir nun ausmale , wie der alte Toldy das Kind in die Höhe hebt und es küßt und umhalst und wie ' s dann reihum geht und jeder es halten und wieder haben will , so wird es mir heiß und kalt ums Herz , und ich beklage geradezu , nicht Zeuge davon sein zu können . Wie leer ist anderer Leben dagegen ! « » Anderer ? « » Oder sagen wir unser , Ihres , meines . Ich habe nicht gelernt , aus meinem Herzen ein Geheimnis zu machen , und will es auch als Gräfin Petöfy nicht lernen . « » Ich erkenne Sie nicht wieder , Franziska . « » Weil Sie mich nie gekannt haben ... Aber wir werden uns in Trab setzen müssen , Egon , oder wir verfehlen das Schiff . « Andras wurde herangerufen , um über die beste Richtung Auskunft zu geben , ehe er aber noch antworten konnte , hörten alle drei schon das erste Läuten vom Dampfschiff her . » Allez ! « und in einer rascheren Gangart ging es jetzt über einen Feldweg und gleich darnach in schräger Richtung über eine Wiese hin , um mit Hülfe dieser Schräglinie die Hälfte des Weges abzuschneiden . Aber in der Mitte der Wiese war eine Sumpfstrecke , darin die Pferde so tief einsanken , daß sie kehrtmachen und die Hauptstraße wieder aufsuchen mußten . Endlich trotz alledem hatten sie Nagy-Vasar erreicht und jagten nun , um das Versäumte wieder einzuholen , die lange , winklige Gasse hinauf auf den See zu , von woher eben das dritte Läuten herüberklang . Aber ehe sie noch die letzte Biegung gemacht hatten , löste sich das Schiff schon vom Bollwerk und war bereits in voller Fahrt , als sie die Landungsbrücke zwei Minuten zu spät erreichten . Andras , im ganzen Stolz eines gräflichen Dieners , rief dem Kapitän ein ziemlich befehlshaberisches » Halt ! « nach und erwartete nicht anders , als daß der Respekt vor seinem Grafen allerhand Wunder wirken werde . Dies Wunder aber blieb aus , da Kapitän und Schiffsleute weder Egon noch Franziska erkannten , und so setzte das Boot denn seine Fahrt ruhig fort , während sich das an der Anlegestelle herumstehende Volk seiner kleinen Schadenfreude hingab und kicherte . » Que faire ? « fragte Egon , der sich rasch vom Pferde geschwungen hatte . » Wir werden uns in der nächsten Schenke wohl oder übel einquartieren oder vielleicht besser noch bis Mihalifalva reiten müssen . Da finden wir etwas , das einem Gasthof ähnlich sieht . « Auch Franziska war aus dem Sattel gestiegen . » Ich denke , wir nehmen ein Segelboot und versuchen es mit einer Fahrt über den See ... Sagt , Leute , wie lange fahren wir bis Szegenihaza ? « Diese Frage hatte sie an eine Gruppe von Personen gerichtet , die bis dahin in dem Ausdruck ihrer Schadenfreude voran gewesen waren , jetzt aber bei der Aussicht auf Lohn und Verdienst mit einem Male sehr ernst und respektvoll wurden . » Zwei Stunden « , sagte der eine . » Drei « , verbesserte der andere . So ging es hin und her , bis man sich dahin einigte , daß es in dritthalb Stunden zu machen sei , wenn man ein kleines , leichtes Boot , ein Segel und zwei gute Ruderer nähme . Der Wind sei nicht ungünstig , Südwest , und die Sterne zögen immer heller herauf . Alles Volk , das zur Hand war , war denn auch sofort bereit , ein auf den Strand gezogenes Boot wieder flottzumachen , Egon aber nahm Franziskas Hand und sagte : » Franziska , Sie nehmen die Sache von der romantischen Seite . Fast ist es , als trügen Sie Verlangen nach einem Abenteuer . Aber erinnern Sie sich , daß Abenteuer und Gefahr Geschwisterkinder sind . Ich habe manches von diesem See gehört und muß Ihnen sagen , daß Sie beides haben können , Abenteuer und Gefahr . « » Beides ? « scherzte sie . » Nun , dann um so besser . Übrigens vergessen Sie , daß ich aus einer Seestadt bin . Und weil ich es bin , weiß ich mit aller nur möglichen Sicherheit , daß es gerad umgekehrt liegt und daß keine Gefahr im Anzug ist . Schiffersleute sind die sorglichsten und beinahe ängstlichsten Leute von der Welt , und wenn ein Bootführer mir sagt : Heute fahr ich , so fahr ich mit ihm , wohin er will , und wenn es in einer Nußschale wäre . « » Gut , ich bin es zufrieden . Unter allen Umständen würd es mir schlecht anstehen , noch weiter abmahnen zu wollen . Also wir fahren ! « Andras hatte , während dies Gespräch geführt wurde , die drei Pferde bei dem Schenkwirt untergebracht . Als er zurückkam , schwamm das Boot schon , und abermals eine Minute später löste sich ' s unter dem Zurufen der Menge von dem Brückenpfahl ab , an dem man es kurz vor dem Einsteigen zu größerer Bequemlichkeit angekettet hatte . Jeder hatte seinen Platz : Andras am Steuer , Egon und Franziska dicht vor ihm ; von den beiden Schiffsleuten aber , denen man sich anvertraut hatte , hielt der eine die Segelleine , während der andere bequem ausgestreckt am Boden lag und seinen wollhaarigen Mohrenkopf gegen die Kielspitze lehnte . Nichtsdestoweniger war er ersichtlich die Hauptperson und gab durch kurze Bewegungen mit seiner Stummelpfeife dem gegenübersitzenden Andras an , ob er mehr nach rechts oder nach links hin steuern solle . Die Fahrt war entzückend , keine Welle ging , und Egon und Franziska , die den Blick auf den anscheinend in endloser Ausdehnung vor ihnen liegenden See frei hatten , konnten noch eine Zeitlang die durchglühte Rauchwolke des ihnen vorauffahren den Dampfschiffs erkennen . Endlich aber schwanden Schiff und Glutschein , und von Licht war nichts mehr sichtbar als die Pünktchen in den Hüttenfenstern am Ufer . Andras begann ein Lied , unsicher erst und befangen ; als aber gleich darnach sein Gegenpart am Kiel und wieder einen Augenblick später auch der Mann am Segel einzufallen und Egon im Takte Bravo zu klatschen begann , wurde das Singen immer kräftiger und voller und klang melodisch in die Nacht hinein . Egon nahm Franziskas Hand und sagte : » Wie schön ! « » Romantisch « , neckte diese . » Zuletzt behalt ich doch recht mit unserer Fahrt . « Aber immer einsamer ward es . Die letzten Lichtfünkchen am Ufer erloschen , und nur die Sterne glühten noch über ihnen . So war eine Stunde wohl vergangen , und sie mußten eben den Punkt erreicht haben , wo zwischen zwei Bergmassen das Wetterloch und sehr wahrscheinlich in Folge beständig kreisender Luftströmungen eine von den Schiffern gefürchtete Trichterbewegung , ein Strudel , auf dem See war . Egon wußte von diesen Strudeln und ihrer Gefahr , aber auch wenn er nicht davon gewußt hätte , würd ihn die plötzlich veränderte Haltung der beiden Bootsleute darauf aufmerksam gemacht haben . Der jüngere , der bis dahin die Segelleine gehalten hatte , reffte plötzlich ein , während der andere seine Pfeife beiseite warf und rasch aufsprang , um dem andern bei seiner Arbeit behülflich zu sein . Ihr Singen hatte schon vorher aufgehört . Und nun nahmen beide die großen Ruder zur Hand und griffen mit einer Anstrengung ein , die deutlich erkennen ließ , daß man entweder den Kurs ändern oder einen immer stärker werdenden Widerstand besiegen wolle . Franziska hatte all dessen nicht acht und sah nur auf die blinkenden Tropfen , die vom Ruder fielen . Sie war müde geworden und bedauerte nichts weiter , als daß das Singen aufgehört habe . Plötzlich aber überlief es sie fröstelnd und fiebrig , und sie sagte leise vor sich hin : » Mich friert . « Wirklich , es kam eiskalt vom Gebirge her , während zugleich hoch oben in der Luft ein feines Getön , ein unheimliches Pfeifen anhob . Und als Egon jetzt hinaufsah , sah er , daß die Sterne fort waren . Er schwieg indes und fragte nur den mit dem Mohrenkopf , ob er nicht eine Decke für die Gräfin habe . Der nickte , gab dem andern sein Ruder mit in die Hand und kam gleich darnach mit zwei Decken zurück , die bis dahin in der Nähe des Steuers unter einem Stück Segeltuch gelegen hatten . Franziska stand auf und wollte sich darin einhüllen , aber sie hatte nicht mehr Kraft genug und streckte sich endlich auf Egons Bitten am Boden des Bootes hin aus , auf dem man ihr eine Kopflage zurechtgemacht hatte . Dann nahm Egon die Decken und deckte sie zu . Es war höchste Zeit , denn kaum daß sie so lag , so kam es auch schon wie eine Spirale die Luft herunter und hob das Wasser samt dem Boot in die Höhe , als ob ein Kork gezogen würde . Dazu wuchs das unheimliche Gepfeif , und als Egon jetzt unwillkürlich dem wenigstens anscheinend aus der Höhe niedersteigenden Tone nach obenhin folgte , sah er , daß die Sterne wieder da waren . Aber sie standen jetzt an einem wunderbar durchglühten Himmel , und ihr Licht , das eine Stunde vorher noch so still und friedlich auf die Welt herabgeblickt hatte , sah jetzt auf sie nieder , als ob es Unheil und Untergang bedeute . » Mich friert « , wiederholte Franziska , während sie mit der Hand auf ihre Schläfe wies ; Egon aber , ohne sich zu besinnen , riß jetzt den langen blauen Schleier von dem neben ihr liegenden Reithut und wand ihn um ihre Stirn , und der freundlich matte Blick , der ihn traf , verriet ihm , daß er ' s mit diesem Dienste getroffen habe . Die Bootsleute hatten mittlerweile die Ruder eingezogen , und Egon , der eine Hoffnung daran knüpfen mochte ,