irgendeinm Falterl ein Schmutz vom Vorhergegangnen , oder nimmt eins die aufzuerlegende Pflicht nit ernst gnug , so hat das jeds mitm Herrgott allein auszmachen , und dessen is , wie gschrieben steht , das Gericht ; wir sind nur seine Gnadnverwalter , und die habn wir auszteilen , wie ich mein , nach der Vorschrift , nit gepfeffert und nit überzuckert . « Der alte Herr hatte das Pfeifenrohr an den Enden angefaßt und wiegte mit den Armen , jetzt machte er einen heftigen Ruck , daß es sich bog , » knack « , sagte es ; er schlug ärgerlich die beiden Stümpfe gegeneinander , schleuderte sie dann nach einer Ecke und bewegte die Lippen , da er sich aber nichts verlauten ließ , so mag es dahingestellt bleiben , ob er nicht etwa im stillen , ganz für sich , einen » verluderten Ausdruck « gebrauchte . Er warf die Hände über den Rücken , machte ein paar Schritte , räusperte sich und hob wieder an : » Ja , mein lieber Herr Sederl , Sie kennen halt die Menschen noch viel zuwenig und gar erst die Leut , die Leut ! Man nennt uns nit umsonst Seelenärzt , wenn auch neuzeit gesagt wird , Seel hätt der Mensch gar keine , das is Wortfechterei und Silbenstechen ; der Mensch hat so was wie eine Seel , das sag ich allen gelehrten Herren zu Trutz , ich , der ich jetzt meine guten dreißig Jahr dasitz auf einer und der nämlichen Pfarr und alle meine Patienten vom ersten bis zum letzten , vom ältesten bis zum jüngsten genau kenn ! Der Mensch hat eine Seel , die ihm im gsunden Körper verkümmern und übern siechen hinauswachsen kann , ein Ding , das z ' tiefinnerst uns per du anredt , und wann das sagt : ' Du Halunk ' , so gebn wir uns bei alln Reichtümern und Ehren der Welt nit zfrieden , und wann es sagt : ' Du braver Kerl ' , so halten wir getrost aller Verleumdung und Verfolgung stand . Wenn aber Gottlosigkeit und Zweifel , eigene oder fremd woher , der Seel d ' Red verschlagen , so wird sie krank , und wir haben dann die Wahl , wie wir ihr Luft machen wollen , durch die Furcht vorm Teufel und der Höll oder durch d ' Hoffnung auf Gottes Erbarmung und das Himmelreich , und da weiß ich ' s nit anders , als daß der Mensch die Erbarmung sucht ; der Sündigste verstockt und verhärtet sich gegen die Furcht , aber die Zeit und die Stund kommt , und wär ' s seine letzte , wo er sein Ohr der Botschaft von der Gnad und Erbarmnis Gottes zuneigt . Paarmal schon bin ich an die Sterbebetten von Erzhalunken grufen worden und hätt , lieber als nit , gleich nach ' m Sündenbekenntnis davonrennen und sie allein liegen lassen mögen , aber wann s ' mich angschaut habn mit Augen wie ein winselnder Hund an der Ketten , der ' n Bauer mit ' m Tremmel herzukommen sieht , ja , du mein Gott , da hab ich alln Trost , mag er gschrieben stehn oder nit , aufgewendt , daß ich ihnen über ihr letzte Not hinweghelf . So was will durchgmacht sein , von dem Augenblick an , wo man sich aus hellem Mitleid um so ein verlornen Menschen zu ängstigen anhebt , bis dahin , wo einm mit einmal hart und leid um ihn gschieht , bis zletzt , wo man sich zugleich mit ihm beruhigt und in selbem gott- und weltergebenen Frieden , wie er von der Erd , aus ' m Haus scheidt . Sederl ! Solche Wunder der Barmherzigkeit muß man erlebt und Gott die Ehr dafür gegeben haben , dann entschließt man sich wohl zur eindringlichen Vermahnung , zum aufmunternden Zuspruch , aber aufs Dreinteufeln gibt man nit so viel . « Er schnippte mit den Fingern . Der Kaplan sah aus dunkelrotem Gesichte mit leuchtenden Augen nach dem Pfarrer . Er erhob sich und streckte ihm die Hand hin . » Verzeihen S ' « , flüsterte er . » Ah , gehn S ' mir weg , da gibt ' s nix zu verzeihen ! Sie sind hierorts mein Assistent , als solchen kann ich Sie nit auf eigene Faust herumdoktern lassen und muß Sie wohl über mein Method , die sich d ' Jahr her bewährt hat , aufklärn , so wie ich drauf schaun muß , daß Sie erst mit unsere Patienten vertraut werden . Es is gar eigen und merkwürdig mit ' m Volk . « - Er wiegte nachdenklich den Kopf . - » Stelln S ' Ihnen vor , was die letzten Tröstungen anlangt , passiert ' s mehrfach , daß einer , in dessm Herzkammerl es unsauber gnug ausschaut , sich steif und fest ' n Himmel erwart , während ein alts , fromms Mütterl , was nie keiner Fliegn ein Leid angtan , die Höll fürcht , wie nit gscheit . Es is mir unerklärlich , aber es hat ganz ' s Ansehen darnach , als wär bei solchn Leuten , die doch nit davon glesen noch ghört habn , von selber der Gedanken erwacht , daß Gott von allm Vorhinein , ohne daß durch ' s Menschen eigenes Dazutun dran was z ' ändern stünd , ein Teil zur Seligkeit und ' n andern zur Verdammnis bestimmt hätt ! « Der Kaplan machte den Versuch , Runzeln zu ziehen , was aber nicht gelang , da sich die Haut über seine niedere Stirn glatt wie ein Trommelfell spannte . » Ärlauhben , woo aaber füntet sihch teer Getange ? « fragte er , erregt und - hochdeutsch . Der Pfarrer sah ihn mit hoch gehobenen Augenbrauen erstaunt an . » Im heiligen Augustin « , antwortete er , » wenn anders mein Gedächtnis im Behalten nit schwach gwordn ist . « Sederl sah vor sich hin , er stemmte die Fingerspitzen gegeneinander und drückte langsam Handfläche an Handfläche . » Verzeihen S ' « , murmelte er , » ' s meinige hatte mich für ' n Augenblick verlassen . Übrigens ist diese Meinung ... « » Nur spekulativ , wie es mehr oder weniger alles is , was in Glaubenssachen übers Credo hnausgeht . Ich hab ' s nur vorgebracht , weil ' s mir z ' Anfang meiner Seelsorg viel z ' denken geben hat , und ich war damal der Meinung , solche Anschauungen unter ' n Leuten hätten ihrn Grund in der Übermütigkeit der einn , denen ihr Lebn lang alls Gute zugflossen is , ohne daß sie ein Finger darnach auszurecken brauchten , und in der Verzagtheit der andern , die von der Wiegn an alls Elend verfolgt hat . Mag schon was Wahrs dran sein , aber für alle Fälle wollt ' s nit ausreichen , und bei näherm Zusehen bin ich auf welche getroffen , die ' n Katechismus mit gar eigene Augen lesen und für d ' Gebote Gottes und die Vorschriften der Kirche völlig farbenblind sein ; mit solchen hat mer erst a hells Kreuz , ob s ' d ' Gnad Gottes mitm irdischen Wohlergehn , die Andachtsübungen mitn guten Werken verwechseln oder anderswas anderswie , das is ein Teufel . Und soviel ich bisher Glegenheit ghabt hab , die Dirn , über die wir ' n Dischkursch führn , zu beobachten , scheint mir , die is eine von derer Gattung . Na , wann s ' dö Tag zur Beicht kommt , hörn S ' ihr s ' ab , Herr Kaplan ! Sie können dabei was lernen . « » Gerne . « Es pochte , ein halbwüchsiges Dirnchen schlüpfte zur Türe herein , drückte mit einem Stoße seiner Rückseite sie wieder ins Schloß , lief dann auf beide Geistlichen zu und küßte ihnen die Hände . » Ah , du bist ' s , Hannerl ? « fragte der Pfarrer , die Kleine in die pralle Wange kneipend . » Kann mir ' s denken , warum d ' herlaufst . Hat gwiß der Storch schon a Gschwisterl gbracht ? « Das Kind nickte . » Is ' s a Brüderl ? « Das Kind schüttelte den Kopf . » Ein Schwesterl also . Sollst wohl d ' Tauf ansagn ? « Die kleine Dirne nahm jene schwermütige , einfältige Miene und summende , klagende Sprechweise an , welche sie den Erwachsenen bei Beileidsbezeigungen abgelauscht hatte . » ' s Kindl bleibt uns nit , drum is d ' Hebmutter mit der Nachbarsliesel als Gödin hraufgrennt , daß ' s nur gleich gtauft wird . Sie warten in der Kirchen . « Der Pfarrer stürzte aus der Stube und lief kopfschüttelnd nach dem Gotteshause , um ein Wesen in die christliche Gemeine aufzunehmen , das , ohne in einer Wiege gelegen zu haben , in den Sarg gebettet werden sollte . Der Kleebinder Muckerl und die Zinshofer Helen waren von der Kanzel geworfen worden . Am darauffolgenden Nachmittage stieg die Dirne die breiten Stufen zur Kirche hinan , langsam , mit gesenktem Kopfe ; oben angelangt , wandte sie sich nach links und schritt dem Pfarrhause zu . Dort stand sie eine Weile unschlüssig vor der Türe der Kanzleistube , dann pochte sie leise , auf den Zuruf von innen faßte sie mit unsicherer Hand an die Klinke und trat ein . Hinter dem Schreibtische saß der Kaplan , den Kopf über einen mächtigen Folianten geneigt , sie sah nichts von ihm als seine großen Hände , mit denen er die Deckel des Buches umklammerte , und seine Schädeldecke mit dem struppigen Haar , in dessen Mitte ein kahler Fleck , die Tonsur , glänzte . » Gelobt sei Jesus Christus « , sagte sie . » In Ewigkeit ! « Ein Schwarm von Fliegen surrte an ihr vorüber . Sie wehrte einige ab und sah zu , wie sie sich jagten , zerstreuten und mählich an verschiedenen Stellen wieder zur Ruhe kamen ; dann flüsterte sie : » Hochwürden ... « » Was gibt ' s ? « fragte der Geistliche , ohne aufzublicken . » Ich bin d ' Zinshofer Helen - die Braut - « » Weiß es . « » Da wär ich halt und tät gern beichten . « » Jetzt gleich ? « » Wenn ' s sein kann und ich nit unglegen komm , Hochwürden , wär mir ' s lieber , jetzt gleich . « Der Kaplan nickte , schob das Lineal als Lesezeichen zwischen die Blätter , klappte das Buch zu und erhob sich . Erst jetzt , wo er vor der Dirne stand , richtete er seine unsteten Augen auf sie , sie blickte ihn schüchtern an , da senkten beide die Wimpern und sahen , wie zuvor , nach der Diele . Der Ton der Stimme klang rauh und die Rede unfreundlich , als der Kaplan sagte : » Geh Sie voraus in die Kirche , sammle Sie sich noch ein wenig , ich komme gleich nach . « Als sie allein in die leere Kirche trat und selbst ihr leiser Tritt auf den Steinfliesen einen Hall weckte , der in den hohen Gewölben zitternd , wie klagend , erstarb , da blickte sie scheu um sich , atmete schwer auf und preßte beide Hände an das Herz . Der junge Priester ging an ihr vorüber nach der Sakristei . Er legte sich selbst die Alba , das weiße Chorhemd , an , hing sich die Stola um und setzte das Käppchen auf , dann begab er sich in den Beichtstuhl ; das Taschentuch in seiner Linken hielt er vor das Gesicht , mit der Rechten machte er das Zeichen des Kreuzes über die Dirne und neigte das Ohr seitwärts nach dem Gitter , hinter dem es nun zu wispern und zu flüstern begann . - - Das Tuch ist ein notwendiges Requisit . Die Augen hält der Priester geschlossen , die verraten nichts , die untere Hälfte seines Gesichtes aber deckt das Tuch ; gut , wenn es nichts zu verhüllen hat als etwa das Lächeln über naive Geständnisse kindlicher Seelen und nicht das starre Erstaunen , das jähe Erschrecken , den fröstelnden Ekel über ungeahnte Laster , Missetaten und Gemeinheiten . Bei seinen bisherigen Beichtkindern hätte Kaplan Sederl allerdings des Tuches nicht bedurft . Man hatte ihm jene alten Frauenzimmer zugewiesen , die ihres chronischen Seelenleidens halber allwöchentlich in die Kirche gelaufen kamen und manchen wackern Priester ärgerten ; ferner mußte er aushelfen , wenn man die Schulkinder zur österlichen Beichte führte . Die Sündenbekenntnisse , welche er zu hören bekam , waren daher keineswegs aufregender Natur , er war aber auch anderseits ein sehr ernster Mann , der kein Geständnis leichtzunehmen vermochte und jedes in aller Weit- und Breitschweifigkeit behandelte , darum drängten sich die alten Weiber an ihn heran , während Knaben und Mädchen , nur vom Lehrer hingewiesen , sich vor seinem Beichtstuhle anreihten und , wenn es irgend anging , sich sachte wieder davonstahlen ; es galt für eine Art Schulstrafe , bei Kaplan Sederl beichten zu müssen . Was sich nun aber hier , wo er zum ersten Male in der kleinen Dorfkirche zur Beichte saß , an die vorgeschriebene Reue- und Leiderweckung anschloß , war nicht das herabgeleierte , aus dem Beichtspiegel « zusammengesuchte Geständnis eines Kindes , nicht das selbstquälerische , von Seufzern begleitete Geschwätz einer hysterischen Alten , es war das Bekenntnis eines reifen Wesens , das sich bewußt war , gesündigt zu haben , eine Selbstanklage , die in allen Punkten zu Recht bestand und , obwohl stotternd , doch im Tone trockenster Aufzählung vorgebracht wurde . Heiß und kalt überlief es den jungen Geistlichen . Ihn empörte diese von keiner Regung der Scham begleitete Aufdeckung moralischer Gebreste und Schäden , er vergaß , daß die Vorschrift dem Beichtkinde auftrug , sich dem Beichtiger gegenüber von der Scham nicht beeinflussen zu lassen . Zum ersten Male hatte er Gelegenheit , in die Tiefen eines menschlichen Herzens zu blicken , und er fand da nicht Verlaß noch Treue , ohne daß er ahnte , wie wenig überhaupt davon in der Welt vorkam und fortkam und , schon als zarter Schößling roh unter fremde Füße getreten , mit eigenen Händen , leichtfertig oder verzweifelnd , ausgerauft wurde , da es ja doch keinem zu Nutz noch zu Genuß gedieh . Er ließ die Hand mit dem Tuche sinken , mit zornigen Augen sah er durch das Drahtgeflechte des Gitters und begann zu eifern . Damit hatte er es versehen , und doch machte dieses Versehen die Beichte ihm lehrreich und verhalf ihm zu einem der bleibendsten Eindrücke in seiner Erinnerung . Helene starrte ihn erst erschreckt an , dann begannen sich ihre Augen mit Tränen zu verschleiern . In stammelnder Erregung brachte sie Aufklärungen und Erläuterungen über ihr Tun und Lassen vor , durch welche dasselbe entschuldigt werden , in milderem Lichte erscheinen sollte , immer aber fand sie sich zuletzt einem schlechten Willen , einer sträflichen Schwachheit gegenüber , denen sie nachgegeben hatte , welche ihr selbst unerklärlich waren und nun geradezu wie Eingebungen des Bösen erschienen . Jammernd rang sie die Hände , brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und stieß sich die Stirne an dem geschnitzten Zierat des Beichtstuhles blutig . Da überkam , jäh wie eine Offenbarung , den jungen Priester die Erkenntnis , warum der , an dessen Statt er nun des Amtes zu walten vorgab , nicht jene , die vertrockneten oder reinen , unberührten Herzens auf den Höhen des Lebens wandelten , zu sich berufen hatte , sondern die der Führung und des Trostes Bedürftigen , die Kinder , die Mühseligen und Beladenen und die Sünder , und warum die alte Welt bis in ihre Grundfesten erschüttert wurde durch die neue Botschaft , welche an Stelle des starren Gesetzes die Liebe , an Stelle der Strafe die Gnade zu setzen verhieß . Und nun begann der Kaplan beruhigend und tröstend zuzusprechen , und je leiser das Stöhnen der vor ihm Knienden wurde , je mehr ihre geknickte Gestalt sich aufrichtete , je inniger und vertrauender ihr Blick auf ihm haftete , je überzeugender und eindringlicher ward seine Rede , und nie hatte er , so ganz eingedenk ihres Gewichtes , die Lossprechungsformel feierlicher und andächtiger ausgesprochen . Als er aus dem Beichtstuhle trat und das junge , schöne Weib zu ihm aufsah mit dem bleichen , reglosen , frommen Antlitze , da meinte auch er sagen zu dürfen : » Wer sich rein fühlt , der werfe den ersten Stein auf sie ! Gehe hin und sündige nicht mehr ! « Mächtig hob sich seine Brust . Er reckte sich empor . Heiliger Ernst lag über seinen Zügen , und aus seinen Augen blickte eine milde und gelassene Ruhe , als sähe er die Dinge in dem Lichte einer weltentlegenen Sonne , in all ihrem dürftigen Scheine und ewigen Wandelbarkeit . Zu der Stunde war dieser häßliche Mensch schön ; schön , wenn es je eine durchgeistigte Form über eine leere vollendete davontrug . Er trat an die Dirne heran . Die Worte seines Herrn und Meisters zu gebrauchen schien ihm doch eine Entwürdigung . Er berührte flüchtig mit der Hand ihren Scheitel und hieß sie mit leiser Stimme aufstehen und gehen . Helene raffte sich rasch auf und lief nach der Kirchenpforte , der Kaplan schloß hinter ihr ab , begab sich in die Sakristei , wo er hastig seinen Ornat ablegte und dann durch ein kleines Pförtchen hinaus ins Freie trat . Es begann zu dämmern . Hinter der Kirche lief durch dichten Busch ein schmaler Pfad , wenige Schritte lang , bis zur Ecke der niederen Friedhofmauer , dort lehnte sich der junge Geistliche an das Gestein und sah über die Ruhestätte der Toten hinweg , in die Ferne . Einzelne Sterne blinkten dort über den Hügeln . Und dort in unermessenen Weiten , dahinter dem allem , wo kein Stern mehr kreist , waltet , was die Myriaden Stäubchen aufleuchten , erglühen , wirbeln macht , alle zu sich emporzwingt , und zu dem aller Staub aufstrebt , der tote wie der belebte - jene alleinige Kraft und Macht , die auf öden Gestirnen die Steine klingen läßt und auf bewohnten den Hall atmender Kehlen weckt und die unmittelbar an uns rührt , wenn Hohes , Hehres , Gewaltiges uns in erschauernder Seele erfaßt , von dem wir nicht wissen , woher es uns komme , nur , daß es nicht des Staubes ist ! Aus solch innerster Lohe brach wohl die heilige Flamme der Offenbarung hervor , und für den , der getreulich ihre Wärme und Segnungen spendet , kommt die Stunde , da ein Funke ihrer Glut in seinem Herzen anglimmt und er sich einen Teil jener all-einen Kraft fühlt ! Der junge Priester breitete die Arme gegen den Himmel ; da raschelte etwas zwischen den Gräbern , eine Maus oder eine Eidechse , er schrak leicht zusammen und sah eine Weile nach dem welligen Rasen hinüber , dann faltete er die Hände und senkte demütig das Haupt . » Dem Herrn allein die Ehre und mir den Frieden des Wandels nach seinem Worte . « Ach , nur selten sind jene Augenblicke überwältigender Begeisterung , in denen der Mensch gleichsam einen Weg aus sich heraus und über sich hinweg findet ! Rasch zerrt das Alltägliche ihn wieder an sich und stopft ihn unter den gewohnten Hausrat , der fast zu einem Teil des Selbst geworden ist , und je niedriger ein Gerät , um so aufdringlicher erscheint dessen Dienstleistung ; es ist , als ob dasselbe spöttisch kicherte : Euer Herrlichkeit geruhten ein wenig Gott zu spielen , haben aber darüber meinen Gebrauch doch nicht verlernt . Schon am nächsten Nachmittage stak der Kaplan wieder in der dumpfigen Amtsstube . Vor der Türe derselben stand lauschend der Pfarrer . Von Zeit zu Zeit schallte innen ein klatschender Klaps . Als es dem alten Herrn zuviel ward , polterte er lachend hinein . » Lieber Herr Sederl , nein , das kann nit weiter so fortgehen , die Verantwortung nähm ich nit auf mich . Sie legen ja förmlich Hand an sich ! Gleich morgen früh schick ich zum Kramer um ein Fliegnpapier , wolln hoffen , daß mer bei dem Spitzbubn ein echts kriegt und wir die Racker loswerdn , denn wenn wir ' s mitm draufgstreuten Zucker nur füttern möchten , dann hättn mer uns rein noch welche dazukauft . « Helenens Schreck im Beichtstuhle war ein aufrichtiger , der Ausbruch ihres Jammers kein gemachter , berechneter . Sie fürchtete eine Verweigerung der Absolution , eine entehrende Bloßstellung vor den Leuten oder irgendein anderes , sie wußte selbst nicht , was , das ebenso all ihre Aussichten und Pläne für die Zukunft zernichten konnte . Sie vermochte auch auf dem Heimwege ihrer Aufregung noch nicht Herr zu werden und gelobte dankbaren Herzens , sich von Zeit ab brav und rechtschaffen zu halten , » weil nur diesmal alles gut ausgegangen « . Zur Stunde aber , wo Kaplan Fliegentöter vom Pfarrer überrascht wurde , musterte sie ihren Brautstaat , der über ihrem Bette ausgebreitet lag , und trällerte dabei und sang Schnadahüpfeln : » Kein Katz , was nit maust , Kein Spatz , was nit fliegt , Kein Bäurin , was haust Und ' n Mon nit betrügt . « Das war gestern eine Beicht gewesen ! Ei , wohl , eine schwere , harte Beicht . Gott sei Dank , daß es überstanden war ! Der alte Pfarrer kannte seine Beichtkinder und war überzeugt , daß einige von ihnen nur durch geänderte Verhältnisse , in die sie sich wohl oder übel schicken mußten , zur Vernunft zu bringen wären , darum sah er es wohl auch gerne , wenn die Zinshofersche Dirn unter die Haube kam , und darum sagte er bezüglich jener Beichte - da ihn ein leises Mißtrauen gegen einen beidteiligen , nachhaltigen Erfolg derselben beschleichen mochte - zu dem Kaplane : Sie können dabei was lernen ! Damit behielt er recht . XIV Wenige Tage vor der Hochzeit Muckerls mit Helenen legte sich die alte Kleebinderin krank zu Bette . Es bot dies willkommenen Anlaß , jede lärmende Feier , welche leicht zu bösartigen Späßen und gehässigen Ausschreitungen Gelegenheit geben konnte , zu unterlassen und sich mit einer stillen Trauung zu begnügen , ohne daß es aussah , als ob man sich durch Furcht vor den Leuten einschüchtern und im freien Willen beschränken ließe . Freilich fiel es dem jungen Weibe hart , so ohne Sang und Klang in sein neues Heim ziehen zu müssen . Helene hätte eher allem Spott und Hohn getrotzt als auf etwas verzichtet , das sie in eigenen und fremden Augen gegen andere Hochzeiterinnen zurückstehen ließ , da es sich aber schickte , daß sie sich mit der Lage ganz in der Weise abzufinden hatte , wozu jede andere der gleiche Fall verpflichtete , so war sie heimlich darüber froh . Am Abende des Hochzeitstages eilte sie hinüber nach ihrer Hütte , ihr » Sacherl « - wie sie ganz freimütig eingestand - » zurückzuholen « in das Haus , woher es gekommen . Die alte Zinshofer saß nachdenklich und gedrückt auf der Gewandtruhe , sie hatte den einen Arm über das nicht allzugroße Bündel gelegt , Helene zog ihr dasselbe darunter hinweg und sagte , in der Stube herumblickend : » Schau , jetzt hast ' n ganzen Raum für dich ; wird dir auch wohltun . Gute Nacht ! « Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von der Stätte ihrer Kindheit und von der Mutter . Vom nächsten Morgen an schaltete sie im Kleebinderischen Heimwesen . Sie fragte nicht nach , wie die Schwiegermutter es bisher mit manchem gehalten habe und wohl auch fürder damit gehalten wissen wollte ; die arme Alte aber , die siech darniederlag , konnte sich nicht einmengen , wenn sie auch gewollt hätte . Kam die Zinshofer mit unerbetenen Ratschlägen , so wurde sie von der jungen Kleebinderin zum Hause hinausgescholten , wofür die gekränkte Mutter dem ungeratenen Kinde die Strafe Gottes in Aussicht stellte ; doch ließ der Himmel in bekannter Langmut den unkindlichen Frevel » aufsummen « , obwohl die Alte allwöchentlich mindestens einmal zeternd und belfernd von der Jungen hinweglief . Des Holzschnitzers Mutter , das arme , kranke Weib , war nun freilich außerstande , das Haus zu verlassen , auch machte das schwere Siechtum sie anderen Sinnes ; sie wollte in der Hütte sterben , in der sie die längste Zeit ihres Lebens verbracht , sie wollte in ihren letzten Tagen ihr einziges Kind um sich haben , wie nah es ihr auch ging , dessen Neigung mit einer anderen teilen zu müssen , und mit welcher anderen ! Sie mißtraute derselben , ja , sie bangte , » weil sie so gar elend und unnütz herumläge « , daß das junge Weib sie dem verliebten , nachgiebigen Manne ganz entfremden und verleiden könne , und sie glaubte vorbauen zu müssen und sagte oft , ohne eigentlichen Anlaß : » Wenn ich merken tät , daß ich da im Haus zur Last fall , ich ging gleich , mich sollt nix halten . « Daraufhin blickte der Sohn sie jedesmal mit großen , bittenden Augen an , aber er blieb stumm ; daß ihn irgend etwas von seiner Mutter zu trennen vermöchte , schien ihm so ganz undenklich , daß es ihm zu einer Entgegnung an Worten gebrach , und so unterblieb auch jede Beteuerung seiner unveränderten Kindesliebe , nach welcher die arme Kranke wohl erwartend hinhorchte und die sie ihm , sich zur Tröstung und Beruhigung , von der Zunge lösen wollte . Es war aber noch ein anderes , das ihm die Kehle zuschnürte ; er merkte die Eifersucht zwischen der alten und der jungen Frau , und da doch an beiden sein Herz hing , so hielt er es für überflüssig , der einen in Gegenwart der andern gute Worte zu geben , und vermied es des lieben Hausfriedens willen . Ob Helene den Einfluß ihrer Schwiegermutter fürchtete oder nicht , davon war sie überzeugt , daß diese nicht gut auf sie zu sprechen war , und verließ daher nur selten und auf kurze Zeit das Haus , » um der Alten nit Gelegenheit zu geben , ' s Maul auszuleeren und hinterrücks zu schimpfen und zu hetzen « . War aber das junge Weib auswärts , dann legte Muckerl sein Werkzeug aus der Hand und ging hinüber in die Kammer zur Kranken . Mit Schrecken betrachtete er den unförmlichen , von der Wassersucht entstellten Leib , die abgezehrten Arme der hilflos Darniederliegenden . Er zog sich einen Stuhl an das Bett , erfaßte die auf der Decke liegende knöcherne Rechte und hielt sie , bis er die trockene Hitze derselben quälend empfand und sie sachte freigab . Dann hätte er oft gerne beide Hände vor das Gesicht geschlagen und laut aufgejammert , aber er wollte es ja der armen Alten nicht merken lassen und sich selber des Gedankens erwehren , wie schlimm es um sie stünde . Im Monate August war es , an einem Nachmittage , heiß und stille rings , als ruhte die Welt , durch Arbeit ermüdet , als hätte sich die Sonne im Wärmen und Leuchten , die Geschöpfe und Pflanzen im Regen , Bewegen und Wachsen übernommen . Muckerl steckte den Kopf zur Kammertüre hinein . » Die Leni is fort « , sagte er , » da muß ich doch gleich dir nachschaun , dieweil die nit eifern kann , du bist ja wohl mein zweiter Schatz . « Die Kranke lächelte nicht wie sonst dem Eintretenden zu , ihre Augen glänzten feucht , das Gesicht war fahler , sie schien erregt . » Wie geht ' s denn , Mutter ? « fragte er , näher hinzutretend . » Wie soll ' s gehn ? « murmelte sie . » Nit gut , wie immer , wo ' s afs End zugeht . « Er schüttelte den Kopf . » Beutel ' n Kopf nit , Muckerl , ' s is doch so , und daran is nix zu ändern . Freilich wohl , dich wird ' s schmerzen , armer Bub , ich weiß , ich weiß ja , dafür kenn ich dich ; sein ja auch lang gnug zusammengwest , die Täg zähln wir wohl leicht an ' n Fingern her , wo wir uns einmal ausn Augen warn . Aber andern wird just nit viel dran glegen sein . « » Red nit so , Mutter . Wer könnt dir ' n Tod wünschen ? « » Ich muß dir nur sagen , Muckerl , leichter käm mich ' s Sterben an , wann die Heirat nit gwest wär ; aber ' s Menschen Will is sein Himmelreich , du warst alt gnug , den dein zu habn , so wollt ich mich nit einmengen , obwohl mir ' s von allm Anfang an nie recht war . « Der Holzschnitzer blickte zu Boden . Die Kranke holte tief Atem , dann fuhr sie fort : » So schickt ich mich drein und hab der Helen nie was in Weg glegt , freilich wär mir auch nie eingfalln , sie könnt so sein , wie sie is . « » Wie is sie denn ? « stotterte Muckerl . » ' n Vormittag war d ' Matzner Sepherl da und hat d ' Botschaft gbracht , der Kleinleitner Paul , der schon d ' Jahr her siech liegt , wär heut fruh von seinm Leiden erlöst wordn ; da hab ich deutlich ghört , trotzdem s ' mitm Rührlöffel afs eisern Häfen gschlagen hat , wie die