Korb herbei und legte beide in die Hand des Großvaters . » Das gehört dir « , sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf die Bank . Dann nahm er den Brief und las ihn durch : ohne ein Wort zu sagen , steckte er dann das Blatt in die Tasche . » Meinst , du könntest auch noch Milch trinken mit mir , Heidi ? « fragte er nun , indem er das Kind bei der Hand nahm , um in die Hütte einzutreten . » Aber nimm dort dein Geld mit dir , da kannst du ein ganzes Bett daraus kaufen und Kleider für ein paar Jahre . « » Ich brauch ' es gewiß nicht , Großvater « , versicherte Heidi ; » ein Bett hab ' ich schon , und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt , daß ich gewiß nie mehr andere brauche . « » Nimm ' s , nimm ' s , und leg ' s in den Schrank , du wirst ' s schon einmal brauchen können . « Heidi gehorchte und hüpfte nun dem Großvater nach in die Hütte hinein , wo es vor Freude über das Wiedersehen in alle Winkel sprang und die Leiter hinauf - aber da stand es plötzlich still und rief in Betroffenheit von oben herunter : » O , Großvater , ich habe kein Bett mehr ! « » Kommt schon wieder « , tönte es von unten herauf , » wußte ja nicht , daß du wieder heimkommst ; jetzt komm zur Milch ! « Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten Platze , und nun erfaßte es sein Schüsselchen und trank mit einer Begierde , als wäre etwas so Köstliches noch nie in seinen Bereich gekommen , und als es mit einem tiefen Atemzug das Schüsselchen hinstellte , sagte es : » So gut wie unsere Milch ist doch gar nichts auf der Welt , Großvater . « Jetzt ertönte draußen ein schriller Pfiff ; wie der Blitz schoß Heidi zur Tür hinaus . Da kam die ganze Schar der Geißen hüpfend , springend , Sätze machend von der Höhe herunter , mitten drin der Peter . Als er Heidi ansichtig wurde , blieb er auf der Stelle völlig wie angewurzelt stehen und starrte es sprachlos an . Heidi rief : » Guten Abend , Peter ! « und stürzte mitten in die Geißen hinein : » Schwänli ! Bärli ! kennt ihr mich noch ? « und die Geißlein mußten seine Stimme gleich erkannt haben , denn sie rieben ihre Köpfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu meckern vor Freude , und Heidi rief alle nacheinander beim Namen und alle rannten wie wild durcheinander und drängten sich zu ihm heran ; der ungeduldige Distelfink sprang hoch auf und über zwei Geißen weg , um gleich in die Nähe zu kommen , und sogar das schüchterne Schneehöppli drängte mit einem ziemlich eigensinnigen Bohren den großen Türk auf die Seite , der nun ganz verwundert über die Frechheit dastand und seinen Bart in die Luft hob , um zu zeigen , daß er es sei . Heidi war außer sich vor Freude , alle die alten Gefährten wieder zu haben ; es umarmte das kleine , zärtliche Schneehöppli wieder und wieder und streichelte den stürmischen Distelfink und wurde vor großer Liebe und Zutraulichkeit der Geißen hin- und hergedrängt und geschoben , bis es nun ganz in Peters Nähe kam , der noch immer auf demselben Platze stand . » Komm herunter , Peter , und sag mir einmal guten Abend ! « rief ihm Heidi jetzt zu . » Bist denn wieder da ? « brachte er nun endlich in seinem Erstaunen heraus , und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand , die dieses ihm schon lange hingehalten hatte , und nun fragte er , so wie er immer getan hatte bei der Heimkehr am Abend : » Kommst morgen wieder mit ? « » Nein , morgen nicht , aber übermorgen vielleicht , denn morgen muß ich zur Großmutter . « » Es ist recht , daß du wieder da bist « , sagte der Peter und verzog sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergnügen , dann schickte er sich zur Heimfahrt an ; aber heute wurde es ihm so schwer wie noch nie mit seinen Geißen , denn als er sie endlich mit Locken und Drohen so weit gebracht hatte , daß sie sich um ihn sammelten , und Heidi , den einen Arm um Schwänlis und den andern um Bärlis Kopf gelegt , davonspazierte , da kehrten mit einemmale alle wieder um und liefen den dreien nach . Heidi mußte mit seinen zwei Geißen in den Stall eintreten und die Tür zumachen , sonst wäre der Peter niemals mit seiner Herde fortgekommen . Als das Kind dann in die Hütte zurückkam , da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet , prächtig hoch und duftend , denn das Heu war noch nicht lange hereingeholt , und darüber hatte der Großvater ganz sorgfältig die sauberen Leintücher gebreitet . Heidi legte sich mit großer Lust hinein und schlief so herrlich , wie es ein ganzes Jahr lang nicht geschlafen hatte . Während der Nacht verließ der Großvater wohl zehnmal sein Lager und stieg die Leiter hinauf und lauschte sorgsam , ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde , und suchte am Loch nach , wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager , ob auch das Heu noch fest drinnen sitze , das er hineingestopft hatte , denn von nun an durfte der Mondschein nicht mehr hereinkommen . Aber Heidi schlief in einem Zuge fort und wanderte keinen Schritt herum , denn sein großes , brennendes Verlangen war gestillt worden : es hatte alle Berge und Felsen wieder im Abendglühen gesehen , es hatte die Tannen rauschen gehört , es war wieder daheim auf der Alm . Am Sonntag , wenn ' s läutet Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Großvater , der mitgehen und den Koffer vom Dörfli heraufholen wollte , während es bei der Großmutter wäre . Das Kind konnte es fast nicht erwarten , die Großmutter wiederzusehen und zu hören , wie ihr die Brötchen geschmeckt hatten , und doch wurde ihm wieder die Zeit nicht lang , denn es konnte ja nicht genug die heimatlichen Töne von dem Tannenrauschen über ihm und das Duften und Leuchten der grünen Weiden und der goldenen Blumen darauf eintrinken . Jetzt trat der Großvater aus der Hütte , schaute noch einmal rings um sich und sagte dann mit zufriedenem Ton : » So , nun können wir gehen . « Denn es war Sonnabend heut ' , und an dem Tage machte der Alm-Öhi alles sauber und in Ordnung in der Hütte , im Stall und ringsherum , das war seine Gewohnheit , und heut ' hatte er den Morgen dazu genommen , um gleich nachmittags mit Heidi ausziehen zu können , und so sah nun alles ringsherum gut und zu seiner Zufriedenheit aus . Bei der Geißenpeter-Hütte trennten sie sich , und Heidi sprang hinein . Schon hatte die Großmutter seinen Schritt gehört und rief ihm liebevoll entgegen : » Kommst du , Kind ? Kommst du wieder ? « Dann erfaßte sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest , denn immer noch fürchtete sie , das Kind könnte ihr wieder entrissen werden . Und nun mußte die Großmutter erzählen , wie die Brötchen geschmeckt hätten , und sie sagte , sie habe sich so daran erlabt , daß sie meine , sie sei heute viel kräftiger als lang nicht mehr , und Peters Mutter fügte hinzu , die Großmutter habe vor lauter Sorge , sie werde zu bald fertig damit , nur ein einziges Brötchen essen wollen , gestern und heut ' zusammen , und sie käme gewiß noch ziemlich zu Kräften , wenn sie so acht Tage lang hintereinander jeden Tage eines essen wollte . Heidi hörte der Brigitte mit Aufmerksamkeit zu und blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich . Nun hatte es seinen Weg gefunden . » Ich weiß schon , was ich mache , Großmutter « , sagte es in freudigem Eifer ; » ich schreibe der Klara einen Brief und dann schickt sie mir gewiß noch einmal so viel Brötchen , wie da sind , oder zweimal , denn ich hatte schon einen großen Haufen ganz gleiche im Kasten , und als man mir sie weggenommen hatte , sagte Klara , sie gebe mir gerade so viele wieder , und das tut sie schon . « » Ach Gott « , sagte die Brigitte , » das ist eine gute Meinung ; aber denk , sie werden auch hart . Wenn man nur hier und da einen übrigen Batzen hätte , der Bäcker unten im Dörfli macht auch solche , aber ich vermag kaum das schwarze Brot zu bezahlen . « Jetzt schoß ein heller Freudenstrahl über Heidis Gesicht : » O , ich habe furchtbar viel Geld , Großmutter « , rief es jubelnd aus und hüpfte vor Freuden in die Höhe , » jetzt weiß ich , was ich damit mache ! Alle , alle Tage mußt du ein neues Brötchen haben und am Sonntage zwei , und der Peter kann sie heraufbringen vom Dörfli . « » Nein , nein , Kind ! « wehrte die Großmutter ; » das kann nicht sein , das Geld hast du nicht dazu bekommen , du mußt es dem Großvater geben , er sagt dir dann schon , was du damit machen mußt . « Aber Heidi ließ sich nicht stören in seiner Freude , es jauchzte und hüpfte in der Stube herum und rief ein Mal übers andere : » Jetzt kann die Großmutter jeden Tag ein Brötchen essen und wird wieder ganz kräftig , und - o , Großmutter « , rief es mit neuem Jubel , » wenn du dann so gesund wirst , so wird es dir gewiß auch wieder hell , es ist vielleicht nur , weil du so schwach bist . « Die Großmutter schwieg still , sie wollte des Kindes Freude nicht trüben . Bei seinem Herumhüpfen fiel dem Heidi auf einmal das alte Liederbuch der Großmutter in die Augen , und es kam ihm ein neuer freudiger Gedanke : » Großmutter , jetzt kann ich auch ganz gut lesen ; soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem alten Buch ? « » O ja « , bat die Großmutter freudig überrascht ; » kannst du das auch wirklich , Kind , kannst du das ? « Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer dicken Staubwolke heruntergezogen , denn es hatte lange unberührt gelegen da oben ; nun wischte es Heidi sauber ab , setzte sich damit auf seinen Schemel zur Großmutter hin und fragte , was es nun lesen solle . » Was du willst , Kind , was du willst « , und mit gespannter Erwartung saß die Großmutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich geschoben . Heidi blätterte und las leise hier und da eine Linie : » Jetzt kommt etwas von der Sonne , das will ich dir lesen , Großmutter . « Und Heidi begann und wurde selbst immer eifriger und immer wärmer , während es las : » Die güldne Sonne Voll Freud ' und Wonne Bringt unsern Grenzen Mit ihrem Glänzen Ein herzerquickendes , liebliches Licht . Mein Haupt und Glieder Die lagen darnieder ; Aber nun steh ' ich , Bin munter und fröhlich , Schaue den Himmel mit meinem Gesicht . Mein Auge schauet , Was Gott gebauet Zu seinen Ehren , Und uns zu lehren , Wie sein Vermögen sei mächtig und groß . Und wo die Frommen Dann sollen hinkommen , Wenn sie mit Frieden Von hinnen geschieden Aus dieser Erde vergänglichem Schoß . Alles vergehet , Gott aber stehet Ohn ' alles Wanken , Seine Gedanken , Sein Wort und Wille hat ewigen Grund Sein Heil und Gnaden Die nehmen nicht Schaden , Heilen im Herzen , Die tödlichen Schmerzen , Halten uns zeitlich und ewig gesund . Kreuz und Elende - Das nimmt ein Ende , Nach Meeresbrausen Und Windessausen Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht . Freude die Fülle Und selige Stille Darf ich erwarten Im himmlischen Garten , Dahin sind meine Gedanken gericht ' . « Die Großmutter saß still da mit gefalteten Händen , und ein Ausdruck unbeschreiblicher Freude , so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte , lag auf ihrem Gesicht , obschon ihr die Tränen die Wangen herabliefen . Als Heidi schwieg , bat sie mit Verlangen : » O , noch einmal , Heidi , laß es mich noch einmal hören : Kreuz und Elende Das nimmt ein Ende - « Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und Verlangen : » Kreuz und Elende - Das nimmt ein Ende , Nach Meeresbrausen Und Windessausen Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht . Freude die Fülle Und selige Stille Darf ich erwarten Im himmlischen Garten , Dahin sind meine Gedanken gericht ' . « » O Heidi , das macht hell ! das macht so hell im Herzen ! O wie hast du mir wohl gemacht , Heidi ! « Ein Mal ums andere sagte die Großmutter die Worte der Freude , und Heidi strahlte vor Glück und mußte sie nur immer ansehen , denn so hatte es die Großmutter nie gesehen . Sie hatte gar nicht mehr das alte trübselige Gesicht , sondern schaute so freudig und dankend auf , als sähe sie schon mit neuen , hellen Augen in den schönen himmlischen Garten hinein . Jetzt klopfte es am Fenster , und Heidi sah den Großvater draußen , der ihm winkte , mit heimzukommen . Es folgte schnell , aber nicht ohne die Großmutter zu versichern , morgen komme es wieder , und auch wenn es mit Peter auf die Weide gehe , so komme es doch im halben Tag zurück ; denn daß es der Großmutter wieder hell machen konnte und sie wieder fröhlich wurde , das war nun für Heidi das allergrößte Glück , das es kannte , noch viel größer , als auf der sonnigen Weide und bei den Blumen und Geißen zu sein . Die Brigitte lief dem Heidi unter die Tür nach mit Rock und Hut , daß es seine Habe mitnehme . Den Rock nahm es auf den Arm , denn der Großvater kenne es jetzt schon , dachte es bei sich ; aber den Hut wies es hartnäckig zurück , die Brigitte sollte ihn nur behalten , es setze ihn nie , nie mehr auf den Kopf . Heidi war so erfüllt von seinen Erlebnissen , daß es gleich dem Großvater alles erzählen mußte , was ihm das Herz erfreute , daß man die weißen Brötchen auch unten im Dörfli für die Großmutter holen könne , wenn man nur Geld habe , und daß es der Großmutter auf einmal so hell und wohl geworden war , und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte , kehrte es wieder zum ersten zurück und sagte ganz zuversichtlich : » Gelt , Großvater , wenn die Großmutter schon nicht will , so gibst du mir doch alles Geld in der Rolle , daß ich dem Peter jeden Tag ein Stück geben kann zu einem Brötchen und am Sonntag zwei ? « » Aber das Bett , Heidi ? « sagte der Großvater ; » ein rechtes Bett für dich wäre gut , und nachher bleibt schon noch für manches Brötchen . « Aber Heidi ließ dem Großvater keine Ruhe und bewies ihm , daß es auf seinem Heubett viel besser schlafe , als es jemals in seinem Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe , und bat so eindringlich und unablässig , daß der Großvater zuletzt sagte : » Das Geld ist dein , mach , was dich freut ; du kannst der Großmutter manches Jahr lang Brot holen dafür . « Heidi jauchzte auf : » O juhe ! Nun muß die Großmutter gar nie mehr hartes , schwarzes Brot essen , und o Großvater ! nun ist doch alles so schön , wie noch gar nie , seit wir leben ! « und Heidi hüpfte hoch auf an der Hand des Großvaters und jauchzte in die Luft hinauf , wie die fröhlichen Vögel des Himmels . Aber auf einmal wurde es ganz ernsthaft und sagte : » O wenn nun der liebe Gott gleich auf der Stelle getan hätte , was ich so stark erbetete , dann wäre doch alles nicht so geworden , ich wäre nur gleich wieder heimgekommen und hätte der Großmutter nur wenige Brötchen gebracht , und hätte ihr nicht lesen können , was ihr wohl macht ; aber der liebe Gott hatte schon alles ausgedacht , so viel schöner , als ich es wußte ; die Großmama hat es mir gesagt , und nun ist alles so gekommen . O wie bin ich froh , daß der liebe Gott nicht nachgab , wie ich so bat und jammerte ! Aber jetzt will ich immer so beten , wie die Großmama sagte , und dem lieben Gott immer danken , und wenn er etwas nicht tut , das ich erbeten will , dann will ich gleich denken : es geht gewiß wieder wie in Frankfurt , der liebe Gott denkt gewiß etwas viel Besseres aus . Aber wir wollen auch alle Tage beten , gelt Großvater , und wir wollen es nie mehr vergessen , damit der liebe Gott uns auch nicht vergißt . « » Und wenn ' s einer doch täte ? « murmelte der Großvater . » O dem geht ' s nicht gut , denn der liebe Gott vergißt ihn dann auch und läßt ihn ganz laufen , und wenn es ihm einmal schlecht geht , und er jammert , so hat kein Mensch Mitleid mit ihm , sondern alle sagen nur : er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen , nun läßt ihn der liebe Gott auch gehen , der ihm helfen könnte . « » Das ist wahr , Heidi , woher weißt du das ? « » Von der Großmama , sie hat mir alles erklärt . « Der Großvater ging eine Weile schweigend weiter . Dann sagte er , seine Gedanken verfolgend , vor sich hin : » Und wenn ' s einmal so ist , dann ist ' s so ; zurück kann keiner , und wen der Herrgott vergessen hat , den hat er vergessen . « » O nein , Großvater , zurück kann einer , das weiß ich auch von der Großmama , und dann geht es so wie in der schönen Geschichte in meinem Buch , aber die weißt du nicht ; jetzt sind wir aber gleich daheim , und dann wirst du schon erfahren , wie schön die Geschichte ist . « Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte Steigung hinan - und kaum waren sie oben angelangt , als es des Großvaters Hand losließ und in die Hütte hineinrannte . Der Großvater nahm den Korb von seinem Rücken , in den er die Hälfte der Sachen aus dem Koffer hineingestoßen hatte , denn den ganzen Koffer heraufzubringen wäre ihm zu schwer gewesen . Dann setzte er sich nachdenklich auf die Bank nieder . Heidi kam wieder herbeigerannt , sein großes Buch unter dem Arm : » O das ist recht , Großvater , daß du schon dasitzest « , und mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon seine Geschichte aufgeschlagen , denn die hatte es schon so oft und immer wieder gelesen , daß das Buch von selbst aufging an dieser Stelle . Jetzt las Heidi mit großer Teilnahme von dem Sohne , der es gut hatte daheim , wo draußen auf des Vaters Feldern die schönen Kühe und Schäflein weideten und er in einem schönen Mäntelchen , auf seinen Hirtenstab gestützt , bei ihnen auf der Weide stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte , wie es alles auf dem Bilde zu sehen war . » Aber auf einmal wollte er sein Hab und Gut für sich haben und sein eigener Meister sein und forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verpraßte alles . Und als er gar nichts mehr hatte , mußte er hingehen und Knecht sein bei einem Bauer , der hatte aber nicht so schöne Tiere , wie auf seines Vaters Feldern waren , sondern nur Schweinlein ; diese mußte er hüten , und er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Trebern , welche die Schweinchen aßen , ein klein wenig . Da dachte er daran , wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte , und er mußte weinen vor Reue und Heimweh . Und er dachte : Ich will zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen , ich bin nicht mehr wert , dein Sohn zu heißen , aber laß mich nur dein Tagelöhner bei dir sein . Und wie er von ferne gegen das Haus seines Vaters kam , da sah ihn der Vater und kam herausgelaufen « - » was meinst du jetzt , Großvater ? « unterbrach sich Heidi in seinem Vorlesen ; » jetzt meinst du , der Vater sei noch böse und sage zu ihm : Ich habe dir ' s ja gesagt ! ? Jetzt hör nur , was kommt : Und sein Vater sah ihn und es jammerte ihn und lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn , und der Sohn sprach zu ihm : Vater , ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert dein Sohn zu heißen . Aber der Vater sprach zu seinen Knechten : Bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Füße , und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und laßt uns essen und fröhlich sein , denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden und er war verloren und ist wiedergefunden worden . Und sie fingen an fröhlich zu sein . « » Ist denn das nicht eine schöne Geschichte , Großvater ? « fragte Heidi , als dieser immer noch schweigend dasaß und es doch erwartet hatte , er werde sich freuen und verwundern . » Doch , Heidi , die Geschichte ist schön « , sagte der Großvater ; aber sein Gesicht war so ernsthaft , daß Heidi ganz stille wurde und seine Bilder ansah . Leise schob es noch einmal sein Buch vor den Großvater hin und sagte : » Sieh , wie es ihm wohl ist « , und zeigte mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten , wie er im frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehört als sein Sohn . Ein paar Stunden später , als Heidi längst im tiefen Schlafe lag , stieg der Großvater die kleine Leiter hinauf ; er stellte sein Lämpchen neben Heidis Lager hin , so daß das Licht auf das schlafende Kind fiel . Es lag da mit gefalteten Händen , denn zu beten hatte Heidi nicht vergessen . Auf seinem rosigen Gesichtchen lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens , der zu dem Großvater reden mußte , denn lange , lange stand er da und rührte sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab . Jetzt faltete auch er die Hände , und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte : » Vater , ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert , dein Sohn zu heißen ! « Und ein paar große Tränen rollten dem Alten die Wangen herab . - Wenige Stunden nachher in der ersten Frühe des Tages stand der Alm-Öhi vor seiner Hütte und schaute mit hellen Augen um sich . Der Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete über Berg und Tal . Einzelne Frühglocken tönten aus den Tälern herauf , und oben in den Tannen sangen die Vögel ihre Morgenlieder . Jetzt trat der Großvater in die Hütte zurück : » Komm , Heidi ! « rief er auf den Boden hinauf . » Die Sonne ist da ! Zieh ein gutes Röcklein an , wir wollen in die Kirche miteinander ! « Heidi machte nicht lange ; das war ein ganz neuer Ruf vom Großvater , dem mußte es schnell folgen . In kurzer Zeit kam es heruntergesprungen in seinem schmucken Frankfurter Röckchen . Aber voller Erstaunen blieb Heidi vor seinem Großvater stehen und schaute ihn an . » O Großvater , so hab ' ich dich nie gesehen « , brach es endlich aus , » und den Rock mit den silbernen Knöpfen hast du noch gar nicht getragen , o du bist so schön in deinem schönen Sonntagsrock . « Der Alte blickte vergnüglich lächelnd auf das Kind und sagte : » Und du in dem deinen ; jetzt komm ! « Er nahm Heidis Hand in die seine , und so wanderten sie miteinander den Berg hinunter . Von allen Seiten tönten jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen , immer voller und reicher , je weiter sie kamen , und Heidi lauschte mit Entzücken und sagte : » Hörst du ' s , Großvater ? Es ist wie ein großes , großes Fest . « Unten im Dörfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen eben zu singen an , als der Großvater mit Heidi eintrat und ganz hinten auf der letzten Bank sich niedersetzte . Aber mitten im Singen stieß der zunächst Sitzende seinen Nachbar mit dem Ellenbogen an und sagte : » Hast du das gesehen ? der Alm-Öhi ist in der Kirche ! « Und der Angestoßene stieß den zweiten an und so fort , und in kürzester Zeit flüsterte es an allen Ecken : » Der Alm-Öhi ! Der Alm-Öhi ! « und die Frauen mußten fast alle einen Augenblick den Kopf umdrehen , und die meisten fielen ein wenig aus der Melodie , so daß der Vorsänger die größte Mühe hatte , den Gesang schön aufrecht zu erhalten . Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu predigen , ging die Zerstreutheit ganz vorüber , denn es war ein so warmes Loben und Danken in seinen Worten , daß alle Zuhörer davon ergriffen wurden , und es war , als sei ihnen allen eine große Freude widerfahren . Als der Gottesdienst zu Ende war , trat der Alm-Öhi mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem Pfarrhaus zu , und alle , die mit ihm heraustraten und die schon draußen standen , schauten ihm nach , und die meisten gingen hinter ihm her , um zu sehen , ob er wirklich ins Pfarrhaus eintrete , was er tat . Dann sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in großer Aufregung das Unerhörte , daß der Alm-Öhi in der Kirche erschienen war , und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustür , wie der Öhi wohl wieder herauskommen werde , ob in Zorn und Hader , oder im Frieden mit dem Herrn Pfarrer , denn man wußte ja gar nicht , was den Alten heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint sei . Aber doch war schon bei vielen eine neue Stimmung eingetreten , und einer sagte zum andern : » Es wird wohl mit dem Alm-Öhi nicht so bös sein , wie man tut ; man kann ja nur sehen , wie sorglich er das Kleine an der Hand hält . « Und der andere sagte : » Das hab ' ich ja immer gesagt , und zum Pfarrer hinein ginge er auch nicht , wenn er so bodenschlecht wäre , sonst müßte er sich ja fürchten ; man übertreibt auch viel . « Und der Bäcker sagte : » Hab ' ich das nicht zu allererst gesagt ? Seit wann läuft denn ein kleines Kind , das zu essen und zu trinken hat , was es will , und sonst alles Gute , aus alle dem weg und heim zu einem Großvater , wenn der bös und wild ist und es sich zu fürchten hat vor ihm ? « Und es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den Alm-Öhi auf und nahm überhand , denn jetzt nahten sich auch die Frauen herzu , und diese hatten so manches von der Geißenpeterin und der Großmutter gehört , das den Alm-Öhi ganz anders darstellte , als die allgemeine Meinung war , und das ihnen jetzt auf einmal glaublich schien , daß es mehr und mehr so wurde , als warteten sie alle da , um einen alten Freund zu bewillkommnen , der ihnen lange gemangelt hatte . Der Alm-Öhi war unterdessen an die Tür der Studierstube getreten und hatte angeklopft . Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem Eintretenden entgegen , nicht überrascht , wie er wohl hätte sein können , sondern so , als habe er ihn erwartet ; die ungewohnte Erscheinung in der Kirche mußte ihm nicht entgangen sein . Er ergriff die Hand des Alten und schüttelte sie wiederholt mit der größten Herzlichkeit , und der Alm-Öhi stand schweigend da und konnte erst kein Wort herausbringen , denn auf solchen herzlichen Empfang war er nicht vorbereitet . Jetzt faßte er sich und sagte : » Ich komme , um den Herrn Pfarrer zu bitten , daß er mir die Worte vergessen möchte , die ich zu ihm auf der Alm geredet habe , und daß er mir nicht nachtragen wolle , wenn