Slibowitz für ihn verhelfen ! Und am Frieren kann doch mir nichts liegen ! Hab ' ich als Kutscher bei Simche immer hinter dem Ofen sitzen können ? ! « Nur eines machte ihm ernste , ja bittere Sorge : was er nun lesen sollte . Mit der » Emilia Galotti « war es schlecht gegangen , er hatte fast nichts davon verstanden , mit dem nächsten Bändchen des » Theater von Lessing « , wie der vergilbte Wiener Nachdruck betitelt war , dem » Philotas « , ging es gar nicht mehr . An die zehn Male mußte er den Eingangsmonolog lesen , bis ihm eine Ahnung davon aufdämmerte , in welcher Lage und Stimmung Philotas war . » Mir scheint « , sagte er vor sich hin , » dieser Philotas ist auch ein Soldat wie der Tempelherr . Gut , da hab ' ich nichts dagegen ! Denn warum ? Mit einem Soldaten kann viel geschehen , ein Soldat läßt sich in einem Spiel gut machen . Das letzte Mal hab ' ich zu Purim ( jüdische Fastnacht ) auch einen Soldaten gemacht , einen Oberleutnant , den ältesten Sohn von Haman , dem Judenfeind , der sich aber bei den Juden gern Geld leiht - die Leut ' haben sehr gelacht . Das hier scheint ein ernster , ein trauriger Soldat - tut nichts - kann ich auch machen . Aber was für ein Mensch ist er ? Da kann ich bis jetzt nur so viel sehen , daß er gewiß kein Jud ' ist . Denn erstens hat ein Jud ' noch nie Philotas geheißen , und zweitens sagt er , daß er schon als kleiner Knabe von Waffen geträumt hat und von Schlachten - das hat auch seit Judas dem Makkabäer kein jüdisch Kind mehr getan ... « » Also « , spannen sich seine Gedanken weiter , » ein trauriger christlicher Soldat . Aber was für einer ? Ist er ein Österreicher oder ein Russ ' , oder ein Preuß ' oder ein Franzos ' , oder ein Engländer ? Es ist gar nicht gesagt . Schon das gefällt mir nicht ! Denn wenn das Spiel gemacht wird , und ich bin dieser Philotas , so muß ich doch eine Uniform anziehen . Soll ich einen weißen Rock und einen Tschako tragen wie unsere Soldaten , oder einen grauen Rock und eine Mütze wie ein Russ ' ? Aus dem Namen kann man es auch nicht erkennen . Philotas ! und da stehen ja auch die anderen . Aridäus , Strato , Parmenio - in meinem ganzen Leben bin ich noch keinem Menschen begegnet , der so geheißen hat . Übrigens - da fällt mir eben ein - der Laborant in der Apotheke heißt Philipp - vielleicht heißt das in einer anderen Sprache Philotas , vielleicht sind es Franzosen , denn Deutsche oder Polen oder Russen sind es nicht ... « Er nickte . » Also wahrscheinlich ein Franzos ' ! ... Aber was ist dieser Philotas ? Das ist gar zum Lachen ! Hier steht : Aridäus - König - gut ! Strato ist sein Feldhrr , Parmenio ist Soldat - aber Philotas ? ! Philotas gefangen . Zum Lachen sag ' ich . Gefangen ! ist das ein Stand , ist das eine Parnosse ( Broterwerb ) ? ! Gefangen ! - Kommt man so auf die Welt , und kann man davon leben ? Gefangener Feldwebel sollte es heißen oder Hauptmann oder General , denn ein Gemeiner , wie mein armer Wild , ist dieser Philotas nicht , sonst würde ihn ja der König nicht so pflegen lassen . Sein eigenes Zelt hat er und alle Bequemlichkeiten . Aber ist er damit zufrieden ? Nein ! er ärgert sich gar noch darüber und schimpft und schimpft und möchte sich sogar seine Wunden aufreißen . Aber warum schimpft er ? ! Kann kein Mensch verstehen ! Weil er gefangen ist ? Das ist doch keine Schande ! Er hat sich doch gewehrt , sonst hätt ' er doch keine Wunde ! Wenn ich ein Soldat bin und muß - Gott verhüte es gnädig ! - in eine Schlacht und schlag ' mich herum und werd ' verwundet und gefangen , so ist das gewiß nicht angenehm , aber ich werde sagen : Das kann doch jedem Soldaten passieren , und wenn es schon geschieht , so ist es doch besser , ich habe Pflege , als daß ich sterben muß ! Also dieser Philotas ist ein Esel oder verrückt - und solche Leut ' gehören in kein Spiel , und von dem will ich nichts mehr hören ! « Er warf das Bändchen auf den Tisch und ging erregt auf und nieder . » Vielleicht auch - « murmelte er nach einer Weile und hielt den Schritt an und dachte nach . » Lessing ! « sprach er dann laut vor sich hin . » Was hat Wild immer gesagt ? ! Ein großer Dichter ! Und er hat ja auch das Spiel vom Nathan aufgeschrieben . Lessing schreibt gewiß nur , was vernünftig ist ! Vielleicht ist es gar nicht ernst gemeint , ich mein ' , vielleicht sollen die Leut ' über diesen französischen Philipp lachen ... Aber nein , es ist ja ein Trauerspiel , da weint man ! Oder vielleicht hat es doch einen Sinn , und ich versteh ' s nur nicht ! Ja , so wird es sein ! Ich bin selbst der Esel und nicht der Philotas ! « Unschlüssig begann er wieder seinen Rundgang um den Tisch . Seine Zähne klapperten vor Frost , was ihm freilich nicht zum ersten Male begegnete , nur daß er diesmal diese eisige und zugleich moderschwere Luft gleichsam bis in sein Herz hinein dringen fühlte , vielleicht weil ihn heute auch das Unbehagen des Gemüts so sehr peinigte . Darum kam ihm auch diesmal Fedko nicht zu früh , und als sie an der Tartarenpforte schieden , schwebte es ihm auf den Lippen : » Ich komme nicht wieder ! « Er sprach es nicht aus , und schon nach wenigen Stunden schien ihm der bloße Gedanke eine Sünde . Freilich verspürte er ein heftiges Kratzen in Hals und Nase . Am Abend brach eine arge Grippe aus , und der Husten ließ ihn auch des Nachts nicht ruhig schlafen , aber das schien ihm wahrlich kein Grund , um am nächsten Tage das Kloster zu meiden , und vollends gab es keinen inneren dazu . Wenn er das » Spiel « vom französischen Philipp nicht verstand , so durfte er es freilich nicht weiter lesen - aus der Erfahrung mit der » Emilia Galotti « wußte er nun , wie wenig Nutzen ihm derlei bot . Aber was folgerte daraus ? Er mußte eben ein anderes Spiel suchen , das er fassen konnte . Vor allem etwas von » Scheckspier « , dem Verfasser des » Schaje « . Diesen Dichter verstand er gewiß , und das war ja obendrein , wie ihm Wild versichert , der größte , der je für die Bühne geschrieben . Freilich hatte er seine Werke bisher in der Bibliothek nicht aufgefunden , aber sicherlich waren auch sie vorhanden , und dann war ihm geholfen . Sein Herz klopfte vor Erregung , wenn er daran dachte , daß er nun vielleicht auch jenes » Spiel « , das ihn in Czernowitz so mächtig ergriffen , würde nachlesen können . Die beiden nächsten Male verbrachte er die Stunden in vergeblichem Suchen , Regal an Regal sah er durch , ungeheure Staubwolken jagte er auf und zerstörte Tausenden von Spinnen die emsige Arbeit ihres ganzen Lebens ; Antlitz , Hände und Gewand überzogen sich mit einer Schmutzkruste , und der Husten wurde so arg , daß ihm der Brustkasten bei jedem Atemzug weh tat . Aber » Scheckspier « stand auf keinem der Bücherrücken . Gerade der beste fehlte ! Wie war dies zu erklären ? ! » Vielleicht haben die Mönche nichts von ihm wissen wollen « , dachte er , » weil er an einer Stelle auch für die Juden ein Herz gezeigt hat ! - Aber das kann ' s doch nicht sein « , fiel ihm sofort bei , » das hat Lessing noch mehr getan , und der ist da ! « Indes - sein Gutes hatte dies vergebliche Suchen doch . Zur Zeit , da noch Wild sein Lehrer gewesen , hatte dieser einmal , als er ihn besonders hartnäckig mit Fragen gequält , lachend ausgerufen : » Ich bin ja kein Konversationslexikon ! « Natürlich hatte er durch diese Abwehr nichts erreicht als die erneute Frage Senders : » Was ist das ? « Wild hatte es ihm erklärt und beigefügt , das sei ein sehr nützliches Buch , man könne darin alles finden , was man wissen wolle . Ein solches Buch war Sender bei der Jagd nach dem großen Dichter in die Hände gefallen . Er hatte es beiseite gelegt und holte es nun hervor . Vielleicht war es besser , wenn er statt der unverständlichen Spiele dies nützliche Werk duchlas . Freilich war es gerade kein ermutigendes Anzeichen , daß er auch hier schon den Titel nicht verstand : » Konversationslexikon oder enyklopädisches Realwörterbuch . Leipzig 1846 . « Aber vielleicht ging es mit dem Text besser . Daß man ein solches Buch nur zum Nachschlagen benütze , wußte er natürlich nicht ; er schlug das erste Blatt auf und las weiter , unter beständigem Räuspern , Husten und Schnäuzen . So erfuhr er , daß Aa ein Fluß in Frankreich sei , Aachen eine Stadt in Preußen , Aal ein schlangenförmiger Fisch und Abbotsford das Landgut eines Herrn Walter Scott , den er aber nicht kannte . Kurzweilig war auch dies nicht , und hätten ihn die Kälte im Büchersaal und sein körperliches Mißbehagen nicht wach erhalten , so wäre er wohl über dem Bande eingenickt . Und natürlich verstand er auch in diesem Buche nicht alles . Trotzdem hielt er tapfer aus und hatte bereits erfahren , daß Akbar ein mongolischer Kaiser von Hindostan gewesen und Akerside ein englischer Dichter , als sich ein Hindernis ergab , das auch diesen bescheidenen Lesefreuden ein Ende zu machen drohte . Dies Hindernis war die Überzeugung des Fedko , daß jede Arbeit ihren Lohn verdiene . Wohl ließ er Sender täglich ein , aber seine Miene ward immer düsterer , und an dem Tage , da dem wißbegierigen Jüngling der Genuß winkte , über » Akerside « hinaus zu den » Akephalen « zu gelangen , stieß der Alte beim Empfang an der Tartarenpforte einen so tiefen Seufzer aus , daß Sender wohl oder übel um den Grund fragen mußte . » Weil mein Herz schwer ist ! « erwiderte Fedko . » Ein Jude im Kloster - es tut doch nicht gut ! Gestern klagt mir der Pater Ökonom , daß unsere Schweine gar nicht mehr fett werden wollen ! Am Ende ist das doch ein Zauber ... « » Aber Fedko « , wandte Sender traurig ein , » wie kannst du das glauben ! Schweine mager zu machen ist doch ein schwerer Zauber , und ich hätt ' nichts davon ! Wenn ich zaubern könnt ' , möcht ' ich mir meinen Husten und Schnupfen wegzaubern , und noch lieber möcht ' ich dann meinem lieben Fedko ein Fläschchen Slibowitz in die Tasche zaubern ! Denn Geld hab ' ich leider nicht ... « Das leuchtete dem Alten ein , aber fröhlich machte es ihn nicht . » Ich habe nur gemeint « , entschuldigte er sich , » weil ihr diese lieben Tierchen nicht leiden könnt ... Ein dummes Volk seid ihr ! Keinen Schweinebraten essen , keinem Mädchen nachlaufen , keinen Schnaps trinken , keine Lieder singen - ein ganz dummes und trauriges Volk ... Aber wenn es auch nicht dein Zauber ist , so vielleicht Gottes Strafe : Ihr laßt mir einen Juden ins Kloster , ich mache eure Schweine mager ! Das bedrückt mich sehr ... « » Aber ohne Grund « , tröstete Sender . » Wenn wir nächstens wieder bei Srul Schänker zusammensitzen , werde ich es dir beweisen . « » Nächstens ? ! « fragte Fedko kummervoll . » Mein Herz ist sehr schwer ! - Könnte es nicht heute sein ? « » Ich sage dir ja : kein Heller ! ... Aber nächstens , wenn unter deiner Adresse ein Brief aus Czernowitz kommt - du weißt ja ! « » Ich weiß , daß du ihn erwartest ! « erwiderte Fedko schmerzlich . » Aber sonst weiß ich leider nur , daß unsere armen Schweinchen - - Übrigens wie Gott will ! Für eine Woche will ich ' s noch tragen ! « Auch Sender seufzte tief auf , als er diesmal in die Kutte des Ämilius schlüpfte und sich an dem großen Tische niederließ . Und seine Bekümmernis war nicht erheuchelt . » Noch eine Woche - « er wußte , daß Fedko Wort halten würde . Dann war ihm das einzige , was er hier aus eigener Kraft zur Erreichung seines Ziels tun konnte , abgeschnitten ... Betrübt beugte er sich auf das dicke Buch nieder . » Akephalen « , begann er zu lesen , » das heißt Hauptlose . - Was ? « unterbrach er sich , » Menschen ohne Kopf ? ! « Aber da hieß es nun : » Zuerst die Monophysiten ' « - er buchstabierte es nochmals , » heißt ein Name ! « seufzte er , » und was er bedeutet , mag Gott wissen ! - also , Monophysiten , welche sich 483 - wie lang ist das her ? ! Vierzehnhundert Jahr ' ! Gott meiner Väter , das ist doch schon gar nicht mehr wahr ! Aber was haben diese Leut ' vor vierzehnhundert Jahren gemacht ? ... , 483 von der Kirchengemeinschaft mit dem Patriarchen Petrus Magnus von Alexandrien lossagen ' - das heißt , scheint mir , sie haben mit dem Peter nichts zu tun haben wollen , und da haben sie ja recht gehabt , weil er ein Patriarch war ! Denn ein Patriarch heißt ein dicker , roter Geistlicher , der aber ganz schlecht ist und immer sagt , daß der Jude verbrannt werden muß , so steht es ja im Spiel vom Nathan . Also alles in Ordnung - Aber wissen möcht ' ich , ob es mich was angeht , daß sie mit dem Peter im Altertum nicht in dieselbe Kirche haben gehen wollen - weil - Gott - was ist das für ein Wort ! - , weil er das Häretikon des Kaisers Zeno angenommen hatte ! ... Was kann das sein , was er vom Kaiser angenommen hat ? ! Gewiß etwas Unrechtes ! Aber was ? ... « Er schüttelte den Kopf und las dann weiter . » Akiba ' - was ? ! Er meint doch nicht den Rabbi Akiba ? ! Er wird doch mir nicht vom Rabbi Akiba erzählen wollen ? ! - der Sohn Josephs , Schüler des Gamaliel - also doch , es ist wirklich der Rabbi Akiba , mit dem mich schon mein alter Lehrer Simon in Buczacz genug gelangweilt hat - war ein berühmter Rabbi - wirklich ? ! Neuigkeiten weiß du einem zu erzählen ! - der der Hauptgründer der Mischna wurde - Und das ist alles , und mehr weiß er nicht ! « Erzürnt schlug Sender das Buch zu und sprang auf . » Ich Narr ! « rief er , » ich großer Narr ! Eine Stund ' frier ' ich jetzt wieder zum Erbarmen ! Und wenn ich so bedenk ' , was ich überhaupt während der drei Wochen aus dem Buch da gelernt hab ' - lachen könnt ' ich , wenn ich nicht weinen müßt ' ! Daß Aal ein Fisch ist , aber ohne Schuppen und wie eine Schlange , und man ißt ihn geräuchert oder gekocht oder mariniert ! Davon werd ' ich ein guter Spieler und kann zum Theater gehen ! Obendrein weiß ich noch gar nicht , was mariniert heißt , aber wenn ich ' s wüßt ' , hätt ' ich auch nichts davon , denn Fische , die auf dem Land kriechen können , sind ja , trefe ' ( nach dem jüdischen Speisegesetz verboten ) . Und dann weiß ich noch , daß die Affen vier Hände haben und einen Schwanz - aber das hab ' ich schon früher gewußt - und alles andere , was ich noch gelesen hab ' , hab ' ich vergessen ... Nein , nein ! - Wild hat sich einen Spaß mit mir gemacht , oder es gibt verschiedene Bücher von dieser Art , und das ist ein dummes schlechtes Buch ... Und für diese Sach ' sich krank machen und auch noch Schnaps zahlen und sorgen , wo man Geld dazu hernimmt ? ! Ich werd ' dem Fedko sagen - wenn er nur schon käm ' - ich werd ' ihm sagen ... « Er schlug mit den Händen um sich , daß Staubwolken aus der Kutte fuhren , und murmelte vor sich hin , was er dem Alten sagen wollte . Aber es währte noch eine Stunde , bis Fedko erschien , und während dieser Zeit überlegte sich Sender die Sache anders und gründlicher . Nein ! Er gab das Lesen nicht auf , so lang es anging ! Es schien keinen Nutzen zu haben , aber war er gebildet , war er ein Deutsch , stand ihm darüber ein Urteil zu ? ! Und wenn es nutzlos war , so tat er doch , was er konnte ! Hilf dir selbst , dann wird dir Gott helfen - der fromme Spruch aus seiner Knabenzeit , an den er lang nicht mehr gedacht , klang wieder in ihm auf ... » Aushalten muß ich , aushalten ! « Als Fedko endlich kam , sagte er ihm genau das Gegenteil dessen , was er zuerst beabsichtigt : er sei ihm sehr dankbar und hoffe ihm diese Dankbarkeit bald zu beweisen . Der Greis nickte . » Binnen einer Woche « , sagte er nachdrücklich und entließ ihn auf die Straße . Dreizehntes Kapitel Die Tage vergingen ; die Antwort aus Czernowitz traf nicht ein ; eine andere Aussicht , etwas zu verdienen , ergab sich nicht . Von der Mutter ein Geschenk zu erbitten , wäre Torheit gewesen . Sie blieb in ihrem Benehmen gegen ihn stets gleich kalt , gab ihm nie ein schlechtes , aber auch nie ein gutes Wort , und nur zuweilen , wenn er unversehens den Blick erhob , fand er ihr Auge kummervoll und prüfend auf sich gerichtet ; namentlich in den letzten Wochen , wo sein Gesicht etwas spitzer geworden und er so viel hüstelte . Auch fragte sie ihn einmal , wo er sich so arg erkältet und ob er beim Husten ein Stechen in den Lungen verspüre . Aber es klang so gleichgültig , als hätte sie ihn gefragt , ob ihm ein Knopf am Kaftan fehle , und als er eifrig versicherte , er fühle sich ganz wohl , drang sie nicht weiter in ihn und stellte nur des Abends schweigend eine Tasse Eibischtee vor ihn hin . » Ich danke dir , Mutter « , sagte er und suchte ihre Hand zu fassen , da zog sie sie sachte zurück . Dies Benehmen und noch mehr das heimliche Bewußtsein seiner Schuld - er war ja fest entschlossen , sie zu verlassen , sobald er konnte - ließen ihn keinen Versuch wagen , sie zu begütigen . Stumm und gedrückt saß er ihr gegenüber und suchte , sobald er konnte , sein Kämmerchen auf . Auch sein Verhältnis zu Jossele Alpenroth hatte sich seit dem Abenteuer von Mielnica noch verschlechtert . Heftig zu werden oder gar Schimpfworte zu gebrauchen , lag nicht im Wesen des stillen , ruhigen Männchens . Auch seine Mahnreden wiederholte er nicht mehr . Aber der Lehrling schien für ihn kaum noch auf der Welt zu sein , und er gab sich mit seinem Unterricht keine Mühe mehr . Dennoch faßte sich Sender am Morgen des Tages , wo die Frist , die ihm Fedko gesetzt hatte , ablief , ein Herz und brachte seine Bitte vor . Der Meister blickte kaum von der Arbeit auf . » Nein ! « sagte er ruhig und leise wie immer . » Keinen Heller ! Es geschieht nicht aus Geiz oder Härte - frag ' nur in der Gasse nach , wenn du das glaubst . Aber du verdienst es nicht . Deine Arbeit taugt nichts ! Auch will ich dir nichts geben , denn dann bleibst du vielleicht noch länger bei mir als sonst ! « » Ihr wollt mich los sein ? « rief Sender . Der kleine Mann nickte . » Wie gern wär ' ich dich los ! Sehr , sehr gern ! « versicherte er treuherzig . » An dem Tag schenk ' ich den Armen fünf Gulden . Und fünf Gulden ist viel Geld , und ich verdien ' sie nicht leicht ! « » Warum ? Hab ' ich Euch was Böses getan ? « » Nein - was man so Böses nennt , nicht ! Das ist es ja eben . Wenn du mir einen Streich spielen würdest - und wer könnte das besser als du ? ! - so wär ' s zu Ende . Denn so habe ich es mit deiner Mutter abgemacht : An dem Tage , wo er gegen mich den Pojaz herauskehrt , darf ich ihn hinauswerfen ! Du tust es leider nicht , und ich muß deiner Mutter mein Wort halten . Denn sie ist ein braves Weib , und Gott hat sie ohnehin hart genug mit dir gestraft ; durch mich soll sie keine traurige Stund ' haben . Aber schwer fällt ' s mir ! « Sender fühlte den Zorn in sich aufsteigen , umso heftiger , mit je sanfterer Stimme das Männchen seine Reden vorbrachte . Aber er bezwang sich - ein Streit mit dem Meister , das war ' s just noch , was ihm zu seinen Bedrängnissen fehlte ! » Aber nun den Grund « , sagte er . » Ihr werdet einsehen , Meister , daß Ihr mir das schuldig seid ! « Der Uhrmacher nickte wieder . » Das ist wahr ! « sagte er . » Aber der Grund ? - ein Grund ... Komm ' her , Sender , hier an meinen Tisch ... Sieh dir das Werk von dem Ührchen da an , das ich eben reparieren tu ' - gehört dem Herrn Kreiskommissär . Ein feines Ührchen , ein schönes Ührchen « , fügte er mit fast zärtlicher Stimme bei und strich mit dem kleinen Finger liebevoll über den Rand , » es ist auch gottlob nicht ernstlich krank , sondern muß nur gereinigt werden ... Also , wie viel Rädchen siehst du da ? « » Vier ! « » Vier ! Richtig ! Was jeder Bauer sehen könnt ' , siehst du auch ! Aber mehr nicht ! Und viel mehr als ein Bauer verstehst du auch nicht und kannst du nicht machen . Schon das ist schlecht für mich ! Freilich bezahl ' ich dir nichts , aber auch einem anderen Lehrling würd ' ich nichts geben , und an dem hätt ' ich doch mit der Zeit eine Hilfe . Jeder Mensch darf doch auf seinen Vorteil sehen , nicht wahr ? ! Aber daß du mir Schaden bringst , weil alle meine Zeit und Müh ' an dir verloren ist , das ist nur ein Rädchen in der ganzen Sach ' , und zwar das kleinste . Das Rädchen ist da ! « Er wies mit dem Finger auf das Uhrwerk . » Aber daneben « , fuhr er fort , » ist ein größeres : warum lernst du nichts ? Weil du ungeschickt bist ? Nein ! Oder dumm ? Einen gescheiteren Burschen hab ' ich nie gehabt . Oder weil du zu kurze Zeit dabei bist ? Das ist ja gar schon deine zweite Lehrzeit ! Du lernst nichts , weil du kein Herz für unser goldenes Handwerk hast ! Ich aber - - Sender , du wirst mich ja nicht verstehen oder gar verspotten , aber sagen will ich ' s dir doch ! Täglich im Morgengebet , wenn ich die Stelle sag ' : Ich danke dir , Herr , daß du mich als Mann geschaffen hast , füge ich bei : und als Uhrmacher ! Ich sag ' es nur in Gedanken , denn man kann doch nicht ins Gebet deutsche Worte mischen , und für Uhrmacher haben unsere Väter kein Wort gehabt , aber Er hört mich doch und weiß , daß ich Ihm dankbar bin ! Ich denk ' mir oft : Du hast viel Sorgen , Jossele , und es könnt ' dir besser gehen , aber du tauschst doch mit niemand und kannst nie unglücklich werden , denn du bist gottlob ein Uhrmacher ! Mit wem sollt ' ich tauschen ? Mit einem Wucherer ? Pfui ! Oder mit einem anderen Handwerker ? Der Schuster , der Tischler - mit welchen Sachen haben sie es denn zu tun ? Mit toten , groben Sachen ! Meine sind fein und leben ! Holz ist Holz und Leder ist Leder , aber jede Uhr hat ihre eigene Natur , man muß sie erkennen und lieb haben ; dann vergilt sie einem die Mühe . Ich sag ' dir , Sender , ich , Jossele , der arme Mann , beneid ' keinen , außer vielleicht deinen früheren Meister , Hirsch Brandeis in Buczacz , weil ich leider nicht so geschickt bin wie er . Aber ein Herz dafür hab ' ich wie er ! Und nun sitzt einer neben mir , der kein Herz dafür hat , der dies schöne Handwerk verachtet , und das kränkt mich , das ärgert mich , das empört mich ! « Der kleine Mann erhob auch nun seine Stimme nicht , aber sie zitterte , und seine Wangen brannten . » Verachtet ! « sagte Sender abwehrend . » Das nicht , Meister ! « » O ja ! Für einen Dieb hältst du einen Uhrmacher gerade nicht , aber du möchtest es nicht bleiben . Nicht um die Welt ! Und warum nicht ? Das ist das dritte Rädchen und noch weit größer als das zweite : weil du zu gut dafür bist , du , der Pojaz ! Natürlich - - du bist ja gescheit , und es fallen dir ja lustige Sachen ein , über die man lachen muß , und du kannst jedem nachäffen und ihn so verhöhnen , daß kein Mensch mehr Achtung für ihn hat ! Wer das kann , denkst du , ist zum Handwerker zu gut ! Ich aber sage dir « - und nun erst schwoll die Stimme an - » du bist zu schlecht dazu ! Es gibt zweierlei Arten von Menschen , die braven , fleißigen , die sich ihr Brot im Schweiß ihres Angesichts verdienen , das sind die Gelehrten und die Handwerker . Und andere gibt es , die verachten die Arbeit und mißbrauchen den Verstand , den ihnen Gott gegeben hat , und leben von anderer Leut ' gutem Ruf und aus anderer Leut ' Sack : die Schnorrer , die Marschalliks , die Pojazen ! Ich bin ein echter Uhrmacher , und du bist ein echter Pojaz - und darum haß ' ich dich , haß ' ich dich ! « Die Erregung des Männchens gab Sender die Ruhe zurück . » Das ist traurig für mich « , sagte er . » Aber für Euch ist ' s nicht schön ! Ja , Meister , es gibt Uhrmacher und es gibt Pojazen , aber warum ? Weil sie es so wollen ? Nein , weil Gott es so will . Glaubt Ihr , Ihr hättet ein Marschallik werden können wie unser alter Reb Itzig ? « Jossele machte eine Bewegung entrüsteter Abwehr . » Ich weiß « , fuhr Sender rasch fort . » Ihr hättet es auch nicht werden wollen ! Also auch nicht können , Meister ! Ihr sagt , ich hätt ' kein solches Herz für unser Handwerk wie Ihr ! Wenn das wahr ist , man gibt sich ja nicht selbst sein Herz , sondern Gott tut es ! « » Laß Gott dabei aus dem Spiel « , rief Jossele . » Gott meint ' s mit jedem Menschen gut , Gott gibt jedem das Herz zu einer anständigen Arbeit ! Es kommt nur auf unseren Willen an , auf die Bravheit , den Fleiß ! Ein guter Handwerker kann jeder werden , es ist nur sündige Hoffart , wenn einer sagt : Nein , das mag ich nicht , lieber Pojaz , dazu bin ich geboren ! Und mehr noch als die Hoffart spricht der Hang zum Müßiggang solche Worte aus euch . Es gibt keine geborenen Pojazen - so unbarmherzig ist Gott nicht ! Und wenn du hundert Tage redest , ich glaub ' es nicht ! « » Und ich Euch nicht ! « » Natürlich ! Wolltest du mir glauben , du müßtest dich ja vor mir schämen ! Übrigens - wenn du recht hast , wenn du ein geborener Pojaz bist , was suchst du hier ? Willst du bei mir Künste lernen ? Ich versteh ' nichts , nur mein Handwerk ... « » Ihr wißt « , erwiderte Sender düster , » es ist nicht meine Wahl . Und Ihr behaltet mich auch nur meiner Mutter zuliebe . So bitt ' ich Euch : habt Geduld mit mir