bleibt unbelästigt . Höchstens hau ich es Ihnen ab . « Solches Schrauben und Aufziehen war an der Tagesordnung , störte aber keinen Augenblick das gute Einvernehmen , da der » Wuschewierer Baron « , wie er in der ganzen Umgegend hieß , bei aller sonstigen Grundverschiedenheit von Bamme , wenigstens eine gute Seite mit ihm gemein hatte : er war nicht empfindlich . Auch nicht als Dichter , wozu ihn , seinem eigenen Geständnisse nach , das Podagra gemacht hatte . Er wollte nämlich beobachtet haben , daß das Podagra seine Muse jedesmal weiche , eine vetrauliche Mitteilung , die seitens des Guser Kreises zu folgendem Verse benutzt worden war : Cedo majori Als des Barones Podagra Nun seine Muse kommen sah , Erschrak es sehr und sagte : » Ach , Daneben bin ich doch zu schwach « , Und packte schnell das Zwickzeug ein Und ließ die beiden ganz allein . Es hieß angeblich , Bamme habe diesen Vers gemacht ; in Wahrheit wußte jeder , daß er von Doktor Faulstich herrühre , der immer bereit war , seine kleinen Piratenboote unter fremder Flagge segeln zu lassen . Der fünfte des Kreises war der Kammerherr von Medewitz auf Alt-Medewitz , ein langweiliger , pedantischer Herr , sehr durchdrungen von der Bedeutung der Medewitze , trotzdem die Blätter der vaterländischen Geschichte den Namen derselben nirgends aufzeichneten . Seine Spezialität waren Erfindungen , in betreff deren er , nach Art der Philosophen , nichts Großes und Kleines kannte . Er hatte für alles die gleiche Liebe . Sparheizung , luftdichter Fensterverschluß , Zerstörung des Mauersalpeters in Schaf- und Pferdestählen , künstliche Morchelzucht , das waren einige der Fragen , die seinen beständig auf Lösungen und Verbesserungen gerichteten Geist beschäftigten . Den Militärbehörden war er wohlbekannt durch seine mehrfach eingereichten Abhandlungen über erleichtertes Gepäcktragen und praktische Mantelrollung . Immer mit beigefügter Zeichnung . Sein eigentliches Steckenpferd aber waren die Dosen . Er war ein Sammler , und man durfte füglich sagen , was Seidentopf für die Urnen war , das war von Medewitz für die Tabatieren und alles ihnen Anverwandte . In bezug auf die Friderizianische Zeit war seine Sammlung so gut wie komplett . Von der Mollwitzdose an , auf der der junge König am Gattertor von Ohlau mit Flintenschüssen empfangen wurde , bis zur Hubertsburgdose , auf der ein Kurier , mit einem wehenden Tuche und dem Worte » Friede « darauf , durch die Welt flog , hatte er sie alle , einzelne sogar doppelt . Soweit war alles gut . Er begnügte sich aber nicht mit der » stillen Dose « , er war vor allem auch ein leidenschaftlicher Verehrer jener damals auf der Höhe ihres Ruhmes stehenden , in Gold und Schildpatt ausgeführten Miniaturleierkästen , die unter dem Namen der Spieldosen ihre Reise um die Welt gemacht haben . Solche mit Musik geladene Überfallwerkzeuge führte von Medewitz beständig bei sich , und mit ihnen war es , daß er seine gesellschaftlichen Attentate verübte . Wie es Menschen gibt , vor deren Anekdoten man , und wenn man in einer Begräbniskutsche mit ihnen säße , nie ganz sicher ist , so war man nie sicher vor einer Medewitzschen Spieldose . Er war sich dieser Macht bewußt und übte sie , mitunter glücklich und taktvoll , durch Ausfüllung ängstlicher Pausen ; aber viel häufiger noch folgte er den Eingebungen bloßer Laune oder verletzter Eitelkeit . Unfähig , aus eigenen Mitteln zur Gesellschaft beizusteuern , wachte er eifersüchtig über allem , was durch Wissen oder Darstellungsgabe sich auszeichnete , und wenn vielleicht der glänzend aufgebaute Satz eines guten Sprechers eben seinen Abschluß erhalten sollte , durfte man sicher sein , aus bloßer Neidteufelei eine Papageno-Arie oder die » Schlacht bei Marengo « dazwischentreten zu sehen . Was das Niederdrückendste war , war , daß das Mittel , wenn nur ein einziger Fremde bei Tische saß , trotz seiner Verbrauchtheit immer wieder wirkte . Der Gräfin wäre es ein leichtes gewesen , dieser Mißgunstsmusik ein Ende zu machen ; aber so abgeschmackt sie das Gebaren fand , so freute sie sich doch jedesmal , den verlegenen Ärger der um ihren Redetriumph Betrogenen beobachten zu können . Der Unbedeutendste des Guser Zirkels war von Rutze , leidenschaftlicher Jäger , ein langer , sehniger , ziemlich schweigsamer Mann , ehemals Hauptmann im pommerschen Regiment von Pirch . Er hatte Protzhagen , das übrigens uralter Rutzescher Besitz war , erst vor etwa zwanzig Jahren gekauft . Die Veranlassung dazu wurde wie folgt erzählt : Nach Stargard hin , wo das Regiment von Pirch in Garnison lag , verirrte sich eine Topographie des Oderbruchs . In dem Kapitel » Buckow und seine Umgebung « hieß es auf Seite 114 : » Bei Protzhagen , einem Gute , das drei Jahrhunderte lang den Rutzes angehörte , zieht sich eine tiefe Schlucht , die Junker Hansens Schlucht . Sie führt diesen Namen , weil Junker Hans von Rutze hier stürzte und verunglückte ; dies war 1693 . Es war der letzte Rutze . « Kaum war von einem der Kameraden diese Notiz entdeckt worden , so hieß es in nicht endenden Scherzreden : » Rutze sei untergeschoben ; es gäbe keine Rutzes mehr : der letzte läge längst in der Protzhagener Kirche begraben . « Unser Hauptmann , kein Meister im Repartie , wurde mißmutig ; er nahm den Abschied und kaufte Protzhagen , um nunmehr an Ort und Stelle die Beweisführung anzutreten , daß es mit dem » letzten Rutze « noch gute Wege habe . Aber er verbesserte sich dadurch nur wenig . Die Stargarder Neckereien waren bekannt geworden und hatten nun auf Schloß Guse ihren Fortgang . Bamme verschwor sich hoch und teuer , daß es mit einem der beiden » letzten Rutzes « , dem jetzigen oder dem früheren , notwendig eine sonderbare Bewandtnis haben müsse . Entweder sei der selige Hans von Rutze nichts als eine gespenstische Vorerscheinung , eine Spiegelung von etwas erst Kommendem gewesen , oder aber der unter ihnen wandelnde Freund , ohnehin beinahe fleischlos , sei ein Revenant . Was ihn ( Bamme ) persönlich angehe , so gäbe er der ersteren Annahme den Vorzug , weil ihm darnach die Wirklichkeit der Dinge noch eine Hirschjagd , einen Schluchtensturz und einen den Hals brechenden Rutze schuldig sei . Der alte Hauptmann folgte diesen Auseinandersetzungen jedesmal mit süßsaurem Gesicht , hatte sich aber längst aller Proteste dagegen begeben . Dann und wann schritt er seinerseits zum Angriff , ohne jedoch mit Hilfe dieses Kunstgriffs dem gewandten Bamme beikommen zu können . Unter seinen sonstigen kleinen Schwächen war die bemerkenswerteste die , daß er sich , in Anbetracht seines aus Schluchten und Abhängen bestehenden Protzhagener Territoriums , für eine Art Gebirgsbewohner hielt . » Wir auf der Höhe « zählte zu seinen Lieblingsredewendungen . Der Gräfin war er wert durch einen besonderen Respekt , den er ihr entgegenbrachte . Denn wie sehr sie vorgeben mochte , über Huldigungen und Schmeicheleien hinweg zu sein , so war sie schließlich doch nicht unempfindlich dagegen . Der siebente und letzte des » engeren Zirkels « war Doktor Faulstich Ein späteres Kapitel wird von ihm ausführlicher erzählen . Viertes Kapitel Vor Tisch Der ganze Freundeskreis , mit Ausnahme Doktor Faulstichs , welcher nach altem Herkommen den dritten Feiertag in Ziebingen zuzubringen pflegte , war nach Schloß Guse geladen . Auch Lewin und Renate , wie wir wissen . Diese waren die ersten , die eintrafen . Die Einladung hatte auf vier Uhr gelautet , aber eine volle Stunde früher schon bog der Schlitten Lewins in eine der großen Avenuen ein . Es war nicht mehr die Planschleife mit Strohbündeln und Häckselsack , in der wir zuerst die Bekanntschaft unseres Helden machten ; Tante Amelie , für sich selbst gelegentlich salopp , hielt auf Eleganz der Erscheinung bei anderen . Dem bequemten sich die Hohen-Vietzer nach Möglichkeit . Der Schlittenstuhl , mit einem Bärenfell überdeckt , zeigte die bekannte Muschelform , blaugesäumte Schneedecken blähten sich wie seitwärts gespannte Segel , und statt des rostigen Schellengeläutes , das am Heiligabend unseren Lewin in Schlummer geläutet hatte , stand heute ein Glockenspiel auf dem Rücken der Pferde , und zwei kleine Haarbüsche wehten rot und weiß darüber hin . Die körnerpickenden Sperlinge flogen zu Hunderten in der Dorfgasse auf ; so ging es auf das Schloß zu . Jetzt war auch die Sphinxenbrücke passiert , und der Schlitten hielt . Lewin , rasch die Decke zurückschlagend , reichte Renaten die Hand , die nun mit der Raschheit der Jugend aus dem Schlitten auf eine über den harten Schnee hin ausgebreitete Binsenmatte sprang . So schritt sie dem Eingange zu . Sie erschien größer als sonst , vielleicht infolge des langen Seidenmantels , grau mit roten Paspeln , aus dessen aufgeschlagener Kapuze ihr klares Gesicht heute mit doppelter Frische hervorleuchtete . Denn die Fahrt war lang , und es ging eine scharfe Luft . Der Flur umfing sie mit wohltuender Wärme ; in dem altmodisch hohen Kamin , den die beiden Derfflingerschen Dragoner flankierten , brannte seit Stunden schon ein gut unterhaltenes Feuer . Ein Diener in Jägerlivree , der seinen Hirschfänger zu tragen wußte , nahm ihnen die Mäntel ab und meldete , daß sich die Gräfin auf wenige Minuten entschuldigen lasse . Dies war die regelmäßig wiederkehrende Form des Empfanges . Lewin und Renate sahen verständnisvoll einander an und schritten durch das Billard- und Spiegelzimmer in den » Salon « . Sich selbst überlassen , traten sie hier an das in einer breiten und tiefen Nische befindliche Eckfenster , dessen untere Hälfte aus einer einzigen Scheibe bestand . Damals etwas Seltenes und sehr bewundert . Die Eisblumen waren halb weggeschmolzen und gestatteten einen Blick ins Freie . Über das Schwanenhäuschen hin , das nur noch mit seinem Spitzdach aus dem verschneiten Schloßgraben emporragte , sahen sie gradaus in eine kahle Kirschallee hinein , die sich bis an die Grenze des Parkes zog . An den vordersten Stämmen waren einige Dohnensprengsel mit ihren roten Ebereschenbüschelchen sichtbar , während am Ausgange der Allee der dunkele Carzower Kirchturm stand , dessen vergoldete Kugel eben in der untergehenden Sonne leuchtete . Um die Geschwister her war alles still ; sie hörten nur , wie das mehr und mehr abtauende Eis in einzelnen Tropfen in die Blechbehälter fiel . Dieser Platz am Fenster war anheimelnd genug ; jeder andere Besucher aber würde es doch vorgezogen haben , das letzte Tageslicht noch zu einem Umblick in dem » Salon « selbst zu benutzen . Es war ein quadratischer Raum , der in seiner Einrichtung für ebenso geschmackvoll wie wohnlich gelten konnte . Die den Fenstern gegenübergelegene Seite wurde von einem halbkreisförmigen Diwan eingenommen , der , in der Mitte geteilt , einen Durchgang zu den Flügeltüren des Eßsaales offen ließ . In den ebenfalls freibleibenden Ecken standen Lorbeer und Oleanderbüsche , nach links und rechts hin verteilt . Neben der Oleanderecke stieg eine Wendeltreppe auf , das zierlich durchbrochene Geländer von Nußbaumholz . Ein dicker Teppich , in dem das türkische Rot vorherrschte , deckte den Fußboden ; sonst war alles blau : die Wände , die Gardinen , die Möbelstoffe . Ringsumher , auf Säulen und Konsolen , erhoben sich Büsten und Statuetten , deren leuchtendes Weiß beim Eintreten den ersten Eindruck gab . Erst später traten auch die Bilder hervor , die , stark angedunkelt , in kaum geringerer Zahl als jene Marmor- und Alabasterarbeiten das Zimmer schmückten . Es waren sämtlich Erinnerungsstücke aus den Rheinsberger Tagen her . Da war zunächst das Porträt des Prinzen selbst , etwas barock in Auffassung und Behandlung , die Aufschläge von Tigerfell , die Hand auf ein Felsstück und einen Schlachtplan gestützt . Gegenüber Schloß Rheinsberg , seine Front im Wasser spiegelnd , und über den See hin glitt ein Kahn , darin eine schöne Frau mit aufgelöstem Haar , blond wie eine Nixe , am Steuer saß . Es hieß , es sei die Gräfin . An den Fensterpfeilern , im Schatten und wenig bemerkbar , hingen die Pastellporträts der prinzlichen Tafelrunde : Tauentzien , die Wreechs , Knyphausen , Knesebeck ; meistens Geschenke der Freunde selbst . Lewin und Renate sahen noch der untergehenden Sonne nach , als sie aus der Tiefe des Zimmers her den Zuruf hörten : » Soyez les bienvenus « . Sie wandten sich und sahen die Tante , die von der Wendeltreppe her auf sie zuschritt . Die Geschwister eilten ihr entgegen , ihr die Hand zu küssen . Die Gräfin trug sich schwarz , selbst die Stirnschnebbe fehlte nicht . Es war dies , dem Beispiele regierender Häuser folgend , die Witwentracht , die sie seit dem Hinscheiden des Grafen nicht wieder abgelegt hatte . Im übrigen hätten Haube und Krause frischer sein können , ohne den Eindruck zu schädigen . In der Nähe des Eckfensters stand eine » Causeuse « , die denselben Bleu-de-France-Überzug hatte wie alle übrigen Möbel . Eines war der Lieblingsplatz der Gräfin ; Renate schob ein hohes Kissen heran , während Lewin sich der Tante gegenübersetzte . Das Gespräch war bald in vollem Gange , mit französischen Wörtern und Wendungen reichlich untermischt , die wir in unserer Erzählung nur sparsam wiedergeben . Die Tante schien gut gelaunt und tat Frage über Frage . Der Hohen-Vietzer Weihnachtsmorgen , sogar der Wagen Odins mußten ausführlich besprochen werden . Dies letztere war das überraschendste , denn in Sachen der Altertümlerei blieb die Guser Gräfin wenig hinter Bamme zurück . Auch Maries wurde gedacht , aber nur kurz , dann lenkte das Gespräch zu den Ladalinskis hinüber , an die das Haus Vitzewitz durch eine Doppelheirat zu ketten der sehnlichste Wunsch der Tante war . Ihr in diesem Wunsche nach Möglichkeit entgegenzukommen würde sich , da sie die Erbtante war , unter allen Umständen empfohlen haben ; es traf sich aber so glücklich , daß der Guser Familienplan und die Herzenswünsche der Hohen-Vietzer Geschwister zusammenfielen . » Wie verließest du Tubal ? « fragte die Tante . » In bestem Wohlsein « , erwiderte Lewin , » und ein Brief , der heute früh von ihm eintraf , läßt mich annehmen , daß die Feiertage nichts verschlimmert haben . « » Was schreibt er ? « » Ein langes und breites über literarische Freunde . Aber eine kurze Schilderung des Christabends , und wie die Weihnachtslichter bei den Ladalinskis ziemlich trübe brannten , schickt er voraus . Er sagt auch einiges über Kathinka . Darf ich es dir mitteilen ? « » Je vous en prie . « Lewin entfaltete den Brief . Es dunkelte schon im Zimmer . Er rückte deshalb näher an das Fenster , dessen Scheiben in dem letzten Rot erglühten . Dann las er , über die Eingangszeilen hinweggehend : » In einem Hause , in dem die Kinder fehlen , wird das Christkind immer einen schweren Stand haben , so nicht etwa der Kindersinn den Erwachsenen verblieben ist . Und Kathinka , die so vieles hat ( vielleicht weil sie so vieles hat ) , hat diesen Sinn nicht . « Lewin schwieg einen Augenblick , weil es ihm schien , daß die Tante sprechen wolle . Dann sagte diese : » Es ist eine richtige Bemerkung , aber es überrascht mich , sie von Tubal zu hören . Es ist , als ob Seidentopf spräche . Kathinka ist eine Polin , ça dit tout , und gerade das macht sie mir wert . Kindersinn ! Betise allemande . Wie mag nur ein Ladalinski so tief ins Sentimentale geraten . C ' est étonnant ! Ich würde die deutsche Mutter darin zu erkennen glauben , wenn nicht durch ein Spiel des Zufalls , par un caprice du sort , in eben dieser Mutter mehr polnisch Blut lebendig gewesen wäre als in einem halben Dutzend itzkis oder inskis . Kindersinn ! Dieu m ' en garde ! Ich bitte euch , meine Teuren , verschließt euch der eitlen Vorstellung , als ob diese deutschen Gefühlsspezialitäten die unerläßlichen Requisiten in Gottes ewiger Weltordnung wären . « Renate faßte sich zuerst und sagte : » Ich glaube , daß mir diese Vorstellung fremd geblieben ist , aber schon die Bibel preist den Kindersinn als etwas Köstliches . « Die Tante lächelte . Dann nahm sie , wie sie zu tun pflegte , die Hand der Nichte , streichelte sie und sagte : » Du hast diesen Sinn , und Gott erhalte ihn dir . Aber muß ich euch , die ihr mich kennt , noch erst Erklärungen geben ? A quoi bon ? Gewiß ist es etwas Schönes um ein kindlich Herz , wie um alles , was den Vorzug des Natürlichen und Reinen hat . Aber das stete Sprechen davon oder das Geltendmachen , das immer nur da sich einfindet , wo der Schein an Stelle der Sache getreten ist , das ist kleinbürgerlich deutsch , et voilà ce qui me fâche . Und das war es auch , was den Prinzen verdroß . In seinem Unmut unterschied er dann nicht , ob er die Frommen oder die Heuchler traf ; sonst so vorsichtig , wog er nicht länger ab , und auch ich , je n ' aime pas à marchander les mots . Ihr müßt Abzüge machen , wo es not tut . Inzwischen laß uns weiter hören , Lewin . « Lewin fuhr im Lesen fort : » Als die Türen eben geöffnet wurden , kam Graf Bninski . Er hatte Aufmerksamkeiten für uns alle , zu weitgehende für mein Gefühl , aber Kathinka schien es nicht zu empfinden . « » Aber Kathinka schien es nicht zu empfinden « , wiederholte die Gräfin , langsam den Kopf schüttelnd . Dann fuhr sie fort : » Oh , cet air bourgeois , ne se perdra-t-il jamais ? Mit neuen Karten das alte Spiel . Je ne le comprends pas . Solange die Welt steht , haben sich Jugend und Schönheit an Geschenken erfreut , an Pracht der Blumen , am Glanz der Steine . Sie passen zusammen . Aber Tubal erschrickt davor und wird nachdenklich , als ob er eine durch Broche und Nadel in ihrer Tugend bedrohte Epiciertochter zu hüten hätte . Und das heißt Sitte ! Sitte , Kindersinn , je les respecte , mais j ' en déteste la caricature . Und davon haben wir hierlandes ein gerüttelt und geschüttelt Maß . « » Ich glaube « , nahm jetzt Lewin das Wort , » Tubal empfindet wie du , wie wir alle . Sein Bedenken , wenn ich ihn recht verstehe , wurde nicht der Gabe , sondern des Gebers halber ausgesprochen . Graf Bninski nähert sich Kathinka , er bewirbt sich um ihre Hand . Vielleicht , daß ich mich irre , aber ich glaube nicht . « Die Tante war sichtlich überrascht . Dann fragte sie hastig : » Und der Vater ? « » Er steht dagegen , auch Tubal . Sie schätzen den Grafen persönlich , er ist reich und angesehen . Aber du kennst die Gesinnungen beider Ladalinskis oder doch des Vaters . Und Bninski ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh . « » Und Kathinka selbst ? « Es blieb bei dieser Frage , denn ehe Lewin antworten konnte , wurden im Spiegelzimmer Stimmen laut , und dem zwei Doppelleuchter vorantragenden Jäger paarweis folgend , traten jetzt Krach und Bamme , dann Medewitz und Rutze bei der Gräfin ein . Nach kurzer Begrüßung wurde auf dem großen Sofa Platz genommen , und die Gräfin , abwechselnd an den einen oder andern ihrer Gäste sich wendend , teilte denselben mit , daß Baron Pehlemann wegen eines neuen heftigen Podagraanfalles abgeschrieben , Drosselstein aber - durch Geschäfte zurückgehalten - erst für 4 1 / 2 Uhr sein Erscheinen zugesagt habe . » Ich denke « , so schloß sie , » wir warten auf ihn . Der ersten Viertelstunde , die das Recht jeden Gastes ist , legen wir die zweite zu . « Alles verneigte sich , wenn auch unter geheimem Protest . Eine solche Wartehalbestunde pflegt der Unterhaltung nicht günstig zu sein . Die Schweigsamen schweigen mehr denn je , aber auch die Beredten halten ängstlich zurück , unlustig , ihre vielleicht nur noch des Abschlusses harrende glänzende Anekdote durch die Meldung des eintretenden Dieners unterbrochen und zu ewiger Pointelosigkeit verurteilt zu sehen . Bamme gehörte dieser letzteren Gruppe an , bezwang sich aber und war der einzige , der den ersichtlichen Bemühungen der Gräfin hilfreich entgegenkam . Freilich nur mit teilweisem Erfolg . Über eine sprungweise Konversation kam man nicht hinaus , und die Fragen drängten sich , ohne daß eine rechte Antwort abgewartet wurde . Das Baron Pehlemannsche Podagra gab den dankbarsten Stoff . » Warum mußte er beim letzten Dachsgraben wieder zugegen sein ? Ein Podagrist und zwei Stunden im Schnee ! Warum riß er wieder den Rauenthaler an sich ? Aber das ist so Pehlemannsche Bravour : ein freudiger Opfertod auf dem Altar der Gourmandise ! Im übrigen , wo blieb Cedo majori ? Warum hat er nicht seine Muse zitiert ? « » Er hat « , entgegnete die Gräfin und nahm aus einer vor ihr stehenden Alabasterschale ein zierlich zusammengefaltetes Billet . Aber die beiden Stutzuhren , auf deren gleichen Pendelgang Tante Amelie mit peinlicher Gewissenhaftigkeit hielt , schlugen eben halb , die gewährte Frist war um , und die Flügeltüren des hell erleuchteten Eßsaals öffneten sich pünktlich und lautlos nach innen zu . Die Gräfin und Krach führten sich . In demselben Augenblick trat auch Drosselstein ein . Mit der Linken hinübergrüßend , wie um anzudeuten , daß er die Tischprozession nicht zu stören wünsche , bot er Renaten seinen Arm . Bamme und Lewin folgten , dann Medewitz . Rutze machte den Schluß . Dieser , ein leidenschaftlicher Schnupfer , benutzte die Gelegenheit , um aus der stehengebliebenen Tabatiere der Gräfin zu naschen . Nicht ungestraft . Ehe er noch die Schwelle des Saales überschritten hatte , war schon das Gewitter herauf . Alles lachte , und Bamme rief : » Ertappt ! « Nur Krach bewahrte wie gewöhnlich seine Haltung . Fünftes Kapitel Le diner In dem Speisesaale herrschte , trotz Kaminfeuers , die im Eßzimmer sich ziemende niedrige Temperatur . An einem ovalen Tische war gedeckt . Die Gräfin saß , wie herkömmlich , zwischen Krach und Drosselstein , ihr gegenüber Renate . Jäger und galonierte Diener waren geschäftig ; ein Kronleuchter brannte . Der Graf überblickte , während er das Serviettentuch einknotete , den Saal , dessen architektonische Verhältnisse , durch einfache Ausschmückung unterstützt , auch heute wieder den angenehmsten Eindruck auf ihn machten . Es waren vier Stuckwände , gelblich getönt , von Goldleisten eingefaßt , am Plafond ein Deckenbild , das » Gastmahl der Götter « darstellend , eine Kopie nach dem bekannten Fresko der Farnesina . Krach und Rutze , wie sich klarmachend zum Gefecht , schoben die Gläser hin und her , Drosselstein aber wandte sich jetzt der Gräfin zu , um , nach einigen der Erbauerin des Saales und ihrem Geschmacke geltenden Verbindlichkeiten , nach dem Grafen Narbonne , dem ersten Adjutanten des Kaisers , zu fragen , der , wie die Zeitungen gemeldet , am Weihnachtsheiligabend auf seiner Rückkehr von Rußland beim Könige gespeist habe . » Ich hörte davon « , erwiderte die Gräfin ; » auch General Desaix war zugegen . Graf Narbonne , oh je me le rapelle très bien . Er gehörte dem alten Hofe an , war ein Liebling Marie Antoinettens und lancierte sich geschickt in das Empire hinüber , Wissen Sie , was ihm das Herz des Kaisers eroberte ? « Drosselstein verneinte . » Eine Sache der Etiquette . Also eine Bagatelle , ein Nichts , wie die Leute von heute sagen würden . Aber die Parvenus sind auf keinem Gebiete so bereitwillig , zu lernen und zu belohnen , als auf diesem . Ich habe die Anekdote aus Graf Haugwitz ' eigenem Munde . Es war unmittelbar nach der Kaiserkrönung , als Narbonne , damals Oberst , dem Kaiser eine Depesche überbrachte . Er ließ sich auf ein Knie nieder und präsentierte den Brief auf seinem Hute . Eh bien , rief der Kaiser , qu ' est ce que cela veut dire ? Der Oberst antwortete : Sire , c ' est ainsi qu ' on présentait les dépêches à Louis XVI. - Ah , c ' est très bien , antwortete der Kaiser , und Narbonne war als Günstling installiert . Übrigens sind auch die Desaix vom ancien régime , alter Adel aus der Auvergne . « Rutze hatte gleich anfangs aufgehorcht , als General Desaix genannt worden war . Jetzt , wo die Gräfin den Namen wiederholte , wandte er sich mit der bestimmten und doch zugleich von einer Unglücksahnung durchzitterten Bemerkung zu ihr hinüber : » daß seines Wissens General Desaix im Kriege gegen die Österreicher gefallen sei . Er entsinne sich eines Musikstückes : Die Schlacht bei Marengo , in dem es am Schluß in einer Parenthese geheißen habe : Desaix fällt . « Selbst über Krachs unerschütterliches Antlitz flog ein Lächeln ; Drosselstein wollte aufklären , Bamme jedoch kam ihm zuvor und begann mit jener erkünstelten Feierlichkeit , in der er Meister war : » Ja , Rutze , es ist eine tolle Welt . Da fällt einer Anno 1800 bei Marengo in voller Junihitze , und am Heiligen Abend 1812 sitzt er bei Seiner Majestät von Preußen zu Tisch . Es sind unglaubliche Kerls , diese Franzosen . Nicht mal ihre Toten ist man los . Sie drängen sich in Diners ein ; wer weiß , was wir heute noch zu erwarten haben . Im übrigen wird es wohl ein älterer oder jüngerer Bruder gewesen sein . « Der Protzhagener Hauptmann verfärbte sich und antwortete pikiert : er danke dem General von Bamme für die schließliche Lösung des Rätsels , müsse sich aber die Bemerkung erlauben , daß es hierzu keiner besonderen Husarenschlauheit bedurft hätte . Aufschlüsse wie diese lägen auch noch innerhalb des Infanteriebereichs . Bamme lachte ; jede Form der Entgegnung war ihm recht . Er nahm nichts übel und befand sich in der glücklichen Lage , um eines Mutes willen , den niemand bezweifelte , seine Pistolen nicht erst laden zu müssen . Der Zwischenfall währte nicht lange ; die Gräfin beschwichtigte , und ein vorzüglicher Chablis , der gereicht wurde , kam ihr zu Hilfe , während von Medewitz , ohne Furcht , dem Streite dadurch neue Nahrung zu geben , die Namen Narbonne und Desaix noch einmal in die Debatte zog . » Es sind doch Männer von Familie , der eine wie der andere « , so hob er an , » aber mit wie sonderbaren Leuten hat Seine Majestät vom ersten Tage seiner Regierung an zu Tische sitzen müssen ! Mit einem war ich im Weißen Saale selbst zusammen , mit dem Abbé Sieyès . Ich erschrak , als ich seinen Namen hörte . 1793 sprach er einem Könige von Frankreich das Leben ab , und 1798 saß er einem Könige von Preußen als Ambassadeur gegenüber . Er trug eine trikolore Schärpe ; ich sah nur das Rot darin , und sooft er sagte : Votre Majesté , war es mir immer , als hörte ich : La mort sans phrase . « » Ich habe ihn auch gesehen « , bemerkte Krach , mit Wichtigkeit an seinem Halstuch zupfend . » Medewitz will ihn nicht gelten lassen , aber er war doch wenigstens ein Abbé . Auch gehört etwas dazu , einem Könige von Frankreich das Leben abzusprechen . Doch diese Marschälle ! Gastwirts- und Böttchersöhne . « » Je nun « , fiel Drosselstein ein , » Böttchersöhne oder nicht , sie haben von halb Europa so viele Reifen abgeschlagen , daß die Dauben nach rechts und links hin auseinandergefallen sind . Ich liebe diese Marschälle nicht , an denen die Korporalslitzen immer wieder zum Vorschein kommen , aber eines sind sie : Soldaten . « » Das sind sie ! « rief jetzt Bamme , sein Ragout en coquille schärfer in Angriff nehmend , » und wer nur je einen Halbzug ins Feuer geführt hat , der hat Respekt vor ihnen , Schelme und Beutelschneider , wie sie sind . « » Wie sie sind « , wiederholte der Domherr , eingedenk jener schweren Tage , in denen er seine Dosensammlung nur mit Mühe vor den Händen Soults gerettet hatte . » Nur einem trag ich einen Groll im Herzen « , fuhr Bamme fort . » Davoust ? « fragte Lewin . » Nein , Seiner neapolitanischen Majestät dem König Murat . Der will im großen und kleinen etwas Besonderes sein , unter anderen auch ein gewaltiger Reitergeneral , weil er das Mamelukengesindel in den Sand geritten hat . Aber ein Zietenscher hat ihm einen Streich gespielt , noch dazu ein Invalide . Ich meine den alten Kastellan Kettlitz in Charlottenburg . « Alles zeigte Neugier und drang in ihn , zu erzählen . Es hätte dessen nicht bedurft . » Die Geschichte ist seinerzeit wenig bekannt geworden « , hob er an ; » ich habe sie von Kettlitz selber . Am 14. Oktober hatten wir die Affaire von Jena , und zehn Tage später war die französische Avantgarde in Berlin , Murat aber , damals noch Herzog von Berg , in Charlottenburg . Er hatte sich in den Zimmern eingerichtet , die nach der Parkseite hin liegen , dieselben , in denen Kaiser Alexander ein Jahr vorher gewohnt hatte . Der alte Kettlitz war außer sich und machte sich einen Plan . Um fünf Uhr war Diner im großen Saale , und das Bild König Friedrich Wilhelms I. sah ernst und unwirsch auf den neugebackenen Herzog , der neben Berg auch die altpreußisch-cleveschen Lande regierte . Es waren noch nicht viel französische Truppen in der Stadt . Da mit einem