ihm auf , ohne eine bestimmte Form anzunehmen , und mechanisch tastete er sich fort . Sooft ein Blitz die Umgebung erhellte , wurde es dem Jungen möglich , einige Schritte weit zu gehen , dann aber versperrten Bäume den Weg oder zeigten ihm verschlungene Ranken , daß er die Richtung zum Ufer im Dunkel verfehlt hatte . Rechts und links lagen herabgerissene Zweige , oft sogar ganze Bäume quer über dem Weg . Immer schneller und schneller folgten die Blitze , fast ununterbrochen krachte der Donner , und in jede Pause hinein dröhnten die Notschüsse des bedrohten Schiffes . Robert kämpfte mit der Kraft der Verzweiflung , um an den Strand zu kommen . Schritt für Schritt vorwärts dringend , brauchte er wenigstens eine Stunde , ehe der Weg von zwanzig Minuten zurückgelegt war . Zerschunden im Gesicht , mit blutenden Händen und fieberheißem , brennendem Kopf hatte er endlich das Meer vor sich . Brandend , zischend und kochend , den weißen Schaum turmhoch schleudernd , brach sich die See an der Küste . Welle auf Welle überspülte das Ufer , hoch in der Luft kreischten flügelschlagend die Möwen , pfeifend und heulend kam der Sturm daher . Robert hielt beide Hände vor die Augen . Dicht vor der Brandung spähte er , den nächsten Blitz erwartend , hinaus auf die tobende See Ein neuer Kanonenschuß zeigte ihm die Richtung , in der das Schiff lag . Und dann zuckte aus den schwarzen Wolken der gelbe Strahl herab - dann sah er für Augenblicke das Fahrzeug . Es war ein großes Schiff , im Sturm fast ohne Segel und von den Wellen wie ein Ball von einer Seite zur anderen geworfen . Jeden Augenblick konnte es der Sturm mit voller Gewalt auf den Strand treiben . Die Seeleute glaubten sich vielleicht in der Nähe einer bewohnten Insel , aber selbst wenn ein Boot zur Stelle gewesen wäre , so hätte es in dem schweren Wetter unmöglich auslaufen können . Die Wellen gingen haushoch . Robert schwang in ohnmächtigem Kampf gegen das Toben des Sturmes sein Tuch . So nahe vor sich die Erlösung aus der Gefangenschaft , so nahe in der grauenvollen Nacht die Menschen ! Er glaubte es nicht ertragen zu können , wenn diese Hoffnung getäuscht werden würde . Bald sah er beim Schein der Blitze das Schiff in größerer und bald in geringerer Entfernung vom Lande , endlich aber so weit draußen , daß er nur noch die Umrisse erkannte . In jeder Pause des Donners hielt er beide Hände vor den Mund und rief , so laut er konnte , den . Seemannsruf » Schiff ahoi ! « in die Nacht hinaus , aber ohne eine Antwort zu erwarten . Der schwache Ton konnte nicht bis zum Schiff dringen . Allmählich verstummten draußen auf dem Meer die Kanonenschüsse , und die Wucht des Sturmes ließ nach . Blitz und Donner wurden schwächer , der Regen hörte auf , einzelne Sterne zeigten sich am Himmel . Robert lauschte verzweifelt . Allein in der undurchdringlichen Finsternis , überwältigte ihn der Schmerz so sehr , daß er weinte . Erschöpft warf er sich auf den durchnäßten Sand und wiederholte nur von Zeit zu Zeit den langanhaltenden Ausruf , mit dem sich die Seeleute zu erkennen geben , aber immer ganz vergeblich . Seine Ungeduld wuchs von Viertelstunde zu Viertelstunde . Wie lang , wie endlos lang war die Nacht ! - Er versuchte zu schlafen , aber es mißlang gänzlich . Nicht einmal der Halbschlaf erlöste ihn auf Augenblicke von der Qual der Ungeduld . Er ging , als endlich Stille eintrat , rastlos am Ufer auf und ab . Jetzt lag das unruhige Meer wie ein wildes Kind , das sich müde getobt hat und nun sanft schläft , ganz lautlos und fast unbeweglich , als bereue es sein Wüten . Die Luft war abgekühlt , die letzten Tropfen von den Zweigen gefallen und der Wind vollständig zur Ruhe gegangen . Nichts regte sich in der stillen Sternennacht . Robert strengte sich an , mit den Augen das Dunkel zu durchdringen , er glaubte ein Licht , einen weißen Streifen zu sehen und schloß die Augen , um sich zu vergewissern , ob ihn keine Einbildung täusche . Aber dann , wenn er wieder aufsah , war nur das Dunkel der Nacht um ihn , - er mußte erkennen , daß ihn seine eigenen überreizten Sinne getäuscht hatten . Und auf die Nacht folgte endlich graue Morgendämmerung . Nebel und Schatten , hier heller , dort tiefer , lagerten sich über dem Wasser , spielten in allen Formen und täuschten das Auge . Sah er nicht dort im halben Dunkel das Schiff mit ragenden Masten und weißen , flatternden Segeln ? Sah er es nicht hart an der Küste , fast so nahe , daß es die Stimme erreichen konnte ? Er rief laut , so laut er konnte . Aber kein Zeichen verriet , daß in der Nähe Menschen lebten . Und die Nebel verzogen sich , zerflatterten ; das , was eben noch ein Schiff gewesen war , erschien nun als Turm , als riesiges , vorsintflutliches Fabeltier , als Bergspitze mit wallenden Baumkronen . - Hundert Gestalten formten sich , tiefe Täler und hohe , unzugängliche Zinnen . Robert starrte in das Chaos , immer noch hoffend , immer noch festhaltend an dem Gedanken der Erlösung . Was er in der Nacht so nahe an der Küste gesehen hatte , das rettende Schiff , - sollte es am Morgen , wo ein einziger Blick genügte , ihn aus der schrecklichen Einsamkeit zu befreien , zu weit entfernt sein , viel zu weit für jede Verständigung ? - Es war ja unmöglich , ganz unmöglich ! - Und heller und heller wurden die Nebelmassen , der Tag brach an . Ein kühler Hauch glitt durch die regenschweren Blätter , einzelne Tierstimmen erhoben sich , und gelbe und rote Wolkenränder umsäumten den Horizont . Roberts Zähne schlugen aufeinander . Jetzt kam die Entscheidung . Er erkletterte den Baum , aus dessen Krone sich das Meer weithin überblicken ließ . Nun teilten sich die Schatten , ein goldener Streif schoß plötzlich hervor , andere folgten , und die ganze blaue , leicht bewegte Wasserfläche lag glänzend im Licht des jungen Tages . Weit aus der Ferne , kaum noch erkennbar , schimmerten die vollentfalteten Segel des Schiffes . Robert stieß einen herzzerreißenden Schrei aus . Er sah das Fahrzeug , er erkannte es deutlich , aber es gab für ihn kein Mittel , sich der Mannschaft bemerkbar zu machen . Seine Blicke folgten den weißen verschwindenden Segeln , bis ihm die Augen schmerzten und er verzweifelt den Kopf in die Hand sinken ließ . Endlich war auch der letzte weiße Punkt verschwunden . Nur das Wasser dehnte sich in blauer Unendlichkeit vor seinen Augen . Todesnot und Rettung Wie trostlos war der heutige Rückweg . Gestern konnte er hoffen , ein weiches Lager und eine gefüllte Vorratskammer anzutreffen , er besaß bei aller Verlassenheit eine Art Zuhause , das ihm gehörte und wo er wohnte , jetzt dagegen mußte er fürchten , alles in schrecklicher Verwüstung wiederzufinden . Alle Zuversicht , aller Mut war dahin . Ach , wenn es Tag gewesen wäre , als das Schiff so nahe an die Küste getrieben wurde , oder wenn er es lieber nie gesehen hätte ! Unempfänglich für die neuerblühte Schönheit der Natur , für den doppelt süßen Hauch der Blumen und den jubilierenden Gesang der Vögel ging er langsam durch den Wald . Was auf ihn wartete , das wußte er nur zu genau . Und seine Vermutung sollte ihn nicht täuschen . Als er sich der Höhle näherte , sah er schon von weitem den ganzen Umfang des angerichteten Schadens . Fast alle Planken waren aus ihren Fugen gerissen , der Herd umgestürzt , die Kochgeräte unter Schlamm vergraben und - das Schlimmste - die Lebensmittel durchnäßt . Der kleine Bach , sonst wie ein klarer blauer Spiegel , schoß heute mit wildem Ungestüm , seine Ufer überflutend dahin und wälzte gelbe , schlammige Wellen dem Meere entgegen . Abgebrochene Zweige , Blätter und Halme trieben auf der Oberfläche . Jetzt freilich schien die Sonne heiß und freundlich vom Himmel herab , aber auf ein Bild der entsetzlichsten Verwüstung . Robert stand an einem Baum und sah starr auf die Verwirrung . Was sollte er nun beginnen , was konnte er tun , diesem triefenden , schlammüberzogenen Durcheinander , diesen durchweichten Vorräten und dem ungenießbaren Trinkwasser gegenüber ? Zuerst gab es zum Frühstück nur Wein und eine Ananas , die er auch erst aus einem Bett von Schlamm herausgraben mußte , bevor sie sich pflücken ließ . Aber das tat nach der Anstrengung und Aufregung der letzten Nacht , bei ganz durchnäßten Kleidern und tiefster Hoffnungslosigkeit gar nicht wohl , er fühlte ein Frösteln , als die kalte Frucht in seinen Magen gelangte . Hätte er nur etwas Wasser gehabt , um Kaffee kochen zu können ! Aber dieser mißfarbige Schlamm war nicht trinkbar ; er mußte jeden Gedanken daran aufgeben . Als ein Teil der Ananas verzehrt und ein Glas Wein dazu getrunken war , machte sich Robert daran , seine Lebensmittel zu untersuchen . Die Säcke mit Hülsenfrüchten hatten zwar unter Dach gelegen , aber der hereindringende Sprühregen war doch stark genug gewesen , sie zu durchnässen . Besonders das Brot und die Kartoffeln waren halb verloren . Robert warf den größten Teil ohne weiteres fort und suchte dann nach einigen trocken gebliebenen Brettern , die er in die Sonne legte und darauf den Rest sorgfältig ausbreitete . Ebenso machte er es mit den wollenen Decken , die sämtlich von Wasser und Schlamm durchdrungen waren . Dann begann er seine Wände auszubessern . Nägel und Werkzeug hatte er reichlich , daher war diese Arbeit bald vollendet , aber ohne den unglücklichen Jungen wieder ermutigen zu können . Wenn in der nächsten Nacht ein neues Gewitter kam , so hatte er ja doch umsonst gearbeitet , - das drückte ihn fast zu Boden . Um aber jedenfalls alles aufzubieten , was er zu seiner Sicherung tun konnte , ergriff Robert den Spaten und begann hinter der Bretterwand einen festen Erdwall aufzuwerfen , den er außerdem noch mit größeren Steinen feststampfte . Das ging zwar langsam , aber es versprach doch ein guter , seinen Zweck erfüllender Schutz zu werden , daher blieb Robert unermüdlich den ganzen Tag hindurch beim Schaufeln und Stampfen , so daß gegen Abend ein schräger Erdwall vom Boden bis zu dem niederen Felsendach hinaufreichte . Jetzt konnte der Regen kommen ; er würde wenigstens nicht eindringen können , bevor die Decken in Sicherheit gebracht waren . Die hatte die Sonne inzwischen vollständig getrocknet , aber sie knisterten unter den Fingern und verbreiteten große Staubwolken , sooft er sie schüttelte ; auch der Fußboden war noch naß , und an frisches Moos war natürlich gar nicht zu denken . Robert klopfte so lange mit einem dünnen Stöckchen drauflos , bis wenigstens die getrocknete Erde herausgefallen war , dann legte er die Decken und sich selbst auf zwei leere Kisten , wo er , so gut es eben ging , zu schlafen suchte . Während des ganzen Tages hatte er nur Wein und Früchte gehabt , daher freute er sich , am folgenden Morgen den Bach so ziemlich wieder klar zu sehen . Er wusch die Kochgeschirre , suchte das sonnigste Plätzchen und holte von dem in der Höhle versteckten Brennholz einen Arm voll herbei , um Feuer anzumachen . Die lustigen Flammen und endlich der kräftige Kaffee gaben ihm einigermaßen Mut und Zuversicht wieder zurück , aber es saß doch ein heimliches Frösteln in allen seinen Gliedern ; er tat die notwendigen Arbeiten fast gedankenlos , als gehe ihn das gar nichts an , und oft ertappte er sich auf einem unwillkürlichen Horchen . Die Kanonenschüsse klangen immer noch in ihm nach , die grausame Enttäuschung ließ sich nicht leicht wieder verschmerzen . Er untersuchte jetzt auch seine Fleischtonnen . Aus der einen , die das bedeutend empfindlichere Schweinefleisch enthielt , quoll ihm ein Duft entgegen , der alle weitere Mühe überflüssig machte . Er versenkte das ganze Fäßchen in die Erde und überdeckte es mit einer Schicht dichten Lehms , dann setzte er die Untersuchung fort . Das Rindfleisch war noch gut erhalten , ebenso der Speck . Robert säuberte nun das Innere seiner Wohnung und sammelte dann Moos , um es zu trocknen . Bei dieser Gelegenheit fielen seine Augen zufällig auf die ganz vergessenen Überreste seiner Fischmahlzeit . Freilich konnte von diesem Gemengsel kein Labskaus mehr gebraten werden , aber ein anderer Gedanke tauchte plötzlich auf . Diese langen spitzen Gräten - sollten sie sich nicht zu Nähnadeln brauchen lassen ? Sein Anzug war ja völlig zerrissen . Nur Fetzen und Lumpen hingen noch von seinen Schultern herab . Die Gräten waren fest genug , um jedes Zeug durchbohren zu können , aber es ließ sich an ihnen kein Faden befestigen . Robert dachte nach , bis er darauf kam , mit der Gräte in ein ganz dünnes , leichtes Stück Holz hineinzubohren und auf diese Weise ein Öhr herzustellen , das dem einer Nadel glich . Er breitete das gesammelte Moos auf Segeltüchern im Sonnenschein aus und machte sich dann daran , mit seinem Taschenmesser ein Stückchen Holz ganz platt zu schneiden . Er wollte erst das kleine Loch hineinbohren und später der Nadel ihre Form geben , damit nicht ein plötzlicher Spalt die stundenlange Mühe zunichte machen könne . Das Essen hatte ihm am Mittag nur halb so gut wie sonst geschmeckt ; ausgehen oder jagen wollte er heute nicht , und vor dem Anblick des Meeres empfand er , seit es ihn so betrogen hatte , eine Art von Grauen , daher widmete er seine ganze Zeit der Nähnadel , die ihm zu einem neuen Anzug verhelfen sollte . Das Durchbohren des Holzes erwies sich aber als keineswegs leicht ; Gräte auf Gräte zerbrach , und Robert wurde immer ärgerlicher . Dann aber kam ihm ein glücklicher Gedanke , den er auch sofort ausführte . Die ursprüngliche Absicht , das Holz zu durchbohren , gab er auf und schnitt statt dessen die stärkste Gräte mit dem Messer aus der Reihe der übrigen heraus . Nun legte er ein ganz spitzes Hölzchen zum Feuer und ließ es heiß werden . Die Flammen ausblasend , drückte er das glühende Ende auf die obere Seite der Fischgräte , und siehe da , - ein leichtes Zischen zeigte , daß eine kleine Vertiefung entstanden sein mußte . Wie oft hatte er auf diese Weise seine Mutter ein Fischbeinstäbchen durchbohren sehen . Waren denn die Gräten nicht aus demselben Stoff ? Allerdings nahm die Mutter dazu eine Haarnadel und hatte also ein bedeutend besseres Werkzeug als er , aber mit den kleinen Splittern des sehr harten Holzes ging es zur Not auch , wenn auch weit schwerer und viel langsamer . Robert blieb geduldig . Er wendete von Zeit zu Zeit das feuchte Moos und warf das getrocknete in eine Kiste , dann arbeitete er weiter an dem winzig kleinen Nadelöhr , das doch so großer Mühe und Beharrlichkeit bedurfte . Heimlich dachte er dabei an die vielen bitteren Verwünschungen , die er noch vor wenigen Monaten auf alles , was Nähnadel hieß , herabgerufen hatte . Ob er gerade dafür zur Strafe jetzt so unermüdlich das Stück Holz in seiner Hand zuspitzen , ins Feuer stecken und wieder zuspitzen mußte ? Er schloß ermüdet die Augen . Es war ihm alles so gleichgültig geworden , so fremd ; er arbeitete nur , um nicht müßig dazusitzen . Und endlich , als er zum hundertsten Male die Gräte an das Licht hielt , zeigte sich , daß sie durchbohrt war . Robert war sehr stolz . Wenn er jetzt ohne Kreide , ohne Zwirn und Schere , nur mit einer Fischgräte und zerfasertem Segelgarn einen Anzug nähen konnte , so war das ein Werk , das ihm nicht jeder Schneider nachmachte . Er mußte unwillkürlich lächeln . Vater , Großvater und Urgroßvater , alle Krolls , soweit sich der Stammbaum der Familie zurückführen ließ , hatten ja mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzend das Leben durchstichelt , aber wie entsetzt würden sie sein , wenn sie sehen müßten , daß der letzte Sproß dieser ansehnlichen Reihe von Schneidern ihr Handwerk mitten im Urwald und mit einer Fischgräte fortführte ! - Robert schüttete das trockene Moos auf die Stelle , wo er schlafen wollte , und räumte seine Decken wieder ein , so daß jetzt wenigstens ein gutes , weiches Lager da war . Draußen sah es noch fürchterlich aus ; die Zweige geknickt und das Gras zerstampft , der ganze Boden feucht und aufgewühlt , als hätten dort Soldaten exerziert , - aber Robert kümmerte sich nicht darum . Er hatte für heute genug , daher legte er sich ohne Abendbrot zu Bett und träumte fortwährend von dem Schiff , das im Schlaf und im Wachen seine Gedanken beschäftigte . Er sah sich auf dem Mangobaum sitzen und rund um ihn herum war es heller sonniger Tag . Die Kameraden auf dem großen Dreimaster , der gerade an die Küste herankam , hatten ihn längst bemerkt , sie winkten ihm zu , sie riefen ihn an , und er wollte so schnell wie möglich zur Erde klettern . - Wer aber im Traum fällt , der hat das Gefühl , als weiche unter ihm jeder feste Halt , als stürze er ins Bodenlose , er erwacht mit klopfenden Pulsen und Schweißtropfen auf der Stirn , atemlos wie jemand , der lange und schnell gelaufen ist . Auch Robert fuhr vom Lager auf . » Das Schiff ! « murmelte er , » das Schiff ! « Dann aber erkannte er seine Umgebung , atmete die drückende Luft des engen , geschlossenen Raumes und taumelte auf , um zu trinken . Die Zunge klebte ihm fast am Gaumen , seine Stirn brannte , Fieberdurst raste in allen seinen Adern . Er kroch durch die niedere Tür hinaus in den Vorraum und hob das dort stehende Gefäß mit Wasser zum Munde , um zu trinken . Aber wie kalt war der Wind , wie durchschauerte es ihn und trieb ihn zurück unter die schützenden Decken ! Er mußte krank sein , das fühlte er genau ! - - Schon wandte er sich , um wieder in die Höhle zu schlüpfen , als zufällig sein Blick die nächste Umgebung streifte . Er fuhr mit der Hand über die Augen . Dort , wo das Mondlicht , von Blättern und Zweigen gebrochen , zwischen den hohen Stämmen am Boden spielte , in der Nähe der aufgestapelten Kisten mit Wein , - bewegte sich nicht dort im Gebüsch eine menschliche Gestalt ? Nur Augenblicke dauerte die Erscheinung , nur wie ein Schatten glitt sie zwischen dem Grün dahin , aber dennoch - - Ein Schauer durchrieselte Roberts ganzen Körper . Wie gebannt , wie gelähmt blieb er stehen und starrte unverwandt hinüber . Nein , nein , es war unmöglich , er konnte sich nicht täuschen , er hatte deutlich einen Menschen , einen Mann in Seemannskleidung durch die Zweige schlüpfen sehen . Noch jetzt bewegten sie sich , wie von einer plötzlichen Berührung . Roberts geistige und körperliche Kräfte kehrten plötzlich zurück . Er trat auf den freien Platz hinaus und rief mit lauter Stimme : » Wer ist da ? « Aber nur der Nachtwind antwortete ihm . Kein Laut unterbrach die tiefe Stille . Robert lauschte , und dann rief er wieder , bis es ihm kalt über den Rücken herabrieselte und er sich selbst für wahnsinnig hielt , bis ihn in der weglosen Wildnis die eigene Stimme wie ein unheimliches Etwas erschreckte . Im dichten Gebüsch zu suchen wäre unmöglich gewesen , da die Dunkelheit jede Flucht begünstigt haben würde , da sich der Fliehende in nächster Nähe hätte verstecken können , ohne gesehen zu werden . Wer war er überhaupt ? - Ein Mensch oder ein Gebilde des wachen Traumes , ein Schatten , den die Mondstrahlen hervorgezaubert hatten ? - Robert wußte es nicht . Er glaubte bestimmt , die Erscheinung gesehen zu haben , aber woher sollte sie gekommen sein und warum sollte sie sich verbergen wollen ? Wenn die Piraten den Schlupfwinkel ihres entflohenen Opfers wirklich aufgespürt hätten , so würden sie keinesfalls zögern , sich mit offener Gewalt des Raubes zu bemächtigen und ihn als lästigen Zeugen dieser Unternehmung beiseite zu schaffen . Wen sollten sie auch fürchten ? Was sollte sie hindern , einen wehrlosen Jungen zu töten , nachdem sie schon eine ganze Schiffsmannschaft hatten verschwinden lassen ? Die Insel war klein , vielleicht eine bis anderthalb Meilen im Durchmesser , und kaum so lang wie breit . Robert hatte sich auf seinem letzten Ausflug völlig überzeugt , daß sich hier keine Ansiedlung befand , daß er der einzige Bewohner war , und daß das nächste benachbarte Eiland etwa auf Kanonenschußweite entfernt lag . Woher sollte also dieser Seemann gekommen sein ? Ein Unglücklicher , ein Schiffbrüchiger war er ja bestimmt nicht , da er doch sonst nicht geflohen wäre . Robert schüttelte den Kopf . Er hatte so lebhaft an das Schiff gedacht , daß sein Auge Gestalten erblickte , die in Wirklichkeit nicht vorhanden waren . Und doch berührte ihn dieser kleine Zwischenfall äußerst unangenehm . Er schob eine Kiste vor die Tür , ehe er sich zum Schlafen hinlegte , und konnte auch dann noch lange Zeit kein Auge schließen . Unwillkürlich horchte er , ob nicht irgendein Geräusch die Rückkehr des Unbekannten verriete , aber alles blieb still . » Hätte ich Pikas hier ! « dachte Robert , » hätte ich nur irgendein lebendes Wesen , und wäre es ein dummes kleines Vögelchen . Aber so ganz allein , das ist schrecklich . « Er wälzte sich unruhig auf seinem heißen Lager und schlief erst gegen Morgen ein . Als dann die Sonne hoch am Himmel stand , machte er sich daran , die ganze nächste Umgebung der Höhle genau zu untersuchen , aber ohne einen anderen Erfolg als am vorigen Abend . Es war keine Spur der Gegenwart eines Menschen zu finden , kein Anzeichen , daß jemand dagewesen war . Robert ging bis an den Strand , sah über das Meer nach allen Richtungen , forschte auch an der Küste des gegenüberliegenden Eilandes mit angestrengten Blicken nach einem Schiff oder Boot , aber nichts zeigte sich , kein Laut war zu hören . Robert wandte sich seiner Niederlassung wieder zu . Er war jetzt vollkommen überzeugt , in der vergangenen Nacht nur besonders lebhaft geträumt oder gefiebert zu haben und gab seufzend die letzte Hoffnung auf . Jetzt mußte er sich zuerst einen neuen Anzug nähen , daran allein hatte er zu denken , obgleich es ihm lieber gewesen wäre , sich wieder hinzulegen und in den Tag hineinzuschlafen . Er suchte aus dem reichlichen Vorrat aller möglichen Stoffe den dunkelsten und haltbarsten heraus , dann schnitt er einen langen Streifen Segeltuch ab , nahm an seinem eigenen Körper Maß und begann mit dem Taschenmesser auf einer Kiste zuzuschneiden . Anstatt der Knöpfe würde er Bindfaden verwenden müssen , das ließ sich nicht ändern , und Futter gab es auch nicht . Aber dennoch war alles besser als die Lumpen , die er jetzt trug . Als Robert die mühevolle Arbeit des Zuschneidens beendet hatte , nahm er eine Rolle Bindgarn , das er aufdrehte , bis der Faden zum Nähen geeignet schien ; dann holte er seine künstliche Nadel und fädelte ein . Aber an das Mittagessen mußte ja auch gedacht werden , obwohl er nur wenig Hunger verspürte . Er machte also Feuer , setzte Fleisch und Bohnen auf und war nun abwechselnd am Kochen und am Schneidern . Ach , wie langsam das ging , wie oft der Faden riß und wie groß die Stiche wurden ! Aber es hielt zusammen , und das war die Hauptsache . Robert behandelte seine Fischgräte , als sei sie ein Diamant von unschätzbarem Wert , immer in der Angst , das mühsam hergestellte Nadelöhr plötzlich zerbrechen zu sehen . Wo der Stoff doppelt und dreifach übereinander lag , bohrte er mit andern rohen Gräten erst ein Loch hinein , bevor der Stich gewagt wurde . Dazwischen legte er Holz ins Feuer und goß von Zeit zu Zeit etwas Wasser nach , - alles , ohne daran Freude zu haben . Seine Gedanken waren immer bei dem Schiff , wie er es so nahe an der Küste sah , so ganz nahe im gelben Schimmer der Blitze , daß selbst die Menschen klar erkennbar wurden , daß er deutlich den Mann am Steuer und den bei der Kanone unterscheiden konnte . Warum mußte es Nacht sein , als die Rettung fast mit der Hand zu erreichen war ? Robert stützte den Kopf gegen einen Baumstamm und schloß die Augen . Ich bin krank , dachte er , ich werde bald noch elender sein und dann ganz verlassen , ganz allein auf dieser Insel sterben ! - Wenn es nur nicht allzu langsam geht . Als er nach einer Pause die Augen öffnete , war das Feuer erloschen und der Duft des Essens sagte ihm , daß es gar sei . Er nahm aber nur einige Löffel voll , dann stellte er das übrige bei Seite und nähte eifrig weiter , um noch bis zum Abend das angefangene Kleidungsstück zu beenden . Zum Strand wollte er nicht erst gehen . Weshalb auch ? Die Schiffe fuhren ja doch vorüber . Er begriff nicht mehr , warum er sich mit so großer Mühe den Ausguck auf dem Mangobaum gebaut hatte , warum er überhaupt irgend etwas anderes getan hatte , als sich hinzulegen und zu sterben . Schon hatten die Erbsen und die anderen Hülsenfrüchte einen verdorbenen Geschmack angenommen , schon zeigte sich an der Außenseite der Fässer ein leichter Schimmel , und das Brot ging zur Neige , weil der größte Teil davon durch den Regen vernichtet worden war , - der Tod grinste ihm aus hohlen Augen von allen Seiten entgegen . Eine sonderbare Angst bemächtigte sich seiner . Ganz ohne Widerstand durfte er sich nicht ergeben , das fühlte er , sonst war es bald um ihn geschehen . Diese Stimmung lähmte alle Kräfte . Er raffte sich auf und nähte weiter , bis die Dämmerung herabsank . Nun war die Hose fertig , - morgen kam die Jacke dran und dann noch ein neues Wollhemd , um das alte gelegentlich im Bach waschen zu können . Baden mochte Robert nicht , er dachte mit einer Art von Grauen an die Kälte des Wassers . In dieser Nacht schlief er besser und fühlte sich auch am andern Tage leidlich wohl , obgleich er noch immer nicht wieder an den Strand hinabging . Abwechselnd nähend und aufräumend , verbrachte er in einer Art von geistiger Untätigkeit die Stunden an diesem und auch an den folgenden Tagen . Der Palmenstamm hatte jetzt bereits achtzehn Kerben aufzuweisen , Brot und Fleisch waren zu Ende , der Rest des Specks verdorben und die Hülsenfrüchte gänzlich ungenießbar geworden , aber Robert empfand dennoch keinen Mangel . Er lebte nur von Wasser und etwas Wein , ohne jemals Hunger zu fühlen . Seine Kräfte wurden allmählich schwächer , seine Nächte immer unruhiger . In dem schwarzen , überall schlotternden und wunderlich geformten Anzug , blaß und abgemagert , erkannte er kaum sein eigenes Bild , sooft er es im Spiegel des Wassers betrachtete . Lange Stunden verbrachte er tagsüber halb schlafend , halb seinen trüben Gedanken nachhängend in den Zweigen des Mangobaumes am Ufer . Zu tun gab es ja für ihn nichts mehr , und auch die Jagd hatte er vernachlässigt . Warum harmlose Tiere töten , da er sie doch nicht essen konnte ? Seine Blicke gingen über das Wasser , und seine Gedanken verwirrten sich zuweilen unmerklich . Er hielt nach dem Schiff Ausschau , dessen Auftauchen ihn krank gemacht hatte , er sah im Geiste immer vor sich die weißen Segel und hörte die rollenden Donner des Geschützes . - - In seiner Behausung auf dem Mooslager lag er oft halb betäubt . Er dachte an die Heimat , an die Kameraden vom Schiff und an die Nacht , als er hierher schwamm an diesen gastlichen Strand , der ihm zum Grab werden sollte . - - Dreiundzwanzig Kerben zeigte der Stamm . Robert war nicht am Meeresufer gewesen , seine Kräfte hatten für den weiten Weg nicht ausgereicht ; er saß vor der Tür seiner Höhle , gegen den Erdwall gelehnt , und hielt die Augen im Halbschlummer geschlossen . Stunde um Stunde verrann , er scheute sich aufzustehen und blieb in der einmal gewählten bequemen Stellung sitzen . Heute war der Mond hinter Wolken versteckt , kein Strahl erhellte den kleinen freien Platz , aber Roberts Augen hatten sich so an die Dunkelheit gewöhnt , daß sie jeden Baum , jeden einzelnen Zweig deutlich unterschieden . Er wachte mit geschlossenen Lidern . Seine Gedanken wanderten . Da rauschte es hinter ihm , als wenn die Büsche gestreift und zurückgebogen würden . Ein Schatten fiel über den Rasen . Robert öffnete die Augen . Ohne sich zu bewegen , ohne ein Glied zu rühren , sah er hinüber zu der Stelle , von wo der Laut gekommen war . Der Mann in Seemannskleidung stand wieder keine fünf Schritte weit von ihm entfernt . Er hielt in der Hand etwas wie eine Pistole oder ein Werkzeug . Robert war jetzt überzeugt , einen Menschen vor sich zu sehen . Er konnte sich nicht täuschen , - das war ein Mann von Fleisch und Blut , aber kein Fiebergebilde ,