vierzig Jahre konnte sie es täglich erfahren : Sie lieben mich , aber sie kennen mich nicht . Von der zweiten , ihrer Lieblingstochter , war sie durch die Verhältnisse getrennt . Jahre verflossen , ohne daß sie ihres Anblicks froh wurde , Monate , ohne daß Nachrichten von ihr eintrafen . Alle an seine Frau gerichteten Briefe gingen durch des Grafen Hände , er bemerkte es mißbilligend , wenn die Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter zuzeiten etwas lebhafter wurde . » Eine glückliche Frau hat nichts zu schreiben « , meinte er , » und glücklich zu sein ist die Pflicht einer jeden , die einen braven Mann hat . « Es war endlich dahin gekommen , daß die Gräfin nur noch mit Bangen dem Erscheinen der Briefe entgegensah , nach denen sie doch zugleich so sehnsüchtig verlangte . Ronald saß mit gekreuzten Armen da , starrte vor sich hin und dachte : Könnt ich ihr ' s ersparen ! Zu drückend wurde dieses Schweigen ; die alte Frau unterbrach es mit der Frage : » Du gehst doch morgen auf die Jagd ? « Er nickte wie gequält : » Gewiß - gewiß . « Seine Stimme klang so seltsam ; die Gräfin blickte besorgt zu ihm empor und sah in sein bekümmertes Gesicht . Jeder seiner Züge verriet den Kampf seines Innern - ein bitterer Vorwurf gegen sich selbst , gegen ihr feiges Zagen vor dem eingestandenen Leid regte sich in ihr . Du armes Kind , dachte sie , und das Mitleid mit dem Sohne gab der Schwachen Kraft , mit einemmal das Schwerste und mit wenigen Worten alles zu sagen : » Ronald - Lieber - sprich getrost . Wann müssen wir wegziehen von hier ? « Aufatmend ergriff er mit beiden Händen die Hand , die sie ihm reichte , und rief : » Niemals , gute Mutter ! Sie werden Rondsperg nie verlassen ! « » Wie kann das sein , da wir ' s doch nicht behaupten können ? « » Der Kauf wird nur unter der Bedingung geschlossen , daß Sie hier fortleben genau wie bisher . « Die Greisin schüttelte bedenklich den Kopf : » Wenn diese Bedingung angenommen wurde , dann hast du sie teuer bezahlt ... « Er wollte verneinen . » Leugne nicht « , sprach sie , » es kann nicht anders sein ... « » O Mutter « , fiel er ihr mit erzwungener Heiterkeit ins Wort , » Fräulein Heißenstein verzichtet gern auf das Glück , in unserm alten Neste zu wohnen . « » Es wird mehr von ihr verlangt als nur das . Sie darf die Rechte , die sie erwirbt , nicht geltend machen , wenn wir hier - wie du sagst - fortleben sollen wie bisher . « » Auch dazu ist sie bereit . « » Weil ihr Vorteil es ihr rät . Nicht wahr ? ... Nicht wahr ? « wiederholte sie angstvoll . » Du hast dein Eigentum verschleudert , damit zwei alte Leute ihre letzten Jahre in altgewohnter Weise hindämmern können ! « » Verschleudert ? Was du nur denkst ? Darüber mache dir keine Sorgen . « Sie seufzte schmerzlich : » Unser Alter zehrt deine Jugend auf ... Ständ es bei mir , das sollte nicht geschehen . Dürft ich sprechen , ich würde dich anflehen , Kind : Vergeude nicht länger dein Leben ! - Geh , tausendmal gesegnet - gründe dir eine Zukunft und laß zusammenstürzen , was morsch und reif zum Untergang ist - der Wechsel alles Irdischen verlangt sein Recht . « Er wollte sich der Rührung erwehren , die ihn ergriff , und entgegnete : » Wie beredt ist meine Mutter heute geworden ! Und wozu ? - Um zu sagen , was sie nicht sagen darf . « Ein leuchtendes Lächeln verklärte ihre Züge : » Beredt - ja . Bin ich nicht wie eine alte Harfe mit zerrissenen Saiten , die auf einmal zu klingen beginnt ? Es ist ein Wunder - ein gar vergängliches . Weil mir aber die Zunge gelöst ist , so höre , Sohn , deine stumme Mutter sieht und zählt jeden Schweißtropfen auf deiner lieben Stirn , jeden unterdrückten Widerspruch , jedes still und freudig gebrachte Opfer ... « Plötzlich beugte sie sich nieder und preßte ihre Lippen auf seine Hand . Im selben Augenblick lag er auf seinen Knien und schloß mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit die gebrochene Gestalt in seine Arme ... » Und Sie , Mutter ? « flüsterte er , » leiden Sie nicht auch ? « » Schweig , mein Kind ! « mahnte sie und zog sein Haupt an ihre Brust . Und an diesem schweren Tage war ihnen beiden leichter ums Herz als seit langer Zeit . 17 Ronald kam von der Jagd zurück . An seiner Waidtasche hingen zwei Hasen und ein Dutzend Rebhühner und Wachteln . Er ging die Hügellehne , die zum Schlosse führte , langsam hinauf , denn die Sonne stand im Scheitel , und die Hitze war groß . Sein Hund zottelte hinter ihm her mit weit aus dem Maule hängender Zunge . Nun waren sie am Pförtchen in der Parkmauer angelangt , das auf die Felder führte . Während Ronald den Schlüssel aus der Tasche zog und sich bemühte , das vom letzten Regen her noch stark verrostete Schloß zu öffnen , hatte sich der Hund hingelegt , keuchend , mit fliegenden Flanken , den Kopf auf den ausgestreckten Vorderpfoten , und verwandte kein Auge von seinem Herrn , der nun , im Begriffe , die Tür aufzustoßen , lächelnd zu ihm niederblickte , als wollte er sagen : Ist dir ' s recht , daß wir heimgekommen sind ? Und Herr und Hund sahen einander an mit inniger Freundschaft und mit einem Ausdruck so voll von Rührung , daß er sich beinahe komisch ausnahm in den Angesichtern zweier solcher Recken . Dann gingen sie durch verwachsene Laubgänge über Wege , von Disteln und Hasenkraut überwuchert , dem Hause zu . Ronald hatte die Terrasse erreicht und schritt dem Saal zu , der zwischen ihr und der Halle lag . Auf der Schwelle , die Klinke der halbgeöffneten Tür in der Hand , blieb er plötzlich stehen und winkte seinem Hunde , der sogleich , wie zu Stein geworden , sich nicht mehr regte , nicht einmal mehr keuchte , sondern seinen Herrn mit derselben atemlosen Aufmerksamkeit anblickte , mit welcher dieser das Bild betrachtete , das sich ihm darbot . Mitten im Saale auf einem Schemel saß Röschen und erzählte einem Auditorium von sechs kleinen Personen eine , wie es schien , bewegliche Geschichte . Ihre Stimme hob sich hell und laut bis zu einem Ausrufe , dem eine Pause höchster Spannung folgte , dann sank sie zu geheimnisvollem Geflüster herab . Was sie erzählte , verstand Ronald kaum , er lauschte auch nicht ihren Worten , er lauschte nur dieser holden Stimme , ganz ergriffen von ihrem Klang , in dem eine Fülle von Empfindungen nach Ausdruck zu ringen schien . Röschen saß von ihm abgewandt , er konnte ihr Gesicht nur zum Teile sehen , nur den Umriß ihrer zarten Wange , nur die dunkelblonden Zöpfe des reichen Haares , die über ihre Schultern fielen , und die Löckchen in ihrem schlanken Nacken . Das Publikum der Erzählerin hingegen war eitel Neugier . Die eine der Zuhörerinnen hatte den Zeigefinger in den Mund gesteckt , so tief es ging , riß die Augen und blies die Backen auf und hörte zu aus allen ihren Kräften . Eine andere preßte das Kinn an die Brust , glühte über und über , hielt beide Fäuste fest geballt , und die trotzige Ungeduld ihrer Mienen sprach : Weiter ! Weiter ! - Was kommt jetzt ? Anitschka , im höchsten Staate , mit buntem , turbanähnlich um den Kopf gewundenem Tuche und breiter Halskrause , saß steif und feierlich neben ihrem Abgotte . Ihr dreijähriges Schwesterchen und noch ein zweites leichtsinniges Wesen in gleichem Alter hockten auf dem Boden und teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen der Rednerin und einem goldgrün schimmernden Rosenkäfer , den sie in einem Schächtelchen mitgebracht hatten und nun auf der Diele herumspazieren ließen . Ronald blieb eine Weile in der Betrachtung dieser Gruppe versunken , bald jedoch , als würde er beschämt inne , daß er hier die unwürdige Rolle eines Lauschers spiele , zog er vorsichtig einen seiner schwerbestiefelten Füße nach dem andern zurück und trat von der Türe weg , die er unhörbar wieder schloß . Dann wendete er sich rasch und - - stand Aug in Auge mit Bozena . Sie war hinter ihm durch den Gang gekommen , ohne daß er sie bemerkt hatte . Die beiden maßen einander mit den Blicken . Fast drohend schien der ihre zu fragen : Was hast du hier zu lauschen ? Mit harmlosem Erstaunen schien der seine zu sagen : Warum mißgönnst du mir den holden Anblick ? Ronald legte grüßend die Hand an seinen Hut . » Sie sind Bozena « , sprach er , » wir haben uns vor zehn Jahren am Grabe Ihres Herrn gesehen . « Bozena bejahte . » Und die Märchenerzählerin dort ist das kleine Mädchen , das Sie damals vom Friedhof hinweg in Ihren Armen trugen . Nicht wahr ? « » Ja , Herr Graf . « » Wie ist die hold und lieblich geworden ! « sprach er mehr zu sich selbst als zu ihr . Das Gesicht der Magd wurde immer finsterer ; sie warf den Kopf in den Nacken , sah Ronald wieder an wie früher , mit dem mißtrauisch forschenden Blick , und schritt an ihm vorüber in den Saal . Ronald gab seine Jagdbeute in der Küche ab und wanderte nach seinen Zimmern . Auf dem Schreibtische , neben den hochaufgestapelten Wirtschaftsbüchern und Rechnungen , fand er neu angelangte Briefe , alle dringenden , alle gleichen Inhalts . Ihr sollt bald erledigt werden , dachte er und ergriff die Feder , um den Auszug aus der Gutsbeschreibung zu beenden , die er für Regula entworfen hatte . Die Arbeit wollte nicht vom Fleck gehen ; lächerlich zu sagen , denn - wer könnte diese optische Täuschung erklären ? - über die Katastralmappe , auf die er von Zeit zu Zeit einen Blick werfen mußte , sah er ganz deutlich kleine braune Locken fliegen , wie man sie doch nur , natürlich gekräuselt und seidenweich , im Nacken eines Mädchen schimmern sieht ... Und auf dem länglichen Viereck , das kyrillische Buchstaben als » Wiese « bezeichneten , lagen Rosen - Rosen die Fülle ... Eine Knospe darunter , die aufgeblühten alle an Schönheit überstrahlend , wunderbar in sich geschlossen , den grünen Kelch in zartes Moos gehüllt . Sie schien sich leise zu regen , ihr duftendes Blättergefüge sich zu lösen , sich atmend zu entfalten unter seinem Blicke ... Wie kindisch doch und störend , solch ein müßiges Spiel der Phantasie ! - Am störendsten aber und wirklich unerträglich ist ein Vorwurf , den er sich machen muß . Seine Mutter hat gestern zu sprechen begonnen von einem jungen Geschöpf , einem Kinde , dessen Anwesenheit für sie ein wahres Herzenslabsal sei , und er , nur mit dem beschäftigt , was er selbst zu sagen hatte , schenkte ihr kein Gehör . Ein Unrecht , das er sogleich gutmachen will . Er hat sich rasch umgekleidet und schreitet durch die Halle ; heiß strömt die Luft ihm entgegen , die Hitze ist drückend , ein schweres Gewitter steigt am Horizonte auf ; wie dichter bleigrauer Qualm türmen die Wolken sich übereinander , dazwischen schießen Blitze ihre glühenden Pfeile . Ein Knecht rennt über den Hof und ruft Ronald zu : » Das kommt ! Das kommt ! « Ronald stieg die Treppe empor und begab sich nach dem Zimmer seiner Mutter . Er fand sie nicht allein , das Fräulein von Fehse leistete ihr Gesellschaft ; sehr angenehme , wie es schien , denn beide lachten herzlich . Die Wände haben Ohren , aber keine Zungen , sonst hätten die alten ihre Bewunderung ausgesprochen über den ihnen völlig fremd gewordenen Schall , der heute so munter an sie anprallte . Die Gräfin stellte Ronald ihrer kleinen Freundin vor . Diese wurde etwas verlegen , als sie hörte , daß er sie heute schon gesehen und beinahe in Versuchung geraten war , sie zu belauschen , und sagte : » Das wäre nicht recht gewesen . « Er wisse das wohl , meinte Ronald , deshalb sei es auch nicht geschehen . Sie sprachen angelegentlich zusammen , von Weinberg , von dem alten Hause , in dem Röschen aufgewachsen , von Bozena und Mansuet . So unbefangen auch ihr Auge dem seinen begegnete , es lag etwas in ihrem ganzen Wesen , das sagte : Wie weit bist du mir jungem Kinde überlegen und lässest mich ' s doch nicht empfinden ! - Ihn aber mache der Anblick dieses anmutigen Röschens gar nachdenklich : Für wen bist du erblüht in Dunkel und Stille ? Welche Hand ist bestimmt , dich einst zu pflücken ? O wär sie stark , dich zu behüten im rauhen Leben ... O wär sie zart , den Schimmer nicht abzustreifen , der wie Himmelsabglanz dein Wesen verklärt , ja , stark und zart , und bewahrte dir die Unschuld deiner Seele ! Das Gewitter war immer näher gekommen und stand nun senkrecht über dem Schlosse ; keine Pause mehr zwischen dem Aufleuchten des Blitzes und dem Rollen des Donners . Die Gräfin und Röschen waren an das Fenster getreten und blickten hinaus , als plötzlich ein harter , rasselnder Schlag niederfuhr , der das Haus bis in seine Grundmauern erschütterte . Der Graf stürzte mit den Worten herein : » Das hat eingeschlagen ! « Ronald eilte aus dem Zimmer , und sein Vater rief ihm nach : » Im Gartenflügel war ' s ! « ... » Nein - nein ! « hörte man ihn schon aus der Ferne antworten . - » Doch ! « schrie der Graf , » im Gartenflügel ! « Und so rasch er konnte , gefolgt von seiner Frau und von Röschen , lief er in den Saal hinüber . An der Altantüre angelangt , schlug der Greis die Hände laut zusammen und jammerte : » Meine Linden brennen ! ... Der Sturm erhebt sich - kein Tropfen fällt vom Himmel , wir haben so lange Dürre gehabt ... Meine Linden sind verloren ! « In der Tat , der große Ast des mittleren der Bäume , der wegstrebend aus der gemeinsamen Krone einen buschigen Bogen über die Straße bildete , stand in Flammen . Knechte und Landleute hatten sich um die Linden versammelt , blickten hinauf , schüttelten die Köpfe und teilten einander mit : » Dort oben brennt ' s. « Jetzt aber drängte sich ein Mann durch die Gruppe der müßigen Zuschauer , erstieg den Sockel der Johannesstatue und schwang sich von da aus in die Zweige , in denen er verschwand . Bald sah man ihn in der halben Höbe des vom Sturme gerüttelten Baumes auf einem Ast stehen und gegen den brennenden wuchtige Beilhiebe führen , um ihn vom Stamme zu trennen . » Wer ist der Narr ? « fragte der Graf mit schlecht verhehlter Besorgnis . » Es ist Ronald « , antwortete die Gräfin , kaum des Wortes mächtig . Eine kleine Hand streckte sich nach der ihren aus , Stütze bietend und - suchend , und die alte Frau blieb , an Röschen gelehnt , in stummer , von dem Kinde treulich geteilter Angst im Fenster stehen . Die Leute unten hatten inzwischen Feuerhaken herbeigeholt und zerrten aus allen Kräften an den ihnen erreichbaren Zweigen des brennenden Astes . Das Feuer griff immer weiter um sich , beleckte schon das dürre Holz am Stamme , loderte schon zu Ronalds Füßen empor ... Da strömte , wie aus plötzlich geöffneten Schleusen , ein Platzregen aus den Wolken nieder , und fast zugleich stürzte rauchend und prasselnd der gewaltige Ast unter weithin vernehmbarem Gekrache zur Erde . Die Heldenschar am Fuße der Linde machte sich über ihn her und löschte die aufzüngelnden Flammen , die noch um den Leichnam ihres Opfers kämpften . Erstaunliche Tätigkeit entfalteten dabei der Burggraf , Kutscher Florian , vor allen jedoch - Meister Peter . Von dem Augenblicke an , da der Regen zu strömen begann , war der Graf ungeduldig geworden . » Da haben wir ' s ! « rief er , » der Himmel löscht selbst , was er angezündet hat ... Warum mir meine schönste Linde ruinieren ? ... « Er wandte sich um - - und sah mitten im Saale , möglichst fern von Fenstern und Türen , eine schwarz verhüllte Gestalt auf einem Sessel sitzen . Während die Anwesenden das Schauspiel an der Parkmauer mit leidenschaftlichem Interesse verfolgten , mußte sie sich , von ihnen unbemerkt , eingefunden haben . » Fräulein Heißenstein ? « fragte der Graf . » Jawohl « , antwortete eine Stimme unter der seidenen Mantille hervor , die ihre Eigentümerin sich um den Kopf gewickelt hatte . » Aber - sprechen Sie nicht ! Der geringste Luftzug könnte einen Blitzstrahl herbeilocken . « Der Graf versicherte , das Gewitter sei vorübergezogen , und bat sie , » sich zu developpieren « . Die Gräfin und Röschen halfen ihr bei dieser Operation , denn allein vermochte sie sich nicht zu helfen . Sie war noch zu angegriffen und stammelte nur mit bleichen Lippen : » Ich glaubte , mich in das größte Gemach des Hauses flüchten und mich in Seide isolieren zu sollen ... wegen der gefährlichen Elektrizität , Herr Graf , welche jetzt über unserer Atmosphäre schwebt . « » Bravo , bravo , mein Fräulein « , sagte der Greis , » das ist Vorsicht - deren Verwandtschaft mit der Weisheit wir kennen . « Jetzt kam der Burggraf , pustend und sich den Schweiß von der Stirn wischend : » Keine Gefahr mehr ! ... Wir haben alles gerettet ! « » Ihr habt ! Ihr habt ! - Der liebe Herrgott hat ! - Ihr habt nichts getan als Unsinn , mir meinen Baum verstümmelt ... Gibt es denn keine Feuerspritze ? Hat keiner von den Dummköpfen an eine Feuerspritze gedacht ? « rief der Graf zornig - in diesem Augenblicke war das nächstliegende Auskunftsmittel ihm selbst eingefallen . » Die Feuerspritze ist noch nicht zurück von dem Waldhof , wohin sie gestern geschickt wurde , weil ein paar leere Bauernscheunen brannten - ganz unnötigerweise - ich hab es gleich gesagt « , versetzte der Burggraf . Sein Herr fuhr ihn an : » Da haben Sie etwas Sauberes gesagt ! ... Aber lassen Sie das jetzt gut sein . Kümmern Sie sich auch ein wenig um mich - sorgen Sie dafür , daß endlich aufgetragen werde . Meine ganze Hausordnung ist gestört ... Wo bleibt Peter ? « Trotz aller Eile , mit der man nun das Auftragen des Mittagsmahles betrieb , wurde es vier Uhr , bevor die Herrschaften sich zu Tische setzen konnten . Der Gewitterregen war in einen dichten , anhaltenden Landregen übergegangen , man mußte den Rest des Tages im Zimmer zubringen , was die üble Laune des Grafen nicht wenig erhöhte . Er hatte Ronald mit den Worten empfangen : » Trop de zèle , mein guter Ronald - trop de zèle « , und sah ihn , schmollend wie ein Kind , entweder verdrießlich oder gar nicht an . Der Nachmittag drohte langweilig zu werden ; die Gesellschaft hatte sich in den großen Saal begeben . Regula dachte im stillen darüber nach , ob Ronald sie wohl verstehe . Der Graf vertiefte sich in die erstaunlichen Kombinationen eines Kapuzinerspieles , auch die Gräfin und Ronald schwiegen . Da sagte Röschen , die bisher ganz still und nachdenklich gewesen war , plötzlich : » Es war schrecklich , das Gewitter ! « » Haben Sie Angst gehabt ? « fragte Ronald . » O sehr « , erwiderte Röschen , » um Sie ! « Regula warf ihrer Nichte einen mißbilligenden Blick zu , der Graf jedoch hob den Kopf empor , und ein schalkhaftes Lächeln erhellte sein altes Gesicht . Seine Liebe zu seinen Kindern kam ihm augenblicklich zum Bewußtsein , sobald andere ihnen Teilnahme zeigten . Mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit sagte er zu Röschen : » Erlauben Sie , mein Fräulein , daß ich Ihnen im Namen dieses Landjunkers ohne Lebensart ergebenst danke ! « Seine Verstimmung war wie durch Zauber verschwunden , er machte Fräulein Heißenstein förmlich den Hof , was sie entzückte , und bat sie endlich , eine Partie Bézique mit ihm zu spielen : » Um die Ehre natürlich . « Ronald könne indessen der Gräfin und Röschen etwas vorlesen . » Etwas Heiteres , etwas von Kotzebue . Nur mit deinen Klassikern verschone die Damen ! « Der Graf und Regula gingen an den Spieltisch , der in einer Ecke des Saales stand , und Ronald erkundigte sich nach Fräulein Röschens Geschmack in der Literatur . Die Schülerin Mansuet Weberleins legte arglos ihre Kenntnisse an den Tag , und welch eine drollige Raritätensammlung kam da zum Vorschein ! Ronald konnte sich nicht genug wundern . Dieses reichbegabte , begeisterungsfähige Geschöpf hatte in die lichte Zauberwelt der Poesie niemals einen Blick getan ; fremd geblieben war ihr alles Schöne , was je gesungen und gesagt worden . Nach kurzem Besinnen holte Ronald ein stattliches Buch herbei ; vielgelesen gab es Zeugnis von der Freundschaft , in welcher sein Besitzer zu ihm stand . Es enthielt einfache und hehre Gesänge aus uralter Zeit . Teils las , teils erzählte Ronald » dem freudig blickenden Mägdlein « von den Kämpfen herrlicher Helden um ein zauberisches Weib , um eine Stadt , die mit dem Urbilde der Schönheit das Verderben in ihre Mauern aufgenommen ; vom unversöhnlichen Haß der Menschen und der Götter - aber auch von Vaterlandsliebe , häuslicher Tugend , von Kindes- und Gattentreue . Er las , wie der tapferste all der Königssöhne , die hinauszogen , um ihren bedrängten Herd zu verteidigen , Abschied nahm von seiner Gattin und von seinem lieben Kinde , wie er es geküßt und sanft in den Armen gewiegt ... Ein tiefes Atmen , ein leises Schluchzen unterbrach Ronald . Röschen , die ihn eben noch mit leuchtenden Augen angesehen hatte , saß nun da mit gesenkten Lidern , bebenden Lippen und rang mit ihren Tränen . Die Gräfin legte den Arm um sie , Ronald sprang bestürzt empor ... » Double Bézique ! « rief der Graf triumphierend und lachte aus vollem Herzen : » Sie hätten das verhindern können , mein Fräulein ! « Aber das Fräulein war zerstreut gewesen . Sie hatte , statt ihr Aufmerksamkeit auf das Spiel zu konzentrieren , Ronalds verwünschtem » Tik-tak-tak « zugehört , wie der Graf , den Silbenfall des Hexameters nachahmend , sagte . » O Herr Graf ! « sprach Regel , ihre Karten auf den Tisch legend , » verunglimpfen Sie nicht den traulichen Sänger von Chios ! « Sie wünschte , daß Ronald weiterlese , aber dieser entschuldigte sich und sah dabei so verlegen , ja fast verstört aus , daß Fräulein Heißenstein der Behauptung des Grafen , eine gelehrte Dame wie sie imponiere seinem Sohne viel zu sehr , allen Ernstes Glauben schenkte . Röschen blieb den Rest des Abends schweigsam ; sie hatte einen mächtigen Eindruck empfangen , einen Blick in eine neue Welt getan , Gestalten , von unsterblichem Leben erfüllt , groß in Tugend und Schuld , an sich vorüberwandeln gesehen . Und aus dem Bilde voll Erhabenheit und Glanz war , umstrahlt von der Majestät des Schmerzes , ein liebes , schönes Menschenpaar hervorgetreten und hatte sie an eine Erinnerung aus frühen Kindertagen gemahnt , die in ihr noch dämmerte . » Es hat Sie allzusehr ergriffen « , sagte Ronald zu Röschen , » den Abschied des Kriegers von Frau und Kind wollen wir nicht mehr lesen . « » Im Gegenteil , noch oft , sehr oft ! « erwiderte sie . Ronalds Gedanken beschäftigten sich noch lange mit ihr und kamen auch immer wieder auf eine vorläufig noch fiktive Persönlichkeit , auf den Mann zurück , der sie einst heimführen sollte . Wird er seines Glückes wert sein ? - Wird er es zu ermessen verstehen ? ... Der Beneidenswerte ! - nicht das Leben nur darf er sie kennenlehren , auch dessen verklärtes Bild , die Poesie . Weiß unter Hunderten einer , was das bedeutet ? Was es bei ihr bedeuten würde ? Im Laufe des nächsten Vormittags suchte Ronald das Fräulein Heißenstein im Garten auf , wo sie sich nach Bozenas Angabe befand , um ihr die inzwischen beendete Gutsbeschreibung zu übergeben und um mit ihr die Angelegenheiten Rondspergs zu besprechen . Regula versuchte mehrmals , der Unterhaltung einigen Schwung zu verleihen , aber es wollte nicht gelingen . Einmal wurde Ronald sogar fürchterlich zerstreut und antwortete auf ihre Bemerkung , es gebe nichts Träumerischeres als einen sonnigen Sommertag , besonders nach einem Regentag : » Achthundert Joch , mein Fräulein ! « Ein paar Minuten früher waren sie Röschen und Anitschka begegnet , die große Sträuße von Wiesenblumen trugen . Röschen hatte den ihren emporgehalten und Ronald im Vorübereilen zugerufen : » Für Ihre Mutter ! « Er wanderte weiter an Regulas Seite , und in einiger Entfernung von ihnen ging sein Vater mit dem Burggrafen im Garten spazieren ; er hatte Ronald und das Fräulein wohl bemerkt , schien ihnen aber sorgfältig auszuweichen . Eine böse Vorbedeutung ! Ronald wußte , wenn der alte Herr es vormittags vermeidet , mit ihm zu sprechen , so geschieht es , weil er etwas gegen ihn auf dem Herzen hat . Vor Tische darf aber keine unangenehme Erörterung stattfinden , das wäre gegen alle Regeln der Hygiene . Ärgern darf man sich ohne Schaden für die Gesundheit erst nachmittags . Bis dahin versparte sich denn auch heute der Greis das Aussprechen seines Verdrusses ; der tückische Anstifter desselben , sein Günstling , wurde ausnahmsweise zum schwarzen Kaffee auf die Terrasse geladen . Und kaum hatte sich die Gesellschaft um den runden Tisch versammelt , als der Graf auch schon seinem ihm gegenübersitzenden Sohne zurief : » Unter anderm ! Mir ist gemeldet worden , daß die Bauern Tag und Nacht an der Grenze jagen . Weißt du davon ? « » Nein , Vater « , erwiderte Ronald und sah dabei den Burggrafen strafend an , was der mit dreister Gelassenheit ertrug . » Mein guter Sohn kümmert sich um derlei Lappalien nicht « , spöttelte der Graf . » Was liegt ihm daran ? ... Warum sollte der Bauer nicht jagen ? - Es freut auch ihn , und seine Freude wiegt die des Edelmanns auf . Vor Gott sind wir alle gleich . Deshalb nehmen wohl die Hannaken , wie ich ebenfalls höre , die Pfeife nicht mehr aus dem Munde , wenn sie mit dir sprechen . « Den Anfang seiner Rede hatte der alte Herr an die ganze Gesellschaft , ihren letzten Satz an seinen Sohn allein gerichtet ; es war ein direkter Angriff , den Ronald mit lächelnder Ruhe hinnahm und mit dem offenen Geständnis beantwortete : » Es kommt freilich vor . « Der Graf schüttelte sich , wie durchfröstelt von Widerwillen . » Zu meiner Zeit « , fuhr er fort , » steckte der Bauer , wenn er mich von weitem sah , auf die Gefahr hin , in Flammen aufzugehen , die brennende Pfeife in seine Tasche . Dir - klopft er sie einmal auf der Nase aus . « Dies sollte im Scherze gesprochen sein , kam aber um so bitterer heraus , je mehr der Graf sich bemühte , die in ihm gärende Entrüstung hinter seinem Spotte zu verbergen . Die Gräfin erbebte leise , Regula verzog den Mund und dachte : Wie kann man sich das bieten lassen ? Der Burggraf kicherte untertänig , und Röschen erschrak und erbleichte ... Was wird geschehen ? - Wird Ronald zornig auffahren gegen seinen Vater ? ... Angstvoll schoß ihr Blick zu ihm hinüber und traf ein ernstes , aber unbewegtes Angesicht , auf dem ihr Auge ruhen blieb so voll Mitgefühl , so voll Bewunderung , daß der Mann unter diesem begeisterten Kinderblicke errötete und den seinen senkte . Es war eine schwüle Sekunde , und allen gereichte es zur Erquickung , einen Wagen in den Hof rollen und Peter melden zu hören : » Frau Baronin kummen . « » Meine Thilde ! « rief der Graf lebhaft und erhob sich , um die Tochter zu begrüßen , deren sonore Stimme sich bereits in der Halle vernehmen ließ . Gleich bei ihrem Erscheinen erklärte die Baronin , sie käme heute weder um Papas noch um Mamas , sondern nur um Regulas willen , auf welche sie auch zuerst zuging und der sie flüchtig einen Kuß auf die Wange gab . » Ronald und ich « , rief die Freifrau , » wollen diese Städterin mit unserer Landwirtschaft bekannt machen , für die sie sich außerordentlich interessiert . « Der Graf dachte zwar , davon habe er bis jetzt nichts bemerkt , aber es freute ihn immer , wenn sich jemand geneigt zeigte , die Herrlichkeiten Rondspergs in Augenschein zu nehmen . Auf den Wunsch der Baronin mußte ohne Verzug angespannt werden ; sie lachte , als ihre Mutter sie bat , doch ein wenig von ihrer Fahrt auszuruhen . Was tut man denn beim Fahren anderes als ruhen ? Sie hatte keine Zeit zu verlieren , übermorgen in aller Gottesfrühe mußte sie wieder fort ; denn : » Wir nehmen die Sommerbirnen ab und