Schrei getan und ist davongegangen . Auf der Grabstätte des Mathes hat man gestern frische Spuren zweier Knie entdeckt . Wir haben Leute aufgeboten , daß sie den Knaben suchen . In einer dar Hütten ist er nicht . Es wird auch an den Abgründen und Bächen nachgespürt . » Er hat mich nicht treffen wollen ! « jammert die Mutter , » und das ist ein kleiner Stein gewesen , aber auf dem Herzen liegt mir ein großer . Einen größeren hätt ' er nimmer nach mir schleudern mögen , als daß er davon ist . « Drei Tage später . Keine Spur von dem Knaben . Wohl eine andere Spur haben die Leute gefunden : große Pfoten mit vier und fünf Zehen . Wölfe und Bären gibt es in der Gegend . Es geht das Gerücht , drüben in den Lautergräben habe ein Holzhauer gestern die halbe Nacht mit einem Bären gerungen , bis es dem Manne endlich gelungen sei , seinen Arm dem Tiere in den Rachen zu stoßen , daß es daran erstickt . Ich bin heute in den Lautergräben gewesen , dort wissen sie nichts von der Mär . Dagegen hat mich einer von dort gefragt , ob es wohl wahr , daß im Winkel drüben , ganz nahe am Hause ein Rudel Wölfe den Erdmann gefressen hätte . Das sei nicht wahr , habe ich geantwortet . Aber der Mann behauptet , er wisse das zwar ganz bestimmt . Die Leute täten es allerwärts erzählen , und hundert Schritte vom Kirchenbaue hintan sehe man das Blut auf dem Sandboden und Fetzen von der Bekleidung . Ich entgegne , daß ich das Blut auch gesehen habe , daß dasselbe aber von einem Lämmlein herrühre , welches die Winkelhüterin gestern abends eben für den Erdmann ausgeweidet habe ; daß den Erdmann also nicht die Wölfe aufgefressen hätten , sondern daß der Erdmann das Lämmlein aufgegessen habe , und daß besagter Erdmann ich selber sei . Der Mann ist darauf recht verlegen und meint , er habe mich nicht erkannt , sonst hätte er das Gerücht nicht nacherzählt , ihm möge ihm nur verzeihen , daß die Sache nicht wahr ist . Am Petri-Kettenfeiertag 1817 . Das ist wie ein knatterndes Lauffeuer durch den Wald gegangen . Im Karwasserschlag wissen sie es , in Miesenbach wissen sie es , in den Lautergräben wissen sie es ; und ich im Winkel weiß es , daß es die bereits alle wissen , was doch erst heute morgens geschehen ist . Das Töchterlein des Mathes besucht zuweilen die Grabesstätte des Vaters und bepflanzt sie mit Hagebuttensträuchern . Heute zur Frühe , wie es wieder hinkommt , leuchtet ihm etwas entgegen . Auf dem Hügel ragt ein Stab und daran flattert ein Papier . Das Mädchen läuft heim zur Mutter , diese läuft zu mir in das Winkelhüterhaus , daß ich kommen und sehen möge , was das sei . Es ist sehr merkwürdig . Eine Nachricht ist es von dem Knaben . Auf dem Papier stehen in fremden Zügen die Worte : » Meine Mutter und meine Schwester ! Habt keinen Groll und keine Sorge . Ich bin in der Schule des Kreuzes . Lazarus . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Leute richten ihre Blicke auf mich . Der Knabe kann nicht lesen und nicht schreiben , fast niemand kann es im Walde . Die Leute meinen , ich sei hochgelehrt , ich müsse von allem wissen . Ich weiß von nichts . Allerseelen 1817 . Das ist ein lautloses Auf- und Niedergehen der Menschen . Ein Tröpflein sammelt sich am hohen Zweig des Baumes , sickert hinaus auf die letzte Nadel , wiegt sich und glitzert und funkelt , oft grau , wie Blei , oft rot , wie Karfunkel . Kaum noch hat es die Farbenpracht des Waldes und des Himmels in sich gespiegelt , so zieht ein Lufthauch und das Tröpflein löst sich von dem wiegenden Tannenzweig und fällt nieder auf den Erdengrund . Und der Erdboden saugt es ein und keine Spur ist mehr von dem funkelnden Sternchen . So auch lebt des Waldes Kind und so vergeht es . Draußen ist es anders . Draußen erstarren die Tropfen in dem frostigen Hauch der Sitte , und die Eiszapfen klingeln aneinander und im Niederfallen klingeln sie und ruhen , eine Weile noch der Welt Herrlichkeit in sich spiegelnd , auf dem Erdboden , bis sie zerfließen und vertauen , wie der Gedanke an einen lieben Toten . Draußen sind ja die Friedhöfe nicht für die Toten , sondern für die Lebendigen . Der Lebende feiert dort das Andenken an seine Vorfahren und er feiert seine künftige Friedhofsruhe . Für den Lebenden ist das Rosenbeet und die Inschrift . Der Lebende empfindet in seinem Gemüte die Ruhe , wenn er an den Schläfer denkt , der von Drangsal erlöst ist . Der Lebende fühlt das Hinabsinken des Toten und hofft für jenen die Urständ . - Niemand geht unbelohnt über Friedhofserde ; diese Schollen kühlen die Leidenschaften und erwärmen die Herzen , und nicht allein des Todes Frieden steht auf den Blumenhügeln geschrieben , sondern auch des Lebens Wert . Der Wald legt Ruhe , wohin Ruhe gehört . Dort hat der tote Schläfer kein Nachtlicht , wie der lebendige keines gehabt . » Das ewige Licht leuchte ihnen ! « ist das einzige Begehren . Die Spätherbstsonne lächelt matt und verspricht ihren ewigen Glanz , und der nächste Frühling sorgt für Blumen und Kränze . Nicht der toten Leiber wird im Walde gedacht , sondern ihrer lebenden Seelen Wehe , wenn diese sündig verstorben im Fegefeuer schmachten ! Als der hungernde Hans seinem hungernden Nachbar auf der Au das Stück Brot hat gestohlen und darauf war verstorben , da war der Urwald noch nicht gestanden . Der Leib war verwesen , der Hans vergessen , die Seel ' ist im Fegfeuer gelegen . Die Au ist zum Walde , der Wald ist zur Wildnis geworden ; die Wölfe heulen und kein Mensch ist weit und breit ; an den Hängen des Gebirges wogen Sommerlüfte und Winterstürme , und mit jeder Minute ein Körnlein Sand ; und mit jedem Jahrhundert eine Bergeswucht rollt in die Tiefe der Schluchten . Und die arme Seele liegt im Feuer . Wieder kommen Menschen in die Einöden und die Hochwälder fallen , und Hütten und Häuser erstehen und eine Gemeinde wird gebildet - die Seele aus alten , längst untergegangenen Sonnen liegt in den Gluten des Fegfeuers und ist verlassen und vergessen . Aber ein Tag geht auf im Jahre , solch ' vergessenen Seelen zum Troste . Als Christus der Herr am Kreuz ist gestorben und nur noch der letzte Tropfen Blut in seinem Herzen ist gewesen , da hat ihn sein himmlischer Vater gefragt : » Mein lieber Sohn , die Menschheit ist erlöst ; wem willst du den letzten Tropfen deines rosenfarbenen Blutes zukommen lassen ? « - Da hat Christus der Herr geantwortet : » Meiner lieben Mutter , die am Kreuze steht ; auf daß ihre Schmerzen sollen gelindert sein . « - » O nein , mein Kind Jesus , « hat darauf die Mutter Maria geantwortet , » wenn du den bitteren Tod willst leiden für die Menschenseelen , so mag ich die Mutterpein auch noch ertragen , ist sie gleichwohl so groß , daß sie nicht das Meer kann löschen , und wär ' die ganze Erden ein Grab , sie nicht kunnt begraben . Ich schenke den letzten Tropfen deines Blutes den vergessenen Seelen im Fegfeuer , auf daß sie einen Tag haben im Jahr , an dem sie von dem Feuer befreit sind . « Und so sei - nach der Sage Deutung - Allerseelentag entstanden . An diesem Tage sind auch die verlassensten und vergessensten Seelen von ihrer Pein befreit und stehen im Vorhofe des Himmels , bis der letzte Stundenschlag des Tages sie wieder in die Flammen ruft . Das ist im Walde der Sinn und Gedanke des Festes Allerseelen , und manche gute Tat wird geübt auf die Meinung , den abgeschiedenen Seelen die Feuerspein zu lindern . Über den einsamen Gräbern aber brauen die Spätherbstnebel , und junger Schnee verbirgt des Hügels letzten Rest , und darauf haben etwa die Klauen eines Hähers ein Kettchen gezogen - als einziges Zeichen des Lebens , das hier oben noch waltet - des unauflöslichen Bandes Deutung : um Leben und Tod ist eine ewige Kette gewunden . Heute muß ich oft an den Lucas denken . Ein Brenner , der in den Lautergräben begraben liegt . Dem Holzmeister Luzer ist in einer Nacht ein Ziegenbock gestohlen worden , unweit von der Lucas-Hütte haben sie hernach vom Tiere Haut und Eingeweide gefunden . Da ist ' s offenbar : der Lucas ist der Dieb . Und wie im Walde schon überall die Lässigkeit herrscht , so klagen sie den Brenner nicht an und so kann er sich nicht rechtfertigen . Gleichwohl hat er gemerkt , wie er bei den Leuten im Arg steht . Und einmal hat er ausgerufen : » Hättet ihr mir meine Hände abgehauen , hättet ihr mir das Augenlicht genommen , ich wollte zufrieden sein . Aber ihr habt mir meine Ehre weggenommen - - jetzt ist ' s vorbei . « Die Leute haben gesagt : » Mag er sich winden und wenden wie er will , den Ziegenbock hat er doch gestohlen . Ist der Lucas darüber närrisch geworden . » Diebe muß man hängen , « soll er gesagt haben - und hat man ihn nachher an dem Aste einer Föhre gefunden . Von jeher haben sich Selbstmörder ihren Grabplatz selber gewählt ; so haben sie den Lucas zwischen den roten Wurzeln der Föhre verscharrt . Erst vor wenigen Wochen hat er sich ereignet , daß ein arbeitsloser Holzmann auf dem Totenbett das Geständnis abgelegt , er wäre es , der dem Luzer den Bock davongetrieben hatte . - Ich werde heute doch noch zum Grabe des Lucas in die Lautergräben gehen . - Dann gibt es in den Winkelwäldern noch ein Grab , das die Leute wissen und verachten . Und dennoch ist es an diesem Tage des Gedächtnisses nicht einsam gewesen . Das Töchterlein des schwarzen Mathes hat am Grab des Vaters wieder ein Blatt gefunden . » Mir geht es wohl . Ich denke an meine Mutter , an meine Schwester und an meinen Vater . Lazarus . « Das ist die Botschaft . Die einzige Botschaft von dem verschwundenen Knaben seit vielen Tagen . Die Schriftzüge sind dieselben , wie auf dem ersten Blatte . Keine Menschenspur geht außer der des Mädchens zum Grabe hin , keine davon . Pfade von Füchsen und Rehen und anderen Tieren ziehen in Zick und Zack durch den winterlichen Wald . Am Katharinentag 1817 . Es ist ein Brief geschrieben worden , daß der Knabe um Gottes und der Mutter willen zurückkehren möge in die Hütte . Der Brief ist gut verwahrt über dem Grabe an dem Kreuzlein befestigt worden . Bis zum heutigen Tage ist er noch dort , niemand hat ihn erbrochen . Weihnacht 1817 . Heute habe ich Heimweh nach den Glockenklängen , nach in Wehmut erlösenden Orgeltönen . Ich sitze in meiner Stube und spiele Krippenlieder auf der Zither . Meine Zither hat nur drei Saiten ; eine vollkommenere habe ich mir nicht zu schaffen gewußt . Die drei Saiten sind mir genug ; die eine ist meine Mutter , die andere mein Weib , die dritte mein Kind . Stets in seiner Familie begeht man die Weihnacht . Nur wenige der Waldleute gehen mit Spanlunten hinaus nach Holdenschlag zur nächtlichen Feier . Es ist auch gar zu weit . Die übrigen bleiben in ihren Hütten ; aber schlafen wollen sie doch nicht . Sie sitzen beisammen und erzählen sich Märchen . Sie haben heute einen sonderartigen Drang , aus ihrer Alltägigkeit herauszutreten und sich eine eigene Welt zu schaffen . Mancher übt alte , heidnische Sitten aus und vermeint durch dieselben einem unsäglichen Gefühle des Herzens zu genügen . Mancher strengt seine Augen an und blickt hin über die nächtigen Wälder und meint , er müsse irgendwo ein helles Lichtlein sehen . Er horcht nach Feierglockenklingen und lieblichen Engelsstimmen . Aber nur die Sterne leuchten über den Waldbergen , heute wie gestern und immer . Ein kalter Lufthauch weht über den Wipfeln ; Eisflämmchen flimmern nieder von den Kronen und zuweilen schüttelt ein Geäste seine Schneelast ab . Aber anders berührt in dieser Nacht das Flimmern und das Fallen des Schnees , und die Menschengemüter zittern in sehnsuchtsvoller Erwartung des Erlösers . Ich habe ein einfältig Christbäumlein , wie man sie in nordischen Ländern haben soll , zusammengerichtet und dasselbe der Anna Maria Ruß in die Lautergräben geschickt . Ich denke , die Kerzenflammen müssen freundlich spiegeln in den Äuglein ihres Kleinen . Vielleicht , daß gar ein Funke ins junge Herz hineinzuckt und dort nimmer verlischt . In der Hütte der Witwe kann kein Christbaum sein . Auf dem Grabe des Mathes liegt sehr viel Schnee ; das Briefgehäuse aus Reisig hat eine hohe Haube . Der flehende Brief der Mutter an das Kind muß verderben , ohne erbrochen und gelesen worden zu sein . März 1818 . In einem Winkel der Karwässer drüben hat sich der Berthold eine Klause erworben . Er ist zu den Holzleuten gegangen . Die Aga hat gestern ein Kindlein geboren . Es ist ein Mädchen . Sie haben es nicht nach Holdenschlag getragen . Ich bin geholt worden , daß ich es taufe . Ich bin kein Priester und darf dem Kirchenkalender keinen Namen stehlen . Waldlilie habe ich das Mädchen geheißen und mit dem Wasser des Waldes habe ich es getauft . Ostern 1818 . Wann wird der Engel kommen , der den Stein hinwegwälzt ? » Jerum , jerum , unser Herrgott ist gestorben ! Aber wie ich schon sag ' , es erfährt ein ' s halt nichts in dieses Hinterland herein . Schau , schau , ist eh ' nimmer jung gewesen , hab ' schon mein Lebtag von ihm gehört . Hat halt doch auch einmal fort müssen . Uh , wem bleibt ' s aus ! « - Das hat der alte Schwammelfuchs gesagt , als er erfahren , daß zu Holdenschlag am Charfreitag von der Kanzel verkündet worden , unser Herrgott sei gestorben zu Jerusalem . In ernster und in höchster Verwunderung meint es der Alte , der doch zu jedem Abendgebete die Worte sagt : » Gelitten unter Pontius Pilatus , gekreuziget , gestorben . « Es ist Zungengebet . Das wahre Gebet betet nur das Herz in seiner Not , in seiner Freude , aber die Leute werden sich desselben nicht bewußt . In Untiefen begraben liegt noch das Ding , das wir wahre Gottesehre oder Frömmigkeit heißen . Die Leute eilen in der Osternacht oder am Morgen in den freien Wald hinaus , zünden Feuer an , lassen Schießpulver knallen und spähen in der Luft nach dem päpstlichen Segen , der am Ostermorgen von der Zinne der Peterskirche zu Rom ausgestreut werde nach allen vier Winden . Es ist immer das unbewußte Sehnen und Ringen . Man merkt , es liegt etwas begraben in den Herzen , was nicht tot ist . Wann aber wird der Engel kommen , der den Stein hinwegwälzt ? Am Sankt-Markustag 1818 . Der Schnee ist geschmolzen . Drüben im Gesenke donnern noch die Lahnen . Vor einem Jahre haben wir einige Obstbäume gepflanzt ; diese grünen jetzt ganz frisch und der Edelkirschbaum treibt fünf schneeweiße Blüten . Der Kirchenbau hat wieder begonnen . Die Maurer haben sich auch schon an den Pfarrhof gemacht . Der wird ein stattliches Haus nach dem Plane des Waldherrn . Warum muß der Pfarrhof denn größer sein als etwan das Schulhaus ? Das Schulhaus soll ja für eine ganze Familie und für eine Schar junger Gäste eingerichtet sein ; der Pfarrhof herbergt nur einen oder ein paar einzelne Menschen , deren Welt sich nicht nach außen breitet , sondern im Innern vertieft . Aber der Pfarrhof soll das Heim und die Zuflucht sein für alle Rat- und Hilfebedürftigen ; eine Freistatt für Verfolgte und Schutzlose - und auch der Mittelpunkt der Gemeinde . Als Neues in der Jahreszeit kehrt stets das Alte wieder , die Leute leben in ihrer gewohnten Beschäftigung und unbewußten Armut fort . Ich kann nicht mehr so im Walde herumgehen , um mit den Leuten zu verkehren , von ihnen zu lernen und ihnen dafür anderweitig zu nützen . Ich kann nicht mehr flechten und schnitzen , nicht mehr so in der Schöpfung leben und Baum- und Blumenkunde treiben und das Erdreich ausspähen , was etwan aus demselben für uns zu holen wäre . Ich muß stetig dem Baue sein ; die Arbeiter und Vorarbeiter gehen auf meinen Rat . Ich muß viel nachdenken und Bücher und fremde Erfahrungen zu Hilfe ziehen , daß wir nicht auf Irrwege geraten . Mir behagt aber die Sache bei all der Anstrengung und ich werde jünger und kräftiger . Gestern ist der Dachstuhl aufgesetzt worden . Viele Menschen sind dabei anwesend gewesen ; jeder will zur Kirche sein Scherflein beitragen . Die Witwe des Mathes und ihre Tochter arbeiten auch im Bau . Sie sprechen kein Wort mehr von dem Knaben . Aber letzthin hat das Weib ein Steinchen mit aus ihrer Hütte gebracht und die Worte gesagt : » Ich möchte gern , daß dieses Sandkorn unter dem Altar liege . « Es ist der Stein , den der Knabe nach der Mutter geworfen . Pfingsten 1818 . Das erste Fest der neuen Kirche . Aber nicht in derselben , sondern vor derselben . Gestern ist das Turmkreuz aufgerichtet worden . Es ist von Stahl und vergoldet - ein Geschenk des Freiherrn . Eine große Menge Leute hat sich versammelt ; es gibt doch viele Bewohner in den Wäldern . Von Holdenschlag aber soll kein Mensch dagewesen sein , nicht einmal der Pfarrer . Letztlich gönnen sie uns etwan gar die neue Kirche nicht ? - Wohl aber ist jenseits des Winkelbaches der Einspanig gesehen worden . Er schleicht und lauert , zerrt sein aschenfarbig Lodentuch über das bewüstete Haupt ; hastet am Bache hin und wieder und endlich hinein in das Dickicht . - Das ist ein seltsamer Mensch ; mehr und mehr zieht er sich zurück von den Leuten und nur an bedeutsamen Tagen wird er gesehen . Niemand weiß , wer er ist , von wannen er kommt und was er webt , das weiß kein Weber . Auch der Holzmeister nimmt an dem Feste teil , ist ganz außerordentlich aufgeziert und hat gar seinen roten Vollbart gekämmt . In der Hand hat er einen beknopften Stock getragen , da merke ich gleich , es geht nicht gewöhnlich . Und richtig , er hält eine Rede , in welcher er sagt , daß er heute im Namen des Waldherrn der neuen Gemeinde die neue Kirche übergebe . Das Kreuz trägt ein kräftiger Mann an den Arm gebunden hinauf . Es ist Paul , der junge Meisterknecht aus den Lautergräben . Von dem Turmfenster , durch das er heraussteigt , ist ein sehr einfaches Gerüste an dem beinahe senkrechten Schindeldach empor bis zur Spitze . Gelassen klettert der Träger an den Balken hinan . Zur Spitze angekommen , steht er frei aufrecht und löst sich das Kreuz vom linken Arm . - In der Menschenmasse ist es still , und ringsum kein Laut , als ob noch die Urwildnis wäre an den Ufern der Winkel . Jeder hält den Atem an , als wäre ein unbewachter Hauch imstande , dem Manne auf schwindelnder Höhe das Gleichgewicht zu stören . Der Paul hütet seinen Blick und seine Bewegungen sind langsam und regelmäßig . Ich vermeine schon ein Zucken und Wenden zu bemerken , das nicht zur Sache gehört , schon faßt mich der Schreck - da senkt sich das Kreuz in seinen Grund und steht fest . In demselben Augenblick strauchelt der Mann - da schallt herunten in meiner Nähe ein Schrei . Aber Paul steht oben . Der Schrei ist aus dem Munde der Anna Maria gekommen . Sie ist blaß und ohne noch einen Laut zu tun , setzt sie sich auf einen Stein . Und jetzund wird ' s erst lustig . Der Paul zieht ein Glas hervor , hebt es , leert es und schleudert es nieder auf den Boden . Es zerspringt in tausend Scherben und die Leute ringen untereinander um diese Scherben , um solche für ihre Enkel zu erhaschen und dereinst sagen zu können : sehet , das ist ein Teil des Glases , aus dem bei der Aufrichtung unseres Kirchturmkreuzes getrunken worden . Noch steht der Paul auf hoher Spitze , Arm in Arm mit dem Kreuze ; da kommt im Turmfenster der graubärtige Kopf unseres Fabelhans-Rüpel zum Vorscheine . Der zwinkert so gewaltig mit den weißen Augenbüschen , daß man es gar herunten bemerken kann , und hebt so an zu reden : » Weil ich mich nicht auf die Spitz ' getrau , so ich zu diesem Fenster herausschau . Auf der Spitz ' steht ein junger Mann , dem steht das Trinken an ; das Reden aber mir Alten . Will euch doch keine Predigt halten ; dafür wird unten die Kanzel gebaut und dieselb ' einem rechtschaffenen Pfarrer vertraut . Neben der Kanzel werdet ihr einen Taufstein erblicken ; dem hab ' ich nichts mehr zu schicken ; aber es gibt Leut ' in der Pfarr ' , die brauchen so ein Waschtrog alle Jahr ' ; der Taufbrunn ' darf nicht zu klein , im Holzhauerland muß das ein starker Brunnen sein . Aber gleich daneben tut der Beichtstuhl steh ' n , da tragen sie alle Sünden hinein , sind sie groß oder klein . Gott wird sie verzeih ' n ; der Beichtvater aber soll die Ohren verschließen , der kann die Sünden von sich selber wissen . Dann ist der Hochaltar , da schüttet man seinen Kummer aus und geht wieder frisch und jung nach Haus . Und der liebe Gott wird zwölf Engel senden , die werden die Gemeinde bewachen an allen Enden . Da hör ' ich , was auf dem Turm das Glöcklein spricht , und seh ' leuchten das heilige Kreuz im Sonnenlicht , wie ein Wegweiser , ein göttliches Zeichen , daß wir allzusamm ' mit Gottes Gnad ' den Himmel erreichen . - Und weil ich heut ' auf diesem Turm schon die Glocken muß sein , so ruf ' ich es weit ins Land hinein , daß es hallt und schallt über Berg und Wald , bis hin in die schöne Stadt , wo unser braver Herr seinen Wohnsitz hat . Ich und wir all ' und die ganze Gemein ' bedanken uns wohl von Herzen fein für ' s Gotteshaus zur schönen Zier ! und der Engel soll uns leiten all ' zur himmlischen Tür . - Das ist mein armer Gruß ; und noch tät ' ich meinen zum Schluß : eh ' vor wir selbander im Himmel uns freu ' n , wollen wir auf Erden noch lustig sein ! « In den Herzen haben die Worte gezündet , und ich hätte gleich meinen eigenen Schutzengel mögen schicken , daß er dem Herrn in der Stadt den lieblichen Dankesgruß gebracht . Als hierauf der Paul glücklich vom Turme zurückkommt auf den festen Erdengrund , hat ihn sein Weib mit beiden Armen empfangen : » Gott gibt dich mir mit eigenen Händen zurück ! « Darauf gehen sie dem Hause zu , das heute eine laute Schenke geworden ist . Und siehe die Fügung , da ist der Paul nach wenigen Stunden auf dem breiten , ebenen und grundfesten Boden des Wirtshauses nicht mehr so sicher gestanden , wie oben auf der Spitze . Das erhöhte Kreuz aber hat seinen Arm huldreich ausgebreitet über die Kirche und über das Wirtshaus . Einige Tage später . Es wird aber nicht wahr sein , was man über den Sohn unseres Waldherrn redet . Der junge Herr soll es toll treiben . Es haben auch der Reichtümer allzuviel auf ihn gewartet , als er in dieser Welt ist angekommen . Ei freilich läßt sich mit klingendem Namen und klingender Münze im Leben etwas machen ! Aber ich habe dem guten Hermann ja gesagt , woher das Brot kommt und was Arbeit heißt . Freilich , das eine hat mir nicht gefallen wollen , daß er niemals auf die Arbeiter des Feldes und auch niemals auf die Blumen des Frühlings und auf die Blätter des Herbstes hat geachtet . Doch nein , Hermann , du kannst so sehr nicht irren . An deiner Seite steht ja der heiligste , treueste Schutzgeist , den die Erde und der Himmel geboren hat . - Komme doch einmal herein in unseren schönen , stillen Wald ! Morgenrot und Edelweiß Im Sommer 1818 . Zuweilen ist mir im Winkel hier doch gar recht einsam zu Herzen . Ich weiß nun aber ein Mittel dagegen ; ich gehe zu solchen Stunden hinaus in die noch größere Einsamkeit des Waldes ; und ich bin in derselben sogar schon nächtlicher Weile gewesen und habe die schlummernde Schöpfung betrachtet und Ruhe empfunden . Nacht liegt über dem Waldlande . Der letzte Atemzug des vergangenen Tages ist verweht . Die Vöglein ruhen und träumen und dichten künftige Lieder . Aber die Käuze krächzen und Äste seufzen in ihren Stämmen . Die Welt hat ihr Auge geschlossen , aber ihr Ohr tut sie auf , der ewigen Klage der Menschen . Wozu ? Ihr Herz ist Felsgestein und nimmer zu wärmen . Nein , sie wärmt ja mit ihrer Ruhe und mit ihrem Blick . - Oben drängt sich Gestirn an Gestirne , es tanzt seinen Reigen und freut sich des ewigen Tages . - Auch dem Walde naht der Morgen wieder , schon winken ihm die Zweige . Es naht der junge König auf Wolkenrossen vom Aufgang her geritten und bohrt seine glutlodernden Lanzen in das Herz der Nacht , und diese stürzt nieder in dämmernde Schluchten , und von felsiger Zinne rieselt das Blut . Alpenglühen nennen es die Leute , und wenn ich ein Dichter wäre , ich wollte es besingen . Zu dieser Jahreszeit wäre es auf dem grauen Zahn gut sein . Zur Nachtszeit , während unten in den Tälern die Menschen ausruhen von Mühsal , und träumen von Mühsal , und sich stärken zu neuer Mühsal - stehen da oben die ewigen Tafeln in stiller Glut , und um Mitternacht reicht über dem Zahn ein Tag dem andern die Hand . » O , das ist ein schönes Licht ! « hat der alte Rüpel einmal ausgerufen , » das leuchtet hinaus in die weite Fern ' , das leuchtet mir hinein in mein tiefes Herz , das leuchtet mir hinauf zu Gott dem Herrn ! « In meiner Seele ist zuweilen eine so seltsame Empfindung ; Sehnsucht nach dem Weiten , nach dem Unbegrenzten ist nicht ganz der rechte Name dafür ; Durst nach dem Lichte möchte ich sie heißen . - Mein armes Auge , du vermagst der dürstenden Seele nicht genug zu tun ; du wirst in dem Meere des Lichtes noch ertrinken und sie wird nicht gesättigt sein . Ich bin dieser Tage wieder auf dem Zahn gewesen . Bald werde ich ja an den Glockenstrick geknüpft sein , wenn andere Leute Feiertag haben . Es sei , der Glockenstrick ist ein langer Atem , der sagt mit jedem Zug den Menschen was Gutes und lobet Gott . Ich habe von dem hohen Berge aus nach den Niederungen geschaut , aber das Meer hab ' ich nicht gesehen . Ich habe gegen Mitternacht geschaut bis zu den fernsten Kanten hin , von da aus man vielleicht das Flachland könnt ' sehen , und die Stadt und den Giebel des Hauses , und das Gefunkel der Fenster ... Und wie lang ' müßtest du fliegen , du Blick meines Auges , bis hin ins Sachsenland zum Grabe ! ... Der scharfe Wind hat meine Gedanken abgeschnitten . Da bin ich wieder niederwärts gestiegen . An einem Überhang des Grates habe ich etwas Freundliches gefunden . Das habe ich am Gestade des fernen Sees von meiner Ahne schon gehört , und das habe ich von den Menschen dieses Waldlandes wiederholt vernommen , daß in der Sonne d ' rin die heilige Jungfrau Maria am Spinnrade sitzt . Sie spinnt Wolle von schneeweißen Lämmlein , wie sie im Paradiese weiden . Da ist ihr einmal , als sie bei dem Spinnen eingeschlummert und vom Menschengeschlechte hat geträumt , ein Flöcklein der Wolle auf die Erde gefallen , ist hängen geblieben an einem hohen und Felsen , und die Leute haben es gefunden und Edelweiß geheißen . Zwei Sternchen davon hab ' ich abgepflückt und sie an meine Brust getan . Das eine , das ein wenig rötlich leuchtet , sei Heinrichrot genannt , das andere , schneeweiße , das ... lasse ich bei seinem alten Namen . Als ich gegen Abend zu den Wäldern und Geschlägen niederkomme , stößt mir was unsäglich Liebliches zu . Da sehe ich unweit meines Fußsteiges eine Schichte frischgrünen Grases ; es duftet mir einladend entgegen , und so denke ich , daß ich hinschreite dazu und meine ermüdeten Glieder darauf ein wenig rasten lasse . Und wie ich nun zur Grasschichte komme , sehe ich darin ein Kindlein schlafen . Ein blütenzartes , herziges Kindlein , in Linnen gewickelt . Ich bleibe stehen und wahre meinen Atem , daß er nicht in Verwunderung ausbreche und so das Wesen wecke