der verbündeten Armeen . Am Tage des heiligen Ludwig , an welchem unser junger Held den Triumphzug nach Paris zu beschließen gehofft hatte , standen die ersehnten Retter noch diesseit der Ardennen und der Enkel des heiligen Ludwig war ein Gefangener des Tempel . Dennoch verzagten wir nicht . Verdun hatte sich wie Longwy übergeben , und wenn von da ab wochenlang alle Nachrichten ausblieben , hielten wir uns an die Zuversicht , daß das bis dahin immer siegreiche Heer sich an einen verächtlichen Feind in seiner Flanke nicht gekehrt , in Eilmärschen die Marne überschritten und , wenn auch später als wir gehofft , doch sicher zur Stunde bereits dem gefangenen Monarchen in seiner Hauptstadt die Freiheit wiedergegeben haben werde . Unbegreiflich hingegen und wahrhaft beängstigend war uns das Schweigen unserer heimatlichen Freunde bei der Armee , denn wenn wir auch bei dem aufgeregten Prinzen keine mitteilsame Stimmung voraussetzten , so hatte doch ein junger Regimentskamerad , der jenem als Adjutant beigegeben und meinem Vater vertraulich zugetan war , fleißige Nachricht versprochen und nun nahezu zwei Monate kein Wort von sich hören lassen . Auch Faber , dem durch seltsame Fügung die Freunde auf fremdem Boden , unter fremder Fahne in demselben Regimentsverband begegnen mußten , auch Faber sendete keinen Trost in dieser bänglichen Zeit . » Ich habe ein besseres Fiduzit zu diesem Mosjö Per-sé gehegt , « sagte mein Vater ärgerlich . » Daß ich auch nicht daran gedacht habe , dem Prinzen einen Denkzettel an ihn mit auf den Weg zu geben . Die arme , kleine Dorl ist wie verwandelt , seitdem es nun ernstlich zum Klappen gekommen ist . Sie grämt sich und schämt sich , so vergessen zu sein in ihrer Angst und Not . « Ja freilich grämte und schämte sie sich , die unglückliche Dorothee , wenn auch aus anderer Bewegung , als ihr alter Freund voraussetzte . Sie mied uns in sichtbarer Seelenangst , saß mit vorgezogenem Riegel in ihrer Stube und huschte im Garten scheu und stumm an uns vorüber . Redeten wir sie an , und war es das Gleichgültigste , so antwortete sie verworren und ausweichend . Ich sah , sie zitterte vor einer Erörterung , die auch ich von Tage zu Tage verschob . Warum ? Da sie doch unausbleiblich und jedenfalls vor meiner Abreise nach Reckenburg stattfinden mußte . Ja warum scheut man sich denn , einen Knoten zu durchhauen , warum rechnet man auf das Unwahrscheinlichste , das eine Lösung bewirken könnte ? Ich zum Exempel rechnete auf eine Eröffnung und vielleicht Verständigung zwischen dem Prinzen und Faber , die mich der Pein einer Mittlerrolle überhob . Endlich , endlich kam der langersehnte Brief vom Adjutanten . Der Prinz hatte seine Verzögerung befohlen , um die Freunde , eines kleinen Unfalls halber , nicht ohne Not zu beunruhigen . Er war , indem er dem die Tete bildenden Regimente Weimar nacheilte , beim Überschreiten der Grenze auf ein preußisches Reiterpikett gestoßen , hatte sich ihm angeschlossen und mit ihm eine rekognoszierende , weit überlegene feindliche Jägerabteilung attackiert . Nach hartnäckigem Kampfe war sie niedergehauen und gefangen worden . Dem Prinzen aber , der auch nicht einen Flüchtigen entkommen lassen wollte , stürzte während der Verfolgung auf dem vom Regen durchweichten Boden das Pferd . Er trug eine Verstauchung davon , die sich bei mangelnder Pflege entzündete und ihn wochenlang in einer armseligen Bauernhütte festhielt . » Wie er knirschte , « so sagte der Korrespondent , » wie er wetterte , zurückbleiben zu müssen , während die Armee die Ardennenfestungen in ihre Hand bekam - nun , Ihr könnt es Euch denken , Ihr kennt ihn ja ! Wie er aber schäumte während des unbegreiflichen achttägigen Halts vor den schwachbesetzten Argonnenpässen - nein , das könnt Ihr Euch nicht denken , trotzdem Ihr ihn kennt ! Wäre das Kommando doch in des Königs Hand ! Gottlob jedoch , sein ritterlicher Sinn hat über die alte Schulweisheit gesiegt , und unser leichtes Glück bei Croix-aux-bois und Grandpré , wo diese Freiheitshelden Reißaus nahmen wie die Hasen , wird auch unserem Serenissimus Kunktator eine Fackel aufgesteckt haben , welche den Weg nach Paris beleuchten soll . Die Armee ist in vollem Marsche nach Châlons . Zieht Dumouriez , dieser Schwätzer par excellence , sich zurück : gut . Einen solchen Feind in der Flanke fürchten wir nicht . Gelingt ihm die Vereinigung mit Kellermann , der ihm von Metz zu Hilfe kommen soll : desto besser . Wir werden das Gesindel dann mit einem Schlage los . Das beste aber ist , daß unser Prinz , heil und wohlgemut , morgen aufbrechen wird , um sein Regiment einzuholen . Am Abend denken wir Menehould - fluchwürdigen Andenkens ! - zu erreichen . « Das Ungestüm unseres Prinzen sprach aus jedem Wort dieses Berichts . Ein Postskriptum enthüllte hingegen die weit nüchternere Auffassung seines Begleiters . Weg und Wetter waren abscheulich ; es fehlte an jeder geregelten Verpflegung ; epidemische Krankheiten dezimierten die Armee ; was aber am tiefsten überraschte : die Stimmung der Bevölkerung war dem königlichen Befreiungszuge keineswegs so geneigt , wie nach den Schilderungen der Emigranten alle Welt vorausgesetzt hatte . Einige diplomatische Andeutungen über den Doppelsinn der Heerführung bildeten den Schluß . Wir schlugen uns den nachhinkenden Boten aus den Gedanken und hielten uns an den guten Glauben und an die gute Kunde von unserem Helden , wobei wir denn freilich die Gefahren jedes Augenblicks vergaßen , welche die Spanne zwischen Sendung und Empfang solcher Kunde füllen . Der Brief , welcher am 19. September geschrieben , erreichte uns am 28. Auf den folgenden Tag , Michaelis , fiel Dorothees Geburtsfest . Ich suchte schon früh am Morgen bei ihr einzudringen . Die beruhigende Nachricht über den Prinzen , hoffte ich , werde eine nicht länger aufzuschiebende Aussprache ermutigend einleiten . Aber wiederum ein vergeblicher Versuch . Sie war schon vor dem Frühstück hinüber zum Vater entschlüpft und kehrte während des ganzen Morgens nicht zurück . Am Nachmittag saßen wir im Familienzimmer um den Kaffeetisch , auf welchem ein Festkuchen , umgeben von einem bunten Asternkranze , prangte . Achtzehn Jahreslichtchen , und in der Mitte das dicke Lebenslicht , sollten rasch angezündet werden , sobald es Ehren-Purzel , der an der Treppe aufgestellt war , gelungen , das Geburtstagskind abzufangen . Ich hatte das Mißliche dieser alljährlichen kleinen Festlichkeit heuer wohl empfunden , wußte aber keinen Vorwand , den guten Willen der Eltern zu verhindern . Wir warteten vergebens . Dorothee kam nicht . Auch hatte die Frankfurter Post keinen Brief des bisher wenigstens zweimal im Jahre regelfesten Bräutigams gebracht . Papa schimpfte recht lästerlich auf seinen rücksichtslosen Mosjö Per-sé . Es dämmerte bereits , als ein Stafettensignal sich von Westen her vernehmen ließ : Bei jedem Klange aus dieser Richtung sammelten sich Offiziere wie Bürger vor dem Posthause , um irgendeine wahre oder unwahre Nachricht zu erhaschen , welche die Kuriere auf den Stationen ausstreuten . Der Vater eilte hinaus , und auch uns Frauen ließ es keine Ruhe , wir traten unter die Haustür , seine Rückkehr erwartend . Die Stafette sprengte auf der Leipziger Straße weiter . Der Vater kam zurück . » Ein Zusammenstoß soll stattgesunden haben , « rief er uns kopfschüttelnd entgegen ; » unfern von St. Menehould ein unerhörtes Kanonenfeuer vernommen worden sein . Wer aber obtinierte ? - und ob wirklich beim Abgange der Post am anderen Tage die Armeen sich in unverrückter Stellung gegenübergestanden ? Reime sichs , wer kann - ich - « Er bemerkte bei diesen Worten Dorothee , welche sich leise von der Gartenseite herbeigeschlichen hatte und in atemloser Spannung seiner Rede lauschte . Lachend reichte er ihr einen Brief , welchen er dem Kurier abgenommen hatte : » Ein Tausendsassa , liebe Dorl , wie er die Gelegenheiten wahrzunehmen weiß ! « Dorothee riß den Brief an sich und floh die Treppe hinan . Der Vater hielt noch einen zweiten Brief in der Hand . » Vom Adjutanten , « sagte er , nachdem wir in das Wohnzimmer getreten waren . » Er wird uns , denk ich , das Rätsel lösen . « Ich zündete in der Hast das Lebenslicht auf dem Geburtstagskuchen an , meine Finger zuckten vor Ungeduld , bis der Vater methodisch den Brief entsiegelt hatte . Kaum aber , daß er die Augen hineingeworfen , sah ich ihn auf dem Stuhle zurücksinken , das Blatt seiner Hand entfallen . » Tot , tot ! « stöhnte er , wie vernichtet . » Wer ist tot ? « kreischte die Mutter . Sie hob das Blatt vom Boden auf . Ein Blick auf das erste Wort ; ein zweiter der tiefsten Angst zu mir herüber . Ich lag nicht in Ohnmacht oder Krämpfen ; ich stand steif wie eine Kerze . Sie legte es beruhigt in meine Hand . Es war flüchtig mit Bleistift geschrieben und datierte vom 21. September . » Unser herrlicher Prinz ist tot ! Das Opfer eines Kampfes , für den ich keine Bezeichnung habe . Mitten in der Nacht waren wir aufgebrochen . Der Weg war heillos , aber die Kundschaft , daß der König gestern den Vormarsch und den Angriff der feindlichen Armee befohlen habe , gab dem Prinzen Flügel . Wir hetzten unsere wechselnden Pferde fast zu Tode . Um sieben Uhr hörten wir den ersten Kanonenschlag . Die Gegend lag im dicksten Nebel . Das Feuer wuchs von Minute zu Minute . Der Boden dröhnte . Der Prinz glühte buchstäblich im Fieber : die Schlacht , die heißersehnte Schlacht ! Alle rückstehenden Truppenteile , die wir passierten , zeigten die zuversichtlichste Stimmung , ja ausgelassene Heiterkeit . Unser Regiment stand bei der Avantgarde , mit welcher Hohenlohe den Angriff erhoben hatte . Wir jagten vorwärts . Mittag war vorüber ; der Nebel hatte sich gesenkt . Jetzt erkannten wir die feindliche Aufstellung auf den Höhen von Valmy . Eine günstige Position ; der Feind uns um ein Dritteil überlegen . Aber welch ein Feind ! Bodenlos soll die Verwirrung gewesen sein , als Hohenlohe den linken Flügel , das heißt Kellermann , angriff , und Dumouriez auf dem rechten zu fern war , um ihm beizuspringen . Der Sieg schien mit Händen zu greifen , und - wir setzten die Attacke aus ! Wir schossen hinüber , der Feind herüber , ohne begreifbaren Zweck und Erfolg . Vierzigtausend Kanonenschläge sollen in diesem Feuerwerk verpufft worden sein . Der Prinz schäumte vor Wut , als er jenseits der Straße von Menehould seinem Regiment auf dem Rückzug begegnete . Fluch und Verwünschungen jagten sich auf seinen Lippen , Purpurröte und Totenblässe auf seinem Gesicht . Laut und öffentlich sprach er aus , daß Hohenlohe dem unseligen Rückzugsbefehle trotzen müsse , sprengte tollkühn die Anhöhe hinab und jenseits wieder hinauf bis zu der Stellung , welche die Vortruppen am Morgen innegehabt hatten . Er glaubte einen Angriff von dieser Seite noch jetzt mit Sicherheit ausführbar . Er kann nichts anderes gedacht haben als eine Rekognoszierung bei dem verwegenen Ritt . Die Kugeln sausten um seinen Kopf . Ich sprengte ihm nach , dem tödlichen Beginnen Einhalt zu tun . Mehrere Offiziere des Regiments folgten mir . Dicht ihm an den Hacken , sahen wir ihn taumeln , vom Pferde sinken . Noch fing ich ihn in meinen Armen auf . Unter einem Kugelhagel trugen wir ihn nach dem Vorwerk la Lune , dem Standquartier unseres hohen Chefs . Er war ins Herz getroffen und in wenigen Minuten eine - Leiche . Und dieses herrliche Opfer sühnt kein Sieg , sühnt nicht einmal das Bewußtsein der genügten Ehre . Der Feind steht uns heute wie gestern hoch gegenüber . Wir greifen auch heute nicht an , und selber die Geschütze schweigen . Man munkelt von Unterhandlungen , von Rückzug . Mir ist nichts unglaublich nach dem gestrigen Puff . Kann aber , wird ein König von Preußen sich dieser Schmach unterwerfen ? Die Offiziere schreien Zeter über den Braunschweiger . Mit abgewandten Gesichtern schleichen sie aneinander vorüber , sie , die gestern so stolz und sicher wie zur Parade ausgezogen waren ! Weinen habe ich ihrer sehen vor Zorn und Scham . Wären Sie ein Preuße wie ich , sagte mir ein alter Major , hätten Sie noch unter Friedrichs Fahne gedient , Sie beneideten Ihren gefallenen Prinzen . « Was soll ich weiter sagen ? Äußerlich hielt ich stand . Lautlos legte ich den Brief in des Vaters Hand zurück . Er schluchzte wie ein Kind und die Tränen rieselten über seine Wangen in den ergrauenden Bart. Die Mutter saß lange Zeit still mit gefalteten Händen . Endlich erhob sie sich . » Wir alle bedürfen der Sammlung . Geh zur Ruhe , liebe Tochter , « sagte sie , indem sie mich auf die Stirn küßte . Der Vater führte mich bis zur Tür , preßte meine beiden Hände und sprach : » Gott muß es am besten wissen , mein gutes Kind . « » Gott muß es am besten wissen ! « Wie oft habe ich in ruhigeren Stunden dieses Wortes gedacht , das so alltäglich verhallt , und doch das einzige ist , dessen wir uns in unbegreiflichen Schickungen getrösten . Diese lebensgierige Natur , ohne Halt in der Außenwelt , zügellos in der inneren , würde sie sich behauptet haben während der zwanzig . Jahre des Verfalls , welche der Spiegelfechterei von Valmy folgten , bis zur tiefsten Schmach und hart an die Grenze der Vernichtung ? Würde sie ihre Kraft zusammengehalten haben für die büßende Mannestat ? Oder nach welcher Richtung hin sie verschleudert und sich selbst verloren ? Gott hat es am besten gewußt , mein braver Vater ! In dieser Stunde freilich , da war dein Trostspruch mir ein leerer Schall , und ich hörte nur das eine hoffnungslose : tot , dahin , was meiner Augen Licht und meiner Seele Stolz gewesen . Aller Halt war gebrochen , sobald ich - endlich allein ! - die Treppe erreicht hatte . Ich ließ mich auf die Stufen niedersinken , der Leuchter entglitt meiner Hand . So lag ich , ich weiß nicht , wie lange ; das Leben dünkte mich eine Nacht , undurchdringlich wie die , welche mich umfing . Endlich raffte ich mich auf und tastete mich nach meiner Tür . Da sah ich einen hellen Streifen durch die Spalte der Nebenstube fallen , und Törin , die ich gewesen ! sah mich aus der Öde des Grabes schon wieder inmitten der bewegenden Flut . Denn ich erinnerte mich an eine , der wahrhaftiger als mir des Lebens Leuchte erloschen war . Es war die Todespost , die ihr der alte Freund als eine Freudenpost gereicht hatte , und tödlich schien der Streich , der sie so jach getroffen . Sie lag kalt und steif am Boden ausgestreckt ; in der krampfhaft geballten Hand den Brief Siegmund Fabers . Die tiefe Schnuppe des Lichtes zeigte , wie lange sie in dieser Erstarrung hingebracht hatte , und wohl ahnete mir das jammervolle Dasein , zu welchem ich sie erwecken sollte . Eine dunkle Stimme warnte mich , die Eltern oder Diener um Beistand herbeizurufen . Ich trug sie auf ihr Bett , löste die Kleider , und - - Und was empfand die keusche , achtzehnjährige Ehrenhardine vor der Enthüllung , die sie nicht vermutet hatte und doch mit Blitzesschärfe verstand ? Erbarmen , Empörung , Haß ? Schrie sie Wehe über die Sünderin ? Nichts von alledem ist ihr bewußt ; aber heute noch fühlt sie den Schauer , der sie in jenem Augenblicke überrieselte , den Schauer neuerwachenden Lebens nach dem gellenden Todesschrei . Nein , er war nicht tot , nicht völlig tot : eine Spur von ihm lebte , und ich beneidete , ja ich beneidete das glückselige Weib , dem seine Liebe sie eingeprägt hatte ! Ich öffnete das Fenster , benetzte die Erstarrte mit Kölnischem Wasser , hauchte meinen Atem auf ihre Lippen ; in Todesangst fühlte ich ihren Puls und hätte aufschreien mögen vor Entzücken , als ich den ersten matten Schlag spürte . Endlich schlug sie die Augen auf und schaute wirr umher , wie beim Erwachen aus einem entsetzlichen Traum . Jetzt fiel ihr Blick auf mich , und es war ein markerschütternder Schrei , der das rückkehrende Bewußtsein verkündete . Gleich einer Wahnsinnigen sprang sie aus dem Bett , wand sich am Boden mit entblößtem Busen und zerrauftem Haar . » Töte mich , töte mich , Hardine ! « kreischte das verzweifelnde Weib . Aber die böse Stunde verrann . Ein erwärmendes Feuer prasselte im Ofen , die Lampe brannte ruhig auf dem Tisch . Dorothee lag eingehüllt im Bett ; ihre Tränen rieselten über die bleichen Wangen , und : » Retten Sie mich , retten Sie mich , Fräulein Hardine ! « wimmerte eine Kinderstimme in mein Ohr . Und die ermatteten Lider fielen zu ; die Brust hob sich in gleichmäßigen Atemzügen ; sie schlummerte ein . Auch ich wollte Ruhe suchen . Da bemerkte ich den Brief , den ich vorhin ihrer Hand entwunden hatte , und den zu lesen ich ein Recht zu haben glaubte . Mein erster Blick fiel auf die folgende Nachschrift : » Gestern hatte ich ein Erlebnis , das mich seltsam bewegte und das den Anteil Ihrer verehrten Hausgenossen erwecken wird . Seien Sie mit der Kundmachung vorsichtig , liebe Dorothee . Ich befand mich bei den Vorposten unseres Regiments , als ich im Namen meines durchlauchtigen Chefs zu schleuniger Hilfeleistung entboten ward . Ein hoher Anverwandter seines Hauses , als Volontär erst vor einer Viertelstunde bei der Truppe eingetroffen , war während eines kühnen Erkundigungsrittes schwer verwundet und in ein unfernes Vorwerk gerettet worden . Ich hatte das unglückliche Begebnis mit angesehen und war bereits auf dem Wege zu helfen . Gottlob , da ist Faber ! riefen der Herr Herzog mir entgegen . Bei dem Namen Faber schlug der Verwundete das schon brechende Auge in die Höhe . Eine Lebenshoffnung mochte in ihm erwachen . Faber , lallte er , Faber ! Er tastete nach meiner Hand und drückte sie mit letzter Kraft an seine Brust : ein eisiger Schauder überrieselte ihn , der Todesschweiß tropfte von seiner Stirn . Barmherzigkeit , Faber , Barmherzigkeit ! hauchte er noch und sank in meine Arme - entseelt . Wie eigen war mir zumute , als ich die Uniform meines alten Regiments löste und in Erinnerung der Heimat doppelt begierig hätte helfen mögen , wo doch alle Hilfe vergeblich war . Der Prinz war nicht verwundet , wie wir angenommen hatten , nur von der Kugel gestreift , und ein Blutgefäß des Herzens durch die Erschütterung oder den ungestümen Ritt oder den Sturz vom Pferde lädiert . Niemals sah ich einen vollkommeneren männlichen Körper . Auf seinem Herzen fand ich ein Band , gehüllt in ein Blatt , das unter wohlbekannten Zügen einen verehrten Namen trug . Ich gestatte mir keinerlei Deutung . Aber mit Allerhöchster Genehmigung lege ich diese Reliquie , vielleicht als ein trostreiches Angedenken , in der Freundin Hand , das einzige Angebinde , das ich Ihnen heute zu bieten habe , teure Dorothee . « Und nun wickelte ich wieder das blaue Haarband vom Frühlingsfeste um meine Finger , und ich betrachtete das Blatt , welches nichts als den Namen » Hardine von Reckenburg « trug , die abgerissene Unterschrift eines meiner wenigen Briefe an Dorothee , und von dem , welchem das Blatt bei irgendwelchem Anlaß zugespielt worden war , vielleicht niemals bemerkt . Aber war es nicht eine seltsame Fügung , daß Siegmund Faber es sein mußte , welcher das Andenken von der Brust des Mannes nahm , der sein Lebensglück vernichtet hatte , und daß er es , als das Liebeszeichen einer anderen , in die Hand seiner treulosen Verlobten zurücklegte ? Ich aber , wie hätte es in jenen Stunden ohne Einfluß auf mich bleiben können , daß über dem brechenden Herzen Name und Schriftzüge der Freundin geruht , welche er Schwester genannt hatte , als er mit seinem Abschiedsworte das geliebte Weib ihrem Schutze anvertraute ? Wie hätte ich mich in jenen Stunden anklagen mögen , weil das Vermächtnis des toten Freundes stärker in mir sprach , als die Pflicht gegen den lebendigen ? Ich ging in meine Kammer und warf mich unentkleidet aufs Bett . Dorothee schlief : ich fand keine Ruh ! Die Ereignisse dieser Sonnenwende verschlangen sich wie greifbare Erscheinungen vor dem halbbetäubten Sinn , von jenem Festtage an , wo ich die alte Reckenburgerin das Liebeslied der Königsmark trällern hörte , bis zu dem Schmerzensbilde , das Siegmund Faber enthüllt hatte . Ich träumte mit offenen Augen , und es währte wohl eine lange Weile , ehe ich zwischen den Phantomen der Erinnerung die leibhaftige Gestalt unterschied , welche bei dämmerndem Morgen vor meinem Lager kniete mit gesenktem Kopf , die Arme über der Brust gekreuzt gleich einer Verbrecherin . » Wollen Sie mich retten , Fräulein Hardine ? « flüsterte sie nach einer langen Stille . Eine neue lange Stille folgte , und statt der Antwort nur die Gegenfrage : » Was denkst du zu tun , Dorothee ? « » Denken - ich ? « versetzte sie , indem sie traurig den Kopf schüttelte . » Ich will tun , was Sie sagen , Fräulein Hardine . « » Nicht , was ich sage , was Siegmund Faber sagt , « entgegnete ich . Sie aber rief mit einem Schauder : » Der - der ? Was hab ich mit dem noch zu schaffen ? « Doch verstand sie meinen vorwurfsvollen Blick , denn sie setzte hastig hinzu : » Ich werde ihm das Seine zurückgeben und mein Brot mit meiner Hände Arbeit verdienen . « In anderer Stimmung würde ich beim Anblick dieser zartgeschonten Hände den ausgesprochenen Entschluß belächelt haben . In der gegenwärtigen sagte ich nur : » So schreibe ihm heute noch , Dorothee , bekenne ihm die Wahrheit und empfange dein Schicksal aus seiner Hand . « Sie fuhr in die Höhe mit einer Heftigkeit , die ich niemals an ihr gekannt hatte . » Ihm schreiben , und heute noch ! « rief sie . » Ihm alles sagen , ihm , ihm ! Nein , das verlangen Sie nicht , nur das eine nicht , Fräulein Hardine , das kann ich nicht . « » Nun denn , so will ich es tun an deiner Statt , « sagte ich . » Würde ein Brief ihn treffen , Fräulein Hardine ? « entgegnete sie . » Es sind zehn Tage , daß er schrieb , eine ebenso lange Zeit müßte vergehen - - und lebt er denn noch ? Und wo ? Und wie ? « Sie hatte recht . Wo stand die Armee in dieser Stunde ? Vorwärts in Feindesland ? rückwärts am Rhein ? Ein eintreffender Brief konnte bei so unsicheren Zeitläuften ein Wunder genannt werden . Und durfte ich ein solches Geheimnis der Verschleuderung und einer fremden Entdeckung preisgeben ? Nein . Wir mußten weitere Nachrichten von oder über Faber erwarten . » Wohlan , Dorothee , « sagte ich nach einer Pause und ergriff ihre Hand , » wenn denn zur Stunde nicht vor ihm , so vor der Welt zeige entschlossen , daß euer Bund sich gelöst . Kehre in deines Vaters Haus zurück ; nimm die Demütigung auf dich als Sühne der Schuld ; setze Pflicht gegen Pflicht . « - Es war wie ein Todesurteil , das sie vernommen hatte . Ein Fieberfrost durchschüttelte ihren Leib , sie sank von neuem auf die Knie . » Muß es sein ? « hauchte sie kaum vernehmlich . » Ja , es muß sein , Dorothee . « » Jetzt , gleich jetzt , vor der Zeit : O , Fräulein Hardine , mir ist , als ob ich sterben werde nach der Zeit . Ach so gerne sterben ! Sparen Sie es meinem alten Vater , lassen Sie ihn nicht mit Schanden in die Grube fahren . « Sie mochte wohl merken , daß das Mitleid mit dem alten , trunkenen Schwachkopf gar wenig auf mich wirkte , denn sie fuhr hastig mit bebender Stimme fort : » Und er - er , den ich nicht nennen kann , soll sein Name verlästert werden in einem Atem mit dem der verworfenen Kreatur ? In der Stunde , wo die Tränen noch warm um ihn fließen , wo sein armer Leib noch nicht die Ruhe bei seinen Vätern gefunden hat ? « Es war eine Zauberin , dieses Kind Dorothee , wie es im rechten Augenblick immer das Wirksame zu treffen wußte ! Nein , das Geheimnis war zur Hälfte nicht zu wahren , und die Anklage gegen den Verführer durfte sich nicht in die Totenklage um unseren Helden mischen . Vor meinen Eltern , die ihn geliebt hatten , vor den Kameraden , die ihn bewunderten , ja selber vor den gering geachteten Heimatsbürgern Dorothees mußte der Letzte seines Stammes ohne Makel in der Gruft seiner Ahnen ruhen . » So sei es denn , Dorothee , ich will dein Geheimnis wahren und schützen , bis Siegmund Faber über dein zukünftiges Los entschieden haben wird . « Mit diesem Gelöbnis endete die erschütternde Unterredung . So schwer der Entschluß , so rasch und leicht war der Plan . Dorothee begleitete mich nach Reckenburg ; alles Weitere enthüllte sich in dem stillen Waldhause Muhme Justines . Und wie der Plan , so rasch und leicht war auch die Ausführung . Vater Kellermeister hatte keine Stimme ; meine Eltern aber gönnten den beiden bekümmerten Gespielinnen ein tröstendes Beieinandersein . Kaum eine Woche später befanden sie sich , von Leipzig ab in Begleitung des Predigers , auf dem Wege nach Reckenburg . Dorothee war dem alten Freunde keine Fremde ; ich hatte ihm oft von meiner reizenden Mitschülerin erzählt . Jetzt führte ich sie ihm vor als eine Besucherin Muhme Justines , also ohne buchstäbliche Lüge . Wie denn überhaupt , wenn Lügen oder Täuschen nur heißt : Unwahres sagen , nicht auch Wahres verheimlichen , ich in diesem ganzen Verhältnisse keiner Lüge oder Täuschung schuldig zu werden brauchte . Freilich mochte das stilltrauernde Weib , wie es sich scheu und leise weinend in die Wagenecke schmiegte , wenig zu dem Bilde stimmen , das ich von meiner frohen , beweglichen kleinen Dorl entworfen hatte . Sein Auge weilte mit Wehmut auf dem bleichen , gesenkten Gesicht . Gewiß , er ahnte die Wahrheit . Der geistliche Herr aber war einer von denen , welche dem bekümmerten Sünder die Hand entgegenstrecken . Wie oft hatte ich blutjunges Ding mich mit Entrüstung von unseres Seelsorgers milder Lehre und Praxis , gegenüber einer zuchtlosen Gemeinde , abgewendet . So erinnerte ich mich im besonderen einer Predigt über das ehebrecherische Weib , deren Text und Auslegung ich beim Diner meiner alten Gräfin wiederholte . » Der Herr Pastor könnte derlei bedenkliche Themata vermeiden ; aber was kümmert das uns ? « hatte sie gesagt , und ich ihr - bis auf den Nachsatz - redlich beigepflichtet . Das war am Sonntag vor meiner Abreise , und heute führte ich selber solch ein recht-und ehrvergessenes Weib als meinen Schützling in seine Gemeinde ; ich , die mein Leben so sicher auf den Wahrspruch meines Hauses gegründet glaubte . Baue keiner auf seine Maximen , wenn er nicht , wie Jungfer Ehrenhardine , eines Tages mit schamroten Wangen einem fertigen Menschen gegenübersitzen will . Das , meine Freunde , ist die Moral der Geschichte von der Rose und ihrem Blatt . Achtes Kapitel Muhme Justines Pflegling Auf der letzten Station blieb Dorothee zurück . Der geistliche Herr und ich rollten in Reckenburgs goldener Kutsche unserem Ziele entgegen . Die Gräfin schlummerte , als ich auf dem Schlosse anlangte . Ein böser Zufall , dessen Anlaß ich nur zu gut erriet , hatte ihre Kräfte härter denn jemals mitgenommen . Es war die von neuem bewährte Leibwärterin , welche mir die Auskunft gab , und so konnte denn das , was mir zunächst am Herzen lag , gleich in der ersten Stunde seine Erledigung finden . Verschwiegenheit und Zustimmung waren mir zum voraus verbürgt , schon weil ich es war , die sie erbat . Im übrigen brachte die Pflege ein Stück Geld und die demütigende Abhängigkeit der » Jungfer Obenaus « einen erquickenden Kitzel . Von schweren , sittlichen Bedenken konnte bei einer Helferin ihres Zeichens füglich nicht die Rede sein . Wir wurden daher ohne Markten handelseinig : Die Muhme holte am andern Tage ihre Schutzbefohlene aus der Stadt ab , nahm sie in Kost und Pflege und ließ sie , wenn einer nach ihr fragen sollte - unwahrscheinlicherweise , da » Bauern nicht wie Stadtbürger wissenschaftlicher Komplexion sind « - , für eine Angehörige , die kürzlich Witwe geworden war , gelten . Vor allem anderen übernahm sie die Auseinandersetzung mit dem Prediger , dem die unbedingte Wahrheit gesagt werden mußte . Daß unser Übereinkommen gewissenhaft und mit dem besten Gelingen durchgeführt worden ist , sei zum voraus berichtet . Nicht ohne Bewegung ging ich nun dem Wiedersehen der Gräfin entgegen . Mir , der Jugendlichen , war ja nur ein Traum entwichen , ein flüchtiges Glück , das ich erst seit unserer Trennung hatte kennen lernen . Ihr , der Urgreisin , war der Bau eines langen Lebens in Trümmer gestürzt . Ich mußte auf eine tiefe Wirkung vorbereitet sein . Was ich aber gewahren sollte , das war die Verwüstung eines sengenden Strahls , und Gott weiß , unter welchen Qualen ich lange Jahre hindurch in meiner stillen Reckenburger Flur gegen sein nachzehrendes Feuer gerungen habe . Schon bei diesem ersten Wiedersehen fand ich die Gestalt zusammengesunkener - die Bewegungen hilfloser , die Rede knapper ; eine Spur