uh - ja , es ging lustig bei uns her ; aber ich hatte mich darauf eingerichtet ; - das ist abgeschüttelt , und das Schlimmste habe ich hinter mir , und jetzt heißt es lustig ! Die Alte war fast noch giftiger als der Alte ; aber sie sollen sich beide wundern - geschenkt wird ihnen nichts , sie sollen noch Mund und Nase aufsperren : Die Rache ist süß , und ich will vergelten , spricht der Herr , sagte der Alte , und er soll es nicht umsonst gesagt haben ! Fürs erste aber wollen wir uns es bequem machen ; - du , Zigeunermädchen , schieb mir die Bank unter die Füße ; wir sind in den großen Ferien , und da muß man sich von dem Drangsal erholen - uh ! « » Ich bin kein Zigeunermädchen , und deine Magd bin ich gar nicht , Buschmann ! « rief Tonie entrüstet , trat jedoch vorsichtig einige Schritte zurück . » Hi , guck einer die Hexe ! Sag mal , du , was willst du denn eigentlich hier ? Wie kommst du eigentlich hierher ? Weißt du nicht , wohin du gehörst ? Mach dich nützlich und angenehm - auf der Stelle pariere oder scher dich dahinunter auf die Straße . Dahin gehörst du ; denn da bist du hergekommen . « » Sei still , Franz ! Das brauchst du nicht zu sagen ! « rief Hennig mehr verlegen als ärgerlich ; trotz seiner Tölpelhaftigkeit sah er dem Kinde an den Augen an , daß in der Seele desselben mehr vorging , als der Pastorenfranz vermutete . » Vieh ! « rief Tonie Häußler , fest und lange dem Angreifer in das Angesicht blickend . » Du bist der richtige Buschmann - der Buschmann aus Afrika ! ... Du , du , o du - was habe ich dir zuleid getan ? « Sie ließ die geballten Hände sinken und wendete sich laut weinend zu dem Junker : » Weißt du es nicht , weshalb ich hier bin , Hennig ? Es ist , weil der schlechte Buschmann recht hat ; weil ich auf die Landstraße gehöre , weil niemand mich haben will , seit die Mutter Allmann gestorben ist . Weil niemand mich haben will , deshalb darf ich hier sein ; die gnädige Frau will es , das gnädige Fräulein will es , und der Herr Ritter will es erst recht ! Was kümmert es dich , Franz , daß man mich gut und gescheit machen will ? Dich kümmert ' s nicht ; aber die Buschmänner nennt man auch Botokuden , und solch einer steht in deinem Buch , Hennig , und solch einer bist du , Franz Buschmann ! « » Frag im Dorf und frag den Schullehrer und frag meinen Vater und meine Mutter , wer du bist ; man wird dir sagen , wer du bist ! « schrie der Knabe , die Faust dem Kinde unter die Nase haltend . » Und es ärgert dich , daß ich auf meine Nester und Eier und flügge Brut im Walde Achtung gegeben habe , wenn du zu Haus warst ! « lachte durch ihre Tränen das kleine Mädchen . » Nicht eine Feder hast du mir nehmen dürfen ! « Der Pastorenfranz lachte auch , aber zeigte zugleich doch die Zähne , denn diese Erinnerung schien ihn mehr als alles übrige zu erbosen . » Kusch , kusch , Katz ! ... Katz ! Katz ! Fort die Katz ! « rief er , nach der Gegnerin schlagend ; aber jetzt hielt ihn Hennig und rief weinerlich : » Buschmann , jetzt gib Ruhe ! Franz , ich werfe dich von der Mauer , wenn du nicht still bist ! Laß die Tonie ; ich leid ' s nicht , daß du sie anfassest und schimpfst ! Es soll sie niemand schimpfen , sie gehört auf den Hof und zu uns , denn der Herr Ritter hat sie lieb , das hab ich gleich gewußt , und für den Herrn Leutnant steh ich auf gegen Russen und Franzosen und alle wilden Völkerschaften aus dem kleinen und großen Roon ! « » Und eine Zigeunerin und eine Katze ist sie doch , und um den Ritter , den armen Ritter kümmere ich mich keinen Pfifferling , und jetzt fliegt sie grad die Trepp hinunter . Fort , kusch , fort , Katz , Katz , Katz ! « Er war auf das den Kopf angstvoll mit den Händen schützende Mädchen zugesprungen , und Hennig sprang eben gleichfalls zu und faßte ihn am Haarbusch , als sich dem erbosten ersten Angreifer eine dürre , aber sehr weiße und zugleich recht kräftige Hand auf die Schulter legte und der Herr Chevalier von Glaubigern ruhig sagte : » Ei ei mein Söhnlein gemach ! gemach ! Welche unnötige , welche gewalttätige Aufregung ? Es hat nie als Sitte gegolten , den Damen solche Worte ins Gesicht zu sagen oder sie gar durch Tätlichkeiten zu beleidigen ; und auf dem Lauenhofe war es nie Sitte . « Nun übertrieb der Ritter hier freilich ein wenig ; denn Frau Adelheid von Lauen war imstande , bei passenden Gelegenheiten den ihr untergebenen Damen noch ganz andere Titulaturen zu verleihen , ja sie sogar mit bewaffneter oder unbewaffneter Hand ohne weiteres körperlich anzugreifen ; allein die plötzliche Anrede und der Ton des Leutnants machten dessenungeachtet einen bedeutenden Eindruck auf den rohen Sünder , zumal da der Redner noch nicht fertig war , sondern fortfuhr : » Was aber dieses hier gegenwärtige Fräulein anbetrifft , so verbitte ich mir dringendst alle weiteren und ferneren Brutalitäten gegen es . Ich würde jeder fernerweitigen Roheit , auch Lümmelhaftigkeit in Ausdruck und Gebärde gegenüber die nötigen und durchgreifendsten Maßregeln zu treffen wissen , was man sich hinter die Ohren schreiben möge . Anjetzo marsch nach Hause , du Schlingel - mit dem Herrn Vater werde ich die nötige Rücksprache nehmen , auch der Frau Mutter eine freundliche Bitte vorzutragen mir erlauben . Marsch - marsch ! « Das gegenwärtige Fräulein küßte auf dieses hin dem alten Kavalier zärtlichst die Hand ; Herr Franz Buschmann jedoch zog die Schultern bedenklich in die Höhe und schlich auf eine Weise davon , die mit dem Rückzuge der zehntausend Griechen oder sonst einem tapfern und berühmten Rückzuge nicht die mindeste Ähnlichkeit hatte . Unser Freund Hennig zog das dümmste Schulbubengesicht , welches jemals seit dem Sündenfall , dem wir bekanntlich jegliche Erkenntnis zu danken haben , geschnitten wurde . Er hatte erkannt , daß unter Umständen kein Mensch , auch der beste Kamerad , auch der Pastorenfranz nicht , zum Leben und Gedeihen unentbehrlich sei ; doch war er weit davon entfernt , alle Folgerungen dieser uralten , urewigen Wahrheit , dieses alleinigen Grundrechtes , durch welches sich die Menschheit vor dem Menschen rettet , zu ziehen . Das letztere ist eine ganz allgemeine Bemerkung , mit welcher auch wir uns wieder in das Allgemeinere erheben . Nur schandenhalber kümmerten sich der Chevalier und das Fräulein um die Bildungsfortschritte ihres frühern Zöglings . » Es kann uns genügen , daß er im rechten Fahrwasser ist « , sagte der Ritter zu der gnädigen Frau ; » was Außerordentliches wird doch nicht aus ihm ; aber ein braver Kerl ist er geblieben , und solches ist die Hauptsache . Daß der Comenius einige Heiterkeit bei den Halberstädter Herren erregt hat , verberge ich mir keineswegs , also - legen wir ihn ad acta ; ich schmeichle mir doch , daß er seine guten Dienste leistete . « » Ich wüßte nicht , vor welchem Schulmeister ich größern Respekt als vor dem alten schweinsledernen Burschen hätte . Ich habe ihn immer mit Ehrfurcht auf dem Tische liegen sehen « , meinte die Frau Adelheid , und der Ritter schob lächelnd die Mütze von einem Ohr aufs andere . » Jaja , es ist ein gefährlich Ding ! « sagte er . » Ich und der Hennig haben unsere liebe Not mit ihm gehabt ; nun aber soll ihm seine Ruhe im Winkel von Herzen gegönnt sein . « Sie glaubten alle auf dem Lauenhofe ihre eigenen Wege für sich zu haben , und nur selten ging ihnen eine Ahnung davon auf , wie sie sich sämtlich im Kreise bewegten und wie ihre Wege sich schnitten und stets von neuem dicht nebeneinander herliefen . Der Frau Adelheid war dieser Sachverhalt noch am klarsten , und sie unterließ es nicht , sich gegen die Vertraute ihrer Seele , die Mamsell Molkemeyer , darüber auszusprechen . » Merken Sie was , Mamsell ? « fragte sie . » Ich merke was , und bald werden wir alle noch mehr merken . Der Herr Ritter ist ein herzensguter Mann ; er ist fast zu gut für diese Welt ; aber ohne ein Spielzeug kann er ebensowenig leben wie das Frölen . Merken Sie was , Mamsell ? Sie haben eben nie genug an Mystax und Peccadillo , und dazu bleiben sie merkwürdig jung , und die beiden guten Tierchen werden allmählich recht alt und viel zu faul und fett für den muntern Verkehr . Ich habe es gleich gemerkt , als das Kind auf den Hof kam , was wir erleben würden . Erst hat mein Junge herhalten müssen , und es hat mich oft konfus genug gemacht - aber der ist ihnen nun über den Kopf gewachsen ; sie haben ihn als Kalb am Bändchen auf die Weide geführt , und nun ist ihnen unter der Hand ein Ochse daraus geworden - das macht sich immer so und ist nur für den nicht kurios , der nichts damit zu tun hat . Nun ist ihnen die Tonie wie vom Monde in den Schoß gefallen ; nun haben sie die am Bande , und was daraus werden soll , das weiß ich nicht ! Und ich gebe Ihnen mein Wort , Mamsell , ehe der Herbst ins Land steigt , wird der Herr Ritter noch hitziger drüber sein als das Frölen ! Für meinen Jungen ist es mir lieb , daß er drüber weg ist ; aber das Mädchen , das Mädchen ! ? ... Ich hatte es ja auch gut mit ihm im Sinn ; aber anders ! Es wird mir ganz schwül , wenn ich dran denke , und ein Jammer ist es , Mamsell ; denn was für ein gesundes und nützliches und braves Leben hätten wir dem Kinde im Molkenwesen zurechtgemacht , wenn wir unsern Willen allein hätten . « » Frau von Lauen « , sprach die Mamsell , » wenn ich an Ihrer Stelle wäre , so hätte ich meinen Willen sicher allein . « » Und das zeigt , daß Sie nichts davon verstehen , Molkemeyern , und daß Sie mal wieder wie eine Gans in den Tag hinein schnattern . Solange ich auf dem Lauenhofe zu befehlen habe , so lange kann der Herr von Glaubigern darauf und damit tun und lassen , was er will . Lieber wollt ich mir doch die Zunge abbeißen , als dem lieben Mann ein widrig Wörtchen sagen ! Einen Mann wie einen Engel findet man nicht alle Tage , und - Mamsell Molkemeyer , wenn ihn der liebe Gott , was er selbst verhüten möge , eines Tages zu sich riefe und der Herr Ritter bietet Ihnen an , Ihre arme Seele in der Rocktasche mit hinaufzunehmen , so greifen Sie dreist zu und zieren Sie sich nicht ; eine solche gute Gelegenheit , die ewige Seligkeit zu erlangen , finden Sie so bald nicht wieder . « An einer andern Stelle ließ sich die Gnädige ähnlich vernehmen . » Jaja , Herr Pastor , Sie haben vollkommen recht , und Ihre liebe Frau hat recht , und das Dorf soll auch recht haben ; aber ich sehe wahrhaftig nicht ein , wie es zu ändern wäre . Sie sagen , es schicke sich nicht und es entstehe nur Verdruß und wer weiß was alles draus ; aber - können Sie es ändern ? Ich kann ' s nicht ! Versetzen Sie sich in meine Lage , Herr Pastor . Das Frölen hat seinen Kopf aufgesetzt , mehr denn je , und was das bedeutet , wissen Sie ebensogut wie ich . Es meint , da die Welt doch auseinanderginge , so sei ' s das vornehmste und nobelste , man stelle sich wieder auf Adams Standpunkt und nehme jegliches Tierchen , wie es sich produziere . Und wissen Sie , der Herr von Glaubigern hat es daraufhin groß angesehen und hat ihm nachher , als es vom Tisch aufstand , ganz fein und ehrerbietig die Hand geboten und die Tür geöffnet mit einer Verbeugung , und nachher hat er mir gesagt , entweder gehe die Welt wirklich unter , oder das gnädige Fräulein sei noch von keinem Menschen recht gewürdigt worden . Der Herr von Glaubigern hat sich ganz auf die Seite des gnädigen Fräuleins gestellt , und dagegen ist nichts zu machen . Wozu sich übrigens das Dorf eigentlich in diese Geschichte mischt , sehe ich gar nicht ein . Von Ihnen , Herr Pastor , und Ihrer lieben Frau rede ich natürlich nicht ; aber die andern Maulaffen sollen mir nur kommen , ich werde sie gehörig heimzuschicken wissen . In den alten Schriften und Chroniken steht freilich nichts davon , daß die Herren von Lauen jemals das Kind einer Vagabundin an ihren Tisch aufgenommen haben ; aber das kann doch den Krodebeckern unmenschlich gleichgültig sein . Jetzt bin ich da und der Herr Leutnant von Glaubigern und Fräulein Adelaide von Saint-Trouin , die eine so vornehme Dame ist , wie die Welt und der alte Blocksberg da sie noch gar nicht gesehen haben , und was ich der alten Hanne Allmann versprochen habe , das ist mir auch noch hell im Gedächtnis , und somit , Herr Pastor , wenn wir , die alte Hanne mitgerechnet , nichts gegen die Tonie Häußler einzuwenden haben , so möchte ich den sehen , der mir mit seinem Wenn und Aber das Leben noch saurer machen wollte , als es mir schon so zuweilen ist . Sie kommen doch heut abend mit den lieben Ihrigen , Herr Pastor ? Wir haben einen Puter mit Johannisbeeren und nachher eine Schüssel recht schöner Krebse ! « Selbstverständlich kam der Herr Pastor samt der Frau Gemahlin und dem trefflichen Herrn Sohn , Ihnen gegenüber zwischen dem Chevalier und dem Fräulein von Saint-Trouin saß Antonie Häußler , und so konnte denn noch späterhin an demselben Abend Frau Adelheid ihr gutes Herz gegen ihre Vertraute in der Küche ausschütten : » Jetzt läßt sich wirklich nichts mehr ändern , Mamsell Molkemeyer . Ein sonderbares Ding ist es ; aber wenn ich wirklich einen Trost gebraucht hätte , so hätte mir das Gesicht der Buschmann denselben verliehen . Ich glaube , heut nacht lach ich mich in den Schlaf ; aber wissen möcht ich wohl , was mein Seliger dazu sagen würde . Gott sei Dank , der Herr Ritter übernimmt die Verantwortung ! Sieh , bist du auch einmal wieder da , Jane Warwolf ? Du hast dich ja lange nicht sehen lassen auf dem Hofe . « » Ja , Fraue , ich bin wieder einmal da « , sagte die Greisin , von ihrem Sitz neben dem Herde sich erhebend . » Ich bin gekommen , um nach der Erbschaft der Hanne zu sehen ; da nehmt meine Hand , Fraue von Lauen ; Ihr seid ein stolz , brav Weib und sollt Euch nicht bloß in den Schlaf , sondern auch in den Tod lachen . Eure Sterbestunde soll Euch so leicht werden , als Ihr mit Eurem guten Herzen das Leben den Menschen macht . Fraue , Ihr seid eine stolze Frau , und es ist eine Ehre , Euch liebzuhaben . « - - Wie gut es ist , daß sich dann und wann durch Menschenkraft nicht ändern läßt , was man gern anders haben möchte ! Wenn Tonie Häußler wie aus dem blauen Himmel auf den Lauenhof herabgefallen war , so brachte sie auch alle Schönheit und Freundlichkeit ihrer Heimat als Gastgeschenk mit herab , und der Lauenhof hatte nicht nur großen Nutzen , sondern auch viel Vergnügen davon . Hier war nun in der Tat das richtige Bildungsobjekt für den Chevalier und das Fräulein von Saint-Trouin , und auch das Sonderbarste und Verschrobenste , welches bei allem , was die beiden Alten zu geben hatten , mit unterlief , konnte hier keinen Schaden stiften ; wovon im nächsten Kapitel weiter die Rede sein wird . Jegliches Körnlein der Weisheit und Courtoisie , welches der Ritter und das Fräulein ausstreuten , fiel auf den besten Boden und ging sehr lieblich auf . Zu der Zierlichkeit der körperlichen Erscheinung des Kindes fügte sich von Tag zu Tage wundervoller eine unbeschreibliche Zartheit des Gemütes ; und die großen dunkeln Augen , die vor kurzem noch so wild und scheu in das Erdengewirr hineinfunkelten , leuchteten jetzt in einem Lichte , welches selbst den Rohesten betroffen machen und anmuten mußte . Früher als bei andern Kindern entwickelte sich bei Antonie Häußler eine gewisse Jungfräulichkeit , welche die Herzen aller gewann und die Frau Adelheid immer mehr in ihrer Überzeugung bestärkte , daß sich nicht das geringste mehr an den neuen Zuständen des Lauenhofes ändern lasse . In dem Siechenhause von Krodebeck hatte Tonie vollkommen die Erziehung erhalten , welche die guten Feen ihren Lieblingsschützlingen in der Einsamkeit und Wildnis angedeihen lassen ; gewissermaßen wurde diese Erziehung auf dem Lauenhofe fortgesetzt , und seltsamerweise verspürte auch der Junker jetzt einen wohltätigen Einfluß davon . Was früher in anima vili nur komisch , verdrießlich oder gar beängstigend auf ihn gewirkt hatte , das kam jetzt durch ein Medium , durch das , was man in der Naturlehre einen Lichtleiter nennen würde , in gänzlich veränderter Beleuchtung und Bedeutung an ihn , und manches wurde ihm nunmehr höchst interessant , um was er früher sogar seinen besten Freund , den Herrn Leutnant von Glaubigern , in den tiefsten Abgrund der bekannten Hölle des westfälischen Adels verwünschte , während er sich zu gleicher Zeit recht anmutig ausmalte , wie er Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin als konstantinopolitanische Stechfliege zwischen dem Deckel und Titelblatt des Amos Comenius fing und sie grausam zerquetschte . Jedenfalls ging der Junker schon aus seinen ersten Ferien nicht dummer nach Halberstadt zurück , obgleich seine Faulheit nichts zu wünschen übriggelassen hatte und er mit den eigentlich exakten Wissenschaften sehr im Rückstande geblieben war . Dagegen war der Pastorenfranz diesmal fast übermenschlich fleißig gewesen ; denn der Herr Papa hatte ihn kaum aus der physischen und moralischen Klemme freigelassen . Der Charakter des Knaben hatte jedoch nicht dadurch gewonnen ; Franz Buschmann trug zu schwer an der Bürde seiner unfreiwilligen Gelehrsamkeit . Mürrisch , verdrossen und boshaft , ein Feind der Götter und der Menschen , zog er von neuem mit dem Schulgenossen von Krodebeck ab , dem einstigen Wohnsitz des guten alten Vater Gleim zu . Daß er Theologie studieren werde , stand nach wiederholten Familienberatungen fest . Weshalb auch nicht ? Achtzehntes Kapitel Sechs Jahre hintereinander kam Hennig von Lauen viermal jährlich , nämlich zu Weihnachten , Ostern , Pfingsten und in der Erntezeit , heim von der Schule zu Halberstadt nach Krodebeck ohne daß sich während dieser Periode etwas anderes Verwunderungswürdiges zugetragen hätte als das ewige große Wunder , daß alle Dinge , lebendige und tote , älter werden und die Welt doch jung und gesund bleibt . Daß er das an sich selber nicht merkte , war kein Wunder , sondern ein Glück der Jugend ; in dieser Hinsicht fühlt das Alter feiner und klammert sich um so fester an der Erde ewig junge Schönheit . Der Chevalier und Fräulein Adelaide bemerkten sicher das Winken des fleischlosen Fingers , den eiskalten Hauch , der sie dann und wann aus dem grünsten Walde , von der sonnigsten , blumigsten Wiese anwehte ; auch in den braunen Flechten der gnädigen Frau zeigten sich silberweiße Streifen , und nur Jane Warwolf aus Hüttenrode trat unverändert einher , als ob die Zeit über sie keine Macht habe . Die Gräber von Hanne Allmann und der schönen Marie auf dem Kirchhofe des Dorfes wurden von Gras und Gebüsch überwuchert , sanken ein und verschwanden aus dem Gedächtnis der Leute wie die Gräber berühmterer Leute , die soeben hie und da von ratlosen Komitees im Schweiße des Angesichts gesucht wurden , da allmählich die Zeit der Bronze für die erlauchten Toten gekommen war . Da nun weder Hanne Allmann noch die schöne Marie zu den erlauchten Toten zu rechnen waren , so wäre nicht abzusehen , weshalb gerade ihretwegen , und noch dazu so bald nach ihrem Abscheiden , ein Ausschuß sollte zusammengetreten sein , um ihre Ruhestätten in Ordnung zu halten ; es besorgte das doch Jane Warwolf so gut als möglich . Diese passierte nie das Dorf Krodebeck , ohne ein Viertelstündchen auf einem der beiden Hügel auszuruhen und mit ihren harten Händen und ihrem Wanderstabe unter die Nesseln und Ranken zu fahren . Glitt doch auch Antonie wohl im Abendnebel daran vorüber oder stand daneben einen Augenblick still , um eine Rosenknospe oder einen Strauß Waldblumen darauf zu werfen , ehe sie wieder hinter den Hecken des Lauenhofes verschwand ! Sie aber stand jetzt glücklicherweise zu reich beschattet und umduftet von den Blütenzweigen ihres kurzen Lebens , um mehr als einen flüchtigen Augenblick stillen , aber nicht schmerzvollen Traumes für die trübe , ängstliche , verworrene Vergangenheit übrig zu haben . Denn als die Zeit gekommen war - wie denn für alles Gute und alles Böse einmal das Siegel von den Augen , Ohren und Lippen der Welt fallen muß ! - , da staunten alle Leute , was für ein schönes Mädchen aus dieser Antonie Häußler geworden sei , und selbst die Übelwollenden , deren nicht wenig waren , mußten zugeben , daß Krodebeck augenblicklich sonst nichts dergleichen aufzuweisen habe . Die , welche sich ihrer Mutter in deren vollster Pracht noch erinnerten , behaupteten freilich , die Marie Häußler sei noch schöner gewesen , allein da fragte es sich denn doch , ob solches möglich sei ; und die , welche die schöne Marie nicht gekannt hatten , mochten mit vollem Rechte behaupten , es sei nicht möglich . Aber auch noch nie hatte eine junge Dirne des Ortes unter solcher scharfen Aufsicht des Dorfes gestanden als dieser Schützling des Lauenhofes . Überall , überallhin folgten ihr die Seitenblicke und das Geflüster und das leise Lachen hinter vorgehaltener Hand , und aus welchem Blut und Zustand sie stammte , das merkte man klar an ihrem scheuen Wesen , das niemandem gerade ins Gesicht zu blicken sich getraute , an ihrem bösen Gewissen , das jedermann aus dem Wege wich , und vor allen Dingen an der kuriosen Hartnäckigkeit , mit der sie an der » anderen Vagabundin « , der Jane Warwolf , trotz ihrem närrischen , unverdienten und unverschämten Glücke festhielt . Wenn man alles recht bedachte , so war dieses Mädchen trotz seinem hübschen Gesicht und schlanken Wuchs doch nur eine Schande für die Gemeinde und alle ordentlichen Leute . An das aber , was für den Lauenhof aus dieser Grille der beiden alten Fratzen , nämlich des Herrn Leutnants und des französischen Fräuleins , entstehen mußte , mochte man gar nicht denken . Daß das Fräulein längst für das Tollhaus reif sei , habe man freilich schon gewußt ; aber dem Herrn von Glaubigern habe man doch mehr Verstand und Einsicht zugetraut . Daß die gnädige Frau es sich bieten lasse , sei kurzweg unbegreiflich ; ja die sei sogar die Verblendetste , der Pastor Buschmann habe das zu seinem Schaden und tiefen Kummer erfahren , als er seine Pflicht getan und , wie es sich schicke , geredet habe ; der mische sich nicht mehr darein , sowenig als irgendein anderer in Krodebeck , und man könne es ihm nicht verdenken . So war es in der Tat ! - Tonie Häußler behielt eine tiefe , unauslöschliche Neigung zur Jane Warwolf und allem , was mit ihr , ihrem Leben , Wesen , Wandern und Treiben zusammenhing . Die gute Frau konnte nicht kommen , ohne daß Tonie , gleich als habe sie eine Ahnung ihres Nahens , sie auf einem Stein an der Landstraße oder im Walde erwartete ; sie konnte nicht gehen , ohne daß das junge Mädchen sie stundenweit , sei es auf ihrem Wege gegen die Harzberge oder in das flache Land hinein , begleitete . Wenn sie nach ihrer Gewohnheit den Wanderstab für eine Nacht auf dem Lauenhofe in die Ecke setzte , so war Tonie Häußler ihre treueste Genossin und aufmerksamste Zuhörerin . Und alles dieses war leider Gottes der einzige Kummer , der noch dazu zum größten Teil nur der Kummer der Eifersucht war , welchen das Kind dem Fräulein Adelaide von Saint-Trouin und allen seinen hohen Ahnen bis zu Johann von Brienne , dem Fürsten von Tyrus und Kaiser von Konstantinopel , hinauf bereitete . Und noch dazu hatte das Dorf Krodebeck nicht einmal die Gewißheit , daß sich der Papst Honorius der Dritte darüber im Grabe umwende ! Außer dieser Hinneigung zum Gemeinen fand das gnädige Fräulein nichts an Antonie Häußler auszusetzen . Das Schicksal rächte die schöne Marie durch ihr Kind vollständig an der alten Feindin und Verderberin , und zwar in einer Weise , deren es sich viel häufiger bedient , als man gewöhnlich glaubt . Das gnädige Fräulein unterlag den eigenen Maximen , Ansichten und Lehren , indem die Schülerin mit denselben und durch dieselben hoch über die Lehrerin sich erhob und sie zwang , verwirrt , beschämt und zweifelnd vor dem Wunder , das sie als ein Werkzeug in mächtigerer Hand hervorgerufen hatte , dazustehen . Was bei Adelaide von Saint-Trouin als beklagenswerte oder lächerliche Verzerrung auftrat , das erschien in Antonie Häußler als süßester Reiz ; was bei dem Fräulein ein krankhaftes , kindisch unverständiges Abzappeln aus einem unbegriffenen Zustande nach dem anderen war , das wurde in Tonie zu dem stillen , tiefverborgenen Heimweh , der melancholischen Sehnsucht nach Ruhe und Licht , die allein nur , und auch nur in vereinzelten Momenten , das Reich der Ruhe und des Lichtes in der Seele des Menschen aufbaut . Diesmal hatte der Ritter von Glaubigern recht seine Freude an den pädagogischen Siegen seiner alten Freundin . Da gab es kein Achselzucken und Kopfschütteln mehr ; sein Behagen stieg von Tag zu Tag , der Comenius verstaubte im Winkel , und mit lustig ausgebreiteten Fittichen folgte der Chevalier den seltsamsten Flügen der Chevalière . » Jetzt sind sie beide närrisch ! O mein Himmel , muß ich das noch an dem Alten , an dem Leutnant erleben ! « rief die gnädige Frau . » Unter den Händen ist er mir toll geworden , und am Ende hab ich noch gar meine Freude daran ; denn da müßte man ja blind sein , um nicht zu sehen , wie wohl ihm bei seiner Narrheit zumute ist . « - Die Frau Adelheid hatte nie in ihrem Leben in irgendeiner Behauptung so vollkommen recht gehabt wie hier . Der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern war nicht nur rein verrückt in seinen Beziehungen zu der Erbschaft der Hanne Allmann aus dem Krodebecker Armenhause , sondern es war ihm wirklich wohl in seiner Verrücktheit . Ihm war nie während seines Lebens so wohl zumute gewesen . Wir wissen , daß er ein armer Mann war , daß er gleich dem Fräulein von Saint-Trouin in Abhängigkeit von dem Vermögen und Wohlwollen anderer , wenn auch anständiger Menschen auf dem Lauenhofe wohnte . Daß der Lauenhof ohne ihn durchaus nicht zu denken war , daß er , der Ritter , bei weitem mehr gab , als er empfing , und daß die gnädige Frau in allen Stücken ihn gern , willig und meistens mit Tränen der Rührung in den Augen als ihren Herrn und Meister anerkannte , änderte hieran nichts . Wir wissen auch bereits , daß er ein sonderbarer Mann war , der sich mühselig an der Welt abquälte und in stiller , ununterbrochener Arbeit auf eigentümlichen Umwegen ihren Geheimnissen beizukommen strebte . Er hatte nicht nur die Frau Adelheid und den Junker Hennig , sondern auch sich selber erzogen , und an dem letztern Gegenstande putzte , zog , schnitzelte und schabte er noch immer ununterbrochen herum . Es war ein großer Pädagog an ihm verlorengegangen , aber ein fast noch größerer Philosoph gewonnen worden , und das war kein Wunder , daß er im Verlauf seines Lebens manchen bittern Kern aus der Hülse abgegriffener , ganz behaglicher Gemeinplätze löste . Nicht wie andere Erdgeborene begnügte er sich damit , zu seufzen : » Es ist ein elendes Dasein ! « , sondern er fragte dabei nach dem Warum , und das ist unter allen Umständen ein zwar recht verdienstliches , jedoch zugleich sehr mißliches Ding und häufig schmerzhafter als dieses elende Dasein selber . Und er gehörte durchaus nicht zu den wenigen Ausgewählten , den Glücklich-Unglücklichen , denen ein großes Ziel , ein hoher Zweck gegeben wurde , um sich daran und darnach zu Tode zu ringen . Aber wie sich die Sonne des höchsten Genius gewöhnlich in den weihevollsten Stunden hinter dem trüben Gewölk der Wirklichkeit verbirgt und , wie das Volk sich auszudrücken pflegt - Wasser zieht , so konnte auch seine Seele Wasser ziehen , und das Volk von Krodebeck und der Umgegend bemerkte es auf der Stelle und meinte : » Ist dem auch mal wieder der Buchweizen verhagelt ? Der hat doch wahrhaftig keinen richtigen Grund , um das Maul zu verziehen ! « Seine beste Freundin aber , die Frau Adelheid von Lauen , sagte höchstens : » Laßt ihn ! Es