einst gestanden , daß sie sich eigentlich nicht mehr am Argenstein , sondern auf dem Stighof in den seit mehr als fünfzehn Jahren gewohnten Verhältnissen recht und ganz daheim fühle . Eine kleine Strafpredigt oder wenigstens einige Klagen über dieses Geständnis hätte das Mädchen entschieden viel lieber gehabt , als sie das Lächeln sah , mit welchem das Mathisle sein kurzes : » Schon gut , ganz recht ! « begleitete . Von jetzt an ward es ihr immer noch heißer in des Vaters kleiner Stube , in welche sie jedoch kaum noch jedes Halbjahr zu kommen pflegte . Was nun aber , wenn sie mit Hansen nicht mehr einig wurde , wenn er es ihr immer nachtrug , was sie gesagt und getan , als er einmal nicht gerade ihr zum Dienst gehandelt hatte ? Am ersten Tage nach der Kirchweih antwortete sie sich auf diese Frage ganz kurz , sie könne auch anderwärts ihr Brot verdienen . Bei ruhigerer Überlegung jedoch war sie mit dieser Antwort in keiner Weise mehr zufrieden , obwohl sie keine andere finden konnte . Wenn sie an den Vater , an ihre Pflicht gegen ihn und die Schwester dachte , mußte sich sich sagen , auch Jos hätte an seine Mutter denken und sich anders benehmen sollen . Erst seit Hans so mürrisch an ihr vorüberschoß , wußte sie recht , wie gut er sonst immer war . Nur einmal hatte er sich so gegeben , daß sie ihn kaum noch kannte ; aber wenn er am Kirchweihtag den Knecht seine Unzufriedenheit empfinden ließ , und mehr tat Hans ja eigentlich nicht , so war das noch immer weit eher in der Ordnung , als wenn sie dann Hansen , ihren größten Wohltäter , darum öffentlich tadelte . Dem Mädchen ging ' s wie ein Stich ins Herz , wenn es dem mürrischen Burschen begegnete , denn es hatte keine Ahnung , daß oft nur seine Ratlosigkeit wegen einem Kuhhandel ihm die Stimmung verdarb und daß er überhaupt sich selbst noch weit mehr vorzuwerfen habe als ihr , die ihn eigentlich nur mit sich selbst noch unzufriedener gemacht hatte . Am Sonntage nach der Kirchweih ging Hans wie jeden Sonntag , wo die Hitze während des Nachmittagsgottesdienstes ihn durstig machte , in die Kronenwirtschaft , die des guten Bieres wegen besonders berühmt war . Kaum hatte er sein Glas vor sich , als auch der Krämer , hier ein etwas seltener Gast , sich neben ihn hermachte und von allem redete , was er von der Kirchweih mit heimgebracht hatte . Der Mann wurde dabei so lang und breit , wie vielleicht kaum den vertrautesten Freundinnen gegenüber ein Mädchen , welches da zum erstenmal im Leben auf dem Tanzplatz aufgeführt wurde . » Recht lustig « , schloß er endlich laut und beinahe feierlich , » prächtig ist alles gewesen . Jede Stunde , jede Minute ein neues Vergnügen . Ich hab ' noch keine solche Kirchweih erlebt , und doch weiß jedermann , daß ich schon weit in der Nähe herumgekommen bin . Musik , gute Weine , ordentliche Bedienung , nun , das sind so Sachen , die unsereiner immer und überall findet , aber seltener trifft sich ' s , daß ganz die rechten Leute sich zusammenfinden . Da wurde denn doch einmal mit dem Gesindel gehörig aufgeräumt . Lächerlich noch zu allem Unfall ist dem Jos gegangen . « » Wenn etwas an der ganzen Geschichte noch lächerlich sein sollte « , betonte die Wirtin streng , » so wär ' das gewiß nur der Umstand , daß ein Mensch so ganz zum Krämer wird , daß er auch Menschen verhandeln und umtauschen will wie Tuch und Mehl um einen Heustock . « Hans hatte unwillkürlich die Augen geschlossen wie immer , wenn ein unerwartetes Wort ihn wie ein Schlag traf , den er wehrlos hinnehmen mußte . Er sah nicht mehr , wie aller Blicke sich auf ihn richteten , aber er fühlte es ebensogut , als er den Hieb der Wirtin auf den Heustock gefühlt hatte . Die schon mitgebrachte üble Laune hatte ihn viel empfindlicher gemacht , als er sonst gegen derlei Bemerkungen zu sein pflegte . Gewöhnlich mochte Hans mit jedem Menschen sich gern unterhalten , und über einen guten Einfall konnte er herzlich lachen , ohne zu fragen , von wem er sei . Mancher wohlhabende Wälder kümmert sich vor allem um Stand und Vermögen seines Gesellschafters , damit er einen Maßstab für die Länge und Vertraulichkeit der Unterhaltung gewinne . Hans aber pflegte nur seinem Gefühle zu folgen . Er konnte jeden sogleich verlassen , der ihm nicht paßte , sobald er irgendwo Besseres wußte ; nur heute , als der Krämer zu ihm her katzenbuckelte , blieb er trotz dem in ihm sich regenden Widerwillen wie angenagelt sitzen . Das vom Krämer gebrauchte Wort » lächerlich « machte ihn schwach und empfindlich für die Zurechtweisung der Wirtin , welche er ganz bestimmt erwartet hatte . Nein , lächerlich war ' s nicht , was dem guten Jos begegnete , als er , zu bescheiden , um gegen den Brotherrn aufzutreten , sich so gut als noch möglich durch die Flucht aus der Sache wickeln wollte . Die Wirtin hatte - wie gewöhnlich - ganz recht , daß sie den herzlosen Mann gehörig abtrumpfte und auch daß sie ihn , Hansen , einen Heustock nannte . Ja , er war wirklich der träge , dumme Heustock gewesen , heute aber wollte er der um keinen Preis mehr länger sein . War auch der Wirtin nicht ganz zu entrinnen , so wollte er denn doch ihre Predigt nicht mit dem Krämer anhören ; besonders da nicht mehr , als der , statt seine frühere Rede zu verbessern , ganz trocken sagte : » Dir , du strenge Predigerin , würde die Geschichte schon auch lustiger vorgekommen sein , wenn sie unter deinem Dach und bei deinem Weine sich zugetragen hätte . « Solche Krämerantwort auf einen so gegründeten Vorwurf war Hansen in seiner jetzigen Stimmung gerade , was er noch brauchte , um rasch aufzustehen und vom vollen zweiten Glase wegzugehen . Wenn er auf der steinernen Stiege vor dem Hause nur ein bißchen stillgestanden , so hätte er hören müssen , wie scharf die Wirtin dem Krämer auseinandersetzte , daß sie ihr Geschäft eigentlich nur aus Liebhaberei betreibe . » Wär ' ich nur wegen dem lieben Profitchen da « , sagte sie , » und wär ' mir das , wie dir , das Gewissen und alles , dann müßt ' ich ja jedem schmeicheln und streicheln , wenn ich ihm auch viel lieber mit Feuer in den Pelz fahren tät ' . Ich ehre aber und achte mein Geschäft , drum soll es auch mich ehren und nicht etwa meine beste Tugend , meine Offenheit , von mir zum Opfer fordern . Wenn du nun noch nicht merkst , wie unberechnet ich bin und wie gleichgültig gegen den Gewinn , den mir gewisse Leute bringen , so sollst du das noch heut , noch diese Stunde von mir erfahren . « Der Krämer schien aber schon genug zu haben . Er saß so demütig und still bei seinem Glase , daß die Wirtin ihre Heftigkeit beinahe bereute und etwas unwillig über sich selbst die Stube verließ . Sie glaubte , dem Manne denn doch gar zu rauh gekommen zu sein , weil es ihr nicht einfiel , daß ihre Auseinandersetzung es weit weniger sei als Hansens schnelles und ganz unerwartetes Fortgehen , was ihm jetzt sichtlich Kopfarbeit machte . Hans würde jetzt weit weniger bald schwach und mitleidig geworden sein als die Wirtin . Ja zum Lachen hätte ihn der Anblick des sonst so großen Mannes bringen können , der stumm dasaß , mit den mageren Fingern einen langsamen Marsch trommelte und den Takt dazu ächzte . Aber Hans sah und hörte jetzt in dieser Gegend nichts mehr . Heim lief er , als ob ihm der Kopf brenne , und die schwere Haustür schlug er hinter sich zu , wie wenn zu weltewigen Zeiten ihm kein Mensch mehr nachkommen sollte . Die Stube fand er brütig heiß , die Pfeife wollte nicht ziehen , und der Kaffee war so schlecht , daß er Dorotheen ernstlich darum tadeln wollte . Doch da sagte ihm die Mutter , er sollte wissen , daß die sogar am Werktag in jeder freien Minute beim Jos drunten stecke , geschweige denn am Sonntag , wo Krankenbesuch sogar vom Pfarrer als gutes Werk empfohlen sei . Ja , ja , das war richtig ! Hans empfand etwas wie Eifersucht . Aber das ihn quälende Gefühl war doch ganz ein anderes , als da er die Angelika zuerst mit dem leichtsinnigen Andreas vertraulich tun sah . Damals fuhr ein rechter Ärger über die böse Welt in ihn , jetzt aber war ' s ihm , als ob der Boden unter seinen Füßen weiche . Er vermochte sich nicht mehr auf der Höhe zu behaupten , die die Mutter ihm damals mit Erfolg als seinen Platz anwies . Wie vernichtet stand er da und sann eine Weile . Dann verließ er das Haus , und als ob es an eine Feuersbrunst ginge , eilte er der Wohnung der armen Stickerin und ihres kranken Sohnes zu . Auf der hinteren Bank , hart neben dem wohlgepflegten , lieblich duftenden Rosmarinstock , war dem Jos das Bett gemacht worden , so sauber und nett , daß es mit dem Rosmarin zu seinen Füßen und dem Glase voll hochstengeliger Feld- und Gartenblumen beinahe einem Altar der Mutterliebe glich . Dem Eintretenden war ' s wirklich nicht anders , als ob er in die Kirche komme zum Beichten . Jetzt erst begann er sich vorzustellen , was alles diese guten Leute leiden müßten . Er verstand auf einmal , was es bedeute , daß die Mutter auch das Kreuz aus dem Tischwinkel genommen und ob dem Leidenden zwischen zwei Heiligenbildern aufgehängt hatte . Die Arme wollte ihn mit allem umgeben , was je sie getröstet oder auf andere Gedanken gebracht hatte . Konnte das etwas nützen , wie schön es auch war ? Oh , gewiß nicht viel ! Hans wenigstens gestand sich , daß ihm schon die wohlgepflegten Pflanzen zuwider sein würden , wenn sie ihn immer ans Freie erinnerten , während er keinen Augenblick aus dem Schatten könnte . So da liegen und in den schönen Sommertagen sich nicht regen und nicht bewegen dürfen , leiden wie ein angebundenes Tier , dabei auf Gnad ' und Ungnade sich dem Doktor mit seinen scharfen Messern und Binden und dem Schicksal überlassen wie die Katze im Sack , schon das - und es wollte Hansen noch immer mehr einfallen - war so ganz gegen seine Natur , quälte ihn schon als Vorstellung so , daß er augenblicklich kein Wort der Anrede finden konnte . Er hatte eine so peinliche Empfindung wie früher in der Schule , wenn unvermutet ein Knabe mit eisernem Nagel über eine Schiefertafel fuhr . » Guten Abend « , brachte er endlich mit Mühe hervor und war nicht wenig erstaunt , daß Jos so freundlich , ja gerade heiter zu antworten und seinen Gruß zu erwidern vermochte . Etwas erklärlicher allerdings wäre ihm das geworden , wenn er sich gleich anfangs weit genug in das Stübchen hineingewagt hätte , um auch Dorotheen erblicken zu können , die schweigend im hinteren Ofenwinkel gerade dem Jos gegenübersaß . Doch wenn er auch die gesehen , wenn er sich in der Aufregung noch an die Worte seiner Mutter erinnert hätte , alles , was in diesen Menschen vorging , wäre ihm doch noch nicht begreiflich geworden . Wo so ein verwöhnter Hans nichts mehr vermutet und nichts mehr sucht , da finden arme Leutlein das Beste , denn gerade da offenbart sich recht der Schatz der heiligen , reinen , selbstlosen Mutterliebe , welcher in dem Grade wächst , wie das launische Glück seine Gaben zurückzieht . In der Hütte der Armut , wo sie so viel Platz hat , da waltet sie allein und beinahe allmächtig , so daß es schwer zu beschreiben und doch jedem leicht begreiflich zu machen ist , der dabei selbst an eine liebe Mutter denkt . Als Jos damals das Durcheinander von der Kirchweih in Gedanken etwas erlesen hatte und mit sich so gut als eben möglich eins geworden war , begann ihn die Vorstellung zu quälen , daß er nie mehr der Mann zu einem gehörigen Tagwerk werde , um sich und die Mutter wenigstens vor der äußersten Not zu schützen . Jedes freundliche Wort der Guten ward ihm ein Vorwurf , jede Äußerung ihrer Teilnahme , ihres Mitleids traf den von eigenen Vorwürfen nicht Freien viel schmerzlicher als der bitterste Tadel . Aber wie so viele Liebe und Sorgfalt ihn auch beschämten , er vermochte doch nicht lange zu widerstehen . Es war , als ob er das Herbste , Drückendste allmählich wegbrächte in stillvergossenen Tränen , die er jetzt häufiger fast als in seinen Kinderjahren weinen mußte . Es tat ihm wunderbar wohl , sich mitten in seiner Armut so reich und bei seinen großen Fehlern so innig geliebt zu wissen . Er ward demütig von Herzen , und drum trug er leichter die Last , die er nun einmal zu tragen hatte . Wenn die Mutter neben ihm bei der Stickerei saß und so vertraulich mit ihm plauderte , war es ihm oft , als ob die schönste Lebenszeit , die der Knabenjahre , wieder gekommen und alles seitdem Erlebte nur ein Traum sei . Wirklich war er auch wieder weich und fromm und fügsam wie damals , wurde auch wie ein Kind behandelt , und nur der Gedanke an die Zukunft schlich wie ein düsterer Schatten durch seine schönen Träume . Es war auch die Zukunft der Mutter ! Er war zu bedauern , und die Stickerin neben ihm auch , wenn ihm solche Gedanken kamen , und sie kamen immer häufiger . Die Mutter fand kein Wort , sie zu bannen , Dorotheen aber war das schon durch ihr Erscheinen , wenn auch ohne Wissen und Willen , gelungen . Hätte er auch auf ihre Fragen nach seinem Befinden eine betrübende Antwort geben können ? Es war ihm doch recht wohl jetzt , und es gab Augenblicke , wo er sich sagte , Dorotheens Teilnahme sei schon wert , daß man sie durch ein Leiden errege . Es ging auch sonst gleich alles besser , als er im ersten Schrecken gefürchtet hatte . Seit der Doktor das Bein wieder einrichtete und verband , fühlte er oft so lange gar keinen Schmerz , bis er sich vergaß und zu unruhig wurde . Aber Dorothee redete ihm darum so eindringlich zu , daß er dann selbst im Traume noch daran denken zu können glaubte . Nur als Hans kam , hatte er unwillkürlich aufspringen wollen . Aller Groll gegen ihn war vergessen , und heiter fragte er den reichen Arbeitgeber , der den Türnagel noch immer nicht aus der Hand gelassen hatte : » Du wirst endlich sehen wollen , wie lang der Knecht braucht , bis die Kirchweih gehörig ausgeschlafen ist ? « » Ja , es ist eine schlimme Geschichte « , antwortete Hans , der in des Knechtes heiteren Ton nicht überzugehen vermochte , etwas unbeholfen . Ihm kam die freundliche Frage ganz unerwartet und beinahe auch unerwünscht . Hätte Jos den Mürrischen gemacht und ihn am Ende tüchtig ausgescholten , so würde er ihm schon auch gesagt haben , wieviel an dem Unglück auf Josens eigene Rechnung komme . So aber konnte Hans nichts tun als dastehen wie ein armer Sünder und sich schämen . Einen Augenblick bedauerte er wirklich , daß er nicht lieber beim Krämer in der Krone geblieben war . Dann aber schritt er ans Bett heran , erfaßte die Hand des Knechtes und rief : » Sind doch wir beide wieder einmal Narren gewesen ! Dorothee hat - « Hans hatte erst in diesem Augenblick die Genannte im Ofenwinkel erblickt und hielt nun verlegen inne . » Was hast du denn von der gleich erzählen wollen ? « fragte das Mädchen . » Nun « , murrte Hans , » du solltest mich gut genug kennen und mich für keinen Verleumder halten . Da hättest du gar keine Sorge haben , ja nicht einmal kommen müssen . « » Ich bin ja schon vor dir dagewesen « , trotzte das Mädchen . » Dich « , fuhr es dann halb im Scherz und halb im Ernste fort , » dich haben wir beim Krämer vermutet , und daß der keinem Menschen zu nahe tritt , ist bekannt genug . Also nichts für übel ! « Durch diese Worte ward Hans wieder an die heutige Rede des Krämers erinnert , die ihm diesen jetzt noch mehr zuwider machte . » Nein « , sagte er , » mit dem laß mich gehen , wenn du das von Dorotheen noch hören willst . « » Nun , ich bin ja still und höre . « » Dorothee hat - aber nein , das sag ' ich nicht mehr . « » Der Krämer « , ahmte das Mädchen Hansens Redeweise nach . » Nur still und laß mich : Dorothee- « Der beiden Blicke waren sich freundlich begegnet . Sie mußten laut lachen , und Jos und die Schnepfauerin lachten mit . » Dorothee « , begann Hans nun herzhaft , » hat ganz recht gehabt , als sie mir am letzten Sonntag tüchtig den Marsch machte . « » So , « spottete das Mädchen , » und dieses Bekenntnis hätte man fast mit Winde und Hebstange heraufholen müssen ? « » Nun ist ' s da , und du kannst machen damit , was du willst . « Das Mädchen war hocherfreut , nun Hansen doch wieder freundlich zu sehen . Sogar Jos , der zuweilen schon selbst nicht ungern ein wenig zwischen die beiden geworfen hätte , fühlte sich erleichtert , als er eine schwere Sorge des Mädchens , auch aus seinem ungeschickten Benehmen erwachsen , wieder schwinden sah . Er nahm an den nun folgenden Gesprächen so lebhaften Anteil , daß ein nur Hörender ihn für den Gesundesten unter allen gehalten hätte . Es war ihm auch wirklich noch selten an einem Sonntage so herzlich wohl gewesen . Nur als Hans und Dorothee die Stube verlassen hatten und er sie von seinem Lager aus hart nebeneinander dem stolzen Stighofe zuschreiten sah , zog etwas wie eine Wolke über sein ausdrucksvolles Gesicht , und der Fuß begann recht weh zu tun , gerade als ob das in den letzten Stunden Versäumte und Verplauderte sogleich wieder eingebracht werden müsse . Dreizehntes Kapitel Eine Unterredung im Herrenstüble Die Unterhaltung mit Jos war so lebhaft , daß Hans dabei ganz vergaß , er habe einen Kranken besuchen wollen . Dachte er doch nicht einmal mehr daran , den Knecht zu fragen , ob er auch so bald als nur menschenmöglich wieder auf den Stighof zu kommen entschlossen sei . Das kam wohl zum Teil davon , weil das Benehmen des Burschen eine solche Frage wirklich fast unnötig erscheinen ließ , hauptsächlich jedoch unterblieb sie darum , weil Hans jetzt um den Jos besorgter war als um sich selbst . Daheim war ihm das ärgste an der Geschichte gewesen , daß er dem geschickten Knechte unrecht tat und ihn nun missen sollte ; nun aber begann er sich dessen angebundenes , sorgenvolles Leben zwischen den engen vier Wänden vorzustellen , und dagegen war nur eine Kleinigkeit , was seit der Abwesenheit des unersetzlichen vertrauten Nothelfers ihn gedrückt und beunruhigt hatte . Erst jetzt ärgerte er sich recht über den Krämer , welcher die Stirn hatte , das lächerlich zu nennen . Im Heimgehen machte er seinem Herzen etwas Luft . Die Magd war erstaunt , ihn gleich einer eifrigen Betschwester , die mit der ganzen bösen Welt im Kriege lebt , am Krämer und seinem falschen Kätzchen herumtadeln zu hören . Dorothee mochte die Zusel auch nicht besonders wohl leiden , aber endlich ging ihr denn Hans doch gar zu weit , und beinahe bittend empfahl sie ihm Maß und Billigkeit in Lob und Tadel . Besonders betonte sie , daß man einem Menschen seiner Eltern und Verwandten wegen nichts geben und nichts nehmen dürfe , was er nicht selbst von ihnen habe . Das aber war von Hansen gar zuviel gefordert gegenüber einem Mädchen , welches er sich vergebens mit Gewalt aus dem Kopfe bringen wollte . Zusel hatte denn doch zu viel von ihrer älteren Schwester , als daß sie ihm ganz gleichgültig hätte bleiben können . Wie mit Gewalt zog es ihn immer wieder zu ihr , aber dabei hatte er stets das Gefühl , daß das Mädchen ihn um den Frieden mit sich selbst bringen , ihn unglücklich , ja sogar schlecht machen werde . Er empfand das am lebhaftesten , als er aus dem Hause des Jos kam , gegen den auch nur die Zusel aufgehetzt hatte . Darum stellte er alles in bunter Reihe vor sich auf , was er über das Mädchen wußte oder gehört hatte , in dem guten Glauben , sich schließlich dahinter gegen sie verschanzt und sicher zu machen . Hans sagte sich sogar , daß Zusel mit der stolzen Gestalt ihrer Schwester gleichsam sein böser , die etwas strenge , dabei aber doch so demütige Dorothee dagegen sein guter Engel sei . Unter dem Worte Engel aber dachte er , wie wohl jeder Bregenzerwälder , an ein ungemein ernsthaftes , strenges Wesen , und neben dem Mädchen war ihm auch wirklich beinahe zumute wie einem Feiertagsschüler neben dem Pfarrer . Er nahm daher Dorotheens Zuspruch hin , ohne viel darauf zu erwidern . Daheim wurden ihm die Stunden bis zum Abendessen so lang , daß er Gott von Herzen dafür dankte , daß es nun wieder sechs Tage zum Arbeiten gab , ehe man abermals einen langweiligen Sonntag erleben mußte . Er arbeitete wieder so oft als möglich neben Dorotheen , obwohl jene Scheu gegen das Mädchen immer noch nicht ganz überwunden war . Am Abende jedes Tages schickte er sie selbst , sich nach dem Befinden des Knechtes zu erkundigen . Es wollte ihm fast zu lang immer beim alten bleiben , und als es wieder Sonntag wurde , suchte er im Herrenstüble beim Rößlewirt den Doktor auf , um sich ernstlich nach dem Stande der Dinge zu erkundigen und , wenn ' s möglich war und er sich ' s ordentlich vorzubringen getraute , dem Arzte etwas mehr Fleiß zu empfehlen . Doch mit solchen Herren wußte er nicht gut umzugehen . Was er sagen wollte , konnte er allerdings ganz gut vorbringen , aber die gestellten Fragen brachten ihn dann gleich in Verlegenheit , weil er sich darauf eben gar nicht vorbereiten konnte . Sonst wurde Hansen nicht so leicht bang . Er machte , so gut er konnte , und dann ging ' s. Geschlittet oder mit dem Wagen galt ihm gleichviel , wenn er nur ans Ziel kam , und das gelang noch immer . Wenn ' s schwer hielt , trank er vorher zwei Schoppen Tiroler , und dann war er der Mann . Wie ? Sollte das nicht auch vor einer Unterredung mit hochgestellten Herren gut sein und die Zunge beweglich machen wie sonst ? Den Versuch war ' s jedenfalls wert , und wenn ' s nun gelang , dann sollte noch einer kommen und sagen , daß er niemals einen klugen Einfall habe ! Er dachte schon daran , künftig sogar der Mutter diese Behauptung nicht mehr unbestritten zu lassen . Siegesicher trat er erst in die Gaststube und machte sich mit einem Eifer an den ersten Schoppen , daß bald auch der zweite geholt werden mußte . Mit einer Beredsamkeit , die den funkelnden Inhalt der Gläser lobte , erzählte er der Wirtin im Vertrauen , was er vorhabe , und war nicht wenig erstaunt , für seinen Einfall kein besseres Lob davonzutragen . Die gute Frau wollte ihn durchaus nicht mehr ins Herrenstüble lassen , doch war es unmöglich , den immer Aufgeregteren zurückzuhalten . Mit der Zipfelkappe in der Hand trat er ein , setzte sich , und ohne die übrigen Anwesenden zu beachten , redete er den Doktor an : » Ich hätte nur sagen wollen , daß ich alles zahle , was der Jos noch kosten mag . Anfangs dachte ich , mir davon nichts anmerken zu lassen , weil er wohl schneller hergestellt werde , wenn kein besonders gutes Trinkgeld für viele Ständ ' und Gäng ' zu erwarten sei . « » Ich hab ' eben schon auf Hansen gerechnet « , lachte der Doktor fröhlich , » lieb aber ist ' s mir doch , das nun selber zu hören . Auch ich werde redlich das Meine tun und dafür sorgen , daß er in einem Vierteljahr wieder beinahe der alte ist . « Hans hatte den Wein ziemlich empfunden , jetzt aber wurde er wieder ganz nüchtern . So ernsthaft hatte er die Sache bisher nicht genommen . Es war ihm , als ob der Pfarrer predige , als der menschenfreundliche Arzt fortfuhr : » Helfen sollte hier , wer kann , denn es wär ' jammerschade , wenn ein so talentvoller Mensch der Gesellschaft verloren wäre und noch gar an der Ungunst der Verhältnisse zugrunde gehen sollte . « » Das tut er hier gewiß nicht « , meinte der Pfarrer , und der ebenfalls anwesende Vorsteher schüttelte beistimmend den Kopf , daß seine lange seidene Zipfelkappe auf den Tisch fiel . » Ist der Spitzbub ' doch selbst als Knecht durchgekommen , obwohl ihm das sicher kein Mensch zugetraut hätte . « Das hob Hansen wieder auf die rechte Höhe . Herzhaft wagte er dem Vorsteher in die Rede zu fallen : » Allerdings hab ' ich es ihm angesehen , sonst würde er auf dem Stighof gar nicht angestellt worden sein . Ich weiß noch nicht , wie ich es machen soll , wenn man ihn so lange mangeln muß . « » Es wäre gut , wenn er gar nichts tun möchte « , meinte der Doktor . » Wo aber die Hand ruhig bleiben muß , da arbeitet so ein unruhiger Kopf doppelt und kommt auf allerlei Gedanken . Ich besorgte , er könnte der Gesellschaft verloren gehen . Dafür hab ' ich natürlich meinen Grund . Wir sehen sie am Schnapstische , alle , die die Ungerechtigkeit unserer Zustände , die man Schicksale nennt , empfinden . Sie trennen sich vom Bestehenden und finden doch nichts Größeres , wo sie sich freudig anschließen . Da ist der Hansjörg am Freitag wieder heimgekommen . Er war ein ordentlicher Bursche , aber das Unrecht , welches ihm vom Krämer geschah , hat ihn trotzig und in seiner Weise stolz gemacht . Mir ist ' s nicht lieb , daß er immer beim Jos steckt , der - mit Verlaub , Hans - für seine treuen Dienste auch nicht besser belohnt wurde . Man sage mir nichts von dem Eigensinn , dem Trotz des Burschen . Das eben ist zuweilen der Ausdruck der Kraft , mit der er sich durchs Leben hilft und welcher auch der Stighof schon manches verdankt . Jetzt ist er aus der ordentlichen Bahn geworfen , und die Unzufriedenen beginnen sich um ihn zu versammeln , besonders arme Teufel , die dem Krämer wegen Verschuldung um einen Sündenlohn arbeiten müssen , und alte Fremdler , die aus Frankreich noch einige Brocken von 1789 mitgebracht haben . « » Dann kann am Ende noch hier die schönste Revolution erleben , wer alt genug dazu wird « , bemerkte der Pfarrer . Den Doktor machte das Lächeln , welches diese Worte begleitete , etwas warm . Er zwang sich zur Ruhe , indem er entgegnete : » Die Geistlichen verbieten nicht nur den Ehebruch , schon der Kuß ist ihnen vom Übel . Sie mögen ihre Gründe dafür haben wie ich die meinen , wenn ich es bedauere , daß man sich gegenseitig immer zwingt , eher das Trennende als das Gemeinsame aufzusuchen und herauszukehren . Davon der Kampf des selbstgewaltigen Reichen gegen den Trotz des Armen , der , von jenem ein böses Beispiel nehmend , ihn weiter und weiter treibt . Elende Zustände , wenn ein Mensch mit etwas Selbstgefühl sich nicht einmal als Bauernknecht behaupten kann . Aber auch natürlich , denn zum Tragen hat Gott Tiere geschaffen . Wer etwas mehr kann , sollte fort . O schade , daß so einer hier nie zum Studieren kommt ! « » Sie betrachten den Jos ja schon als einen verlorenen Mann . « » Ich rede nicht von ihm allein , sondern von jedem , der zu kräftig ist zum Kriechen und zu gebunden , um frei zu gehen ; ich rede von einem großen Teil derjenigen , die jetzt ihr Elend am Schnapstische vertrinken . « » Das ist aber immer so gewesen « , meinte der Vorsteher . » Nein , das war anders , als ein Tag noch mehr wert war als ein Taglohn und ein Mensch mit allen Gaben des Ebenbildes Gottes mehr als ein geerbtes oder zusammengeschachertes Vermögen . « » Sie halten also den Taler doch nicht für den Gott der Welt ? « fragte der Pfarrer . » Er ist überall gerade das , wozu man ihn macht . Da belebt er den Verkehr und bringt Segen , dort und hier ist er der größte Tyrann . Früher hieß der Mensch seines Glückes Schmied , jetzt ist das Steuerbüchlein das Wanderbuch , welches uns den Lebensweg , oft sogar die Mutter unserer Kinder vorschreibt . « » Das aber « , fiel der Pfarrer ein , » ist in der Welt draußen