Hofdamenstelle in B. so gut wie in der Tasche für sie - dann wirst du begreifen , daß ich die Lehren der allzu freien Gouvernante unterbrach ... Das mußt du mir doch zugeben , lieber Rudolf , daß Bella mit solchen Ansichten bei Hofe eine klägliche Rolle spielen und sich sehr bald unmöglich machen müßte . « » Dagegen läßt sich nichts einwenden . « » Nun , Gott sei Dank ! « rief die Baronin aufatmend . » Ich war wirklich ein wenig in Sorge , wie du die Entlassung der Miß Mertens , die du wirklich weit über ihr Verdienst geschätzt hast , aufnehmen würdest ... Die Person wurde dermaßen impertinent , als ich ihren Vortrag unterbrach , daß mir nichts anderes übrig blieb , als sie fortzuschicken . « » Ich habe ganz und gar kein Recht , dir Vorschriften in bezug auf deine Leute zu machen , « entgegnete Herr von Walde kalt . » Aber ich suche mich darin so viel wie möglich deinen Wünschen unterzuordnen , bester Rudolf ... Ich kann dir übrigens nicht sagen , wie froh ich bin , daß ich dies unausstehliche englische Gesicht nicht mehr zu sehen brauche . « » Es thut mir leid , aber ganz umgehen wirst du das doch nicht können , da sie mit dir hier in Lindhof stets unter einem Dache sein wird ; denn Reinhard , mein Sekretär , hat sich vor einer halben Stunde mit ihr verlobt . « Die Arbeit entsank den Händen der Baronin . Diesmal erschienen nicht nur die bekannten Flecken in vergrößerter Gestalt , sondern auch die Stirn war in eine dunkle Röte getaucht . » Hat denn der Mensch seinen Verstand verloren ? « rief sie endlich , aus ihrer Erstarrung erwachend . » Ich glaube nicht ; denn er hat ihn ja eben bewiesen , « entgegnete Herr von Walde gelassen . » Nun , das muß ich sagen , er zeigt sich auch hier als Altertümler ! ... Welch eine jugendliche , blühend schöne Braut ! « rief die Dame höhnisch und wollte sich totlachen . Hollfeld stimmte ein in das Gelächter und gab somit das erste Zeichen , daß er teilnehme an dem Gespräche . Helene warf ihm einen trüben Blick zu , Elisabeth aber schnitt dieses Lachen tief in die Seele , und sie fühlte etwas wie Zorn in sich aufwachen . » Nun , ich hoffe , « nahm die Baronin wieder das Wort , » du wirst mir nicht zumuten , lieber Kousin - « » Was denn ? « » Daß ich mit dieser Person noch länger zusammen sein soll . « » Zwingen kann ich dich freilich nicht , Amalie , so wenig es in meiner Macht steht , meinem Sekretär das Heiraten zu verbieten . « » Aber entlassen kannst du ihn , wenn er eine Wahl trifft , die deinen nächsten Anverwandten den Aufenthalt in deinem Hause verleidet . « » Auch das kann ich nicht , denn er ist lebenslänglich bei mir angestellt , und ich habe soeben seiner zukünftigen Frau im Falle seines Todes eine Pension zugesichert ... Uebrigens bist du doch ein klein wenig im Irrtume , beste Kousine , wenn du glaubst , es könne mich irgend etwas in der Welt bewegen , einen Menschen , den ich einmal als treu und zuverlässig erkannt habe , von mir zu lassen ... Ich bin mit Reinhards Wahl vollkommen einverstanden und habe ihm die hübsche , große Erdgeschoßwohnung im nördlichen Flügel für alle Zeiten angewiesen ... er wird auch seine Schwiegermutter zu sich nehmen . « » Nun , ich gratuliere ihm zu dieser vortrefflichen Acquisition , « entgegnete die Baronin , und ihre scharfe Stimme wankte im verhaltenen Zorne . » Nur eines erlaube ich mir zu bemerken , ich kann es nicht über mich gewinnen , die Person auch nur einen Tag länger um mich zu dulden , mag sie sehen , wo sie bis zu ihrer Hochzeit unterkommt ... Hoffentlich wirst du einsehen , lieber Rudolf , daß die interessanten Brautleute unter den obwaltenden Umständen nicht unter einem Dache bleiben dürfen . « » Wenn Sie mir erlauben wollen , « wendete sich hier Elisabeth an Helene , » so möchte ich meine Eltern bitten , die Braut aufzunehmen ; wir haben Raum genug ! « » Ach ja , thun Sie das ; besser könnte die Frage nicht gelöst werden , « antwortete Fräulein von Walde und reichte Elisabeth die Hand . Die Baronin schoß einen wütenden Blick auf Elisabeth . » Nun , da wäre ja jetzt die Sache zur allseitigen Zufriedenheit geordnet , « sagte sie , mühsam ihre Fassung behauptend . » Ich bescheide mich und will in Demut abwarten , ob mir die zukünftige Frau Sekretärin ein Plätzchen übriglassen wird , wo ich vor ihrem widerwärtigen Anblicke sicher bin ... Apropos , Fräulein Ferber , « fuhr sie nach einer Weile in leichtem Tone fort , » da fällt mir eben ein , daß Ihr Honorar für die Stunden bereits seit einigen Tagen in den Händen meiner Kammerfrau ist ... klopfen Sie im Vorübergehen bei ihr an , sie wird Ihnen das Geld geben , samt Berechnung , die ich aber zu quittieren bitte . « » Aber Amalie ! « rief Helene , sich erschrocken aufrichtend . » Ich werde Ihrem Befehle nachkommen , gnädige Frau , « entgegnete Elisabeth ruhig . Sie hatte bemerkt , wie bei den Worten der Baronin in Herrn von Waldes Auge ein zorniger Blick jäh aufgeflammt war ; es hatte ausgesehen , als ob eine dunkle Wetterwolke über seine Stirn hinziehe ; aber schon im nächsten Augenblicke waren diese Zeugen innerer Bewegung einem unbeschreiblich sarkastischen Ausdrucke gewichen . » Wenn ich Ihnen raten soll , Fräulein , « wandte er sich an das junge Mädchen , » so wagen Sie sich nicht ohne weiteres in die Appartements der Frau Baronin - es geht dort um - ja , lächeln Sie nur , ich weiß es ganz genau . Böse Geister zeigen sich am hellen Tage , und ihr Thun und Treiben hat schon manches Unheil gestiftet ... Kümmern Sie sich nicht weiter um die berührte Sache , mein Hausverwalter soll sie in Ordnung bringen ; er ist zuverlässig und behandelt dergleichen Angelegenheiten mit so viel Takt , daß er darin selbst Damen beschämen könnte . « Die Baronin rollte ihre Arbeit hastig zusammen und stand auf . » Es wird gut sein , wenn ich für den Rest des Tages mein einsames Zimmer aufsuche , « wendete sie sich mit zuckenden Lippen an Helene . » Es gibt Augenblicke , wo man mit den harmlosesten Absichten und Worten verstößt und sich zu seinem Schmerze mißverstanden sieht ... Ich bitte also , mein Nichterscheinen beim Thee zu entschuldigen . « Sie machte eine zeremonielle Verbeugung vor den Geschwistern , ergriff den Arm ihres Sohnes , der sehr verlegen aussah , und rauschte zur Thür hinaus . Helene erhob sich mit Thränen in den Augen und wollte ihr nachgehen , aber ihr Bruder faßte mit sanftem Ernste ihre Hand und zog sie wieder neben sich auf das Sofa . » Willst du mir nicht wenigstens so lange Gesellschaft leisten , bis ich meinen Kaffee getrunken habe ? « fragte er freundlich und so unbefangen , als sei nicht das mindeste vorgefallen . » O ja , wenn du es wünschest , « antwortete sie zögernd und die Augen von ihm abwendend , » aber so leid es mir auch thut , muß ich dich doch bitten , ein klein wenig zu eilen , denn Fräulein Ferber ist zur Stunde gekommen und hat schon ungebührlich lange warten müssen . « » Nun , dann wollen wir gleich gehen , aber ich mache eine Bedingung , Helene . « » Und die ist ? « » Daß ich zuhören darf . « » Nein , nein , das geht wirklich nicht ... Ich bin noch zu weit zurück , deine Ohren würden die mangelhafte Stümperei nicht ertragen ! « » Armer Emil ! ... Er ahnet sicher nicht , daß er die Gunst , zuhören zu dürfen , seinen ungebildeten Ohren verdankt ! « Helene wurde dunkelrot . Sie hatte ihrem Bruder bisher nichts von Hollfelds Besuchen gesagt , aus leicht erklärlichen Gründen . Uebrigens war sie auch der Meinung gewesen , daß er darüber gleichgültig denken würde , und nun legte er , wie es schien , Gewicht darauf . Sie kam sich vor , wie eine ertappte Lügnerin , und war im ersten Augenblick sprachlos . Elisabeth ahnte , was in ihr vorging ; sie wurde mit ihr verlegen und fühlte , wie ihr plötzlich eine Purpurglut in das Gesicht stieg . In diesem Momente wandte Herr von Walde den Kopf nach ihr ; ein forschender , scharfer Blick flog über ihr Gesicht , und zugleich erschien eine finstere Falte zwischen den Augenbrauen . » Spielt Fräulein Ferber auch ihre Phantasien in diesen sogenannten Uebungsstunden ? « fragte er rascher als gewöhnlich seine Schwester . » O nein , « entgegnete diese , froh , ihre Fassung wiedergewonnen zu haben , » dann würde ich doch wahrhaftig nicht von Stümperei sprechen ... Ich habe Emil auch nur den Zutritt gestattet , weil ich denke , man müsse die erwachende Liebe zur Musik pflegen , wo man sie finde . « Ein leises Lächeln glitt über Herrn von Waldes Gesicht , aber es war nicht jenes Lächeln , das neulich einen so eigentümlichen Reiz für Elisabeth gehabt hatte . Die finstere Falte verschwand nicht , und auch sein Auge hatte etwas Düsteres , als er das junge Mädchen abermals durchdringend ansah . » Du hast recht , Helene , « sagte er endlich kalt und nicht ohne einen Anflug von Spott . » Aber welcher Magnet muß in diesen musikalischen Uebungen liegen , daß solche Wunder geschehen ... Noch vor ganz kurzer Zeit hörte Emil das Gebell seiner Diana lieber , als die Beethovenschen Sonaten . « Helene schwieg und senkte die Augen . » Da fällt mir eben die arme Miß Mertens ein , « nahm ihr Bruder plötzlich in gänzlich verändertem Tone wieder das Wort . » Wäre es nicht zweckmäßig , wenn Fräulein Ferber vor allem diese Angelegenheit in Ordnung brächte ? « » Ei freilich , « entgegnete Helene , den Gedanken mit Hast ergreifend , denn er gab ja dem peinlichen Gespräche eine andere Wendung . » Wir wollen lieber die Stunde für heute streichen , damit Sie , liebes Kind , « wendete sie sich an Elisabeth , » die nötigen Schritte thun können ... Gehen Sie also jetzt zu Ihren Eltern und bitten Sie auch in meinem Namen um Aufnahme der armen Miß . « Elisabeth erhob sich . Zu gleicher Zeit stand auch Helene auf . Als ihr Bruder bemerkte , daß sie den Pavillon verlassen wolle , schlang er rasch seine Arme um die kleine Gestalt , hob sie wie eine Feder vom Boden auf und trug sie hinaus auf den Rollstuhl , der vor der Thür stand . Nachdem er die Kissen stützend hinter ihrem Rücken geordnet und ihre kleinen Füße sorgsam mit einem Shawl bedeckt hatte , lüftete er den Hut leicht vor Elisabeth , wobei sie bemerken mußte , daß sich die Wolke zwischen den Brauen noch nicht verzogen hatte , und schob den Rollstuhl auf den nächsten Weg , der nach dem Schlosse führte . - » Sie muß doch seine ganze Seele ausfüllen , « dachte Elisabeth , als sie den Berg hinaufstieg , » und Miß Mertens irrt sich bedeutend , wenn sie glaubt , er werde ein anderes weibliches Wesen je neben oder wohl gar über seine Schwester stellen ... Er ist eifersüchtig auf seinen Vetter , und leider mit vollem Rechte ... Wie ist es nur möglich , « hier stand sie still , denn zwei Männergestalten erhoben sich vor ihrem inneren Auge , » daß ein Mensch wie Hollfeld neben Herrn von Walde Bedeutung gewinnen konnte für Helene ? « ... Jener , der sich hinter einer bedeutungsvoll scheinenden Schweigsamkeit verschanzt , weil er in der That nichts zu sagen weiß , und dieser , durch dessen edle äußere Ruhe ein Feuergeist blitzt , ein unerschöpflicher Quell von Gedanken , der jedoch gebändigt und geleitet wird durch einen mächtigen Willen ... Daher diese maßvolle äußere Haltung , die gewöhnlichen Naturen stets unverständlich bleiben wird . « Es fiel ihr wieder ein , daß Herr von Walde sie ganz besonders fixiert hatte , als sein Verdacht wach geworden war ... Hielt er sie für eine Mitschuldige , für eine Vertraute seiner Schwester ? und warf er nun auch seinen Groll auf sie , die doch am lebhaftesten wünschte , Herr von Hollfeld möge seiner plötzlich erwachten Passion für die Musik so schnell wie möglich wieder untreu werden ? ... Das konnte sie freilich niemand , am allerwenigsten aber Herrn von Walde sagen , und mußte somit schmerzlich büßen für das abscheuliche Erröten , das gerade in einem verhängnisvollen Augenblicke , so ganz zur Unzeit und ohne jeglichen vernünftigen Grund , ihr Gesicht überflammt hatte . 12 Die Eltern erklärten sich sofort mit Elisabeths Bitte und Vorschlag einverstanden , und diese eilte unverweilt wieder hinunter ins Schloß , Miß Mertens im Namen der Eltern einzuladen . Als sie in das Zimmer der Erzieherin trat , lehnte diese mit gefalteten Händen an der Wand . Zu ihren Füßen stand ein halb gepackter Koffer , Schränke und Kommoden standen offen , und die Stühle lagen voll Bücher , Kleidungsstücke und Wäsche . Das junge Mädchen eilte auf die Gouvernante zu , schloß sie in ihre Arme und hob das von Thränen überströmte Gesicht in die Höhe , aber unter den hellen Tropfen strahlte das Glück . » Ich bin durch die plötzliche Wendung meines Geschickes so überrascht , « sagte Miß Mertens , nachdem Elisabeth ihren Glückwunsch ausgesprochen hatte , » daß ich für Momente meine Augen schließen muß , um mich zu sammeln ... Heute morgen war es dunkel über mir und ich wußte buchstäblich nicht , wohin ich meine Schritte lenken sollte ... der Boden schwankte unter meinen Füßen ... und nun mitten in dieser Bedrängnis thut sich plötzlich eine Heimat vor mir auf . Ein Herz , das ich hochachte , dessen Neigung für diese arme Gouvernante mir aber bis dahin völlig unbekannt geblieben war , will mir treu zur Seite stehen und der heißeste Wunsch meines Lebens erfüllt sich , denn ich darf nun das gute alte Mütterchen selbst hegen und pflegen ... Was wird sie nur sagen , wenn sie die Nachricht erhält , sie , die mit der schmerzlichsten Mutterangst mich draußen wußte in Sturm und Wetter und mich doch nicht zurückrufen durfte an ihr Herz ! « Sie erzählte Elisabeth , daß Reinhard in einigen Wochen selbst nach England gehen und die Mutter holen werde . Sein Gebieter habe es also bestimmt und trage die Reisekosten . So oft Miß Mertens Herrn von Walde erwähnte , flossen ihre Augen über , und sie versicherte wiederholt , alles , was die Baronin an ihr verschuldet , sei tausendfach ausgeglichen durch ihn , der es nicht ertragen könne , daß in seinem Hause irgend eine Ungerechtigkeit ungesühnt bleibe . Mit ihrer Einladung machte Elisabeth das Maß der Freude voll . Miß Mertens hatte für den ersten Augenblick in das kleine Lindhofer Gasthaus gehen wollen , bis sich ein Unterkommen im Dorfe selbst für sie finden würde . » Nun wollen wir aber auch so bald wie möglich auf den Berg , « rief sie freudestrahlend . » Die Baronin hat mir vorhin meinen Gehalt herübergeschickt und sich jegliche Annäherung meinerseits verbitten lassen ... Bella ist durch mein Zimmer gegangen , ohne mich eines Blickes zu würdigen ; das thut wehe , schmerzlich wehe , denn ich habe sie gepflegt und behütet , wie meinen Augapfel . Sie war früher sehr kränklich , und während die Mutter die Hoffeste besuchte , saß ich daheim viele Nächte hindurch und bewachte die Fieberträume des Kindes ... Nun , das soll alles vergessen sein ... Ich wollte eigentlich auch nur sagen , daß ich des Abschiedes von beiden überhoben bin . « Während Miß Mertens , um sich zu verabschieden , zu Fräulein von Walde und einigen Leuten im Hause ging , die sie liebgewonnen hatte , packte Elisabeth ein . Die neue Bewohnerin von Gnadeck nahm nur das Nötigste mit , alles übrige wurde hinab in die Wohnung des zukünftigen Ehepaares geschafft . Es amüsierte Elisabeth , unten in einem Glasschranke - denn Herr von Walde hatte auch die ganze Einrichtung den künftigen Bewohnern zur Benutzung überlassen - sämtliche Bücher der Gouvernante aufzustellen . Das waren aber lauter Werke , die ihr Interesse lebhaft weckten ; es blieb nicht beim Aufschlagen des Titels , sondern ganze Kapitel wurden stehenden Fußes , bei offenen Thüren und Fenstern in aller Eile durchflogen . Miß Mertens und ihr Umzug versanken , als ob sie nie dagewesen , und die Gedanken des jungen Mädchens flatterten eben neben Goethes gewaltiger Erscheinung durch das Gewühl bei der Krönung Josephs des Zweiten , als über ihre Schulter herab eine frische Rose auf das Buch fiel . Elisabeth erschrak , aber gleich darauf lächelte sie und las ruhig weiter , mit einer leichten Wendung die Rose abschüttelnd . Miß Mertens , die ohne Zweifel hinter ihr stand , sollte den Triumph ihrer Neckereien nicht genießen ... Plötzlich aber stieß sie einen leisen Schrei aus - eine schöngeformte , weiße Männerhand kam neben ihr zum Vorschein und legte sich sanft auf die ihre . Sie drehte sich um , nicht Miß Mertens , sondern Hollfeld stand hinter ihr und breitete lächelnd seine Arme aus , als wolle er die Erschrockene auffangen . Sofort verwandelte sich ihr Schrecken in Zorn und Entrüstung , aber ehe sie noch ein Wort hervorbringen konnte , rief eine befehlende , rauh klingende Stimme in ihrer Nähe : » Emil , du wirst im ganzen Hause gesucht . Dein Verwalter aus Odenberg hat dir Dringendes mitzuteilen . Gehe hinüber ! « Neben Elisabeth befand sich das Fenster - es war offen . Draußen stand Herr von Walde und sah , beide Arme auf die Brüstung gestemmt , in das Zimmer herein . Er hatte die Worte gerufen , die den tödlich erschrockenen Hollfeld wie eine Handvoll Spreu hinauswehten . Welcher Ausdruck voll Grimm lag in diesem Augenblicke auf der unbedeckten Stirn , in den zusammengepreßten Lippen und dem funkelnden Auge , das noch eine Weile nach der Thür starrte , durch welche Hollfeld verschwunden war ! Endlich fiel sein Blick wieder auf Elisabeth , die bis dahin regungslos gestanden hatte , jetzt aber , von ihrem zwiefachen Schrecken sich erholend , eine Bewegung machte , als wolle sie in den Hintergrund des Zimmers zurücktreten . » Was thun Sie hier ? « fragte er barsch ; seine Stimme hatte genau den rauhen Klang wie zuvor . Das junge Mädchen fühlte sich tief verletzt durch die Art und Weise der Anrede und war im Begriffe , trotzig zu antworten , als sie bedachte , daß sie ja auf seinem Grund und Boden stehe ; deshalb erwiderte sie ruhig : » Ich ordne Miß Mertens ' Bücher . « » Sie hatten eine andere Antwort auf den Lippen - ich sah es und will sie wissen . « » Nun denn - ich wollte sagen , daß ich auf eine so ungewöhnliche Art zu fragen keine Antwort habe . « » Und warum unterdrückten Sie diese - Zurechtweisung ? « » Weil mir einfiel , daß Sie hier das Recht haben zu befehlen ! « » Das ist lobenswert , daß Sie dies einsehen , denn ich bin gesonnen , dieses mein gutes Recht gerade in diesem Augenblicke voll zur Geltung zu bringen - zertreten Sie die Rose , die da so schmachtend zu Ihren Füßen liegt . « » Das werde ich nicht thun - denn sie hat nichts verschuldet . « Sie hob die Rose , eine schöne , halbgeöffnete Centifolie , vom Boden auf und legte sie auf den Fenstersims . Herr von Walde ergriff die Blume und warf sie ohne weiteres auf den Rasenplatz . » Dort stirbt sie einen poetischen Tod , « sagte er ironisch , » die Grashalme decken sie zu , und abends kommt ein mitleidiger Tau und weint seine Thränen auf die arme Geopferte . « Die Spannung in seinen Zügen hatte nachgelassen , aber sein Auge hatte noch denselben Inquisitorenblick wie zuvor , und auch sein Ton klang nicht viel milder , als er fragte : » Was lasen Sie eben , als ich das Unglück hatte zu stören ? « » Goethes Wahrheit und Dichtung . « » Kennen Sie das Buch ? « » Nur einzelne Auszüge . « » Nun , wie gefällt Ihnen die rührende Geschichte vom Gretchen ? « » Ich kenne sie nicht . « » Sie halten sie ja gerade aufgeschlagen in den Händen . « » Nein , ich las die Krönung Josephs des Zweiten in Frankfurt . « » Zeigen Sie her . « Sie gab ihm das aufgeschlagene Buch . » Wahrhaftig ! ... Aber sehen Sie doch , wie abscheulich das ist ! gerade hier , wo Goethe den Kaiser die Römerstiege hinaufschreiten läßt , ist ein häßlicher saftgrüner Fleck ... Sie haben ohne Zweifel die Rosenblätter zu innig darauf gedrückt , das werden der Kaiser , Goethe und Miß Mertens Ihnen sicher nicht verzeihen . « » Der Fleck ist alt , ich habe die Rose gar nicht berührt . « » Aber Sie haben gelächelt bei ihrem Anblicke . « » Weil ich glaubte , sie sei von Miß Mertens . « » Ach , diese Freundschaft hat etwas Rührendes ! ... Es war jedenfalls eine Enttäuschung für Sie , als Sie statt der Freundin das schöne Gesicht meines Vetters hinter sich sahen ? « » Ja . « » Ja - wie das nun klingt ! ... Ich liebe die lakonische Kürze ; aber sie darf mich nicht im Zweifel lassen ... Was soll ich nun mit diesem Ja anfangen ? Es klingt weder süß noch bitter , und dazu Ihr Gesicht ! ... Warum haben Sie plötzlich eine trotzige Falte zwischen den Augen ? « » Weil ich denke , jedes Recht habe seine Grenzen . « » Ich wüßte nicht , daß ich in diesem Augenblicke von meinem Rechte Gebrauch gemacht hätte . « » Das wird Ihnen gewiß klar werden , wenn Sie sich die Frage stellen , ob Sie mir in meines Vaters Hause in so rauher Weise begegnen würden . « Eine tiefe Blässe flog über Herrn von Waldes Gesicht . Er preßte die Lippen aufeinander und trat einen Schritt zurück . Elisabeth nahm das Buch , das er auf den Fenstersims gelegt hatte , und ging nach dem Bücherschranke , um ihn zu schließen . » Ich würde unter den gleichen Verhältnissen in Ihres Vaters Hause ganz ebenso gesprochen haben , « sagte er nach einer Weile etwas ruhiger und wieder näher an das Fenster herantretend . » Sie haben mich ungeduldig gemacht , warum antworten Sie so unbestimmt ... Wie soll ich nach der einzigen Silbe wissen , ob jene Enttäuschung eine unangenehme war , oder eine willkommene ? ... Nun ? ... « Er bog sich weit in das Fenster hinein und sah starr in ihr Gesicht , als wolle er eine Antwort von ihren Lippen ablesen ; aber sie wendete sich entrüstet ab ... Abscheulich ! wie war es nur möglich , zu denken , daß Hollfeld ihr je willkommen sein könne ! Mußte nicht ihr Gesicht , ihr ganzes Wesen dem verhaßten Menschen gegenüber stets und immer ihre tiefste Abneigung beweisen ? In diesem Augenblicke trat Miß Mertens in das Zimmer , um das junge Mädchen abzuholen ; sie war mit allem fertig und vollständig gerüstet , das Haus zu verlassen . Elisabeth eilte aufatmend ihr entgegen , während Herr von Walde das Fenster verließ und draußen einigemal auf und ab schritt . Als er wieder näher trat , verbeugte sich Miß Mertens tief und ging freudig auf ihn zu . Sie sagte ihm , daß sie heute schon mehrere Male bei ihm vergeblich Zutritt gesucht habe und sich nun freue , ihm doch noch ihren Dank aussprechen zu dürfen für alle seine Güte und Fürsorge . Er winkte abwehrend mit der Hand und wünschte ihr dann Glück zu ihrer Verlobung . Er sprach sehr ruhig . Wie durch einen Zauberschlag hatte sich plötzlich seine ganze Erscheinung wieder mit dem Nimbus der Hoheit und Unnahbarkeit umgeben , so daß Elisabeth nicht mehr begriff , wo sie den Mut hergenommen hatte , diesen Mann auf die Gesetze der allgemeinen Höflichkeit zurückzuführen ... Die vorhin so leidenschaftlich flammenden Augen ruhten jetzt ernst auf Miß Mertens ' Gesicht . Der weiche tiefe Klang seines Organs ließ nicht mehr ahnen , daß er sich noch vor wenig Augenblicken in beißender Ironie verschärft hatte , daß jedes seiner Worte ein Ausdruck der tiefsten Gereiztheit gewesen war und geklungen hatte , als solle es rächen und verwunden . Herr von Walde war mit Bitterkeit gegen seinen Vetter erfüllt , das hatte Elisabeth ja heute schon einmal bemerkt . Warum aber mußte sie es büßen , wenn ihm der Verhaßte vor die Augen kam ? ... War sie nicht schon beleidigt genug gewesen durch Hollfelds abermalige Zudringlichkeit ? ... Und nun wurde sie auch noch das Opfer einer Entrüstung , an der doch nur Helene die Hauptschuld trug ... Ein stechender Schmerz durchzuckte sie , als sie sich erinnerte , wie zärtlich und verzeihend Herr von Walde die Schwester in seine Arme genommen hatte , wie auch nicht ein Blick des Vorwurfs auf sie selbst gefallen war bei Erwähnung der Hollfeldschen Besuche ... sie , die arme Klavierspielerin , die notgedrungen Hollfelds Anwesenheit mit dulden mußte , wurde nun zum Blitzableiter des brüderlichen Zornes ... Oder hatte er mit angesehen , wie Hollfeld ihr die Rose auf das Buch warf , und war in seinem aristokratischen Stolze tief beleidigt , daß sein Vetter einem bürgerlichen Mädchen in der Weise huldige ? ... Dieser Gedanke kam Elisabeth wie ein erleuchtender Blitz ... Ja , ganz gewiß , so nur konnte sie sich sein Benehmen erklären ... Sie sollte die arme Blume zertreten und mit ihr den Beweis vernichten , daß Herr von Hollfeld einen Augenblick seine hohe Abkunft vergessen hatte . Darum wurde so plötzlich in rauhem , befehlendem Tone zu ihr gesprochen , in einem Tone , welchen sicher nur diejenigen an ihm kannten , die ein Vergehen zu büßen hatten ; und darum auch sollte sie durchaus sagen , welchen Eindruck ihr Hollfelds plötzliches Erscheinen gemacht habe ... In diesem Augenblicke hätte sie nun hintreten und ihm unumwunden erklären mögen , wie verhaßt ihr sein hochgeborener Vetter sei , daß sie sich durchaus nicht geehrt fühle durch dessen Aufmerksamkeiten , sondern dieselben stets als eine ihr widerfahrende Schmach ansehe . Allein es war zu spät . Herr von Walde sprach mit Miß Mertens über Reinhards Reise nach England so ruhig und eingehend , daß es geradezu lächerlich gewesen sein würde , mitten hinein den Faden des vorigen stürmischen Gesprächs wieder aufzunehmen . Auch fiel nicht ein Blick seines Auges mehr auf sie , obgleich sie ziemlich nahe bei Miß Mertens stand . » Ich bin eigentlich halb und halb entschlossen , die Reise selbst mitzumachen , « sagte er schließlich zu der Gouvernante . » Reinhard soll mit Ihrer Frau Mutter zurückkehren , denn ich will Lindhof von nun an ganz unter seine Aufsicht stellen ; ich aber bleibe den Winter über in London , gehe im Frühjahre nach Schottland ... « » Und kehren dann jahrelang nicht wieder heim , « unterbrach ihn Miß Mertens erschrocken und betrübt zugleich . » Hat denn Thüringen ganz und gar keine Anziehungskraft für Sie ? « » O ja , aber ich leide hier , und Sie werden wissen , daß oft ein herzhafter Schnitt eine Wunde rasch und glücklich heilt , während sie unter einer allzu nachsichtigen feigen Behandlung gefährlich werden kann ... Ich hoffe viel von der schottischen Luft für mich . « Die letzten Worte hatte er in einem Ton gesprochen , der scherzhaft sein sollte , allein der gewisse Zug zwischen den Augenbrauen trat schärfer hervor , denn je , und ließ Elisabeth seine heitere Stimmung sehr bezweifeln . Er reichte darauf Miß Mertens die Hand und schritt langsam den Kiesweg hinab , wo er bald hinter einem Boskett verschwand . » Da haben wir ' s nun , « sagte die Gouvernante traurig . » Statt daß er uns , wie ich im stillen hoffte , eine schöne junge Frau nach Lindhof bringt , zieht er wieder hinaus in die weite Welt und läßt in Jahr und Tag nichts wieder von sich hören noch sehen ... Es ist etwas Ruheloses in ihm ; kein Wunder , wenn man die unerquicklichen hiesigen Verhältnisse bedenkt ... Die Baronin Lessen ist ihm ein Greuel , und doch ist er gezwungen , an seinem eigenen Herde stündlich mit ihr zu verkehren , denn die Schwester , die er zärtlich liebt , hat ihm ja erklärt , daß sie im Umgange mit dieser Frau das Herbe und Freudenlose ihres Daseins vergißt . Auch sein Vetter ist ihm ein ungebetener Gast ... Herr von Walde ist eine viel zu gerade Natur , als daß es ihm glücken sollte , seine Abneigung zu verbergen , und doch sind diese Menschen wie von Stahl und Eisen ; die wenig rücksichtsvolle Behandlung des Hausherrn gleitet vollständig an ihnen ab , sie haben weder Augen noch Ohren , wenn er auf eine Trennung hindeutet . Und Herr von Hollfeld , nun , der ist in meinen Augen ein ganz erbärmlicher Mensch ; ich