das Widerstreben endlich , mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen der gräflichen Familie gedachte , mischten sich eine Scheu und ein Widerwille gegen die Herrschaft , welche Angelika über ihn erlangen zu wollen schien . Bedenke , was Du thust , sagte er nachdrücklich ; bedenke , daß Verzeihen und Trösten die schönsten Vorrechte des Weibes sind , und daß man Geschehenes zum Guten wenden muß , da es unmöglich ist , es ungeschehen zu machen ! Hilf mir in dem Zwiespalt , der mich bedrängt , und es wird mich glücklich machen , es Dir zu danken ! Er war bewegt , als er das aussprach ; in Angelika ' s Mienen regte sich kein Zug . Ja , Gott gebe , daß ich uns helfen kann , so Dir wie mir , sagte sie seufzend , ihre Augen mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet , aber keine Thräne milderte ihren Ernst . Das peinigte den Baron . Er versuchte , sie zum Sprechen zu bringen , ihr Erklärungen zu geben - es war umsonst , sie wollte ihn nicht hören , ehe sie sich gesammelt hatte , und er mußte endlich darein willigen , von ihr zu gehen , so ungern er sie sich selber überließ . Er fürchtete Angelika , das konnte er sich nicht verbergen , und eine Frau , welche er auch nur einen Augenblick gefürchtet hat , die liebt ein Mann wie der Baron nicht mehr . Als Angelika sich allein in ihrem Zimmer fand , rang sich ein Aufschrei der Verzweiflung und des Jammers aus ihrer Brust hervor . Sie hätte beten mögen , aber sie vermochte es nicht . Das Herz in der Brust war ihr wie gelähmt . Sie hing an dem Baron stärker , leidenschaftlicher , als es ihr gegeben war , dies äußern zu können . Sie war sein Weib geworden in der reinsten Hingebung , mit dem Gefühle des Glückes , und er hatte sie an sein Herz geschlossen , einer Anderen , Paulinen ' s gedenkend , die eben in jenem Augenblicke , der Heirath des Barons fluchend , sich den Tod gegeben hatte ! Diese Vorstellung erdrückte die Baronin . Sie fühlte sich entwürdigt und mißhandelt , ihre Ehe wurde ihr dem eigenen Gatten gegenüber zu einer Schmach . Der Baron , zu dem sie einst mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte , stand als ein Schuldbeladener vor ihr , und wie ihr Herz sie auch drängte und mahnte , sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden , wie es sie auch zog , Hülfe gegen all das Elend bei ihm selbst zu suchen , ein unüberwindliches Entsetzen hielt sie davon zurück . Wohin sie das Auge richtete , woran sie auch dachte , Paulinen ' s Schatten stieg überall vor ihr empor . Jetzt begriff sie es , warum der Baron die Zimmer gewechselt hatte , warum er es nicht hatte ertragen können , auf den Fluß hinab zu schauen . Bangte es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen Zimmer , daß sie nicht wagte , an das Fenster zu treten , aus Furcht , zu sehen , was sie nicht glaubte ertragen zu können . Das Alleinsein ängstigte sie , aber sie konnte sich nicht entschließen , ihre Bedienung zurück zu rufen . Es wußte ja ein Jeder , was in diesem Hause vorgegangen , und auf welche Weise , über wessen Leiche sie als Herrin in dasselbe eingezogen war . Beten , beten ! rief sie immerfort , indeß das Gebet wollte ihrem Herzen nicht entströmen , sie vermochte ihren Geist nicht aus seiner Niedergeschlagenheit zu erheben . Sie kam sich selbst als eine schwere Sünderin vor , und doch wollte sie beten , nicht nur für sich , sondern auch für ihren Gatten und die Todte . Sie fühlte , als habe sie eine ihr unerreichbare Höhe zu erklimmen , sie sehnte sich nach einer hülfreichen Hand , sie empor zu führen , ihr das Thor des Himmels zu öffnen , in den sie ihre Gebete zu schicken wünschte ; da fiel ihr Auge auf Amanda ' s Betring , den sie am Finger trug , und wie ein Labsal ertönten die Worte : » Mein Freund in der Noth , der Stab , der mich hielt , da ich schwankte , die Stütze , an der ich mich erhob , das Licht , dessen Leuchten mir die lange Nacht erhellen wird ! « in ihrem Herzen plötzlich wieder . Du sollst mein Beispiel sein ; Du Heilige und Reine ! rief sie aus . Selbstüberwindung und Entsagung ! das ist ' s. - Sie sank auf ihre Kniee nieder , und ein heißes Gebet um Hülfe und Erlösung befreite ihr das Herz . Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer . Als sie dann aus demselben hervorkam , begab sie sich graden Weges zu dem Baron . Er ging ihr schweren Herzens entgegen , weil er nicht wußte , was er von ihr zu erwarten habe , und weil er Mitleid mit ihr fühlte . Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte sie : Trage keine Sorge um mich , es ist mir besser , als in den Tagen angstvoller Ungewißheit . Ich weiß jetzt , was mein Beruf ist , und so gewiß als ich Dich liebe , ich werde trachten , ihn nach besten Kräften zu erfüllen . Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen ihres Versprechens ; und da sie nicht weniger gerührt war , als er selbst , schloß er sie in seine Arme . Sie wehrte ihm das nicht , ja , es wollte ihn bedünken , als sei ihre Hingebung weicher und freier als seit langer Zeit . Er leitete sie zu einem Sessel und knieete an ihrer Seite nieder , sie sanft umfassend . Sie legte ihre Hände auf seine Schultern , und da sie in sein ernstes Antlitz , in seine Augen blickte , die so fragend und schmerzlich auf sie gerichtet waren , fing sie noch einmal zu weinen an . Siehst Du es wohl , daß Du ein besseres Loos , einen andern Mann verdient hättest , als eben mich ? wiederholte er in der Erinnerung an ihr gestriges Gespräch . Sie schüttelte leise das Haupt . Mir fehlte nichts als Dein Vertrauen , Dein volles , ganzes Vertrauen ! betheuerte sie . O ! wenn Du es gewußt hättest , wie bitter es mir oftmals ankam , mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fühlen , während ich doch Dein Weib war ! Wenn Du ahnen könntest - - Sie brach plötzlich ab und fragte leise : Wer war die Todte ? wer war sie ? das muß ich wissen . Es kam dem Freiherrn hart an , das erste Wort zu sprechen , aber da er es gethan hatte , erleichterte es ihm das Herz . Er erzählte ihr Alles , Alles , was er einst dem geistlichen Freunde gestanden hatte . Angelika hörte schweigend zu . Die Dämmerung brach allmählig herein , des Freiherrn Mittheilungen wurden dadurch begünstigt . Er konnte nicht sehen , welche Wirkung sie auf seine Gattin übten . Mit lebhaften Worten schilderte er ihr den Zustand , den Zwiespalt , in welchem er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte . Was ich in jenen Augenblicken auch an Dir verschuldet , wie sehr meine Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag , sagte er , mein Leiden war noch unerträglicher . Ich konnte meine Gedanken nicht sondern , ich war , ein Verzweifelnder , umhergerissen zwischen den widersprechendsten Empfindungen . Wenn ich Dich sah , in Deiner Liebe , in Deiner Unschuld und in Deinem Vertrauen , so rief es in mir : Du bist ein Mörder und verdienst sie nicht ! Wenn der Schmerz um Pauline mir das Herz vergiftete , so lockte es mich in Deine Nähe , und ich dachte : ihre Liebe wird dich erlösen , bei ihr wohnt Friede , bei ihr werde ich vergessen , an ihr werde ich sühnen , was ich dort verschuldet habe . Ich war meiner selbst nicht mächtig ! Nur daß ich unglücklich war und daß ich Dich glücklich zu machen wünschte , das stand fest in mir . - Da , an dem Abende vor unserer Hochzeit , als man im grauen Saale den Kaffee eingenommen hatte , kam man auf die körperliche Erscheinung der Verstorbenen zu sprechen . Man wußte nicht , was man mir that , als man meine Ansicht darüber zu hören verlangte . Ich vermochte mich nicht zu überwinden , nicht auf die Scherze Deines Bruders einzugehen , als er mich neckend anrief , aber unwillkürlich sah ich nach der Stelle , auf die er zeigte , und als man die Thüre öffnete , als das Licht in den Saal einströmte , da sah ich unwiderleglich und völlig klar Pauline auf dem Hintergrunde dieses Lichtes vor mir , das Auge finster und klagend auf mich gerichtet . Er hielt inne , und mit leisem , melancholischem Tone fuhr er nach längerem Schweigen fort : So habe ich sie gesehen , fast alltäglich in der Einsamkeit meiner Zimmer , so hat sie sich oft emporgerichtet zwischen mir und Dir . Nur unter dem Menschengewühl , nur in der völligen Zerstreuung war ich sicher vor ihr . Keine innere Kraft schützte mich gegen sie . Das war es , was mich in der Residenz von Dir entfernte , was mich die Gesellschaft als eine Befreiung suchen ließ ; das war es , was mich hier bestimmte , die Zimmer zu verlassen , die mich mit dem Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten ; das ist es , was mich zur Verzweiflung bringt . Ich habe sie mehr geliebt , als ich es ahnte und wußte ; ich liebe Dich , Angelika , Dich , Du reines , edles Weib ! mehr , als Du es ermessen kannst . Ich kann sie nicht vergessen , Dich nicht entbehren ; sie habe ich in den Tod getrieben , Dein Leben habe ich vergällt ! - Ich hatte immer gemeint , einen starken Geist zu haben , ich habe mich über mich selbst getäuscht . Schwach , wie ich mich fühle , möchte ich mich im Glauben erheben und sühnen und büßen ; aber der Glaube versagt sich mir . Was bleibt mir übrig ? Sage selbst - was bleibt mir übrig ? Angelika hörte den Ton seiner tiefen , verzweifelnden Verzagtheit , sie sah in dem letzten Scheine des Dämmerlichtes , der durch die Fenster drang , die Versunkenheit , in der ihr Gatte das Haupt auf seine Hände fallen ließ , und Alles vergessend , außer dem Leiden des Mannes , dem sie Treue gelobt für gute und für böse Stunden , rief sie : Dir bleibt die Barmherzigkeit Gottes , die büßende und sühnende Reue , und die Liebe ! - Ja , die Liebe ! wiederholte sie , und schloß ihn an ihre Brust , die Liebe , die mit Dir leiden und büßen und sühnen will , was Du verschuldet hast , um ihretwillen . Komm , richte Dich auf ! Ich bin bei Dir , Franz ! ich will bei Dir sein in jedem Augenblicke , und mit Dir beten um Beruhigung und Frieden , und Gott wird uns helfen . Er hat mir den Weg gezeigt ! Nicht umsonst ist die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen , nicht umsonst ist Amanda ' s Angedenken in meine Hand gelegt worden . Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet , es soll uns überall gegenwärtig sein . Wir haben einander ! wir haben in dem Caplan einen treuen Freund und Führer , und unser Erlöser ist ja auch für uns gestorben . In seinem Namen reiche mir aufs Neue Deine Hand , in seinem Namen laß uns vorwärts gehen . Komm , komm , mein Freund ! komm , und richte Dich auf ! Sie schlossen einander in die Arme , der Baron sah zu ihr wie zu einer Heiligen empor . Er knieete vor ihr nieder , er küßte ihre Hände voll inbrünstigen Dankes , er gelobte sich ihrer Führung für alle Zukunft an . So innig verbunden waren sie einander nie gewesen . Angelika erhob sich zuerst . Sie hing sich an ihres Gatten Arm , und ihn mit sich fortziehend , führte sie ihn in das erleuchtete Nebengemach , in welchem das helle Licht ihnen zu Hülfe kam , die Aufregung ihrer Herzen allmählich zu besiegen und sich äußerlich in das Geleise des alltäglichen Lebens zurückzufinden , während die Feier der verwichenen Stunde noch in ihrem Herzen nachzitterte . Elftes Capitel Am folgenden Morgen , ganz in der Frühe , begrub man Pauline , fern von den anderen Todten in einer Ecke an der Mauer , auf dem Kirchhofe von Neudorf . Am Vormittage fuhr der große Reisewagen der gräflich Berka ' schen Familie auf den Hof des freiherrlichen Schlosses . Die Baronin weinte vor Freude , als sie die Eltern wiedersah ; aber man fand , daß sie wohl aussehe , daß sie etwas über ihre Jahre Ernstes und eine gebietende Haltung gewonnen habe . Mit großer Genugthuung führte sie ihre Eltern in dem Schlosse , in dem Parke umher , und sie verweilte am Mittage mit ihren Gästen lange auf der Terrasse , damit den Leuten aus dem Dorfe , wenn sie die Eltern ihrer Herrschaft sehen wollten , die Zeit und die Gelegenheit dazu nicht fehle . Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen Ende der Terrasse ein Frühstück aufgetragen . Die Diener in ihrer Gala-Livrée standen bereit , es umher zu geben , während die Herrschaften noch auf und nieder gingen . Sie waren schön anzusehen , die vier hohen , stolzen , heiteren Gestalten . Der Graf und der Baron in ihren Sammetröcken , die goldbesetzten dreieckigen Hüte auf den wohlfrisirten Köpfen , die feinen , blanken Gala-Degen an der Seite ; die Baronin an dem Arme der Mutter so freundlich plaudernd , die Mutter so voll Zärtlichkeit für ihre Tochter . Die seidenen Schleppkleider schimmerten in so hellen Farben , die kleinen Federhüte saßen so fröhlich auf den hochgetragenen Häuptern . Sie wußten die Fächer so schön zu handhaben , daß die Flittern in der Sonne glänzten . Es sah an ihnen Alles anders aus , als an anderen Leuten , und selbst das kleine Schooßhündchen der Baronin und der dicke Mops der Gräfin gingen hinter den Frauen so bedächtig einher , als wären sie eigens dazu angelernt . Die Gräfin lobte ihre Tochter , daß sie die Rücksicht für die Leute nehme , ihnen ihre Eltern gleich zu zeigen . Der Graf sagte seinem Schwiegersohne , er müsse seinen Leuten wohl ein guter Herr sein , daß sie so begierig wären , seine Schwiegereltern kennen zu lernen . Es kam allmählich das halbe Dorf zusammen . Die Leute standen unten am Parke , nicht weit vom Flusse . Näher ließ der Gärtner sie nicht heran . Sollt ' s Einer denken , sagte er zum Kämmerer , wie die gnädige Frau hier gestern erst gelegen hat , und was gestern hier passirt ist ! Der Kämmerer zuckte die Schultern . Ihre Schuld war ' s nicht , meinte er ; und was soll sie machen ? Es hängt Keiner gern seinen Schandfleck vor die Thüre . Das ist schon wahr ! rief die Gärtnersfrau ; aber daß sie so vergnügt aussehen allesammt , der gnädige Herr sowohl als unsere gnädige Frau , die doch sonst so gut ist ! Keine ruhige Stunde könnt ' ich auf der Welt mehr haben , hätt ' ich so etwas auf dem Gewissen ! Es ist ja kein vornehm Fräulein gewesen , sagte der Jäger und lachte spöttisch und bitter ; ' s war ja nur des Jägers Kind ! Was macht das solch ' nem Herrn , und gar der gnädigen Frau ! Die wird froh sein , daß sie die Pauline los ist . Ob Unsereiner umkommt oder lebt , wen kümmert das ? Der Gärtner hieß ihn still sein . Der Jäger ging mit einem Fluche davon . Sie sagten , er habe selber ein Auge auf die Pauline gehabt , ehe der Baron sie genommen . Es kommt Ihnen doch einmal zu Haus und Dach ! wandte Einer ein , der des Jägers Freund war . Verbrennt Euch den Mund nicht ! warnte drohend der Gärtner . Seine Frau aber meinte , so reich und so vornehm zu sein und Alles vollauf zu haben , ohne daß man seine Finger rühre , das sei doch das wahre Glück . Und auch der Graf und seine Frau priesen in ihrem Innern das Loos ihrer Kinder , wennschon es ihnen als ein ganz natürliches erschien . Der Graf dachte , daß er sich nicht getäuscht habe , als er seiner Tochter die Herrschaft in der Ehe vorausgesagt , die Gräfin gestand sich mit Genugthuung , daß die Besorgniß , welche sie für Angelika ' s Zukunft bei deren Abreise aus der Heimath gehegt hatte , eine ungegründete gewesen sei . Die Anhänglichkeit , die Zärtlichkeit der Eheleute ließ nichts zu wünschen übrig , der Baron zeigte eine wahre Anbetung für seine Frau . Man sah es ihm allerdings noch an , daß seine Gesundheit gelitten hatte , aber er und Angelika versicherten beide , daß er sich auf dem Wege völliger Genesung befinde , und seine freundliche Zuvorkommenheit , seine sichtliche Zufriedenheit bestätigten die Aussage . Man machte und empfing viele Besuche , das alte Leben kehrte nach Schloß Richten wieder zurück . Daß die Baronin sich Abends bisweilen früher als die Anderen in ihre Zimmer verfügte , daß sie am Morgen stets eine Stunde mit dem Caplan allein blieb , war dabei nicht auffallend . Eine Herrschaft wie Richten legt ihren Besitzern mancherlei Sorgen und Verpflichtungen auf ; das wußten Angelika ' s Eltern , und sie freuten sich daran , wie sehr die junge Herrin ihrem Berufe entsprach , wie ruhig und klar sie aussah , wenn sie von der Arbeit kam , wie achtungsvoll und väterlich zugleich der Freund des Hauses , der Caplan , der offenbar ihr Helfer und ihr Beistand war , sich gegen sie bezeigte . Nur Eines machte die Eltern Angelika ' s besorgt : es war die Hinneigung zum Katholicismus , welche man an ihr zu bemerken glaubte . Aber man mochte dies nicht gegen sie aussprechen , um nicht in ihr wach zu rufen und zum Bewußtsein zu bringen , was man zu verhindern wünschte , und Graf und Gräfin Berka verließen nach einem vierzehntägigen Besuche ihre Tochter mit dem festen Glauben , daß das Glück derselben ein wohlbegründetes sei und auch ein dauerndes zu bleiben verspreche . Der Baron begleitete seine Schwiegereltern zu Pferde bis an die Grenze seiner Besitzungen . Es war seit langer Zeit das erste Mal , daß er ein Pferd bestieg . Angelika stand in ihrem Zimmer am Fenster und sah ihnen nach ; der Caplan war bei ihr . Als der letzte Wagen um die Ecke gebogen war , wendete sie sich zu dem Geistlichen in das Zimmer zurück . Das ist vollbracht , sagte sie , nun helfen Sie mir weiter ! Sie setzte sich dabei nieder , als wenn sie müde , sehr müde sei . Gott hat bis hieher geholfen , Gott wird weiter helfen ! ermuthigte der Caplan . Ja , das hat er und das wird er ! rief die Baronin . Und ernte ich nicht schon jetzt die Früchte der Selbstüberwindung in der Ruhe , die aus meines Gatten Mienen zu mir spricht ? Fühle ich nicht schon jetzt die Befreiung , die mir geworden ist , seit ich Ihnen mein ganzes Herz enthüllte , seit Sie mir klar gemacht haben , auf welchem Leidenspfade Gott mich suchen gekommen ist , und daß er den züchtigt mit seiner strengen Hand , den er einst zu sich zu rufen und zu erlösen gedenkt durch seine Gnade ? Der Caplan hörte ihr ernst und schweigend zu . Es ist ein großes Glück , sagte er endlich , einen Irrenden auf den rechten Pfad zu leiten . Man nennt dies Christenpflicht , und sollte es eine Gnade Gottes heißen , die uns zu Theil wird . Ich danke ihm , daß er sie mir vergönnt hat . Und nun ich Sie , meine Freundin , auf dem Wege sehe , der Sie zu Ihrem Ziele führen wird , nun lassen Sie uns darauf sinnen , wie wir dem Freiherrn zu der völligen Beruhigung verhelfen , deren er benöthigt ist . Seine Phantasie ist immer noch erregt , er bedarf der Ableitung von dem , was ihn gepeinigt hat , er bedarf einer neuen Idee , die ihn beschäftigt . Die Erinnerung an die Unglückliche muß ihm von außen her lebendig vor Augen gehalten werden , um ihre Schrecken für seinen Geist zu verlieren . In seiner inneren Zerrissenheit und Verzagtheit hat er das kleine Haus abbrechen lassen , welches sie einst bewohnte . Das war nicht wohlgethan . Es hätte erhalten , aber einer anderen Bestimmung gewidmet werden müssen . Man hätte dort .... Eine Capelle gründen sollen , rief die Baronin , und das müßte man noch thun ! Dort eine Capelle zu erbauen , das würde dem Sinne des Barons entsprechen , würde seine Thätigkeit in Anspruch nehmen .... Der Caplan unterbrach sie . Sie vergessen , gnädige Frau , daß die Provinz nicht mehr zu den katholischen gehört , daß wir uns in einer protestantischen Provinz , unter einem protestantischen Volke , in ecclesia pressa , befinden . Die Freiherren von Arten haben sich deßhalb , seit die Reformation die Gotteshäuser unserer Kirche hier in der Provinz zerstörte , stets nur mit einer Capelle in ihrem Schlosse genügen lassen , um keinen Anstoß zu erregen . Anstoß ? fragte Angelika , die jung genug war , alle Hindernisse und Bedenken gering zu schätzen , wo es von ihr auf eine geistige Befriedigung abgesehen war . Haben die Leute doch ihren Gottesdienst , ihre Kirchen nach ihrer Lehre und nach ihrem Glauben . Wer kann uns hindern , Gott anzubeten nach unserer Weise und ihm eine Capelle zu erbauen , in der wir ihm dienen können nach unserer Ueberzeugung ? Wir ? fragte der Caplan . Sie sind nicht katholisch , Frau Baronin , und mich will bedünken , als würden ihre Eltern , als würden der Herr Graf und die Frau Gräfin einem Wechsel Ihres Glaubensbekenntnisses nicht ruhigen Herzens zuzusehen vermögen . Angelika zögerte zu antworten . Dann sagte sie : Was Sie mir einwenden , ist richtig , mein verehrter Freund ! Meine Mutter und mein Vater haben Andeutungen gegen mich fallen lassen , die mir , wennschon sehr vorsichtig , ihre Besorgniß in dem Punkte verriethen . Aber die Schicksale der Menschen sind verschieden . Gott hat meiner Eltern Leben so geführt , daß sie nicht Gelegenheit hatten , ihre Unzulänglichkeit und die Schwäche unserer Natur kennen zu lernen . Sie hatten ihm nur zu danken für seine Huld und Gnade , und ich will hoffen , daß er es ihnen so vergönnen werde , bis er sie einst abruft . Mir ist das nicht zu Theil geworden . Sie machte eine Pause , ihre Lippen zitterten leise von unterdrücktem Schmerze ; aber sie überwand sich und fuhr gefaßt und ruhig also zu sprechen fort : Gott hat mich einem von mir sehr geliebten Manne zur Gattin gegeben , dessen Leben nicht frei von Irrthum und von Schuld geblieben , dessen Sinn vom Glauben zum Aberglauben abgeirrt , dessen Gewissen schwer belastet ist , und der fast die Kraft verloren hatte zu der Umkehr , die ihm Genesung seines Herzens bringen soll . Er bedarf meiner , ich muß Eins mit ihm werden auch im Glauben , denn Mann und Weib sollen Eins sein ; und schwach und sündhaft , wie wir Irrenden es sind , haben wir nach meiner festesten Ueberzeugung eines sichtbaren Vermittlers , einer sichtbaren Kirche , haben wir der Zeichen und Symbole nöthig , uns täglich daran zu mahnen , was zu thun uns obliegt . Daß Sie , Hochwürden , das tiefste Innere unserer Herzen kennen , Sie , dessen Verschwiegenheit unverbrüchlich ist ; Sie , den kein anderes Interesse an uns bindet , als die Liebe , deren Verkünder Sie sind , daß Sie uns rathen , uns zurechtweisen , das ist ein Bedürfniß für uns . Es ist ein Bedürfniß für uns , körperlich und geistig uns zu demüthigen , uns Bußen aufzuerlegen , denn das zerknirschte Herz verlangt seine Strafe , um sich mit dem Bewußtsein , gelitten zu haben , weil es leiden machte , wieder erheben zu können . Und daß ich weiß , durch sichtbare Zeichen weiß und es erfahren habe , wie die edelsten der Frauen unseres Hauses , wie meines Gatten früh verklärte Schwester und die fromme Tante Esther mir im Geiste nahe , wie sie meine Fürbitterinnen und Helferinnen sind bei dem Werke der Bekehrung , das mir an mir selbst und an meinem Gatten zu vollziehen obliegt , das ist mein Trost und meine Hoffnung . Ich .... In dem Augenblicke hörte man das Pferd des Freiherrn in dem Hofe . Angelika trat an das Fenster , grüßte ihren Gatten freundlich mit der Hand , und sich dann zu dem Geistlichen wendend , sagte sie schneller , als sie vorhin gesprochen : Ich gehöre zu meinem Manne , ich gehöre in dieses Haus . Die Freiherren von Arten sind katholisch und sollen es bleiben durch alle Zeit , denn der Katholicismus bietet uns die göttliche , durch den Priester vermittelte Hülfe in unserer Sündhaftigkeit , in unserem Streben nach Erhebung viel erfaßlicher und tröstlicher , als ich es bisher gekannt habe . Der Mensch hat des sichtbaren Helfers nöthig , um zu seinem unsichtbaren Helfer und Erlöser durchzudringen . In wenig Tagen hoffe ich mein Glaubensbekenntniß in Ihre Hände ablegen zu können und so Gott will , werden mein Mann und ich vereint in nicht ferner Zeit unsere Gebete um Vergebung an derselben Stelle zum Himmel emporschicken , an welcher so Schweres verschuldet und gelitten worden ist . Das walte Gott ! sagte der Caplan . Angelika knieete vor ihm nieder , er segnete sie . Die Saat , die er behutsam und liebevoll aus fester Ueberzeugung ausgestreut , war durch die Gunst der Verhältnisse weit schneller und weit vollständiger zur Reife gekommen , als er es hatte hoffen und erwarten können . Er fühlte sich dadurch erhoben , stark und mächtig . Er genoß den Lohn für die Beschränkung , in welcher er sein Leben zugebracht hatte , er empfand den Segen der einst Geliebten , die er in seinem Herzen als Heilige und als seinen Schutzgeist ehrte , als sein unverlierbares Glück . Der Baron fand Angelika noch auf ihren Knieen . Bei seinem Eintritte erhob sie sich und warf sich an seine Brust . Du Theurer ! rief sie , ich danke Dir , daß Du meinen Eltern so gute , schöne , herzerquickende Stunden in unserem Hause bereitet hast . Und nun wir Eins sind , nun wir einander ganz und ungetheilt besitzen , nun laß uns vorwärts gehen auf dem Wege , den unser Freund , sie reichte dem Caplan ihre Hand , uns führen wird . Er hat es ausgesprochen : Es giebt nichts , was nicht durch thätige Reue zu sühnen wäre , nichts , wofür die Kirche aus dem reichen Schatze ihrer Gnade nicht die Vergebung spenden könne . Wir wollen sie erringen , erringen mit einander , und .... Wie verdiene ich Dich ? rief der Baron , und schloß sie mit Zärtlichkeit und Freude an sein Herz . Wie verdiene ich Dich ? Sehen Sie den Besitz dieses schönen Herzens , sagte der Caplan mit feierlichem Ernste , als ein Geschenk des Himmels , als ein Pfand der Gnade an , und überlassen Sie sich ihm , damit Sie und Ihr Haus sich im wahren und im neuen Sinne auferbauen . Das will , das werde ich ! betheuerte der Baron , und sein Auge leuchtete heller , sein Kopf hob sich freier und leichter , als es seit langer Zeit geschehen war . Und nicht nur im Innern wollen wir uns auferbauen , rief Angelika , auch ein äußeres Zeichen unserer inneren Bekehrung , ein Zeichen der Reue , der Buße , der Versöhnung muß errichtet und hingestellt werden für alle Zeit . Daran hängt mein Herz , darauf richten sich meine schönsten Hoffnungen . Versprich mir , daß Du mir gewähren willst , was ich von Dir erbitte . Sie strahlte in wahrer Begeisterung bei den Worten . Der Freiherr blickte sie mit Bewunderung an . Sage , was Du begehrst , Geliebte ! es soll Alles , Alles geschehen ! sprach er zärtlich und bestimmt , Angelika ' s Mienen wurden ernsthaft , und ruhiger als vorher sagte sie : Du hast das Haus in Rothenfeld zerstören und niederreißen lassen , als Du noch glaubtest , Dir selbst entfliehen zu können . Nun Du einkehrst in Dich selber , nun wir gemeinsam die Einkehr in das Vaterhaus im Himmel suchen , richte dort in Rothenfeld eine Capelle auf , in der wir uns erinnern mögen , daß der Mensch ein Sünder , und daß Gott dem Sünder gnädig ist . Dort will ich mit Dir knieen , mit Dir beten , und dort wollen wir einst bei einander ruhen , wenn der Herr uns abruft ! Es lag etwas Unwiderstehliches in ihren Worten , in ihrer ganzen Erscheinung , denn Selbstüberwindung und Liebe haben eine verklärende Gewalt . Sie umleuchten den Menschen wie ein Heiligenschein . Der Freiherr war hingerissen von der Seelengröße , von der Liebe seiner