um die schwere Zeit hatte und wie jetzt niemand mehr an die Welschen dachte , sowenig wie der Bruder Niklas jetzt an die Anna . Da war die Base Schlotterbeck , die hatte das alles miterlebt und konnte auch die Toten sehen ; aber an so vieles gedenken wie die Frau Christine konnte sie doch nicht , denn sie hatte kein Kind geboren , und ihr Sohn konnte später nicht am Tisch sitzen , ein so gelehrter Mann , und konnte nicht über seine Bücher herübersehen und mit den Augen winken . O wieviel , wieviel ließ sich denken beim Leuchten der Wunderkugel ; da war ' s wahrlich keine Kunst , auch unter den allerbösesten Schmerzen ruhig zu liegen und in Geduld auf das letzte Stündlein zu warten ! Wir haben früher beschrieben , wie Hans als kleines Kind in seinem Bette lag in der Winternacht und die Mutter , welche sich zu ihrer frühen Arbeit rüstete , belauschte . Wir haben davon gesprochen , wie er sich allerlei geheimnisvolle , seltsame Vorstellungen von den Orten machte , wohin sie ging , wie er die Schatten an den Wänden tanzen sah und genau achtgab , was daraus werde , wenn die Lampe ausgeblasen wurde . Nun mußte er als erwachsener Mensch sich ganz ähnlichen und doch ganz andern Gefühlen hingehen . Mancherlei hatte er erfahren und vieles gelernt ; es wäre kein Wunder gewesen , wenn er verständigere Stimmungen in diese Stunden hineingetragen hätte ; aber wie die Mutter sich über die Rückkehr ihrer Jugenderinnerungen wunderte , so hatte er Grund , sich über die Rückkehr dieser Gefühle zu wundern . Während er beim Licht der Glaskugel die Blätter seiner Bücher umwandte und von Zeit zu Zeit nach dem Lager der Kranken hinübersah , dachte er daran , wie die Mutter jetzt wieder sich zum Fortgehen rüste , um ihn allein in der Dunkelheit zu lassen . Wie er sie damals oft mit Tränen bat zu bleiben , so hätte er sie auch jetzt bitten mögen . Oft überkam ihn die große Angst , die er vor so langen Jahren gefühlt hatte , wenn die Lampe ausgeblasen , der Tritt der Mutter verhallt war und der Schlaf ihm nicht sogleich die Augen zudrückte . Er hörte den Schnee am Fenster rieseln wie damals ; wie damals rief der Nachtwächter die Stunden ab , wie damals flimmerte der Mond durch die gefrorenen Scheiben , wie damals knarrten und knackten die alten Gerätschaften , wie damals regte sich geisterhaft die nächtliche Welt . Wenn die Mutter in solchen Augenblicken schlief , so konnte er sich nur dadurch aus dem ängstlichen Gewühl retten , daß er in den schwierigsten Teilen seiner Aufgabe so angestrengt als möglich fortarbeitete , und nicht immer gelang das . Wenn aber die Mutter wachte , so brauchte er nur die Feder niederzulegen und die treue Hand der Kranken zu nehmen : er bekam dann den besten Trost , den es für ihn gehen konnte . Wenn etwas später Einfluß auf seine Handlungen , seine Pläne , seine Ansichten und sein ganzes Leben hatte , so waren es die leisen Worte , die ihm in diesen Stunden zugeflüstert wurden . » Sieh , liebes Kind « , sagte die alte Frau , » in meinem schlechten Verstande hab ich mir immer gedacht , daß aus der Welt nicht viel werden würde , wenn es nicht den Hunger darin gäbe . Aber das muß nicht bloß der Hunger sein , der nach Essen und Trinken und einem guten Leben verlangt , nein , ein ganz ander Ding . Da war dein Vater , der hatte solch einen Hunger , wie ich meine , und von dem hast du ihn geerbt . Dein Vater war auch nicht immer zufrieden mit sich und der Welt , aber nicht aus Mißgunst , weil andere in schöneren Häusern wohnten oder in Kutschen fuhren oder sonsten dergleichen : nein , er war nur deshalb bekümmert , weil es so viele Dinge gab , die er nicht verstand und die er gern hätte lernen mögen . Das ist der Männer Hunger , und wenn sie den haben und dazu nicht ganz derer vergessen , die sie liebhaben , dann sind sie die rechten Männer , ob sie nun weit kommen oder nicht - ' s ist einerlei . Der Frauen Hunger aber liegt nach der andern Seite . Da ist die Liebe das erste . Der Männer Herz muß bluten um das Licht , aber der Frauen Herz muß bluten um die Liebe . Um das müssen sie auch ihre Freude haben . O Kind , mir ist es viel besser geworden als deinem Vater , denn ich habe viel Liebe geben können , und viel , viel Liebe ist mir zu meinem Teil geworden . Er war so gut gegen mich , solange er lebte , und dann hab ich dich gehabt , und nun , wo ich meinem Anton nachgeh , sitzest du neben mir , und was er haben wollte , ist dir zuteil geworden , und ich habe dazu geholfen . Ist das nicht ein glückselig Ding ? Du mußt dich nicht so sehr härmen um deine dumme Mutter , du machst mir sonsten nur das Herz schwer , und das willst du doch nicht , hast es ja nie getan . « Der Sohn verbarg sein Gesicht in die Kissen der Kranken ; er vermochte nicht zu sprechen , nur das Wort Mutter ! wiederholte er schluchzend ; es war aber alles , was ihn bewegte , darin zusammengefaßt . - Aus dem Hause trat Hans Unwirrsch während seines jetzigen Aufenthalts in Neustadt wenig hervor . Die Nachbarn begrüßte er alle in der Stube der Base Schlotterbeck , nur wenig Besuche stattete er ab . Wo er aber erschien , wurde er freundlich aufgenommen , und der Professor Fackler hielt ihn so fest , daß er sich endlich nur mit Gewalt losreißen konnte . Der Professor nahm merkwürdigerweise jetzt ein großes Interesse an dem Doktor Moses Freudenstein und holte den unruhigen Hans auf das genaueste über ihn aus . » Also nach Paris ist der talmudistische Spitzkopf gegangen ? Ich sage Ihnen , Unwirrsch , der Bursch hat mir während seiner Schulzeit mehr Verlegenheiten bereitet , als ich mir habe merken lassen . Wir können jetzt darüber sprechen ; seine Einwürfe und Schlüsse , sein Frage-und-Antwort-Spiel haben mir oft den hellen Angstschweiß auf die Stirn getrieben . Da hieß es wahrlich nicht : Credat Judaeus Apella - dieser hoffnungsvolle Jüngling war nicht so leichtgläubig ! Er wird mit seinem Appetit nach allen guten Dingen dieser Welt seinen Weg auch schon machen , Unwirrsch . Ich sage Ihnen , es geht nichts über den richtigen Hunger ; im Mönchslatein - die Götter von Latium schützen uns - würde man sagen : Fames - famositas , hehehe ! Na , Gott behüte Sie , Johannes , und gebe Ihnen Kraft , das Unglück zu Hause zu tragen . Wir nehmen den innigsten Anteil daran , und wenn wir Ihnen in irgendeiner Beziehung nützlich sein können , so kommen Sie nur zu mir oder meiner Frau . Eheu , das menschliche Leben ist trotz aller guten Dinge ein Jammertal ! « Auf was sich der letzte Stoßseufzer so recht eigentlich bezog , bleibt unklar für uns , wenn auch nicht für Hans Unwirrsch , welcher der festen Meinung war , daß er der Krankheit seiner Mutter galt , und tiefgerührt für diesmal Abschied von dem guten Professor nahm . - Der Oheim Grünebaum fand in dieser Zeit natürlich zum öftern Gelegenheit , sich in seiner ganzen Größe zu zeigen . Er ging und kam fortwährend , und das Haus in der Kröppelstraße war keinen Augenblick vor ihm sicher . Jetzt trat er so plötzlich in die Tür , daß die Kranke erschreckt in ihrem Bett zusammenfuhr , jetzt verdunkelte sein würdiges Haupt so plötzlich das Fenster neben Hansens Arbeitstisch , daß Hans jach emporschoß von seinem Sitz , um die Erscheinung anzustarren . Ohne die Base Schlotterbeck wäre der Oheim recht lästig geworden , aber diese sorgliche Seele organisierte zuletzt einen förmlichen Wachtdienst , und mehr als ein Kind der Kröppelstraße war beauftragt , ein warnendes Zeichen zu geben , wenn der Meister Grünebaum um die Ecke bog . Erschallte der Alarmruf , so stand auch jedesmal die Base an der Tür , um den Oheim aufzufangen und ihn schlau heimzuschicken oder ihn unter Umständen in ihr eigenes Stübchen zu führen . Dorthin wurde dann auch Hans beordert , um des Oheims Tröstungen und Ratschläge in Empfang zu nehmen . » Also es geht ihr noch immer nicht besser ? Sehre unangenehm , sehre betrübt ! Aber so geht ' s in der Welt , und wenn ' s beim einen auf den schlechten Tabak ankommt , so liegt ' s beim andern an der Pfeife . Wir müssen alle dran ; - aberst wie ? ! Da sitzt nun die Base , eine hinfällige , miserable Perschon , pure Knochen in einem ledernen Beutel , und wenn Sie ' s mir nichtübelnimmt , Jungfer Schlotterbeck , so muß ich sagen , daß ich die letzten zwanzig Jahre durch von Tag zu Tag vermeint habe , daß Sie mir ausgehen wird wie ' n Dreierlicht . Aber nun liegt die Schwester , so doch eine merkwürdig robuste Frau war , auf ' n Tod , und Sie , Base , Sie glimmt fort , als ob sich das ganz von selbst verstünde , und am Ende kann Sie auch mir noch nach meinem Tode in die Gassen herumlaufen sehen als ' n Geist in ' nem weißen Hemd und mit drei Paar alten Stiebeln unter jedem Arm . Ich traue Ihr jetzt alles zu . - Ach Gott , Hans , was ist der Mensch ? Was hat er alles auszustehen in seinem Leben ! ? So großen Hunger - « » Und so sehre großen Durst ! « warf die Base ein . » Auch diesen , Jungfer Schlotterbeck ! « fuhr der Oheim würdig , aber schon etwas verschnupft fort . » So großen Hunger und - Durst , daß kein Engel , der es nicht probiert hat , es glaubt . Was tut der Mensch , wenn er geboren wird ? Er saugt ! Und was tut der Mensch , wenn er in seine verständigen Jahre gekommen ist ? « » Manchmal sauft er dann ! « brummte die Base drein . » Er hungert und begehrt alles mögliche , was zu hoch für ihn hängt « , schnarrte der Oheim wütend . » Wer unbescheiden ist , verdient , nichts zu kriegen ; wer aber bescheiden ist , der kriegt ganz gewiß nichts . Da war dein Vater , Junge , der hatte einen pudelnärrischen Hunger , und einen unbescheidenen dazu ; er wollte ein Schuster und ein Gelehrter zu gleicher Zeit sein . Was ist daraus geworden ? Nichts ! Nun ist hier dein lieber Oheim Niklas , der war mit zu großer Bescheidenheit begabt und wollte nichts als sein täglich Brot - « » Und den Roten Bock und die politische Zeitung ! « fuhr die Base wieder dazwischen . » Und da er lieber im Roten Bock saß als auf dem Arbeitsschemel , und da er lieber den Vögeln vorpfiff , als seine Arbeit tat , und lieber den Postkurier als das Gesangbuch las , so kommt er nun her und fragt , was daraus geworden ist , und will sich noch wundern , wenn es wiederum heißt : nichts ! « » Jungfer Schlotterbeck « , erwiderte der Oheim , » Sie kann jedem Esel imponieren , nur mir nicht ! Für diesmal habe ich genug von Ihr , und ich wünsche Ihr einen guten Abend . Da sollte man ja die ganze Kröppelstraße verschwören ! Geh hin zu deiner Mutter , Hans , grüße sie von mir und bestell ihr meine Entschuldigung , daß ich sie für diesmal nicht sehe von wegen Aufgeregtheit und mangelhafte Selbstbeherrschung . Ich bedanke mir , Base Schlotterbeck , für die angenehme Unterhaltung und wünsche , wenn ' s möglich ist , ein sanftes Gewissen und eine gute Nachtruhe ! « Die Base umgab in dieser traurigen Zeit unsern Hans womöglich noch mit mehr Liebe und sorglicher Aufmerksamkeit als sonst . Das Wunderbare , das sich in ihre Tröstungen mischte , konnte nicht stören . Diese Erscheinungen der Abgeschiedenen , von denen sie wie von etwas Wirklichem sprach , hatten nichts Schreckhaftes , nichts Verwirrendes ; - stundenlang konnte Hans Unwirrsch sitzen und zuhören , wie die Base der kranken Mutter von ihren Phantasmen sprach und wie die Mutter bei mancher Einzelheit nickte und sich an lang Vergangenes und Vergessenes erinnerte . Den guten Meister Anton sah die Base jetzt sehr häufig , und die schlimmsten Schmerzen der Kranken sänftigten sich , wenn die Base von ihm berichtete . - Es war ein sehr strenger Winter . Weder die Base noch die Mutter , welche doch schon so manchen Winter erlebt hatten erinnerten sich eines ähnlichen . Wenn Hans halb gezwungen einen Gang ins Freie machte , um einmal gesunde Luft zu schöpfen , so war es ihm zumute , als werde das alles ringsumher in Ewigkeit so tot , so starr , so kahl und bleich bleiben , als sei es unmöglich daß in wenig Wochen die Bäume wieder grün würden . Mehr als einmal brach er mechanisch einen Zweig ab , um die fest geschlossenen braunen Blattknospen vorsichtig aufzuwickeln und sich zu vergewissern , daß der Frühling wirklich nur schlafe und nicht tot sei . Der Schnee zerfloß aber zu seiner Zeit , und die ausgefrornen Wasser brachen triumphierend ihre Bande . Hans Unwirrsch vollendete seine Arbeiten und legte eines Abends die Feder nieder , trat leise zu dem Bett der Mutter und flüsterte , indem er sich niederbeugte und sie küßte : » Liebe Mutter , ich hoffe , das ist gelungen . « Da zog die Mutter mit den beiden kranken Händen das Haupt des Sohnes zu sich hernieder und küßte ihn ebenfalls . Dann schob sie ihn sanft von sich und faltete die Hände . Sie bewegte die Lippen , aber Hans konnte nicht alles verstehen , was sie sagte . Nur die letzten Worte vernahm er : » Wir haben es fertiggebracht , Anton ! Nun kann ich zu dir kommen ! « - - - Am Anfang des neuen Frühjahrs kam der Sonntag , an welchem Hans seine Prüfungspredigt halten sollte . Es war ein Tag , an dem die Sonne wieder schien . Ein Glas mit Schneeglöckchen stand neben dem Bett der Kranken , und feierlicher als heute hatten die Kirchenglocken nie geklungen . Im schwarzen Chorrock beugte sich der Sohn über die Mutter , und sie legte ihm die Hand auf das junge Haupt und sah ihn lächelnd und mit glänzenden Augen an . Tief , tief blickte Johannes Unwirrsch in diese Augen , die mehr sagten , als hunderttausend Worte gesagt haben würden ; dann ging er , und die Base und der Oheim folgten ihm . Die Mutter wollte es so , sie wollte allein sein . Da lag sie still und hatte keine Schmerzen mehr . In Gedanken verfolgte sie ihr Kind durch die Gassen über den Markt , über den alten Kirchhof zu der niedern Tür der Sakristei . Sie vernahm die Orgel und schloß die Augen . Nur noch einmal öffnete sie sie verwundert und sah nach der Glaskugel über dem Tische ; es war ihr , als habe dieselbe plötzlich einen hellen Klang gegeben und als sei sie durch den Klang erweckt worden Sie lächelte und schloß die Augen wieder , und dann - - Und dann ? Es kann niemand sagen , was darauf folgte ; aber als Hans Unwirrsch heimkehrte aus der Kirche , war seine Mutter gestorben , und alle , die sie sahen , sagten , daß sie einen glückseligen Tod gehabt haben müsse . Dreizehntes Kapitel Vergeblich hatte die Frau Tiebus , die auch noch lebte , aber längst ihrer stumpfen Augen wegen aus einer Hebamme eine Totenfrau geworden war , einen hartnäckigen Angriff auf die Leiche in der Kröppelstraße gemacht . Mit Hülfe des Oheims Grünebaum hatte die Base Schlotterbeck diesen Angriff abgewehrt ; sie hatte es sich nicht nehmen lassen , die sterblichen Reste ihrer alten Freundin selber zu waschen und mit dem Totenhemd zu bekleiden . Die Schreiner hatten die Frau Christine in den Sarg gelegt , und der Sarg war zugeschlagen worden ; an der Seite ihres Gatten hatte die Frau ihre Ruhestätte gefunden , und es war nun so , wie sie es sich oft , oft vorgestellt hatte , wenn sie am Sonntagnachmittag nach der Kirche auf dem Kirchhof unter dem Fliederbusch saß und auf den Hügel sah , welcher den Meister Anton deckte , und auf das Plätzchen daneben . Da war alles in Ordnung , und mehreres andere war ebenfalls so gut als möglich geordnet . Da in dem ärmern Stadtteil von Neustadt augenblicklich niemand so reich war , um das alte Haus in der Kröppelstraße zu kaufen , so wurde es an einen Maurer vermietet , mit der Bedingung , daß die Base Schlotterbeck von dem Anwesen in jeder Weise als Hausmeisterin anerkannt wurde . Der wenige Hausrat war entweder verkauft oder dem wackern Oheim Grünebaum zur Nutznießung übergeben oder von der Base zur Aufbewahrung an sich genommen worden . Unter letztern Dingen befanden sich alle die Sachen des armseligen Nachlasses , die Hans Unwirrsch um keinen Preis weggegeben hätte und von welchen er jetzt mit fast ebenso süß-schmerzlichen Gefühlen Abschied nahm wie von der Base und dem Oheim . Zum andernmal nahm Hans Abschied von Neustadt ! Er ging in die weite Welt , und wann er wiederkam , konnte er diesmal nicht so sicher bestimmen wie damals , als er zum erstenmal die Berge überschritt , um mit Moses Freudenstein nach der Universität zu ziehen . Längst hatte er eingesehen , daß bei jedem Kirchturme , der aus den Kornfeldern und Obstbäumen des Vaterländchens hervorguckte , längst ein Pastor in guter Gesundheit mit seiner Pastorin und wenigstens einem halben Dutzend Kindern saß , und Hans war nicht der Mann dazu , auch nur in Gedanken den behaglichen geistlichen Herrn auf seinem eigenen Kirchhof zu begraben und seine Frau zur Witwe , seine Kinder zu Waisen zu machen . Neidlos zog er an den fettesten und anmutigsten Pfarren vorüber ins Hauslehrertum . Zwei Inkarnationen dieses glückseligen Zustandes hatte er durchzumachen , ehe er zu der dritten , letzten und wichtigsten kam . Von den beiden ersten wollen wir in diesem Kapitel kurz Bericht geben , von der letzten müssen wir freilich länger und ausführlicher handeln . Die erste Stelle erhielt Hans durch Vermittlung des Professors Fackler . Das Empfehlungsschreiben desselben führte ihn auf das Gut eines Landedelmanns , eines Herrn von Holoch , wo er sehr gut aufgenommen wurde und wo für ihn auf die magere Zeit des Studententums zwei sehr nahrhafte Jahre folgten , in denen sein äußerer Mensch zusehends an Fülle gewann zum großen Vergnügen der Hausfrau , die sich selbst eines rundlichen Aussehens erfreute und deren Stolz es war , alles , was mager ins Hoftor kam , fett wieder herauszulassen . Es war diese Dame noch eine Gutsfrau vom alten Schlage , die es nicht unter ihrer Würde hielt , ihren Knechten und Mägden dann und wann eigenhändig den Brei zu kochen und auszuteilen . In allen guten Dingen ging sie ihren Haus- und Hofleuten mit dem besten Beispiel voran , stand früh auf und kroch spät ins Bett , spielte mit dem ersten Verwalter , dem Pastor und dem Strohmann Whist und hatte nichts dagegen , wenn sich die Hunde in ihrem Zimmer umhertrieben und auf den Kissen ihres Kanapees ihren Mittagsschlaf hielten . Der Herr des Hauses spielte nicht Whist ; aber er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn , und sein Wald und seine Jagd waren sein höchster Stolz . Ein Studierzimmer besaß er von einem alten , verrückten Vetter her , der auf dem Gut zu Tod gefüttert worden war . An Regentagen verfertigte er darin Fischnetze , in welcher Kunst er es zu einer großen Geschicklichkeit gebracht hatte ; zu anderer Zeit wurde es von der gnädigen Frau zu allerlei wirtschaftlichen Zwecken gebraucht , und mancherlei wurde darin aufbewahrt , was mit der Wissenschaft und dem Studium nur in losester Verbindung stand . Als der Kandidat Unwirrsch kam , wurde es demselben übergeben ; und er fand ebenfalls bald , daß der Vetter in der Tat ein höchst origineller Vetter , ein ganz verrückter Vetter gewesen sein müsse : seine auf diesem protestantischen Gutshofe , mitten im nüchternen , verständigen Norddeutschland zurückgelassene Bibliothek bestand aus lauter Schriften über die - immaculata conceptio , und kein Autor in Folio , Quart und so weiter war darunter , den der Vetter nicht durch die tollsten , seltsamsten und kuriosesten Randbemerkungen verziert hatte . Eine ungemeine Belesenheit auf diesem merkwürdigen Felde zeigte der Vetter ; sehr sarkastisch und bissig konnte er sein , aber es gab auch keinen Unsinn in den Bänden , den er nicht durch eine doppelte Dosis Verschrobenheit überbot . Des Kandidaten Augen , die beim ersten Anblick der Bücherreihen einen eigentümlichen Glanz erhalten hatten , verloren diesen Glanz auf der Stelle , nachdem sie die Titel überflogen und in einige der Bücher hineingeblickt hatten . Wehmütig und enttäuscht wandte sich Hans ab ; rotbäckig war der Apfel , doch faul war er auch . - Aber Hans Unwirrsch war ja auch nicht hierhergerufen worden , um die kitzlige Frage , die der Welt bereits soviel Kopfzerbrechen bereitet hatte , zu lösen ; seine Aufgabe bestand darin , den Stammhalter derer von Holoch mit den höhern Kulturanforderungen des neunzehnten Jahrhunderts bekannt zu machen und den guten , gesunden Jungen zu lehren , was er eben lernen konnte . Mit Eifer unterzog er sich dieser Aufgabe und unterwies daneben noch ein kleines , ebenfalls sehr gesundes Fräulein in einigen harmlosen Wissenschaften , als da sind Orthographie , Geographie und dergleichen . Beide Kinder erwiesen sich als dankbare , treuherzige Schüler , und es war recht traurig , daß das kleine Mädchen später in einer übelberatenen Ehe elend zugrunde ging und daß der Sohn als Sekondeleutnant in der Residenz an der Rückenmarksschwindsucht starb , ohne sein Geschlecht legitim fortzupflanzen . Wenn des Vetters bändereiche Bibliothek sich als ein bloßes Schaugericht zeigte , so war dem Herrn Hauslehrer dagegen jetzt Gelegenheit gegeben , sich ein gutes Stück von der hochedlen Wissenschaft der Landwirtschaft anzueignen , und der Gutsherr verfehlte nicht , ihn einzuweihen in die hohen und tiefen Geheimnisse , deren Meister er war . Auch der Pfarrer des Dorfes hielt dem Kandidaten manche nützliche Vorlesung über Feld- , Garten- und Wiesenbau , über Vieh-und Kinderzucht , Behandlung der Frau als Gattin und selbständiges , eigenwilliges Wesen und sonst alles , was zum christlich-germanischen Hausstand und Regiment gehört . Der gute Mann stand arg unter dem Pantoffel , der Gutsherr nicht weniger , und vieles lernte Hans Unwirrsch , wenn die beiden Herren über der Abendpfeife - in Abwesenheit ihrer bessern Hälften natürlich - ihre Herzen gegeneinander ausschütteten , die junge kandidatliche Unschuld mit naivem Vertrauen in ihre geheimen Freuden und Leiden einweihten und ihr den reichen Schatz ihrer Erfahrungen offenbarten . Aber nicht weniger vertraut wendeten sich bald auch die beiden Damen in allerlei kleinen Angelegenheiten , Nöten und Intrigen an den Hauslehrer , und oft flog dieser gleich einem Federball zwischen den beiden Parteien hin und her , ohne es jedoch im geringsten zu ahnen . Es war ein gemütliches Stilleben . Die Verwalter , die sich durch ungeheure Wasserstiefel vor der übrigen Menschheit auszeichneten , waren ehrliche Naturen , denen man eine kleine Grobheit nicht übelnehmen konnte ; - es gab auf dem Gute nur ein einziges Wesen , welches das Vertrauen , das Hans Unwirrsch ihm entgegentrug , schändlich mißbrauchte . Dieses schlechte Wesen war die Mamsell , die zu den korpulentesten und häßlichsten ihrer Art gehörte und in unverantwortlicher Weise den armen Hans in die allergrößte Verlegenheit setzte , indem sie sich heftig in ihn verliebte . Großes Leiden brachte sie über den Herrn Hauslehrer ; aber nachdem sie an einem heißen Mittage in der Grünenerbsenzeit den Versuch gemacht hatte , die Ophelia in einem stehenden Gewässer , welches die Gutsbewohner euphemistisch einen Teich nannten , in welchem aber kein Huhn ertrinken konnte , zu spielen , mußte sie den Hof verlassen , nachdem sie von zwei Knechten aus dem Sumpf hervorgezogen worden war und sich gewaschen hatte . Ihre Nachfolgerin nahm sich entweder ein gutes Beispiel daran oder war bereits über solche Versuchungen hinaus : sie störte den Frieden nicht . Wie aber der Prinzipal und leider auch der Herr Pastor die Geschichte ausbeuteten , wollen wir nicht beschreiben , um die Gefühle der Leserin zu schonen . Zwei Jahre Hauslehrertum sind eine Zeit , in der man manches lernen , erfahren und vergessen kann . Hans Unwirrsch lernte in ihnen , sein Leben bis zum Tode der Mutter wie einen schönen , stillen Traum zu betrachten , an dessen Einzelheiten man sich während der Arbeit des Tages mit wehmütiger Lust erinnert ; er erfuhr , daß es sehr viele und sehr verschiedenartige Menschen in der Welt gibt , und er vergaß vollständig , daß er einmal einem Leutnant Rudolf Götz begegnet war , der seine Nichte von Paris abgeholt hatte und sie an vornehme Verwandte in der großen Hauptstadt abliefern wollte . Im zweiten Jahr von Hans Unwirrschs Aufenthalt auf dem Gut des Herrn von Holoch erschien daselbst eine reiche Erbtante , auf welche die Familie viel Rücksicht zu nehmen hatte . Diese Dame war ebenso hager , wie jene entsetzliche Haushälterin wohlbeleibt war , und der arme Hans mißfiel ihr in demselben Grade , wie er der Mamsell gefallen hatte . Diese Dame war ebenso gebildet , wie sie hager war , und erklärte den Herrn Hauslehrer für einen unpolierten Tölpel , der selbst nicht erzogen sei und darum vollständig der Berechtigung ermangele , andere zu erziehen . Sie examinierte nicht nur den Junker Erich , sondern auch den Kandidaten Unwirrsch , und dies Examen fiel freilich sehr kläglich aus . Gegen alles Achselzucken , Gebrumm und Geseufz des wackern Gutsherrn , gegen alle Einwendungen der braven Gutsfrau , welche mit ihrem Hauslehrer und seiner Erziehungsmethode sehr wohl zufrieden waren , behauptete sie energisch ihren Standpunkt ; und da von ihrer Gnade und Ungnade viel für den Junker Erich abhing , so kam Hans Unwirrschs Aufenthalt auf Bocksdorf plötzlich zu einem betrübten Ende . Die Erbtante nahm es auf sich , den Junker Erich in der kleinen Residenz , wo sie eine ziemlich große Geige spielte , zum Edelmann der Zukunft ausbilden zu lassen ; der Kandidat Unwirrsch erhielt die Erlaubnis von ihr , sich nach einer neuen Stellung umzusehen . Er erhielt eine solche vermittelst eines Zeitungsinserates bei einem wohlhabenden Fabrikanten , welcher im Magdeburgschen irgendeinen übelriechenden Stoff fabrizierte , den man wieder in andern Fabriken zur Herstellung anderer Fabrikate sehr notwendig gebrauchte . Die Stunde des Abschieds kam ; der Herr von Holoch schob seine Fuchsmütze hin und her und seufzte : » Und es wäre doch besser gewesen , wenn ich die alte Schachtel hätte abziehen lassen und nicht Sie , Herr Kandidat . Gott behüte Sie , Sie sind ein wackerer Kerl , und wir werden Sie sehr vermissen . Ohne meine Frau hätte die Alte ihren Willen auch nicht durchgesetzt ; aber - die Weiber , die Weiber ! O Unwirrsch , darüber können Sie noch nicht mitsprechen ; aber wenn Sie ' s gelernt haben , so denken Sie an mich ! « Mit aller Gewalt wollte der gute Herr dem abziehenden Hans eine Lieblingsjagdflinte zum Angedenken aufdringen und konnte durchaus nicht begreifen , weshalb ein Kandidat der Gottesgelahrtheit eine verwunderungswürdige Figur spiele , wenn er als bewaffneter Mann also durch die Welt ziehen wolle . Die schönen Pantoffeln , die das kleine Fräulein ihrem Lehrer zum Abschied gearbeitet hatte - auf jeden derselben war ein Hase gestickt - ' nahm er mit Dank an und war sehr gerührt darüber . Sehr gerührt war auch die gnädige Frau , welche einen großen Sack mit Lebensmitteln und Delikatessen für den Abziehenden füllte und ihm mit fast mütterlicher Sorge allerlei gute Ratschläge und Gesundheitsregeln mit auf den Weg gab . Das Pastorenhaus fühlte den Abschied bitter , das ganze Dorf Bocksdorf schien teil daran zu nehmen ; sogar die Hunde des Gutshofes zeigten sich sehr aufgeregt und umschnüffelten und umwedelten mit kläglichem und ausdrucksvollem Winseln den Proviantsack ; auch der Junker , der sich doch schon mit halbem Geist im Kadettenhaus befand , vergoß einige Tränen . Der Gutsherr selber fuhr den scheidenden Hausgenossen ein gut Stück Weges bis hinein in die goldene Au . Dort in einem lustigen Wirtshaus bestellte er noch ein großartiges Mahl , und wenig fehlte daran , daß candidatus theologiae Hans Unwirrsch sich einen kleinen Rausch zeugete . Dann kam die Post herangerasselt , und der Schwager blies : Frisch auf , Kameraden . Der Herr von Holoch , der nunmehr einen wirklichen und wahrhaftigen kleinen Rausch hatte , nahm noch einmal Abschied in fröhlicher Rührung und schrie noch aus dem Fenster dem Wagenmeister nach , ja recht achtzugeben auf den jungen Menschen und das unerfahrene Wort Gottes . Hans Unwirrsch aber fuhr dahin und fiel , wie sehr er sich auch dagegen wehren mochte , in einen unruhigen Schlaf , in welchem ihm träumte , daß er von der gnädigen Tante in die Bibliothek des Vetters auf ewige Zeit eingesperrt sei , um sich die Bildung , die ihm fehlte , daraus anzueignen . Ein Stück Weges auf der Post - ein Stück Weges auf der Eisenbahn - ein Stück Weges auf einem Feldwege