der Kranke beim besten Willen zu leisten nicht im Stande ist . Und wohl mochte es dem Geheimrath schwer werden , die graue Schattengestalt der Sorge , die sich , je dunkler es im Zimmer wurde , immer dichter und dichter an ihn herandrängte , zu verscheuchen . Wie schlimm es in physischer Hinsicht um ihn stand , konnte ihm , der , wer weiß wie viel ähnliche Fälle beobachtet und wieder beobachtet hatte , am wenigsten verborgen sein . Er wußte nur zu wohl , daß er von nun an geistig und körperlich ein Krüppel sein und bleiben werde , daß er nur noch das Gnadenbrod des Lebens esse , daß der Tod jeden Augenblick die verfallene Schuld eincassiren könne . Und doch war dies , so sehr er auch am Leben hing , sein geringster Kummer . Der Arzt sträubte sich nicht gegen das allgewaltige Geschick , dem er mit aller Kunst noch Keinen hatte entreißen können ; der Schüler Epicurs wußte , daß Wonnen und Schmerzen , Freuden und Leiden in dem Gewebe unserer Existenz untrennbar vereinigt sind . Aber , was ihm das Herz unsäglich schwer machte , war der Gedanke , daß es ihm nun unmöglich sein würde , seine zerrütteten Vermögensverhältnisse zu ordnen , daß er als ein Bankerotteur aus dem Leben gehen , daß er seine Gläubiger durch seinen Tod um ihr Eigenthum betrügen würde . Der Unglückliche seufzte , während er das tiefgebeugte Haupt in den Händen verbarg . Und seine Tochter , seine geliebte Tochter ! Wo war die Hoffnung geblieben , sie einst mit einem Vermögen ausstatten zu können , das die gemeinen Sorgen des Lebens auf immer von der Verwöhnten , Verzärtelten fern halten sollte ? ihr die Mittel gewähren sollte , immerdar eine behagliche Existenz zu führen , wie sie sich für die feinbesaitete Natur des jungen Mädchens einzig zu ziemen schien ? Jetzt konnte er ihr nicht nur kein Vermögen - nein ! nicht einmal einen ehrlichen , fleckenlosen Namen hinterlassen ! Sie hatte keine Ahnung von der mißlichen pecuniären Lage ihres Vaters . Er hatte nie den Muth gehabt , ihr kindliches Gemüth mit Sorgen zu verdüstern , die er von sich selbst , so lange es ging , fern hielt . Sie nahm mit Sicherheit an , daß ihr Vater , wenn nicht ein reicher , so doch ein vermögender Mann sei , daß sie sich den bescheidenen Luxus , mit dem sie sich umgab , unbedenklich gestatten könne . - Und war sie die Einzige , die sich in diesem Wahne befand ? die er aus Scheu vor peinlichen Auseinandersetzungen in diesem Wahne gelassen hatte ? dachten seine Freunde nicht ebenso ? vor allem der jüngste und liebste seiner Freunde , der Mann , welcher das Herz seiner Tochter gewonnen hatte und dem er selbst mit herzlicher , freundschaftlich väterlicher Liebe zugethan war ? der durch sein biederes , edles Wesen , durch seinen Geist und seine Güte diese Liebe , diese Freundschaft im reichsten Maße verdiente ? Was würde er sagen , was würde er thun , wenn er erführe , was er über kurz oder lang doch einmal erfahren mußte ; ja , was ihm der Vater seiner Braut , wenn er nicht allen Ansprüchen auf den Namen eines ehrlichen Mannes entsagen wollte , unter diesen Umständen ohne allen Verzug mitzutheilen gezwungen war ? Der Geheimrath drückte sein Gesicht fester in die zitternden Hände und stöhnte laut , wie ein von grausamen Qualen Gefolterter . Und plötzlich fühlte er sich von weichen Armen sanft umschlungen und eine Mädchenstimme rief ängstlich : Vater , liebes Väterchen , Du bist gewiß wieder recht krank ! und die freundliche , feste Stimme eines Mannes , der eine seiner Hände ergriffen hatte , um nach dem Puls zu fühlen , sagte : Sie sind zu lange aufgeblieben , Papa ! Wir müssen machen , daß wir wieder in ' s Bett kommen . Wie ein erquickender Regen auf eine sonneversengte Pflanze , so fielen diese Stimmen , diese Worte lind und labend in das Herz des armen , an Leib und Seele kranken Mannes . Er legte seine Arme um den schlanken Leib des Kindes und zog es an sein Herz in langer , stummer Umarmung . Er hätte weinen können , wenn er sich nicht geschämt hätte . Sophie fragte wieder und wieder , ob er sich kränker fühle ; Franz , der nach Licht geklingelt hatte , bat immer dringender , er möge nicht durch längeres Aufbleiben das mühsam Gewonnene wieder auf ' s Spiel setzen . Der Geheimrath wollte nichts von Zubettgehen hören ; er fühle sich in dem Lehnstuhl ganz behaglich und durchaus nicht angegriffen . Ueberdies habe er mit Franz zu sprechen , Sophie möge nur ruhig Abendbrot besorgen . Franz , dessen Scharfblick die Unruhe , die Aufregung des Patienten nicht entgangen war , hielt es für das Beste , seinem Wunsche Folge zu leisten , und winkte seiner Braut , sie allein zu lassen . Sophie entfernte sich mit einem ängstlich fragenden Blick auf Franz , den dieser mit einem ermuthigenden Lächeln beantwortete . Die Thür hatte sich kaum hinter der schlanken Gestalt des jungen Mädchens geschlossen , als der Geheimrath Franz ' Hand ergriff und mit einer Stimme , die vergebens nach Festigkeit rang , sagte : Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen , Franz , das ich unter diesen Umständen , wo ich jeden Augenblick auf den Tod gefaßt sein muß , nicht länger verschweigen kann , ohne ehrlos zu handeln . Was ist es , Papa ? fragte Franz , einen Stuhl dicht an den Platz des Geheimraths rückend und die Hände desselben freundschaftlich in seine Hände nehmend . Das ist es ! sagte der Geheimrath - und nun erzählte er Franz , daß er im Laufe der Jahre , zum Theil in Folge eines Mangels an weiser Sparsamkeit , zum Theil durch vielfältige Darlehen , die er an Arme , Bedürftige aller Art gemacht und niemals wieder bekommen habe , tief in Schulden gerathen sei ; daß er gehofft habe , sich durch verdoppelten Fleiß in den nächsten Jahren wieder heraufzuarbeiten , eine Hoffnung , die wie er jetzt nur zu schmerzlich fühle , nicht in Erfüllung gehen werde . Der Geheimrath machte hier eine Pause , sei es , weil er für den Moment zu erschöpft war , sei es , weil er von Franz eine Antwort erwartete . Als der junge Mann aber mit niedergeschlagenen Augen in seinem Schweigen verharrte , fuhr der Kranke nach dieser Pause mit leiserer und erregterer Stimme fort : Verzeihen Sie , lieber Franz , daß ich in einem vielleicht sträflichen , aber sehr erklärlichen Egoismus so lange mit dieser Enthüllung Ihnen gegenüber gezögert habe . Es ist eine schreckliche Aufgabe , Menschen betrüben zu müssen , die man lieb hat ; Menschen ärmer machen zu müssen , die man mit allen Gütern dieser Erde überschütten möchte . Er schwieg und versuchte seine Hände aus den Händen des jungen Mannes zu ziehen , gleichsam als habe die Entdeckung , die er so eben gemacht , die vertraute Freundschaft gestört und aufgehoben . Aber Franz rückte nur näher an den Kranken und sagte , ihm mit seinen klaren , treuen , klugen Augen tief in die Augen sehend : Ich habe Sie ruhig aussprechen lassen , Papa ; nun lassen Sie mich dasselbe thun . - Wenn Jemand einem Freunde , den er liebt , einen unermeßlichen kostbaren Schatz schenkt , einen Schatz , an dem das Herz des Freundes so hängt , daß er ohne denselben nicht mehr leben könnte und möchte und der Geber spräche nun zum Freunde : Lieber , während ich diesen Schatz hütete , habe ich , wie du dir denken kannst , auf die Leitung und Regelung meiner übrigen Angelegenheit nicht die nöthige Sorgfalt verwenden können . Es sind da einige Gläubiger , die bezahlt sein wollen und bezahlt werden müssen . Willst du nicht diese Sache übernehmen ? Du bist jünger und rüstiger , und du hast keinen Widerwillen gegen Geschäfte - wenn , sage ich , der Geber also zu dem so reich Beschenkten spräche , und dieser wollte antworten : den Schatz , der mich in alle Zukunft so unermeßlich reich macht , nehme ich freilich , aber was deine übrigen Angelegenheiten betrifft , so siehe zu , wie du fertig wirst ; ich will nichts damit zu schaffen haben ; - würde man ihn , der so antwortete , nicht mit Recht für ein Ungeheuer von Herzlosigkeit , für ein Scheusal von Undankbarkeit halten ? Genau so aber liegt die Sache zwischen uns . Der großmüthige Geber sind Sie , der so überreich Beschenkte bin ich , der unermeßlich kostbare Schatz ist meine , unsere Sophie . Zwischen uns kann nicht mehr von Mein und Dein die Rede sein ; was ich besitze , gehört Ihnen , der Sie mir in der dreifach ehrwürdigen Gestalt des Freundes , des Lehrers , des Vaters erscheinen . Was ich aber besitze , sind zehn- bis elftausend Thaler , die ich von einer Tante , die ich nie gesehen habe , erbte , und die Ihnen jeder Zeit zur Verfügung stehen . Ich weiß , daß diese Summe nicht genügt , Sie von den eingegangenen Verbindlichkeiten zu befreien . Aber eine Erleichterung , eine Hülfe wird sie Ihnen immer sein , und ich bitte , ja ich beschwöre Sie , von dieser Hülfe den ausgedehntesten Gebrauch zu machen . - Nein , Papa , schütteln Sie nicht den Kopf ! Es hilft Ihnen nichts . Sie sind Sophie , mir und sich selbst die Erfüllung meiner Bitte schuldig . Und dann : ich will Sie nicht um eine Gefälligkeit bitten , ohne auf eine äquivalente Gegenleistung zu dringen . Wir haben den Termin unserer Hochzeit immer noch nicht festgesetzt . Wir scheuten uns , mit der Sprache herauszurücken , weil wir Ihren Widerspruch , zum mindesten Ihre mit Widerstreben gegebene Einwilligung fürchteten . Jetzt bin ich kühn geworden und bitte nicht um Flandern , noch Gedankenfreiheit , König Philipp , sondern um die Erlaubniß , Deine Infantin , Donna Sophia , heute über vier Wochen als mein ehelich Gemahl heimführen zu dürfen . Sieh ! da ist sie selbst ! - Kniee nieder , Mädchen , und danke Deinem Herrn und Vater für seine Güte . Er willigt in unsere Vermählung heute über vier Wochen . Sophie , die bei Franz ' letzten Worten in das Zimmer getreten war , eilte auf den Vater zu : Gutes , liebes Väterchen ! herzallerliebstes Väterchen ! rief sie , den Geheimrath umarmend und ihn zärtlich auf Stirn und Lippen küssend . Der Geheimrath war in einer unbeschreiblichen Erregung . Seine zitternden Lippen versuchten umsonst ein Wort hervorzubringen ; seine thränenüberströmten Augen wandten sich bald auf die vor ihm knieende Tochter , bald auf den edlen Mann , der über ihn gebeugt dastand und seinen Arm vertraulich um seinen Nacken geschlungen hatte . Sein von der Krankheit angegriffenes Gehirn vermocht nicht das Chaos der auf ihn einstürmenden Gedanken zu bewältigen , aber in seinem Herzen sagte vernehmlich eine Stimme , daß er nun ruhig sterben könne . Franz , der nicht ohne Grund fürchtete , daß die heftige Gemüthserschütterung eine Verschlimmerung in dem Zustande des Kranken herbeiführen könne , beeilte sich , dieser Scene eine Ende zu machen . Er klingelte und hieß den eintretenden Bedienten , ihm beim Zubettbringen des Herrn zu helfen . Der Geheimrath ließ Alles ohne Widerrede mit sich geschehen . Franz und der Diener rollten den Stuhl bis an die Thür des nächsten Gemachs , die schon von Sophie geöffnet war , hoben ihn über die Schwelle und schlossen die Thür hinter sich , während Sophie allein in dem Wohnzimmer zurückblieb . Nach einigen Minuten kam Franz zurück . Er war bewegt , wie Sophie ihn kaum gesehen hatte ; aber sie sah auch zugleich , daß diese Bewegung keine schmerzliche war . Seine Augen blitzten , sein Schritt war elastisch wie eines Siegers Schritt , und seine sonst etwas scharfe Stimme klang weicher und voller , als er jetzt , die Geliebte fast stürmisch in seine Arme schließend , sagte : Freue Dich , Mädchen , es geht Alles gut , vortrefflich . Ich habe dem Papa seine Einwilligung abgeschmeichelt und abgetrotzt . Sagte ich Dir nicht , in vier Wochen sind wir Mann und Frau ? sagte ich Dir nicht : in unserer Brust sind unsers Schicksals Sterne ? O , ich fühle einen ganzen Himmel in meiner Brust ! liebe , liebe Sophie ! Lieber , lieber Franz . Und die Liebenden hielten sich lange innig umschlungen . Dann , als die Fluth herrlichster Gefühle sich zu ruhigeren Wogen sänftigte , wanderten sie Arm in Arm in dem Gemache auf und ab , und ihre Stimmen waren leise , wie ihre Schritte auf dem Teppich , und was sie flüsterten war süß und traulich , wie das von einem rothen Schleier gedämpfte Licht der Lampe , die auf dem Tische vor dem Sopha brannte . Sie waren so in ihr bald ernstes , bald heiteres , und von einem gelegentlichen halb unterdrückten Lachen oder verstohlenen Kuß unterbrochenes Gespräch vertieft , daß Jemand , der um diese Stunde fast täglich in das Haus des Geheimraths kam , erst dreimal an die Thür pochen mußte , ehe sie Beide zu gleicher Zeit mit Herein antworteten . Fünfzehntes Capitel Guten Abend , hochverehrliches christliches Brautpaar , sagte der darauf in ' s Zimmer Tretende ; störe ich Sie vielleicht in Ihrer Andacht ? Guten Abend , Bemperchen ; erwiderte Sophie , sich aus Franz ' Arm losmachend und dem kleinen Mann , der zierlichen Schritts auf sie zukam , herzlich die dargebotene Hand drückend ; Sie kommen gerade zur rechten Zeit , mich gegen diesen Erzspötter in Schutz zu nehmen . Guten Abend , Bemperlein , sagte Franz ; Sie kommen gerade zur rechten Zeit , mir diese halsstarrige Sünderin überzeugen zu helfen . Ehe ich das Eine thun und das Andere lassen kann , erwiderte Herr Bemperlein , seine Handschuhe ausziehend und sie sorgfältig zusammenlegend , erlaube ich mir , mich nach dem Befinden des Herrn Geheimraths pflichtschuldigst zu erkundigen . Es geht viel besser , erwiderte Franz . Ich schloß das aus Ihrer heitern Stimmung , sagte Bemperlein . Nun , das freut mich sehr . So können wir doch heute Abend endlich einmal zu Abend essen , ohne daß uns , wie in den letzten vierzehn Tagen , jeder Bissen vor Wehmuth und Trauer im Munde stecken bleibt . Ad vocem Abendessen : wie steht es damit , Fräulein Sophie ? ich , der ich nicht , wie Sie , das Glück habe , mit dem Nektar der Liebe meinen Durst und mit der Ambrosia traulichen Geschwätzes meinen Hunger stillen zu können , empfinde eine nicht mißzudeutende Regung nach irdischer Speise und Trank . Ich glaube , das Abendessen steht schon seit einer halben Stunde auf dem Tisch , sagt Sophie ; ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen . So lassen Sie uns keine Minute länger zögern ; sagte Bemperlein , Sophie den Arm bietend und sie den wohlbekannten Weg in das anstoßende Gemach führend , in welchem stets gespeist wurde . Ich fürchte , die Kartoffeln sind eiskalt , sagte Sophie , den Deckel von einer Schale abhebend . So haben Sie genau die Temperatur dieses Fisches , sagte Franz , ihr die Schüssel präsentirend . Oder dieser Sauce , sagte Bemperlein , ihr die Sauciere von der andern Seite darreichend . Sophie zuckte die Achseln : Nichts wird so warm gegessen , wie es gekocht ist , meine Herren . Das muß ich als zukünftige Hausfrau wissen . Wir heirathen nämlich heut über vier Wochen , Bemperlein , sagte Franz . Das heißt , wenn Ihr Frack , den Sie schon , seitdem Sie in Grünwald sind , machen lassen wollen , bis dahin fertig wird , Bemperchen ; sonst unter keiner Bedingung , sagte Sophie . Der Frack wird fertig ! der Frack wird fertig ! rief Herr Bemperlein , und sollte ich ihn selber zurechtschneiden , nähen und bügeln . Das würde ein schönes Kleidungsstück werden , Bemperchen . Vielleicht nicht so schlecht , wie Sie glauben . Es wäre wenigstens nicht der erste Frack , den ich mir höchst eigenhändig fertigte . Unmöglich , Bemperlein ! rief Franz voll Erstaunen . Was ich Ihnen sage . Es ist nun freilich schon ein wenig lange her - fünfzehn Jahre etwa - und ich war dazumal , in meiner Robinson-Crusoe-Periode , erfinderischer und fleißiger als jetzt ; aber für unmöglich halte ich die Sache auch noch heute nicht . Aber was zwang Sie denn , so wunderliche Experimente anzustellen ? Die Erfinderin aller Künste , die Noth . Sie wissen , Fräulein Sophie , daß ich zu denjenigen Kindern Gottes gehöre , - oder vielmehr gehörte , denn jetzt bin ich in eine andere Rangclasse versetzt - welches das Himmelreich versprochen ist , weil sie auf Erden nichts ihr eigen nennen . In Folge dessen war ich , als ich damals aus den elysäischen Gefilden meines Heimathsdorfes hierher kam , gezwungen , eine Art von Cicadendasein zu führen und alle unnöthigen Depensen zu vermeiden . So verfiel ich denn unter anderm auf den sehr naheliegenden Gedanken , ob es nicht möglich sein sollte , sich auch in unserem tinteklecksenden Säculum die nöthigen Kleidungsstücke selbst zu fertigen , wie weiland Eumäus , der göttliche Sauhirt . Gedacht , gethan . Ich hatte eine vertraute Freundschaft mit einem Knaben geschlossen - er hieß Christian Süßmilch , der Sohn von dem alten Schneidermeister Süßmilch in der Langenstraße , - der durchaus Schneider werden sollte und durchaus ein Gelehrter werden wollte . Wir machten einen Covenant , daß ich , wenn Papa Süßmilchs Stentorstimme Feierabend verkündet hatte , den Zumpt und den Rost mit ihm tractirte , wogegen er mich lehren sollte , wie man die Nadel und das Bügeleisen führt . Unsere Studien wurden mit eben so viel Eifer wie Heimlichkeit betrieben , denn ich fürchtete nicht ohne alle Ursache den Spott meiner Mitschüler und er die sicher treffende Elle seines Vaters und Lehrherrn . O , es waren köstliche Stunden , die wir so zusammen verlebten , Stunden , die er und ich nie vergessen werden . Ich sehe uns noch beim traulichen Schein einer Thranlampe auf meinem kleinen Dachstüben zusammensitzen - an einem Herbstabend wie heute , wenn der Regen auf die Ziegel dicht über unseren Köpfen tappte und die Rinne gurgelte und die Eulen und Dohlen auf dem Thurm der nahen Nicolaikirche krächzten und schrieen . Wir aber froren nicht , trotzdem kein Feuer in dem kleinen Kanonenofen brannte , denn die heilige Flamme der Freundschaft durchströmte unsere Adern mit sanfter Gluth , und ich nähte , daß der Faden rauchte , und er lernte in seiner Grammatik , daß ihm der Kopf dampfte , und wenn ich dann die Naht nach allen Regeln der Kunst genäht hatte und er sein » tüpto , tüpteis , tüptei « ohne Anstoß aufsagen konnte , so sanken wir uns gerührt in die Arme und beneideten keinen König auf dem Thron um seine Herrlichkeit . Herr Bemperlein schwieg und blickte gerührt in sein Glas . Die alte Zeit soll leben , Bemperlein ! sagte Franz . Und die neue , erwiderte Bemperlein , mit dem Brautpaare anstoßend . Aber wie war das mit dem Frack , Bemperchen ? fragte Sophie ; es war doch nicht gar Ihr Confirmationsfrack ? Richtig gerathen , schöne Dame ; es war mein Confirmationsfrack . Die Zeit der Einsegnung war vor der Thür . Ich hatte von einem Kaufmann , dessen Kinder ich im Lesen und Schreiben unterrichtete , und bei dem ich auch wöchentlich einen Freitisch hatte , Tuch zu einem Frack geschenkt bekommen . Der brave Mann sagte mir sogar : ich solle ihn nur bei seinem Schneider auf seinen Kosten lassen . Ich glaubte indessen , die Güte des Mannes zu mißbrauchen , wenn ich auch dies Geschenk noch annehme , und bat um die Erlaubniß , den Frack bei meinem eignen Schneider machen lassen zu dürfen . Nun , wer der » eigene Schneider « war , können Sie sich denken . Christian Süßmilch und ich wollten uns beinahe todt lachen über den genialen Witz ; und wir beschlossen sofort an ' s Werk zu gehen und ein Meisterstück zu liefern , das unserm » eigenen Schneider « Ehre machen sollte . Aber , o des Jammers ! Papa Süßmilch war hinter unsere » verdammten Schliche « gekommen , wie er in seiner banausischen Redeweise die Weihestunden der Freundschaft und Arbeit zu nennen beliebte . Er hatte eine griechische Grammatik entdeckt , die Christian beim Eintritt des böotischen Vaters in die Hölle unter die Lumpen zu schleudern pflegte und eine Folge dieser entsetzlichen Entdeckung war die , daß er zuerst einmal seine Elle auf dem Rücken des attischen Jünglings entzweischlug und zweitens ihm bei Androhung sofortiger Enterbung und Verbannung aus dem väterlichen Hause kategorisch befahl , in Zukunft allen Umgang mit mir gänzlich und durchaus abzubrechen . Weinend erzählte mir der treue Freund das Entsetzliche , als ich ihm Tags darauf an der Straßenecke begegnete , wie er eben ein fertiges Beinkleid zu einem der Kunden seines Vaters trug . Aber ich beuge mich nicht länger unter diese Tyrannei , rief er mit einer Armschwenkung , die einem Demosthenes Ehre gemacht haben würde ; noch diesen einen Sclavendienst ( und er schlug dabei mit der geballten Faust auf die sauber zusammengefalteten Inexpressiblen ) und dann gehe ich hinaus in die weite Welt . Willst Du mit ? Nur mit Mühe konnte ich den armen Jungen beruhigen ; ich wußte , daß ihm der Gedanke , mir nun nicht bei meinem Frack helfen zu können , weher that , als alles Andere . Ich erinnerte ihn an das Gebot , welches uns befiehlt , Vater und Mutter zu ehren , auf daß es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden ; ich sagte ihm , daß sein Vater doch endlich nachgeben werde ; und was den Frack betreffe , so würde der Schüler seinem Meister Ehre machen . - Christian schüttelte wehmüthig den Kopf : Du wirst nicht fertig , Anastasius , sagte er , Du wirst nicht fertig , auch angenommen , daß Du mit dem Zuschneiden zu Stande kommst . - Was gilt die Wette , Christian ? rief ich , Du siehst mich heute über acht Tage bei der Einsegnung in der Kirche in dem Frack , den ich ohne Deine Hülfe machen werde , und Du sollst eingestehen , daß er gut gemacht ist . Gewinn ' ich , schenkst Du mir Deinen Dompfaffen , gewinnst Du , gebe ich Dir die Odysse in der Heyne ' schen Ausgabe . Willst Du ? - Topp ! sagte Christian , trotz seines Jammers lächelnd . Ich sollte eigentlich nicht wetten , weil Du doch verlierst ; aber wenn Du willst , so sei ' s. Nun , und wer gewann die Wette ? fragte Sophie eifrig . Am nächsten Sonntag , in der Nikolaikirche , sagte Herr Bemperlein , und seine Stimme zitterte und seine Brillengläser wurden feucht ; am nächsten Sonntag kniete ich zwischen vielen Jünglingen an dem Altar , und die Orgeltöne flutheten durch die hohen Hallen und der Priester murmelte den Segen Gottes über uns , aber ich hörte von allem nichts ; ich sah nur immer nach der Empore hinauf zu einem Knaben mit langen braunen Haaren und braunen Augen , der mir Kußhände zuwarf und dessen liebes Gesicht vor Stolz und Freude darüber , daß sein Freund , gegen all ' sein Erwarten , so stattlich aussah , erglänzte und der , als an mich die Reihe kam , daß der Herr mich segnen und behüten möchte und sein Antlitz leuchten lassen über mich , fromm die Hände faltete und mit gebeugtem Haupte für mich inbrünstiglich betete . Bemperlein schwieg . Er hatte die Brille , die immer trüber geworden war , abgenommen und rieb die Gläser mit dem Taschentuche wieder blank . Und was ist aus Christian geworden ? fragte Franz . Er ist jetzt Professor der alten Sprachen an einem Belgischen hochberühmten Lyceum ; seine Grammatik über den dorischen Dialect ist epochemachend für die Sprachwissenschaft . Ich hatte vorgestern einen sechszehn Seiten langen Brief von ihm . Und was ist aus dem Frack geworden ? fragte Sophie . Er hängt noch heut zu Tage wohlerhalten als theures Andenken in meinem Schrank , erwiderte Herr Bemperlein , die Brille wieder aufsetzend und Sophie schalkhaft anlächelnd ; ja , und was noch mehr sagen will : er paßt mir noch heute so gut , als er mir damals paßte , und ich kann mich in ihm jederzeit vorstellen , falls mein gnädiges Fräulein an der Wahrheit dieser wahrhaftigen Geschichte zweifeln sollte . Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen , Bemperchen ? sagte Sophie mit ungewöhnlichem Ernst , ihm die Hand entgegenstreckend . Jede ! sagte Bemperlein mit Enthusiasmus , die Hand des Mädchens ergreifend . Lassen Sie sich zu meiner Hochzeit keinen neuen Frack machen , sondern kommen Sie in dem alten , der für Sie durch so herrliche Erinnerungen geweiht . Ist das Ihr Ernst ? Zweifeln Sie daran ? Nun gut , sagte Herr Bemperlein , Sophien die Hand küssend , ich will in dem Frack , den ich mir zu meiner Confirmation selbst gemacht habe , Ihr Brautführer sein . Die kleine Gesellschaft beendigte ihr kaltes Abendbrod und begab sich in das trauliche Wohnzimmer zurück , wo Sophie den Thee bereitete , während Franz ging , sich nach des Geheimraths Befinden umzusehen . Er kam mit der erfreulichen Kunde zurück , daß Papa , seit dem Beginn seiner Krankheit zum ersten Male in einem ruhigen , erquickenden Schlafe liege , in welchen er , wie der Diener , der diese Nacht bei ihm wachte , erzählte , alsbald gefallen sei , nachdem er noch eine Zeit lang mit gefalteten Händen abgebrochene Worte gemurmelt hatte . Franz sagte , daß die Reconvalescenz von diesem Augenblick rasch fortschreiten werde und daß er jetzt die beste Hoffnung für eine möglich vollständige Wiederherstellung habe . Sophie umarmte und küßte ihn für diese frohe Botschaft und Herr Bemperlein schwur , daß er von heute Abend an außer den vier heiligen Evangelisten noch einen höchst unheiligen , Namens Franziskus , kenne und verehre . Sie hatten sich um den Kamin herumgesetzt . Der Dampf der Theemaschine und der Rauch der Cigarren , welche sich die Herren angezündet hatten , stieg in Wolken zu der Büste des Zeus hinauf , der nun zu einem behaglichen Jupiter Xenius wurde . Franz war in einer eigenthümlich aufgeregten Stimmung , die sich Sophie durch die Freude über die günstige Wendung , welche die Krankheit des Vaters genommen hatte , erklärte , die aber einen noch ganz andern Grund hatte . Es war die nervöse Erregung , die auch den Muthigsten vor dem Beginn der Schlacht überkommt , und Franz fühlte und wußte , daß der Kampf des Lebens heute für ihn in Wahrheit entbrannt war . Hatte er doch die ernstesten Verpflichtungen , die von unabsehbaren Folgen für seine , für Sophiens Zukunft sein konnten , übernommen ! Lag doch von heute an die ungeheuerste Verantwortung auf seinen Schultern ! Sah er doch plötzlich das Meer , auf welchem das Fahrzeug seines und ihres Glückes schwamm , von den gefährlichsten Klippen angefüllt , die sicher zu durchsteuern , es eines allzeit klaren Kopfes , eines allzeit muthigen Herzens , einer allzeit festen Hand bedurfte ! Sophie ahnte nicht , was ihr Verlobter empfand , als sie jetzt , in Gemeinschaft mit Bemperlein , anfing , sich die Zukunft nach ihrem Geschmack auszumalen - ein kleines , behagliches Paradies voll Ruhe , Frieden und Sonnenschein . Sie müssen auch heirathen , Bemperchen , rief sie . Mit dem größten Vergnügen , erwiderte Herr Bemperlein ; finden Sie nur erst die Hauptsache . Das wäre ? Ein Mädchen , das mich lieben will und das ich lieben kann . Ich werde Ihnen eins aussuchen , Bemperchen . Ich kenne Ihren Geschmack , und weiß ganz genau , wie die zukünftige Frau Professor Bemperlein beschaffen sein muß . Da wäre ich doch neugierig , sagte Herr Bemperlein , sich behaglich in seinem Lehnstuhl zurechtrückend . Zuerst , sagte Sophie , was das Aeußere betrifft - denn Sie legen doch auch etwas Gewicht auf das Aeußere , Bemperchen , oder nicht ? Doch , doch ! sagte Bemperlein eifrig . Nun wohl ! so darf Ihre Zukünftige nicht eben groß sein . Weshalb nicht ? Weil Sie selbst kein Riese sind , Bemperchen , und Sie wissen : nur Gleich und Gleich gesellt sich gern . Ich schlage deshalb vor , daß sie zierlich und manierlich ist , ein hübsches kleines Figürchen mit dunkelm Haar und dito Augenpaar , gewandt , anstellig , munter und beweglich . Sind Sie ' s zufrieden ? Hm ! sagte Herr Bemperlein ; nicht übel ; gar nicht übel ! Weiter ! Sodann , was die Vermögensumstände angeht , so darf sie nicht reich sein . Sie wissen , weshalb ? Weil ich mit dem Gelde doch nichts anzufangen wüßte ? Das meine ich . Habe ich recht ? Vollkommen . Aber nun erklären Sie mir noch nachträglich , weshalb die in Frage stehende Dame gerade braunes Haar und braune Augen haben soll ? Ich habe , soviel ich weiß , nur von dunkelm Haar und dunkeln Augen gesprochen ; aber wenn Sie die braune Farbe vorziehen , Bemperchen - Ich vorziehen ! sagte Herr Bemperlein eifrig , ich vorziehen ! Warum nicht gar ! Bemperchen , Sie sind roth dabei geworden ! die Sache ist verdächtig ! Meinst Du nicht auch , Franz ?