gegen die zauberhafte Anziehungskraft der weißen Bildsäule , der grünen Baumgruppe und des kleinen Menschenfigürchens drunten in der Tiefe , zwischen den hohen Brandmauern . Darauf kam eine Zeit , in welcher Robert sich nicht mehr wehrte gegen den magischen Punkt im Süden , eine Zeit , in welcher der Sternseher die Fortschritte seines Zöglings nicht mehr so wie früher zu loben hatte . Selbst ein so gescheuter Mann wie Heinrich Ulex kann nicht auf alles achtgeben , zumal wenn die Astronomie seine Lieblingswissenschaft ist , zumal wenn er den Jahren , bis zu denen die Heilige Schrift des Menschen Lebensalter ausdehnt , so nahe gekommen ist , als der Sternseher es war . Der Polizeischreiber machte sich keine Sorge über die Zerstreutheit seines Schützlings , und noch weniger Sorge machte er sich über eine andere Umwandlung , welche im Wesen des Jünglings eingetreten war . Anfangs hatte Robert sich vor den Gassen , vor dem Gewimmel der großen Stadt sehr gescheut , fast gefürchtet , und der einzige Weg , welchen er allein ging , war der zum Giebel des Nikolaiklosters gewesen . In das Gewühl der Stadt hatte er sich nur an der Seite des Polizeischreibers gewagt , und stets war er bedrückt und verwirrt daraus heimgekehrt . Er schien auf keine Weise sich darin zurechtfinden zu können ; die Häuser und Mauern wollten ihm auf den Kopf fallen , die Tausende und aber Tausende von Gesichtern waren ihm unheimlich ; überall vermutete er lauernde Feinde , Spott und höhnisches Lachen . Das änderte sich allmählich ganz und gar . Robert Wolf wagte es , auf eigene Faust die Gassen zu durchstreifen ; die Scheu , die Angst vor den Menschen verlor sich , und der Polizeischreiber Fiebiger rieb sich die Hände nach seiner Gewohnheit darüber . Der Ortssinn , welchen der Jüngling aus seinem Heimatswalde mitgebracht hatte , leistete ihm jetzt die besten Dienste ; er suchte die Straße , in welcher das Haus stand , dessen Gärtchen man vom Giebelfenster des Sternsehers aus erblickte . Er fand die Straße und fand das Haus ; durch Julius Schminkert erfuhr er , wem es gehöre . Robert fing an , nähere Bekanntschaft mit dem leichtsinnigen Wandnachbar zu machen ; auch Schminkert gehörte zu den Lehrmeistern , welche den Jüngling in die Geheimnisse des Lebens einweihen sollten ; - ein gefährlicher Lehrer war er freilich , und seine Maximen , seine Philosophie wären ohne das Gegengewicht , welches Ulex und Fiebiger in die Waagschale warfen , im höchsten Grade bedenklich gewesen . Es war die Philosophie des praktischen Zynismus , welche dem Jüngling hier entgegentrat ; nicht jener Art des Zynismus , von der die Stoiker sagten , sie sei eine Abkürzung des Weges zur Tugend , sondern jener Art , welche nur eine Abkürzung des Weges zur Schenke , zu allen Ausschweifungen ist , indem sie die ganze Welt zu einer Kneipe macht und jede Tugend zu einem Schenkmädchen . » Ich will Euch mal was sagen , Waldmensch « , meinte der treffliche Julius , » Ihr scheint mir ein ganz guter Junge zu sein ; aber die Alten werden doch einen Esel aus Euch machen ; Ihr seid da in die richtigen Hände gefallen . Haltet Euch stellenweise ein wenig zu mir , ich werde Euch mancherlei zeigen , von welchem selbst die hohe Polizei keinen rechten Begriff hat . Man muß sich in das Leben hineinfressen wie die Maus in die Speckseite und sich nicht gleich ins Mauseloch jagen lassen , wenn die alte Person , der Küchendragoner Moral , mit Besen und Feuerzange ein großes Gepolter macht . « Julius Schminkert gehörte zu den Menschen , welche in der ebenso angenehmen wie leicht erklärlichen Illusion befangen sind , zu den achtungswertesten , verkanntesten , geistreichsten und unentbehrlichsten Charakteren der Gegenwart zu gehören , und welche es zugleich für ihre Pflicht halten , sich von Zeit zu Zeit ein Individuum aus der Masse der Menschheit zu wählen und es mit allen ihren in ihnen verborgenen trefflichen Eigenschaften speziell bekannt zu machen . Diese Menschen sind von der Natur mit seltsam kräftigen Anklammerungswerkzeugen ausgestattet ; den Gegenstand ihrer Zuneigung halten sie fest , bis er ihnen langweilig geworden , bis sein Geldbeutel leer ist ; - es sind noch lange nicht die schlechtesten Gesellen , und der schlaue alte Fiebiger ließ seinen Schützling ruhig mit dem Schauspieler gehen , ohne ein Wort darüber zu verlieren . Die Augen hielt er aber weit offen . Julius Schminkert führte den Jüngling ein in den Kreis , von welchem der Rentier Schwebemeier ein so ausgezeichnetes Mitglied und kostbarer Zierat war und wo die früher schon erwähnten Damen die weibliche Grazie in der echtesten Karikatur zur Darstellung brachten . Groß war die Verwunderung Roberts über die Anschauungen und das Gebaren dieses Kreises , über die Geschichten , welche die Herren und Damen erzählten , über die Art , wie sie ihre Geschichten erzählten . Es konnte nicht fehlen , daß von Zeit zu Zeit auch die Rede auf die » durchgegangene « Eva Dornbluth kam , und Robert mußte alle Geisteskraft zusammenraffen , um nicht , wenn dieser Name mit Spott und unendlicher Heiterkeit genannt wurde , aufzuspringen und dreinzuschlagen . Eines Abends kehrte der Jüngling aus der Gesellschaft des Schauspielers heim in das stille verräucherte Gemach , wo der Polizeischreiber in Tabakswolken gehüllt bei seiner Lampe saß und las , legte mit Tränen der Reue und Wut dem Alten unaufgefordert Beichte ab und versprach ihm und sich selbst feierlich , nicht mehr den Wegen , auf welchen der lustige Julius sein Dasein vertaumelte , folgen zu wollen . Der Alte fuhr sich komisch durch die Haare und meinte : » Hast du genug in den Topf gerochen ? Ein arabisches Sprichwort sagt : Spiele nicht mit den Hunden , sie könnten sich deine Vettern nennen . - Man kann vieles in einem langen Leben lernen , aber oft noch mehr in ein paar Tagen , in einem kurzen Augenblicke . Na , beruhige dich , Bursche ; ich wußte , daß es so kommen würde ; man soll den Menschen nicht auf alles mit der Nase stoßen , es schadet gar nichts , wenn er sie sich selbst von Zeit zu Zeit an einer Ecke blutig rennt . « So wurde der Knabe aus dem Walde zwischen der Weisheit , die in der Einsamkeit unter den Sternen wandelt , der Weisheit , die im Gewirr der Menschheit den festen Boden der Erde tüchtig und ernst beschreitet , und der Lebensansicht , welche im Schmutz tappt und den Fuß nur hebt , um ihn desto tiefer wieder in den Kot zu setzen , seines Weges geführt . Seine Schule begann sehr früh , und oft genug zitierte ihm der Sternseher die Worte Senecas : » Non est ad astra mollis e terris via . « Er vertiefte sich in den bittersüßen Inhalt des Buches des Lebens zu einer Zeit des Lebens , in welcher andere sich noch kindlich über den schönen goldglänzenden , bunten Einband freuen . Er war zu beneiden ; aber er war auch zu beklagen . Wie wunderlich ist es doch , daß die Menschen , deren Los , alles in allem genommen , ist , hienieden beklagt zu werden , so oft und so grundlos beneidet werden und wieder andere beneiden ! Aber die Sonne lag auf dem grünen Gartenfleckchen hinter dem Hause des Bankiers Wienand , welches vom Giebelfenster des Sternsehers Heinrich Ulex zu erblicken war . Der Himmel war blau , trotzdem die große Stadt so viele schwarze Rauchwolken zu ihm emporsandte . - Robert Wolf vergaß den Zauberer Virgil über die Holunderbüsche , die weiße Statue der Hebe und die kleine Gartenbank , und der Sternseher Ulex wunderte sich darüber ; wir aber wenden uns jetzt zu dem Garten inmitten des Gemäuers selbst , wir wenden uns zu dem jungen Mädchen auf der Bank unter den Holundern , neben der Bildsäule . Die Welt , in welcher Helene Wienand geboren und aufgewachsen war , zu schildern ist kein Vergnügen . Es gibt darin selten große Verbrechen , aber fast ebenso selten große Tugenden . Es gibt darin recht hübsche , bequeme und angenehme Laster und ebenso hübsche , bequeme und angenehme Tugenden . Man liebt und haßt auf eine Art , welche uns allen leider nur zu gut bekannt ist und welche keiner Beschreibung bedarf ; - durchschnittlich überwiegen die Tugenden die Laster , durchschnittlich überwiegt die Liebe den Haß , doch das ist nicht sehr hervorzuheben . Jedermann ist von seiner Vortrefflichkeit höchlichst überzeugt und verlangt , daß jedermann dieselbe Überzeugung davon habe . Der Kreis , den man übersieht , ist nicht sehr weit , und was man sieht , erblickt man durch die gefärbten Gläser der Gewohnheit , des angeborenen oder allzu schnell gefaßten Vorurteils . Man hat seine Art , der Welt gegenüber die Lorgnette vor die Augen zu halten , und es ist inkonventionell , von dieser Manier abzulassen - man würde sich allerlei mehr oder weniger spitze und stumpfe Bemerkungen und kleine , ganz winzige tödliche Verfeindungen dadurch zuziehen - man muß mit den andern leben , und man lebt gleich den andern . Wir kennen diese Lebenskreise ziemlich genau ; wirkliche Originale sind in den Grenzen , bis zu denen dieser Teil der menschlichen Gesellschaft sich ausdehnt , vielleicht am wenigsten zu finden , und zwar aus dem einfachen Grunde , weil man es hier am wenigsten mit Extremen zu tun hat . Die goldene Mittelstraße hat auch ihre Schattenseiten ; es ist nichts vollkommen in dieser Welt . Die aurea mediocritas erträgt auch am wenigsten gern das Vollkommene ; denn wie kann sie Freude und Genugtuung darüber empfinden , daß irgend etwas sich über ein anderes zu erheben sucht oder wirklich erhebt ? Ist es so angenehm , überragt , überstrahlt zu werden ? In diese Welt , wo man mehr lächelt als lacht , mehr leise haßt als laut zürnt , mehr verleumdet als schmäht und schilt , wurde Helene Wienand hineingeboren , und ihr Leben würde sich wohl wie das der andern Kinder ihres Standes entwickelt haben ohne die Dazwischenkunft der guten Fee , des alten Mütterleins im Märchen , welches wir geschildert haben . Wie gesagt , was für Robert Wolf erst der Pastor Tanne und jetzt Fiebiger und Ulex waren , das war für Helene von frühester Jugend an das Freifräulein Juliane von Poppen . Leider müssen wir gestehen , daß die Bekanntinnen der jungen Dame nicht viel von ihr , Helenchen Wienand , hielten ; sie erklärten sie für ein Gänschen , sie behaupteten , sie sei hochmütig und wisse sich nicht zu kleiden ; sie erzählten kleine Geschichtchen von ihr , und manche Schwester konnte nicht begreifen , was der Bruder an dem albernen , blöden Lärvchen finde . Die Herren Brüder aber - die jungen Herren der Gesellschaft überhaupt - fanden doch mancherlei an dem reizenden , so leicht errötenden Gesichtchen , an der zierlichen elfenhaften Gestalt ; es gab mehr als einen gutgekleideten und gutgestellten jungen Mann , welcher für das » kleine Mädchen « schwärmte und seufzte ; es gab mehr als eine Mama , welche auf die reiche Bankierstochter » ein Auge « hatte und sie für ihren heirats- und geldbedürftigen Sohn für eine gute Partie hielt . Das » kleine Mädchen « selbst hielt sich aber durchaus nicht für eine gute Partie , dazu war es viel zu bescheiden , dazu kannte es viel zuwenig den eigenen Wert und den Wert des Geldes . Das Kind dachte gar schlimm von sich und hielt sich für recht dumm , recht unbeholfen und blöde ; es hätte seinen Gespielinnen vollständig recht gegeben in ihren Behauptungen , wenn diese jungen Damen das verlangt hätten . Es liebte seinen Papa vom ganzen Herzen , aber die mütterliche Freundin doch fast noch mehr ; der Vater hatte so viele wichtige Dinge , so viele Zahlen im Kopfe . Daß er sein Töchterlein vergötterte , wissen wir , aber daß der harte , gewandte Geschäftsmann ein großes Verständnis für manche Eigenschaften seines Kindes haben sollte , konnte man nicht verlangen . Der Bankier war eigentlich ein sehr eitler Mann ; er prahlte zwar nicht laut und im schlechten Geschmack , aber er war doch sehr überzeugt von der Wichtigkeit seiner Stellung , dem Glanz seines Namens und Reichtums . Der Bankier war auch eitel auf seine Tochter . Sie mußte den elegantesten Wagen , die eleganteste Toilette haben ; die Leute sollten überall , wo sie erschien , sagen : » Das ist die Tochter des großen Bankiers , das ist Fräulein Helene Wienand , ein reiches Mädchen , ein schönes Mädchen , ein liebenswürdiges Mädchen - dieser alte Wienand ist doch ein glücklicher Kerl , ich wollte , ich besäße sein jährliches Einkommen als Vermögen . « » Ich würde mir doch nicht so ungeheure Mühe geben , dem Mädchen den Kopf zu verdrehen , Wienand « , sagte das Freifräulein von Poppen , » macht euch nicht lächerlich , ihr Geldaristokraten ; wenn ihr euch blamieren wollt , so besorgt ihr das noch besser als wir , die wir auch mehr als billig des Ruhmes mangeln , den wir vor Gott und den Menschen haben sollten . Übrigens ist das Kind ein gutes Kind , und es wird euch nicht gelingen , eine Äffin daraus zu machen . « Der Bankier brummte ein wenig in die weiße Halsbinde hinein und vertiefte sich von neuem in seine Kursberechnungen , seine Spekulationen mit spanischen und türkischen Anleihen , seine Betrachtungen über Russen-Stieglitz , über das Haus Arnstein und Eskeles , über das Haus Rothschild . Er fügte sich leicht , wenn das kleine lahme Freifräulein die Hand erhob , und befand sich samt seinem Hause wohl dabei . Helene Wienand aber ward ein sehr vornehmes Mädchen , und aus ihren tadelnden Altersgenossinnen sprach mehr der Neid als sonst irgend etwas . So kam der Zeitpunkt , in welchem unsere Erzählung ihren Anfang nahm ; das Wagenrad warf Robert Wolf auf das Straßenpflaster , und einen unauslöschlichen Eindruck machte dieser Zufall auf die Seele des jungen Mädchens . Eine geraume Zeit hindurch erwachte sie jede Nacht aus ängstlichen Träumen , in welchen sie durch das bleiche , blutige Gesicht des Jünglings erschreckt wurde . Vergebens waren anfangs alle Beruhigungsversuche des Freifräuleins ; die zitternden Nerven des Kindes mußten ihre Zeit zum Ausklingen haben . Juliane von Poppen erzählte die Geschichte Roberts , wie sie dieselbe auf dem Observatorium des Sternsehers erfahren hatte , dadurch trat eine andere Art der Teilnahme an die Stelle der Angst . Diese kurze einfache Geschichte war so rührend , war so traurig - immer von neuem mußte Helene sich ihre Einzelheiten wiederholen . Ihre lebendige Phantasie malte ihr den Wald , die Forsthütte , das Bett mit den fieberkranken Kindern und das sonstige wilde Leben und Sterben daselbst , das stille , friedliche Pastorenhaus von Poppenhagen und die schöne , die böse Eva Dornbluth mit den deutlichsten Farben . Wie ging es doch zu , daß die kleine Helene allmählich anfing , die schöne Eva recht vom Herzen zu verabscheuen , trotzdem daß das Freifräulein nicht anstand , die Arme in Schutz zu nehmen und sie für ein wackeres Mädchen zu erklären ? ! Auf den schlauesten Umwegen und den verborgensten Seitenpfaden brachte die arglistige Helene das gute Fräulein immer von neuem zu Auslassungen über den Schützling des Polizeischreibers , den Schüler des Sternsehers . Und Juliane von Poppen , für welche der Gegenstand selbst von Interesse war , willfahrtete gern und sprach sich von freien Stücken aus . Nun ertappte sich Helene öfters über dem Gedanken , es sei doch recht gut , daß endlich alles auf diese Weise gekommen , recht gut , daß die wilde Eva mit dem ebenso wilden Fritz übers Meer fortgegangen sei . Das junge Ding setzte sich selber heimlich in den verständigsten altklugen Gedankenreihen auseinander , wie Robert und Eva nimmer zueinander gepaßt haben würden , wie niemals etwas Gutes aus ihrer Vereinigung entstanden wäre . Welch ein Unglück hätte schon daraus entstehen können , wenn Eva Dornbluth mit dem Jüngling in derselben Stadt zusammengeblieben wäre ! Nun erzählte Juliane von Poppen , wie fleißig Robert bei dem alten Ulex im Kloster Sankt Nikolaus studiere und wie der Gelehrte mit dem Kopfe und den Fortschritten seines Schülers so sehr zufrieden sei . Das freute das junge Mädchen unbeschreiblich , und nun kam ihr bald der Gedanke , wie sie selbst noch ein gar so dummes Gänschen sei , wie sie gar nicht Bescheid wisse in der Welt . Daraufhin hatte das gescheite Köpfchen auf dem hübschen Halse wiederum einige schlaflose Nächte , und dann sah Robert von seinem Giebel aus durch des alten Ulex Fernrohr , wie von dem Tisch in der Holunderlaube Stickrahmen , Körbchen mit bunter Seide und Wolle , Spitzenrollen , Bänder und Zeugstücke aller Art verschwanden und Bücher , Papier und ein Dintenfaß an ihre Stelle traten . Das war für den Studenten eine liebliche Aufmunterung zum Studium ; wenn nur nicht zugleich eine solche Verlockung damit verbunden gewesen wäre , die eigenen Bücher ganz und gar über das Betrachten des fremden Fleißes zu vergessen . Wenn Robert Wolf das Fräulein von Poppen neben der zarten Lichtgestalt auf der Gartenbank erblickte , so freute er sich jedesmal , daß es solch ein verbindendes Mittelglied zwischen seiner Existenz und der Helene Wienands gab . Und verstohlen sah Helene nach dem fernen Giebelfenster und war dabei in tödlicher Angst , daß das Freifräulein frage , was sie da oben zu sehen habe . Das Kind hätte wahrlich keine Aufklärung darüber geben können , so fest auch das Faktum stand . Es war ein schöner Sommer - blau war der Himmel , die Sonne leuchtete - was konnte es Besseres geben ! Und wenn das alte Fräulein das junge Mädchen überraschte , wie es selbstverloren durch die Baumzweige in den blauen Himmel sah , so berührte es wohl leise die Schulter des Kindes , um es solcher Selbstvergessenheit zu entreißen , meinte aber doch im geheimen : Man sollt ' s eigentlich nicht tun und so dazwischenfahren . Man zerreißt immer einen Blütenkranz , wie ihn der Mensch in spätern Jahren nicht mehr zu winden versteht . Die Träume und Bilder , die man zu solcher Lebenszeit hat , sind doch die schönsten ; sie kommen in solcher Pracht später nicht wieder ; alle Farben verblassen , auch die Farben der Träume . Die Alte dachte dabei an den Winzelwald und seine grünen Verstecke im Dickicht , unter den Felsen , am plätschernden Bach ; sie gedachte des Sonnen- und Mondenscheines ihrer eigenen Jugendzeit ; auch die Alte blickte aus dem Garten des Bankiers Wienand nach dem Fenster der Studierstube Heinrich Ulex ' ; - o wie seltsam Gedanken und Seufzer der Jungen und Alten sich kreuzen in der Welt ! Die größesten Wunder gehen in der größesten Stille vor . » Du magst träumen , Knabe « , sagte der Astronom auf dem Turm , » aber du darfst das Leben nicht ganz wegträumen . Viel mußt du noch lernen , ehe du die große Kunst errungen hast , auch am Tage die Sterne zu schauen , ehe du ihren Lauf im Blauen und im klaren Schein der Sonne verfolgen kannst . Die Sonne vermag jeder zu begreifen , welcher Gefühl für Wärme und Kälte hat , wie viele aber begreifen die Sterne am Tage ? « Der Schreiber fing an , über die Zerstreutheit seines Schützlings allerlei Glossen zu machen . Er sagte : » Sperre die Augen auf , Junge ; wer am Tage stolpert , wird am meisten ausgelacht , und das mit Recht . Ich bitte dich inständigst , stellenweise nicht so lächerlich dumm auszusehen . Streife die Ärmel in die Höhe und greif zu mit derben Fäusten ; - wer will mit genießen , der muß auch mit schießen und büßen . Kinderstubengedanken , Krankenstubengedanken haben zwar auch dann und wann ihre Berechtigung ; aber sie dürfen uns nicht durch das ganze Leben begleiten , wenn es ein ordentliches , wahrhaftiges , männliches Leben sein soll . « Auf solche Reden antwortete der Jüngling wenig , er bekam einen kleinen Rückfall in seinen Haß des weiblichen Geschlechts ; derselbe hielt jedoch so wenig an , daß es nicht der Mühe wert ist , darüber ein Wort zu verlieren . Es war Sommer , und die niedergetretenen Blütenhalme richteten sich wieder auf ; und das meiste kommt doch auf die Beleuchtung an ! Die Sonne geht auf und beschreitet ihren glänzenden Weg ; aber der arme blödsichtige Mensch schließt nur allzuoft die Laden am hellen Tage , um hinter einem Augenschirm bei einem kümmerlichen Nachtlicht , in Bitternis und Qual , ein Feind der Götter , sein Dasein zu verzürnen und zu verseufzen : vox clamans in deserto , eine Stimme in der Wüste , und zwar einer oft selbst geschaffenen Wüste . Fünfzehntes Kapitel Herr Leon von Poppen zeigt sich als guter Sohn und liebenswürdiger Gesellschafter . Harmlose Bemerkungen des jungen Mannes . Café de l ' Europe In den Besuchzimmern , den Salons der besten Häuser der Stadt konnte man elegante Karten finden mit der feingestochenen Inschrift : Madame la baronne Victorine de Poppen , née de Zieger . Die Baronin war eine Dame , welche berechtigt war , moralisch wie körperlich einen großen Platz in der Welt einzunehmen . Ihre Beziehungen zu den ersten Familien des Landes waren bedeutend , fast noch bedeutender war ihr körperlicher Umfang . Manchen komfortablen Jahresring von Egoismus und Fleisch hatte sie seit dem Tage ihrer Geburt angesetzt - ein stattlicher Baum , der einen umfangreichen Schatten warf , in welchem aber nur ganz bestimmte Arten anderer Gewächse gut gedeihen konnten , wie zum Beispiel Herr Leon von Poppen , einige gleichgestimmte Freundinnen und männliche alte Waschweiber , Mamsell Elise , die schnippische Kammerjungfer , und Baptiste , der bunte unverschämte Lakai , welcher eigentlich Karl Quabbe hieß , aber der Eleganz wegen unter die Baptisten hatte gehen müssen . Naturen wie Juliane von Poppen konnten es jedoch in diesem Schatten nicht aushalten ; - es gab keinen größern Kontrast der Persönlichkeiten als die Baronin und das alte lahme Freifräulein . In der Körperfülle der einen war die Seele mager und dürr geblieben und klapperte darin gleich dem vertrockneten , ungenießbaren Kern einer tauben Nuß ; in dem kümmerlichen Leibe der andern fand die kräftige , lebensmutige , lebensfrische Seele fast keinen Raum . So fand auf beiden Seiten ein Mißverhältnis statt ; doch hat der erste Fall unregelmäßiger Organisation den Vorzug , daß eine dünne Seele in einem dicken Gefäß der Gesundheit durchaus nicht nachteilig ist , während im Gegenteil ein in einem erbärmlichen Körper zu gewaltig anschwellender Geist die irdische Behausung leicht ruiniert und sie zuletzt ganz und gar vernichten und in die Luft sprengen kann . Die Baronin von Poppen liebte sich und die Ruhe à tout prix , ihren Sohn Leon tant bien que mal und die übrige Welt nur insofern , als sie sich vornehm darüber erheben oder demütig sich vor ihr neigen konnte . Das kleine Freifräulein liebte sich selbst durchaus nicht übermäßig , es machte sehr gern allerlei ironische Bemerkungen über sich , hatte dagegen für den größten Teil der übrigen Erdbewohner ein » faible « . Es erhob sich freilich weder über sie , noch knickste es grinsend vor ihnen ; hülfreich sprang es ihnen nach Kräften im Unglück an die Seite und ergriff ohne Scheu jede Hand , die sich angstvoll nach ihr ausstreckte , sie mochte so schmutzig und so hart sein , als sie wollte . Nur mit der Schwägerin konnte sie sich seit dem berühmten Prozesse - eigentlich schon seit früherer Zeit - nicht vertragen . Die zwei kamen zusammen wie Feuer und Wasser , und es gab ein großes Zischen , Brausen und viel heißen Dampf bei jeder Begegnung der beiden Damen . Das Haus , welches die Baronin von Poppen mit ihrem Sohne in der Kronenstraße bewohnte , war ein sehr ansehnliches ; das Leben , welches die beiden führten , ließ nichts zu wünschen übrig ; dennoch saß sowohl in dem Haus wie in dem Leben der Wurm , da sich derselbe nicht nur in den rotbäckigsten Früchten sehr wohl befinden kann . Das Vermögen der Dynastie vom Poppenhof und von Poppenhagen war im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts beträchtlich zusammengeschmolzen . Der Poppenhof war mit Hypotheken belastet und vollständig in den Händen eines schurkischen Verwalters , da der junge Baron es ganz und gar unter seiner Würde hielt , mit den eigenen Ochsen das von den Vätern ererbte Feld zu beackern . Auf das Haus in der Stadt hielt mehr als ein schwarzhaariger , krummnasiger Geschäftsmann die scharfen semitischen Augen gerichtet ; es lastete auch auf seinen Ziegeln manch eine nicht unbeträchtliche Schuld . Baptiste und Elise stellten im geheimen die wehmütigsten Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdischen an und rüsteten sich ahnungsvoll , um mit dem Instinkt , den auch die Ratten haben sollen , im Augenblick des Zusammenbrechens des Glückes von Poppenhall sich mit dem Ihrigen aus dem Staube machen zu können . Die Menschen sind gute Rechner , wenn es gilt , den Eintritt eines dem Nachbar drohenden Unheils zu berechnen . Mamsell Elise und Herr Baptiste glaubten den Bestand des von Poppenschen Haushaltes nur noch auf zwei bis drei Jahre garantieren zu können , unvorhergesehene Zufälle nicht mit in Rechnung gezogen . Ganz so schlimm stand es freilich noch nicht ; aber die Verhältnisse waren doch so verworren , daß Mutter und Sohn in manchen verlorenen Momenten gezwungen waren , sich damit zu beschäftigen und sich einige Sorgen darüber zu machen . Das Haus Nummer fünfzig in der Kronenstraße stammte aus dem Ende des siebenzehnten Jahrhunderts ; es war ein vom Alter und Rauch geschwärztes steinernes Gebäude , über dessen Fenstern behelmte Kriegerköpfe grimmig sich anlächelten , eine steinerne Balustrade lief vor dem Dache her , und auf dieser Brüstung standen vier verwitterte Statuen mit den Attributen der vier Jahreszeiten . Dem Frühling fehlte aber der Kopf , der Sommer hatte den Arm , der Herbst die Sichel verloren ; nur der Winter hatte unversehrt alle Stürme der Zeit und der Witterung überdauert und blickte böse aus den unbeholfenen Falten seines Gewandes . Es war ein recht winterliches Haus , dunkel , feucht und kalt . Die Steinplatten auf der Flur wurden niemals ganz trocken , das Geländer der breiten Treppe fühlte sich immer naß an . Hier und da sah ein halbverwischtes altes Porträt aus schwarzem Holzrahmen von der Wand herab . Wo die Wände vertäfelt waren , half es nichts , das Wurmmehl wegzufegen ; es rieselte immer von neuem unter der ununterbrochenen Arbeit der grabenden , wühlenden Tiere hervor und sammelte sich zu Haufen . Die Baronin haßte dieses Haus recht von Herzen , sie nannte es einen Grabkeller und würde es gern gegen eine der modernen Wohnungen in einem modernen Viertel der Stadt vertauscht haben , wenn nur Leon damit zufrieden gewesen wäre . Diesem jungen Herrn aber war die Lage und Gelegenheit des Hauses ganz genehm ; es ließen sich daselbst recht hübsche kleine Partien , ganz hinter den Leuten , geben ; das aristokratische Viertel mit seinen breiten Straßen , seinen Gärtchen vor den Häusern , seinen hellen Fenstern und Gemächern hatte in dieser Hinsicht nicht den mindesten Reiz für ihn ; er rühmte als hoffnungsvoller junger Diplomat der Mama das ungemein vornehme Etwas , welches in diesem alten Familiengebäude derer von Zieger sich manifestiere ; die Mama seufzte , gab ihrem Sohne recht , und man blieb , wo man war - die Mutter in dem elegant ausgestatteten ersten Stock , der Sohn im zweiten Stockwerk , wo er sich so eingerichtet hatte , wie es einem zivilisierten Jüngling der Jetztzeit zukam . Das dritte Stockwerk war unbewohnt und diente den Ratten und Mäusen als geräumiger Tummelplatz ; alles , was seit anderthalbhundert Jahren in der Familie von Zieger an Kleidungsstücken , Gerätschaften , Meubles abgängig geworden war , hatte hier ein Unterkommen gefunden . Wären wir mit dem Blick eines Trödeljuden begabt , wir würden uns mit Vergnügen auf eine genauere Beschreibung dieser Räumlichkeiten und ihres Inhalts einlassen ; die Menschen interessieren uns aber zumeist , und so machen wir Gebrauch von unserm Privilegium , überall ungehindert eintreten zu können , und führen , ohne durch den holden Baptiste und die schöne Elise an der Tür zurückgewiesen zu werden - wir haben auch hoffentlich nicht das Ansehen von Gläubigern ! - unsere Leser ein bei der Frau Baronin . Die gnädige Frau hatte Besuch . Frau von Schellen mit ihrer Nichte und Frau von Eichel waren soeben fortgegangen , Frau von Flöte und ihre Tochter Lydda saßen noch am Teetisch der Baronin . Von den erstgenannten drei Damen wäre mancherlei Angenehmes zu sagen , wenn wir Zeit dazu hätten , für Artemisia und Lydda von Flöte aber müssen wir unbedingt einen Raum unseres Buches verwenden ; wir können dafür den für die Expektorationen des alten Ulex ein wenig beschneiden oder den für die Bemerkungen des Polizeischreibers Fiebiger beschränken . Es gibt Venusstatuen , welche der fromme Glaube vergangener Jahrhunderte so bemeißelt , beleckt und beküßt hat , bis eine echte Heilige des christlich-katholischen Himmels , eine Sancta Agnes , eine Sancta Klara , eine Sancta Katharina daraus geworden ist ; ein ganz ähnlicher Prozeß war mit Artemisia von Flöte vorgegangen . Sie war jung und schön gewesen , und man hatte sie umtanzt wie einen englischen Maibaum ; jung und schön war sie nicht mehr , den Rosenkranz hatte sie vom Kopfe herabgenommen , aber in der Hand behalten ; sie war immer reich , sehr reich , und jetzt fromm - sehr fromm . Die arme Lydda von Flöte hatte niemals eine Zeit der Rosen gekannt ;