ihrem Ich stecken bleiben . Ich bin ja doch kein Windecker , sagte Florentin bisweilen zu sich selbst ; gehöre ja doch nicht ihrer Kaste an ; bin nicht gleichberechtigt , weder in ihren Augen , noch in denen der Welt ; habe nicht ihre Traditionen : deshalb muß ich meinen eigenen Weg gehen . Im Herzen beneidete er sie alle : Uriel um die Hoffnung auf Regina ' s Hand ; Orest um die Aussicht auf Stamberg ; Hyazinth um seinen stillen Frieden . Oftmals dachte er heimlich , diese drei Dinge müßten eigentlich ihm gehören , und wenn er nur Regina und Stamberg besäße , würde sich der Friede wohl von selbst finden . So unersättlich ist der Egoismus ! und so wenig berücksichtigte Florentin , daß Hyazinth ' s Frieden auf Entsagung beruhe und nicht auf Besitz . Von all ' den Hoffnungen , welche die gute Gräfin Kunigunde an Florentin geknüpft hatte , war noch keine in Erfüllung gegangen . Der Graf glaubte nicht , daß es Florentin ernst sei mit seinen sozialistischen Tendenzen . Überhaupt hielten ja damals sehr viele diese Richtung für eine solche , welche rein theoretischer Art sei und nur den Anspruch mache , geschrieben , allenfalls gelesen , höchstens besprochen , doch nimmermehr gelebt zu werden ; er hielt sie eben für unmöglich , was sie freilich hinsichtlich der Durchführung , doch gewiß nicht hinsichtlich eines Versuches sein mag . So hielten im vorigen Jahrhundert auch sehr viele , welche sich ungemein an den Vorspielen der Revolution in Schriften und Reden erfreuten und belustigten , deren Richtung auf die Guillotine für unmöglich . Der Graf glaubte , Florentins irreligiöse und sonstige etwas blasphematorische Ansichten wären nur eine Art von Reaktion gegen die gar zu fromme Erziehung , die Kunigunde ihm , wie allen Kindern gegeben habe , und jene mache sich Luft , indem sie in den Gegensatz umschlage . Er sagte ihm zum Abschied , als Florentin zur Vollendung seiner Studien nach Würzburg ging : » Klammere Dich nur nicht allzu fest an Deinen Kommunismus und Republikanismus . Mit den Studentenjahren müssen alle Überschwänglichkeiten aufhören ; denn da hört die Nachsicht auf , die man mit der erfahrungslosen , hitzköpfigen Jugend hat . Ich verlange wahrhaftig keine Bigotterie von Dir ; allein Du mußt Dich hüten , in ein entgegengesetztes und wahrhaft indezentes Extrem zu verfallen . « Florentin versicherte dagegen , er sei äußerst gemäßigt , wie sich das ja von selbst verstehe für eine Richtung , die kein anderes Ziel noch Streben habe , als wahre Humanität . Der Graf erwiderte : » Schon recht ! Aber die Mittel , durch welche Du Deine wahre Humanität zu verbreiten suchst , scheinen mir nicht eben gemäßigt , sondern etwas inhuman zu sein . Revolutionäre Querköpfe machen nirgends Glück , als in Revolutionen , und die können wir nicht brauchen . « Regina gab an Florentin ein ganz kleines Büchlein in violettem Ledereinband und sagte : » Lieber Florentin , wenn Sie einmal mit all ' Ihren Weltverbesserungsprojekten gründlichen Schiffbruch gemacht haben : dann wird dies kleine Buch Ihnen zeigen , wohin und wie Sie sich retten können . « » Sie nehmen also meinen Schiffbruch für eine ausgemachte Sache an ? « fragte er beleidigt . » Ich hoffe darauf , « entgegnete sie liebreich . » Ich hoffe , daß das lecke Schiff ohne Steuerruder und ohne Kompaß , mit dem Sie sich in ' s Lebensmeer hinauswagen wollen , sich recht bald in seiner Untauglichkeit ausweisen möge . Dann werden Sie sich flüchten in die rettende Arche , und besseres kann ich Ihnen nicht wünschen . « » Ah , die Nachfolge Christi ! « sagte Florentin , das Büchlein aufschlagend ; » ich nehme es zum Andenken an ihren Fanatismus , Regina . « » Nehmen Sie es nur , Florentin , « entgegnete sie mild ; » es war das Lieblingsbuch der lieben Mutter . « Da führte er es hastig an seine Lippen und drückte einen Kuß darauf . Dann reiste er ab . So lange er auf Windeck gewesen war , hatte er nicht ein einziges Mal seine Stiefmutter und Stiefgeschwister besucht . Er vergaß nie die schlechte Behandlung , die er in seiner Kindheit von ihr erfahren hatte ; und vergaß gänzlich , daß gerade dies ein Hauptgrund war , der ihn zum Pflegesohn der Gräfin Kunigunde machte . Orest wollte nun auch fort . » Aber , « sagte er , » Soldat im Kriege , oder Soldat in der Garnison zu sein , ist ein famoser Unterschied . Der Krieg versüßt alles , auch die Subordination , die strenge Disziplin , das stramme Kommandieren und Exerzieren , was in unseren philiströsen Zeiten äußerst lästig sein mag . Schade , daß der Sonderbundkrieg zu Ende ist . Ich hätte ihn als Volontär mit machen und zum General Salis gehen sollen ! Es war hier aber ein recht lustiges Leben , und darüber hab ' ich ' s versäumt . « » Läßt Du Dich denn von gar nichts anderem bestimmen , als von einem lustigen Leben ! « rief Uriel ungeduldig . » Weshalb sollte ich das ? « fragte Orest so unbefangen , als habe er nie von einer anderen Richtschnur gehört . » Ich bitte doch recht sehr , « sagte der Graf , » daß Du einen bestimmten Beruf wählst und ergreifst , damit Du nicht mit Deinem Hange zum lustigen Leben ein charmanter Vagabunde wirst . « » Ich - ein Vagabunde ! Aber Papachen , woran denkst Du ! ich bin ja der unermüdlich tätigste Mensch unter der Sonne ! « rief Orest . » Sieh ' , jetzt denk ' ich nach Westfalen und nach Mecklenburg zu Parforcejagden zu gehen , zu denen ich schon im vorigen Jahre eingeladen war . Nein ! ein tüchtiger Reiter und Jäger gehört zu den respektabelsten Menschen auf Erden , ist mutig , ausdauernd , rührig , abgehärtet . Sind das nicht herrliche männliche Tugenden ? Besitzt sie ein Vagabunde ? In England würde ich vielleicht einen Sitz im Parlament erreiten und erjagen . Ich - ein Parlaments-Mitglied ! Ich - ein Lord vom Wollsack ! Was verlangst Du mehr ? Ist es meine Schuld , daß Deutschland nicht so vernünftig wie Old-England ist ? Wärest Du meinesgleichen , so müßten wir uns schießen , Papachen , über dem Taschentuch schießen ; jetzt bleibt mir nichts übrig , als Dir zu verzeihen . « » Du bist ganz wie Dein Vater ! « sagte der Graf lachend ; » der machte auch immer Spaß , und wollte man darüber ärgerlich werden , so spaßte er so lange , bis man über ihn und mit ihm lachen mußte . Also amüsiere Dich auf Deinen Fuchsjagden , Du hochherziger Nimrod , und brich Dir nicht den Hals dabei . « So war denn nur Uriel noch auf Windeck , und der Graf wollte , daß er bliebe , bis die ganze Familie nach Frankfurt ginge . Regina sollte sich durchaus an den Gedanken gewöhnen , mit Uriel verbunden zu sein und zu bleiben . Sie änderte ihr Benehmen in keiner Weise ; sie war , was sie sein wollte : eine Braut Christi . Sie legte diese unüberwindliche Entschiedenheit gegen Uriel immer an den Tag , um keine falsche Hoffnung in ihm zu wecken ; gegen ihren Vater aber nie , weil es ihn erbittert hätte und weil sie ja seine Zusage hatte , nach zehn Jahren sie ziehen zu lassen . Widerstand und Ungewißheit löschen zuweilen eine Neigung aus und zuweilen entzünden sie dieselbe zur Leidenschaft ; das Letztere geschah bei Uriel . Regina war für ihn der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit ; dieser Adel der Seele , diese Lauterkeit des Herzens , verbunden mit so viel Schönheit , Anmut und Geist , mit solcher Grazie und Güte , forderten ja recht zur Liebe auf . Wer würde ein so herrliches Geschöpf Gottes nicht lieben ? fragte er oft heimlich sich selbst . Und daß sie diesen hohen Schwung des Gefühls und dabei diesen großartigen , opferfreudigen Willen hatte , um über alles Irdische hinweg zu sehen und zu gehen - ach ! wie gefiel ihm das ! wie begeisterte ihn das für sie ! wie trieb das auch ihn an , den Dingen der Erde nicht den ungemessenen Wert beizulegen , den die Welt ihnen leiht . Aber daß Regina ' s Besitz zu den Dingen der Erde gehörte , das wollte ihm nicht einleuchten . Majorat , Vermögen , Karriere erschienen ihm nichtig , keines Wunsches und keiner Anstrengung würdig , ohne Einfluß auf sein Glück ; doch Regina ' s Herz zu gewinnen war ein Streben , welches die edelsten Kräfte seines Wesens anregte ; Regina - Sein zu nennen , war eine unerhörte Befriedigung dieses Strebens , denn er hätte sie ja Gott abgerungen ; mehr noch , er hätte ja den Sieg über Gott in ihrem Herzen davon getragen . So sang ihm die Leidenschaft ihre bezaubernden Sirenenlieder vor . Der Gedanke an einen irdischen Nebenbuhler hätte ihn gründlich durchkältet und auch den leisesten Wunsch unterdrückt , ein Herz zu besitzen , das sich zu einem Anderen neigte ; denn Liebe - ist exklusiv . Aber der Gedanke an den göttlichen Rival gab ihm Glut und Mut , und geadelt fühlte sich seine Liebe , weil sie gegen Himmlisches in die Schranken trat . Der Graf freute sich über diese Gesinnung Uriels ; Levin warnte ihn sanft . » Wenn ich Dich um etwas bitten dürfte , lieber Uriel , so wär ' es dies : lasse Dich zur Gesandtschaft nach Wien , nach Rom , nach Paris oder wohin sonst Du Lust hast , schicken ; nur nicht nach Frankfurt . Du verbitterst Dir das Leben , und die Wellen werden Dir so hoch an ' s Herz gehen , daß Du bald Deine Lage unaushaltbar finden wirst . Du rechnest unbedingt auf einen günstigen Ausgang Deiner Wünsche ; ist er nun aber ungünstig , was dann ? « » Was dann ? « sagte Uriel befremdet . » Bester Onkel , was nach meinem Tode geschehen wird , das weiß ich nicht . Ich behaupte nicht , daß ich ohne Regina leiblicherweise sterbe , aber mein Herz stirbt , das ist gewiß . « » Möge es in Gott aufleben , « sagte der milde Greis , der wohl einsah , daß mit der Leidenschaft nicht ruhig zu überlegen ist . Regina trennte sich mit schwerem Herzen von Windeck und von Onkel Levin , der , wie der Schutzgeist des Hauses , unzertrennlich vom Schloß und der Kapelle war . » Ich bin eine Art von Schnecke geworden , die mit ihrem Hause verwachsen ist , « sagte er freundlich ablehnend , als alle , vom Grafen an bis auf Corona , in ihn drangen , nicht so ganz allein auf Windeck zu bleiben . » Hier ist mein Standquartier , mein Wachposten , gleichviel ob es hier einsam oder gesellig hergehe . Überdas würde ich in der Stadt gar nichts von Euch allen haben : Uriel soll diplomatisieren , Regina sich amüsieren , Corona studieren ; der Papa und die Tante müssen ein Haus machen und alle Sorgen des Lebens in der Gesellschaft auf sich nehmen ; was sollte Onkel Levin , der alte Nichtstuer , mitten in Eurer großartigen Geschäftigkeit anfangen ? Nein ! er bleibt hier , in seinem Geleise , wie es sich für alte Leute schickt . « » Und tut alles Gute , wofür wir keine Zeit haben , « ergänzte die Baronin Isabelle . Dabei blieb es . - - - - - - - - - - - - - - - Der November mit seinen Stürmen und seinem ersten Schnee hatten auch Judith und ihre Mutter aus dem Gartenhause in die Stadt getrieben . Ernest kam eines Morgens strahlenden Angesichts zu ihr und sagte : » Fräulein Judith , ich male jetzt ein Bild , wodurch man versöhnt wird mit der Porträtmalerei ! Ich male zwei Schwestern , Töchter des Grafen Windeck , Mädchen von zwölf und von siebenzehn Jahren , die anziehendsten Physiognomien , die ich seit langer Zeit sah . Stellen Sie sich vor die Gestalt einer Hebe und den Kopf einer Heiligen , das ist die Älteste . Die Kleine aber sieht so romantisch interessant aus , als ob etwas von einer Mignon , von einer Ophelia in ihr stecke . Ich hatte beide seit ein paar Tagen in der Siebenuhrmesse im Dom bemerkt . Ganz einfach gekleidet , in große Schäferplaids verhüllt und mit schwarzen Samthüten , kamen sie zu Fuß , auch bei dem schlechtesten Wetter , mit einer Begleiterin , Gouvernante , Kammerfrau , was weiß ich ! und einem Livrediener . Ich traute meinen Augen nicht , als ich zum erstenmal sah , daß sich diese großmächtige Figur im mauerfarbenen langen Rock hinter ihnen aufpflanzte ; denn Sie müssen wissen , Fräulein Judith , Damen mit Livreedienern sind quasi Phönixe in der Siebenuhrmesse ! Und diese beteten mit einer Andacht , mit einer Sammlung , ohne die Augen aufzuschlagen , ohne sich zu regen und zu bewegen , immer auf den Knien , immer so tief geneigt , wie anbetende Engel , daß ich vom bloßen Anblick teilweise ganz andächtig , teilweise ganz zerstreut wurde . Wüßten die Frauen , wie schön ihnen die Andacht steht , sie würden alle fromm werden wollen ! Einstweilen vertrauen sie mehr der Schönheit , welche das Modejournal , als der , welche das Gebetbuch gibt . Vorgestern nun kommt ein Graf Windeck zu mir und bittet mich , seine Töchter zu malen . Ahnungslos sag ' ich ja ; sie möchten nur kommen . Und wer tritt gestern in mein Atelier ? meine Beterinnen . Sie wissen , Fräulein Judith , wie es in meinem Atelier aussieht : konfus genug ! Kann nicht anders sein . Dazu war gestern ein extraordinär trüber Tag . Nun , ich sage Ihnen , als sie eintraten , glitt gleichsam ein Sonnenstrahl mit hinein und machte alles ganz licht und klar . Die Kleine war rosenfarben gekleidet ; die Älteste weiß , und sie trug in der Hand einen Kranz von Scabiosen . Plötzlich setzt sie sich diesen Kranz auf und sagt , so wünsche es der Vater . Können Sie sich eine Vorstellung von meinem grenzenlosen Erstaunen machen ? « » Nein , ganz und gar nicht , « sagte Judith . » Die Scabiose ist freilich keine schöne Blume . « » Fräulein Judith ! unter tausend Frauen , die eines Spiegels mächtig sind , setzen sich neunhundert neunundneunzig ihre Schlafhaube mit mehr Feierlichkeit auf , wie dies schöne Mädchen den Blumenkranz , mit welchem ihre Schönheit verewigt werden soll ! O Gott ! das ist ein ganz großartiger Seelenzug ! « » Alle Welt spricht von dieser Komtesse Windeck , « sagte Judith mit ihrem Anflug von kaltem Hochmut . » Sehr schön und sehr reich , das ist ja Grund genug , um die Welt zu elektrisieren . Gestern auf dem Diner bei der Mama war viel von ihr die Rede und ein paar Herren schienen sehr zu bedauern , daß sie mit ihrem Vetter verlobt sei . Ich meinesteils kann mir eine deutsche Komtesse gar nicht anders denken , als langweilig und sentimental , so gewiß veilchenblau , halb duftig , halb fade . « » Ich bin leider zu wenig bewandert unter den deutschen Komtessen , « sagte Ernest lachend , » um über die Richtigkeit dieses Charakterkolorits urteilen zu können . Indessen glaub ' ich doch , daß Regina von Windeck sich Ihres Beifalls erfreuen wird . Nach Weihnachten beginnt ja das Leben in der Gesellschaft ; dann werden Sie meinen Phönix kennen lernen . « » Leider muß ich in die Welt gehen , da meine Eltern es durchaus verlangen , « sagte Judith . » Es sollte mich recht freuen , wenn ich jemand in dem tumultuarischen Wirrwarr fände , der mir gefiele . « » Nun , nun ! es gibt ja doch gar manche angenehme , gute und kluge Leute in der Welt ! man muß nicht gar zu übergewaltige Ideale haben , « sagte Ernest gutmütig und munter . » Sie sind freilich mit allen Menschen zufrieden ; das hab ' ich schon bemerkt , « erwiderte Judith . » Bis auf einen gewissen Punkt - ja ! sie sind alle geschaffen , wie ich , nach dem Ebenbilde Gottes , und die Nächstenliebe lehrt mich , bei allen anzunehmen , daß sie , wie ich , sich bestreben , dies göttliche Ebenbild , welches jeder von uns durch seine Sünden so sehr verwischt hat , nach Kräften wieder in sich herzustellen . Eine fix und fertige Vollkommenheit suche ich aber nicht hienieden . « » Es gibt aber böse Menschen , bei denen Sie jenes Bestreben unmöglich annehmen können . Was halten Sie von denen ? « » Das lehrt mich der heilige Augustinus , welcher sagt : Glaubet nicht , daß die Bösen so umsonst auf der Welt seien , und daß Gott nichts Gutes durch sie wirke ! Jeder Böse lebt , entweder damit er gebessert , oder damit der Fromme durch ihn geprüft werde . « Sehen Sie ! ich muß also für ihn hoffen und für ihn beten , damit sich die Hoffnung erfülle ; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas , das im verkleinerten Maßstab der Liebe nicht unähnlich ist , welche Gott für uns arme Sünder hat . Die Bösen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel , das göttliche Ebenbild in mir herzustellen . « » Ich hasse sie , besonders wenn sie mich kränken , « sagte Judith . » Das begreift sich , « sagte Ernest kalt . » Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an ? das kann ich ganz und gar nicht begreifen , « sagte Judith sinnend . » Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube , « erwiderte Ernest ; » Sie aber nicht . « » Und da halten Sie sich denn für unendlich viel edler und besser als mich ? « fragte sie schneidend . » Fräulein Judith ! « entgegnete Ernest liebreich , » wofür ich mich selbst halte , das sag ' ich unter vier Augen dem lieben Gott , der zu dem Zweck der Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche angeordnet hat , welche das Sakrament der Buße heißt ; aber ob ich berechtigt bin , meinen Glauben für edler und besser zu halten , als Ihren Glauben - oder Unglauben : das werden Sie sich allein beantworten können . « Judith konnte es gar nicht lassen , ernste Gespräche mit Ernest anzuknüpfen , denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter , die es ihr unmöglich machte , auf der Oberfläche des Lebens ihr Genügen zu finden ; diese Richtung war eine Reaktion gegen die unsägliche Oberflächlichkeit , welche sie umgab . Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen , sich zuweilen so scharf und herb gegen Ernest auszusprechen , als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle ; denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele . Die tiefe Kluft , die zwischen einer natürlichen guten Anlage und einer Tugend liegt , trennt sie , und Judith , die mit Stolz auf ihrer selbstbewußten Kraft ruhte , fühlte instinktmäßig , daß ihr in Ernest etwas Edleres und Höheres entgegentrete , was sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schätzen suchte . Sie ertappte ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung , wenn sie ihm herbe widersprach , und das mußte sie denn wieder sehr bewundern . Denn , sprach sie oft heimlich zu sich selbst , ich bin auch entschieden , aber hart und schneidend , und er ist mild bei der größten Entschiedenheit . - - - - - - - - - - - - - - - - Auf einem Ball bei dem österreichischen Gesandten sollte Regina zum erstenmal in der großen Welt erscheinen . Sie hatte sich mit dem Gedanken vertraut gemacht , daß es für die nächste Zeit ihre Bestimmung sei , in der Gesellschaft zu leben und sie unterzog sich dieser Pflicht , wie jeder anderen , mit lieblicher Bereitwilligkeit . Aber ihr inneres Leben ließ sie sich nicht antasten und ihre frommen Gewohnheiten behielt sie bei . Sie hatte den Grafen gebeten , sie jeden Morgen zur Messe nach dem Dom fahren zu lassen . » Warum nicht gar ! « erwiderte er ; » Sonntag genügt . « Sie ließ sich auf keine Bitten und Erörterungen ein ; aber sie sagte der Baronin Isabelle , daß sie täglich in den Dom gehen werde , und zwar früh genug , um hernach vollkommen angekleidet beim Frühstück zu erscheinen , wie der Graf es liebte . Die Baronin war eine ängstliche Seele , die es weder mit dem lieben Gott noch mit den Menschen verderben wollte , wobei denn freilich jener häufiger zu kurz kam , als diese . Sie warnte denn auch jetzt Regina vor dem Zorne des Grafen . » Ach , « sagte Regina , » der gute Vater ist ja gar nicht so leicht erzürnt . Er hat mir auch nichts verboten ; nur will er seine Pferde schonen , wie das nun einmal die Art der Herren ist . Ich gehe auch viel lieber . « » Aber Du wirst Dich erkälten , « sagte die Baronin . » Abhärten werd ' ich mich , liebe Tante , und das ist mir recht notwendig , denn die Karmelitessen stehen nachts zum Chorgebete auf . « » Das wäre ein Grund mehr , Dich zurückzuhalten , « seufzte die Baronin und Corona rief , die Schwester zärtlich umschlingend : » O , das fatale Kloster ! dahin gehe ich gewiß nicht mit Dir ! aber außerdem .... bis an ' s Ende der Welt und folglich auch alle Tage in den Dom . « Der Graf erfuhr keine Silbe von dem Morgengang seiner Töchter . Er fragte nicht weiter , und obwohl alle im Hause darum wußten , hatte doch niemand das Herz , Regina zu verraten . Am Ballabend klopfte Uriel an die Türe der jungen Mädchen . Corona steckte den Kopf heraus , und er sagte : » Der Papa schickt mich zu Regina . « » Du kannst sie nicht sprechen , « antwortete sie leise . » Nun , so sage ihr , daß sie sich mit der Toilette nicht zu übereilen brauche ; der Papa macht noch erst ein paar Besuche . « » O , sie ist angekleidet , und wunderschön ! « flüsterte Corona . » Dann darf ich ihr selbst meinen Auftrag ausrichten , « sagte Uriel und wollte in ' s Zimmer treten . » Nein , nein , Uriel ! sie will nicht gestört sein ! « rief Corona , immer mit halber Stimme und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Türe , um den Eingang zu verteidigen . » Sie fürchtet nach der Rückkehr vom Ball zu müde zu sein , um den Rosenkranz aufmerksam beten zu können und deshalb tut sie es jetzt . « » Im vollen Ballanzug ? « fragte er . » Und in einem allerliebsten ! « sagte sie triumphierend . Mit einer raschen Bewegung drehte Uriel ganz sanft Corona zur Seite und trat ins Zimmer ; es war leer . Als sich Corona besiegt sah , legte sie einen Finger auf die Lippen und deutete mit der anderen Hand auf eine Seitentür , die nur durch Vorhänge geschlossen war . Der Fußteppich machte jeden Schritt unhörbar . Aber Uriel schlug den Vorhang nicht zurück . Er blieb diesseits desselben stehen , denn er wollte nichts , als Regina sehen , und da die Vorhänge nicht fest schlossen , so sah er sie durch deren Spalte gerade vor sich im Profil . Eine Muttergottesstatuette stand unter einem Bogen von Lilien auf einer Konsole an der Wand . Regina kniete vor ihr auf einem Betstuhl , die Arme auf dessen Lehne gestützt , in den zusammengelegten Händen die zierliche Perlenschnur eines Rosenkranzes von Onyx haltend , den Kopf und das Auge . aufwärts gehoben . Ihr rosenfarbenes Florkleid wellte sich wie ein Frühlingsmorgengewölk um ihre schlanke Gestalt . Einige blaßrote Teerosen hingen leicht in ihrem Haar , das ganz einfach mit zwei großen goldenen Nadeln aufgesteckt war , deren Knopf ächte Perlen verzierten . Übrigens trug sie keinen Schmuck , nicht einmal ein Armband . Ein Strauß von frischduftenden Teerosen und ihre Handschuhe lagen neben ihr ; sie war also ganz bereit zum Ball , aber ihre Gedanken wendeten sich nicht ihm zu ! die gingen auf anderen Wegen , als auf dem Parkett eines Tanzsaales , und hörten andere Melodien , als die eines Galopps , und sahen andere Gestalten , als ballmäßig geschmückte Elegants . Ebenso regungslos wie Regina auf den Knien lag , stand Uriel hinter dem Vorhang , der sich , wie die Schranke der Irdischkeit über eine himmlische Vision , herabsenkte und ihm nur gerade einen Durchblick gönnte , um sie wahrzunehmen . Und als er so dastand und auf dies holdselige Wesen schaute , das ihm verlobt von der Wiege an und jetzt auf ' s neue zugesagt und durch alle Wünsche und alle Verhältnisse mit ihm verkettet war : da wurde ihm das Herz und schwer immer schwerer , und der namenlose Schmerz stieg in ihm auf , der sich im Innersten seiner Seele entwickelt , wenn sie durch die Macht der Leidenschaft gleichsam als Hellseherin in die Zukunft ihrer Liebe schaut und dort , trotz aller Gunst der Verhältnisse , ihre Hoffnungen unerfüllt sieht . Solche Ahnungen oder Warnungen fliegen an das Menschenherz , wie Möven an die Küste : der Himmel lächelt , die Sonne strahlt , das blaue Meer wogt goldbeflittert vom Sonnenschein in weichen , verrieselnden Wellen ; aber der Schiffer weiß , es gibt Sturm , denn von der hohen See kommen die Möven . Traurig mit seinem ahnungsvollen Herzen stand Uriel da . Er konnte sich der Stimme nicht erwehren , die in seiner Brust ihm zuflüsterte , diese Blume im Garten Gottes blühe nicht für einen Sterblichen . Auch er vergaß den Ball und die Welt und die Zeit , und seufzte still mit einem Anflug von zärtlicher Resignation : Du mystische Rose - bitte für mich . Da veränderte Regina ihre Stellung , machte das Kreuzzeichen und begann halblaut die herrliche Antiphone Salve Regina , dies Sehnsuchtslied der Verbannten nach der himmlischen Heimat . Leise trat Uriel zurück und entwich aus dem Zimmer . Nach einiger Zeit kam sie in den Salon , wo die Baronin , Uriel und der Graf , der seine Besuche abgemacht hatte , beisammen saßen . In des Grafen Gegenwart fühlte sich Uriel beschützt in seinem Recht und seiner Neigung , Regina nicht bloß stillschweigend anzubeten . Er sprang freudig auf , ihr entgegen , beugte ein Knie vor ihr und rief : » Salve Regina ! « » Wo wäre mein Szepter ? « fragte sie und drohte scherzend mit dem Finger . » Dein Finger ist ' s ! « sagte er und küßte schnell die Spitze dieses zierlichen Fingers . Sie antwortete nichts ; sie zog nur ihre Handschuhe an . » Regina , « sagte der Graf , » Du bist aber über allemaßen hochfahrend ! Da liegt ein liebenswürdiger Sterblicher vor Dir auf den Knien und Du reichst ihm nicht einmal Deine Hand , damit er aufstehe . « » Warum sollte ich das , lieber Vater ? « entgegnete sie lachend ; » Uriel hat sich ja zu seinem Vergnügen in diese höchst malerische Stellung geworfen ; ich würde es für ein Verbrechen halten , ihn darin zu stören . « » Wärest Du nicht ein Engel , Regina , « sagte Uriel , » so hättest Du , glaub ' ich , große Anlagen zur Bosheit . « » Frauenart ! « sagte der Graf ; » hinter dergleichen Bosheit steckt immer etwas Koketterie . « » Das heißt ? « fragte Regina . » Das heißt : die Neigung in aller Gemütlichkeit möglichst vielen Männern den Kopf zu verdrehen . « » Aber , lieber Vater , das ist ja abscheulich ! « rief Regina . » Das wirst Du mir doch nicht zutrauen ! - Ich bin froh , wenn mir mein eigener Kopf nicht verdreht wird . « » Es ist auch nicht so arg , wie der Vater scherzweise sagt , Regina , « wendete die Baronin ein . » Zwei oder drei charakterisieren nicht das ganze Geschlecht . « » Liebe Schwägerin , « erwiderte der Graf , » man sollte es wohl eigentlich nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens sagen , weil es auf den Einfall kommen könnte , die Sache auch einmal zu versuchen ; aber ich habe die Überzeugung , daß jene Neigung den Frauen angeboren ist - wie die Eitelkeit . « » Darüber will ich nicht streiten , « entgegnete sie ; » es mag wohl mit der Eitelkeit zusammenhängen . Allein gute und vernünftige Frauen suchen ihre natürliche Neigung zu Eitelkeiten aller Art zu beherrschen . Malen Sie die Welt nicht schwärzer , als sie ist . « » Im Grunde kann man sie gar nicht schwarz genug malen , « sagte der Graf . » Trüge sie nicht ihr buntes Maskenkleid , das mitunter anmutig ist , man liefe davon ! Überall jetzt in der Gesellschaft diese Juden ! das ist unerhört . Und warum sind sie aufgenommen ? Bei dem einen heißt ' s : er ist enorm reich ; bei dem anderen : er ist