. Es war ihr , wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gästen aus der Unterwelt . Blanke Ritter , Frau ' n und Knappen Schwangen sich im Fackeltanz .... Am folgenden Morgen klagten dann wieder die ihr wohl bekannten , sonst aber selten von ihr beachteten kleinen Glöcklein , die evangelischen ; die großen , die katholischen schwiegen . Vom Doctor erfuhr Lucinde , daß er Nachts zwölf Uhr erst vom Schlosse abgefahren , und vom Kronsyndikus , daß er schon um fünf Uhr in der Frühe wieder vom » schönen Enckefuß « abgeholt und nach Eggena zurückgekehrt war . Nach ihr war nicht gefragt worden , und sie hörte dies gern , weil es ihr anzudeuten schien , daß zwischen den Menschen , die ihr werth waren , Friede herrschte . Auch auf Schloß Neuhof war große Bewegung , denn um acht Uhr sollte der Deichgraf begraben werden . Aus der Nähe und Ferne , zu Fuß , zu Roß , zu Wagen strömten Theilnehmende herbei . » Es war ein Mann ! Nehmt alles nur in allem ! « klang seine Nachrede - erst am Grabe von der aufgeschütteten Erde aus , dann aber selbst bis in die fernsten Gauen des Vaterlandes . Man legte Eichenkränze auf seinen Hügel . Sie wurden auch im bildlichen Sinne ihm gewunden , in Nachrufen aller Art , in Versen , in ungebundener Rede ... Man pflückte die Blätter zu diesen Kränzen auch bildlich aus den Schluchten des Teutoburger Waldes , durch die der Edle damals als Flüchtling geirrt , wie er sich in der Befreiungsstunde des Vaterlandes so gefahrvoll verrechnet hatte . Auch seine Tage von Magdeburg wurden gerühmt . Schon war ja die Zeit angebrochen , wo auf den Thronen Herrscher saßen , die die Blütenträume auch ihrer Jugend wollten reifen sehen . Und so wie jetzt bei diesem vielbesprochenen Ende eines Patrioten , gehen ja noch zuweilen durch das Vaterland segnende Geister und schwingen die Fahnen unsers wahren Ruhmes ... Zu den Posaunen , über welche die weißen Ehrentücher des Friedens , nicht die blutigen des Streites festlich niederhängen , horchen wir dann noch einmal wieder empor , wie zu den Herolden unserer wahren vergangenen und künftigen Größe . O daß es so oft nur die Todten sind , um die wir uns die Hände reichen ! Daß es fast immer nur eine Erinnerung , ein Lied , ein Gedicht ist , um das eine kurze Weile das vielstimmige Durcheinander der Parteien verstummt , eine Weile der große Riß , der durch das deutsche Herz geht , nicht im eigenen empfunden wird ! ... Man pries des Geschiedenen Muth , seine Charakterstärke und Rechtlichkeit . Sein letzter Uebergang in die Formen der Bureaukratie war ein so natürlicher gewesen . Er war von denen , die die antike Tugend hatten , den Staat bis in die innersten Fingerspitzen zu fühlen . Man verurtheilt so oft schon wieder diese Tugend ! Ja wie habt ihr sie gefährlich gemacht ! Nach dem , was wir schaudernd alle erlebten , welch ein Verbrechen ist es nicht geworden , auf den Ruf der Lärmtrommel zu hören , die durch die Straßen wirbelt ! Wer nur hinaussieht , wer nur je ein Wort in eine freie Luftwelle gab , dem wurde die Zeichnung vor den Mächtigen gewiß ! Nun müssen wir uns schon so erziehen , daß wir in einem allgemeinen Brande auf keinen noch so starken Hülferuf mehr hören , sondern kalt nur unsere eigene Habe bergen . » Was geht euch das Andere an ! « Wehe , wehe euch , wenn einst die Stunde der großen Gefahr schlägt , die dem Vaterlande immer näher rückt ! Dann werden wir in die Straßen und Plätze hinaussprechen sollen und niemand wird es können oder wagen ! Dann werden wir gerufen werden von den Signalen , die uns trügerische erscheinen müssen , seit ihr die , welche ihnen schon einmal gefolgt sind , so unerbittlich straftet ! Wehe dann euch - und auch uns ! Klingsohr , der Alte von den Externsteinen , hatte diese Selbstbeherrschung nicht und sein lebendiges Ergriffensein von der Zeit rühmte man damals an ihm . Man nahm die Lieder von Arndt und Schenkendorf zu Eingangs- und Schluß-Blumenpforten seiner Nekrologe , die sich bis in die fernsten kleinen Volksblätter verloren . Auch sein Bild verbreitete man . Es war nur ein kleiner , kurzer , dicker , untersetzter Mann , gar kein Gracchus oder Timoleon der Phantasie gewesen . Die Stirn war sogar so groß , wie man sie bei Narren zeichnet , die Augen blinzelnd klein , die Backenknochen vorstehend , wie bei Baschkiren , der ganze Mann einem modernen Bacchus nicht unähnlich , und doch trank der Mann nur das klare Wasser des Buschmühlbaches , so oft er auch den » Vater Rhein « beim jährlichen Erinnerungsfest der Freiwilligen und der Gründung der Städteordnung leben ließ . Er war entzündet vom Feuer nur seiner freien und überzeugungsreinen Seele . Er hatte die Schönheit des Gedankens . Einige Spötter rügten , daß er nicht nur kein Vermögen hinterließ , sondern das , was er besaß , sogar in Zerrüttung . Doch hatte er Gläubiger , die ihm dennoch auch noch den Gutsankauf hatten möglich machen wollen . In einigen Städten sammelten die Liederkränze für sein Grab und zu einem Denkstein . Um den Anlaß seines Todes loderte erst über jeder Bergspitze und nach allen Richtungen des Vaterlandes hin eine große Flamme des Zornes und gedrohter Rache . Dann aber kamen in den Zeitungen wieder die berühmten Sänger , die Tänzer , Tänzerinnen , Festlichkeiten in Paris und London , man hatte einige Mammuthsknochen ausgegraben , die neuen Eisenbahnen erfüllten alles mit Bewunderung und Speculationseifer ; eine Flamme nach der andern erlosch und zuletzt blieb kein anderer Rächer übrig als das langsame und geheime Gerichtsverfahren jenes mehreren Dynastieen angehörenden Städtchens Lüdicke und der über die Buschmühle verhängte Sequester . Stephan Lengenich , der Küfer und Arbeiter im Düsternbrook , blieb indessen eingezogen . Er galt bereits in wenig Tagen für den muthmaßlichen Mörder . 15. Zwei Tage nach dem Begräbniß seines Vaters sah man den Doctor Heinrich Klingsohr mit dem Kronsyndikus nach der Buschmühle fahren und daselbst das versiegelte Inventarium besichtigen . Zwei stattliche Mecklenburger , die besten des Stalles und herübergekommen erst kürzlich aus den norddeutschen Besitzungen der Wittekinds , waren dem leichten , eleganten Wagen vorgespannt . Wieder einige Tage , und der Freiherr von Wittekind-Neuhof und Doctor Heinrich Klingsohr reisten gemeinschaftlich nach der großen Stadt , in welcher der Regierungsrath Friedrich von Wittekind eben zum Oberregierungsrath ernannt worden war ... Auch ihm waren düstere Gerüchte zu Ohr gekommen über den Tod des Deichgrafen . Um so freudiger überrascht mußte er sein durch den Besuch des mit seinem Vater so traulich verbundenen Sohns desselben . Man sprach mit Unbefangenheit von dem Vorgefallenen . Als jenes grünen Tuchkragens Erwähnung geschah , der an der Mordstätte wäre gefunden worden , hieß es , daß durch eine Nachlässigkeit unbegreiflicher Art so wichtige Hülfsmittel der Entdeckung plötzlich wären abhanden gekommen . Alle diese Gespräche fanden in Gegenwart der neuen Frau von Wittekind statt . Es war eine Heirath , die erst jetzt die Billigung des Kronsyndikus erhalten . Eine nicht mehr junge , unvermögende , aber dem Sohne durch Gewohnheit und manche , wie man sagte , schmerzliche Erinnerung werth gewordene Witwe eines geliebten Freundes und Amtscollegen , eines Herrn von Asselyn ... Der Oberregierungsrath fand einen Vorschlag , den sein Vater machte , sehr annehmlich . Doctor Klingsohr sollte die mecklenburgischen und holsteinischen Güter der Familie bereisen und sich in Altona nach der Lage von Processen erkundigen , deren die Familie über diese Besitzthümer mehrere zu führen hatte . Der Doctor kannte Hamburg und freute sich auf einen ihm bekannten zerstreuenden und anregenden Aufenthalt , dessen Kosten der Kronsyndikus trug . Den Kammerherrn hatte der Kronsyndikus zum Grafen Zeesen geschickt und zwar schon am Tage nach seiner stürmischen Abreise auf das Vorwerk Eggena . Daß der Unglückliche Widerstand leisten wollte , verschwieg der Vater nicht , ebenso wenig wie den Zwang , den man anwendete , den Widerstand zu brechen . Er hatte ihn kurzweg binden lassen . Der später nachgeschickte Diener des Kammerherrn meldete , Graf Zeesen böte alles auf , seinen Herrn zu zerstreuen und zu fesseln . Er sänge ihm geistliche Lieder und bespräche die Visionen , die der Kammerherr zu haben glaubte . Inzwischen wäre der Kammerherr freilich bettlägerig geworden , aber die Verlobte des Grafen , das Freifräulein von Seefelden , sorgte für seine Verpflegung . Alle diese Veränderungen gingen auch an Lucinden nicht spurlos vorüber . Sie erschütterten sie nicht minder wie den Doctor und den Kronsyndikus . Der Doctor , der ihr unter allen Umständen jetzt wirklich als des letztern natürlicher Sohn erschien , wiederholte mit scheuem Niederblicks ernst und verstört , wie er jetzt fast immer war , Betheuerung seiner Liebe über Betheuerung ; der Kronsyndikus hatte Ursache , die Vertraute eines Geheimnisses , das beide im stillen Verkehr wiederaufnahmen , mit Aufmerksamkeit und Schonung zu behandeln . Sie erhielt Beweise einer Freigebigkeit , die an dem sonst so geizigen Manne auffallend genug war . Da nicht gezweifelt werden konnte , daß sie das Ziel ihrer Herzenswünsche in einer Vereinigung mit Heinrich Klingsohr finden mußte , so wurden die Aenderungen ihrer Lebensstellung dahin getroffen , daß sie ihm nahe bleiben , aber vorläufig doch noch so weit von ihm getrennt sein sollte , um keinen Anstoß zu erregen . Vor allem fehlte ihr noch manche Vervollständigung ihrer Bildung . Es war hohe Zeit , das Chaos ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse zu lichten . Diese Anordnung wurde mit Fürsorge getroffen . Man hatte eine Familie ausfindig gemacht , bei der sie , nicht sogleich in Hamburg selbst , wol aber dicht in der Nähe auf dem Lande wohnen sollte . Da Heinrich Klingsohr erst nach Göttingen zurück mußte und bei allen diesen Anordnungen von seiten des wie verwandelten und ganz außerordentlich milde , zahm und nachgiebig gewordenen Kronsyndikus eine Zartheit und Schonung der Sitte und des Anstandes beobachtet wurde , wie wenn es sich wirklich um eine künftige Schwiegertochter desselben handelte , so gab man Lucinden sogar bis nach Hamburg eine Begleiterin mit , die in der vom Oberregierungsrath bewohnten Stadt gewählt wurde und ihr auf halbem Wege entgegenkam , an dem Tage , wo der Kronsyndikus und Klingsohr sie auf ihrer Abreise vom Schlosse begleiteten . Die Abreise fiel mancherlei Umstände wegen auf einen Tag , wo der Kronsyndikus und Klingsohr in Lüdicke einen Termin abhalten mußten in Angelegenheiten des , wie es schien , sehr gravirten Stephan Lengenich , an dem selbst die Lisabeth irre geworden war , seitdem der Kronsyndikus von seiner Reise zum ältesten Sohn zurückgekommen war und ihr eine funkelnde , schwere goldene Kette mitgebracht hatte , zu der , wie der Alte hinzufügte , » jetzt nur noch die Uhr fehle « . Sie that das Ihrige , sich auch diese zu verdienen ... Diesen Termin in Lüdicke hatte man für kurz gehalten , aber es dauerte fast eine Stunde , daß Lucinde auf dem Marktplatze der kleinen Stadt in ihrem vorn und hinten bepackten Wagen harren mußte . Sie konnte bei dem immer gleichrinnenden Strom eines schön geformten alten Rolandsbrunnen , an dem sie hielt , bei seinem nicht endenden , immer gleichmäßigen Wasserstrahl recht der Zeit gedenken . Was hatte ihr diese nicht alles gebracht ! Was hatte sie nicht schon alles ausgelöscht ! Auch das Bild eines auf schaumbedecktem Rosse den steinigen Grund hinterm Park vom Düsternbrook Emporstürmenden , auch das Bild von der Waldhütte , den Tannen , dem Monde , der Großmutter , ihrer selbst am Spinnrade , dem durch die kleinen bleigefugten Scheiben hereinlugenden wilden Jäger mit der rothen Feder am Hute , der dann wieder der Franciscanerbruder Herr von Buschbeck aus Java war ... Alles hatte sich ihr schon gebleicht . Denn zu oft hatte ja auch der Doctor bestimmt und fest wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige Musikant , vorzugsweise aber der seit einigen Wochen ganz besonders elastische » schöne Enckefuß « bestätigt : der Kronsyndikus war allerdings am Platze der grauenvollen That gewesen und hatte gesehen , wie der Deichgraf dort getödtet lag ; das Entsetzen , man könnte ihn , der ihn in Gedanken allerdings auch tausendmal erschlagen hatte , für den Mörder nehmen , hatte ihn von dannen gejagt , und wenn es geschienen , als jagten ihn selbst die Furien , so wäre es die alte Freundschaft für den Deichgrafen gewesen , die in seinem Herzen trotz des spätern Zerwürfnisses doch in der That unerstickt geblieben wäre ... Und wenn Lucinde den Doctor dann selbst fragte : Bist du wirklich der dritte Sohn ? so sagte dieser geheimnißvoll : Störe die Ruhe der Todten nicht ! ... In seiner Liebe war der Ausdruck stärker und leidenschaftlicher noch als sonst geworden , wenn auch mit einer mehr unheimlichen als beglückenden Wirkung für sie . Vom Amte kamen damals beide Männer sehr bleich zurück . Sie behaupteten , der Querfragen doch endlich müde geworden zu sein und ließen den Wagen einem Gasthause zurollen , um sich zu erfrischen . Lucinde stieg nicht aus . Sie musterte vom Wagen aus das Wirthshaus , den Garten desselben und eine gewisse kleinstädtische Zierlichkeit in den bemalten Staketen , in einer mit grotesken Wandgemälden geschmückten Kegelbahn , in einem ausgestopften Uhu innerhalb einer von Singvögeln belebten Volière . Bei einer großen schwarzlackirten Kugel , die im Garten als Reverbère für die » schöne Aussicht « gelten sollte , gedachte sie des armen um sie betrogenen philosophischen Drechslers , der den Grafen Zeesen recht eindringlich jetzt an sein Familienstatut , die Stiftung eines Irrenhauses , erinnern mochte ! Im Hinblick auf diese beiden Männer athmete sie wahrhaft auf , endlich jetzt in gesundere Lebensluft zu kommen . Ja es that ihr sogar wohl , im Saale des Gasthauses durch die geöffneten Fenster , unter ausgestopften Vögeln , Käfern , gespießten Schmetterlingen , Kupferstichen von englischen Pferden und ähnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirthsstuben jener Gegend , da so traulich hinterm Champagnerglase zwei feste , kraftvoll verbundene Männer zu sehen . Sie liebte Trotz und Kühnheit . Auch ihr war Stephan Lengenich längst der Schuldige . Seinen bösen Sinn hatte sie ja selbst gekannt , sein Drohen ja selbst gehört . Sie hatte alles das gerichtlich hier in Lüdicke in einem frühern Termine bezeugt und beschworen . Trotz des Champagners stiegen ihre beiden Begleiter zu ihr schweigsam und ernst ein . Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station , wo sie Extrapost nahmen und zurückreisten . Von der großen Stadt , wo der jetzige Oberregierungsrath wohnte , sollte ihr auf einige Meilen schon eine Begleiterin entgegenkommen , die sich ihr anschließen würde bis Hamburg , wo sie unter Klingsohr ' s Augen ihre Ausbildung vollenden sollte . Der Abschied des Kronsyndikus von Lucinden war inniger fast als der des Doctors . Dieser gab nur die Hand und sprach , wie wenn Abschiede nicht zu seinem System gehörten , vom baldigen Wiedersehen . Jener hatte Thränen im Auge . Der Kronsyndikus weinte ! Er war seit Wochen um Jahre älter geworden . Seine Augenbrauen sahen nicht mehr so gelblichweiß aus wie sonst , sie hatten sich ganz gebleicht . Die hohe Gestalt schien , wenn sie sich unbemerkt glaubte , kaum Kraft zu haben , sich so zu halten , wie dem Wappen des gekrönten und aufgebäumten Lindwurms geziemte . An Geld und Gut war Lucinde so ausgestattet , daß sie sorglos in die grüne Weite fahren konnte . Nach acht Tagen schon versprach Klingsohr in Hamburg bei ihr zu sein . War das alles , wie es so kam , ging und was es bedeutete , räthselhaft genug , so konnte sie durch ihre Begleiterin , die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr entgegenkam , erinnert werden , daß alles im Leben nur Bild und Gleichniß ist . Sie war , wie Klingsohr und der Kronsyndikus ihr schon gesagt hatten , die Braut des » Sehers von Eschede « , jenes Dr. Laurenz Püttmeyer , der auf die Philosophie des Pythagoras zurückgekehrt war und aus mathematischen Figuren das Weltall erklärte . Sie hieß Angelika Müller , war eine hohe , schmächtige , blasse Blondine am Ende der zwanziger Jahre . Bei jeder Anrede erröthete sie . Sie schien ein Gemüth von Weihe und Innigkeit . In Hamburg war sie von einer dort wohnenden katholischen Familie als Erzieherin berufen worden und gestand sogleich mit größter Sicherheit , daß sie den Dr. Laurenz Püttmeyer von Eschede für den einzigen berufenen Denker unserer Zeit halte und daß sie gelobt hätte , nicht früher seine Hand anzunehmen , bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrstuhl Hegel ' s erhalten hätte . Lucinde glaubte sehr an diesen hohen Geist . Auch der Kronsyndikus hatte oft erklärt , daß die Drechselbank für den Kammerherrn eine Quelle lehrreicher Unterhaltung geworden , seitdem er auf ihr die Würfel und Pyramiden Laurenz Püttmeyer ' s herstellte . Mit dieser Begegnung auf mancherlei neue Eindrücke angewiesen , fuhr Lucinde in ihrem schwer bepackten Miethwagen die schon wieder staubig gewordene Landstraße hinunter . Die Lerchen wirbelten zwar , aber von Westen kamen düstere , den Athem benehmende Wolken , der jenen Gegenden eigene Haar-oder Höhenrauch . Doch schienen die Menschen der Ebene diese Dünste gewohnt . Sie arbeiteten im Felde . Lucinde glich selbst diesen Fluren , auf denen schon so voll geerntet war und über welche schon wieder die Pflugschar ging , um noch in diesem Jahr der Natur neue Triebkraft abzugewinnen . Noch völlig war sie sich unklar . Man hätte sie in Hamburg in die Schule schicken können , sie würde gegangen sein und mit der Mappe unterm Arm . 16. Von jenem Uferrande aus , an welchem der Deichgraf in seinen jüngern Jahren , nach dem Ausdruck seines Sohnes , die Sandkörner zu zählen pflegte , gewährt Hamburg einen großartigen Eindruck . Eine zweite nicht unansehnliche Stadt , Altona , ist ihr eng verbunden . Thürme , hohe Giebel , Dampfessen , Krahnen und zahllose Schiffsmasten ragen fernhin im wirren Durcheinander empor . Auf der Woge kreuzen sich mit rothen Segeln die kleinen Ever , die , von kraftvollen Ruderern geführt , die Kauffahrteischiffe behend umschlüpfen . Beim Landen tritt man in eine Welt , die sich ihrer Geschichte und Bedeutung bewußt ist . Diese Straßen und Plätze , diese Vorstädte und Hafenkais sind Lungen , die ihre Luft nicht aus dem kleinen Binnenleben der Nachbarschaft , sondern aus dem unermeßlichen Ocean schöpfen , aus den Verbindungen mit England und Amerika und mit diesem im Norden und im Süden . Bringe niemand die Anschauungen einer deutschen Residenz oder Provinzialstadt mit ! Der Matrose , der Everführer , der Schiffsabläder , der Packknecht , der Hausirer , der Karrenschieber nehmen die nächste Bequemlichkeit der Straße für sich in Anspruch und schleudern mit eingestemmten Armen den , der etwa auf sein Spazierstöckchen mit goldenem Knopf oder seine Glacéhandschuhe als Berechtigung zu Ausnahmezuständen verweisen möchte , in souveräner Machtvollkommenheit auf die Seite ; glücklich , wer noch dabei in einen Kram getrockneter Feigen oder frischer Orangen fällt , nicht in eine der englischen Gesundheitsgeschirr- und Wedgewoods-Niederlagen , die man an den offenen Straßenecken oder auf ambulanten Karren feil hält . Vor dem Brande lag die Börse in dem jetzt verschwundenen engen Gewühl jener alten Straßen am Burstah und Rödingsmarkt , deren Häuser manches Menschenalter gesehen hatten . Die Naivetät Hamburgs , die sich so gut mit londoner Civilisationszuständen verträgt , eine Naivetät , die in dem unendlich unschuldigen , sozusagen schämigen Dialekt , auch selbst beim Blasé , sich wie die Unbefangenheit einer champagnertrinkenden Gurli anhört , war durch manchen verwitterten und nur noch an einigen Aesten zum Blühen und Grünen kommenden alten Lindenknorren ausgedrückt , der mitten unter Import und Export , unter Lotteriecomptoiren , Galanterieläden und Austernkellern wie ein Symbol der Unschuld stehen geblieben war . Dieselbe Idylle wiederholte sich beim Anblick der Gemüsekörbe der Vierlanderinnen und des verschwenderischen Ueberflusses , mit dem aus rothen Blechkübeln die Milch durch die Straßen zu fließen scheint . Auch dicht an der alten Börse säuselten noch einige Linden- und Akazienbäume in die » Ueberschreibungen « von Mark Banco hinein , und mancher gefühlvolle Wechselsensal nahm nach vollbrachter Feststellung der Tagescurse seiner Gattin noch einen Canarienvogel oder Dompfaffen mit heim , den vaterstädtische Gemüthlichkeit am Eingange der alten Börse zu verkaufen gestattete . Es sah ringsum eng , alt , holländisch aus . Nicht des stark vertretenen jüdischen Elements , sondern der Bauart einer vor dem Regen schützenden Halle und des im Freien liegenden Parquets wegen glaubte man in den Vorhof einer alten Synagoge zu treten . Zu den Gemüthlichkeiten Hamburgs oder den hamburger » Ironieen des Satan « , wie Dr. Heinrich Klingsohr gesagt haben würde - an dergleichen Kraft- und Schlagworte waren auch dort seine Freunde gewöhnt - gehört im Sommer das idyllische Wohnen der Geldleute unter Gras und Blumen vor den Thoren der Stadt . Es ist wahr , die Atmosphäre Hamburgs bekommt im Sommer etwas Mephitisches . Aehnelt sie auch nicht ganz dem Dufte der pariser innern Stadt , wo die Gewürze , Kaffeebohnen , Pfeffersorten , Zimmetarten aller Zonen zusammenzukommen scheinen und die Kehle zum Ersticken zusammenschnüren würden , wenn die penetrante und vom pulverisirten Theriak erfüllte Luft nicht mit den Gerüchen von ranziger Butter und altem Käse wieder gemildert und gefeuchtet würde , so gesellen sich zu den ganzen und zerstoßenen Gewürzen in Hamburg noch die Ausathmungen der Kanäle oder Fleete , vorzugsweise aber jene sonderbaren Oelgerüche , in die vom 52. Grad nördlicher Breite an alles in Europa eingehüllt scheint , was da lebt und webt . Das ist von diesem Breitengrade an ein Malen und Klecksen mit Oelfarbe an jede Wand , jedes Holz , jeden Stein ! Der Nordländer liebt die grelle Farbe mehr als der Südländer . Wir glauben wunder , welche Farbenreize der Spanier für seine Kleidung sucht . Die andalusische Tänzerin kleidet sich in Gelb und Schwarz . Der Nordländer aber will rothe Halstücher , malt sich grüne Häuser , bestreicht seine Windmühlflügel , seine Segel , seine Milchkannen , seine Gartenzäune , schläft in gold- und grünlackirten Bettstellen , hat überall den Farbentopf und den Oelkrug in der Hand , bepinselt und beglänzt Diele und Treppe und Fußboden und Fensterrahmen . Kein Wunder , daß die beengte Lunge sich in jenem frischen Wiesengrün ausathmen will , das dem Hamburger glücklicherweise bis dicht unter die Thorsperre wächst . Die großen Kaufleute fahren um drei Uhr in ihre prächtigen Villen , die an der Elbe liegen ; aber ein solcher kleiner Exporteur in Kleesaat , wie Herr Carstens , geht nach vollbrachtem Tagwerk erst eine Stunde in die Börsenhalle , wo er in die Schiffslisten Australiens blickt , um sich nach » Susanna Maria « , einer gesunden , vollwangigen , frischen Bark , zu erkundigen , die nach Adelaide einige hübsche Dosen jener Panacee der Ackerwirthschaft bringen soll . Sie ist noch nicht angekommen am Orte ihrer Bestimmung , die Susanna Maria , aber ein anderes - wir reden in der Naivetät dieser oft so unschuldig verkannten Geldseelen - » nettes und schoines « Ding , die » Meta Carstens « , ist sehr guter Dinge in Baltimore eingelaufen und bringt den dortigen Farmern das , was ihnen auf ihren Acres jetzt lieber ist als etwa eine Kunde von der endlich errungenen Freiheit Germaniens . Kleesaat ist ein specifisch europäischer Artikel , ohne den es keine ausführbare Brache und keine Hebung des Viehstandes gibt ; denn wie am Neckar , so am Missouri : die Kühe werden , wenn sie frisches Heu im Stall bekommen , schöner , als wenn sie draußen im Freien sich das beste Gras zerzupfen und nebenbei immer etwas dabei verschlucken , was ihnen nicht bekommt , wenn es auch nicht der übelberufene Duwock ist , über den sich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carstens in eine noch nicht aufgeschnittene und bei Hoffmann und Campe erschienene Broschüre vertieft . Die Kleesaat ist eine der ergiebigsten Branchen des europäischen und namentlich des deutsch-böhmischen Exports , eine Entdeckung , die nur leider von Herrn Carstens nicht allein gemacht wurde . Er würde die Broschüre über den Duwock sicher lieber Sonntag Vormittag zugleich mit einer verbotenen Schrift von » Harry « Heine , letztere natürlich mit entschiedener Indignation , doch theilnehmend , bei sich zu Hause gelesen haben , wenn ihn nicht eine Reihe verfehlter anderweitiger Branchen , Leder , Thran , Gerbstoffe , Talg , zuletzt auf die Kleesaat geführt hätte , einen Artikel , dessen große Erfolge schon andere voraus hatten , diejenigen nämlich , von welchen bereits einige in zierlichen Cabriolets zu ihren Villen am schönen Ufer der Elbe dies- und jenseits Teufelsbrück gefahren sind . Indessen eine Sommerwohnung zu besitzen , erlaubte Herrn Carstens doch sein jährlicher Umschlag . Sogar sich an Tagen , die , wie der heutige , sich auch gar zu heißer Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben , einer Droschke zu bedienen , um wenigstens durch die schwülen Straßen bis zum Dammthor zu kommen , gestatteten ihm seine Verhältnisse , die gar nicht so ganz » unrespectabel « sind . Herr Carstens hat nur die unglückliche Manie , alle zwei Jahre , wenn die Kleesaaten ringsum im Vaterlande in schönster Blüte stehen , sich und seinen beiden Schwestern , die ihn in Ermangelung einer Gattin die Wirthschaft führten und » daß Leben versüßten « , eine Erholungsreise von sechs Wochen zu gönnen , bei welcher er , wie weiland die im December mit ihren Herren wechselnden römischen Sklaven Saturnalien feierten , so die ersten Gasthöfe besuchte und sogar täglich Cliquot nicht verschmähte , den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem Portwein entschieden unterordnete . Außerdem sparten seine liebevollen Schwestern an einer Mitgift , die sonderbarerweise mit den Jahren zwar zunahm , aber an Werth und Reiz für Männer , die etwa danach heirathen wollten , zu verlieren schien ; es scheint leichter , 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen , als 45 mit 50000 . Herrn Carstens unendliche Liebe für seine Schwestern , welche ihm diese jährlich in der Jahreszeit , in der wir uns befinden , mit Erdbeerkaltschale oder seinem täglich aufgesetzten Leibgerichte , jungen Erbsen mit » Swesern « , ein für allemal vergolten haben wollten , unterließ nicht , diese Mitgift seiner Schwestern - er hatte ja nur diese beiden - bis auf eine Höhe zu steigern , die ihnen allenfalls auch nach seinem Tode erlaubt hätte , die Erträgnisse des Kleesaatexports entbehren zu können . Es war immerhin ein ganz » respectabler « Mann von 100000 Mark Banco jährlichen Umschwungs , von welchem schon ca. 6-7000 Nettoniederschlag übrig blieben . Dennoch mußte er vorziehen , interessante Broschüren lieber auf der Börsenhalle zu lesen , als sich deren zu Hause aufzuschneiden . Er mußte vorziehen , nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zurück , vielleicht der Abwechselung wegen , diesmal bis Lüneburg , für einen » hamburger Kaufmann « zu gelten , sich in seiner Privatliebhaberei , dem Sammeln alter , auf die hamburgische Geschichte bezüglicher Münzen , zu mäßigen , ja er mußte sich sogar die Unbequemlichkeit aufbürden , seinen Schwestern eine Gesellschafterin zu halten , die jedoch für Kost und Logis und den von Meta Carstens ertheilten classischen Pianoforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte ... Alles das , um nur zwei geliebte Wesen nicht mit Sorgen und schrecklichen Aussichten auf Entbehrungen , z.B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anwesenheit bei jeder zehnten oder elften Vorstellung eines neuen Stücks im Stadttheater ( das Stück mußte sich » erst bewährt « haben ) zu hinterlassen , sintemalen sein Unterleib von früherer leichter Auffassung des Lebens geschwächt war und sein Muskel- und Knochenbau - eine natürliche Folge des hamburger Winterklimas - an Rheumatismus litt , zwei Krankheitsbedingungen , die , wenn sie sich begegneten und den Rheumatismus auf einen der edlern Theile des Herrn Carstens - und die edelsten waren sein Herz und sein Magen - werfen sollten , allerdings seinem Leben plötzlich ein Ende machen konnten . Hier nun , in der vor dem Dammthore in Hamburg gelegenen Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens treffen wir » Fräulein Lucinde Schwarz « wieder , herausgenommen aus Lebensverhältnissen völlig anderer Art , in neuen Umgebungen , neuen Anschauungen , neuen Empfindungsweisen . Lucinde verdankte diese Uebereinkunft jenen Gütern des Kronsyndikus , von denen das eine in Holstein , das andere in Mecklenburg verpachtet war . Die Kleesaat war auch hier die grüne Spur , die von dem Teutoburger Wald , über den Haarrauch und die Heidschnucken hinweg , mit einem Umwege über die Marschen und Geeste des rechten Elbufers , nach einem noch volle zwanzig Minuten vom Dammthor gelegenen Landsitze führte , der unter ähnlichen Landsitzen mit Nr. 33 kenntlich gemacht war und aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreißig Schritten , jedoch keineswegs in quadrater Potenz , sondern nur etwa zwanzig Schritten der Breite nach , einem Hause von anderthalb Stockwerken ohne Keller und einem Hinterhofe und Hintergarten bestand , der seinerseits nur zehn Fuß lang und fünf Fuß breit war , einen Holzschuppen enthielt mit einer Hundehütte und die Grube zur Inempfangnahme alles überflüssigen Niederschlags irdischen Daseins . Nach hinten war alles das von einem schon abgeblühten Hollunderbusch umzäunt und trennte auch dies Gebüsch diesen Tummelplatz ländlicher Erholung von einem ditto , der mit gleichen luxuriösen Bequemlichkeiten seine Fronte in einer andern Straße hatte und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war , wo wiederum in gleicher Weise auch nach vorn dreiunddreißig Schritte bis zum Straßenstaket Raum geboten wurde dem » Flügelschlage einer freien Seele « . Der Vorgarten in Nr. 33 war zum größten Theile grüner Rasen , an dessen Frische und Ueppigkeit es bei einem landwirthschaftlichen Samenhändler